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23. Januar 2013
Schlaganfall: Radikales Umdenken in der Forschung nötig
Vielleicht müssen die Lehrbücher umgeschrieben werden: Ein Forscherteam mit Frankfurter Beteiligung zeigt, dass
vermeintlich schädliche Immunzellen nach einem Schlaganfall nicht für das Absterben von Nervenzellen im Gehirn
verantwortlich sind. Die sogenannten neutrophilen Granulozyten dringen gar nicht erst bis zu den dortigen Nervenzellen vor.
Diese Erkenntnisse widerlegen ein gängiges Dogma und eröffnen völlig neue Ansätze für die Behandlung des Schlaganfalls.
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Der
Schlaganfall
isttype
weltweit
die dritthäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für Behinderungen im Alter. Ein Schlaganfall
entsteht, wenn die Durchblutung des Gehirns unterbrochen wird. Am häufigsten geschieht dies durch ein Blutgerinnsel (Thrombus),
das in einem Blutgefäß im Gehirn steckenbleibt und dieses verstopft. Die verminderte Durchblutung des Gehirnbereichs führt zu
einem Mangel an Sauerstoff sowie Nährstoffen und innerhalb von Stunden zum Absterben der Nervenzellen in diesem Hirnareal. Die
Folgen eines Schlaganfalls machen sich daher je nach betroffenem Blutgefäß mit verschiedenen Funktionsverlusten bemerkbar. Sie
können sehr mild sein, so dass ein Patient nach einem Schlaganfall selbständig weiterleben kann. Häufig führt der Schlaganfall
jedoch zu schwerwiegenden Ausfällen wie Lähmungen, die bewirken dass der Patient lebenslang auf Hilfe angewiesen bleibt.
Zu starke Immunabwehr vermutet
Selbst wenn durch rasche medizinische Versorgung in einer «Stroke-Unit» die Blutversorgung im betroffenen Gefäß wiederhergestellt
wird, sterben in den Tagen nach dem Schlaganfall weitere Nervenzellen im Gehirn ab. Dafür macht man vor allem eine
Entzündungsreaktion verantwortlich. Die Zellen des Immunsystems versuchen nach einem Schlaganfall die toten Gehirnzellen zu
Abb.: Das Bild
zeigt eine
feingewebliche
Untersuchung
Gewebeprobe
entsorgen.
Sie wandern
dazu
aus dem Blutkreislauf
in daseiner
betroffene
Gehirnareal ein. Bislang ging man davon aus, dass hierbei eine
aus dem Gehirn eines verstorbenen Schlaganfallpatienten mittels einer
Gruppe von Immunzellen - die neutrophilen Granulozyten, die besonders darauf spezialisiert sind, bei Infektionen und Traumata
klassischen Hämatoxylin-Eosin-Färbung. Zahlreiche Zellen nehmen den
schnell
reagieren, Keime
zu zerstören
totesich
Zellen
zu fressen
in das Gehirn auswandern, und dort weitere
dunklenzur
Kernfarbstoff
nicht mehr
an und und
stellen
abgeblasst
dar- ebenfalls
(schwarze
Nervenzellen
töten. für einen frischen Zelluntergang, wie man ihn im Falle
Pfeile), ein Zeichen
frischer Gewebeschädigungen im Rahmen eines Schlaganfalls sehen kann.
Neutrophile Granulozyten (gelbe Kreise) befinden sich entgegen der
bisherigen Lehrmeinung jedoch überwiegend innerhalb der Blutgefäße
Immunzellen doch nicht schädlich
(schwarze gestrichelte Linie) im Gehirn.
Eine neue Studie von Forschenden verschiedener Fachdisziplinen (Biochemie, Zellbiologie, Neuroimmunologie) und Ärzten
(Neuropathologie, Neurologie) zeigt nun, dass dem nicht so ist. Sie haben neue immunhistologische Analyseverfahren entwickelt und
erfolgreich bei Tiermodellen des Schlaganfalls sowie bei Gehirngeweben von Patienten angewendet, welche an einem Schlaganfall
verstorben sind. Die Forschenden zeigen, dass die neutrophilen Granulozyten nach einem Schlaganfall in den Blutgefäßen des
Gehirns steckenbleiben und nicht in das Gehirngewebe auswandern. Im Gegensatz zur gängigen Lehrmeinung gelangen diese
gefährlichen Zellen des Immunsystems somit gar nicht in die Nähe der Nervenzellen.
Die Forscher um die Frankfurter Neuropathologen Prof. Dr. Michel Mittelbronn und Dr. Patrick Harter führen aus, wie es in der
Vergangenheit zu der Fehlinterpretation der Lokalisation der neutrophilen Granulozyten nach dem Schlaganfall gekommen ist: Zum
einen gab es bis vor kurzem wenig Möglichkeiten, die neutrophilen Granulozyten von anderen Fresszellen des Immunsystems
eindeutig zu unterscheiden. Zum anderen sehen sterbende Nervenzellen den neutrophilen Granulozyten mit gängigen Färbeverfahren
zum Verwechseln ähnlich. Das Gehirn ist ein immunprivilegiertes Organ, das sich vor gefährlichen Zellen des Immunsystems zu
schützen weiß. So umgibt sich das Gehirn mit zwei «Mauern», den sogenannten Basalmembranen. Zur Immunüberwachung wandern
Zellen des Immunsystems ständig vom Blutkreislauf in die Umgebung aus. Bei einigen entzündlichen Erkrankungen des Gehirns wie
bei der Multiplen Sklerose wandern Immunzellen aber durch beide Mauern hindurch und richten im Gehirn großen Schaden an.
Beim Schlaganfall gelingt es aber den neutrophilen Granulozyten nicht, diese Mauern zu durchbrechen und in das Gehirngewebe
einzudringen. Sie bleiben in den Blutgefäßen hängen und kommen nicht mit den Neuronen in Kontakt. Ob die neutrophilen
Granulozyten, welche nach dem Schlaganfall in den Gehirngefäßen steckenbleiben, zu einer lokalen Störung der Blut-Hirn-Schranke
führen, bleibt laut den Forschenden zu zeigen. Sie fordern allerdings bereits heute ein radikales Umdenken hinsichtlich der Ursachen
des Nervenzellsterbens nach einem Schlaganfall.
Quelle: Klinikum der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M.
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