Pankratiusreliquie

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Pankratiusreliquie
Im rechten Seitenschiff steht in einer Nische die Reliquie des dritten Kirchenund Stadtpatrons Pankratius.
Der Besitz und die Verehrung von Reliquien waren besondere Zeichen der
Volksfrömmigkeit zur Zeit der Gegenreformation, einer Zeit auch voller Kriege,
Epidemien und Krisen. In einem fast magischen Sinn war für den Menschen in einer
Reliquie die Macht des Göttlichen gegenwärtig.
Nach der zufälligen Wiederentdeckung der unterirdischen Begräbnisstätten von Rom
in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hielt man die dort Begrabenen in
gutem Glauben für christliche Märtyrer. Ihre Gebeine galten als Reliquien von
Heiligen, wenn auf ihren Grabplatten das Christuszeichen und ein Palmzweig
eingemeisselt waren, den man als Märtyrersymbol interpretierte. Bis zum Ende des
18.Jahrhunderts wurden von Rom über 150 "heilige Leiber in den schweizerischen
Raum des damaligen Bistums Konstanz überführt, davon 30 ins Territorium der
Fürstabtei St. Gallen So schenkte Papst Clemens X. die einem heiligen Pankratius
zugeschriebenen Gebeine aus der Cyriaka Katakombe 1671 Abt 3allus II. Alt, der
sie der Stadt Wil zudachte, die Pankratius neben Nikolaus und Agatha zu ihrem
dritten Stadtpatron erkor.
Pankratius, nicht identisch mit dem sogenannten Eisheiligen, galt bald als
Nothelfer bei Krankheiten aller Art und zog im 17. und 18. Jahrhundert Pilger
von nah und fern - darunter zahlreiche aus Süddeutschland - nach Wil an.
Die Silberfassung im beschwingten Rokokostil besorgte 1776/77 der Augsburger
Goldschmied Josef Anton Seethaler (1744-1811) im Auftrag von Schultheiss und Rat
zur zeitlich verschobenen Hundertjahrfeier der Übertragung der Gebeine nach Wil.
Die kostbare Arbeit ist ein kapitales Werk figürlicher Goldschmiedekunst. Ihre
Ausführung in stehender Form is eine sehr seltene Reliquienfassung. Sie stellt
Pankratius im Panzer und Helm eines römischen Soldaten mit Schwert und
Märtyrerpalme dar. Teile der Gewandverzierungen sind silbervergoldet,
Strahlenschein und Postament sind kupfervergoldet. Der gleiche Künstler lieferte
1777 Silberbüsten von St. Nikolaus und St. Agatha, für die mit der
Pankratiusreliquie zusammen für Material-, Reise- und Frachtspesen 5392 Gulden
und 10 Kreuzer in Rechnung gestellt wurden. 1791, nur 14 Jahre nach der
Anschaffung dieser Silberarbeiten, wechselte der stattliche, damals moderne
Gasthof Adler seinen Besitzer um stolze 800 Gulden. Ein weiterer Kostenhinweis:
Der Neubau des grossen äbtischen Kornhauses mit drei Stockwerken am Hofberg
kostete 1774 6000 Gulden. Diese zuverlässigen Preisvergleiche geben uns einen
eindrücklichen Begriff von damals geltenden Wertmassstäben, über die wir nur
staunen können.
(Ruckstuhl, Benno; Die Altstadt von Wil, Wil 1998)
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