Räuber-Beute-Beziehungen in

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Räuber-Beute-Beziehungen in der Kulturlandschaft
Hilfe für die Schwachen –
wo und wie muss der Jäger eingreifen?
Wenn über Niederwild oder seltene Arten diskutiert wird, müssen wir immer
berücksichtigen, dass wir in einer vom Menschen gestalteten Kulturlandschaft
leben. Eine Naturlandschaft, in der ausgewogene ökologische Prozesse ablaufen,
gibt es in Mitteleuropa praktisch nicht mehr. Das Wirken des Menschen verändert ständig die Lebensbedingungen unserer Wildtiere. Dr. Werner d’Oleire-Oltmanns erklärt warum, und welche Rolle der Jäger dabei spielt.
D
ie Veränderung der Lebensbedingungen beeinflusst die Tier- und
Pflanzenwelt und ist eine
zentrale Steuergröße für
die Artenvielfalt. Vor allem
seit der Mechanisierung der
Land- und Forstwirtschaft
ist ein solcher Wandel zu
beobachten, mit vielfältigen
Wirkungen auf das ganze
System. In jedem Fall gibt
es Gewinner und Verlierer.
Dem Rebhuhn ging es besonders gut, als in der tra-
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Es gibt Jäger und
Gejagte
Wenn wir die Wildtiere in
Jäger und Gejagte einteilen,
gehören die Greifvögel, der
Fuchs und das Wildschwein
zum Beispiel zu den Jägern,
Hase, Reh, Birkhuhn und
Brachvogel zur Gruppe der
Gejagten. In beiden Gruppen finden wir Arten, die
mehr oder weniger streng
abgegrenzte Reviere besetzen – wie das Reh oder der
Adler – und solche, die in
Streifgebieten leben und
kein Territorium verteidigen. Dazu gehören etwa die
Krähe und das Rotwild. Diese ganz grobe Unterteilung
soll aufzeigen, dass wir Arten haben, die ein festes Revier brauchen. Beim Steinadler ist das besonders gut
zu beschreiben. Das Revier
eines Adlerpaares muss so
groß sein, dass nachhaltig
immer wieder eine Brut aufgezogen werden kann, der
jagdbare Wildbestand ist die
bestimmende Größe für das
Revier. Diese Reviere werden gegen andere Adler verteidigt, deshalb ist die Zahl
begrenzt. Im Gegensatz
dazu stehen zum Beispiel
die Rabenkrähen: Sie brüten
in Kolonien und dürfen sich
ihr Futter mehr oder weniger überall suchen. Hier
bestimmt das Nahrungsangebot drastisch die Zahl der
Tiere. Als Allesfresser haben
sie es besonders gut: Vom
Misthaufen bis zum Maissi-
lo, von der Kläranlage bis zu
den Straßenabfällen – überall finden sie etwas.
Bei den „Jägern“ gibt es also
solche, die eher spezielle Ansprüche an den Lebensraum
stellen, und solche, die als
Generalisten überall zurecht kommen. Der Fuchs
braucht nicht unbedingt einen Junghasen, er kommt
auch mit Regenwürmern
und Fröschen zurecht. Diese opportunistischen Arten
– dazu zählt zum Beispiel
auch das Wildschwein —
tun sich mit Veränderungen
leicht, deshalb zählen sie zu
den Gewinnern.
Ohne Blütenpflanzen
weniger Nachwuchs
beim Feldhasen
Arten, die höhere Ansprüche an den Lebensraum
und auch noch an die Nahrungsqualität stellen, können nicht entsprechend auf
Veränderungen der Lebensbedingungen reagieren. Am
Beispiel des Feldhasen wird
das deutlich: Die Hasen bekommen in unserer Kulturlandschaft genauso viele
Junge wie früher. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass
die Qualität der Nahrung
sich direkt auswirkt auf den
Fettgehalt in der Milch der
Häsin. Dort, wo nichts mehr
blüht, fehlen die Knospen,
Blüten und Samen, die den
Fettgehalt der Hasenmilch
fördern. Stehen keine Blütenpflanzen auf dem Speisezettel der Häsin, brauchen
die Jungen deutlich länger bis sie entwöhnt sind.
Foto: M. Breuer
Dr. Werner d’Oleire-Oltmanns,
der Vorsitzende des Ausschusses Naturschutz und Landschaftspflege im BJV war viele
Jahre lang Zoologe im Nationalpark Berchtesgaden und
später an der Akademie für
Naturschutz und Landschaftspflege in Laufen.
ditionellen Landwirtschaft
viele Randstreifen existierten und auch das so genannte Unkraut nicht intensiv
bekämpft wurde. Das Auerhuhn liebte die ausgehagerten lichten Wälder, die
oft als Weidewälder genutzt
wurden. Heute genießen die
Krähen die „Vollmast“ mit
Silomais, der Fuchs freut
sich über jeden Komposthaufen als Nahrungsquelle.
Lebensraumverbesserung – nicht immer
erfolgreich
Die Folgen: Seit vielen Jahren engagieren wir uns in
einer Fülle von Projekten
zur
Lebensraumverbesserung – nicht immer mit
dem gewünschten Erfolg.
Oft sind die zur Verfügung
stehenden Flächen kleiner
als wir es wünschen, so dass
sich die Einflüsse außen herum auch mit auswirken.
Nehmen wir als Beispiel
das Haarmoos bei Laufen in
Oberbayern. Ein begrenztes
Feuchtgebiet mit elf Brachvogel-Paaren und mit geringem Bruterfolg. Der Grund:
Neben allen Versuchen, den
Lebensraum zu verbessern,
ist dieses Gebiet umgeben
von intensiv genutztem
Grünland und Maisanbauflächen. Außerdem sind die
Krähenbestände
deutlich
angestiegen. Immer wieder
wird beobachtet, wie Krähen
den Brachvögeln Eier stehlen. Die Krähen brauchen
diese Eier nicht zum Überleben, sie sind eigentlich satt.
Aber das Ei des Brachvogels
ist vielleicht etwas Besonderes, so wie ein Dessert.
Die Folge ist, dass trotz aller Bemühungen die Brachvögel in der Falle sitzen. In
der Wildbiologie sprechen
wir von der „Räuberfalle“.
Dieses Beispiel können wir
übertragen auf viele andere
Situationen. Der Feldhase,
der schon durch die schlechtere Muttermilch langsamer
wächst, ist der Wildschweinrotte und dem Fuchs länger
ausgesetzt.
Nur Jäger können aus
der „Räuberfalle“ helfen
Es zeigt sich in vielen Projekten ganz klar: Wir Jäger
haben in der sich dramatisch ändernden Kulturlandschaft eine immer grö ßere Verantwortung. Sowohl beim Niederwild als
auch bei Naturschutzprojekten sind wir es, die den
betroffenen Arten helfen
können, aus der „Räuberfalle“ herauszukommen. Es ist
unsere Aufgabe, in Bestände
einzugreifen, die bejagt werden dürfen. Niemand sonst
darf das tun. Wie man im
Einzelfall vorgeht, hängt
ganz von der Situation vor
Ort ab, da ist viel Fingerspitzengefühl notwendig. Au-
Eier von anderen Vögeln sind für die Krähe eine Art „Dessert“.
Sie stibitzt es sozusagen aus Jux, der Bestohlene ist der Verlierer.
Der Steinadler gehört zu den Jägern. Sein Revier muss so groß
sein, dass immer wieder eine Brut aufgezogen werden kann.
ßerdem brauchen wir gute
fachliche Argumente.
In vielen Fällen müssen auch
vergessene legale Jagdmethoden wieder hervorgeholt
und angewandt werden. Das
heißt, die Fressfeinde müssen intensiv bejagt werden.
Wer sich als Jäger für die
Wildtiere einsetzt, der wird
in unserer Gesellschaft zumindest hinterfragt. Wenn
es um die Bejagung von
Vögeln geht, stehen wir oft
in der Kritik. Krähen sind
hochintelligent und sozial. Das stimmt, doch Rotwild ist das auch. Dieses
Argument muss man ernst
nehmen und auch die entsprechenden Jagdmethoden
wählen, die alle tierschutzrelevanten Aspekte berück-
sichtigen. Sicher soll man
nach Möglichkeit erlegtes
Wild verwerten, doch das
ist nicht immer möglich. In
diesem Punkt bekommen
wir auch von den Nichtjägern Rückendeckung: Niemand sagt etwas, wenn wir
hochintelligente, sozial lebende Säugetiere, wie etwa
Ratten, töten und dann verwerfen. Denn Ratten übertragen gefährliche Krankheiten. Die Arten, um die es
uns geht, sind durch unsere
Form der Landnutzung zu
Gewinnern auf Kosten anderer geworden. Wir tragen
mit unserem Eingreifen nur
dazu bei, den Verlierern
eine Chance zu geben und
so einen aktiven Beitrag zur
Artenvielfalt zu leisten.
Der Feldhase hält oft vergeblich Ausschau nach Blütenpflanzen,
die ihm schnellere Aufzucht durch fettreichere Milch garantieren.
Fotos: J. Limberger/piclease, D. Hopf, M. Breuer
Das heißt, sie sind länger
den Einflüssen schlechter
Wetterperioden ausgesetzt,
die Jugendsterblichkeit ist
höher und sie unterliegen
länger dem Feinddruck. Bei
Spezialisten wie dem Brachvogel wird das noch problematischer.
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