Die Handlung

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Die Handlung
Inhalt
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Das Stück spielt Mitte des 18. Jahrhunderts, also etwa zu Schillers
Zeit, an verschiedenen Orten in Deutschland (in Franken, Sachsen und Böhmen). Die Handlung erstreckt sich über einen Zeitraum von etwa anderthalb Jahren.
Bei der Uraufführung schien dem Mannheimer Theaterdirektor v.
Dalberg der revolutionäre Gehalt des Stücks so gefährlich, dass er es
in die Zeit um 1495 verlegte und die Schauspieler in Ritterkostümen
spielen ließ.
Das Stück wurde ein Riesenerfolg; die Zuschauer waren aber nicht
etwa wegen seiner revolutionären Töne so begeistert, sondern wegen
der großen Gefühle, die hier gezeigt wurden.
Vorgeschichte:
Karl Moor als Student
Der junge Karl Moor, Lieblingssohn des Grafen Maximilian, ein
feuriger, hoch begabter junger Mann, hat als Student in Leipzig
aus jugendlichem Leichtsinn allerhand Unfug getrieben und Schulden gemacht, wofür er jetzt bestraft werden soll. Er bereut sein
Handeln und gesteht in einem Brief alles seinem Vater in der
Hoffnung, dass ihm verziehen wird und er aufs Schloss zurückkehren und an der Seite seiner geliebten Amalia glücklich werden
kann.
Dieser Brief aber wird von Karls Bruder Franz abgefangen und
erreicht deshalb den Vater nie. Franz fädelt eine heimtückische
Intrige ein.
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1. Szene: Der teuflische Plan von Franz
Der alte Moor, bereit seinem »verlorenen Sohn« Karl zu verzeihen,
wartet auf eine Nachricht von ihm. Franz, schon immer neidisch auf
den bevorzugten Bruder, nutzt die Gelegenheit: Mit einem gefälschten Brief täuscht er dem Vater vor, dass Karl wegen eines (verbotenen) Duells steckbrieflich gesucht werde, und bringt den Vater dazu,
seinen Lieblingssohn zu verfluchen. Den entsprechenden Brief an
Karl verfasst er vorsichtshalber auch gleich selbst.
2. Szene: Karls Aufstand gegen die ganze Welt
In einer Kneipe wütet der »Kraftmensch« Karl (s. S. 29) gegen die
tintenklecksende (S. 21/27f.) Zeit, gegen das Kriechen vor den Fürsten, gegen ein heuchlerisches Christentum und ganz allgemein gegen die beengenden Gesetze, die noch keinen großen Mann gebildet
(S. 23/16) haben. Spiegelberg, der wildeste unter Karls Kumpanen,
spricht davon, eine Räuberbande zu gründen. Da erhält Karl den –
von Franz verfassten – Brief des Vaters. Die Überzeugung, dass
sein geliebter Vater ihn verstoßen hat, erschüttert ihn tief. Er sieht
die ganze Welt in Unordnung und lässt sich von den Freunden
mitreißen, Hauptmann einer Bande von Räubern und Mördern
zu werden. Sie schwören einander Treue bis in den Tod. Spiegelberg allerdings ist wütend, dass nicht er zum Anführer gewählt
worden ist.
3. Szene: Franz macht sich an Amalia heran
Franz versucht, Karl bei Amalia schlecht zu machen, die ihm
zunächst deutlich ihre Abneigung zeigt. Er schmeichelt sich bei ihr
ein, erzählt ihr dann, Karl habe ihren Freundschaftsring verpfändet
und sei von seinen Lastern fast zerstört. Auf Amalias Einwand, so
könne ihr Karl unmöglich geworden sein, erklärt er, er habe alles
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1. Akt: Die feindlichen Brüder
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Der Text in seiner Zeit
Der Text in seiner Zeit
■ Elemente des Sturm und Drang
Formal
– Loslösung von den Regeln für das Drama
– an vielen Stellen maßlose Sprache und Übertreibungen
(s. S. 24 und 29)
Inhaltlich
– Revolutionsstimmung
Hintergrund
– Freiheit
– Kraftmeiertum
– Lust, »große Männer« zu zeigen, auch große Bösewichte
– Verachtung des Alltagslebens
– Freundschaft, Treue
■ Elemente anderer Epochen
Barock (17. Jh.)
– Lust an der »großen Oper« mit all ihrem Prunk
– Denken in Gegensätzen (Gegensatz Mensch/Gott, Lebenslust/
Todesangst)
Pietismus und Empfindsamkeit (s. S. 27)
– Frömmigkeit und Gefühlsreichtum, z. B. bei Klopstock
(1724–1803)
Aufklärung (s. S. 26)
– der Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen
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Der Text in seiner Zeit
Verzicht auf die »drei Einheiten« (s. S. 32)
z. B. S. 22/29–23/9; S. 33/33–34/5; S. 34/32–35/5; S. 36/21–35;
S. 44/17–45/3; S. 55/27–36; S. 74/35–75/36; S. 147/24–28
vor allem in der Erstfassung (s. S. 46f.), aber auch I, 2 (S. 22/29–23/9)
oder II, 3 (S. 76/36ff.; S. 77/23ff.)
Ich fühle eine Armee in meiner Faust. (II, 3; S. 80/34)
Karl, Franz; vgl. auch S. 14/13
I, 2: S. 22/22ff., S. 23/12ff., S. 30/35ff.
S. 36/34–37/6; Rettung Rollers durch Karl; Treue der Amalia
überquellende Bilder, Aktionsreichtum, große Gefühle
Freiheit/sittliche Ordnung; Tugend/Laster; Tugend/Verbrechen;
Schönheit/Hässlichkeit; auch die beiden Hauptfiguren (Typen
aus dem Welttheater des Barock)
Amalia habe zu viel im Klopstock gelesen, schreibt Schiller selbst (in
seiner Selbstrezension, s. S. 16)
Franz als – gewissenloser – Aufklärer
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Hintergrund
Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus (S. 23/16)
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Die literarische Gattung
Die literarische Gattung
Als
Hintergrund
Schiller begann, »Die Räuber« zu schreiben, war er gerade
18 Jahre alt, also sicher nicht in dem Alter, in dem man sich gern
an feste Regeln, an vorgefertigte Muster hält – besonders nicht in
einer Zeit, die das Genie verherrlicht, das sich selbst die künstlerischen Regeln gibt.
Gerade für das Theater gab es allerdings ganz feste Regeln, die man
von den Franzosen übernommen hatte: Der deutsche Dichter und
damalige Literaturpapst Johann C. Gottsched (1700–1766) hatte in
seinem Hauptwerk »Versuch einer kritischen Dichtkunst« (1729) festgelegt, dass die Regeln der französischen Dichtung auch für die deutsche Dichtung zu gelten hätten. Schönheit war nach diesen Regeln
gleichbedeutend mit Ordnung und Maß in Sprache und Form.
Für das Theater galten z. B. die drei Einheiten:
Einheit des Ortes (das Stück darf nur an einem Ort spielen),
● Einheit der Zeit (alles muss sich innerhalb von höchstens 24 Stunden abspielen) und
● Einheit der Handlung (nur eine Handlung, keine Nebenhandlungen, Abschweifungen etc.).
●
Das nach diesen Regeln geformte Drama (nach dem griechischen
Philosophen und Theatertheoretiker Aristoteles nannte man es »aristotelisches Drama«) hatte auch einen weitgehend verbindlichen
Musteraufbau (5 Akte in symmetrischem Aufbau):
1. Akt: Exposition: Einführung der Personen, des Konflikts, der
Voraussetzungen
2. Akt: Steigende Handlung, Verwicklungen, Knoten
3. Akt: Höhepunkt, Umschwung, Peripetie
4. Akt: Fallende Handlung, Moment der letzten Spannung, retardierendes Moment: doch noch glückliches Ende?
5. Akt: Auflösung, Katastrophe, Tod
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Der junge Schiller hatte wie mancher seiner Zeitgenossen mit solchen Regeln nichts im Sinn – seine aufgestaute Wut, sein Freiheitswille konnten sich nicht in eine vorgegebene Form pressen lassen.
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Der Spannungsaufbau ist nicht symmetrisch: fallende Handlung schon von Beginn des 3. Akts an, der ganz untypisch kurz
ist: nur 2 Szenen.
Das Stück hat zwei Handlungen, die bis zum 4. Akt nebeneinander laufen, sich kurz berühren, dann aber wieder trennen,
dazu noch kleinere Nebenhandlungen (Spiegelberg-Intrige,
Kosinsky-Geschichte).
Es gibt viele (Neben-)Personen.
Das Stück spielt an verschiedenen Orten.
Die Handlung läuft sprunghaft ab und umfasst eine Zeit von
etwa anderthalb Jahren.
Die Sprache enthält Elemente der Alltagssprache.
Dabei hat Schiller noch besonders effektvolle dramatische Möglichkeiten ausgelassen: Franz und Karl treffen nicht einmal aufeinander,
man hört nur kurz (4. Akt), dass sie sich gesehen haben. Was hätte
das für eine Szene geben können!
Formal sind »Die Räuber« also nicht dem (späteren) Drama der
deutschen Klassik verwandt, sondern Stücken wie den »Soldaten«
von Lenz (Mini-Szenen, ständiger Schauplatzwechsel, Handlungsabweichungen, Alltags-, sogar Umgangssprache und Dialekt), Goethes
»Götz von Berlichingen« (Ortswechsel, Perspektivwechsel, kurze und
lange Szenen) und selbst Büchners »Woyzeck« (von 1836!).
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Hintergrund
Aus dem Schaubild S. 22/23 können Sie schon erkennen, wie wenig
er sich an die Regeln hält: Zwar hat das Stück, das er selbst nicht
»Tragödie«, sondern »Schauspiel« nennt, 5 Akte, und der 1. Akt enthält die Exposition, der 5. die Katastrophe, aber um die anderen
Regeln kümmert er sich nicht sehr.
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