MaxiM Gorki TheaTer Berlin - Bildungsserver Berlin

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4.-21.11.11
Maxim Gorki Theater Berlin
„Kleists Figuren hören
nie auf nach dem
Sinn zu suchen.
Sie werden der Welt
(der Zeit) untreu,
doch nur um dadurch ihre
Treue zu jener anderen
Welt zu beweisen,
die mit dieser identisch,
von ihrer Gebrechlichkeit
und Hinfälligkeit
jedoch frei ist.“
– László Földényi, „Kleist. Im Netz der Wörter“
Einstürzende Welten
als Chance
S.3
S.4
Großes historisches Ritterschauspiel von Heinrich von Kleist
Jan Bosse
Das Käthchen von
Heilbronn oder die
Feuerprobe
In einer unterirdischen Höhle mit einem Femegericht vermummter
„Grafen, Herren und Ritter“ beginnt dieses „grosse historische
Ritterschauspiel“, wie Kleist es (leicht ironisch?) nannte und zum
Anlass nimmt, wieder einmal die Welt ins Verhör zu nehmen. 1808
schreibt er an Joseph von Collin: „Denn wer das Käthchen liebt, dem
kann die Penthesilea nicht ganz unbegreiflich sein, sie gehören ja
wie das + und das – der Algebra zusammen, und sind Ein und dasselbe
Wesen, nur unter entgegengesetzten Beziehungen gedacht.“ Auch im
Käthchen begegnet dem Mann eine starke Frau. Die Überforderung
schlechthin: sie liebt den Grafen Wetter vom Strahl über alles. Sie
verfolgt ihn überall hin, er will von ihr nichts wissen – sie ist
nicht von seinem Stand. In einem Traum wird ihm prophezeit, dass er
einst eine Tochter aus kaiserlichem Hause heiraten wird. Irrtümlich
hält er Kunigunde dafür, die allen Rittern den Kopf verdreht. Seine
Rüstung wird den Ritter vom Strahl nicht vor der bedingunslosen
Liebe des Käthchens schützen; er wird sich ihr ergeben müssen –
zumal dem unerschrockenen Mädchen nicht nur die Unterstützung des
Kaisers selbst, sondern in einem Feuer die Hilfe eines leibhaftigen
Engels zuteil wird.Im Käthchen begegnen wir der Sehnsucht nach
der Einheit mit dem Sein: „Käthchen ist naiv. Ist unschuldig,
sie hat diese Einheit. Sie ist die Wissende, die der Vernunft
des Unbewussten gehorcht.“ (Günter Blöcker). Für unsere heutige
Vorstellung trägt Käthchens unerschütterliche Zuversicht und ihr
Glaube an die Liebe utopische Züge.
Regie: Jan Bosse; Bühne: Stéphane Laimé; Kostüme: Kathrin Plath;
Dramaturgie: Gabriella Bußacker.
Jan Bosse (*1969) studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte
an der Universität Erlangen/Nürnberg, danach Schauspielregie an der Hochschule
für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Es folgten Inszenierungen in Berlin, Wien
und München. 2000-2005 war Jan Bosse Hausregisseur am Deutschen Schauspielhaus
Hamburg. Er inszenierte am Schauspielhaus Zürich (zuletzt: „Hamlet“, eingeladen zum
Theatertreffen 2008), Schauspiel Frankfurt, Burgtheater Wien und am Thalia Theater
Hamburg. Beim 44. Theatertreffen 2007 war er mit zwei Inszenierungen vertreten: „Viel
Lärm um nichts“ vom Burgtheater Wien und „Die Leiden des jungen Werthers“ vom Maxim
Gorki Theater Berlin. Jan Bosse ist Hausregisseur des Maxim Gorki Theaters Berlin.
Premiere: 4.11.2011, 19:30 Uhr, Bühne / weitere Vorstellung: 5.11.2011, 19:30 Uhr
S.5
Lustspiel nach Molière von Heinrich von Kleist
Jan Bosse
Amphitryon
Langezeit führte „Amphitryon“ als
vermeintlich bloße Übersetzung des
Erfolgsstückes von Molière ein
Nischendasein in der Wahrnehmung
des kleistschen Gesamtwerkes. Dabei
hatte bereits der zeitgenössische
Herausgeber Adam Müller zu Recht
erkannt: „Eigenthümlich und im
edelsten Sinne des Werks original
ist diese Bearbeitung des Molière.“
Den Stoff lieferte eine Randnotiz
der griechischen Mythologie: die
Zeugungsgeschichte des Herakles. Begeistert von der Schönheit
der Alkmene beschließt Zeus, sie in Gestalt ihres Mannes
Amphitryon zu besuchen. Die getäuschte Alkmene erlebt mit
dem falschen Ehemann eine unvergessliche Liebesnacht. Der
echte Amphitryon, als Sieger aus der Schlacht heimgekehrt,
erlebt seine größte Niederlage im Privaten: Ein anderer raubt
ihm seine Identität. Was bleibt, wenn einem alles genommen
wird, wenn selbst das Ich abhanden kommt? Vom titelgebenden
Helden lenkt Kleist den Fokus auf Alkmene und lässt sie
auf die Frage nach dem Ich mit dem berühmtesten „Ach!“ der
Literaturgeschichte antworten: drei Buchstaben, die die
Komödie ins Schleudern bringen.
Mit: Hilke Altefrohne, Michael Klammer, Robert Kuchenbuch, Hans Löw, Anja
Schneider. Regie: Jan Bosse; Bühne: Stéphane Laimé; Kostüme: Dagmar Fabisch;
Musik: Arno Kraehahn; Dramaturgie: Ludwig Haugk.
Vorstellung: 8.11.2011, 19:30 Uhr, Bühne
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S.6
Schauspiel nach Carlo Goldoni und Heinrich von Kleist
Armin Petras
Der Krieg
Zwei Feldherren im Belagerungszustand. Sigismondo steht vor
den Toren einer namenlosen
italienischen Kleinstadt,
Robert Guiskard vor den Toren
Konstantinopels. In Italien wütet
die Gewinn- und Genusssucht, in
Kleinasien die Pest. Carlo Goldoni
und Heinrich von Kleist haben mit
der Komödie „La Guerra“ und dem
Fragment gebliebenen Trauerspiel
„Robert Guiskard“ zwei völlig
verschiedene Bilder des Krieges gezeichnet. „Zwar bist du,
wie du sagst, noch unberührt; / Jedoch dein Volk ist, deiner
Lenden Mark, / Vergiftet, keiner Taten fähig mehr. /
O führ uns fort aus diesem Jammertal! / Führ uns zurück,
zurück ins Vaterland!“ Schreibt Kleist 1808. „Schön ist
der Krieg! Ich kann nur Gutes darübersagen. Den möchte
ich sehen, der - wenn er in vier oder fünf Kriegsjahren
hunderttausend Scudi machen kann - aus lauter Nächstenliebe
den Frieden will.“ Schreibt Goldoni 1760. „Wir befinden
uns in einem Krieg gegen einen zu allem entschlossenen,
fanatischen Gegner. Dieser Hauptfeldwebel ist nicht ums
Leben gekommen, wie bei seiner Beisetzung erklärt worden
ist, er ist für die Bundesrepublik Deutschland gefallen.“
Sagt der Bundeswehrverband 2008. Der Umgang mit Krieg als
Lebenswirklichkeit steht im Zentrum der aktuellen politischen
Debatte und des theatralen Doppelprojekts von Armin Petras.
Mit: Tabea Bettin, Peter Brombacher, Peter Jordan, Thomas Lawinky,
Wiebke Puls, Steven Scharf, Thomas Schmauser, Edmund Telgenkämper,
Zimmermann. Regie: Armin Petras; Bühne: Susanne Schuboth; Kostüme:
Bierner; Musik: Thomas Kürstner,Sebastian Vogel;Dramaturgie: Malte
Lasse Myhr,
Regine
Karoline
Jelden.
Armin Petras *1964 in Meschede. 1969 Übersiedlung mit seinen Eltern in die DDR.
Von 1985 bis 1987 Regie-Studium an der HfS „Ernst Busch“ Berlin, Mitbegründer der
Theatergruppe Medea Ost. 1987 Inszenierung von Heiner Müllers „Wolokolamsker Chaussee
1-3“ am Theater Nordhausen. 1988 Ausreise in die BRD.1990-1991 Regieassistent an
den Münchner Kammerspielen, 1992 -1993 Regisseur am Kleist-Theater Frankfurt/Oder.
1996-1999 Oberspielleiter am Theater Nordhausen sowie Hausregisseur in Leipzig.
1999-2002 Schauspieldirektor am Staatstheater Kassel. 2002-2006 Hausregisseur am
Schauspielfrankfurt/Main und Leitung der Spielstätte schmidtstraße 12.
Seit der Spielzeit 2006/07 Intendant am Maxim Gorki Theater Berlin.
Gastspiel der Münchner Kammerspiele: 10.11.2011, 19:30 Uhr, Bühne
S.7
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Drama von Heinrich von Kleist
Armin Petras
Die Hermannsschlacht
Teutoburger Wald, 9 n. Chr.:
Cheruskerfürst Hermann schürt den
Hass der einheimischen Bevölkerung
auf die römischen Besatzer bis
schließlich fast alle zuvor
zerstrittenen Stammesfürsten
auf seiner Seite stehen. Nachdem
Varus‘ römische Truppen in einem
Hinterhalt vernichtend geschlagen
sind, wird Hermann zum Retter
von Germanien ausgerufen. Neben
Heinrich von Kleists 1808 entstandenem Stück widmet sich die
Bearbeitung von Armin Petras auch dem gleichnamigen Stück von
Christian Dietrich Grabbe aus dem Jahr 1835.
„Kleist ist mein Lieblingsautor. Aber Grabbe gehört auch zu
meinen liebsten Autoren. Ich finde, dieser kranke Größenwahn
beschreibt Deutschland natürlich sehr schön und in der Mischung
aus Größenwahn und extremer Verzweiflung sind Grabbe und Kleist
sich sehr nahe.“ Armin Petras
Mit: Katharina Hackhausen, Horst Kotterba, Peter Kurth, Lasse Myhr, Jochen Noch,
Wiebke Puls, Edmund Telgenkämper, Michael Tregor und dem Modern String Quartet:
Joerg Widmoser (Violine), Winfried Zrenner (Violine), Andrea Hörich (Viola),
Jost-H. Hecker (Violoncello). Regie: Armin Petras; Bühne: Katrin Brack; Kostüme:
Valerie von Stillfried; Musik: Thomas Kürstner, Sebastian Vogel; Dramaturgie:
Malte Jelden.
Gastspiel der Münchner Kammerspiele: 12.11.2011, 19:30 Uhr, Bühne
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S.8
Preußisches Traumspiel von Heinrich von Kleist
Armin Petras
Prinz Friedrich von
Homburg
Zwei Mal schon hat der junge
Prinz Friedrich im Krieg gegen
die Schweden bei Fehrbellin
versagt. Und die nächste Schlacht
ist nah. Geschwächt vom Kampf
fällt er in einen tiefen Traum.
Es ist ein Traum vom Ruhm – und
von der Liebe. Homburg ahnt
nicht, wie nah ihm die angebetete
Natalie bereits ist. Gefangen in
seinen Träumen überhört er die
Anweisung des Kurfürsten, nicht
ohne ausdrücklichen Befehl in die Schlacht einzugreifen.
Als er den rechten Moment gekommen sieht, greift er ohne
zu Zögern an und erringt den entscheidenden Sieg über die
Schweden. Ohne Befehl. Dem Siegestaumel folgt der tiefe Sturz.
In einem schnellen Verfahren wird die Todesstrafe verhängt.
Der Prinz glaubt zu träumen. Trudelnd bewegt er sich zwischen
Schicksalsergebenheit, Sehnsucht nach Leben und abgrundtiefer
Furcht. Einzig der Kurfürst kann ihn nun noch retten. Natalie
tut alles, um ihren Geliebten ins Leben zurück zu holen. Im
Angesicht des Kurfürsten aber trifft Homburg seine Entscheidung
schließlich allein im Namen seines Gewissens.
Im von napoleonischen Truppen besetzten Berlin greift der
chancenlose Dichter Kleist ein Jahr vor seinem Selbstmord
zu einem letzten Strohhalm und beschwört Selbstaufgabe
und Opfertod. Armin Petras befragt die Standpunkte der
Figuren in Kenntnis des aktuellen Lebensgefühls in der Mark
Brandenburg und inszeniert Kleists preußisches Traumspiel als
zeitgenössischen Alptraum.
Mit: Sandra Bayrhammer, Susanne Böwe, Andreas Haase, Robert Kuchenbuch,
Peter Kurth, Gunnar Teuber. Regie: Armin Petras; Bühne: Katrin Brack; Kostüme:
Aino Laberenz; Video: Chris Kondek; Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Vorstellung: 13.11.2011, 19:30 Uhr, Bühne
S.9
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Trauerspiel von Heinrich von Kleist
Felicitas Brucker
Penthesilea
Auf dem Schlachtfeld stehen sich
die Heere der Griechen und Trojaner
gegenüber. Unter Führung der Königin
Penthesilea rückt das Heer der
Amazonen aus Kleinasien an. Nach dem
Gesetz ihres Frauenstaates müssen
die Amazonen sich ihre Männer im
Kampf erobern und als Gefangene
in die Hauptstadt führen, wo dann
beim Rosenfest die Vereinigung
stattfindet. Auf dem Schlachtfeld
treffen sich Penthesilea, die
Amazonenkönigin, und Achill, der Griechenheld, zum ersten Mal.
Im Zweikampf unterliegt die junge Königin Achill und verliert
das Bewusstsein. Als sie erwacht, macht er sie glauben, sie
habe ihn besiegt. Doch der Betrug fliegt auf. Schließlich
fordert Achill Penthesilea erneut zum Kampf um Leben und Tod
heraus, um sich freiwillig besiegen zu lassen und in der süßen
Gefangenschaft des Rosenfestes Penthesilea zu gewinnen. Doch
Penthesilea verwandelt sich in eine Furie: Liebe und Tod werden
eins im Rausch, Tod ist Erfüllung, die Welt ein Schlachtfeld.
Mit: Julischka Eichel, Wilhelm Eilers, Michael Klammer, Christian Kuchenbuch,
Nele Rosetz, Anja Schneider, Albrecht Abraham Schuch, Ninja Stangenberg.
Regie: Felicitas Brucker; Bühne: Kathrin Frosch; Kostüme: Sara Schwartz;
Musik: Jörg Follert; Video: Stefan Bischoff; Dramaturgie: Jan Kauenhowen,
Carmen Wolfram.
Felicitas Brucker (* 1974) studierte Theaterwissenschaft, Literatur- und
Kommunikationswissenschaft in München und arbeitete ab 2003 als Regieassistentin
an den Münchner Kammerspielen. Dort inszenierte sie u. a. 2006 die Uraufführung
von „Engel“ von Anja Hilling mit der sie 2007 zum Theaterfestival „Radikal
Jung“ eingeladen wurde. Weitere Inszenierungen entstanden am Thalia Theater
Hamburg, am Theater Freiburg sowie am Schauspiel Hannover. Seit 2007 arbeitet
sie regelmäßig am Maxim Gorki Theater, hier inszenierte sie u.a. „Urfaust“ von
Johann Wolfgang Goethe und „Geschlossene Gesellschaft“ von Jean-Paul Sartre.
Felicitas Brucker ist Hausregisseurin am Schauspielhaus Wien, mit den dortigen
Uraufführungsinszenierungen von Ewald Palmetshofer „hamlet ist tot. keine
schwerkraft“ und „Faust hat Hunger und verschluckt sich an einer Grete“ wurde
sie 2008 und 2010 zu den Mühlheimer Theatertagen eingeladen.
Vorstellung: 14.11.2011, 19:30 Uhr, Bühne
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S.10
Lustspiel von Heinrich von Kleist
Jan Bosse
Der zerbrochne Krug
In Huisum bei Utrecht ist ein Krug
in die Brüche gegangen. Für Frau
Marthe Rull scheint alles klar: bei
einem heimlichen nächtlichen Besuch
in der Kammer ihrer Tochter Eve
hat deren Bräutigam Ruprecht den
wertvollen Krug zerbrochen. Gleich
am nächsten Morgen erscheint sie
mit den Beteiligten und dem Indiz
vor Gericht, wo der Dorfrichter Adam
kurzen Prozess machen soll. Doch:
Woher stammen Adams Verletzungen?
Wer war der unerkannte Rivale, den Ruprecht bei Eve überrascht
hat? Warum schweigt sie? Und, was zum Teufel hat Frau Brigitte
wirklich gesehen? Der Schreiber Licht wartet auf seine große
Chance, Gerichtsrat Walter, der auf seiner Inspektionsreise
ausgerechnet in den Gerichtstag gerät, versucht, den drohenden
Zerfall aufzuhalten und der Richter ist auf der Jagd nach
sich selbst. Kleist macht den Zuschauer in diesem Prozess in
Echtzeit zum unmittelbaren Zeugen der Macht der Worte. Sein
Motor ist die Komödie: im Befreiungsschlag durch groteske
Überdrehung der profanen Verhältnisse der „hinfälligen“,
fragilen Welt zu trotzen und sich in ihr zu behaupten.
Mit: Jean-Pierre Cornu, Britta Hammelstein, Wolfgang Hosfeld,
Cristin König, Matti Krause, Ronald Kukulies, Edgar Selge, Franziska Walser.
Regie: Jan Bosse; Bühne: Stéphane Laimé; Kostüme: Kathrin Plath;
Dramaturgie: Gabriella Bußacker.
Vorstellungen: 15.+ 16.11.2011, 19:30 Uhr, Bühne
S.11
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Trauerspiel von Heinrich von Kleist
Antú Romero Nunes
Die Familie Schroffenstein
Bereits in seinem dramatischen Erstling „Die Familie
Schroffenstein“, der 1803 erschien, lässt sich Kleists
Grundthema, das alle nachfolgenden Werke durchzieht, erkennen
und das Walter Jens folgendermaßen beschrieb: „Die Verrätselung
der Welt für den einzelnen durch die undurchschaubare
Verflechtung von Schein und Sein, den Gegensatz von Wahrheit
und Täuschung, Wissen und Irrtum, Vertrauen und Misstrauen,
die Problematik des Erkennens, der Wahrheitsfindung, die – wenn
überhaupt – einzig im Vertrauen auf das eigene, letztlich
unverstellte Gefühl gelingt.“ Die Familie Schroffenstein
zerbricht in zwei Clans, nachdem ein Streit über einen alten
Erbvertrag und dessen Auslegung ausgebrochen ist. Wessen
Erblinie zuerst ausstirbt, dessen Besitz geht an den anderen
Familienzweig über. Die misstrauische Haltung beider Häuser
hat sich über viele Jahre hinweg durch mysteriöse Todesfälle
verstärkt und so standen sie schon oft vor einem bewaffneten
Konflikt. Nun haben beide Familien ein Kind verloren und
verdächtigen die jeweils andere Seite des Mordes. Das Misslingen
jeglicher Kommunikation erscheint hierbei als Ursache nicht
nur für die Entzweiung der Familie, sondern auch für die
Gespaltenheit der Welt. Die verfeindeten Parteien beginnen eine
systematische Gewaltpolitik - eine Maschinerie aus paranoidintriganten Präventivmaßnahmen und tödlichen Vergeltungsschlägen
kommt in Gang. Vorverurteilungen, Missverständnisse, Missgunst,
Misstrauen und Hass bestimmen die Atmosphäre. Doch die beiden
Kinder Ottokar und Agnes verlieben sich ineinander. Sie fliehen
und entwickeln einen Plan mit dem sie hoffen, den Rachegelüsten
ihrer Väter zu entgehen. Und diese erliegen in ihrem blinden
Wüten einem grausamen Missverständnis.
Antú Romero Nunes (*1983) studierte Regie an der Hochschule für Schauspielkunst
„Ernst Busch“ in Berlin. Während seines Studiums entstanden Arbeiten an der batStudiobühne, dem Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin sowie dem Düsseldorfer
Schauspielhaus. Seine Diplominszenierung am Maxim Gorki Theater „Der
Geisterseher“ nach Schillers Romanfragment wurde zum Festival Radikal Jung 2010
des Münchner Volkstheaters eingeladen. Er inszenierte mehrfach am Thalia Theater
Hamburg und am Schauspiel Frankfurt. In der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift
Theater heute wurde Antú Romero Nunes für seine Arbeit „Das Prinzip Meese“ am
Maxim Gorki Theater zum „Nachwuchsregisseur des Jahres 2010“ gewählt. Seit der
Spielzeit 2010/2011 ist er Hausregisseur am Maxim Gorki Theater Berlin.
Premiere: 19.11.2011, 19:30 Uhr, Bühne / weitere Vorstellung: 20.11.2011
S.12
Video-Game-Performance
Victor Morales
Über das
Marionettentheater
„... so findet sich auch, wenn
die Erkenntnis gleichsam durch
ein Unendliches gegangen ist, die
Grazie wieder ein.“
In seinem theoretischen Text
„Über das Marionettentheater“
setzt sich Heinrich von Kleist
mit dem Verhältnis von Kunst
und Sein sowie Kunst und
Ästhetik auseinander. Die Fragen, wie eine ursprüngliche
Wahrhaftigkeit Einzug in eine gebrechliche Welt halten
kann, wie die Normen des Seins neu definiert werden können,
stehen im Zentrum des Projektes des Comupterspieldesigners
und Digital-Puppenspielers Victor Morales. Er entwickelt
dazu ein computeranimiertes Marionetten-Theaterstück, das
live, von und mit den Zuschauern, gespielt werden kann.
Wird es uns gelingen, uns in die „Seele“ eines Tänzers
hineinzuversetzen und die Figuren anmutig tanzen zu lassen?
Kann sich eine computeranimierte Puppe vielleicht sogar mit
mehr Grazie bewegen als ein Mensch? Und was erzählt uns die
Anekdote vom fechtenden Bären in Bezug auf den Umgang mit
künstlichen Intelligenzen? Doch aufgepasst: die Technik
könnte mittlerweile so selbstorganisiert agieren, dass sie
die Überhand gewinnt und den „Maschinisten“ aus den Fingern
gleitet.
Konzeption & Realisation: Victor Morales
Set- & Objektdesign: Billy Burnes
Dramaturgie: Carolin Hochleichter
Victor Morales (*1967), geboren in Venezuela, ist Regisseur, Performer und
Video-Game Modifier. Die Arbeiten des gebürtigen Venezolaners sind Kombinationen
aus Video-Animation, Lecture, Tanz, Puppenspiel u.a. Er arbeitete für zahlreiche
internationale Theatergruppen und als Soloperformer in den USA und Europa und
befasst sich seit Längerem mit der Umprogrammierung von Computerspielen, um aus
ihnen Kunstwelten zu schaffen. Morales lebt in Berlin.
S.13
Schauspiel nach Kleists gleichnamiger Erzählung
Armin Petras
Das Erdbeben in Chili
Ein junger Spanier, Jeronimo Rugera,
der in St. Jago, der Hauptstadt
Chilis, als Hauslehrer angestellt
war, hat sich in seine Schülerin
Donna Josephe verliebt und ist daher
entlassen worden. Die Tochter, die
seine Liebe erwidert, wird vom Vater
in ein Kloster gesteckt, wo das
Liebespaar seine Beziehung jedoch
heimlich fortsetzt. Donna Josephe
wird schwanger. Wegen dieser Schändung des Klosters werden
beide eingekerkert und Donna Josephe zum Tode verurteilt.
In der Stunde ihrer Hinrichtung will Jeronimo sich gerade im
Gefängnis erhängen, als ein furchtbares Erdbeben über die
Stadt hereinbricht, worauf-hin er sich aus dem Gefängnis in die
Freiheit retten kann. Durch Trümmer und brennende Straßen rennt
er zum Hinrichtungsplatz außerhalb der Stadt und findet die
eben-falls gerettete Josephe und den gemeinsamen Sohn.
Am nächsten Morgen tritt Don Fernando mit der Bitte an Donna
Josephe heran, sein kleines Kind mitzustillen, da dessen
Mutter schwer verletzt ist. Sie gewährt diese Bitte gern.
Die Katastrophe scheint alle Gemüter versöhnt zu ha-ben,
alle Standesunterschiede scheinen aufgehoben, man hilft sich
gegenseitig. Während einer Dankesmesse kommt ein Geistlicher
allerdings plötzlich auf den Sittenverfall in der Stadt sowie
auf den Klosterskandal zu sprechen. Die rasch fanatisierte
Menge erkennt Jeronimo und Josephe, und es kommt vor der Kirche
zu wilden Kämpfen. Jeronimo und Josephe verlieren ihr Leben,
doch wird ihr Sohn gerettet, und Don Fernando, dessen Kind
getötet worden ist, nimmt ihn als Pflegesohn an.
Mit: Christian Friedel, Matti Krause, Wolfgang Michalek, Anne Müller,
Annika Schilling. Regie: Armin Petras, Bühne: Natascha von Steiger,
Kostüm: Karoline Bierner, Dramaturgie: Nina Rühmeier / Martin Heckmanns.
Koproduktion mit dem Staatsschauspiel Dresden
Berliner Premiere: 6.11.2011, Studio / weitere Vorstellung: 7.11.2011
S.14
Lifecollage aus New York City
Lutz Dammbeck
Pursuit of happiness
oder Der sichere Weg,
ungestört das Glück zu
finden und zu genießen
„{Das Glück} erscheint mir nur wie ein Hohes,
Erhabenes, Unnennbares, für das ich vergebens
ein Wort suche, um es durch die Sprache,
vergebens eine Gestalt, um es durch ein Bild
auszudrücken. (Und dennoch strebe ich ihm mit
der innigsten Innigkeit entgegen, als stünde
es klar und deutlich vor meiner Seele).“
Inspiriert von Kleists „Aufsatz, den sichern
Weg des Glücks zu finden und ungestört – auch
unter den größten Drangsalen des Lebens – ihn
zu genießen“ begibt sich der Künstler und
Dokumentarfilmer Lutz Dammbeck auf die Suche
nach dem Glück als etwas „Unnennbarem“. In
den Vereinigten Staaten von Amerika, dem
Land, das in seiner Declaration of Independence 1776 - ein Jahr
vor Kleists Geburt - das ‚Streben nach Glückseligkeit‘ als
freiheitliches Grundrecht formulierte, geht er auf die Suche
nach Wegen und Formen dieses Strebens. Ist das Glück immer noch
unnennbar? Oder manifestiert sich das Glück rein materiell?
Dammbeck sucht als Filmer Menschen/Geschichten und berichtet
per Videotelefonie live in das Maxim Gorki Theater. Er wohnt und
arbeitet in New York im „Pennsylvania Hotel“, einem günstigen
und großen Hotel in Lower Manhatten, das auch heute noch einen
ersten Hafen für Glückssucher aus der ganzen Welt darstellt.
Konzept & Regie: Lutz Dammbeck
Lutz Dammbeck (*1948) ist Filmemacher, Grafiker und Maler. Der Käthe-KollwitzPreisträger (2005) ist seit 1998 Professor an der Hochschule für bildende
Künste in Dresden, wo er die Projektklasse Neue Medien leitet. Zu seinen
Arbeiten zählen insbesondere Mediencollagen aus Tanz, Malerei, Musik und Film
sowie Animationsfilme. Seit Beginn der 90er Jahre arbeitet Dammbeck verstärkt
als Dokumentarfilmer, wobei sein Film „Das Netz“ (2004) über die Entstehung des
Internets viel Beachtung fand.
S.15
Choreographie nach Kleists „Die Verlobung in St.Domingo“
Tommy Noonan
The Engagement
Heinrich von Kleist beruft
sich in seinen Erzählungen
wiederholt auf Kategorien
wie Ordnung, Vernunft und
Zivilisation und untersucht
diese Qualitäten gleichzeitig
in stets schwer zu
bewältigenden Umgebungen von
Chaos und Ausnahmezustand.
Seine Erzählung „Die Verlobung
in St.Domingo“ dient als
narrativer Rahmen für eine
Performance, die sich diesen Kontroversen stellt. Dabei ist
das Publikum mobil: es wird den Darstellern und Ereignissen
folgen und permanent gefordert sein, die Gratwanderung
zwischen Stadt und Bühne, zwischen Fiktion und Realität,
zwischen Ordnung und Chaos selbst auszuloten.
Mit: Anna Böger, Murielle Elizéon, Georg Hobmeier, Thomas Jeker,
Anja Müller, Tommy Noonan. Dramaturgie: Carolin Hochleichter;
Produktionsleitung: Doreen Markert.
Tommy Noonan (*1983) ist Tänzer, Choreograph und Mitbegründer des
internationalen Künstlernetzwerkes „Sweet and Tender Collaborations“. Er
war Mitglied in diversen Tanzkompanien, seine Arbeiten wurden an zahlreichen
Theatern und auf Festivals in Europa und Amerika gezeigt. Im Herbst 2010 war er
Artist-in-Residence in den Residencias del Sur in Buenos Aires, Argentinien.
S.16
Film & Performance
Jan Peters
Ausflug nach
Kohlhasenbrück
Ein Biergarten in Kohlhasenbrück
(im Süden Berlins, auf dem Weg
nach Potsdam) wirbt mit der
Darstellung der historischen
Figur, die sich im Ortsnamen
verbirgt. Bei der Wortwahl
wird auf Heinrich von Kleist
zurückgegriffen. „Aus einer alten
Chronik“ untertitelt Kleist seine
Novelle „Michael Kohlhaas“, die
ihren Anfang an einem Schlagbaum
nimmt. Auch Kohlhasenbrück hatte
während des Kalten Kriegs einen Schlagbaum, lange Zeit war
dort ein Kontrollpunkt, von dort ging es nach Steinstücken,
der Westexklave im Osten mit 200 Einwohnern. „Ausflug nach
Kohlhasenbrück“ ist eine Annäherung mit der Fragestellung
wie wird Geschichte, wie werden Geschichten gemacht,
erzählt und umgeschrieben, neu er- und wieder gefunden?
Konzept & Regie: Jan Peters
Dramaturgische Beratung: Gabriella Bußacker
Jan Peters (*1966) lebt und arbeitet als Filmemacher, Hörspielautor und
Videokünstler in Berlin. Er studierte an der Hochschule für bildende Künste in
Hamburg und war dort Mitbegründer des Filmemacherkollektivs „Abbildungszentrum“.
Neben seinem Langzeitprojekt „Ich bin...“, für das er lange Zeit ausschließlich
Super-8-Material verwendete, drehte Peters zahlreiche preisgekrönte Kurz- und
Langfilme.
S.17
Installation
Ildikó Enyedi
Die Stimme von Kleist
Kleist hat nie für deklamatorische
Sprachkünstler geschrieben.
Seine Dialoge in Dramen und
Erzählungen und vor allem seine
Briefe sind eine ‚gesprochene‘
Sprache: Oftmals machen Syntax
und Interpunktion erst Sinn,
wenn man die Passage laut liest.
Kleist gehört zu den ‚sprechenden‘
Autoren, die ihre Texte erst
sprachen und dann aufschrieben. Genauso leben und verändern
sich auf eigenartige Weise seine Texte mit den Stimmen,
die sie sprechen. Abseits des Festivaltrubels, in einem
versteckten Winkel des Theatergebäudes findet der Zuschauer
das Studienzimmer von Kleist vor. Dort lädt die ungarische
Filmregisseurin Ildikó Enyedi die Festivalbesucher ein, ein
Zitat auszuwählen und es im Kleist-Zimmer vor laufenden
Kameras selbst zu sprechen.
Der zweite Teil des Projektes ist eine multimediale FilmInstallation, die sich dem Menschen Kleist widmet. Sie wird
auf der Medienfassade des Collegium Hungaricum Berlin, also
im öffentlichen Raum neben dem MGT, während des Festivals zu
sehen sein.
Konzept & Regie: Ildikó Enyedi
Ildikó Enyedi (*1955), ist Filmregisseurin und Drehbuchautorin aus Budapest. Sie
begann ihre künstlerische Laufbahn als Konzept- und Medienkünstlerin. Enyedi war
Mitglied der Künstlergruppe „Indigo“ und des Béla Balázs Studios, dem damals
einzigen unabhängigen Filmstudio hinter dem Eisernen Vorhang. Ihr Spielfilmdebut
„My 20th Century“ wurde 1990 von der New York Times in die Liste der „10 Best
Films of the Year“ gewählt und erhielt in Cannes die Caméra d‘Or für den besten
Nachwuchsfilm. Ildikó Enyedi drehte diverse Spielfilme und wurde mit zahlreichen
internationalen Preisen ausgezeichnet. Enyedi lehrt an der Universität für Film
und Theater in Budapest.
In Zusammenarbeit mit dem Collegium Hungaricum Berlin und der Budapester
Universität für Film und Theater
S.18
Videoinstallation zu Kleist und der Ikonographie des Krieges
Antje Ehmann & Harun Farocki
Fetisch Krieg
Kleist musste schon früh als Soldat dienen und nahm bereits
mit 15 Jahren zum ersten Mal an einer Schlacht teil. Nach
sechs Jahren nahm er freiwillig seinen Abschied vom Militär,
blieb jedoch trotzdem immer fasziniert vom Krieg. Er reiste
zu großen Schlachten, um diese zu beobachten, er spielte mit
seinen Freunden nächtelang selbst entworfene Kriegsspiele und
war ein Waffenfetischist. „Krieg und Kunst“ und „Krieg und
Ästhetik“ waren für Kleist eng verbunden. Zusammen mit dem
späteren Generalfeldmarschall Knesebeck beobachtete Kleist
die Bombardierung der Stadt Mainz. „Fast jeder hatte nur ein
Herz für die Schönheit des Anblicks,“ notierte Knesebeck,
„weniger für die Angst der Einwohner.“ Diese Ästhetisierung
von Gewalt und Grauen ist ein durchaus heutiges Phänomen,
das zum Beispiel Karl-Heinz Stockhausen benannte, als er
die Anschläge von New York als „das größte Kunstwerk, das
es überhaupt gibt“ bezeichnete. Hier wie auch bei Kleist
äußert sich dieselbe Sehnsucht nach einer Ästhetik von
Gewalt und Zerstörung und die Möglichkeit der Kunst, sich
vorübergehend nur auf den ästhetischen Moment des Erlebens
zurückzuziehen. Im Film und in Computerspielen lebt heute
die attraktive Linie „Unterhaltung/Kunst und Krieg“ fort:
Sie ist kontrollierbar und propagandistisch einsetzbar
- jeder zehnte Kinofilm fällt in das Genre „Kriegsfilm“.
Gemeinsam haben sich Harun Farocki und Antje Ehmann dieser
Flut gestellt und mehr als 500 Kriegsfilme gesichtet und über
Monate schnitttechnisch „seziert“, um vor dem Hintergrund der
Kleistschen Kriegsmauerschauen der Frage der Darstellung von
Kampf und Waffe nachzugehen.
Konzept & Realisierung: Antje Ehmann, Harun Farocki
Antje Ehmann (*1968) ist Autorin, Kuratorin und Herausgeberin. Seit 10 Jahren
haben Farocki und Ehmann viele Projekte gemeinsam realisiert. Zuletzt die
Ausstellungen „Serious Games“, Darmstadt 2011, „The Image in Question. War Media - Art“, Boston 2010, „Kino wie noch nie“, Wien (2006), Berlin (2007).
Harun Farocki (*1944) ist Filmemacher, Videokünstler und seit 2004 Professor
an der Akademie der Künste in Wien. Seit 1966 hat er über 100 Produktionen
für Fernsehen, Kino und Ausstellungsräume realisiert. Seine letzten
Einzelausstellungen zeigten das Museum Ludwig Köln (2009), das Raven Row London,
(2009) und das Kunsthaus Bregenz (2010).
S.19
Selbstversuch frei nach Kleists „Die Marquise von O.“
She She Pop
She She P. ist die
Marquise von O...
She She Pop haben in Kleists Marquise ihre Meisterin
entdeckt. Nie zuvor oder danach wurde die Öffentlichkeit
derart entschlossen mit persönlicher Schmach und Scham
konfrontiert: Ihre unerklärliche Schwangerschaft annonciert
sie in der lokalen Zeitung, um dem unbekannten mutmaßlichen
Vergewaltiger die Heirat anzubieten.
In einem szenischen Selbstversuch werden ausgewählte
PerformerInnen von She She Pop die wichtigsten
soziokulturellen Techniken der Marquise vorstellen und
auf sich anwenden, insbesondere: das Blinddate mit der
Öffentlichkeit, die feindliche Übernahme der Verantwortung
und nicht zuletzt den initialen Kontrollverlust durch
Ohnmacht.
Dabei müssen allerdings die Vorzeichen der Kleistschen
Anordnung an die PerformerInnnen angepasst werden:
Gesellschaftlicher Redebedarf entsteht nicht durch eine
rätselhafte Schwangerschaft ohne Ursache sondern durch deren
andauerndes Ausbleiben.
Alle, die dafür die Verantwortung übernehmen wollen,
treffen sich im November 2011 im Maxim Gorki Theater zur
Gegenüberstellung mit She She Pop.
Von und mit She She Pop
She She Pop wurde 1998 von Absolventinnen des Gießener Instituts für Angewandte
Theaterwissenschaft gegründet. Die ständigen Mitglieder des ursprünglich rein
weiblich besetzten Performance-Kollektivs arbeiten außerhalb der hierarchischen
Strukturen des Repertoiretheaters; sie entwickeln und performen ihre
Produktionen im Kollektiv. Die Geschichte von She She Pop ist eine Geschichte
der Publikumsbefragung und Publikumsinteraktion.
S.20
Konzert aus der Bewegung heraus
Schorsch Kamerun & Spezialisten
Heute bin ich etwas eilig
Kleist wuchs in einer preußischen
Offiziersfamilie auf. Seine
Karriere als Offizier war Ziel
seiner Erziehung und schien
unausweichlich. Aber zunehmend
distanzierte er sich von seinem
Leben beim Militär, das bereits
mit 14 begann. 1795 brach
Heinrich von Kleist mit einigen
Freunden in den Harz auf, um
als Straßenmusiker sein Geld zu
verdienen. Unterwegs in eigener
Sache. Kleist betrachtete die Musik als „algebraische
Wurzel“ aller Kunst. Kleist war Nomade. Der nomadisierende
Musiker ist ein Archetypus. Die neuesten frühzeitlichen
Funde in der schwäbischen Alp beinhalten Knochenflöten, deren
Isotopenanalyse einen Ursprung südlich der Alpen und sogar
in der heutigen Türkei nahelegt. Musiker waren von Anfang an
mobil. Und gerade in sesshaften Gesellschaften, bleiben sie
die Wanderer.
Schorsch Kamerun (*1963) ist Musiker, Autor und Regisseur. Seine Band „Die
Goldenen Zitronen“ ist eine - häufig neu erfundene - Konstante der deutschen
Musiklandschaft. Seit 2000 arbeitet er als Theaterregisseur und -autor an allen
großen deutschsprachigen Theatern. Im Sommer 2009 übernahm er an der Bayerischen
Staatsoper mit Bernsteins „Trouble in Tahiti“ erstmals eine Opernregie. Er ist
Träger des „Hörspielpreises der Kriegsblinden” (für „Ein Menschenbild, das in
seiner Summe Null ergibt”.) Als ein Spezialist für umherschweifende Musiker – er
ist selber einer – lädt Kamerun für das Kleistfestival Freunde und Spezialisten
zu einer gemeinsamen Kleist-Vertonung ein.
Premiere: 6.11.2011, 20:15 Uhr, Bühne / weitere Vorstellung: 7.11.2011
S.21
Eine elektro-akustische Biomesse, generiert aus
Heinrich von Kleists Biomasse, basierend auf der Erzählung
„Cäcilie oder Die Gewalt der Musik“
Schneider TM
Cäcilie Awestruck
„...die Pfeiler des Hauses
erschütterten, und die Fenster,
von ihrer Lungen sichtbarem Atem
getroffen, drohten klirrend, als
ob man Hände voll schweren Sandes
gegen ihre Flächen würfe, zusammen
zu brechen.“
Vier Brüder initiieren im Aachen
des 16.Jhs. einen Bildersturm
auf das örtliche Kloster der
Heiligen Cäcilie. Mit einem Mob
besetzen sie die Klosterkirche, in der gerade eine Messe
aufgeführt werden soll. Die Verwüstung der Kirche scheint
unausweichlich, als plötzlich die Orgel, Chor und Orchester
anfangen zu spielen: Die Musik packt die vier Brüder, sie
werfen sich vor dem Altar nieder, der Mob bleibt stumm
und die Kirche gerettet. Die vier Brüder aber werden in
ein Irrenhaus eingeliefert, wo sie Jahr um Jahr täglich
um Mitternacht für eine Stunde ein „Gloria in Excelsis
Deo“ brüllen. Sonst schweigen sie im Gebet versunken. Der
Komponist und Musiker Schneider TM und seine Freunde spielen
in Anlehnung an die Erzählung ein 25-stündiges Konzert: Mit
dem „Gloria in Excelsis Deo“, das in Kleists Erzählung für
die Protagonisten als eine Art „Horror-Slot“ den Himmel
öffnet, beginnt das Konzert in einem der zentralen Berliner
Gotteshäuser. Das Konzert zieht dann in das Gorki Studio, wo
die Gebete der vier Brüder musikalisch nachvollzogen werden.
Als Instrumente der Musiker (und des Publikums) dient
Biomasse von Kleists Grabstätte.
Von und mit: Dirk Dresselhaus (Schneider TM, Angel)
Ilpo Väisänen (Angel, Pan sonic)
Michael Beckett (Kptmichigan, Schneider TM)
Ronald Lippok (Torococorot, Tarwater)
Schneider TM ist ein Soloprojekt von Dirk Dresselhaus (*1970), das sich der
experimentellen, elektronischen Popmusik widmet. Dresselhaus war ehemals Mitglied
der deutschen Indierock-Bands Hip Young Things und Locust Fudge und spielt
außerdem seit 1999 zusammen mit Ilpo Väisänen von Pan sonic in der Noise-/ImprovFormation Angel. Seine und Michael Becketts Kooperation „The Light 3000“ als
Schneider TM & KPTmichigan, eine elektronische Version von „There Is a Light That
Never Goes Out“ von The Smiths, wurde vom britischen Avantgardemagazin „The Wire“
zu einer der besten Cover-Versionen aller Zeiten gewählt.
S.22
Konzert
Schwefelgelb
Kleist
Die musikalische
Kompromisslosigkeit und das
theatrale Stilbewusstsein der
Band Schwefelgelb haben sie zu
den großen Newcomern auf den
internationalen Clubbühnen werden
lassen.Liveshows in Deutschland,
Tokyo, London, etc. haben
euphorisierte und verschwitzte
Fans hinterlassen. Die
körperfixierten Hard Beats kommen
mit einer umarmenden Gewalt über das Publikum. Sie werden
ergänzt mit mal zarter, mal verschrobener Poesie. Kleists
Sprache bildet die Grundlage für ihr Kleist-Konzert.
Schwefelgelb sind Sid und Eddy. 2008 erschien ihr Debutalbum „Alt und Neu“,
welches von der Kritik gefeiert wurde. Letztes Jahr haben sie mit
„Das Ende vom Kreis“ nachgelegt.
S.23
Ein Festkonzert für Heinrich von Kleist
Sing-Akademie zu Berlin
Die Gewalt der Musik
Über Kleists eigene musikalische Begabungen ließ Ludwig
Tieck wissen: „Er spielte mehrere Instrumente auf eine
ausgezeichnete Weise. Ohne Noten zu kennen komponierte
er Tänze, sang augenblicklich alles nach, was er hörte,
spielte zu Ende seines ersten Dienstjahres in einer von
Offizieren zusammengesetzten Musikbande die Klarinette.“
Doch wie steht es um die Vertonungen seiner Texte? Es ist
uns keine Komposition, die zu Lebzeiten Kleists entstanden
wäre, bekannt; später sagte Richard Strauss: „Kleist ist
unkomponierbar!“ An dieses Diktum hielten sich viele, aber
nicht alle seine Zeitgenossen und Nachfolger. Die SingAkademie zu Berlin hat in den letzten Monaten diverse
vergessene Kleist-Vertonungen aus der Feder bekannter und
unbekannter Komponisten in ihren Archiven wiederentdeckt,
darunter Bühnenmusiken von Felix Draeseke, Hugo Wolff oder
Wilhelm Taubert.Am 200.Todestag des Dichters werden sie
von der Sing-Akademie im Maxim Gorki Theater wieder zu
hören sein, darunter die Ouvertüre „In Memoriam Heinrich
von Kleist“ des Geigenvirtuosen Joseph Joachim, eine
„Schroffenstein“-Ouvertüre von Wilhelm Taubert oder der
„Gesang der Barden“ vom später weltberühmten Wilhelm Kempff,
der dafür die seltenen Altgermanischen Luren einsetzte.
Letztere Uraufführung endete damals aus bühnentechnischen
Gründen in einem Desaster und musste abgebrochen werden,
woraufhin Kempff vom deutschen Kaiser kurzzeitig in den PostDienst strafversetzt wurde. Nun wird das Werk zum Todestag
erstmals wieder gespielt. Außerdem hat die Sing-Akademie die
Komponisten Michael Wertmüller und Bo Wiget beauftragt, für
dieses Konzert je eine Kleist-Neuvertonungen zu schreiben.
Die Sing-Akademie zu Berlin gilt als der älteste gemischte Chor der Welt. Sie
wurde 1791 als Gesellschaft freier Bürger und „Kunstverein für die heilige
Musik“ gegründet. Erstmals in der Geschichte der Musik trafen sich Männer und
Frauen jeglicher Konfession, um gemeinsam alte und neue Kompositionen für
mehrere Stimmen zu singen. Damals wie heute ist die Sing-Akademie ein fester
Bestandteil des musikalischen Lebens in Berlin: „Hier feiern Enthusiasmus
und Engagement, ein glänzend singender Chor und die Bereitschaft zu
bürgerschaftlicher Förderung tatsächlich ein Fest.“ (Der Tagesspiegel)
S.24
Während des Kleistfestivals des Maxim Gorki Theaters Berlin
fällt der Startschuss für ein auf fünf Jahre angelegtes
Akustisches
Kleist-Denkmal
von Paul Plamper
„man sagt hier d. 21t Nov; wir wissen
aber nicht ob es wahr ist.“ schreibt
Heinrich von Kleist 1811, an seinem
Todestag aus dem Wirtshaus ‚Stimmings
Krug‘ am Kleinen Wannsee bei Berlin.
200 Jahre nach dem Doppelsuizid
entsteht an diesem Ort ein akustisches
Denkmal. Ausgestattet mit Kopfhörer
und Audioplayer können sich Besucher
auf dem Areal hörend und gehend
erschließen, was passiert ist. Je nach Standort hört man
Gespräche und überlieferte Aussagen der Boten, der Mägde,
des Wirts von Stimmings Krug und diverser Figuren, die in
den Vernehmungsprotokollen zu den Todesfällen auftauchen.
Zeitzeugen kommentieren auch die letzten Briefe, die Kleist
und Henriette Vogel aufgegeben haben. Es sind verstörende
Zeugnisse, in denen poetische Abschiede neben hastig notierten
Aufträgen an die Nachwelt stehen. Die Exaltiertheit dieses
Todes, das Entschwinden der beiden ‚Culturmenschen‘ erscheint
im Spiegel von Randfiguren und Zurückgelassenen. Das Projekt
thematisiert, wie es dazu kam, dass Kleist und Henriette
Vogel letztlich hier ihren Tod fanden. Wie bewusst war die
Symbolik des Settings? Wieviel Inszenierung spielte bei der
Wahl der Kulisse für den eigenen Tod eine Rolle? Die Besucher
können den Hintergründen und Ursachen des Suizids nachgehen
- ebenso dem Skandal, den er in der preußischen Gesellschaft
verursachte, sowie seiner Auswirkung auf Kleists Nachruhm.
Im heutigen Stadtraum spielt das Denkmal mit der Diskrepanz
zwischen Gehörtem und Gesehenem. Schichten von Ereignissen
und Bauten haben sich auf dem Terrain um das Kleistgrab
abgelagert, angesammelt. Zwischen Bootsheimen und Tiefgaragen
umkreist der Parcours die Themen Erinnerung und Tradierung;
erforscht, wie aus dem zunächst Unfassbaren verschriftlichte
Tatsachen und daraus Legenden geworden sind.
Paul Plamper (*1972) ist Hörspielmacher, Autor und Regisseur. Er arbeitete
unter anderem am Berliner Ensemble und der Volksbühne und inszenierte die erste
türkische Heiner-Müller-Aufführung am Stadttheater Istanbul. Seine Hörspiele
wurden vielfach ausgezeichnet - u.a. mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden für
RUHE 1 (WDR / Museum Ludwig 2008).
Gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes im Rahmen des Kleist-Jahres 2011.
S.25
Tickets
Bühnenvorstellungen
Preisgruppe: I = 34 Euro , II = 28 Euro, III = 22 Euro,
IV = 16 Euro, V = 10 Euro
Preise Gastspiele „Der Krieg“ und „Die Hermannschlacht“:
Preisgruppe: I = 37 Euro , II = 31 Euro, III = 25 Euro,
IV = 19 Euro, V = 13 Euro
Tickets
Jetzt!
Der Vorverkauf für ausgewählte Veranstaltungen
beginnt am 4. Februar 2011
Der Vorverkauf für das komplette Festival startet am
1. September 2011
Ermäßigungen für Frühbucher
Die folgenden Ermäßigungen bieten wir Ihnen ab sofort in
einem begrenzten Kontingent an – solange der Vorrat reicht!
Vielbucherrabatt 3
Beim Besuch von mindestens 3 Vorstellungen auf der Bühne
erhalten Sie 20 % Ermäßigung auf die regulären Preise
Vielbucherrabatt 5
Beim Besuch von mindestens 5 Vorstellungen auf der Bühne
erhalten Sie 30 % Ermäßigung auf die regulären Preise
Weiterhin gültige Ermäßigungen
Gruppenrabatt: Gruppen ab 10 Personen erhalten 20 % Ermäßigung auf die
regulären Preise (PK I – IV) +++ Abonnenten und Gorki Ticket Inhaber: Erhalten
bei unseren Repertoirevorstellungen im Rahmen des Kleistfestivals die üblichen
Ermäßigungen.+++ Schüler, Studenten, Auszubildende, Arbeitslose, Wehr-/
Zivildienstleistende zahlen 10 Euro. Gruppenermäßigungen für Schüler/Studenten
(So-Do) ab zehn Personen: 8 Euro. Ermäßigungen nach Verfügbarkeit und gegen
Vorlage des entsprechenden Ausweises.
Redaktionsschluss: 31. Januar 2011
Bildnachweise: S.6, S.11 Bettina Stöß; S.7 Andreas Pohlmann; S.8 Julian Röder;
S.9 Alexander Paul Englert; S.10 Thomas Aurin; S.17 Jan Peters
IMPRESSUM Herausgeber: Maxim Gorki Theater Berlin, Am Festungsgraben 2, 10117
Berlin. Intendant: Armin Petras, Geschäftsführender Direktor: Klaus Dörr,
Kurator: Arved Schultze; Produktionsleitung: Julian Kamphausen; Gestaltung:
Katja Strempel (M33); Druck: Tastomat Druck GmbH, Eggersdorf
S.26
Service
MAXIM GORKI THEATER BERLIN
Am Festungsgraben 2, 10117 Berlin
GORKI STUDIO BERLIN
Hinter dem Gießhaus 2, 10117 Berlin
www.gorki.de
KARTENVERKAUF UND SERVICE
Tel. 030.20221-115 zu den Öffnungszeiten der Theaterkasse
Online: www.gorki.de, E-Mail: [email protected]
ÖFFNUNGSZEITEN
Theaterkasse im Foyer des MGT Berlin:
Mo–Sa 12–18:30 Uhr, sonn- und feiertags 16–18:30 Uhr
BESUCHERSERVICE
Gruppenbestellungen/Spielplaninformationen
Tel. 030.20221-129, Fax: 030.20221-128,
E-Mail: [email protected]
Wir verfügen über 2 Rollstuhlplätze und eine
Schwerhörigen-Anlage.
ANREISE
S-Bahn Friedrichstraße oder Hackescher Markt, U-Bahn
Friedrichstraße, Bus 100, 200, TXL (Haltestelle „Staatsoper“),
Tram M1, 12 (Haltestelle „Am Kupfergraben“), Tiefgarage
Q-Park „Unter den Linden“, Bebelplatz (spezieller
Theatertarif für unsere Besucher: 5 Euro).
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