Biofeedback und Neurofeedback
bei Kindern und Jugendlichen
Einsatzmöglichkeiten in Klinik und Praxis
Dr. Dipl.-Psych. Barbara Timmer
Leitung Biofeedbackzentrum
Schön Klinik Roseneck
Btimmer@schoen-kliniken.de
30 Jahre Biofeedback in der Klinik Roseneck
2015
1987
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Biofeedback – Was ist das?
Normalerweise unbewusst ablaufende körperliche Prozesse
können durch die kontinuierliche Rückmeldung sichtbar und
Alles im
grünen
Bereich, oder?
wahrnehmbar gemacht werden.
Durch die Rückmeldung von Körpersignalen können
physiologische Prozesse willentlich beeinflusst und reguliert
werden.
Ein evidenzbasiertes Verfahren der Verhaltensmedizin, das in
der Prävention und Behandlung psychischer Störungen ein
wichtiger Baustein komplexer Behandlungspläne ist.
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Biofeedback in der Therapie von Kindern und Jugendlichen
Chancen und Möglichkeiten
Wahrnehmen
Durch das sofortige Feedback psychophysiologische Veränderungen wahrnehmen,
Stärkung der Selbstwahrnehmungsfähigkeit und des Bewusstwerdens
Erkennen
Erkennen von Zusammenhängen - „seeing is believing“ - Motivation schaffen
Verstehen
Das Zusammenspiel von Körper und Psyche, der eigenen Reaktionen und
Verhaltensmuster besser verstehen
Verändern
Lernen von Strategien zur Selbstregulation, aktiv Einfluss nehmen auf körperliche
Funktionen und Selbstwirksamkeit stärken – Erfolge sichtbar werden lassen
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Klinische Indikationsbereiche für Biofeedback bei Jugendlichen
ADS /ADHS
Ängste /
stressbezogene
Beschwerden
Kopfschmerzen /
chron. Schmerzen
Biofeedback
Indikationen
Schlafstörungen
Enuresis /Enkopresis
Dysregulation
autonomes
Nervensystem
Bruxismus
Neuromuskuläre
Rehabilitation
nach Culbert, 2003
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Klinische Indikationsbereiche von Biofeedback-Therapie bei Kindern
und Jugendlichen
ADS /ADHS
Ängste /
stressbezogene
Beschwerden
Kopfschmerzen /
chron. Schmerzen
Biofeedback
Indikationen
Schlafstörungen
Enuresis /Enkopresis
Dysregulation
autonomes
Nervensystem
Bruxismus
Neuromuskuläre
Rehabilitation
nach Culbert, 2003
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Kopfschmerzen vom Spannungstyp (KST)
Prävalenz bei Kindern und Jugendlichen:
• 52 % der Schulkinder leiden an Kopfschmerz vom Spannungstyp (Pothmann et al, 1994)
• Kopfschmerzprävalenz nimmt mit dem Alter zu (im Vorschulalter 20%, Ende
Grundschule mind. 50% mit Kopfschmerzerfahrungen)
• 1,4 % aller Jugendlichen ab dem 12. Lebensjahr haben einen chronischen KST
• insgesamt hat die Kopfschmerzhäufigkeit in den letzten 30 Jahren zugenommen
Risikofaktoren für Kopfschmerzen bzw. deren Chronifizierung bei Kindern und
Jugendlichen:
• dysfunktionale familiäre Situation
• physische/psychische Misshandlungen
• regelmäßiger Alkohol-, Koffein- und Nikotingenuss
• geringe körperliche Aktivität
• Mobbing im sozialen Umfeld
• unfaire Behandlung in der Schule
• unzureichende Freizeit (Straube, 2013)
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Pathophysiologie von Kopfschmerzen vom Spannungstyp
Pathophysiologie des KST:
• größtenteils nicht geklärt, multifaktorielles Geschehen
• beim episodischen KST stehen periphere, beim chronischen KST zentrale
Schmerzmechanismen im Vordergrund
• Annahme, dass erhöhte muskuläre Anspannung und fortgesetzter schmerzhafter
Input von myofaszialen Geweben die zentralen schmerzverarbeitenden Systeme
sensibilisiert, so dass die Balance zwischen peripherem Input und zentraler
Modulation gestört ist (Jensen et al., 1998)
Dysfunktionale Muskelaktivität
• Kopfschmerzpatienten zeigen häufig stärkere belastungskontingente EMG-Aktivität,
höhere Absolutwerte und verzögerte Erregungsrückbildung unter Stress
• Propriozeptives Defizit: Wahrnehmungsdefizit für muskuläre Anspannung (Flor et al.,
1999)
Aber: „Dysfunktionale Muskelmehrarbeit ist eine notwendige, aber keine
hinreichende Bedingung der Myogenie der Kopfschmerzen!“ (Bischoff et al., 1999)
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Therapierational und Inhalte der Biofeedback Therapie bei
Kopfschmerzen
•
Kopfschmerzanamnese und –diagnostik,
Psychoedukation, Kopfschmerzkalender
•
Erstellung eines psychophysiologischen Stressprofils /
ggf. nächtliche Bruxismusdiagnostik
•
Demonstration psychophysiologischer
Zusammenhänge und Erarbeitung eines individuellen
Krankheitsmodells
•
Reduktion des Muskeltonus und Verringerung
muskulärer Reaktivität unter Stress
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Therapierational und Inhalte der Biofeedback Therapie bei
Kopfschmerzen
•
Muskuläre Anspannung gezielt senken lernen und Wahrnehmungsfähigkeit für
muskuläre Anspannung schulen („Berge malen“)
•
Förderung der allgemeinen Entspannungsfähigkeit
•
Erarbeiten und Einüben von spezifischen Strategien der Stress- und
Schmerzbewältigung
•
Integration und Transfer in den Alltag
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Einblick in die Praxis: Fallbeispiel
Michelle, 16 Jahre
Diagnosen:
Mittelgradige depressive Episode
Chronischer Kopfschmerz vom Spannungstyp
Migräne
Schmerzanamnese:
• Kopfschmerzen seit mind. 10 Jahren, täglicher Kopfschmerz vom Spannungstyp,
„helmartiger Kopfschmerz“, holocephal, beidseitig, zudem frontotemporaler
Druckschmerz / Migräne ca. 1 - 3 x monatlich, keine klare Differenzierung möglich
•
keine Analgetika oder Triptane
•
deutliche Zunahme der Kopfschmerzintensität seit einer „Mobbingsituation“ in der
Schule vor 6 Monaten, aktuell nicht schulfähig
•
Ausgeprägtes Leistungsstreben und hohes Kontrollbedürfnis („Ich drehe durch, wenn
ich nicht 100% Kontrolle habe“)
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Therapieverlauf Fallbeispiel
Sitzung 2: Psychophysiologisches Stressprofil
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Therapieverlauf
Sitzung 4: Entspannungskontrolle und angewandte Entspannung unter Anforderungsbedingungen
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Wissenschaftliche Evidenz von EMG-Biofeedback bei chronischen
Kopfschmerzen
Metaanalyse von Nestoriuc, Martin & Rief (2008)
•
Einbezug von 53 Studien mit 1143 Pat., Ø Erkrankungsdauer von 14 Jahren
•
mittlere Prä-Post-Effektstärke von 0.73 für Reduktion der Kopfschmerzsymptomatik
bei durchschnittlich 11 Therapiesitzungen
•
Effektivität bei Kindern und Jugendlichen ist mit d = 1,19 deutlich höher (9 Studien);
übereinstimmend mit weiteren Metanalysen (Eccleston et al., 2002; Trautmann et al.,
2006)
•
Zudem: Hohe Patientenakzeptanz (niedrige Drop-Outraten ) und langfristige
Stabilität des Behandlungserfolgs (Ø 15 Monate Katamnesen), Hinweise auf
physiologische und psychologische Wirkfaktoren
•
Die Deutsche Kopfschmerz- und Migränegesellschaft empfiehlt
Biofeedback als effektivste nichtmedikamentöse Kopfschmerzbehandlung
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AD(H)S Symptomatik
Kernsymptomatik ADHS:
• Unaufmerksamkeit
• Impulsivität
• Hyperaktivität
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AD(H)S Symptomatik
Prävalenz:
•
Prävalenz von etwa 5 % im Alter von 3 – 17 Jahren, bei Jungen viermal häufiger
diagnostiziert als bei Mädchen (Schlack et al., 2007)
•
bei etwa 60% der Betroffenen bleiben wesentliche Symptome der ADHS auch im
Erwachsenenalter bestehen (Wender et al., 2001)
•
80% der Kinder mit ADHS zeigen komorbide Störungen des Sozialverhaltens,
emotionale Störungen oder Entwicklungsstörungen (Gilberg et al., 2004)
Erhöhtes Risiko
•
für schulische/berufliche Probleme
•
•
schlechtere soziale Integration
für Substanzmißbrauch/-abhängigkeit und Delinquenz (Kessler, 2006; Barkley et al.,
2004)
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Pathophysiologie von AD(H)S
Pathophysiologie von AD(H)S:
•
•
•
Neurobiologisch heterogenes Störungsbild
•
Dysfunktion in emotionalen Regelkreisen: Störung in der Affektregulation größtenteils
nicht geklärt
Störung von Neurotransmittersystemen: Dopamin, Noradrenalin, Serotonin
Dysfunktion in frontalen Regelkreisen: exekutive Dysfunktion = Störung in Planung
und Kontrolle von Handlungen und Motorik
Neurophysiologische Befunde:
•
AD(H)S-Betroffene zeigen im EEG einen höheren Anteil von Aktivität im Theta-Band
und einen geringeren Anteil von Aktivität im Beta-Band als Gesunde
•
•
Zudem niedrigerer Anteil hoher Alpha-Frequenzen und reduzierte SMR-Aktivität
Defizite in Aufmerksamkeitssteuerung (reduzierte CNV), Annahme einer
dysfunktionalen Regulation energetischer Ressourcen
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EEG-Frequenzbänder und mentale Zustände
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Therapierational und Inhalte der Neurofeedback Therapie bei AD(H)S
•
Standardisierte EEG-Ableitung unter Ruhe- und Arbeitsbedingungen zur
Spezifizierung des Trainingsprotokolls
•
Frequenzbandtraining: langsame Theta-Frequenzanteile (4-8 Hz) hemmen, schnelle
Frequenzanteile verstärken (SMR, Lo-Beta) – einen fokussiert-aufmerksamen,
entspannten und wachen Zustand erreichen lernen
•
SMR-Frequenzbandtraining bei ausgeprägter motorischer Hyperaktivität
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Therapierational und Inhalte der Neurofeedback Therapie bei AD(H)S
•
Veränderung der Hirnaktivität durch operante Konditionierung (Versuchs-IrrtumsLernen)
Lernen am Erfolg
•
Einüben von spezifischen Strategien zur Erhöhung der Aufmerksamkeit
•
Integration und Transfer in den Alltag durch klassische Konditionierung
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NFB bei Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S
Trainerbildschirm
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Patientenbildschirm
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Einblick in die Praxis: Fallbeispiel
Antonia, 17 Jahre
Diagnosen:
Anorexia nervosa
rez. depressive Störung, gegenwärtig schwere Episode
V.a.soziale Phobie
Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADS)
ADS-Anamnese:
• ADS bereits in Kindheit diagnostiziert, beschreibt ständiges Abschweifen,
Tagträumen und Unkonzentriertheit als Hauptprobleme der ADS
• Ausgeprägte selbstabwertende Gedanken bezüglich der eigenen kognitiven
Leistungsfähigkeit
• Bislang keine ADS-Medikamente oder andere ADS-spezifische Behandlungen
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Wissenschaftliche Evidenz von Neurofeedback bei AD(H)S
Stand der Forschung
•
Erste NFB Studie 1976 von Lubar & Shouse
•
Vielzahl an neuen randomisiert-kontrollierten Studien und Forschungsarbeiten zum
Frequenzband- und SCP-Training bei AD(H)S
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Wissenschaftliche Evidenz von Neurofeedback bei AD(H)S
Zusammenfassung
Metaanalyse von Arns, de Ridder, Strehl, Breteler & Coenen, 2009:
718 Kinder mit ADHS/ADS aus 15 Studien, Veränderungen in den Erfolgsmaßen:
– Unaufmerksamkeit d = 1.02
– Hyperaktivität d = 0.7
– Impulsivität d = 0.93
Metaanalyse von Hodgson, Hutchinson & Denson, 2014:
“NF kann effektiv ADHS Symptome bei Kindern mit ADHS reduzieren und kann als
evidenz-basiertes Training empfohlen werden”
NF ist eine effektive und spezifische Therapie; bessere oder vergleichbare
Effekte wie Pharmakotherapie (z.B. Duric et al., 2012; Meisel et al., 2013)
Aber:
Bedarf an Kontrolle der Spezifität durch placebo-kontrollierte DoppelblindStudien sowie an größeren Stichproben
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Fazit
•
Bio- und Neurofeedback sind als integrale Bestandteile einer Verhaltenstherapie sehr
gut in ein multimodales Therapiekonzept integrierbar
•
sehr hohe Akzeptanz auch bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen
•
insbesondere bei den Indikationen Kopfschmerz und AD(H)S ist eine hohe
empirische Evidenz gegeben und Bio- und Neurofeedback gilt als wichtiger klinisch
wirksamer nichtmedikamentöser Baustein einer multimodalen Therapie
Aber:
•
Spezifische Wirksamkeit ist unzureichend geklärt – Selbstwirksamkeit,
Selbstregulationsfähigkeit oder physiologische Veränderung oder?
•
starke Diskrepanz zwischen potenzieller Effektivität und therapeutischer
Verfügbarkeit in der Praxis
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Möglichkeiten von Biofeedback in der kinder- und
jugendpsychiatrischen Praxis

Zusammenspiel von Körper und Psyche besser verstehen

Erlernen von Kontrolle über Körperfunktionen

Verbesserung der Entspannungsfähigkeit

Verbesserung der Wahrnehmung körpereigener
Prozesse
Auch einfache und kostengünstige Kleingeräte
erlauben ein spielerisches Experimentieren und
Üben im häuslichen Umfeld
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Für den Alltag wünsche ich Ihnen und Ihren Patienten…
xc
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Für Ihre Aufmerksamkeit!