Tag der Kreuzigung des Herrn: Karfreitag 29. März 2013 Liebe

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Predigten – von Pastorin Julia Atze
Tag der Kreuzigung des Herrn: Karfreitag
29. März 2013
Liebe Gemeinde,
wie soll man sich diesem Geschehen, dem Karfreitagsgeschehen, nähern? Wie sich
ins Verhältnis setzen zu dieser Geschichte, die am Ende so zum Himmel schreit?
Die in scheinbar auswegloser Dunkelheit endet? Kein verborgener Lichterglanz
weist auf Hoffnung, oder gar auf Erlösung, hier ist alles Dunkelheit. Hier ist alles in
Gottverlassenheit.
Auch in den Gesichtern derer, die dabei sind, zeichnet sich nichts als Gottferne aus:
Abgestumpfte Blicke der Soldaten. Gerade eben haben sie Eisennägel in warme
Hände geschlagen, in nackte Füße. Ihnen klebt noch das Blut an den Fingern und
an ihren Kleidern. Aber schon ist man wieder mit anderem beschäftigt. Kreuzigen ist
eine schwere und harte Arbeit, und der Lohn ist alles andere als gut. Also macht
man sich über die Sachen des Opfers her. Dass der Sterbende direkt über ihren
Köpfen hängt, stört sie nicht weiter. Sie würfeln. Sie spielen, sie grölen, sie trinken.
Abgestumpft eben.
Und was ist mit den anderen, die dabei sind? Mit den Menschen, die vorübergehen?
Die Spötter bleiben stehen und rufen: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann hilf dir
selber!“ Was treibt sie wohl dazu, so gemein, so böse zu sein? Vielleicht
Enttäuschung? So viel hatte man sich erhofft. Endlich sollte alles besser werden.
Endlich ein Mann, der den kleinen Leuten Gerechtigkeit verschaffen sollte. Und
dann - nichts als Scheitern und Schwäche. Die ganze Enttäuschung, die ganze Wut
über die verlorene Hoffnung, die ganze Verzweiflung bricht sich Bahn. Seine
eigenen Worte werden gegen ihn gewandt: Hast du nicht gesagt, dass du den
Tempel abbricht und baust ihn auf in drei Tagen? Na dann! Dann wirst du wohl auch
von diesem lächerlichen Kreuz herunter steigen können!
…
Predigten – von Pastorin Julia Atze
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Ja, und dann sind da noch die Räuber, rechts und links. Selber ans Kreuz gehängt.
Auch sie stimmen ein in den Chor der Spötter. Vielleicht ist es eine Genugtuung,
dass er auch nicht besser dran ist als sie. Vielleicht bestätigt er ihnen, was sie
schon immer wussten: es gibt keine Güte und es gibt keinen Gott! Und sie fallen
über ihn her, schadenfroh und tot traurig zugleich.
Liebe Gemeinde, dieser Spott, diese Verhöhnung! Wenn du der Sohn Gottes bist –
steig doch herab, ruft man dem Sterbenden zu, der sich im Todeskampf quält –
mich lässt das schaudern. Was diese Menschen vor der Kulisse des sterbenden
Christus alles tun und sagen... Wenn du Gott bist, dann steig doch herab!
Aber Jesus steigt nicht herab. Und keine Engel kommen, um ihn auf Händen vom
Kreuz zu tragen, und der Himmel tut sich nicht auf. Er steigt nicht herab, sondern er
hängt dort. Und wimmert vor Schmerzen. Und er schreit in seiner Einsamkeit und
seiner Todesangst. Warum? Warum hast du mich verlassen, mein Gott?
Und kein Wunder geschieht. – Er stirbt mit einem Schrei. Mit einem Schrei der
totalen Verzweiflung. Da wird nichts inszeniert, da wird nichts vollbracht, was zu
erfüllen ist - da wird elendig gestorben - schmerzverzerrt und verzweifelt. Und
menschlich, abgrundtief menschlich.
Ja, er war ein Mensch. Geboren von einer Frau, er lernte laufen und sprechen, er
hatte Hunger und Durst, er konnte geliebt und verraten werden. Er konnte lachen
und weinen und sich empören, und er bat am Ende: verschone mich! Aber es gab
kein Wunder, es hat ihn getroffen, wie es uns trifft. Er war ein Mensch.
Gott hat die Gesichtszüge eines Menschen angenommen. Mit allem, was dazu
gehört: Einsamkeit, Verlassenheit, Angst. Gott zeigt in dem Gesicht des Jesus von
Nazareth sein wahres Wesen. Er entmachtet sich selbst. Dieser Gott legt sich mit
uns aufs Sterbelager. Und er teilt in der letzten Stunde der Angst mit uns die eine
alte Frage: Warum? Warum muss ich sterben? Und warum allein? Er stürzt mit uns
in die Endlichkeit. Das ist das Ende der Erhabenheit.
Die Passionsgeschichte beim Evangelisten Matthäus geht aber noch weiter. Nach
diesem Moment, in dem die Welt den Atem anzuhalten scheint, bricht es los:
…
Predigten – von Pastorin Julia Atze
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„Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten
aus. Und die Erde erbebte, und die Felsen zerrissen, und die Gräber taten sich auf,
und viele Leiber der Entschlafenen Heiligen standen auf und kamen in die heilige
Stadt. ...
Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten, das Erdbeben sahen
und was da geschah, da erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist
Gottes Sohn gewesen!“
Der Moment des Todes ist der Moment der Wende. Der Vorhang im Tempel
zerreißt und was heilig ist, wird jäh sichtbar und vor aller Augen steht die Zukunft.
Wie ein Gemälde von dem, was kommen wird: Jerusalem, die neue Stadt. Die
Auferstehung der Toten. In diesem Wetterleuchten wird plötzlich sichtbar, dass der
Tod Jesu ein Ziel hat. Er ist nicht nur eine weitere Variation im Scheitern guter
Absichten. Er ist nicht die letztgültige Bestätigung der Schwäche Gottes. Die Absicht
Gottes mit unserem Leben wird sichtbar. Dass die Toten nicht tot bleiben, dass es
einen neuen Himmel geben wird und eine neue Erde.
Die Wächter sind erschüttert. Die Wächter am Kreuz, die den Leichnam bewachen
sollten. Aber vielleicht auch die Wächter im Innern, die das eigene Herz bewachen.
Die Wächter, die unablässig darauf achten, dass wir „realistisch“ bleiben, die
Wächter, die die tödlichen Tatsachen bewachen: dass es keine Hoffnung gibt, dass
jeder sich selbst der Nächste ist. Dass, wer tot ist, tot bleibt. Diese Wächter sind
erschüttert von diesem Beben, das die Wahrheit sichtbar macht und sie erkennen
lässt: „Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ Nach dem Beben ist der Blick auf
die Wahrheit frei. Seht hin! Der Tod ist nicht das Ende.
Amen.
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