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AUSGABE
Juli, August, September
Gender
3 2015
Editorial
Liebe Leserin, lieber Leser,
Der Buddhismus hat sich in Asien in durchweg patriarchalen Gesellschaften entwickelt, und mit diesen kulturellen Prägungen ist er in den Westen gelangt. In unseren
Begegnungen damit haben wir es mit diesem Erbe zu tun
– in den Lehren wie in den Institutionen. Aber wir beziehen uns darauf auch vor dem Hintergrund unserer eigenen Prägungen, zudem neigen wir dazu, unsere Präferenzen und Sichtweisen begeistert in anderen Kulturen oder
spirituellen Traditionen „wiederzufinden“.
Einem Freund zeigte ich ein gerade erschienenes englisches Buch über Frauen im Buddhismus. Er warf einen
kurzen Blick darauf und sagte höflich: „Für Frauen ist
das sicher ein wichtiges Buch.“ Dass es auch für ihn interessante Aspekte enthalten könnte, kam ihm nicht in den
Sinn. Bücher, in denen es schwerpunktmäßig um die
weibliche Hälfte der Menschheit geht, gelten immer noch
als Frauenbücher; solche, in denen nur oder fast nur die
männliche Hälfte zu Wort kommt, aber keineswegs als
Männerbücher. Sie stehen für das Allgemeine, sind Bücher über den Buddhismus oder einfach Dharma-Bücher.
Noch immer spricht man im Zen vielfach von den ZenPatriarchen, auch wenn der japanische Begriff busso richtigerweise mit Buddha-Ahne zu übersetzen wäre und sich
der „Patriarch“ einzig den Bemühungen christlicher Missionare verdankt, den Status der Buddha-Ahnen so auszudrücken, dass er sich für den christlichen Abendländer
einordnen ließ. „Frauen können genauso gut wie Männer
Erleuchtung erlangen“, heißt es oft, auch von westlichen
Lehrenden, doch beinhaltet das „genauso gut“ nicht, dass
Männer hier immer noch als Maßstab gelten? Eine der
buddhistischen ethischen Richtlinien beinhaltet das Absehen von sexuellem Fehlverhalten. Einigen klassischen
tibetisch-buddhistischen Schriften zufolge gehören dazu
gleichgeschlechtliche Sexualität, wie auch – sogar bei verheirateten (heterosexuellen) Menschen – der Oral- und
Analverkehr sowie die Masturbation. Zum Teil wird dies
auch von heutigen Lehrern noch vertreten. Warum sollte
der Buddhismus hier auch anders werten als der Vatikan,
mag man einwenden, wo gerade von dort die mehrheitliche Zustimmung der Iren zur Homo-Ehe als „Niederlage
für die Menschheit“ bezeichnet wurde. Sexismus und
Heterosexualität als soziale Norm sind sicherlich Bestandteile patriarchaler Religionen, aber sie gehören
auch zu unserer westlichen Kultur. Und das, was einem
zutiefst selbstverständlich geworden ist, nimmt man oft
gar nicht mehr wahr als etwas, das auch ganz anders sein
könnte.
Dies wollen wir mit dem vorliegenden Heft zum
Schwerpunkt „Gender“ ändern und einige der blinden
Flecken sichtbar und durchlässiger machen. Der ursprünglich englische Begriff gender betont, im Unterschied zu
sex, dass Geschlecht auch eine soziale Kategorie ist. Als
Menschen sind wir vor allem soziale Wesen, und die Biologie ist, wie neuere Forschungen zeigen, weit weniger
eindeutig als weithin angenommen. Auch in traditionellen Kulturen gab und gibt es sexuelle Mehrdeutigkeit, so
bei den Hijras, die in Südostasien als Mitglieder eines
„dritten Geschlechts“ angesehen werden; in Albanien, wo
Frauen unter bestimmten Umständen als Männer leben,
in Afghanistan, wo zum Teil Mädchen als Jungen aufgezogen werden. Normativität ist eine sehr moderne Erfindung und verdankt sich der Idee, dass der statistische
Durchschnitt die Norm bestimmt. Verstehen wir Geschlecht als soziales Konstrukt, öffnet das den Blick auf
Fragen von Macht und Hierarchie, von Deutungshoheit,
aber auch von möglicher Freiheit – für Frauen und für
Männer. Und in dieser Freiheit können wir uns in der Fülle unserer Lebendigkeit und in Wertschätzung begegnen –
von Mensch zu Mensch, jenseits von begrenzenden Geschlechterkonstrukten, die bei genauer Betrachtung oft
wie ein schlecht sitzender Anzug oder ein zu knapp geratenes Kleid wirken.
Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre und viele
schöne, warme Sommertage
Ihre Ursula Richard
Chefredakteurin
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3
Inhalt
SCHWERPUNKTTHEMA
GENDER
Herausgeberin:
Deutsche Buddhistische Union
Buddhistische
Religionsgemeinschaft
Traditionsübergreifender
Dachverband buddhistischer
Gruppen in Deutschland
Netzwerk buddhistischer
Gemeinschaften
© Olivier Adam
© dharmarobert
Neutrale Auskunftsstelle
AKTUELL
7
Hilfe für Nepal
Zusammengestellt von Traudel Reiß
9
BuddhaGarten 2015 auf der
Landesgartenschau Rheinland-Pfalz
in Landau
Von Anna Elisabeth Bach
P O RT R Ä T
12 Vom Bauernkind zum Superstar
Zum 80. Geburtstag S. H. des Dalai Lama
15 „Seine größte Erfüllung ist, anderen
zu dienen“
Gespräch mit Christof Spitz, der seit über
20 Jahren für den Dalai Lama dolmetscht
17 „Sich um den Geist kümmern und
nicht um die Religion“
Birgit Stratmann über S. H. den Dalai Lama
GENDER
19 Worte des Buddha
Zusammengestellt und übersetzt
von Alfred Weil
20 Wie das Festhalten an der
Geschlechteridentität die Erleuchtung
untergräbt
Von Acharya Rita M. Gross
26 Geschlecht ist vor allem ein soziales
Konstrukt
Von Karmapa Ogyen Trinley Dorje
30 Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Mann …
Von Sylvia Wetzel
33 Sprache und Geschlecht – oder gibt es
nichts Wichtigeres?
Von Ursula Richard
34 Und manche Leute mögen beides …
Von Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche
52 Ruth Denison, Pionierin des
Buddhismus im Westen
Eine Würdigung von Frank Leder und
Annabelle Zinser
64 Aus dem tibetischen Hochland ins Exil:
Auf verschlungenen karmischen
Wegen in ein Schweizer Pflegeheim
Von Mirjam Lüpold
4
BUDDHISMUSaktuell 3 | 15
46 Alles fließt
Von Susanne Billig
59 Mannomann!
Beobachtungen von Uwe Spille
62 Die fünf verborgenen Yoginis
von Andrea Liebers
© www.tsoknyirinpoche.org
© Pasquale Vitiello
GESPRÄCHE
36 Buddhismus und lesbischfeministische Identität sind kein
Widerspruch
Mit Frauen des Netzwerks
„Lesben und Buddhismus“
MAGAZIN
75 Nachrichten
96 DBU-Mitgliedsgemeinschaften
98 DBU-Rat | Impressum
40 Erleuchtung ist Intimität mit
allen Dingen
Mit der Zen-Lehrerin Diane Musho Hamilton
47 Es geht ums Mitgefühl
Mit dem buddhistischen Mönch Ajahn Brahm
60 Mit Geduld und Verständnis ist
vieles möglich
Mit Bhante Analayo
WA S U N S N Ä H RT
Vorschau Buddhismus aktuell 4|15
66 Vom Teilen
Von Marietta Schürholz
E LT E R N S E I T E
68 Haushälters Schweigen
Von Uwe Spille
A U S D E R W E LT D E R M E D I E N
69 Buchrezensionen
HANDELN / NICHT-HANDELN
Niko Paech über die Dosis, die das Gift macht
Roshi Pat Enkyo O‘Hara über Handeln aus
innerer Verbundenheit heraus
Matthieu Ricard über Altruismus und Glück
Wilfried Reuter über den richtigen Zeitpunkt,
zu handeln und nicht zu handeln
Auch an ausgewählten Kiosken und fast überall im Bahnhofsbuchhandel erhältlich!
Abo-Bestellungen: [email protected]; Einzelheft, Print und
Digital, sowie Probeheft: [email protected]
(siehe Impressum S.98)
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5
— PORTRÄT —
80.
ZUM
GEBURTSTAG
S. H. DES XIV. DALAI LAMA
VOM BAUERNKIND ZUM
SUPERSTAR
12
BUDDHISMUSaktuell 3 | 15
FOTOS: OLIVIER ADAM
— PORTRÄT —
80.
ZUM
GEBURTSTAG
S. H. DES XIV. DALAI LAMA
D
er heute weltbekannteste Buddhist und Tibeter, der XIV. Dalai Lama Tenzin Gyatso, wurde
am fünften Tag des fünften Monats im weiblichen Holz-Schwein-Jahr (entsprechend am
6. Juli 1935) als Sohn einfacher Bauern in
Taktser in Amdo (Nordosttibet) geboren. Sein
Geburtsname war Lhamo Dhöndup (wunscherfüllende Göttin). Dass Jungen Mädchennamen bekommen, war in jenem
Teil Tibets nicht unüblich.
Seine Mutter, Dekyi Tsering (1900–1981), die der Dalai
Lama immer als eine der gütigsten Personen in seinem Leben
bezeichnet, hat 16 Kinder zur Welt gebracht, von denen neun
jung starben. Seinen Vater, Chökyong Tsering (1899–1947),
hat der Dalai Lama als jähzornig beschrieben.
Über ihn wissen wir sonst wenig. Feststeht,
dass er jung starb, wahrscheinlich im Zusammenhang mit dem „Staatsstreich“ vom Frühjahr 1947. Um das Gleichgewicht der Machtverhältnisse unter den Elitenfamilien aufrechtzuerhalten, wurden früher in Tibet die
Verwandten eines lebenden Dalai Lama von
öffentlichen Ämtern bewusst ausgeschlossen.
Mangels geeigneter Führungskräfte im Exil
bekleideten Angehörige des XIV. Dalai Lama,
so auch die meisten seiner sechs Geschwister,
jedoch öffentliche und auch Regierungsämter.
war den neuen „Herren“ Tibets gar nicht genehm, denn aus
ideologischen Gründen beanspruchten sie für sich das alleinige Recht zur Durchführung von Reformen. Im Winter 1949
fiel die Volksbefreiungsarmee in Amdo ein, im Oktober 1950
dann in Kham. Anschließend wurde Tibet 1951 das „17-Punkte-Abkommen zur Friedlichen Befreiung“ aufgezwungen. Vorerst existierten das traditionelle und das kommunistische
System parallel nebeneinander. Der junge Dalai Lama schloss
seine religiöse Ausbildung ab und verteidigte während des
Großen Mönlam-Festes im Frühjahr 1959 erfolgreich öffentlich seine Geshe-Prüfung. Als die chinesische Militärkommandantur ihn ohne seine bewaffnete Leibgarde zu einer chinesischen Theateraufführung einlud, löste diese Nachricht Panik
in der Bevölkerung aus. Am 10. März 1959
brach ein Volksaufstand aus. Am 17. März
verließ der Dalai Lama dann mit seinem
Gefolge das Land in Richtung Indien. Nach
der blutigen Niederschlagung des Aufstandes war das alte Tibet schon Ende März nur
noch Geschichte.
So schmerzhaft dies für die Tibeter gewesen sein mag, bot es doch eine Gelegenheit, die tibetische Gesellschaft zu erneuern.
Weil dem größeren Teil der konservativen
Kräfte entweder die Flucht nach Indien
nicht gelang oder sie sich freiwillig für eine
1939, im Alter von 4 Jahren in
Zusammenarbeit mit China entschieden,
Kumbum, Amdo, Tibet
Nach dem Tod des XIII. Dalai Lama kam der
konnte der aufgeschlossene junge Dalai
Regent Reting Rinpoche nach zahlreichen Visionen und Deu- Lama nun nach dem Zerfall der alten Ordnung seine Vision
tungen zu dem Schluß, dass die Reinkarnation in Nordostti- eines modernen Tibets im indischen Exil verwirklichen. Klug
bet zu suchen sei. Eine Suchkommission traf in Taktser den
und entschlossen nutzte er die Gunst der Stunde, um die tibeJungen und war sofort davon überzeugt, dass er später als
tische Gesellschaft zu demokratisieren. 2011 war es dann
die gesuchte Reinkarnation anerkannt werden würde. Schon
soweit. Dr. Lobsang Sangay wurde durch allgemeine Wahl
damals, in den 1930er-Jahren, stand die Heimat des gegen- zum Sikyong, dem Premierminister der Tibetischen Zentralwärtigen Dalai Lama unter der Herrschaft eines chinesi- verwaltung, gewählt und der Dalai Lama übertrug ihm vollschen Militärmachthabers, und das Ergebnis der Suche blieb
ständig die politische Verantwortung.
nicht unentdeckt. Erst nach Zahlung von 300 000 SilberDollar konnte Lhamo Dhöndup 1939 nach Lhasa ziehen. Die Lebensaufgabe des Dalai Lama lässt sich in drei VerNach seiner Inthronisierung als XIV. Dalai Lama unter dem
pflichtungen zusammenfassen: Als Mensch fördert er eine
Namen Tenzin Gyatso führte er ein Leben nur unter Erwach- säkulare Ethik oder menschliche Werte wie Mitgefühl, Vergesenen; abgeschieden und streng erzogen absolvierte er das
bung, Toleranz, Zufriedenheit und Selbstdisziplin; als budtraditionelle Studium.
dhistischer Mönch fördert er Harmonie und Verständnis
Angesichts der Drohung seitens der eben ausgerufenen
unter den großen Weltreligionen sowie den Dialog zwischen
Volksrepublik China, Tibet ins „Mutterland“ zurückzuholen, Wissenschaft und Religion; und als Dalai Lama setzt er sich
musste der minderjährige Dalai Lama 1950 frühzeitig die
für das Anliegen Tibets und des tibetischen Volkes sowie für
Regierungsgeschäfte übernehmen. Als Erstes setzte er eine
den Erhalt der tibetisch-buddhistischen Kultur ein, eine KulKommission ein, die eine Reihe von Reformen einleitete. Das
tur des Friedens und der Gewaltlosigkeit. Die Maxime der
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13
— GENDER —
GESCHLECHT IST VOR ALLEM
EIN SOZIALES KONSTRUKT
Das Geschlecht formt zutiefst unsere Erfahrungen
und unser Selbstbild. Aber es ist ein Konstrukt,
so der Karmapa Ogyen Trinley Dorje, ein Produkt
unseres Geistes. Wir sollten uns dadurch nicht
beschränken lassen.
„Für mich zählt die Fähigkeit, vom
Herzen her zu sprechen und
sanft und fürsorglich zu sein.
Ob sie als männlich oder weiblich
kategorisiert wird, interessiert
mich nicht.“
© pixabay.com | qiye
G
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BUDDHISMUSaktuell 3 | 15
eschlechteridentitäten durchdringen so viele unserer Erfahrungen, und man könnte leicht vergessen, dass es sich nur um Vorstellungen handelt −
Vorstellungen, um Menschen zu kategorisieren.
Männlich und weiblich werden oft wie Kategorien mit ewiger
Gültigkeit eingesetzt. Doch das sind sie nicht. Sie besitzen keine objektive Realität. Geschlecht ist ein Konzept und daher
ein Produkt unseres Geistes − es hat keine absolute und vom
Geist, der es erdacht hat, unabhängige Existenz. Geschlechteridentitäten haben keine inhärente, aus sich selbst heraus
existierende Wirklichkeit.
Nichtsdestotrotz formt das Geschlecht unsere Erfahrungen und unser Selbstbild. Wir konstruieren unterschiedliche
Identitäten für Mann und Frau und halten an ihnen fest.
Obwohl sie keine objektive Realität besitzen, haben unsere
Geschlechteridentitäten Konsequenzen für unseren Platz in
der Gesellschaft. Sie beeinflussen, wie viel Lohn wir für eine
Arbeit bekommen und welche Rolle wir zu Hause in der Familie spielen. Sie nehmen Einfluss darauf, welche Aspekte unserer Persönlichkeit wir gern ausdrücken und welche nicht. Sie
können die Kleidung bestimmen, die wir tragen, und sie
haben Konsequenzen für unsere Beziehung zu unserem eigenen Körper. Die Gesellschaft nimmt die Unterscheidung von
männlich und weiblich sehr ernst. Ganze Industrien verstär-