HOMO AUTOMATICUS - Der Monolog des Adramelech

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Österreichpremiere
HOMO AUTOMATICUS - Der Monolog des Adramelech
Von Valère Novarina, sehr frei nach dem 1. Buch Mose
Übersetzung aus dem Französischen und Regie: Leopold von Verschuer
Eine Produktion von Textarbeiter Berlin, Theaterdiscounter Berlin & Fundamental Luxemburg
© Dejan Patic
Österreichpremiere: Di 21. April 2015, 20 Uhr
Vorstellungen: Fr 24., Di 28. (im Anschluss Publikumsgespräch mit Vàlere Novarina und
Leopold von Verschuer) und Mi 29. April 2015, 20 Uhr
Im TAG – Theater an der Gumpendorfer Straße
Es spielt: Leopold von Verschuer
Übersetzung aus dem Französischen, Regie und Ausstattung: Leopold von Verschuer
Licht: Hans Egger
Technik: Andreas Nehr, Frank Fetzer
Le Monologue d’Adramélech von Valère Novarina, erstmals 1975 in einer Zeitschrift abgedruckt, erschien dann
als Teil des Theaterstücks Le Babil des classes dangereuses (Das Gebrabbel der gefährlichen Klassen) 1978
bei Christian Bourgois, und 1989 im Band Théâtre im Verlag P.O.L., Paris, der bis heute das Gesamtwerk des
französisch-schweizerischen Autors verlegt.
Durch die Uraufführung 1984 im Théâtre de la Bastille im Rahmen des Pariser Festival d’Automne legte der
große Schauspieler André Marcon (u.a. Grübers Pariser Danton) den Grundstein für die beispiellose
Erfolgsgeschichte eines „unmöglichen“ Autors im europäischen Theater. Mit zahlreiche Uraufführungen beim
Festival d’Avignon, 2012 Hausautor am Pariser Odéon-Théâtre de l’Europe und seit 2007 im offiziellen
Repertoire der Comédie Française, nannte Patrice Chéreau Novarina den „wichtigsten französischen
Theaterautor nach Koltès Tod“. Nachgespielt von Mailand bis Los Angeles, erfuhr sein ADRAMELECH als
Grundtext einer performativen Begegnung zwischen Schauspieler und Sprache anlässlich der Inszenierung
durch den Autor am Théâtre Vidy Lausanne 2009 eine Neuauflage in erweiterter Fassung. Sie ist die Grundlage
der deutschen Übersetzung von Leopold von Verschuer und seiner deutschen Erstaufführung 2014.
Vom 21. bis 29. April 2015 gastiert Leopold von Verschuer damit im TAG – Theater an der Gumpendorfer
Straße in Wien.
TAG - Theater an der Gumpendorfer Straße GmbH
Mag. Patrizia Büchele
Presse & Marketing
Tel: +43 1 586 52 22-13, Mobil: +43 660 586 50 02
[email protected]
Pressecorner: www.dasTAG.at/presse
Leopold von Verschuer, laut NZZ ein „Springteufel szenischer Phantasie, subversiv, zotig, lüstern und ätzend
intelligent“, ist nicht nur Übersetzer und Regisseur dieser kühnen Übertragung, sondern spielt auch noch alle
Figuren selber – ein unbändiges und hochkomisches Mosaik von Geschichten und Lebensfragmenten, das von
Verschuer in allen Stimmlagen virtuos erzählt, gesungen, getanzt und gefeiert wird.
Es ist ein Vielmensch, der in diesem wüsten MONOLOG DES ADRAMELECH in mehrstimmigen
labyrinthischen Selbstdialogen den anarchischen Boden der Sprache lustvoll durchpflügt, zugleich Fürst und
Simplizissimus des Jetzt. Im autobiografischem Wüten schleudert er immer neue Wortschöpfungen zutage,
ausgehebelte Grammatik, Wechsel der Sprachebenen, Wechsel zwischen Wortklang und -bedeutung, immer
neue Eigennamen, abgewandelte Sprichwörter und Flüche aller Art. Das ist „taktiles Denken“ von ungeheurer
Farbigkeit, „Art brut“ von größter Vitalität. Sprache als entfesselter Tanz durch einen Nurejew der Worte!
ADRAMELECH ist ein Bruder des alttestamentarischen Propheten Abimelech aus dem 1. Buch Mose. Er ist der
a-dramatische Adam, in dem Eva, Gott und Engel, sowie der Gebirgspostbote Peter Prompt stecken. MELEK,
hebräisch „König“, lässt den Namen auch deuten als Schauspielerkönig. ADRAMELECH ist eine finnische
Death-Metal-Band, deren Stück „When the gods succombed“ in der Aufführung erdröhnt.
ADRAMELECH ist hier nicht wie in der christlichen Dämonologie der Garderobier Satans, Kanzler der höllischen
Regionen, der als besiegter Höllenfürst und Moloch zum erneuten Krieg gegen den Himmel aufrief.
Ausgezeichnet mit dem Special Acknowledgement des Internationalen Thespis Monolog Festivals Kiel sowie
dem Publikumspreis des Primeurs Autorenfestival für französische Gegenwartsdramatik Saarbrücken.
© D. Baltrock
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Biografisches
Leopold von Verschuer (* 1961 in Brüssel) widmet sich den schrägen Sounds „unmöglicher Texte“, die er als
Übersetzer, Moderator, Regisseur und Interpret von Berlin bis Paris, von Zürich bis Lissabon präsentiert. Eng
verbunden ist er den Autoren Valère Novarina (seit 1994), Alvaro García de Zúñiga (seit 1998) und Kathrin
Röggla (seit 2001), aber auch Rainald Goetz, Diogène Ntarindwa, Wolfgang Hilbig, Mariette Navarro, Sabine
Bergk. Er trat auf beim Festival d'Avignon, dem Steirischen Herbst, bei Spielart München, den
Autorentheatertagen Berlin, dem Internationalen Poesiefestival Berlin, sowie mit Valère Novarina in dessen
französischen Uraufführungstourneen in ganz Frankreich, er wirkt als sein Übersetzer für Alexander Verlag,
Theater der Zeit u. Matthes & Seitz Berlin und als Regisseur deutschsprachiger Erstaufführungen in Köln,
Stuttgart, Zürich und Berlin sowie für den Bayrischen Rundfunk. Oder, wie Theater Heute bereits bei Kathrin
Rögglas erster Uraufführung 2002 am Wiener Volkstheater schrieb: „Theater hat daraus nur einer gemacht. Er
heißt Leopold von Verschuer.“
Wiener Weichenstellung (von Leopold von Verschuer)
„Wien ist mir umso unausweichlicher, als schon meine Urgroßmutter mütterlicherseits, Dora von StockertMeynert, Tochter von Theodor Meynert, dem zeitweiligen Vorgesetzten des jungen Sigmund Freud, nicht nur
eine Wiener Salonschriftstellerin und Verfasserin des preisgekrönten Dramas Die Blinde war, sondern auch
ehrenamtliche Präsidentin des Vereins weiblicher Künstlerinnen Wiens. Ihr Schwiegervater, Eisenbahnfachmann
Fritz von Stockert widmete seine Laufbahn dem Ausbau der Nordbahn von Wien nach Galizien inkl. Wiener
Nordbahnhof und wurde dafür von Kaiser Franz-Joseph noch rechtzeitig vor Abschaffung der Monarchie in den
erblichen Ritterstand erhoben, sein neu zugelegtes Wappen trug als zentrales Motiv ein geflügeltes
Eisenbahnrad. Nach ihm benannt ist im Stadtteil Neuwaldegg ein abschüssiges Plätzchen. Seine Enkelin, meine
Großtante Emmi, Künstlername Emmering, verkörperte 1921 immerhin neben Adele Sandrock die Lore im
Stummfilm Violet von Artur Holz. Den Darsteller des Gärtnerburschen Andreas, den späteren Rundfunksprecher
Paul Liharzik, Künstlername Gerhardt, ehelichte sie späterhin und gründete die Schauspieleragentur Emmi
Emmering, die in der Tuchlauben im 1. Bezirk den Krieg überlebte. Wohingegen wiederum mein Vorfahr
väterlicherseits, der Niederländer Otto Christoph van Verschuer, um 1697 persönlich vor den Toren Wiens unter
Prinz Eugen von Savoyen gegen die Osmanen focht, die nun in Berlin-Neukölln meine Nachbarn sind, und dafür
von Leopold I., auch Türkenpoldi genannt, in den reichsunmittelbaren Freiherrenstand erhoben wurde. Ich
verdanke Wien also viel, unter anderem meine Frau Kathrin Röggla, deren erstes Theaterstück Fake reports am
Wiener Volkstheater mir den unvergesslichen Kritikersatz eintrug: ‚Theater hat daraus nur einer gemacht: der
Dicke im peinlichen Transparenthemd. Er heißt Leopold von Verschuer.’ Den Missetäter zieht es halt zurück an
den Ort seiner Taten.“
Valère Novarina (* 1947 bei Genf), lebt und arbeitet in Paris und in den Bergen Savoyens. Er ist Autor,
Regisseur und bildender Künstler. Nach dem Studium der Philosophie und Philologie an der Sorbonne, das er
mit einer Arbeit über Antonin Artaud abschloss, wurde er zu einer der singulärsten Stimmen der Literatur und
des Theaters in Frankreich. Sein Werk, inzwischen über 30 Bände, erscheint seit 1984 im Verlag P.O.L. Paris.
1974 erstmals aufgeführt, zeigen seit 1984 das Herbstfestival in Paris und das Festival von Avignon regelmäßig
seine von ihm inszenierten Uraufführungen. Diese laufen dann in großen Theatern (Théâtre National de la
Colline, Paris, Odéon Théâtre de l’Europe, Théâtre de Vidy-Lausanne, Théâtre National de Strasbourg, TNP
Lyon-Villeurbanne u.v.m.) bis zu sechs Wochen en suite. 2006 wird er zu Lebzeiten ins offizielle Repertoire der
Comédie Française aufgenommen. In 17 Sprachen übersetzt, darunter hebräisch und chinesisch, erscheint
Novarina auf Deutsch in den Übersetzungen von Leopold von Verschuer im Alexander Verlag und Verlag
Matthes & Seitz Berlin.
Adramelech ist ein Bruder des alttestamentarischen Propheten Abimelech aus dem 1. Buch Mose. Er ist der adramatische Adam, in dem Eva, Gott und Engel, sowie der Gebirgspostbote Peter Prompt stecken. MELEK,
hebräisch „König“, lässt den Namen auch als Schauspielerkönig deuten. Adramelech ist eine finnische DeathMetal-Band, deren Stück „When the gods succombed“ in der Aufführung erdröhnt. Adramelech ist hier nicht wie
in der christlichen Dämonologie der Garderobier Satans, Kanzler der höllischen Regionen, der als besiegter
Höllenfürst und Moloch zum erneuten Krieg gegen den Himmel aufrief.
Es ist ein Vielmensch, der in diesem wüsten MONOLOG DES ADRAMELECH in mehrstimmigen labyrinthischen
Selbstdialogen den anarchischen Boden der Sprache lustvoll durchpflügt. Zugleich Fürst und Simplizissimus des
Jetzt. Im autobiografischem Wüten schleudert er immer neue Wortschöpfungen zutage, ausgehebelte
Grammatik, Wechsel der Sprachebenen, Wechsel zwischen Wortklang und -bedeutung, immer neue
Eigennamen, abgewandelte Sprichwörter und Flüche aller Art. Das ist „taktiles Denken“ von ungeheurer
Farbigkeit, „Art brut“ von größter Vitalität. Sprache als entfesselter Tanz durch einen Nurejew der Worte!
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Pressestimmen zu HOMO AUTOMATICUS – Der Monolog des Adramelech
„Schauspieler sollen meine Texte essen, sie tanzen“
Zugleich erschloss sich ein Universum aus sprachmächtigen wie absonderlichen Gestalten, die aus Partikeln
von mythischen Figuren, historischen und echten Menschen sowie tierischen Wesen zusammengesetzt sind und
die trotz ihrer hybriden Bauart hohe Souveränität besitzen. (…) Von Verschuer gelingt dabei Großes: die
Übertragung auch der phonetischen Kraft des französischen Originals. (…) Von Verschuer reproduziert diese
Vitalität, diese Rhythmik. Er gibt dem deutschsprachigen Theater, das zunehmend vertextet und verdiskursiviert
daherkommt, in dem der Körper des Schauspielers von den Regie führenden Machern oft nur als
unvollkommenes Bedeutungserzeugungsinstrument betrachtet wird, (…) den verloren gegangenen Glauben an
die Körperlichkeit des Schauspieltheaters wieder. DIE WELT
Leopold von Verschuer auf dem Ozean der Worte
In seinen Adern, so scheint es, pulsiert die Sprache: Sie brodelt und kocht. (…) atemberaubend in all seinen
Erscheinungsbildern. (…) Das Ergebnis ist eine Meisterleistung. Von Verschuer gelingt es, die phonetische
Gewalt und den orgiastischen Gebrauch von Sprache im Original mitreißend zu übertragen und mit
schauspielerischer Präsenz zu unterlegen. (…) Als wäre man Zeuge einer Sinfonie und Kakofonie aus Worten
und Klängen eines urgewaltigen phonetischen Konzerts. (...) umso beeindruckter staunt man angesichts der
Souveränität, mit der sich von Verschuer durch die Weiten des Wortozeans manövriert. TAGES-ANZEIGER
ZÜRICH
Leopold von Verschuer beim Fundamental Monodrama Festival
(…) Jedoch welch sprachliches Vergnügen, welche Präzision des Spiels. Unter dem Anschein der Bonhommie
seziert Leopold von Verschuer die Sprache, ihre Silben und Klänge mit dem Skalpell, mit extremer Präzision. So
dass, von Assonanz zu Wortmalerei, von Akzentuierungen zu Pausen, sich neue Worte bilden und neuer Sinn
entsteht. (…) Das ist oft intelligent, stets anregend, und bisweilen außerordentlich komisch! Dank vor Allem der
raffinierten Verkörperung durch Leopold von Verschuer, dessen Handwerk man nur bewundern konnte so wie
sein Vergnügen, eine Welt mit ihrer eigenen Sprache zu erfinden.“ D'LËTZEBUERGER LAND, LUXEMBURG
[Übers. Leopold von Verschuer]
Auszeichnungen
SPECIAL ACKNOWLEDGEMENT der Jury des Internationalen Thespis Monolog Festivals Kiel
„Leopold von Verschuers grandios irrwitziger Theaterabend Homo Automaticus
Ein wahnsinniges, auch wahnsinnig komisches Sprachlabyrinth ist das, eines, das in die Physis der Sprache
vordringt. Rätselhaft reihen sich darin die Worte, entstehen auseinander, klammern sich lüstern aneinander oder
lösen sich stotternd im Lautbild auf. (…) man lässt sich davontragen vom Sog der Sprache und ihrer Phonetik
und den erstaunlichen Einfällen, mit denen Verschuer sie spiegelt (…) Zwischendurch ist Luft für einen
Zeitlupen-Schuhplattler und andere leichtfüßige Tanzschritte. Manchmal verbindet sich das, manchmal beglückt
auch nur die Originalität des Moments. (…) – von Verschuers Wortschöpfungsmaschine fasziniert lauscht man
allemal.“ KIELER NACHRICHTEN
PUBLIKUMSPREIS des „Primeurs“Autorenfestivals für französischsprachige Gegenwartsdramatik
„Das Publikum belohnte bei seiner Abstimmung schließlich die beiden Stücke, die nicht nur den größten
Komik-Faktor boten, sondern auch schauspielerische Glanzleistungen ermöglichten. (…) Valère Novarina:
Der Genfer, Jahrgang 1946, ein Enkel des Dada, simuliert in „Homo Automaticus: Der Monolog des Andramech“
den hohen Ton der Epen, Tragödien, christlichen Lithurgien, das Pathos der Stalingrad-Erzählungen, um
jegliche Sinn-Bildung manisch, lustvoll wie auch böse, durch den Fleischwolf zu drehen. In Frankreich längst ein
Klassiker, wäre Novarina ohne den genialen Übersetzer und Schauspieler Leopold von Verschuer vermutlich
unaufführbar.“ SAARBRÜCKER ZEITUNG
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© D. Baltrock
Interview
Stephan Roppel, künstlerischer Leiter des des Theaters an der Winkelwiese, Zürich im Gespräch mit
Leopold von Verschuer
Du hast den «Monolog des Adramelech« aus dem Französischen übersetzt. Auf welche Schwierigkeiten bist Du
dabei gestoßen?
LvV: Den «Monolog des Adramelech» zu übersetzen war etwas wie ein alchimistischer Vorgang, der mich in die
Tiefen meiner eigenen Sprache hinabsteigen ließ. Ihre Ingredienzien lagen plötzlich aufgefaltet vor mir und
mussten, den Verfahren des Autors folgend, neu zusammengesetzt werden. In der Fülle der Wörter, die mir da
aus dem Französischen entgegensprangen, galt es zunächst herausfinden, welche davon Neuschöpfungen von
Valère Novarina waren und welche mir schlichtweg unbekannt. Viele dieser erfundenen Wörter erzeugen aber
ein Echo auf Bekanntes, Vertrautes, bereits Gehörtes, es gibt meist einen Wortstamm, aus dem dieses Wort neu
gebildet wurde. Dieser Vorgang nun war in unserer Sprache nach- und neu zu vollziehen. Die größte Aufgabe
jedoch bestand darin, den unglaublichen Fluss dieser Sätze, den vitalen Rhythmus dieser Sprache auch im
Deutschen wieder zu erschaffen. Das Französische verfügt über eine solche Fülle homophoner Wörter (ähnlich
klingend, aber von verschiedener Bedeutung), als sei diese Sprache durchflochten von Binnenechos, die in
jeder Silbenreihe mehrere Worte anklingen lassen, dass es in dem vitalen Gebrauch, dem Valère Novarina es
unterzieht, zu einer machtvollen Orgel wird.
Auch dieser Monolog ist, wie schon «Der rote Ursprung« auf der Textebene sehr kryptisch, um nicht zu sagen
unverständlich, wenn man versucht, herkömmlich Lese- und Sehgewohnheit anzuwenden. Welche Anforderungen ergeben sich daraus für Dich als Schauspieler, der mit der Materie schon aus der Übersetzung vertraut
ist?
LvV: Der Umgang mit Texten von Valère Novarina, sei es «Die eingebildete Operette«, »Der rote Ursprung»
oder der «Monolog des Adramelech», bedeutet immer ein Verlassen der gewohnten Wege des Verstehens. Hier
gibt es keine Handlung zu verfolgen, keine Erzählung nachzuvollziehen. Alles beginnt hier im Hören. Dann
stösst man unablässig auf Bekanntes, bereits Vernommenes, Aufgeschnapptes oder von Kind an Vertrautes,
nur in lustvoll neuer Zusammensetzung. So wie ein Kind intuitiv in einer Geschichte ihm noch unverständliche
Worte erahnt, sich von ihnen berühren lässt – und wie richtig ist es, dass das Begreifen ja die Berührung enthält
– so geschieht hier Satz für Satz ein Hineinhören in die Echos, die wirklich jeder dieser Sätze auslöst. «Wir sind
am Zerschmetterling zerstoben« – Schmetterling und zerstieben, zerschmettern und sterben – Gegensätze
verbinden sich und ein poetisches Drittes entsteht. Eine vital überwältigende Komik entfaltet sich da vor uns. „Ich
schreibe durch die Ohren“ begann Valère Novarina seinen berühmten „Brief an die Schauspieler“. Man versteht
ihn auch nur durch die Ohren!*
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Was ist Deine Lust an der Arbeit mit Texten von Novarina?
LvV: In der Uraufführung von «Acte inconnu» (Der unbekannte Akt) auf der vierzig Meter riesigen
Innenhofbühne des Papstpalastes von Avignon hörte ich 3000 Zuschauer vom Gelächter erfasst werden.
Natürlich ist es ein Geschenk, die Wirkung dieser Texte im französischen Original am eigenen Schauspielerleib
erlebt zu haben, sie dann mit dieser Erfahrung im Leibe zu übersetzen, um nun dieses Erlebnis gleichsam im
deutschsprachigen Spiegelraum aufs neue zu vollziehen. Als ich erstmals 1994 Novarinas Texten begegnete,
hatte ich den Eindruck, zur Wurzel meiner allerersten Attraktion durch das Theater zurückzukehren: Sprache
nicht nur als Informationstransportmittel erleben zu müssen, sondern wieder als ein physisches Erlebnis, so
physisch wie der Tanz, ein Nurejew der Worte werden zu dürfen.
Welche Zuhörhaltung und Zuschauhaltung kannst Du dem Publikum empfehlen?
LvV: Schauen und hinhören. (Niemand wird sich langweilen, der sich in einem Lande, dessen Sprache er nicht
beherrscht, auf einer Caféterrasse neugierig niederlässt.) Getrost jeden roten Faden ergreifen, den man zu
erkennen glaubt. Und ihn ebenso bereitwillig wieder fallen lassen, wenn er sich wieder aufzulösen scheint.
Dieses Spiel ist dicht durchwirkt von einer Vielzahl vielfarbiger Fäden. Sich dem Moment hingeben. Getrost
lachen, wo etwas zum Lachen ist. Den eigenen Echos trauen. In dieser Untergrundbahn erklingen viele Stimmen
aus vielen Welten, heiligen und profanen, da sitzen nebeneinander König und Homunkulus, Politiker und
Hündchen, Prophet und Postbote, wird geflucht und gefeiert, erzählt und erfunden. Auf der Bühne steht ein
Vielmensch. Lust darauf haben, das Unerhörte dieser Welt zu hören.
Das war jetzt sehr aufschlussreich. Ich stelle keine weiteren Fragen, schon gar keine Inhaltlichen, und freue
mich aufs Zuschauen und Zuhören.
* Valère Novarina: «Die eingebildete Operette», Alexander Verlag Berlin 2001, Deutschsprachige Erstaufführung, Theater Rampe, Stuttgart
2001 und Donaufestival/Österreich 2002; «Der rote Ursprung« in: Scène 6, Verlag der Autoren, Frankfurt a. M., 2003, DSE, Theater am
Neumarkt, Zürich, 2007; »Der Monolog des Adramelech», Verlag Matthes & Seitz Berlin 2014, DSE, Theaterdiscounter Berlin und Theater
Winkelwiese Zürich 2014; »Brief an die Schauspieler – Für Louis de Funès», Alexander Verlag Berlin, 1998 u. 2007 – alle: Übersetzung aus
dem Französischen und Regie: L.v.Verschuer.
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