Das Theater prüft die Gegenwart

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KULTUR
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Das Theater prüft die Gegenwart
KULTURTIPP
„Mythos
Marlene“
begeistert
U
nter großem Jubel
und den Augen von
Panikrocker Udo Lindenberg hat das Programm
„Mythos Marlene“ von
Kerstin Marie Mäkelburg
im Hamburger „Schmidtchen Theater Reeperbahn“
Premiere gefeiert. Die
Schauspielerin und Sängerin schlüpfte dafür in die
Rolle von Marlene Dietrich
– der ersten Femme fatale
der Filmgeschichte. Auch
wenn die waschechte Hamburgerin nicht ganz so
schnoddrig-berlinerisch
rüberkam wie die verstorbene Legende, brachte sie
die von Markus Schell am
Piano begleiteten Lieder
glaubhaft rüber.
Dazu gehörten Stücke
wie „Ich bin von Kopf bis
Fuß auf Liebe eingestellt“,
„Ich weiß nicht, zu wem ich
gehöre“ und „Sag mir, wo
die Blumen sind“. Mit „I
May Never Go Home Anymore“ präsentierte Mäkelburg passend zum Auftrittsort die englische Version von „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“.
Die Songs wurden mit persönlichen und humorvollen Geschichten aus dem
Leben der Dietrich verbunden, unter anderem ging es
darin um ihr Aufbegehren
gegen Adolf Hitler. Mit
Frack und Zylinder oder
dem weißen, bodenlangen
Pelzmantel spielte Mäkelburg auch mit den ikonenhaften Looks der Hollywood-Diva.
„Mythos Marlene“ wird
noch bis zum 15. Januar
und dann noch einmal vom
8. bis 18. Februar in Hamburg aufgeführt. Tickets:
www.tivoli.de
PERSÖNLICH
Kulturjahr 2017: Generations- und Kurswechsel an etlichen Theatern
tation „Atlas der Angst“, die
Recherchespezialist Gernot
Grünewald fürs Thalia in der
Gaußstraße inszeniert (Premiere 22. April). Im Hamburger Schauspielhaus nimmt
sich Hausherrin Karin Beier
„The Who and the What“ von
Ayad Akhtar an und hofft,
mit dieser Auseinandersetzung mit dem Islam an den
Erfolg seines Stücks „Geächtet“ anzuknüpfen. (Premiere
14. Januar). Ein neues Stück
Hat 25 Jahre lang die Berli- bietet dort auch Ingrid Launer Volksbühne geprägt: In- sund mit „Trilliarden. Die
tendant und Regisseur Frank Angst vor dem VerlorengeFoto: dpa hen“ an, das sie selbst inszeCastorf.
niert (Premiere 3. Februar).
Nicht zu übersehen: An
fast allen der großen Theatermetropolen sind nach wie
vor Stücke oder Inszenierungen von René Pollesch, Herbert Fritsch oder Michael
Thalheimer vertreten. Denn
natürlich unterliegt auch das
Theater dem Zeitgeist und,
fast möchte man sagen, seinen Moden.
Das Theaterjahr 2017 beschert im deutschsprachigen Raum neue Generations- und Kurswechsel,
nicht nur in Berlin mit den
scheidenden Intendanten
Frank Castorf an der
Volksbühne und Claus
Peymann am Berliner
Ensemble. Eine Auswahl
von Höhepunkten im
Schauspiel.
Von Christine Adam
OSNABRÜCK. 25 Jahre lang
hat Intendant Frank Castorf
(65) die Berliner Volksbühne
mit seiner Theaterhandschrift, seinen Regisseuren
und Schauspielern geprägt.
Nun macht er im Sommer
2017 die Bühne frei für seinen
umstrittenen
Nachfolger:
Chris Dercon (Jahrgang
1958). Der Belgier, zuletzt Direktor der Tate Gallery of Modern Art in London, wird seine Pläne für die Volksbühne
im Frühjahr bekannt geben.
Am 3. März zeigt der scheidende Frank Castorf dann
noch einmal, wie er Goethes
„Faust“ versteht.
Peymanns Ablösung
Ein anderes Monument in
der Geschichte des deutschsprachigen Nachkriegstheaters geht in den Ruhestand:
Claus Peymann (79), seit
1999/2000 Intendant des
Berliner Ensembles, wird von
Oliver Reese (52), derzeit
noch Intendant des Schauspiels Frankfurt, abgelöst. Es
steht zu vermuten, dass diese
beiden Generations- und
Kurswechsel ähnlichen Wirbel hervorrufen, wie der
Übergang von Johan Simons
in den Münchner Kammerspielen zu Matthias Lilien-
Jelinek in Düsseldorf
Verkörpert Theatergeschichte: der Berliner-Ensemble-InSetzt sich mit ihrem Faible für Mode auseinander: Szene aus Elfriede Jelineks neuem tendant und Regisseur Claus
Foto: Thomas Rabsch Peymann.
Foto: dpa
Stück „Das Licht im Kasten (Straße? Stadt? Nicht mit mir!)“.
thal. Peymann verabschiedet
sich vom berühmten BrechtTheater nicht etwa mit
Brecht, sondern mit Kleist
und seinem „Prinz von Homburg“ (Premiere am 10. Februar). Lilienthal wiederum
könnte in München seine
Kritiker mit ShakespeareKlassikern beschwichtigen:
Christopher Rüping, Jahrgang 1985, widmet sich
„Hamlet“ und Regiestar Andreas Kriegenburg „Macbeth“
(Premieren am 19. und 27. Januar).
Große,
traditionsreiche
Regiekunst lässt sich bei den
Salzburger Festspielen erleben: Andrea Breth inszeniert
im Bühnenbild von Martin
Zehetgruber Harold Pinters
„Die Geburtstagsfeier“ mit
Schauspielern wie Roland
Koch (Premiere ist am 28. Juli). Das Wiener Burgtheater
gibt den Ring für den Aberwitz Herbert Fritschs frei mit
Shakespeares „Komödie der
Irrungen“ (Premiere am 25.
Januar). Um dann Antu Romero Nunes „Die Orestie“
Stararchitekten verteidigen Entwurf
Herzog und de Meuron: Museum der Moderne bietet Offenheit
Isa Genzken (Bild), Berliner Künstlerin, erhält den
Kaiserring 2017 der Stadt
Goslar. Das hat Oberbürgermeister Oliver Junk
(CDU) bekannt gegeben.
Die in Berlin lebende Genzken gilt als eine der wichtigsten und einflussreichsten deutschen Künstlerinnen der Gegenwart. Sie soll
den Kaiserring am 7. Oktober in Goslar entgegennehmen. Die 68-Jährige führe
seit mehr als 30 Jahren
„den internationalen Diskurs der Bildhauerei mit
an“, heißt es in der Begründung der Jury. Der Kaiserring ist einer der weltweit
bedeutendsten Preise für
Foto: dpa
moderne Kunst.
CHARTS BELLETRISTIK
MONTAG,
9. JANUAR 2017
dpa BERLIN. Die Schweizer
Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron haben ihren umstrittenen Entwurf für das Berliner Museum der Moderne verteidigt.
„Wer genau hinschaut, erkennt, dass dieses Gebäude
genau jene Offenheit und
Vielfalt bietet, um die derzeit
isoliert dastehenden Architekturen untereinander in
Beziehung zu bringen und
die Leerräume in Orte umzuformen, wo sich Menschen
gern
aufhalten“,
sagte
Jacques Herzog dem „Focus“.
Die Architekten, die auch für
Stars ihrer Branche: Die Architekten Pierre de Meuron
(links) und Jacques Herzog
bei einer Pressekonferenz im
Großen Saal der Elbphilharmonie, die sie ebenfalls entworfen haben.
Foto: dpa
die Elbphilharmonie verantwortlich waren, hatten für
das neue Museum einenscheunenartigen Bau vorgeschlagen.
Pierre de Meuron erklärte :
„Wir sind überzeugt, dass wir
daraus einen Museumsbau
entwickeln werden, der das
Kulturforum städtebaulich
neu ordnen und daraus einen
sehr belebten, durchlässigen,
öffentlichen Ort machen
wird.“ Außerdem werde ein
Wettbewerbsentwurf nur selten dann auch genau so gebaut. Abstimmungen mit den
Bauherren sei man gewohnt.
von Aischylos anzuvertrauen
( Premiere am 25. März).
Im Akademietheater geht
es gegenwärtiger zu mit „Ein
europäisches Abendmahl“
mit Texten von Jenny Erpenbeck, Nino Haratischwili, Elfriede Jelinek, Terézia Mora,
Sofi Oksanen und Biljana
Srbljanovic (Uraufführung in
der Regie von Barbara Frey
am 27. Januar).
Im Schauspielhaus Zürich
bringt Globalisierungskritiker und Theatervordenker
Milo Rau sein Stück „Die 120
Tage von Sodom“ nach Motiven von Pier Paolo Pasolini
und de Sade auf die Bühne,
das das Nebeneinander von
Luxus und sadistischer Quälerei in unserer Gegenwart
untersucht (Premiere 10. Februar).
Hoch im Norden Deutschlands, im Hamburger Thalia
Theater, begeben sich Fotograf Armin Smailovic und
Autor Dirk Gieselmann auf
die Spuren vom Krieg in den
Köpfen und der „German
Angst“ – mit ihrer Dokumen-
Auch wenn es genau das
immer wieder beherzt zu bekämpfen versucht. Etwa in
der Modestadt Düsseldorf,
dessen Schauspielhaus Elfriede Jelinek von einer völlig
ungewohnten Seite beleuchtet: als leidenschaftliche Modeliebhaberin. Doch natürlich geht es in ihrem neuen
Stück „Das Licht im Kasten“
um Ambivalenzenn zu diesem Thema, um die Zumutungen von Mode und die
Frage nach den letzten Dingen (Uraufführung in der Regie von Jan Philipp Gloger
am 14. Januar).
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Mehr Infos und Bilder
zum Kulturjahr 2017
finden Sie im Internet
unter noz.de/kultur
KOMMENTAR
Vorsicht, Extra-Wünsche
E
s ist wohl kein Zufall,
dass sich die Schweizer
Stararchitekten Herzog &
de Meuron ausgerechnet
jetzt zu ihrem Entwurf für
das Berliner Museum der
Moderne zu Wort melden.
Schließlich haben Jacques
Herzog und Pierre de Meuron auch die Hamburger
Elbphilharmonie entworfen,
die am 11. Januar eröffnet
wird. Das Bauwerk, das in
der Bauphase immer wieder für Negativschlagzeilen
gesorgt hatte, wird heute
als spektakulärstes Kon-
Von
Waltraud
Messmann
Scheune oder Supermarkthalle ähnlich sehen. Die Ankündigung Herzogs, dass
ein Entwurf nur selten auch
genau so gebaut werde,
dürfte da nur wenig hilfreich
sein. Denn damit nährt er
Ängste einer drohenden
Kostenexplosion. Schon im
Zusammenhang mit der
Elbphilharmonie war den
Schweizern nämlich vorgeworfen worden, mit immer
neuen Extra-Wünschen die
Kosten zu treiben.
zerthaus der Welt gefeiert.
Für ihr neues Projekt in
Berlin möchten die beiden
Architekten wohl etwas von
dieser positiven Stimmung
mitnehmen. Das ist auch
bitter nötig. Denn ihr Entwurf für das Museum der
Moderne steht unter heftigem Beschuss. Kritiker meinen, der Bau werde einer
[email protected]
David-Bowie-Andachtstour durch Brixton
Kurz nach dem 70. Geburtstag der erste Todestag – Rundgang erinnert an die Musiklegende
Von Katrin Pribyl
LONDON. Der Mann steht
lange in der Stansfield Road
vor dem Haus mit der Nummer 40. Geht durch das Eingangstor, versucht einen
Blick durch das Fenster ins
dunkle Innere zu werfen.
Doch die Jalousien sind heruntergezogen. Nummer 40
ist längst inoffizieller Pilgerort und Teil der Musikgeschichte. Hier wurde David
Robert Jones geboren, der
später als David Bowie zur
Musiklegende
aufsteigen
sollte.
Und es war hier, wo das
spätere Chamäleon der Popkultur schon früh seine Lust
am Stilbruch, an Mode, am
Verkleiden entdeckte. Als
Dreijähriger wühlte er sich
etwa durch den Make-upKasten seiner Mutter und bemalte sein Gesicht mit Lippenstift und Lidschatten. Die
Mutter ermahnte ihn, dass
man sich als Junge nicht
schminken solle, und zum
Glück für die Musik- und Kul-
turwelt ignorierte David Bowie ihren Rüffel.
Der 46-jährige Mann, der
an diesem Januarabend andächtig auf das Haus starrt,
stammt aus Schottland, er
kennt die Make-up-Anekdote. Eigentlich, so sagt er, kenne er so ziemlich alle Geschichten. „Ich bin ein Fan,
seit ich denken kann.“
Gerade befindet er sich auf
Bowie-Andachtstour durch
London. „Als er starb, ist eine
Welt für mich zusammengebrochen.“ Nun wolle er, anlässlich des ersten Todestags
am 10. Januar, die wichtigsten Plätze abgehen, die mit
dem Pop- und Rockstar in
Verbindung stehen.
Und tatsächlich, in der Metropole stolpern aufmerksame Musikfans an jeder Ecke
über denkwürdige Bowie-Orte, insbesondere im Viertel
Brixton, wo Bowie aufgewachsen ist. Deshalb bietet
der Brite Nick Stephenson
seit Sonntag, dem Tag, an
dem Bowies 70. Geburtstag
war, fünfmal pro Woche ei-
Das berühmte Wandgemälde im Londoner Stadtteil Brixton
wurde auch am Wochenende von zahlreichen Bowie-Fans angesteuert.
Foto: AFP
nen musikalischen Spaziergang an. Der 32-Jährige ist
selbst Musiker und will deshalb den Soundtrack zu seiner Tour liefern, immer wieder Lieder von jenem Mann
anstimmen, der für so viele
als Inspiration gilt.
Berühmt in aller Welt ist
das Wandbild nur unweit des
Geburtshauses. Die Malerei
zeigt Bowie mit knallrot gefärbten Haaren und zweifarbigem Blitz im Gesicht. Sie
wurde im vergangenen Jahr
zu einem spontanen Schrein
zum Trauern, wo seitdem
Fans Nachrichten hinterlassen und Poster aufstellen,
Blumen niederlegen und Fotos an die Wand kleben.
In Brixton im Süden Londons, wo Alteingesessene,
Studenten und Künstler heute mit jedem Tag ein Stück
mehr den Kampf gegen die
zunehmende Gentrifizierung
des mittlerweile hippen Viertels verlieren, hat Bowie die
ersten sechs Lebensjahre verbracht. Dann zog die Familie
nach Bromley. Trotzdem
sprechen die Südlondoner
von Bowie als „unserem Brixton-Jungen“.
Vor dem „Ritzy Picturehouse“ sind nach der Todesnachricht vor einem Jahr
Tausende Fans zusammengekommen und sangen „Starman“, „Heroes“ und andere
Hits. Auch Nick Stephenson
macht hier mit seiner Tour
halt, immerhin haben sich in
diesem Kino Bowies Eltern
kennengelernt.
Warum aber hat sich Brixton zum Bowie-Pilger-Zent-
rum entwickelt? „Es ist eine
kulturell vibrierende Ecke“,
sagt Stephenson. Zudem seien die Menschen sehr aktiv,
es gebe viel Straßenkunst,
und zahlreiche Events im Gedenken an den Megastar
würden organisiert. Dementsprechend riesig ist auch das
Interesse an dem Gedenkspaziergang.
Im Übrigen ließ auch Bowie London nie los. Nur kurz,
nachdem der Rock- und Popstar von seiner LeberkrebsErkrankung erfahren hatte,
besuchte er mit seiner Frau
Iman und Tochter Lexi in geheimer Mission und unentdeckt ein letztes Mal die britische Hauptstadt. Sie gingen
die Orte ab, von denen nun
auch Nick Stephenson einige
ansteuert.
Und wahrscheinlich erzählte auch Bowie seiner Familie von Erlebnissen in jungen Jahren, während sie
durch Brixton, Bromley und
andere für ihn bedeutende
Viertel wie Soho und Hammersmith spazierten.
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