20 Bitterstoffe - Thieme Connect

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Bitterstoffe
Ein Selbstversuch mit Bitterstoffen: Ein Blatt Wermut kauen oder einige Tropfen Tausendgüldenkrauttinktur einnehmen und länger im Mund behalten: Wie fühlt sich „bitter“ an?
Wie schnell fließen die Verdauungssäfte und lassen „das Wasser im Mund zusammenlaufen“? Wer spürt nach einer kurzen Weile die angenehme Wärme im Magen oder – falls
vorhanden – den Abgang von Blähungen? Manche verspüren die tonisierenden Eigenschaften der Bitterstoffe sofort: Sie werden wach, oder sie bekommen auf der Kopfhaut
eine „Gänsehaut“. Wenn eine Bitterstoffkur 3–4 Wochen lang durchgeführt wird, tonisieren und stärken Bitterstoffe spürbar. Probieren Sie es aus!
„Was bitter dem Mund, ist dem Magen gesund.“ Der Volksmedizin ist bekannt, dass der
Magen, ja der ganze Körper durch das Trinken eines bitteren Getränks gekräftigt wird.
Die Wertschätzung solch kraftspendender Pflanzen bringen Namen wie Tausendgüldenkraut oder die Bezeichnung von Bittermitteln als Lebenselixiere deutlich zum Ausdruck; auch Magenbitter sind beliebt und wirksam. Aus diesem alten Wissen stammt
das geflügelte Wort von der „bitteren Medizin“.
Bitterstoffe werden häufig als Gewürze mit der Nahrung aufgenommen, entfalten
dort ihre Wirkung als Tonika (Kräftigungsmittel) und sind damit bereits Arzneimittel.
„Geistige Bitterwässer“ werden überall gebraut und in der Selbstmedikation eingenommen als Klosterelixier (Benedictine, Chartreuse), als Aperitif oder Digestif vor oder
nach einem opulenten Mahl oder als Kräutergebräu gegen Magengrimmen.
Bitterstoffe sind in ihrer chemischen Struktur nicht einheitlich aufgebaut. Einziger
Leitfaden dieser chemisch uneinheitlichen Stoffgruppe ist der bittere Geschmack; daran ist die Wirkung der Bitterstoffe gebunden. Trotz der Unterschiede im chemischen
Aufbau ist die Wirkung der Bitterstoffe im Allgemeinen gleich, das rechtfertigt die Zusammenfassung der Bitterstoffdrogen zu einer gemeinsamen Gruppe. Die meisten Bitterstoffe gehören zu den Monoterpenen, zu Flavonoiden oder Alkaloiden. Viele liegen
glykosidisch gebunden vor. Wie man Bittermittel unterscheidet, zeigt ▶ Tab. 20.1.
Bitter ist die stärkste Geschmacksqualität, die wir kennen. Die Bitterstoffwirkung
beginnt im Mund bei den Geschmacksnerven. Diese Bittergeschmacksknospen sitzen
am Zungengrund und erneuern sich alle 6–8 Tage. Erwachsene verfügen über ca. 2000
Geschmacksknospen, Kinder besitzen wesentlich mehr. Das macht verständlich, weshalb Kinder sehr viel empfindlicher auf Bitterstoffe reagieren als Erwachsene. Im Alter
nimmt die Anzahl der Geschmacksknospen und damit die Geschmacksempfindlichkeit
zunehmend ab. Die Reaktionen des Körpers auf Bitterstoffe sind sehr individuell und
hängen von der jeweiligen Speichelzusammensetzung ab sowie von Alter, Psyche, Gesundheitszustand u. a. Bei Schwangeren, Rauchern, Biertrinkern, Medikamentenabusus
und Stress ist die Empfindung für bitter stark herabgesetzt. Hier braucht es in der Therapie kräftige Bitterstoffdrogen.
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k Praxistipp
20 – Bitterstoffe
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Wirkung
Amara-Gruppe
Artischocke
Enzian
Löwenzahn
Tausendgüldenkraut
allgemein tonisierend (die Bitterwirkung
steht im Vordergrund)
Amara tonica:
reine Bittermittel
Beifuß
Engelwurz
Hopfen
Pomeranze
Schafgarbe
Wermut
tonisierende Wirkung verbindet sich mit
den zusätzlichen Eigenschaften der
ätherischen Öle: spasmolytisch, beruhigend, karminativ, motilitätssteigernd,
entzündungshemmend, cholagog, antimykotisch oder antibakteriell
Amara aromatica:
Bittermittel mit
ätherischen Ölen
Ingwer
Galgant
Gelbwurz
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Isländisch Moos
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feuriger Geschmack
regen intensiv Verdauung und Darmperistaltik an
Amara acria:
Bittermittel mit
Scharfstoffen
binden Magensäure und schleimhautreizende Zersetzungsprodukte
ihr Schleim bietet Schutz für entzündete (Rachen-)Schleimhäute
Amara mucilaginosa:
Bittermittel mit
Schleimstoffen
" Hinweis
Bitterwert
Die Intensität von „bitter“ drückt sich durch den Bitterwert aus: Ein Bitterwert von 10 000
bedeutet, dass ein Extrakt von 1 g Droge in 10 000 ml Wasser gerade noch bitter schmeckt.
Starke Bitterstoffdrogen sind z. B. Enzian und Wermut, mittlere Bitterstoffdroge Schafgarbe
und schwache Bitterstoffdrogen Wegwarte und Löwenzahn.
k Praxistipp
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Wesentliche Voraussetzung für die Bitterstoffwirkung bei Appetitlosigkeit ist die Einnahme ca. ½ Stunde vor dem Essen. Bei Verdauungsstörungen auch nach dem Essen.
Die Bitterwirkung beginnt im Mund, also nicht süßen (außer mit Süßholz – das macht
das Bittere angenehm, verändert aber die Wirkung nicht) und erst einmal 1–2 Min. im
Mund behalten!
Bitterstoffe sind hitzeempfindlich. Deshalb nur überbrühen, nicht länger kochen. Kalte
Zubereitungen sind bitterer und wirksamer (deshalb sind Aperitifs und Digestifs seit
Jahrhunderten so bewährt!).
Bitterstoffe wirken dosisabhängig. Die individuelle Dosis ist sehr unterschiedlich und
kann nur selbst bestimmt werden.
Wirkungen und Anwendungen Bitterstoffe regen die Verdauungssäfte an (▶ Tab. 20.2).
Die Magenschleimhaut, das Speicheldrüsensystem und die gesamte Verdauungstätigkeit werden innerviert und die motorischen Leistungen des Magens und der Gallenblase verbessert. Zudem sorgen Bitterstoffe auch für eine verbesserte Resorption von
Nährstoffen. Neben der Wirkung auf sämtliche Verdauungsorgane unterstützen Bitterstoffe das Immunsystem, die Blutbildung und den Stoffwechsel, sie stärken das Herz,
sie wärmen und v. a. tonisieren, kräftigen sie spürbar Körper und Seele.
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Heilpflanzen
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Bitterstoffe
▶ Tab. 20.1 Unterscheidung der Bittermittel.
20 – Bitterstoffe
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▶ Tab. 20.2 Einsatz von Heilpflanzen mit Bitterstoffen.
Wirkungen
alle Bitterstoffdrogen
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appetitanregend
verdauungsfördernd
blähungswidrig
darmperistaltikanregend
Indikationen
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alle Bitterstoffdrogen
Milieuverbesserung im Darm
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Schafgarbe
Wermut u.a
Appetitlosigkeit
Anorexie
Blähungen
Dyspepsie
funktionelle Gallenblasen-/
Gallenwegsstörungen
funktionelle Obstipation
Pankreasinsuffizienz
Verdauungssaftmangel
Magenschwäche, Magensenkung
Hepatopathie
Darmsanierung
Darmmykose
spasmolytisch im
Verdauungstrakt
Reizmagen, Reizdarm
alle Bitterstoffdrogen
resorptionsfördernd
Verdauungsstörung mit Mangelerscheinungen
alle Bitterstoffdrogen
unterstützen Blutbildung
Eisenmangel, Anämie (adjuvant)
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Enzian
Galgant
Löwenzahn
Schafgarbe
Tausendgüldenkraut
Wermut
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Enzian
Kalmus
Tausendgüldenkraut
Wermut
allgemein tonisierend
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herzstärkend
durchblutungsfördernd
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Enzian
Fieberklee
Ingwer
Tausendgüldenkraut
Wermut
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abwehrstärkend
fiebersenkend
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Hypotonie
Altersherz
Herzschwäche
als Herzstütze bei hochfieberhaften Infekten
Durchblutungsstörungen
Rekonvaleszenz
Schwächezustände
depressive Verstimmungszustände
Frösteln
psychovegetatives Erschöpfungssyndrom
allgemeine Abwehrstärkung
Resistenzsteigerung
Erkältungskrankheiten
hohes, schwächendes Fieber
Nebenwirkungen Bei zu hohen Dosen sind gegenteilige Effekte wie Sekretions-/Appetithemmung, Übelkeit, Brechreiz und gelegentlich Kopfschmerzen möglich.
Kontraindikation Bitterstoffe sind durch ihre Steigerung von Stoffwechsel und Sekretion kontraindiziert bei:
● Hyperazidität des Magens
● Ulcus ventriculi und Ulcus duodeni (bei Bitterwert über 10 000)
● Gallensteinen (bei hohem Bitterwert)
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Heilpflanzen
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Afrikanische Teufelskralle, Teufelskralle, Afrikanische (S. 173),
Harpagophytum procumbens, Harpagophyti radix
Artischocke (S. 242), Cynara cardunculus, Cynarae folium/radix
Bittere Schleifenblume, Iberis amara, Iberis amara totalis
Echte Engelwurz, Angelica archangelica, Angelicae radix
Echtes Tausendgüldenkraut, Centaurium erythraea, Centaurii herba
Galgant, Alpinia officinarum, Galangae rhizoma
Gelber Enzian, Gentiana lutea, Gentianae radix
Hopfen, Humulus lupulus, Lupuli strobulus/glandula
Ingwer (S. 57), Zingiber officinale, Zingiberis rhizome
Isländisch Moos, Cetraria islandica, Cetrariae lichen
Kalmus, Acorus calamus, Calami rhizoma/aetheroleum
Löwenzahn, Taraxacum officinale, Taraxaci radix cum herba
Mariendistel (S. 80), Silybum marianum, Silybi marianae fructus
Pomeranze, Citrus aurantium, Aurantii fructus immaturus
Schafgarbe (S. 294), Achillea millefolium, Millefolii herba/flos
Wasserdost, Wasserhanf, Eupatorium perfoliatum, Eupatorii herba
Wermut (S. 73), Artemisia absinthium, Absinthii herba
Weißer Andorn, Marrubium vulgare, Marrubii herba
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Bitterstoffe
Pflanzen mit Bitterstoffen
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