Urbane Regime der (Post-)Migration Die Forschungsprojekte in

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Urbane Regime der (Post-)Migration
Die Forschungsprojekte in diesem Schwerpunkt des Labors untersuchen die Ambivalenzen der
Zugehörigkeit und differentiellen Inklusion, die Auseinandersetzungen in den Institutionen und
Netzwerken der Stadtpolitik wie auch die Kämpfe der Migration unter diesen Bedingungen. Wir
untersuchen Techniken und Strategien urbanen Regierens und alltägliche Praktiken in
unterschiedlichen politischen Feldern aus der Perspektive der (Post-)Migration. Das heißt für uns
nicht nur, die Ambivalenzen des Integrationsdiskurses und migrationsbezogener Politiken in der
Stadt zu fokussieren. Vielmehr gilt es nach wie vor, die Konjunkturen, aber auch die aktuellen
Kämpfe der Stadtpolitik im Allgemeinen (bspw. die „Recht auf Stadt“-Bewegung)
rassismustheoretisch zu hinterfragen und aus der Perspektive der Migration
gesellschaftstheoretisch zu konzeptionalisieren. Wir verstehen städtische Politik und die Praktiken
der verschiedenen Felder als Ergebnisse von Aushandlungsprozessen zwischen verschiedenen
Perspektiven, Praktiken und Institutionen des Regierens als auch gegenüber autonomem Praktiken
der Migration. Das Konzept „Regime” fasst diese Aushandlungsprozesse, welche aus Diskursen,
Praktiken, Normen, Materialitäten in Zeit und Raum – mitsamt ihrer Fehler, Zufälle und Synergien –
bestehen.
Der Zugang zu Rechten, Ressourcen und Räumen wird nicht nur an, sondern auch innerhalb
territorialer Grenzen und über sie hinweg verhandelt – in Parlamenten und Gerichten, in Schulen
und Jobcentern, Medien und öffentlichen Debatten, auf Wohnungs- und Arbeitsmärkten. Große
Teile dieser gesellschaftlichen Regulationssysteme entfalten ihre Wirkung in Städten. So wird die
Praxis der Zugehörigkeit von (Post-)Migrant_innen maßgeblich auf Ebene der Kommunen
verhandelt. Hier äußerten sich im Nachkriegs-Deutschland seit den 1960er Jahren die ersten
Kämpfe der Migration um Arbeit und Inklusion, hier wurde in den 1970er Jahren das Anfang vom
Ende des politischen Mantras des „Nicht-Einwanderungslandes“ eingeläutet, hier ließ sich ab den
1990er Jahren die Transformation der Forderungen nach einem Ende der Ausschlüsse in den
Integrationsdiskurs beobachten. Letzterer artikuliert sich mit neuen national-ökonomischen
Zumutungen und transformierte sich jüngst unter dem Begriff der gesellschaftlichen „Vielfalt“.
Dabei ist der städtische Raum als Problemindikator und gleichzeitig als fester Bestandteil von
Lösungsstrategien zum zentralen Element des Integrationsdiskurses geworden. „Integration findet
vor Ort statt“, lautet ein viel zitierter Slogan, und häufig wird damit unterstellt, dass sich in den
Problemvierteln der Städte besonders die Probleme „der“ (Post-)Migrant_innen entfalteten. Das
Programm des „Forderns und Förderns“, das auch die mit dem Zuwanderungsgesetz von 2005
eingeleitete, neueste Konjunktur des Integrationsparadigmas prägt, verknüpft so bspw. Programme
zur Existenzgründung, die in die Prekarität sogenannter lokaler, „ethnischer Ökonomien“ führen,
mit raumwirksamen Kontrolltechniken und community-orientierten Responsibilisierungstechniken
in „Stadtteilen mit besonderem Entwicklungsbedarf“. So bereiten diese „kultur-sensibel“ die
Schüler_innen, ihre Eltern und alle anderen als defizitär konstruierten Subjekte in diesen Vierteln
auf die prekäre Zukunft im Workfare-Staat vor.
In diesen unübersichtlichen Prozessen werden vermeintlich eindeutige, nationale Kategorien der
Zugehörigkeit (und des Ausschlusses) zunehmend ausdifferenziert. Das bedeutet, sie werden
pluralisiert, lokalisiert und fragmentiert und diese neuen, vielschichtigen Kategorien können sich
überlagern – zu neuen Formen der Zugehörigkeit, zu alten und neuen Ausschlüssen, oder zu etwas
dazwischen, was den Anpassungsdruck aufrecht zu erhalten vermag. Denn zugrunde liegt diesen
Politiken und Praktiken häufig ein ökonomistisches Verständnis von Stadtgesellschaft und -politik.
In dessen Folge werden zwar (im Gegensatz zu früheren Epochen des deutschen
Migrationsregimes) Differenzen seltener essentalisiert und problematisiert, aber eben nur so weit,
wie sie sich positiv für den Standort oder die Stadtentwicklung in Stellung bringen lassen.
(Rassistische) Ausschlüsse lassen sich dann zur Eindämmung neuer urbaner Risiken rechtfertigen,
bspw. durch die vermeintlich ansteckenden „Sprachdefizite“ von Kindern aus migrantischen
„Problemvierteln“, durch die vermeintliche Radikalisierung von Muslim_innen in den dort
wuchernden „Parallelgesellschaften“ oder durch die vermeintlichen Gefahren für die öffentliche
Ordnung aufgrund von „Armutsmigration“ neuer „hilfebedürftiger Unionsbürger_innen“. Solche
Ausschlüsse reintegrieren dann wahlweise Logiken der (Nicht-)Zugehörigkeit zu einer rassifizierten
bzw. kulturalisierten Bevölkerung oder fungieren als Drohkulisse für Techniken der
Responsibilisierung, wenn die Ökonomisierung (des Selbst, der Familie oder der Community) als
Voraussetzung der „Integration“ gesehen wird.
Die einzelnen Forschungsprojekte des Labor-Schwerpunktes:
Isabel Dean befasst sich mit dem „Produktivwerden“ des (frühkindlichen) Erziehungssektors an der Schnittstelle der verschränkten
Diskurse um Bildung und Migration. Sie untersucht aus einer rassismuskritisch und intersektional informierten Perspektive, wie die
damit verbundenen Akteure – pädagogische Fachkräfte, verschieden platzierte und sich unterschiedlich positionierende Eltern
sowie kommunalpolitische Entscheidungsträger_innen – in vielfältigen Aushandlungsprozessen und Konflikten zueinander stehen.
Sie fragt, wie diese Akteure (den Zugang zu) Bildung, Bildungs-, sowie Teilhabechancen in Institutionen wie Grundschulen, KiTas
sowie in auf dem freien Markt angebotenen pädagogischen Angeboten verhandeln.
Sulamith Hamras ethnografische Regimeanalyse untersucht Handlungsspielräume und Arbeitspraxen von Akteuren im
Integrationsprojekt Stadtteilmütter in Berlin. Sie fragt, wie gesellschaftliche Rahmungen – Finanzierungsstrukturen im sozialen
Bereich sowie mediale und politische Diskurse über Arbeitslose und Migrant_innen – sogenannte Integrationsprojekte beeinflussen,
wie dabei entstehende Handlungsspielräume durch die beteiligten Akteure genutzt werden und welche Arbeitspraxen sich im
Projektalltag im Umgang damit entwickeln. Sie analysiert, welches Wissen in den unterschiedlichen Stadtteilmütterprojekten auf
welche Weisen produziert und reproduziert wird und inwiefern vorhandene Diskursformationen von den unterschiedlichen
Akteuren für die eigenen Interessen strategisch genutzt/nicht genutzt werden.
Lisa Riedner behandelt in Bezug auf den Münchener Kontext die Kämpfe prekarisierter migrantischer Arbeiter_innen insbesondere
aus Bulgarien. Sie untersucht die kommunalen Versuche des Regierens der „neuen Armutsmigration“ aus den EU-Beitrittsstaaten
und deren Interaktion mit anderen Akteuren, wie den prekarisierten Arbeiter_innen, aber auch mit Wohlfahrtsorganisationen,
lokalen (Unterstützung)-Initiativen, sowie den Gesetzgebern auf Bundes- und EU-Ebene. Desweiteren beschäftigt sie sich mit
Möglichkeiten der in(ter)venierenden Wissenspraxis.
Mathias Rodatz untersucht aktuelle migrationsbezogene Strategien deutscher Städte am Beispiel von Frankfurt am Main.
Entsprechende Politiken verlassen die engen Bahnen integrations- und ausländerpolitischer Interventionen und fokussieren die
„Vielfalt“ städtischer Bevölkerungen mit potentialorientierten Integrationskonzepten. Das Projekt untersucht aus einer
gouvernementalitäts-analytischen Perspektive und im Rückgriff auf Konzepte der Actor-Network Theory, welche Formen politischer
Interventionen dabei denkbar gemacht werden und welche konkreten Effekte daran anschließende Praktiken in verschiedenen
Stadtteilen hervorbringen. Weitere Informationen: http://www.neuordnungen.info/migrationspolitik/
Thematisch relevante Publikationen von Mathias Rodatz:
•
(2012): Produktive "Parallelgesellschaften". Migration und Ordnung in der (neoliberalen) "Stadt der
Vielfalt". In: Behemoth. A Journal on Civilisation, 5(1), 70-103.
[http://www.degruyter.com/view/j/behemoth.2012.5.issue-1/behemoth.2012.006/behemoth.2012.006.xml?format=INT]
• with Jana Scheuring (2011): 'Integration als Extremismusprävention'. Rassistische Effekte der 'wehrhaften Demokratie' bei
der Konstruktion eines 'islamischen Extremismus'. In: Forum für kritische Rechtsextremismusforschung (Hg.): Ordnung.
Macht. Extremismus. Effekte und Alternativen des Extremismus-Modells. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften,
163-190. [http://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-531-93281-1_8?LI=true]
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