Heimat Utopie - Coop Himmelb(l)au

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Rede Wolf D. Prix zur Eröffnung der KunstFestspiele Herrenhausen in Hannover am 01.06.2013
„Heimat
Utopie“
Wenn ich könnte wie ich müsste, wäre ich jetzt an einer Küste…
Sehr geehrten Damen und Herren,
Gleich vorneweg: Sollten sich während meiner Rede Missverständnisse aufbauen, die nicht auf die
Akustik oder meine verkühlte Stimme zurückzuführen sind, lassen Sie mich diese mit einem Zitat
von Karl Kraus entschuldigen: „Nichts trennt uns – also die Deutschen und die Österreicher - mehr,
als die gemeinsame Sprache“.
Der Titel der Festspiele heißt heuer: Heimat Utopie.
Nicht Heimat und Utopie. Nein, man besteht darauf: „Heimat Utopie“.
Also man ist in der Utopie zu Hause. Dahoam, wie ich hier in Deutschland oft gehört habe.
Das ist entweder ein Pleonasmus oder ein Widerspruch.
Dem Pleonasmus würde ich zustimmen, weil ich als Architekt in der Utopie meine Heimat habe. Ein
Widerspruch besteht, weil laut Definition von Wikipedia die Begriffe tatsächlich unvereinbar
scheinen: Zitat „Der Begriff Heimat verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und
Raum. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird er auf den Ort angewendet, in den ein Mensch
hineingeboren wird und in dem die frühesten Sozialisationserlebnisse stattfinden, die zunächst
Identität, Charakter und Weltauffassungen prägen“. Zitat Ende.
Heimat: das traute Heim, das Heimchen, Heimweh, heimatloser Geselle. Nur wenn man heimat-los
ist, taucht zum ersten Mal ein negativer Beigeschmack zu dem Wort „Heimat“ auf.
Und wenn Heimat das ist, an was ich mich erinnern kann, ist dann der demente Mitbürger ein
heimatloser Geselle?
Ich vermute, dass die konservative und teilweise reaktionäre Interpretation des Begriffs Heimat, als
das Dorf in dem ich geboren wurde, mit Kirchturm und hübschen Rosengärtlein, erschwert oder gar
verhindert, uns mit der neuen Medienwelt – ob wir sie gut finden oder nicht , sie existiert –
auseinanderzusetzen. Mir wäre der Begriff „mentale Landkarte“, auf und in der wir uns
selbstbestimmt und angstfrei bewegen können, der liebere.
Und damit sind wir bei der Utopie. Laut Wikipedia ist eine „Utopie „der Nicht-Ort“ (aus
altgriechisch οὐ- ou- „nicht-“ und τόπος tópos „Ort“). Ist der Entwurf einer fiktiven
Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen
gebunden ist. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird Utopie auch als Synonym für einen von der
jeweils vorherrschenden Gesellschaft vorwiegend als unausführbar betrachteten Plan, ein Konzept
und eine Vision, benutzt. Ein ähnlicher, in diesem Kontext oft verwendeter Begriff ist der
Wunschtraum. Es handelt sich um eine Gesellschaftsordnung, die bisher keinen Ort hat und nur als
Gedanke und Idee existiert“.
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Und damit bin ich als Architekt gefordert. Aufgefordert, neuen Gedanken und Ideen Raum zu geben.
Dreidimensional. Mit anderen Worten, den Turm zu Babel fertigzustellen als die vornehmste
Aufgabe des Architekten.
Che Guevaras Satz wird damit – leicht abgewandelt – zu einem Leitsatz der Architektur:
„Seien wir Realisten, bauen wir das Unmögliche“
Ich bin Österreicher, bin aber kein österreichischer Architekt, dafür bin ich zu weit
herumgekommen. Österreich ist ein Zwergpudelland wo subalternes Verhalten und vorauseilender
Gehorsam als Charakter gelten und wo das „is‘ eh‘ wurscht“ als Lösungsprinzip gilt. Auch hier
unterscheiden sich die beiden Länder. Hier in diesem Land ist „kontrollieren müssen“ eine
Charaktereigenschaft und die Schuldzuweisung ist das Lösungsprinzip.
Baukultur wird damit zur Bau-Unkultur.
Wie anders ist zu verstehen, dass immer nur der Architekt oder seine Architektur Schuld ist an der
Bauzeitverlängerung und der Kostenexplosion der Projekte, die man - so die Wutbürgermeinung am besten gar nicht angefangen hätte?
Wie zum Beispiel die grandiose Elbphilharmonie, die in Wahrheit nur so viel wie zwei Kampfjets
oder drei Killerdrohnen kostet.
Da wird ein falscher Maßstab angelegt. Nicht die Aufrechnung von Kulturbauten oder notwendigen
Infrastrukturbauten gegen Schulen oder Kindergärten – „100 Kindergärten hätte man mit diesem
Geld bauen können“ - sondern die Gegenüberstellung der Baukosten mit den Kosten der
Waffenentwicklung wäre der richtige Vergleich.
Wenn ich die heutige Gesellschaft beschreiben soll, so beschreibe ich die Angst als das
vorherrschende Gefühl das uns in Europa erfasst hat.
Angst vor der Zukunft, Angst vor Veränderung, Angst vor dem Fortschritt. Wobei nicht bedacht wird,
dass das Gegenteil von Fortschreiten Stillstehen heißt. Und Stillstand heißt Tod.
Angst und die daraus entstehende Bewegungslosigkeit macht uns aber leichter beherrschbar. Die
Frage ist: steckt da Absicht dahinter?
Der Traum von der stillstehenden Heimat, ist der Traum vom Paradiesgarten. Gemalt als
quadratischer Garten umgeben von hohen Mauern, die vor Übersicht und Aussicht schützen sollen.
Soll heißen: Heimat schützt vor Neugier. Gerade aber die Neugier ist der Motor zur Veränderung.
Die Angst vorm Leben macht uns stillstehen. „Fortschritt führt zum Ruin unserer Umwelt,
Neugierde, Fremdes zu erfahren führt zur Katastrophe“, ist die allgemeine Meinung heute.
Utopie und Vision sind heute in Verruf geraten, und ein ehemaliger österreichischer Bundeskanzler
formuliert es so: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“.
Wenn ich heute über Architektur als Kunst spreche und den Architekten auf gleicher Augenhöhe wie
den Künstler sehe, muss ich zuerst den Begriff Architektur klären.
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Wenn ich gefragt werde, was Architektur sei, antworte ich mit einem simplen ja. Also was ist
Architektur? Antwort: Ja.
Heute wird das Wort Architektur und Architekt oft sinnverfälschend eingesetzt. Man sagt, der
Architekt des Vertrages, der Architekt der Grenzziehung und die Architektur Europas usw.
Diese Bezeichnungen lassen den Architekten und die Architektinnen als einen Ziegel auf Ziegel
schlichtenden Erfüllungsgehilfen des Sachzwanges erscheinen. Ein Architekt ist aber nur dann
Architekt, wenn er mit seinen Gebäuden zumindest eine der Metaebenen der Architektur erreicht.
Ein Gebäude oder eine Stadt ist nur dann Architektur, wenn es (das Gebäude) oder sie (die Stadt)
mehr als nur ein Spiegelbild unserer globalisierten Gesellschaft ist. Die neue Architektur und die
neue Stadt müssen den noch nicht gedachten Gedanken und noch nicht gedachten Ideen Raum
geben.
Als ArchitektInnen müssen wir deshalb mehr als die 5-10 Jahre die normalerweise ein Bauwerk für
Planung und Realisierung in Anspruch nimmt, also mindestens 10-20 Jahre voraus denken können.
Genauso, wie ich den Auftraggebern gerne den intelligenten Himmelblaumeter vorschlage: Das
heißt, der Meter wird um 5 cm gedehnt, das würde eine Flächenvergrößerung von 10% ergeben und
eine Volumenvergrößerung von 15%. Das heißt, dass man die um 15% gestiegenen Baukosten, so
abfangen könnte, das man bei einer Inflationsrate von 5% das Bauwerk drei Jahre früher baut.
Das fremde Land
Wenn man über Fremdköper und Architektur assoziieren sollte, dann ist jeder neue Baukörper, und
sei er scheinbar noch so vertraut, zunächst ein fremder Körper.
Ungewohnt und noch ungesehen und daher unbekannt.
Will man diesen fremden Körper ent-fremden, also gewohnt und gesehen machen, muss man die
ästhetischen Kriterien immer wieder neu definieren. Hier gilt das gleiche in der Architektur wie in
der Kunst. Und für uns war Architektur – wir haben es immer schon behauptet, und ich wiederhole
es heute gerne noch einmal –, für uns war Architektur immer Kunst.
Es geht also um Veränderung der ästhetischen Begriffe, und diese Veränderung wird in einem Land
der pragmatisierten Innovationsverhinderung gerne – aber auch zu Recht – als politischer Angriff
auf bestehende Denk- und Sehgewohnheiten gesehen.
Das aber ist unserem Land unangenehm, und man will es eigentlich vermeiden oder, wenn es geht,
verbieten.
Man kann, auch wenn man es möchte, unangenehmen Dingen nicht aus dem Weg gehen. Und wir
haben zu akzeptieren, dass die Utopie der Architektur nach Schaffung von neuen Körpern und
fremden Gestalten verlangt, die wie Meteoriten von einem fremden Stern in die Vertrautheit
einschlagen und damit Bahnen und Räume für Neues, Unbekanntes öffnen.
Das Feld wird dann aber frei für einen Architekten, der sich als Strategiedenker begreift, der nicht
am Erfüllungszwang leidet und daher weiß, dass Widerstand nicht mit langem »ie« geschrieben
wird, sondern mit Widerspruch zusammenhängt. Widerstand wird in der Geschichte gerne als
demokratische Tugend gesehen, heute aber als unangenehm und lästig empfunden. Und gerne
wird dabei übersehen, dass Widerstand auch Potential für Synergie enthält.
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Und dieser Architekt und Künstler überschreitet damit eine Schwelle zum Neuen,
Unvorhersehbaren, um Unerforschtes Schritt für Schritt über die Grenze des Fremden vorhersehbar
zu machen.
Das allerdings erfordert, dass wir nicht der Oberfläche der Spaßgesellschaft verhaftet bleiben,
sondern uns einer Gestalt des Fremden, dem Fremdkörper zuwenden. Allgemein wird das als
störend empfunden, und die Träger dieser Ideen werden schutzlos gemacht.
Kunst und Architektur brauchen dynamische Felder, die Freiheit zur Auseinandersetzung bieten, die
kritisch, aber fair, hart, aber positiv stattfinden muss.
Schwer in einem Land, das den Humor verloren zu haben scheint und zunehmend sauertöpfisch
auf Polemiken reagiert und Zensur – und damit Einschränkung des Meinungsraumes – fordert.
Kunst und Architektur aber brauchen Freiräume.
Ich hege die Befürchtung, dass wir solche freien Räume in Zukunft nicht mehr so selbstverständlich
vorfinden werden. Im Gegenteil: wir werden als Künstler, Architekten, Designer, Schriftsteller,
Dramatiker, Tänzer und Musiker diese Freiräume tagtäglich neu – lassen Sie mich nicht sagen:
erkämpfen, erobern, obwohl dies im gewissen Sinne stimmt, sondern lassen Sie mich sagen, dass
wir diese Freiräume täglich neu behaupten müssen.
Die gebaute Architektur wird sich auch in Zukunft nicht so rasant verändern, wie wir es alle gerne
sehen wollen. Es ist vielmehr die gedachte Architektur, also die Methoden des Architekturdenkens,
die sich verändern werden. Die „express yourself-Society“, für die wir zu bauen haben, tanzt nackt
und entsolidarisiert auf digitalen Bühnen, ohne zu bemerken, dass digitale Bilder – die Basis
zukünftiger visueller Kommunikation – nicht mehr ins Langzeitgedächtnis gelangen. So sind die
kommenden digitalen Entwürfe dazu bestimmt, gestaltlos sehr schnell vergessen zu werden. Das
können wir akzeptieren oder auch nicht.
Und wenn wir es nicht akzeptieren wollen, dass wir Architektur und Kunst als virtuelles ECommerce-Bild betrachten, werden wir auf horizontalen Medienfeldern den Turm von Babel
fertigzustellen haben.
Das Biegen und nicht das Befolgen von Sachzwängen kann dann die Definition des neuen Raums
sein. Der ans Tageslicht der Merkbarkeit gesetzte Körper ist dann ein Feld von Vorstellung, durch
das man sich bewegen kann. Denn Raum wird in unserem Kopf als etwas begriffen, durch das man
sich bewegen muss.
Kunst und Architektur erfordern Mut zum Risiko. Ich bin daher nicht einverstanden mit dem
Vergleich von Rem Koolhaas, der sagt, dass wir Architekten und Künstler Geiseln seien, die,
bedroht von Investorenpistolen am Kopf, auf die Frage, wie es uns geht, mit »Gut!« antworten
müssten.
Ich finde die Episode aus dem Film »The Deer Hunter« von Michael Cimino viel zutreffender:
Christopher Walken und Robert De Niro müssen als Gefangene des Vietkongs Russisches Roulette
gegeneinander spielen. Sie werden von drei Wächtern bewacht, die Wetten auf den Sieger
abschließen. Die erste Runde geht gut. Robert De Niro verlangt eine zusätzliche Patrone, und auch
diese Runde geht gut. Er verlangt eine weitere Patrone und trifft die drei Wächter, wodurch die
beiden entkommen.
So einfach geht das, man muss nur das Risiko des Lebens verdoppeln.
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Die Utopie der Architektur und der Politik
Ich werde heute kaum Bilder zeigen, obwohl ich als Architekt sehr wohl über die Macht der Bilder
Bescheid weiß. Bilder sind dem gesprochenen Wort in einer Zeit, in der die komplexesten
Informationen über uns hereinstürzen und nur die rüdesten Formulierungen wie Hammerschläge in
unserem Gedächtnis verbleiben, dem Wort überlegen.
Nicht nur die Politik, auch wir, die auf die Netzhaut Bilder reproduzierenden Menschen, müssen zur
Kenntnis nehmen, dass in unserer medialen Welt digitale Bilder – im Unterschied zu analogen
Bildern – nicht ins Langzeitgedächtnis gelangen. Sie verbleiben im Kurzzeitgedächtnis, was uns in
einen rasenden Produktionsprozess von banalen Bildern treibt, um die visuellen Gedächtnislücken
unserer Mitmenschen füllen zu können.
Ich möchte besorgt darüber sein, dass es einem Politiker gelingt – wie vor langer Zeit gesehen –
wieder zu verheerend banalen, analogen Zeichen und Symbolen zu greifen, und damit die
Meinungshoheit, die ihm nicht zusteht, gewinnt.
Aber da hoffe und vertraue ich fest auf unsere lebendigen, demokratischen Gesellschaften, die das
offene System der Demokratie gegenüber dem geschlossenen System der Autokratie verteidigen.
Architektur und Politik, beide Begriffe haben das Potential von Veränderung in sich, doch gibt es
einen großen Unterschied: Architektur kann nicht per Gesetz die Gesellschaft verändern. Politik
kann das sehr wohl und hat auch die Pflicht dazu.
Allerdings kann Architektur das visuelle, und damit auch das mentale Erscheinungsbild einer
Gesellschaft durch neue ästhetische Forderungen und Entwicklungen verändern.
Das allerdings bedarf nicht nur der Unterstützung der Politik, also des Politikers, sondern auch dem
Schutz.
Denn Architekturen, die neue ästhetische Maßstäbe für zeitrichtig setzen wollen, die also
authentischer, dreidimensionaler Ausdruck einer vorwärts gewandten Gesellschaft sind, werden
zuerst und sofort angefeindet. Dann aber als „gewohnt“ in mentalen Besitz genommen, werden sie
zu Identifikationspunkten im anonymen und mittelmäßigen Netz einer Stadt.
Planung hat wie das Wort schon sagt, etwas mit Ahnung zu tun, beides sind politischarchitektonische Begriffe. Utopie und Vision, Themen, die unsere Gesellschaft scheinbar vergessen
hat, werden heute nur allzu gern, gerade auch in der Politik und Architektur als Krankheitsbilder
diffamiert. Das, was man gemeinhin als Architektur bezeichnet, also Gebäude in denen man lebt,
arbeitet, sich vergnügt, oder Wissen vermittelt bekommt, diese Gebäude haben zu funktionieren,
sollen effizient und vor allem billig sein – Profit versprechen. Sie sollen in die Umgebung passen
und wenn man darin wohnt auch noch den modischen Klischees entsprechen. Aber die Gebäude
unserer Städte sind mehr: sie sind räumlicher Abdruck unserer Kultur. Angewandte Realität könnte
man heute Architektur nennen, aber ich behaupte, dass die Realität nicht uns definiert, sondern wir
die Realität.
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Wenn wir dem Bloch‘schen Begriff der Utopie folgen, so kann man in den Spuren der Gegenwart die
Zukunft lesen. Es obliegt daher dem ästhetischen Wahrnehmungspotential der Architekten und der
Politiker, kommende Realitäten zu erkennen und diese im nächsten Schritt zu formen.
Nichts ist heute verwerflicher in der Architektur – und auch in der Politik – als an Gestaltung zu
denken.
Wir brauchen keine Ikonen mehr, wir müssen sparen!
An Größe, Volumen und Formen, an Energie vielleicht auch, an der Zeit, die wir zum Denken
brauchen.
Wie aber sähen unsere Städte aus ohne die Ikonen, die uns die Identifikation mit dem Ort erlauben.
Also ohne Kirchen, Paläste, Plätze, Rathäuser, Bibliotheken, Museen? Nur kleine, funktionelle,
energiesparende, gut gedämmte Kisten – austauschbar – sind heute von Kritikern verlangt.
Der Architekt in gedämmter Isolierhaft. Wenn es aber möglich wäre, an Gebäude zu denken, die
nicht nur Energie sparen, sondern durch raffinierte Fassaden Energie gewinnen – wir bauen gerade
ein solches Bürohaus – dann ist die Politik aufgerufen, neue Infrastruktur, Netze durchzusetzen, in
die sich das Einspeisen so gewonnener Energie lohnt.
Wie aber soll man damit umgehen, dass man heute Paläste oder Schlösser – Denkmäler einer nicht
sehr angenehmen Gesellschaftsform – als Vorbilder diskutiert und dass man Rückgriffe als
zukünftige Lösungen ansieht? Politik und Architektur müssen das Potential wie gesagt, jedes
Gebiet auf seine Weise, das Potential der Veränderung in sich tragen.
Jeder neue Baukörper – und sei der Inhalt scheinbar noch so vertraut, ist zunächst ein fremder
Körper. „Fremdkörper“ - ein eigenartiges Wort.
Da schwingt etwas Unseliges mit, nämlich der Fremdkörper als Bakterie in einem gesunden Körper.
Unangenehm!
Fremde, Fremdheit, Entfremdung, Unsicherheit, unsicherer Grund – das sind negativ besetzte
Begriffe in unseren Landen. Man könnte das Fremde aber auch positiv sehen. Das Fremde hätte
dann etwas mit Neugier und Sehnsucht zu tun – der unsichere Grund etwas mit Wagemut.
Ist es nicht so, dass das Bild der derzeitigen Krise, dem Bild eines sich schnell drehenden
Speichenrades ähnelt, das jetzt scheinbar zum Stillstand gekommen ist? Gefährlich wäre es und
denkfaul, nun einen Pflock in dieses Rad zu werfen – es käme dann wirklich zum Stillstand.
(Stillstehen heißt aber tot sein, im Unterschied zum Fortschreiten).
Kommt es wirklich zum Stillstand, dann wäre der Traum von der offenen Gesellschaft ausgeträumt.
Nach geschlossenen Systemen wird schon gerufen. Geschlossene Systeme sind autoritäre
Systeme. Sie tauschen Lebendigkeit gegen Disziplin, Neugierde gegen Bewahren. Flexibilität,
Pluralität, Toleranz und kritische Autonomie gegen angebliche Stabilität und Vorhersehbarkeit.
Die Politik, die geschlossene Systeme unterstützt, lässt eine bürgerliche Gesellschaft veröden, die
früher nicht nur die Verantwortung für die Allgemeinheit getragen hat, sondern auch durch ihren
Reichtum die Infrastruktur und die Gestalt der Städte des 19. Jahrhunderts geprägt hat. Städte, die
wir heute bewundern. Denken Sie an Paris, oder Barcelona, oder Wien, oder Berlin.
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Ich schließe mit einem Song von Bob Dylan, einem Gedicht, dass ich selber gerne geschrieben
hätte, weil es eine Utopie bebildert, die durch die Verkleidung der handelnden Personen entsteht.
Das Lied heißt: Desolation Row.
Ansichtskarten von Hinrichtungen werden verkauft, der blinde Polizeichef ist an einen Seiltänzer
gefesselt. Cinderella als Aschenputtel macht Bette Davis nach, alle machen Liebe außer Kain und
Abel und der Glöckner von Notre Dame. Ophelia trägt eine Eisenweste, Casanova wird durch
Selbstbewusstsein getötet. Einstein ist als Robin Hood verkleidet, rezitiert das Alphabet und ist nur
wegen seines elektrischen Violinspiels vor langer Zeit berühmt und so fort, und so weiter in dieser
surrealen Utopie, bis zur letzten Strophe und die geht so:
Yes, I received your letter yesterday
(About the time the doorknob broke)
When you asked how I was doing
Was that some kind of joke?
All these people that you mention
Yes, I know them, they’re quite lame
I had to rearrange their faces
And give them all another name
Right now I can’t read too good
Don’t send me no more letters, no
Not unless you mail them
From Desolation Row
Wenn ich könnte wie ich wollte, tanzte ich mit Witwe Bolte.
Wieder nichts, was man Heimat nennen könnte.
www.coop-himmelblau.at
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