Frühlings Erwachen- Die Wirkungsgeschichte

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Johanna Göbel <[email protected]>
Frühlings Erwachen- Die Wirkungsgeschichte
In dem vom Benjamin Franklin Wedekind - genannt Frank Wedekind - geschriebenen Stück
„Frühlings Erwachen“, verfasst zwischen Herbst 1890 bis Ostern 1891, beschreibt Frank Wedekind
das Leben dreier Jugendlicher im endenden 19. Jahrhundert. Es werden ihre Zweifel, Sehnsüchte,
Träume und Wünsche dargestellt. Sie leiden unter der Dressur der Schule, revoltieren gegen die
Prüderie im Elternhaus und quälen sich somit mit den immer wiederkehrenden Fragen und Nöten.
Durch falsche Erziehung, Leistungsdruck der Schule und der Eltern, Prestigedenken der
Erwachsenengeneration und mangelnder Aufklärung durch die Familie gehen die Jugendlichen
langsam zu Grunde. Das offene Gespräch in der Gesellschaft über Sexualität ist Ende des 19.
Jahrhunderts nicht möglich. Das Thema der Sexualität wird totgeschwiegen. Auf Grund dieser
Probleme finden 2 Jugendliche den Tod in dem Drama „Frühlings Erwachen“.
Wedekind bezeichnete „Frühlings Erwachen“, kurze Zeit später, nachdem das Stück in den Druck
gegangen war, als einen Versuch „die Erscheinungen der Pubertät bei der heranwachsenden Jugend
poetisch zu gestalten, um denselben wenn möglich bei Erziehern, Eltern und Lehrern zu einer
humaneren rationelleren Beurteilung zu helfen“.
Dieser Versuch, das Drama „Frühlings Erwachen“ zu rechtfertigten, scheiterte zunächst kläglich. Das
Stück wurde verpönt, da Wedekind in seinem Drama das Thema angeschnitten hatte, was die
Gesellschaft nicht in den Mund zu nehmen vermochte, das Thema der Sexualität und der Aufklärung.
Erschienen war Frühlingserwachen im Oktober 1891 im Verlag Jean Groß in Zürich. Die Auflage war
noch gering und die Kosten für den Druck wurden von Frank Wedekind selber getragen. Die 2.
Auflage bringt der Verlag Caesar Schmidt in Zürich 1894 heraus, die 3. Auflage folgt erst 1903, die 4.
1906 bei dem Verlag Albert Langen in München. Die ersten Auflagen bleiben zunächst von dem
Publikum und bekannten literarischen Zeitschriften unbeachtet.
Bei der Zensur durch die Berliner Bearbeitung(1906), die hauptsächlich zur Rücksichtnahme auf die
moralischen Vorstellungen des breiten Publikums durchgeführt wurde, wurden hauptsächlich die
konkreten Gedankengänge der Jungs gestrichen und weniger die unbestimmt tastenden
Gefühlsäußerungen der Mädchen. Durch die von Wedekind in dem Stück beschriebenen Abarten von
Sadismus, Masochismus, Masturbation und Päderastie liefert er vielen in der Gesellschaft Stoff zur
Kritik. Zwar veranschaulicht er diese Abarten der Geschlechtsliebe behutsam und mit Taktgefühl, aber
diese 3 Szenen waren viele Kritiker der Meinung - würden empfindliche Gemüter sehr mißstimmig
stimmen. Durch den von der Zensur veranlaßten Wegfall der Charaktere des Hänschen Rilow und
Ernst, konnte bei dem Publikum leicht den Verdacht entstehen, dass Melchior und Moritz Ausnahmen
unter ihren Altersgenossen seien. Auch durch die Übertreibungen Wedekinds, mit denen er die
Erziehungsmethoden der Pädagogen und Eltern ins Lächerliche ziehen wollte, wirkte auf viele
Zuschauer unwirklich. Denn nach Ansicht einzelner Zuschauer seien diese kaum zu glaubenden
Übertreibungen erst recht ein Zeichen dafür, dass so etwas in der Realität gar nicht existiere.
Wedekind stellte sich gegen die Zensur, die „Frühlings Erwachen“ als „trockenste Schulmeisterei“
freigab. Er betonte immer wieder, dass in dem Drama viel Humor versteckt sei und „Frühlings
Erwachen“ keine trockene Schulmeisterei sei.
Erst im Oktober 1906 fand die Uraufführung unter der Regie von Max Reinhard in den Berliner
Kammerspielen statt. In der Inszenierung Reinhards mußten durch die Zensurbestimmungen
zahlreiche Kürzungen und Streichungen in Kauf genommen werden. Diese erst späte Uraufführung15 Jahre nach der Veröffentlichung- ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Zum einen sind die
theatertechnischen Probleme anzuführen, wie auch die sittlichen Probleme. Die Besetzung des Stückes
war sehr problematisch, da die Hauptcharaktäre und fast alle anderen Funktionäre in dem Stück,
Kinder und Jugendliche waren. So war man der Annahme, dass ein normales Ensemble dieser
Besetzung wohl nicht gewachsen gewesen wäre. Die Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts
verurteilte die von Wedekind angesprochenen Themen. Die geltenden Zensurverhältnisse ließen
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darüber hinaus die Möglichkeit einer Aufführung sinken, da die Ablehnung durch das Publikum zu
erwarten war. Ein weiteres Problem für die damalige Zeit waren die häufigen Ortswechsel, die auch
ein häufig geändertes Bühnenbild erforderten. Alle diese Gründe sind dafür Verantwortlich, dass, der
als „Sensation“ empfundene Erfolg der Berliner Kammerspiele, sich nicht auf das ganze Deutsche
Reich ausbreiten ließ. Außerhalb von Berlin wurde das Stück zunächst nicht aufgeführt. Ausnahme
waren die Gastspielreisen. Für die Uraufführung wurde Berlin gewählt, da vermutet wurde, dass
Berlin der einzigste Ort sei, in dem das Drama den Zuschauern zumutbar sei. Denn in Berlin gab ein
besonderes Publikum. Ein Großstadtpublikum, das besondere Inszenierungen und skurrile Stücke
schon gewohnt war.
In der Uraufführung in Berlin mimte Frank Wedekind selber den „Vermummten Herren“. Frank
Wedekind wollte nicht nur in der Uraufführung den Vermummten Herren mimen, sondern er wollte
auch im richtigen Leben der Verführer zum Leben sein. Erst nachdem die Uraufführung stattfand,
wurde Frank Wedekind als seriöser Dramatiker anerkannt. Bis zur Uraufführung galt das Stück
„Frühlings Erwachen“ als reine Pornographie. Es verwunderte viele Zuschauer, dass Wedekind zwar
als Dichter bekannt war, aber in seinem Drama kaum Dichtung zur Schau gestellt wurde.
Durch das Drama „Frühlings Erwachen“ wollte Frank Wedekind die falsche Sexmoral der
Gesellschaft anprangern. Die fehlende, bzw. kaum vorhandene Aufklärung des Elternhauses führt laut
Wedekind zu vielen Tragödien. Deshalb nannte er sein Stück auch „Frühlingserwachen- eine
Kindertragödie.“ Wedekind klagt die Moral der Gesellschaft und deren Erzieher an. Diese falsche
Moral der verlogenen kleinbürgerlichen Gesellschaft tötet die noch jungen Jugendlichen. Das in der
Gesellschaft nicht offen über Sexualität und deren Folgen gesprochen werden kann, prangert
Wedekind an. Damals war man größtenteils der Auffassung, dass es nicht die Aufgabe des
Elternhauses sei, die Jugendlichen in die Geheimnisse des menschlichen Werdens einzuweihen,
sondern, dass dies die Aufgabe der Pädagogen sei. Der Großteil der Gesellschaft war ohnehin der
Annahme, dass die Aufklärung der Mädchen am Hochzeitstag reiche, denn so hätten diese vorher auch
keine verdorbenen Gedanken und könnten sich eher anderen, wichtigeren, Sachen widmen. Gerade für
wohlhabendere Familien war es von Wert, dass ihre Töchter, bzw. die neue Schwiegertochter
unberührt in die Ehe gingen. Außerdem war man der Ansicht, dass auch bisher, ohne die elterliche
Aufklärung aus den Jugendlichen was geworden sei, und so sah man keinen Zwang dies nun plötzlich
zu ändern.
Des weiteren beklagt Wedekind die falsche Erziehung der Schule. Die falschen Unterrichtsinhalte, die
„Unmenschlichkeit“ der Lehrer. Die Überbelastung an Hausaufgaben würde oftmals zum Niedergang
vieler Jugendlichen führen. Der Zwang der Schule, mit „totem, dürrem, gelehrtem Kram“ zu lehren,
führte bei Jugendlichen sehr oft zu einer Überlastung. Es war für Jugendliche damals kaum
nachvollziehbar, wofür sie die ganzen Sachen lernen sollten und welchen Nutzen sie daraus ziehen
könnten. Die in der Konferenzszene „unmenschlichen“ Lehrer wollte Wedekind so darstellen, wie die
Schüler sie damals gesehen haben.
Wedekind wollte der Menschheit einen Spiegel vorhalten, in dem sie nun nach langer Zeit endlich ihre
eigenen Fehler hätten erkennen können. Wedekind wollte mit seinem Drama schockieren und zum
Denken anregen, was ihm auch bestens gelang. Anfangs wurden die Vorstellungen ohne jede Regung
aufgenommen. Die Menschen, die den ersten Vorstellungen beiwohnen konnten, waren empört und
entsetzt. Nicht wie heute ,bei den meisten Theaterstücken, kam rauschender Beifall, sondern keine
Regung, kein Beifall, nichts. Es wurde angenommen, dass der Beifall in den ersten beiden Akten aus
Ergriffenheit und während des zweiten Aktes aus Gleichgültigkeit zurück gehalten wurde. Die
Menschen, die diese Uraufführung miterlebt hatten, empfanden größtenteils die Darstellung Frank
Wedekinds als abstoßend und darüber hinaus als unwahr. In Wirklichkeit aber war der Eindruck, den
das Drama Frühlings Erwachen hinterlassen hatte, groß. Anders ist es nicht zu erklären, warum es zu
so vielen Wiederholungen kam. Den Vorwurf der Unwirklichkeit wehrte Wedekind vehement ab. Die
Probleme, die er in dem Stück ansprach, setzten sich größtenteils aus persönlichen Erlebnissen oder
Erlebnissen seiner Schulkameraden zusammen. Nach dieser besagten Uraufführung erfolgte ein
„Sturm“ von Zeitungsberichten und Fachkritiken. Die meisten Verfasser drückten ihre
Fassungslosigkeit, Schockiertheit und Unwahrheit des Stückes aus. Die besagten Dinge, die Wedekind
in dem Stück dargestellt hatte, hätten nach Meinung vieler Menschen sogar im Buch ungesagt bleiben
sollen. Aber dies in einem Theaterstück aufzuführen, rief große Unverständnis hervor. Es wurde
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bemängelt, dass Wedekind in seinem Drama kein Lösungsbeispiel dafür gebe, wie man die im Drama
angesprochenen Probleme beseitigen könne. Aber eine Problemlösung gab Wedekind bewußt nicht. Er
wollte die Menschen anregen, über die Erziehungsfehler Ende des 19. Jahrhunderts zu diskutieren.
Einige wenige standen auf der Seite Wedekinds. Sie waren der Ansicht, dass die vertretenden Thesen
Wedekinds richtig seien. Seine Befürworter lobten vor allem seinen Mut und seine Courage dieses
Thema öffentlich anzusprechen.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich „Frühlings Erwachen“ zu dem „erfolgreichsten, volkstümlichen“
neueren Drama deutscher Sprache.
Frank Wedekind gilt als Vorreiter für viele Nachahmer. Nachdem Frank Wedekind sich getraut hatte,
die herrschenden Probleme der Jugendlichen anzusprechen, folgten viele Dramen ähnlicher Art. Es
entwickelte sich daraus Ende des 19. Jahrhunderts eine neue dramatische Spielart.
Bereits 1883 folgte Max Halbes „Liebesdrama, 1884 Gerhard Hauptmanns „Hannele“ und Henrik
Ibensens „Klein Eyolf“. 1885 „Wie ein Strahl verglimmt“ von Kurt Martens. Aus den Jahren 1901/02
stammt die erste Fassung von Georg Kaisers Komödie „Der Fall des Schülers Vegesack“, die 1914 als
Privatdruck überarbeitet erschien
und mit einer satirischen Lehrerkonferenz im Stil der
Lehrerkonferenz von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ beginnt. Die Lehrerkonferenz wirkte ebenso
auf Jakob Wassermanns Roman „Die Juden von Zirndorf“(1897). Auch die schulkritischen Romane
von Emil Strauß „Freund Hein“ und Hermann Hesses „Unterm Rad“ sind durch die Einführung von
„Frühlings Erwachen“ angeregt worden.
Wedekind war einer der wenigen Deutschen Dichter, der es sich erlaubte, der herrschenden Klasse
ihre Verlogenheit und abgrundtiefe Heuchelei offen ins Gesicht zu sagen. Was die obere Klasse
allerdings damit bestrafte, dass man ihm sein restliches Leben lang mit Haß ansah und ihm mit
Zenurschikanen quittierte.
Zwischenzeitlich wurde im Februar 1912 ein Aufführungsverbot durch den Regierungspräsidenten
verhängt.
Im Juli 1912 hob das Preußische Oberverwaltungsgericht dieses Aufführungsverbot auf. Dies führte
zu vielen langanhaltenden Diskussionen. Als Begründung wurde der ernste Inhalt und die ernste
Wirkung des Stückes hervorgehoben, der gegenüber der anstößigen Stellen im Stück mehr zu
berücksichtigen sei. Laut dem Oberverwaltungsgerichts Berlins behandelt das Stück ernste, vielfach
Vordergrunde des Interesses stehende Erziehungsprobleme und Sucht zu diesen zu diesen Stellung zu
nehmen.
Nach den beseitigten Zensurschwierigkeiten zeigte sich reichlich Nachholbedarf im deutschsprachigen
Raum. Bis 1969 wurde „Frühlings Erwachen“ insgesamt 2542 mal in 211 Inszenierungen aufgeführt.
Aber nicht nur in Deutschland hatte das Drama nach ersten Anlaufschwierigkeiten enormen Erfolg.
Dieser Erfolg dehnte sich auch auf weitere Teile Europas aus und später auch auf Teile der ganzen
Welt. So wurde das Drama „Frühlings Erwachen“ durch die Schriftstellerin Jean de Néthy ins
Französische übersetzt. 1907 erschien in Frankreich die erste Auflage. In Paris wurde das Stück
zwischen 1908 und 1920 unter großem Interesse aufgeführt. Bei der Übersetzung ins Französische
blieb es derweil nicht. 1913 wurde das Drama ins Russische übersetzt. 1920 wurde es als eines der
ersten deutsche Stücke nach dem Krieg in London aufgeführt. 1913 wurde „Frühlings Erwachen“ auch
ins japanische übersetzt. Außerdem wurde „Frühlings Erwachen“ 1923 in New York aufgeführt. Dies
geschah unter dem Vorsitz der Medizinischen Gesellschaft, um der Zensur zu entgehen, doch die
Polizei ließ schließlich das Gebäude unter einem Vorwand räumen. Es hieß, dass Gebäude sei
feuergefährlich, was im übertragenden Sinne gar nicht falsch war. Dies sind nur einige Beispiele dafür,
welchen Erfolg das Stück auch international hatte.
Des weiteren wurde „Frühlings Erwachen“ 1929 vom Aufklärungsfilm- Spezialisten Richard Oswald
zu einem Stummfilm verarbeitet.
Das Drama hat damals so gewirkt, wie es heute noch wirkt. Durch die neuartigen Inszenierungen, sind
die Themen in „Frühlings Erwachen“ heute noch genauso aktuell, wie es vor 100 Jahren war. Das
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Publikum ist auch heute noch fast genauso geschockt und fasziniert, wie es ein knappes Jahrhundert
vorher war. Auch heute noch geraten Zuschauer und Leser in den Bann Wedekinds.
Mittlerweile hat Frühlingserwachen in Deutschland die 56. Auflage.
Quellen:
Reclam:
Friedhelm Roth:
Internet
Erläuterungen und Dokumente
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Frank Wedekind „Frühlings Erwachen“
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