Multi-Risiko

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Politik
Multi-Risiko-Tabletten
Vitaminpräparate schaden oft mehr, als sie nützen
Vitamintabletten sind so wohltuend! Eingenommen nach Pommes, Sahnetorte oder
anderen vermeintlichen Diätsünden beruhigen sie das schlechte Gewissen sofort
und erleichtern den inneren Ablasshandel. Kein Wunder, dass mehr als ein Drittel der
Erwachsenen in wohlhabenden Ländern regelmäßig Vitamin- oder andere
Ergänzungspräparate nimmt und damit einen Milliardenmarkt bedient. Nötig wäre
das nicht, denn Menschen in Industrienationen sind mit Vitaminen längst
überversorgt, sodass Ärzte schon Hypervitaminosen diagnostizieren - das Leiden an
der Überdosis.
Vitamine aus der Dose sind nicht nur überflüssig, sie können sogar die Gesundheit
angreifen. Gleich zwei neue große Studien zeigen, dass die Pillen und
Brausetabletten mehr schaden als nutzen. Unter dem Titel 'Weniger ist mehr'
berichten Ärzte aus Europa und den USA am Dienstag im Fachblatt Archives of
Internal Medicine von 40000 älteren Frauen, deren Lebensgewohnheiten sie mehr
als 20 Jahre lang unter die Lupe nahmen. Von den Damen starben jene häufiger an
Krebs und Herzkreislaufleiden, die regelmäßig Multivitaminpräparate oder
Mineralstoffe zu sich genommen haben. An diesem Mittwoch zeigen Urologen im
Journal of the American Medical Association, dass unter Männern, die regelmäßig
Vitamin-E-Präparate nehmen, Prostatakrebs um 17 Prozent häufiger ist.
'Der verbreitete Gebrauch von Nahrungsergänzungsmitteln ist medizinisch nicht zu
rechtfertigen', sagt Jaakko Mursu von der Universität Ostfinnland, der die Studie mit
den älteren Damen geleitet hat. 'Nur bei Beschwerden durch Mangelzustände sind
solche Präparate zu empfehlen.' Urologe Eric Klein, der die Prostata-Studie geleitet
hat, warnt ebenfalls vor den Mitteln: 'Auch scheinbar harmlose Substanzen wie
Vitaminzusätze können schaden. Verbraucher sollten skeptisch sein, wenn der
Gesundheitsnutzen frei verkäuflicher Mittel angepriesen, aber nicht bewiesen wird.'
Vitamine in Obst, Gemüse, Getreide und Fleisch sind lebenswichtig. Der Körper kann
Vitamine aber nicht herstellen, er muss sie zugeführt bekommen. Vitamine härten
Knochen, stärken die Sehkraft, regulieren die Blutgerinnung, stimulieren Längen- wie
Spermienwachstum. Ohne Vitamine liefe im Körper nichts. Diese Wirkungen
entfalten aber nur jene Vitamine, die in pflanzlichen oder tierischen Produkten
enthalten sind. Warum das Original aus der Natur wirkt, Substanzen aus der
Packung hingegen eher schaden, können Forscher nicht erklären. In einem Apfel
sind ungefähr tausend Substanzen enthalten, viele noch unbekannt. Das
Vitaminpräparat ist nur ein Stoff. Der Körper braucht offenbar das Zusammenspiel
aller Stoffe.
Für eine ausgewogene Ernährung sind Brausetabletten kein Ersatz. Gesunden hat
es in Studien nie genutzt, Vitaminzusätze zu nehmen - auch dann nicht, wenn sie
sich nicht gesund ernährten. 'Früher sollten Vitaminpräparate Mangelzustände
ausgleichen, heute wird damit Wohlbefinden und Gesundheitsvorsorge versprochen',
sagt Goran Bjelakovic von der Uni Kopenhagen, der 2007 und 2008 erstmals in
großen Studien auf Schäden durch die Ergänzungsmittel hingewiesen hatte. Doch
sogar bei reiner Fastfood-Limo-Diät ist kein Vitaminmangel zu befürchten. Die Pulver
werden vielen Speisen als Konservierungsmittel zugesetzt. Hinter den berüchtigten
E-Nummern, beispielsweise auf Cola- oder Fanta-Flaschen, verbergen sich Vitamin
E (E 307) und L-Ascorbinsäure (E 300) - besser bekannt als Vitamin C. Werner
Bartens
Quelle
Verlag
Süddeutsche Zeitung
Datum
Mittwoch, den 12. Oktober 2011
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