„T H E A T E R G E S C H I C H T E“

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„T H E A T E R G E S C H I C H T E“
DRAMENANALYSE1
Wenn man sich mit Theatergeschichte beschäftigt, stößt man unweigerlich immer wieder auf Theaterstücke, die es gilt in mehr oder weniger großem Umfang zu analysieren. Hierfür zieht man als Hilfsmittel die
Dramenanalyse zu Rate. Da stellt sich aber sofort die Frage: Was ist denn überhaupt ein Drama?
1. Der Begriff DRAMA ???
Drama: gemäß Duden
a) aufregendes, erschütterndes oder trauriges Geschehen
b) Schauspiel [mit tragischem Ausgang]
c) literarische Gattung, die Bühnenstück, Trauerspiel und Lustspiel umfasst, in der eine Handlung durch die beteiligten Personen auf der Bühne dargestellt wird
Drama: gemäß Wahrig
a) aufregendes, meist trauriges Geschehen
b) Schauspiel, Bühnendichtung, dichterische Gestaltung einer Handlung
Oft alltagssprachlich ausschließlich in der Bedeutung a) verwendet und deshalb auf die Literatur bezogen – bei Nichtwissen – ein etwas verschwommener Begriff geworden.
Literaturwissenschaftlich betrachtet ist das Drama ein sehr komplexer Gegenstand, der sich leicht
unvollständig oder gar falsch definieren lässt. Aber zum Glück gibt es die bis heute bedeutendste
Dichtungs- und Dramentheorie, die „Poetik“ von Aristoteles (384 – 322 v. Chr.)2.
In ihr schrieb er in Kapitel 6:
„Die Tragödie ist Nachahmung einer guten und in sich geschlossenen Handlung von bestimmter
Größe, in anziehend geformter Sprache, wobei diese formenden Mittel in den einzelnen Abschnitten
je verschieden angewandt werden Nachahmung von Handelnden und nicht durch Bericht, die Jammer und Schaudern hervorruft und hierdurch eine Reinigung von derartigen Erregungszuständen
bewirkt.“
[ Referat über Aristoteles und seine Poetik und was dieser Satz meint] Desweiteren benannte er …
2. Die 6 Elemente (des Aristoteles) ???
…, die jede Tragödie haben muss:
1: Mythos (Handlung)
2: Ethos (Charaktere)
3: Lexis (Rede, Sprache)
4: Diánoia (Gedanke, Absicht)
5: Opsis (Schau, Szenerie)
6: Melopoiía (Gesang, Musik)
Ohne die Nummer 6 gilt dies allgemein fürs Drama;
mit Nummer 6 heute jedenfalls auch für die Werke des Musiktheaters.
Wesentliche Quelle ist Bernhard Asmuth, Einführung in die Dramenanalyse, 4. Auflage, 1994, Sammlung Metzler
(heute: 7. Auflage, ISBN 3476171884, Euro 14,95)
2
Die „Poetik“ von Aristoteles lässt sich im Internet gemäß des Reclam-Heftes in der Übersetzung von Manfred Fuhrmann unter http://www.digbib.org/Aristoteles_384vChr/De_Poetik nachlesen.
Dramenanalyse
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Julius Caesar Scaliger (1484 – 1558), ein humanistischer Gelehrter, übersetzte Aristoteles‘ 6 Begriffe
mit „fabulam, mores, dictionem, sententiam, apparatum & melodiam“.
Was also könnte mit Mythos (fabulam) gemeint sein?
???
Zu : Für Aristoteles ist Mythos das Wichtigste im Drama. Noch vor Ethos. Er meinte damit den Ereigniszusammenhang, der den Inhalt ausmacht. Seit dem 18. JH wird es mit ‚Handlung‘ übersetzt
und meint eine Kette von Begebenheiten, an denen meist mehrere Personen beteiligt sind, eine
Synthese oder Verknüpfung von Begebenheiten, wie es Lessing in seiner berühmten „Hamburgischen Dramaturgie“3 formulierte – oder eben: eine zusammenhängende Folge menschlichen Handelns.
Zu : Da das Epos gleichfalls eine ‚dramatische Struktur‘ besitzt, braucht das Drama eine zusätzliche Abgrenzung, und die findet sich im Bereich der Lexis. Reden ist ebenfalls Handeln, im Drama
sogar die beherrschende Art des Handelns – und zugleich das Medium, das uns Außersprachliches,
z.B. innere Vorgänge der Figuren vermittelt (‚Figurenrede‘).
Zu : Ohne eine szenische Darbietung, die erst das Drama sinnlich wahrnehmbar macht, bleibt jedes Theaterstück unvollendet. Lange Zeit galt dies so aber nicht, die Opsis wurde über die Zeiten als
vulgär, nebensächlich und gar als verzichtbar eingestuft. Erst im 18 JH. Änderte sich dies.
Zu : Zu Darstellung der Charaktere im Drama benötigt es noch des Rollenspiels(, der Rollen, der
Charaktere). Dieses steht im Gegensatz zur Improvisation, deren Ausgang offen ist. Das Drama,
dessen Handlungen, angefüllt mit Figurenreden und bereichert durch szenische Darbietung, wird
zur Schau des Publikums rollengespielt: A spielt B und C schaut zu.
3. Titel und Arten des Dramas
Das erste, was man zu Gesicht bekommt, ist der Titel; er stellt das Stück vor, soll neugierig machen.
Titel können beinhalten ???:
-
Handlungsschema: Der Widerspenstigen Zähmung (Shakespeare)
Hauptereignis: Figaros Hochzeit (Beaumarchais)
Personennamen: Emilia Galotti (Lessing)
Soziale Bezeichnung: Die Räuber (Schiller)
Charakterbezeichnungen: Der Geizige (Molière)
Ortsangaben: Der Hauptmann von Köpenick (Zuckmayer)
Dinge: Der zerbrochene Krug
Tiere: Die Möwe (Tschechow)
Gedankliche Quintessenz: Das Leben ein Traum (Caldéron)
Redensarten: Weh dem, der lügt! (Grillparzer)
Oft kann man daraus Rückschlüsse auf die Art des Dramas ziehen: z.B. haben die Personennamen
im Bereich der Tragödie ein starkes Übergewicht.
3
Die „Hamburgische Dramaturgie“ von Lessing lässt sich im Internet unter http://gutenberg.spiegel.de/buch/1183/1
nachlesen.
Dramenanalyse
Die (Handlungs-)Art des Dramas (Tragödie/Komödie) wird bevorzugt im Untertitel preisgegeben.
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6 Unterscheidungen zwischen Tragödie und Komödie (in alter Zeit) ???
1. Stand der Personen (dramatis personae):
Hoher sozialer Stand = Tragödie
niederer sozialer Stand = Komödie
2. Sozialer Stand und Redestil:
Erhabene, würdevolle Sprache = Tragödie
Alltagssprache = Komödie
3. Stoffkriterium:
Könige, Morde, Kriege, Klagen, Heulen: heroische Schicksale = Tragödie
Spiel, Betrug, Kuppelei, Buhlerei, Leichtfertigkeit: private Schicksale = Komödie
4. Dramenausgang:
trauriges, schweres Ende, bei dem alle den Tod finden = Tragödie
glückliches, leichtes Ende, bei dem alle heiraten = Komödie
[„Nach der populären Definition ist ein Trauerspiel ein schweres Drama, in dem im letzten
Akt alle den Tod finden, die Komödie ein leichtes Stück, in dem im letzten Akt alle heiraten.“
Zitat: George Bernard Shaw ‚Tolstoy: Tragedian or Comedian?‘ ( 1921)]
5. Historizität:
an Geschichte und Mythos (Namen) angelehnt = Tragödie (bedarf keines Einfalls
[Dürrenmatt])
frei erfundene Stoffe und Namen = Komödie (bedarf der Einfälle [Dürrenmatt])
6. Moralität:
Nachahmung von Menschen, edler als in Wirklichkeit = Tragödie
Nachahmung von Menschen, gemeiner/gewöhnlicher als in Wirklichkeit = Komödie
Dies führt aber nur zu den reinen Formen von Tragödie und Komödie.
Es gibt aber immer wieder in der Geschichte des Theaters auch Mischformen. Und oft werden tragische Inhalte als Komödie geschrieben und lustige Begebenheiten enden tragisch.
Diese Reibung zwischen Standeskriterium und Ausgang des Stücks erweiterte nach und nach die
Artenvielfalt der Theaterstücke …
- Tragikomödie
- rührendes Lustspiel
- Volksstück
- Bürgerliches Trauerspiel
… und führte im 18. JH zur Dreiteilung in I) Lustspiel, II) Schauspiel, III) Trauerspiel.
Auch die Reibung zwischen Moralitätskriterium und Ausgang des Stücks erweiterte die Artenvielfalt der Theaterstücke …
- Lasterkomödie
- Glückskomödie
Dramenanalyse
Dürrenmatt meinte, nur die Komödie, eben die tragische Komödie, könne der Absurdität des modernen Daseins beikommen. [Theater-Schriften und Reden, 1966, S. 122]
Ionesco gestand, er habe den Unterschied zwischen Komischem und Tragischem nie begriffen; ihm
erscheint das Komische tragisch und die Tragödie zum Lachen. [Notes et contre-notes, 1962, S. 13]
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4. Gliederung des Dramas
Akt, Szene und Auftritt
??? AKT
a) Aristoteles (griech.)
Prolog – Chorteil (unterteilt in 3, 4 oder 5 Episoden) – Exodos
Mit dem Zurücktreten des Chors setzte sich fortlaufende Zählung in Akten („actus“) durch:
b) Die 5-aktige bei Menander/Seneca (röm.)
Akt 1 – Akt 2 – Akt 3 – Akt 4 – Akt 5
ebenso wie die 3-aktige
c) nach Donat (Terenz-Kommentator im 4. JH n.Chr.):
Prótasis – Epítasis – Catastrophe
bzw. in Frankreich seit dem 17. JH
Exposition – Nœud – Dénouement
und in Deutschland
Exposition – Entwicklung – Auflösung (Katastrophe)
Aber schon im 18. JH verbeugte sich Gotthold Ephraim Lessing bereits wieder vor der klassischen Tradition und schrieb 5-Akte – bzw. wie er es nannte: „Aufzüge“.
Und später kamen 2-Akter hinzu (z.B. bei Samuel Beckett), oder 1-Akter (z.B. bei Sartre).
Aber zurück zum Akt an sich und zur Akteinteilung.
Die Akteinteilung resultiert nicht aus der Handlung und hat, in chorlosen Dramen, auch keine bühnenspezifische Funktion, „sondern ist meist nur klassizistische Anspielung oder spielübergreifendes Kompositionsraster. Der Zuschauer nimmt die Aktgrenzen als solche bloß
dann wahr, wenn einzig durch sie die raumzeitliche Handlungskontinuität unterbrochen
wird. In vielen Dramen […] sind die Aktwechsel von den übrigen Schauplatzwechseln grundsätzlich nicht zu unterscheiden.“4
Das kleinere Pendant vom Akt ist die Szene.
??? SZENE
Szene bedeutet
a) Schauplatz: Geschehen zwischen zwei Schauplatzwechseln (Szenenzählung bei Shakespeare und im dt. Drama)
b) Auftritt: Geschehen zwischen zwei Personenwechseln (Scaliger, s. S. 1; frz. Klassik)
4
Bernhard Asmuth „Einführung in die Dramenanalyse“, 4. Auflage, Seite 38
Dramenanalyse
Problem:
Autoren mit sehr häufigen Schauplatzwechseln neigen zu Definition und Zählweise a), im
andern Fall zu b). Und im 18. JH sehr häufig anzutreffen das gemischte Verfahren:
Man verstand das Wort Szene gemäß a) (Schauplatz), nummerierte aber die „Auftritte“.
So auch Lessing. Und Schiller trieb es kunterbunt: er zählte, wie es ihm gefiel.
4
??? Auftritte
In der Zeit des antiken Dramas wurde dem Chor durch Thespis () ein 1. Schauspieler gegenüber gestellt. Aischylos () fügte einen 2. hinzu, Sophokles () einen 3. Mehr als 3
gleichzeitig agierende Personen während eines Auftritts galten lange als verpönt. (Im gesamten Stück waren natürlich mehr möglich.)
Die Dramatiker der Neuzeit im deutschsprachigen Raum haben die Regel weitgehend auch
noch befolgt; zum Teil wurde sie aber auch bewusst gebrochen, wie z.B. im Schuldrama
(), weil möglichst viele Schüler mitspielen sollten. Zudem wurden Kompromisslösungen
gefunden, indem man „stumme Rollen“ einführte. Im 19. JH führte der Schriftsteller Gustav
Freytag die Bezeichnung „Ensembleszenen“ für Szenen mit mehr als 3 Personen ein und
hielt sie besonders für historische Stoffe für geeignet.
5. Quantitative Untersuchung !!!
Dabei geht es hauptsächlich um
I.
Handlungsabschnitte (Bilder)
II.
Auftritte
III.
Redeäußerungen
Bei Verwendung von Akten sind diese selbstverständlich mit zu berücksichtigen.
??? Sinn und Zweck solch einer Analyse
ist es, einer schnelleren und differenzierteren Erfassung des Textzusammenhangs zu dienen.
(„Längere Handlungsabschnitte, Auftritte und Redeäußerungen sind oft zugleich die wichtigeren.
*…+ Wer schon vor der Lektüre über die Umfangsverhältnisse Bescheid weiß, wird die herausragenden Teile mit erhöhter Aufmerksamkeit lesen. *…+ Je verwickelter das Drama gebaut ist, umso mehr
vermag die quantitative Analyse nützen.“)5
Quantitative Untersuchungen lassen sich in Tabellen erfassen. Zwei wichtige betreffen: ???
1. Personen & Auftritte
(Die Personen des Dramas können zumeist dem Personenverzeichnis entnommen werden, das den meisten Stücken vorangestellt ist. Die zugehörigen Auftritte müssen durch
etwas Fleißarbeit herausgefunden werden.)
Diese Tabelle kann leicht und informativ erweitert werden durch weitere Zeilen, die
a) die Gesamtpersonenzahl und b) den Gesamtumfang (Seiten) der Szene angeben.
Weiter lässt sich durch erhöhten Arbeitsaufwand – aber manchmal durchaus wichtig –
c) der Gesprächsanteil (Zeilen) der Personen in den Szenen notieren.
5
Bernhard Asmuth „Einführung in die Dramenanalyse“, 4. Auflage, Seite 44
Dramenanalyse
2. Wer mit wem
Diese Tabelle zeigt die Häufigkeit der Begegnungen an. Woraus man Rückschlüsse auf
die wichtigen Konstellationen ziehen kann. Aber sie zeigt auch an, wer überhaupt mit
einer anderen Figur in Kontakt tritt – oder eben nicht. Dadurch fällt einem das Verständnis der Handlung leichter. UND – Wichtig für Regisseure und Intendanten! - mögliche Doppelbesetzungen werden leicht erkenntlich (was auch heute noch Bedeutung hat
für kleine Theater und Theater der freien Szene, weil die Ensemblegröße klein ist – und
für große Theater, wenn sie es sich zum Programm machen).
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6. Weiteres, der Analyse bzw. näheren Betrachtung wert
Bühnenanweisungen/Nebentexte
Besonderes Gewicht abseits des Figurentextes kommen den Bühnen- und Regieanweisungen zu
(Schauplatzgestaltung/Szenarium/Figurenaussehen/gestisches Verhalten/Qualitätsbezeichnungen).
Ab dem 18. JH nahmen Bühnenanweisungen im Theatertext rapide zu, wohl weil man meinte, dass
das (neu) von der Vernunft befreite Gefühlsleben mit Worten (der wörtlichen Figurenrede) allein
nicht zu fassen sei.
Die nächst größere Ausdehnung erlebten Bühnenanweisungen dann im naturalistischen Drama um
1890. Bei Gerhart Hauptmanns „Die Weber“ nehmen diese Bühnenanweisungen zu Beginn den
Umfang breiter Erzählpassagen ein.
Und in manchen Stücken des 20. JH (z.B. von Peter Handke) übertreffen die Bühnenanweisungen
im Umfang die Figurenrede. Bei Samuel Beckett gibt es Stücke, die nur aus ihnen bestehen.  Episches Theater (siehe dann).
Vorüberlegungen für die nächste Stunde:
Dramenanalyse
Überlegen, wie es wäre, wenn man nichts, gar nichts wüsste von dem, was man heute weiß
Was würde einem dann logischerweise angst bereiten
Sich auf eines, wovor man Angst haben kann, einigen
Wie sähe das aus, wovor man Angst hat
Bis zum nächsten Mal mit einfachsten(!) Mitteln eine derart gestaltete Maske fertigen und mitbringen
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