File - Ronald D. Gerste

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ZEITLÄUFTE
22. Januar 2009 DIE ZEIT Nr. 5
272 Wörter für die Ewigkeit
Seine Rede in Gettysburg machte Abraham Lincoln zum neuen Gründervater der USA, nach seiner Ermordung wurde er ein Mythos. Ein Lebensbild zum 200. Geburtstag (2. Teil)
Foto: Brand X/Jupiterimages
VON RONALD D. GERSTE
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ie ersten fünf Wochen der
Amtszeit Lincolns vergehen
in quälender Ungewissheit.
Überall im Süden formieren
sich Milizen und paramilitärische Einheiten. Zwei
Stützpunkte auf dem Territorium der neu gegründeten Konföderation der
Sklavenhalter, der Confederate States of America (CSA), sind den Bundestruppen noch geblieben: Fort Pickens in Pensacola, Florida, und Fort
Sumter im Hafen von Charleston, Süd-Carolina.
Diese im Bau befindliche kleine Festung wird
von einer nur etwa 80 Mann umfassenden Einheit unter dem Kommando von Major Robert
Anderson gehalten.
Im Norden machen die Zeitungen das Schicksal der Garnison zum Prüfstein für die Autorität
der neuen Regierung Lincoln. Doch noch bevor
diese handeln kann, greifen die Konföderierten
an. Am frühen Morgen des 12. April 1861 feuert
die erste Kanone von Charleston aus auf Fort
Sumter. Die Beschießung dauert 33 Stunden. Etwa
4000 Granaten schlagen ein, sie durchlöchern die
noch leeren Gebäude. Die Unionstruppen antworten mit rund 1000 Granaten, müssen aber am
Tag darauf kapitulieren. Wie durch ein Wunder
nimmt niemand ernsteren Schaden – das einzige
Todesopfer ist ein Pferd der Konföderierten –, und
doch zeigt sich schon in diesem Auftakt des Krieges eine monströse Maßlosigkeit, eine Unverhältnismäßigkeit der Mittel, die seinen besonderen
Charakter ausmachen sollte.
Niederlage reiht sich an Niederlage,
eine blutiger als die andere
Im Norden löst die Nachricht von der Beschießung Fort Sumters einen wahren Kriegsrausch aus;
Lincoln lässt 75 000 Freiwillige zu den Waffen
rufen. Doch während die Armeen in Grau (die
Konföderierten) und Blau (die Unionstruppen)
zu gewaltigen Heeren heranwachsen, bleibt er um
eine Konsolidierung dessen bemüht, was von den
USA noch übrig geblieben ist. Weitere Südstaaten
haben sich der Rebellion angeschlossen. Besonders
hart trifft ihn der Abfall Virginias: Das neue »Feindesland« liegt am anderen Ufer des Potomacs in
Sichtweite des Weißen Hauses.
Als tragischer indes als dieser territoriale Verlust
wird sich für Lincoln und den Norden die ganz
persönliche Sezession eines einzelnen Virginiers
erweisen: Colonel Robert E. Lee nimmt seinen
Abschied aus der U. S. Army, da er nicht gegen
seine Heimat kämpfen will. Der hoch angesehene
Offizier (auf dessen Familiensitz in Arlington gegenüber von Washington die Besatzer aus dem
Norden später während des Krieges einen großen
Friedhof für Gefallene anlegen lassen) übernimmt
das Oberkommando der konföderierten Streitkräfte. Lee ist ein begnadeter Heerführer – und so
überlegen der Norden von Anfang an bleibt, vor
allem dank der fortgeschrittenen Industrialisierung,
so weiß man doch in Washington diesem Mann
lange Zeit nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen.
Ja, es ist nicht zuletzt dieses militärisch vielleicht
bewundernswerte, politisch aber so fatale Genie
des Robert E. Lee, das aus dem Bürgerkrieg eine
sich über vier Jahre hinziehende Tragödie macht.
Lincoln gelingt es mit einer Mischung aus
Druck und Diplomatie, drei »schwankende« Staaten in einer leicht labilen Loyalität zur Union zu
halten: In Missouri, Kentucky und Maryland gibt
es Sklaverei, dennoch bleiben sie den USA treu.
Eine Sezession Marylands hätte dramatische Konsequenzen: Die Hauptstadt Washington wäre dann
komplett von Feindesland umgeben, der Regierungssitz müsste nach Norden verlegt werden.
Auch die internationale Reaktion auf den
Konflikt muss Lincoln genau kalkulieren, eine
diplomatische Anerkennung der CSA auf jeden
Fall verhindern. Sowohl in der britischen Oberschicht als auch im imperialistischen Frankreich
Kaiser Napoleons III. gibt es Sympathien für die
Konföderation. Schließlich betrachtet mancher
dort Jefferson Davis, Robert E. Lee, Stonewall
Jackson und andere Führer der CSA als country
gentlemen, als eine Art Verwandtschaft, deren
aristokratischer Lebensstil dem eigenen Selbstverständnis gewiss mehr entspricht als die demokratische Weltsicht des halbproletarischen Lincoln.
Die Regierung Jefferson Davis weiß das, und
sie glaubt zudem, dass die Wirtschaft in Großbritannien und Frankreich heftig unter Druck
geraten wird, wenn das wichtigste Produkt der
Südstaaten, die Baumwolle, durch die Seeblockade der Unionsmarine die Fabriken in Europa
nicht mehr erreicht. Doch diese Hoffnung trügt.
In Europa besteht ein Überangebot an Textilien,
und seine Wirtschaft erholt sich nach den Auswirkungen des elenden Krimkriegs prächtig.
Lincoln bleibt besorgt. Niederlage reiht sich an
Niederlage, eine blutiger als die andere. Zwar gelingt es immer wieder, den Konföderierten die Stirn
zu bieten, wie im März 1862 am Pea Ridge in Arkansas, wo besonders Brigadegeneral Franz Sigel,
ein »Achtundvierziger« aus Baden, eine gute Figur
macht. Doch erst ein halbes Jahr darauf, am
17. September, kommt es zu einem großen, allerdings mit furchtbaren Opfern erkauften Erfolg.
Lee ist mit seiner Armee nach Maryland, auf das
Gebiet der Union, vorgerückt. Er scheint sich seines Sieges gewiss und hofft, dass die europäischen
Mächte die Konföderation nun endlich anerkennen. An einem Flüsschen namens Antietam Creek
wird er von der Unionsarmee unter dem Kommando General George McClellans gestellt, der sich
gern »kleiner Napoleon« nennen lässt, in den Salons von Washington aber zu Lincolns Ärger eine
viel forschere Figur abgibt als an der Front.
Der Kampf wird zum Gemetzel. Als sich die
Nacht über das Schlachtfeld senkt, liegen 6000
Tote auf den grünen Weiden. Antietam gilt bis
heute als der »blutigste Tag« der amerikanischen
Geschichte. Es ist – endlich! – ein Sieg des Nordens, wenn auch zu Lincolns großer Enttäuschung
nicht die erhoffte Vernichtung von Lees Armee
und damit noch lange nicht die Entscheidung.
Und noch ist auch die Sklavenfrage nicht entschieden. Immer wieder nennt Lincoln die Wiederherstellung der Union als sein wichtigstes Ziel.
Am 20. August 1862 veröffentlicht der einflussreiche Publizist Horace Greeley in der New York
Tribune einen Leitartikel mit dem Titel Die Gebete von zwanzig Millionen, in dem er Lincoln auffordert, mit der Sklaverei endgültig Schluss zu
machen. Lincoln – überraschend für einen Präsidenten – antwortet direkt im Blatt. »Ich habe
nicht die Absicht, irgendjemanden im Zweifel zu
lassen. Ich will die Union retten. Ich will sie auf
dem kürzesten Weg retten, den die Verfassung
vorsieht. […] Wenn ich sie retten könnte, indem
ich alle Sklaven befreite, würde ich es tun. Und
wenn ich sie retten könnte, indem ich einige Sklaven befreite und mich um andere nicht kümmerte, würde ich es tun. Was ich wegen der Sklaverei
und der farbigen Rasse unternehme, tue ich, weil
ich glaube, dass es hilft, die Union zu retten.«
Es sind die Worte eines Staatsmanns. Niemand
soll ihm den Vorwurf machen, er führe über Amerikas Interessen hinweg einen fanatischen Kreuzzug
gegen die Sklaverei. Und doch verleugnet sich der
Bekenner nicht. Es bleibe sein unveränderlicher
Wunsch, so beendet er seinen Brief an Greeley,
»dass alle Menschen überall frei sein sollten«.
Am 22. September 1862, nur fünf Tage nach
der Schlacht am Antietam, legt Lincoln dem
Kabinett seine Emanzipations-Proklamation vor,
tags darauf wird sie veröffentlicht: Vom 1. Januar
1863 an sind alle Sklaven in den nicht von der
Union besetzten Staaten des Südens frei. Die merkwürdige Formulierung bedeutet, dass die Sklaven
ausgerechnet dort Sklaven bleiben, wo das Wort
des Präsidenten problemlos umgesetzt werden
könnte: in den unionsloyalen sklavenhaltenden
Staaten und in den von Unionstruppen besetzten
Teilen des Südens wie zum Beispiel in Norfolk,
Virginia, oder in New Orleans, Louisiana. Wieder
einmal gilt es, Rücksicht zu nehmen auf die oberste Staatsräson, auf die Einheit der Nation. Zwei
Jahre später, als der Norden triumphiert, fällt dann
die Einschränkung weg. Am 31. Januar 1865,
unmittelbar vor dem Ende des Bürgerkrieges, erklärt der Kongress die Sklaverei für abgeschafft.
Längst kämpfen Schwarze in den Reihen der
Nordstaaten – in einem Krieg, der immer fanatischer, immer monströser wird. Konföderierte
Einheiten ermorden gefangen genommene farbige Unionssoldaten. Camp Sumter in Andersonville, Georgia, wird zu einem Synonym für die
völlige Entmenschlichung. Die Südstaatler lassen
dort ihre Gefangenen verhungern, an die 13 000
Menschen sterben in dem völlig überfüllten Lager, Folter ist an der Tagesordnung.
Die Presse wird zensiert, die Post
durchschnüffelt, überall lauern Spitzel
Doch der Krieg korrumpiert auch den Norden.
Mehrfach hebt Lincoln für kurze Zeit eines der ältesten Grundrechte der angelsächsischen Welt auf,
das vom einstigen Mutterland England übernommene writ of habeas corpus. Jetzt kann das Militär nach Gutdünken festnehmen, wen es will.
Einige der Verhafteten haben tatsächlich die Konföderierten unterstützt, mit Guerilla-Aktionen oder
terroristischen Anschlägen, andere lediglich den
Krieg ein wenig zu heftig kritisiert. Die Presse wird
zensiert, die Post durchschnüffelt, überall lauern
Spitzel. Lincoln plagt sein schlechtes Gewissen, und
voller Sorge sieht er auch, mit welch mörderischer
Brutalität sich Unionsgeneräle wie William T. Sherman ihren Weg durch den Süden bahnen. So exekutiert dieser Berserker noch in den letzten Kriegsmonaten einen Rachefeldzug der »verbrannten
Erde«, der ganze Landstriche verwüstet.
Im Juli 1863 hat sich das Kriegsglück endgültig
zugunsten des Nordens gewendet. Zwar gelingt es
Lee noch im Mai, in der Schlacht bei Chancellorsville, Virginia, zu triumphieren (wo auf Seiten der
Union auch der deutsche Freiheitsheld Friedrich
Hecker verwundet wird). Doch dann fällt am Mississippi die Festung Vicksburg in die Hände der
Unionsarmee unter dem General – und späteren
Präsidenten – Ulysses Simpson Grant. Jetzt kon-
SCHREIN DER NATION:
Das Lincoln Memorial in Washington,
1915 bis 1922 errichtet,
gehört zu den heiligen Orten der Hauptstadt
))))))))
trolliert die Union wieder den »Vater aller Ströme«,
die Konföderation ist in zwei Teile zerschnitten.
Zur selben Zeit, vom 1. bis 3. Juli 1863, treffen
bei Gettysburg in Pennsylvania Lees konföderierte
Streitmacht und die Potomac-Armee von General
George Meade aufeinander. Es wird ein grandioser
Sieg des Nordens und zugleich ein weiteres grauenvolles Gemetzel: 5500 Tote und über 17 000
Verwundete lautet die schreckliche Bilanz.
Wenige Monate später, am 19. November, besucht Lincoln den Ort, um dort einen Nationalfriedhof einzuweihen. Nach der zweistündigen
Ansprache des Festredners, eines Elder Statesmans
und Harvard-Professors, die alle Anwesenden schon
rechtschaffen ermüdet hat, spricht er nur ein kurzes
Grußwort. Seine zweieinhalb Minuten dauernde
Gettysburg Address wird die berühmteste Rede der
amerikanischen Geschichte, die zweite Gründungsurkunde der USA – 272 Wörter für die Ewigkeit,
die heute jedes Schulkind auswendig lernt.
Lincoln wagt das Unmögliche: dem Wahnsinn
dieses Krieges, der Sinnlosigkeit des Sterbens einen
Sinn zu geben. In der Gettysburg Address identifiziert er Amerika mit der Demokratie als einzig
denkbarer Staatsform. Ohne den Grundsatz, dass
alle Menschen gleich geschaffen sind, ohne Demokratie sind die USA nicht möglich. Niemals wieder,
so lautet sein Credo, sein Schwur, soll »die Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk«,
niemals wieder soll die Demokratie – wie nach so
vielen europäischen Revolutionen und Freiheitskämpfen – im Chaos oder in neuer Willkürherrschaft verenden. Der Opfertod der Soldaten sei
nicht vergebens: Amerika werde eine »Wiedergeburt der Freiheit« erleben und garantieren, dass die
Volksherrschaft »nie mehr von der Erde verschwindet« – »shall not perish from the earth«.
Das Elend des Krieges hat ihn gezeichnet, tiefe Furchen durchziehen Lincolns Gesicht. Privater
Kummer kommt hinzu, als einer seiner Söhne, der
elfjährige Willie, im Weißen Haus an einem Fieber
stirbt. Doch von seiner Aufgabe ist er auch in den
dunkelsten Stunden überzeugt.
Im Herbst 1864 erleben die Amerikaner im
Norden eine Sternstunde der Demokratie. Zum
ersten Mal findet mitten in einem großen Krieg eine
weitgehend freie und faire Wahl statt (in ihrer historischen Bedeutung geschmälert allenfalls durch
die Tatsache, dass das Wahlvolk noch nicht aus der
gesamten erwachsenen Bevölkerung besteht, sondern nur aus weißen Männern). »Wir können keine freie Regierung ohne freie Wahlen haben«, erklärt
Lincoln. »Wenn die Rebellen uns dazu zwängen,
eine Wahl zu verschieben oder ausfallen zu lassen,
dann könnten sie mit Recht sagen, dass sie uns bereits besiegt und vernichtet haben.« Die Eroberung
Atlantas durch Sherman am 2. September – verewigt
1936 in Margaret Mitchells Vom Winde verweht –
bereitet den Boden für den Wahlsieg Lincolns über
den Helden von Antietam, General McClellan, der
für die Demokraten angetreten ist.
Die Konföderation, deren Staatsspitze sich zu
keinem Zeitpunkt ihrer Existenz dem Votum der
Wähler stellt, hat auf eine Niederlage Lincolns gehofft. Umso größer ist die Enttäuschung. Und
während Lincoln bei seiner zweiten Inauguration
am 4. März 1865 schon verspricht, das Land in
aller Großmut wieder zu versöhnen, wissen Jefferson Davis und die Seinen, dass das blutige Spiel
verloren ist. Fünf Wochen später, am 9. April 1865,
kapituliert Lee bei Appomattox Court House in
Virginia vor Grant. Der Bürgerkrieg ist zu Ende.
Unmittelbar nach seiner Wahl zum Präsidenten,
im Winter 1860/61, hat Lincoln, der an Vorzeichen
glaubt, eine Vision erlebt. Da sah er, noch zu Hause in Springfield, beim Blick in den Spiegel neben
seinem Bild ein zweites von sich, blass und fahl.
War es, so fragt er sich jetzt, ein Hinweis darauf,
dass er die zweite Amtszeit nicht überleben wird?
Am Abend des 14. April 1865 besucht er mit
seiner Frau Mary und einem befreundeten Paar
Ford’s Theatre in Washington. Das Publikum erhebt sich und applaudiert begeistert, als die Lincolns leicht verspätet die festlich geschmückte
Proszeniumsloge betreten. Es sollte die letzte Huldigung an den lebenden Präsidenten sein.
Gegen Viertel nach zehn, Lincolns Leibwächter
verfolgen amüsiert die Posse auf der Bühne,
schleicht sich der Schauspieler und fanatische Südstaatler John Wilkes Booth in die Loge, in der
Hand eine winzige Pistole. Aus nächster Nähe
schießt er dem Präsidenten in den Hinterkopf. Die
Tat ist Teil einer großen Racheverschwörung: Zur
selben Stunde werden Außenminister William
Seward und sein Sohn bei einem Attentat schwer
verletzt, und Vizepräsident Andrew Johnson entgeht nur mit Glück einem Anschlag der Terrorzelle um Booth, der sich als Werkzeug Gottes sieht.
100 Jahre nach Gettysburg träumt
Martin Luther King seinen Traum
Man trägt Lincoln aus dem Theater in ein Haus
auf der anderen Straßenseite. Sein Körper ist für
das Bett zu lang, sodass er quer zu liegen kommt.
Einige seiner Minister und enge Vertraute halten
Wache am Lager des Schwerverletzten, der das
Bewusstsein nicht wiedererlangt. Um 7.22 Uhr
am Morgen des 15. April bleibt Lincolns Herz
stehen. Kriegsminister Edwin M. Stanton, keiner
sentimentalen Anwandlungen verdächtig, spricht
in die Stille des kleinen Raumes hinein: »Now he
belongs to the ages« – nun ist er Geschichte.
Als der mit Trauerflor und Fahnen geschmückte Sonderzug Abraham Lincoln heim nach Springfield in Illinois bringt, säumen Hunderttausende,
vielleicht gar Millionen seinen Weg. Aus dem Visionär, der Amerika durch seine düsterste Epoche
geführt hat, ist der Märtyrer geworden.
In den folgenden Jahren wächst er in der Erinnerung der Nation zum Mythos, allüberall im
Land werden ihm Denkmäler errichtet. Das berühmteste steht in Washington, erbaut 1915 bis
1922 von Henry Bacon. Im Hintergrund einer
weiten Halle thront der Präsident, in weißen Marmor gehauen von Daniel Chester French, überlebensgroß als Übervater der Nation. 1963, genau
hundert Jahre nach der Gettysburg Address, sollte hier ein anderer Visionär vor Hunderttausenden
sprechen: Martin Luther King. Und es sollte die
berühmteste amerikanische Rede des 20. Jahrhunderts werden: »I have a dream.«
Lincolns Erbe ist in Amerika allgegenwärtig,
gerade heute. Anderthalb Jahrhunderte nach dem
Bürgerkrieg und bald fünfzig Jahre nach Kings
Traum ist erstmals ein Farbiger ins Weiße Haus
eingezogen. Was für ein seltsamer Zufall, dass es
nun ausgerechnet ihm, dem 44. Präsidenten der
Vereinigten Staaten, vorbehalten ist, am 12. Februar den 200. Geburtstag jenes Mannes zu zelebrieren, der Amerika für immer auf die Demokratie
verpflichtet hat, auf die Gleichheit und die Freiheit
– wie oft dieses Ideal seither auch verraten wurde
und vielleicht noch verraten wird.
Der Autor ist Arzt und Historiker und lebt in
Washington, D. C. Mehr zum Thema in seinem Buch
»Abraham Lincoln – Begründer des modernen Amerika«,
das soeben erschienen ist (Pustet-Verlag; 272 S., 26,90 €)
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