Professor Dr. med. Franz Joseph Freisleder Ärztlicher Direktor

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Sendung vom 26.11.2014, 20.15 Uhr
Professor Dr. med. Franz Joseph Freisleder
Ärztlicher Direktor Heckscher-Klinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie,
Psychosomatik und Psychotherapie
im Gespräch mit Sabrina Staubitz
Staubitz:
Grüß Gott und herzlich willkommen, liebe Zuschauer, beim alpha-Forum.
Die 13-jährige Martha treibt täglich Sport, kapselt sich ab, hungert, wird
immer dünner. Der 14-jährige Mark verbringt jeden Tag fünf, sechs,
sieben Stunden am Computer, und zieht sein Papa den Stecker, dann
wird er wütend und schlägt um sich. Beide besorgten Eltern fragen sich:
"Ist das noch normal? Oder ist unser Kind anders als die anderen?"
Antworten auf diese Fragen zu geben, das versucht mein heutiger Gast,
Professor Dr. Franz Joseph Freisleder. Er hat zusammen mit Harald
Hordych das Buch geschrieben: "Anders als die anderen. Was die Seele
unserer Kinder krank macht." Herr Freisleder, Sie sind einer der
bekanntesten Kinder- und Jugendpsychiater Deutschlands und
außerdem Ärztlicher Direktor der Heckscher-Klinik hier in München mit
weiteren Abteilungen in Oberbayern. Herzlich willkommen, Herr
Freisleder.
Freisleder:
Grüß Gott.
Staubitz:
Herr Professor, Sie sagen, jedes Kind, wirklich jedes Kind kann
psychisch erkranken, egal wie glücklich, wie geliebt es aufwächst. Das ist
ja zunächst einmal eine relativ niederschmetternde Erkenntnis. Wie
reagieren denn die meisten Eltern auf diese Botschaft?
Freisleder:
Das soll nicht niederschmetternd klingen, sondern einfach ein Bild davon
geben, dass es wirklich jedes Kind treffen kann, und zwar deshalb, weil
es für die Entwicklung einer psychischen Störung in der Regel nicht nur
eine Ursache gibt, sondern weil es dafür zu einem Zusammenwirken von
vielen Faktoren kommen muss. Natürlich spielt die Umwelt, spielen die
Rahmenbedingungen, in denen ein Kind lebt, eine große Rolle bei der
Entstehung von psychischen Erkrankungen. Aber es gibt bei vielen
Störungsbildern eben auch innere Komponenten, genetische Aspekte.
Wir sprechen dann von erhöhter Vulnerabilität für die Entwicklung einer
Störung. Da kann also die Umgebung gar nichts dafür. Sie kann vielleicht
solche Faktoren ein bisschen abbremsen und nivellieren. Aber es trifft
insofern doch zu, dass das jedes Kind irgendwie treffen kann.
Staubitz:
Das ist also für die Eltern ein bisschen entlastend gemeint, damit sie sich
nicht immer selbst die Schuld geben. Denn genau das passiert ja oft. Sie
haben soeben von den vielen Faktoren gesprochen. Es gibt
Schutzfaktoren, die ein Kind vielleicht eher stärken, und es gibt
Risikofaktoren wie z. B. eine Veranlagung, eine genetische Disposition.
Können Sie denn die wichtigsten Faktoren kurz nennen, also die
Schutzfaktoren und die Risikofaktoren? Und könnten Sie das vielleicht
auch jeweils an einem Beispiel festmachen?
Freisleder:
Die Diskussion darüber, dass es viele Risikofaktoren gibt, die Kinder und
Jugendliche psychisch krank werden lassen, haben wir lange geführt.
Dabei haben wir aber vergessen, dass es glücklicherweise auf der
anderen Seite aber auch eine Menge von Aspekten gibt, die ein Kind, ein
möglicherweise gefährdetes Kind bzw. einen gefährdeten Jugendlichen
vor der Entwicklung einer psychischen Störung bewahren. Da kommt es
eben darauf an, wie die Dinge ineinandergreifen, was überwiegt. Was
sind Schutzfaktoren? Nehmen wir als Beispiel ein Kind, das eine gewisse
genetische Gefährdung hat für die Entwicklung einer Psychose, einer
Sucht. Wenn dieses Kind in einer Umgebung aufwächst, die sehr
aufmerksam mit ihm umgeht, die mit einem präventiven Auge seine
Entwicklung verfolgt und bei ersten Alarmzeichen mit guten
pädagogischen Mitteln dagegensteuert, wenn dieses Kind in einer
harmonischen Familie aufwächst, in der es vielleicht sogar noch einen
Mehrgenerationenhaushalt gibt, wo also neben den Eltern noch eine
engagierte Tante oder Oma da ist, dann ist das ein guter Schutzfaktor.
Das ist die eine Seite. Aber auf der anderen Seite muss man eben auch
bedenken, dass es in der Umwelt, in der Schule, in der nächsten
Umgebung, im Freundeskreis eine Menge von schädigenden Aspekten
geben kann, die so ein Kind eben doch in eine psychische Störung
hineintreiben. So kommt es immer darauf an, wie die Dinge
ineinanderwirken. "Multifaktorielle Syndromgenese" ist der
entsprechende medizinische Ausdruck an dieser Stelle.
Staubitz:
Ich bin froh, dass Sie dieses Wort ausgesprochen haben, denn ich hätte
es nicht unfallfrei über die Lippen gebracht. Sie haben das jetzt sehr
anschaulich klar gemacht. Weil Sie sagen, dass man wachsam sein soll,
dass man das eigene Kind sehr genau beobachten soll: Gibt es denn
auch viele überbesorgte Eltern, die zu Ihnen kommen, weil ihr Kind einen
Tick hat oder sie den Eindruck haben, ihr Kind bekomme
überproportional häufig Wutanfälle? Sagen Sie diesen Eltern dann, dass
das alles nicht so schlimm sei?
Freisleder:
Da Sie von überfürsorglichen Eltern sprechen: Eltern können gar nicht
fürsorglich genug sein. Sie sollen natürlich keine sogenannten HelikopterEltern sein, die ständig und zwanghaft über ihrem Kind kreisen und jede
Bewegung registrieren wollen. Aber lieber einmal zu früh und zu viel
gefragt, wenn eine psychische Auffälligkeit Eltern irritiert.
Glücklicherweise ist es jedoch so, dass wir Eltern, wenn sie irgendein
Problem ihres Kindes skizzieren, gar nicht so selten beruhigen können,
dass wir ihnen sagen können: "Wartet mal ab, schaut euch mal diese
Auffälligkeit ruhig noch eine Weile an." Sie erwähnten gerade den Tick:
So ein Blinzeltick oder ein Zucken des Augenlids kommt gar nicht so
selten vor. Gar nicht so wenige Kinder in einer bestimmten
Entwicklungsphase haben so einen Tick, der sich dann aber auch wieder
verliert. Auch wenn ein Mädchen in der beginnenden Pubertät bzw.
mitten in der Pubertät auf einmal sehr auf seine Linie achtet und sich im
Freundinnenkreis mit anderen zusammentut und verschiedene Diäten
ausprobiert, dann ist das in einem gewissen Umfang alles noch ganz
normal. Problematisch wird es dann, wenn dieses Thema immer
wichtiger wird, wenn andere Lebensbereiche immer mehr in den
Hintergrund geraten. Das ist dann eben manchmal eine regelrechte
Gratwanderung: Die Eltern brauchen da ein gutes Gefühl dafür, wann sie
wen mal um Rat fragen und ob sie vielleicht auch mal einen Kinder- und
Jugendpsychiater oder Kinderarzt zur Rate ziehen, wenn sie selbst nicht
mehr weiterwissen.
Staubitz:
War das für Sie vielleicht auch mit ein Anlass dafür, dieses Buch zu
schreiben? Darf man es vielleicht auch so ein bisschen als einen
Aufklärungsratgeber für Bezugspersonen, für Eltern, für Lehrer
verstehen?
Freisleder:
Es gibt ja Hunderttausende von Erziehungsratgeber, in denen mal mehr,
mal weniger griffige und gute Konzepte den Eltern vorgestellt werden.
Die Eltern wissen dann oft gar nicht mehr, an was sie sich eigentlich
halten sollen. Ich muss sagen, dass es in diesem Fall die Idee des
Verlags gewesen ist, auf mich und Harald Hordych, den Journalisten, der
dieses Projekt mit mir zusammen gemacht hat, zuzugehen. Der Verlag
hat zu uns gesagt: "Schildert das alles doch mal aus der Perspektive
eines in einer großen Versorgungsklinik tätigen Kinder- und
Jugendpsychiaters. Schildert eure Arbeit, schildert, wie sich solche
Krankheitsfälle entwickeln können. Schildert sie bitte aus dem Alltag
heraus, wie sie entstehen, bis so ein Kind dann eines Tages bei euch vor
der Tür steht und ihr Ärzte und Psychologen und Pädagogen usw. eine
Therapie plant oder andere Ideen habt." So haben wir eben zehn Fälle
von Kindern entwickelt, die es so in der Realität aber gar nicht gibt.
Staubitz:
Das heißt, diese Charaktere sind alle fiktiv?
Freisleder:
Diese Fälle sind von uns entwickelt und geformt worden, sind also
insofern fiktiv. Aber in sie fließt eben auch eine nicht ganz kurze, nämlich
mehr als 25 Jahre lange Erfahrung im Fach Kinder- und
Jugendpsychiatrie ein. Der eine oder andere Teilaspekt eines Falls, den
wir schildern, hat sich genau so ereignet. Aber es soll sich natürlich in
diesem Buch niemand wiedererkennen können. Es gibt also keinen
einzigen Jugendlichen so, wie wir ihn geschildert haben. Aber es könnte
ihn geben, das darf ich Ihnen wirklich versichern.
Staubitz:
Sie wollten also sozusagen die Essenz aus Ihren Erfahrungen bündeln,
aber Sie wollten auch niemandem zu nahe treten, der sich als echter
Patient vielleicht angesprochen fühlen könnte.
Freisleder:
Zweitens wollten wir mit diesem Buch versuchen, den Eltern auch mal
plastische Beispiele zu geben, wie sich so eine psychische Störung im
familiären Alltag entwickelt, wie so ein Problem ganz am Anfang
auftaucht, sich verdichtet und immer schlimmer wird – oder manchmal
auch nur übertriebene Sorgen hervorruft. So haben wir diese Fälle
aufgebaut.
Staubitz:
Ich als Laie fand dieses Buch wirklich sehr gut lesbar. Sie haben die
jeweiligen Krankheitsbilder auch jedes mit einer Gliederung klar
strukturiert aufgebaut. Da gibt es jeweils einen ersten Teil, in dem das
Ganze aus der Sicht der Betroffenen geschildert wird: Hier kommen das
Kind, die Eltern und vielleicht auch der Lehrer usw. zu Wort. Danach
kommt es zu einer Begegnung mit Ihnen – fiktiv natürlich, aber sie hätte
so stattfinden können. Sie stellen dabei auch eine Diagnose. Und im
dritten Teil gibt es dann noch eine Zusammenfassung, bei der das
Krankheitsbild noch einmal erläutert wird und in der die Ursachen, aber
auch die Chancen, die man dabei haben kann, aufgezeigt werden. Für
unsere Zuschauer ist es ja, um den Ton in Ihrem Buch auch ein bisschen
zu fassen zu kriegen, vielleicht ganz interessant, wenn ich einfach mal
ein Beispiel herausgreife, wenn Sie erlauben. Da gibt es "Charlotte", ein
Mädchen, das an Magersucht leidet. So befürchtet es jedenfalls die
Familie. Dabei kommt es zu folgender Situation. Die Familie sitzt am
Frühstückstisch: Charlotte, ihre Schwester Regina und die Mutter. Es
kommt dann, nicht zuletzt deswegen, weil Charlotte mal wieder nicht
frühstücken möchte, zu diesem Dialog: "Charlotte: 'Ich mache mir ein
Müsli, das geht schneller.' Hält inne. 'Ach, wisst ihr was, ich hole mir
schnell eine belegte Semmel vor der ersten Stunde, wenn ich noch Zeit
habe.' Regina: 'Du hast noch ganz viel Zeit.' Charlotte: 'Pass lieber auf,
dass du nicht so ein Pummelchen wirst, wie ich es früher war.' Mutter:
'Wer war denn pummelig?' Charlotte: 'Ich, das hast du doch immer zu mir
gesagt: Pummelchen!' Mutter: 'Aber Charlotte!' Es klingt kläglich." Was ist
denn jetzt an dieser Familienszene typisch für dieses Krankheitsbild?
Freisleder:
Diese Szene – aus dem Kontext gegriffen – würde ich noch gar nicht so
pathologisieren wollen. Die Szene, die Sie vorgelesen haben, könnte
sich ja auch in normalen Familien abspielen. Aber es soll eben ein
Hinweis darauf sein, dass hier ein Thema immer mehr in den Mittelpunkt
gerät: Es wird permanent über das Essen gesprochen.
Staubitz:
Genauer gesagt, über das Vermeiden von Essen.
Freisleder:
Genau, über das Essen und über das Vermeiden von Essen. Die Szene
soll zeigen, dass hier eine Mutter besonders irritiert anspringt auf
bestimmte Auffälligkeiten ihrer Tochter. Damit sind wir nun genau bei der
Stelle, von der Sie vorhin gesprochen haben: am Anfang eines
Teufelskreises. Denn wenn man diese Geschichte weiterliest, wird man
sehen, wie sich die Geschichte mit Charlotte immer mehr verschlimmert,
verdichtet, um dann in diesem Fall in ein schweres Krankheitsbild zu
münden. So eine Szene, wie sie sich hier am Frühstückstisch abgespielt
hat, treffen wir jedenfalls im Vorfeld einer anorektischen Symptomatik
öfter an.
Staubitz:
In diesem Buch wechseln Sie stilistisch so ein bisschen hin und her und
es gibt auch innere Monologe der Betroffenen. Daraus vielleicht eine
weitere kleine Passage von Charlotte: "Als sie einmal ein starkes
Hungergefühl verspürt, isst sie ein Stück Diätbrot, das noch in ihrer
Tasche steckt. Das Hungergefühl ist sofort weg. Stattdessen beschleicht
sie ein schlechtes Gewissen. Sie hat sich gehen lassen: 'Naschen wie
ein Vorschuldkind!'" Man bekommt auf diese Weise mit, wie hart und
unerbittlich Charlotte gegen sich selbst ist. Warum ist denn diese enorme
Selbstkontrolle offensichtlich gerade für dieses Krankheitsbild so wichtig?
Freisleder:
Diese Selbstkontrolle ist nicht so wichtig im Hinblick auf das
Krankheitsbild, aber wir treffen diese Charaktereigenschaft oft an: diese
Strenge sich selbst gegenüber, dieses Bedürfnis nach Korrektheit, nach
Überkorrektheit, nach hohen Anforderungen, die man an sich stellt. Das
ist in der Tat ein Wesenszug, den wir bei anorektischen Mädchen öfter
feststellen. Es gibt übrigens auch gar nicht so wenige männliche
Jugendliche, die diese Problematik haben.
Staubitz:
Es werden wohl immer mehr, oder?
Freisleder:
Ja, das werden mehr. Vor 10, 20 Jahren hatten wir die Jungs mit so einer
Problematik noch gar nicht so im Blickfeld. Aber diese Strenge im
Umgang mit sich selbst, dieser Perfektionismus, diese Zwanghaftigkeit:
Das ist etwas, das wir bei vielen Jugendlichen immer wieder feststellen,
die eine Essstörung entwickeln oder die in einer bereits manifesten
Essstörung stecken.
Staubitz:
Und die Eltern sind zunächst einmal sogar recht angetan von diesem
Perfektionismus, denn das Kind bringt ja hervorragende Noten nach
Hause, ist immer so ordentlich und das Zimmer ist immer so aufgeräumt.
Aus diesem Grund läuft das erst einmal eine ganze Weile so dahin.
Freisleder:
Ja, das ist diese Selbsttäuschung, der sich auch Eltern hingeben, wenn
bei dem betroffenen Mädchen scheinbar alles klappt. Aber das ist eben
nur scheinbar so, auch wenn sie nur beste Noten nach Hause bringt und
in der Schule alles wie am Schnürchen klappt. Aber wenn die Eltern,
wenn das Umfeld wirklich genau hinschaut, dann merkt man eben doch,
dass es trotz dieser äußeren guten Leistungen zu einer
Stimmungsverschlechterung und zu einer Gewichtsabnahme kommt,
dass sich das Mädchen immer mehr zurückzieht und sich neben dem
Körpergewicht nur noch mit der Schule, den schulischen Leistungen und
z. B. den eigenen sportlichen Leistungen beschäftigt, während es den
Kontakt zu den anderen Jugendlichen im gleichen Alter verliert. Zunächst
mag das also ganz toll wirken, aber irgendwann merkt man eben doch:
"Oh, da stimmt was nicht mit meiner Tochter!"
Staubitz:
Selbst in den anstrengendsten Phasen, die man mit Kindern erlebt, gibt
es ja normalerweise zwischendurch auch immer wieder mal so ein
Leuchten in deren Augen, so einen unglaublichen Ausbruch an
Lebensfreude. Wenn das jedoch über längere Zeit nicht mehr vorkommt,
dann hat man Grund, ein bisschen besorgt zu sein. Wie reagieren denn
Eltern in der Regel auf eine entsprechende Diagnose? Die Eltern wollen
ja sicherlich zuerst einmal hören, dass ihr Kind wieder ganz gesund,
wieder vollkommen genesen wird. Was können Sie den Eltern da sagen,
was müssen Sie da teilweise den Eltern sagen?
Freisleder:
Gerade wenn wir von Essstörungen, von der Anorexie sprechen, ist es
schon wichtig, dass wir diese Diagnose so früh wie möglich stellen, dass
wir also dieses Krankheitsbild so früh wie möglich erkennen können. Wir
müssen aber auch, und das muss man eben einschränkend immer
hinzufügen, berücksichtigen, dass nicht jedes auffällige Essen gleich eine
Essstörung ist. Das ist eben ein fließender Übergang und deswegen
braucht es da wirklich den Fachmann, die Fachfrau, um das zu
erkennen. Wenn diese Diagnose dann gesichert ist, wenn also
bestimmte diagnostische Kriterien erfüllt sind, dann ist es vielleicht noch
wichtiger, die Patientin, den Patienten zu überzeugen, als das den Eltern
klar zu machen. Das gilt auch dann, wenn die oder der Jugendliche erst
14, 15 Jahre alt ist: Sie bzw. ihn müssen wir gewinnen, sie bzw. er muss
mit uns zusammenarbeiten. Aber es ist natürlich klar, dass in dieses
therapeutische Arbeitsbündnis auch die Eltern mit aufgenommen werden
müssen. Zu dem, was wichtig ist, könnte man natürlich viel sagen.
Wichtig bei der Anorexie wie auch bei vielen anderen psychischen
Störungen ist vor allem, dass man den Beteiligten, also dem Kind und
den Eltern, diese Schuldgefühle nimmt. Es darf vom Arzt oder vom
Therapeuten auf keinen Fall die Botschaft kommen: "Das kommt daher,
weil du deine Tochter schlecht behandelt hast."
Staubitz:
"Weil du selbst dauernd Diät machst, da ist es kein Wunder, dass dein
Kind magersüchtig wird."
Freisleder:
Genau. Das darf nicht sein. Denn für eine Krankheit ist niemand
irgendwie anzuklagen, sondern sie ist zu erkennen und anzunehmen.
Und dann versucht man in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, das
gesamte System um so einen Jugendlichen herum mit einzubeziehen: In
der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist das wirklich ganz besonders
wichtig. Im Zentrum steht der Patient, aber sehr nahe am Patienten, am
Betroffenen steht seine Familie, stehen seine Eltern – sofern vorhanden
– und auch seine Geschwister, die auf keinen Fall aus den Augen
gelassen werden dürfen. Das System, das um den Erkrankten herum ist,
muss mit einbezogen werden. Und dann überlegt man – wir haben ja am
Anfang schon von den multifaktoriellen Ursachen gesprochen –, welche
einzelnen Gründe bei genau dieser Patientin, bei diesem Patienten eine
maßgebliche Rolle spielen. Diese Gründe versucht man klar zu
erkennen und sie auszudifferenzieren. Dann überlegt man, wie man an
die Konflikte herankommen kann. Bei der Essstörung besteht nach dem
Stellen der Diagnose und der Initiierung therapeutischer Maßnahmen –
so banal das auch klingen mag – das Wichtigste darin, das Gewicht
langsam zu stabilisieren. Das heißt, das Gewicht darf auch nicht zu
schnell wieder nach oben gehen. Man versucht so etwas ja zunächst
immer im ambulanten Rahmen zu machen. Aber gerade bei den Fällen,
die wir in der Klinik sehen, ist die Krankheitsvorgeschichte bereits länger.
Deshalb gebe ich immer den Hinweis: Lieber zu früh als zu spät an die
stationäre Aufnahme eines Jugendlichen denken! Neben der
Gewichtszunahme geht es dann am Anfang auch um unterschiedliche
psychotherapeutische Maßnahmen, die z. B. einem Mädchen und
dessen Familie wieder mehr Rückhalt geben und dessen Weg in eine
gesunde Entwicklung stützen.
Staubitz:
Dass Sie nicht nur bei Magersüchtigen mit der ganzen Familie arbeiten,
finde ich sehr interessant. Sie ziehen da nicht die Betroffene isoliert
heraus, sondern arbeiten auch mit den Eltern und den Geschwistern.
Denn für die Geschwister ist es ja u. U. auch nicht so leicht, wenn dieses
eine Geschwister permanent derart im Zentrum der Aufmerksamkeit
steht.
Freisleder:
Genau.
Staubitz:
Die Geschwister müssen also auch erst lernen, mit dieser Situation
umzugehen. Was ich mir aber wirklich als sehr schwer vorstelle, ist, bei
den betroffenen Heranwachsenden die nötige Einsicht hinzubekommen.
Denn es ist ja schon unglaublich schwer, zu "normalen" Pubertierenden
einen Zugang zu finden. Ich stelle es mir daher als große
Herausforderung vor, dies dann in solch extremen Situationen zu
erreichen.
Freisleder:
Ja, das ist bereits mit den, wie Sie sagen, normalen Pubertierenden –
das wissen wir von unseren eigenen Kindern – nicht immer ganz leicht.
Da ist man im Alltag u. U. schon auch sehr gefordert. Der Vorteil im
Umgang mit Patienten besteht vielleicht in dem gewissen Abstand, den
man zu dem betreffenden Jugendlichen vielleicht doch eher hat. Denn
das macht es ja Eltern so schwer, wenn ihr Kind eine psychische
Erkrankung entwickelt: Irgendwann sind sie dem nicht mehr gewachsen,
das nimmt sie selbst so mit, dass sie die Orientierung verlieren. In
solchen Situationen brauchen die Eltern dann eine professionelle Hilfe
von außen. Und das tut der Situation dann auch gut, denn das entspannt
die Situation. Das geschieht beispielsweise durch die Initiierung einer
ambulanten Therapie, wenn der auffällige, der problematische
Jugendliche meinetwegen einmal in der Woche einen Kinder- und
Jugendpsychiater oder einen Kinder- und
Jugendlichenpsychotherapeuten als Ansprechpartner hat. Wir sprachen
ja gerade von schweren anorektischen Patientinnen: Es entspannt die
Situation ebenfalls, wenn so eine Jugendliche mal für ein paar Wochen
nicht zu Hause ist, wenn die Betreuung, die Therapie andere
übernehmen und die Eltern, die Familie dadurch etwas entlasten – und
diese trotzdem mit im Boot behalten.
Staubitz:
Wenn eine kleine halb persönliche Frage erlaubt ist: Sie haben ja
deswegen eine gute Übung, weil Sie selbst fünf Kinder haben und ...
Freisleder:
Nein, nur wir beide, also der Harald Hordych und ich haben zusammen
insgesamt fünf Kinder. Diesen Kindern haben wir das Buch gewidmet.
Ich selbst habe drei Kinder.
Staubitz:
Das reicht aber auch schon, wie ich finde. Alle Achtung! Ist es denn von
Vorteil, wenn man als Kind einen Vater hat, der jede Regung sofort
professionell zu deuten vermag?
Freisleder:
Das kann manchmal in der Tat ein Nachteil sein. Es gibt ja diesen
schönen Begriff der Déformation professionnelle. Da hört man manchmal
vielleicht wirklich zu früh die Flöhe husten. Bei Psychiatern und deren
Familien ist es ganz gut, wenn es auch einen Ausgleich gibt. Wenn z. B.
beide Eltern Psychiater wären, dann wäre das womöglich wirklich too
much.
Staubitz:
Das wäre dann für ein Kind wirklich zu anstrengend.
Freisleder:
Aber man wächst ja auch mit seinen Kindern. Ich glaube, dass es auch
für einen Kinder- und Jugendpsychiater gut ist, wenn er nicht nur seine
Patienten hat, sondern auch zu Hause seine üblichen Konflikte und
Herausforderungen.
Staubitz:
Die gibt es also bei Ihnen auch? Das zu wissen, ist sehr erleichternd für
uns "Unprofessionelle".
Freisleder:
Ja, doch, ganz bestimmt.
Staubitz:
Welche Momente stellen Sie denn in Ihrer Arbeit besonders zufrieden?
Wann können Sie in Ihrer Arbeit zwischendurch vielleicht sogar ein
bisschen glücklich sein?
Freisleder:
Erstens ist es so, dass diese Arbeit unheimlich spannend ist. Das fand
ich schon, als ich mich während des Studiums mit Kinder- und
Jugendpsychiatrie beschäftigt habe. Ich habe ja auch eine Zeitlang in der
Neurologie und in der Erwachsenenpsychiatrie gearbeitet: Das war auch
interessant und stellte auch eine Herausforderung dar. Aber bei Kindern
und Jugendlichen ist eben irgendwie der Aspekt mit dabei, dass ich das
Gefühl entwickle: "Hier kannst du noch was machen!" Das geht im
Erwachsenenalter schon auch noch, aber bei Kindern und Jugendlichen
liegt die Lebenswegstrecke noch vor ihnen und ...
Staubitz:
... je früher man eingreift, umso höher ist die Chance für einen Erfolg.
Freisleder:
Man kann das freilich nicht generell sagen, denn es gibt manche
Störungen, die eben gerade deshalb, weil sie sich sehr früh
manifestieren, eher eine problematische Prognose haben. Aber wir
sehen bei allem Jammern und Klagen über angeblich so viele psychisch
auffällige, psychisch kranke Kinder und Jugendliche – das sehe ich
übrigens in diesem Ausmaß nicht so – dann doch auch in unserem
schwierigen beruflichen Alltag immer wieder Kinder und Jugendliche, die
trotz einer schweren Störung, die trotz einer sehr problematischen
Vorgeschichte tolle Lebenswege gehen. Sie haben mich gefragt, wann
ich mich in beruflicher Hinsicht freue und wann ich glücklich bin. Das ist
dann der Fall, wenn man erfährt, dass ein ehedem schwer erkrankter
Jugendlicher seine Erkrankung überwinden oder doch weitgehend
überwinden konnte und sein Leben meistert, sein Leben gut
hinbekommt. Das freut einen dann sehr.
Staubitz:
Bekommen Sie das deshalb mit, weil da vielleicht manchmal ein Anruf
kommt oder eine Ansichtskarte, sodass Sie erfahren: "Ah, dem geht es
jetzt gut"?
Freisleder:
Genau, da kommt plötzlich und überraschend ein Brief, eine
Rückmeldung von jemandem, dem es mal sehr schlecht ging. Und da
hört man dann, dass er die Kurve gekriegt hat und jetzt glücklich und
zufrieden ist, mit seinem Leben zurechtkommt. Das ist etwas sehr
Erfreuliches für uns.
Staubitz:
Daran nehmen Sie dann also schon auch noch Anteil.
Freisleder:
Ja, klar. Oder man sieht sich noch einmal, trifft sich. Es ist zwar eher
selten, dass es solche Begegnungen gibt, aber wenn das der Fall ist,
dann gibt einem das wieder Power.
Staubitz:
Ja, ich kann mir vorstellen, dass einen so etwas dann wieder eine ganze
Weile lang trägt. Ich würde gerne noch einmal auf einen Beispielfall aus
Ihrem Buch zu sprechen kommen. In diesem Beispiel geht es um die
Krankheit ADHS. Das ist ebenfalls ein sehr komplizierter Begriff, denn
ADHS ist die Abkürzung von Aufmerksamkeitsdefizit- und
Hyperaktivitätsstörung.
Freisleder:
Alleine das auszusprechen, ist bereits eine Herausforderung.
Staubitz:
Ja, das ist eine große Herausforderung. Als Laie hat man ja den
Eindruck, dass das so eine Art Modekrankheit ist, weil die Anzahl der
betroffenen Kinder und Jugendlichen so massiv nach oben schnellt. Sind
tatsächlich immer mehr Kinder betroffen oder ist das doch eher ein
Zeitgeistphänomen?
Freisleder:
Von all dem, was Sie sagen, stimmt ein bisschen was. Nur wehre ich
mich dagegen zu sagen, ADHS sei schlichtweg nur eine Modekrankheit.
Denn diese Symptomkonstellation mit dem Aufmerksamkeitsdefizit, der
Hypermotorik bzw. der motorischen Unruhe und einem Zuviel an
Impulsivität stellt ein Phänomen dar, das es vor 50 und vor 100 Jahren
auch schon gegeben hat. Ich nenne hier nur mal den "Zappelphilipp" als
klischeehaftes Beispiel. Diese Kinder gibt es und diesen Kindern muss
geholfen werden. Und wir können diesen Kindern auch helfen. Was aber
allerdings auch zutrifft, ist, dass in den zurückliegenden Jahren an der
einen oder anderen Stelle vielleicht etwas zu großzügig mit dieser
Diagnose umgegangen wurde und eigentlich noch normale
Verhaltensvarianten von Kindern zu schnell mit dieser Diagnose
etikettiert worden sind. Ich will dieses Krankheitsbild überhaupt nicht
herunterspielen, denn es gibt wirklich eine Menge solcher Kinder: Drei bis
vier Prozent der Kinder können tatsächlich so diagnostiziert werden.
Wobei aber auch hier wieder zu beachten ist, dass es da mildere
Ausprägungen gibt, mittelgradige und sehr schwere. Da gibt es Kinder –
das betrifft vor allem uns in der Klinik –, die neben dem ADHS noch
Begleiterkrankungen haben, die irgendwie zusammenhängen. Ein
Stichwort hierbei ist die Komorbidität, wenn mehrere Erkrankungen
gleichzeitig existieren. Aber es gibt halt auch nicht ganz wenige unruhige
Kinder, bei denen die Ursache für ihre Unruhe, für ihr auffälliges
Verhalten wirklich hauptsächlich in ihrer Umgebung verankert ist. Das
klassische ADHS ist eine Entwicklungsstörung des Gehirns, wenn ich
das mal so einfach ausdrücken darf: Es gibt organische Ursachen, die
diese Kernsymptome des ADHS bewirken. Wenn so etwas schwer oder
auch mittelgradig ausgeprägt ist, wird man immer ein
Behandlungskonzept entwickeln, bei dem viele Maßnahmen gebündelt
werden. Bei ausprägten Fällen, die oft sehr erfolgreich behandelt werden
können, spielt eben auch die medikamentöse Behandlung eine wichtige
Rolle – neben anderen Behandlungsformen wie psychotherapeutischen
und pädagogischen Maßnahmen.
Staubitz:
Die Ursachen für das ADHS sind also weitgehend geklärt. Das gängige
Erklärungsmodell ist heute diese ...
Freisleder:
... neuronale Entwicklungsstörung.
Staubitz:
Aber es kann eben auch sein, dass noch eine weitere Belastung von
außen mit hinzukommt – ein Umzug, eine Scheidung usw. –, sodass
diese Krankheit dann eben ausbricht.
Freisleder:
Man kann nicht direkt davon sprechen, dass sie dann ausbricht, sondern
sie verstärkt sich, wird heftiger. Ganz bestimmte äußere Faktoren können
also so ein Störungsbild stärker ausprägen. Aber wie ich das schon zu
anderen Krankheitsbildern gesagt habe: Man muss immer den Einzelfall
des jeweils betroffenen Kindes anschauen, das bestimmte Auffälligkeiten
zeigt. Man muss sich auch den familiären Kontext dieses Kindes genau
anschauen, um neben einer Diagnose auch einen Therapieplan
entwickeln zu können. Dieser kann eben bei jedem Kind etwas anders
ausschauen. Gelegentlich geht das ohne Medikament, in einem anderen
Fall empfehlen wir längerfristig oder für eine bestimmte Phase und unter
fachärztlicher Begleitung auch mal ein Medikament. Jeder Fall ist wirklich
anders gelagert.
Staubitz:
Weil Sie das Medikament gerade angesprochen haben, würde ich gerne
auf dieses Mittel Ritalin zu sprechen kommen. Davor aber noch ein
kurzes Zitat aus Ihrem Buch von der Mutter von Leon, einem weiteren
Beispielsfall: "Mir scheint es so, als sei unser Junge innerlich immer
unterwegs, als würde er nie zur Ruhe kommen." Es ist ja tatsächlich so,
dass Jungen überproportional häufig betroffen sind. Liegt das bei den
Jungen an einer größeren Anfälligkeit oder ist bei den Jungen der Bedarf
nach einem gewünschten Normverhalten etwas größer, weil sie nun
einmal etwas unruhiger sind?
Freisleder:
Hier spielen viele Aspekte mit hinein. Das ADHS sehen wir in der Tat bei
Jungen häufiger als bei Mädchen. Von Jungen wissen wir auch, dass sie
von ihrem Temperament her oft agiler, aktiver sind. Das Zitat dieser
Mutter aus dem Buch gibt eigentlich den klassischen Eindruck eines
Jungen mit ADHS wieder. Aber dieser Eindruck, diese Schilderung der
Mutter rechtfertigen für sich alleine noch nicht diese Diagnose. Bevor wir
ADHS diagnostizieren, machen wir eine sehr gründliche, sehr sorgfältige
diagnostische Abklärung, eine Statuserhebung usw. Und dann wird eben
für jeden Einzelfall überlegt: "Was machen wir jetzt? Welche Faktoren
wirken hier zusammen? Wo können wir eingreifen?" In diesem Fall im
Buch spielt auch die Schule eine wichtige Rolle. Ich wollte in diesem
Buch überhaupt auf die Tatsache hinweisen, dass psychische
Erkrankungen eben auch in der Schule auftreten und von Lehrerinnen
und Lehrern auch bemerkt werden: Auch die Lehrer tragen also dazu
bei, so ein Kind zu diagnostizieren ...
Staubitz:
Das ist eine ganz wichtige Angelegenheit, die die Lehrer hier in Ihrem
Buch noch einmal geschildert bekommen.
Freisleder:
Genau. Die Lehrer leisten Hilfestellung und sind dann ja auch diejenigen,
die so ein Kind wieder mit tragen müssen. Darum geht es also auch.
Bevor man zu einer solchen Diagnose kommt, trägt man zuerst einmal
viele Informationen zusammen. Dann erst sagt man: "So, was machen
wir jetzt? Können wir auf ein Medikament verzichten? Oder müssen wir
eben doch ein Medikament geben?"
Staubitz:
Wir kreisen ja jetzt schon eine ganze Weile um das Ritalin herum: Man
hat den Eindruck – so ist zumindest der Medientenor –, dass es immer
häufiger verschrieben wird, weil die Kinder in ihrem durchgetakteten
Alltag eben "funktionieren" sollen. Ist da wirklich was dran?
Freisleder:
Ganz so, wie Sie das sagen, stimmt es auch wieder nicht. Die Kritik an
der medikamentösen Behandlung mit Ritalin – also mit Methylphenidat,
wie diese Substanz heißt, die es eben auch unter verschiedenen Namen
gibt – kommt ja immer wieder in Wellen. Nach einem zugegeben
deutlichen Anstieg der Verschreibungen gegen Ende der 90er Jahre bis
ungefähr 2010, 2011 ist es mittlerweile so, dass wir uns wieder in einem
diskreten Rückgang der Verordnungshäufigkeit befinden.
Staubitz:
Der ist aber nur sehr diskret.
Freisleder:
Man darf dabei einfach nicht vergessen, dass – und auch das ist ein
wichtiger Aspekt bei psychischen Erkrankungen im Kindes- und
Jugendalter – zu einem nicht geringen Prozentsatz bestimmte Störungen
eben auch ins Erwachsenenalter übergehen. Da gibt es das Problem der
Transition, denn der betroffene Jugendliche muss dann im
Erwachsenenalter von der Erwachsenenpsychiatrie, von einem
Erwachsenenpsychotherapeuten weiter betreut werden. Und das trifft
eben auch für einen nicht geringen Prozentsatz der ADHS-Patienten zu.
Man muss bedenken, dass diese Substanz mit dem Namen
Methylphenidat seit geraumer Zeit auch für Erwachsene mit ADHS
zugelassen ist. Das trägt natürlich auch mit dazu bei, dass diese
Substanz heute insgesamt häufiger verschrieben werden kann als vor
einigen Jahren, als sie nur bei Kindern anwendbar war.
Staubitz:
Da wir schon bei diesem unschönen Thema sind, ob bei psychischen
Erkrankungen zu viel oder zu wenig Medikamente verschrieben werden:
In den Medien liest man auch im Zusammenhang mit den Neuroleptika
häufiger mal die Überschrift: "Psychopillen für den Nachwuchs!" Es heißt,
heute würden Kinder häufiger diese Medikamente verschrieben
bekommen, auch wenn die Indikation dafür gar nicht unbedingt gegeben
ist. Was ist Ihre Meinung dazu?
Freisleder:
Meine Meinung ist, dass Psychopharmaka in der Psychiatrie bei
Erwachsenen und auch bei Kindern und Jugendlichen eine gewisse
Bedeutung haben. Es gibt Störungsbilder – ich spreche jetzt aber erneut
nur von der Kinder- und Jugendpsychiatrie –, bei denen
Psychopharmaka ein wichtiger Bestandteil im Rahmen eines
mehrdimensionalen Behandlungsansatzes sind. Ich finde dieses Thema
auch nicht unschön, sondern das ist ein ernstes Thema, über das wir
gerne reden können. Aber summa summarum ist die
verantwortungsvolle Verwendung von Psychopharmaka – sei es bei
bestimmten Patienten mit ADHS, sei des die Verwendung von
Neuroleptika bei Erkrankungen aus dem psychotischen Formenkreis –
eine große Hilfe für uns. Aber es ist auch immer eine Herausforderung
für uns Ärzte, für uns Kinder- und Jugendpsychiater, wenn wir
Medikamente verordnen, den Patienten sehr genau im Blick zu haben
und notwendige Begleituntersuchungen zu machen. Denn dann sind
Psychopharmaka durchaus berechtigt und haben ihren Stellenwert.
Staubitz:
Sie selbst haben mal gesagt: "Wird im ADHS-Bereich zu großzügig mit
Neuroleptika umgegangen, muss uns das hellhörig machen. Diese Mittel
haben Nebenwirkungen, auch langfristige." Das war eine vorsichtige
Formulierung von Ihnen: "Wenn und falls dem so sein sollte ..."
Freisleder:
Neuroleptika bei ADHS? Das soll ich gesagt haben?
Staubitz:
Oh, Entschuldigung, vielleicht muss man ja auch nicht immer glauben,
was in der Zeitung so alles geschrieben wird.
Freisleder:
Neuroleptika haben in allererster Linie ihre Indikation bei psychotischen
Erkrankungen, z. B. im Formenkreis der Schizophrenien. Im ADHSBereich hingegen wird Methylphenidat verabreicht. Aber egal, von
welcher Krankheit wir sprechen, in der Kinder- und Jugendpsychiatrie
steht uns ein breites Spektrum an therapeutischen Möglichkeiten zur
Verfügung. Und ganz im Vordergrund steht hier die Psychotherapie: Da
geht es um psychotherapeutische Maßnahmen, schwerpunktmäßig um
verhaltenstherapeutische Maßnahmen. Aber es gibt Patienten mit
Störungsbildern, bei denen auch tiefenpsychologische Ansätze
verwendet werden. In unserer Klinik gibt es jedenfalls ein sehr, sehr
breites Feld an therapeutischen Angeboten: Sprachtherapie,
Musiktherapie, Tanz- und Bewegungstherapie, Ergotherapie usw. All das
ist eingebettet in eine gute, heilpädagogische Betreuung: Auf unseren
Stationen arbeiten zu 50 Prozent Krankenschwestern und
Krankenpfleger, aber eben auch Pädagogen. Dieses Umfeld muss
stimmen, damit eine Erkrankung, wie auch immer sie heißt und wenn sie
stationär behandelt wird, erfolgreich therapiert werden kann.
Staubitz:
Sie haben sich einen hervorragenden Ruf erworben und sind mit Ihrer
Klinik auch immer "ausgebucht", wenn ich diesen flapsigen Ausdruck in
diesem Zusammenhang gebrauchen darf. In den letzten 15 Jahren
haben sich die Zahlen noch einmal vervielfacht: Ich glaube, im
stationären Bereich sind es heute drei Mal mehr Patienten und im
ambulanten Bereich sogar zehn Mal mehr. Liegt das an dem Ruf, der
Ihnen vorauseilt, dass Sie so viele Patienten bekommen? Oder sind
unsere Kinder und Jugendlichen heute tatsächlich gefährdeter? Gibt es
heute mehr psychisch kranke Kinder und Jugendliche als früher?
Freisleder:
Das hat sicherlich weniger mit meinem Ruf zu tun, sondern schlicht
damit, dass wir in einer kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik arbeiten,
von der man erwartet, dass sie für einen bestimmten Bereich – in
meinem Fall des Heckscher-Klinikums ist das der Bezirk Oberbayern –
einen Versorgungsauftrag erfüllt. Da gibt es in den letzten Jahren doch
diesen wichtigen Trend, dass, aus welchen Gründen auch immer –
darüber können wir gerne noch sprechen – immer mehr Zuweiser da
sind, die ein problematisches Kind, einen schwierigen, einen wie auch
immer auffälligen Jugendlichen der Kinder- und Jugendpsychiatrie
vorstellen und Hilfe suchen und Hilfe erwarten. Das hängt halt auch
damit zusammen, dass unser Fach bekannter geworden ist. Wer sprach
denn schon vor 15, 20 Jahren von der Kinder- und Jugendpsychiatrie?
Sehr viel weniger Menschen als heute. Wir unterhalten uns hier in dieser
Sendung darüber, es gibt mehr Bücher über dieses Thema usw. Ein
anderer Aspekt ist aber auch – dass ist vielleicht die Kehrseite der
Medaille –, dass im Zuge des gewachsenen Bekanntheitsgrades die
Kinder- und Jugendpsychiatrie auch manchmal dafür benutzt wird,
schwierige Jugendliche aufzunehmen, sie aus dem Verkehr zu ziehen:
Man schaut bei diesen Jugendlichen einfach mal, ob sie nicht etwas für
die Kinder- und Jugendpsychiatrie sind. Hier muss man aber klar sagen:
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist dafür da, Kindern und
Jugendlichen mit psychischen Störungen – oder mit dem Verdacht
darauf – weiterzuhelfen, diese Störungen zu erkennen und einen
Therapieplan zu entwickeln. Für "den" schwierigen Jugendlichen an sich
sind wir nicht zuständig, der meinetwegen irgendwo auf dem Oktoberfest
aufgegriffen wird oder am Stachus, weil er dort randaliert. Ja, dieser
Trend besteht schon auch ein bisschen.
Staubitz:
Die Zahlen insgesamt sind also nicht unbedingt gestiegen? Es sind also
nicht mehr Kinder, die psychisch krank sind, aber es werden heute
teilweise Kinder mit etwas anderen Krankheitsbildern zu Ihnen geschickt,
d. h. die Zuweisungen geschehen häufiger? Vielleicht ist auch die
Hemmschwelle der Eltern, einen Psychiater aufzusuchen, gesunken.
Das sind wohl die Faktoren, die dazu beitragen, dass Sie heute mehr
Patienten haben.
Freisleder:
Die Inanspruchnahme ist aus unterschiedlichen Gründen gestiegen, die
reale Zahl von tatsächlich psychisch kranken Kindern und Jugendlichen
ist, wenn überhaupt, nur moderat gestiegen. Zur Orientierung können wir
da folgende Zahl nennen: Gut 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen
kommen im Laufe ihrer Entwicklung – also in statistischer Hinsicht von 0
Jahren bis 18 Jahren – in Situationen, in denen eine psychiatrische
Abklärung, ein genaueres Hinschauen sinnvoll und notwendig ist. Recht
viel mehr sind das heute auch nicht. Aber während vor 20, 25 Jahren von
diesen circa 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen aus der damaligen
Sicht nur ein Viertel – also fünf Prozent von allen – eine längerfristige
Behandlung brauchten, sind es heute 50 Prozent der Kinder und
Jugendlichen, die irgendwann einmal irgendwie als auffällig identifiziert
worden sind, denen wir Behandlung anbieten zu müssen glauben. Das
ist ja vielleicht nicht nur alarmierend, sondern womöglich auch ein Beweis
dafür, dass wir heute achtsamer sind, dass wir heute in der Kinder- und
Jugendpsychiatrie, in der Psychotherapie einfach mehr wissen, mehr
Erfahrungen haben, mehr Behandlungsangebote machen können. Der
Fortschritt der Wissenschaft auf diesem Gebiet ist nicht zu
unterschätzen. Wir können heute den betreffenden Kindern und
Jugendlichen auch viel besser helfen als früher.
Staubitz:
Das ist schon mal eine gute Botschaft. Sie haben vorhin die aggressiven
Jugendlichen erwähnt, die auch gerne mal in Ihre Richtung geschoben
werden. Sie haben ja auch aus einer anderen Perspektive häufiger mit
jugendlichen Straftätern zu tun, weil Sie nämlich auch als Gutachter in
Strafprozessen tätig sind. Wenn Sie sich Ihre Erfahrungen aus diesem
Bereich anschauen, zu welchem Schluss kommen Sie dann? Gibt es
tatsächlich so etwas wie eine neue Jugendgewalt? Gibt es eine andere
Qualität bei der heutigen Jugendgewalt?
Freisleder:
Schön, dass Sie das fragen, denn bei dieser Gelegenheit kann man das
Publikum auch etwas beruhigen und daran erinnern, dass es
Jugendgewalt immer schon gegeben hat: mal wurden in bestimmten
Epochen diese Phänomene deutlicher, mal weniger. Nehmen Sie als
Stichwort den "bösen Friedrich" im "Struwwelpeter" oder "Max und
Moritz": Da flogen auch die Fetzen. Oder nehmen Sie die
"Lausbubengeschichten" von Ludwig Thoma. Oder denken Sie an die
Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als es gerade hier in München
Schlägerbanden von einem Ausmaß gegeben hat, wie wir sie uns heute
gar nicht mehr vorstellen können. Das gab es also immer schon und das
gibt es immer wieder. Aber es deutete so einiges darauf hin, dass in den
letzten 10, 15 Jahren die Qualität der Aggression, der Gewalt bei
manchen Jugendlichen neue Formen angenommen hat. Damit meine
ich die gestiegene Brutalität, wenn es zu einer Auseinandersetzung
kommt: Ein solcher Aggressionstäter schlägt auch dann noch mit den
Fäusten oder mit den Füßen zu, wenn das Opfer bereits erledigt am
Boden liegt. Ich meine, da hat man in früheren Zeiten eher aufgehört,
wenn das Opfer überwältigt war. Heute gibt es Fallbeispiele, die dann
auch durch die Medien gehen, bei denen die Opfer auch dann noch
getreten wurden und eben z. T. zu Tode getreten wurden, als sie für den
Angreifer schon längst keinerlei Gefahr mehr darstellten.
Staubitz:
Die meisten von uns haben ja diese furchtbaren Bilder vor Augen; man
entkam diesen Bildern ja auch gar nicht. Wie ist das denn für Sie? Was
empfinden Sie denn, wenn Sie so einem jugendlichen Straftäter
gegenüberstehen und mit ihm zusammenarbeiten müssen und
gleichzeitig von seiner Brutalität und der Schwere seiner Tat wissen?
Freisleder:
Wie es mir dabei geht? Jede Begegnung mit so einem Jugendlichen ist
anders. Aber jede dieser Begegnungen ist eigentlich viel harmloser, als
man sich das so vorstellt. Diese Jugendlichen sind oft sehr geknickt, sind
dankbar dafür, dass mal eine Gelegenheit da ist, sich ausführlich
aussprechen zu können. Wenn man so einen jugendlichen Gewalttäter,
womöglich sogar nach einem Tötungsdelikt, zum Begutachten trifft, dann
wird man ihn dafür viele Male treffen müssen: Das sind vier, fünf
Nachmittage ...
Staubitz:
Da baut man ja auch eine richtige Beziehung auf?
Freisleder:
Man baut zuerst einmal eine Beziehung auf, um von ihm etwas erfahren
zu können. So schlimm die Umstände auch sind, oft ist es auch ein
Wendepunkt im Leben eines Täters, dass er mal die Gelegenheit hat, mit
jemandem ausführlich über seine Lebensgeschichte zu sprechen und –
sofern er dazu bereit ist, denn das muss er ja nicht – seine Tat aus seiner
Sicht zu schildern. Das ist eindrucksvoll und oft auch bewegend, aber der
Gutachter darf dabei auch nicht vergessen, dass er hier eben nicht als
Therapeut kommt, sondern als möglichst objektiver Helfer des Richters
oder des Staatsanwalts, von dem man geschickt wird. Als solcher muss
ich hier eben auch herausfinden, wie die psychische Situation des Täters
im Moment der Tat ausgesehen hat, ob da eine psychische Störung
vorlag, ob das Konsequenzen für die Schuldfähigkeit hat und welche
Konsequenzen das vielleicht für das Urteil hat, das der Richter fällt, und
ob der Täter behandelt werden muss. Da muss man dann schon mit
einer wohlwollenden Strenge die Situation beurteilen und angeben, ob
hier zum Zeitpunkt der Tat beim Täter eine Störung vorlag oder – wie
sehr oft – eben keine forensisch relevante Störung. Das muss man dann
auch dem Täter bzw. dem zu Begutachtenden darlegen, damit er weiß,
woran er ist.
Staubitz:
Sie sind ja der Meinung, dass so ein Schuldspruch auch durchaus eine
Chance für so einen Straftäter darstellen kann. Wie muss man das
verstehen?
Freisleder:
Dem Schuldspruch geht ja, wie gesagt, eine Begutachtung voraus. Der
Gutachter hat sich also mit dem Täter beschäftigt, hat vielleicht ein
psychisches Entwicklungsproblem erkannt. Der Richter, der mit seinem
Urteil aus seiner juristischen Warte dazu Stellung nimmt, setzt auf diese
Weise einem Jugendlichen vielleicht zum ersten Mal in dessen Leben –
vor allem, wenn er aus einem dissozialen Umfeld kommt – einen Punkt
und signalisiert ihm damit: "So kann es nicht weitergehen. Jetzt muss
sich etwas ändern, indem du eine Haftstrafe absitzt oder indem diese
oder jene Strafe erfolgt. Du musst dich mit deiner Tat
auseinandersetzen." Das heißt, er bekommt damit einen klaren Rahmen
vorgegeben. Ich kenne eine Reihe von Fällen, bei denen auch nach
einer schweren Straftat so ein jugendlicher Täter eine neue Entwicklung
eingeschlagen hat. Das ist nicht immer so, aber es kommt doch häufiger
als nur gelegentlich vor.
Staubitz:
Es ist also ganz wichtig, so einen jugendlichen Täter nicht
abzuschreiben.
Freisleder:
Richtig.
Staubitz:
Um nun zum Abschluss unseres Gesprächs über psychische
Erkrankungen von Kindern und Jugendlichen den Kreis zum Beginn zu
schließen: Ist es denn so, dass frühes Leid oder frühes Leiden ein
schlechtes Omen für das ganze restliche Leben sein muss? Oder
können Sie uns da doch eine verhalten optimistische Prognose mit auf
den Weg geben?
Freisleder:
Man muss da schon ehrlich sein. Wenn ein Kind frühes Leid erfährt und
wenn dann vor allem nicht darauf reagiert wird, wenn sich also schon
früh psychische Störungen verfestigen, dann reduziert das die
Entwicklungsmöglichkeiten dieses Kindes sehr wohl. Das ist auch
irgendwie logisch. Wenn man jedoch frühes Leid auch früh erkennt und
wenn man dann auch früh interveniert, dann kann das durchaus zu einer
normalen Entwicklung des Kindes führen. Wir haben ja vorhin auch von
den Highlights in meinem Berufsleben gesprochen. Ein Kind, dessen
Leiden früh erkannt wird und dem dann mit einer gut etablierten Therapie
geholfen wird, das also in glücklichere Lebensumstände gerät, die dafür
sorgen, dass auch die Schutzfaktoren in ihm wachsen können, ein
solches Kind kann sehr wohl auch eine fantastische Entwicklung
nehmen und sein Leiden überwinden. Das soll ja auch so ein bisschen
das Signal sein, das von den Geschichten ausgehen soll, die wir da in
diesem Buch geschrieben haben: Jedes Kind hat eine Chance, auch
wenn es noch so malträtiert erscheint und sein psychisches Problem
sehr in den Vordergrund rückt. Deshalb sollte uns auch frühes Leid nicht
zum Aufgeben verleiten.
Staubitz:
Jedes Kind hat also eine echte Chance, wenn man aufmerksam ist,
wenn man mit ihm arbeitet und das alles mit ihm zusammen durchsteht.
Freisleder:
Genau.
Staubitz:
Ich bedanke mich sehr herzlich für das Gespräch.
Freisleder:
Ich danke auch.
Staubitz:
Vielen Dank, dass Sie zu uns Studio gekommen sind und weiterhin viel
Erfolg für Ihre wichtige Arbeit. Von Ihnen, liebe Zuschauer, darf ich mich
an dieser Stelle ebenfalls verabschieden. Das war es für heute mit dem
alpha-Forum, zu Gast war bei uns heute Professor Dr. Franz Joseph
Freisleder. Wir haben u. a. über sein Buch "Anders als die anderen"
gesprochen. Ich bedanke mich sehr herzlich fürs Zuschauen und für Ihre
Aufmerksamkeit, auf ein Wiedersehen.
© Bayerischer Rundfunk
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