Für ihr Stück „Beben“ erhält Maria Milisavljevic den AutorenPreis

Werbung
Für ihr Stück „Beben“ erhält Maria Milisavljevic
den AutorenPreis des Heidelberger Stückmarkts 2016
Laudatio von Andrea Vilter
Bevor ich beginne, das Stück zu loben, dem die Jury den Preis zuerkennt, möchte ich gerne auch die
anderen eingereichten Stücke noch mit Lob bedenken.
Wir alle lesen viel und auch viel neueste Dramatik und alle die das ebenfalls tun, wissen, dass das
mühsam und nicht selten ernüchternd sein kann. Umso erfreulicher war es, sich mit der Auswahl des
diesjährigen Heidelberger Stückemarkts zu beschäftigen, die ganz sicher mehr als ein Stück für das
Theater bereithält. Stefan Hornbachs Über meine Leiche, zum Beispiel hat den Beweis bereits
erbracht und ist zur Uraufführung in Osnabrück vorgesehen.
Kontroverse Diskussionen in der Jury blieben dementsprechend nicht aus, aber zum Schluss – und
das finde ich einen wirklich schönen Vorgang – konnten wir uns alle auf einen Text einigen: Beben
von Maria Milisavljevic. Wer den Text liest, wird leicht feststellen, dass das keine Einigung auf den
kleinsten gemeinsamen Nenner bedeuten kann. Dafür ist der Text zu sperrig, dem Theater zu
widerständig, wirft das Stück zu viele Fragen auf.
Die erste Frage stellt sich gleich zu Anfang: Wer spricht da überhaupt? In einem Gewebe von Sätzen
zeichnet sich eine Dialogstruktur zwar ab, aber sie ist fließend und entsteht allein durch den Wechsel
der Perspektiven in einer sich erst allmählich abzeichnenden Handlung. Wer genau also spricht in
diesem vielstimmigen Text?
Die Antwort der Autorin lautet: „Wir. Wer immer und wie viele wir auch sind.“ Maria Milisavljevic
zwingt uns dieses „Wir“ gleichsam auf, sie will uns involvieren in eine Geschichte. Wir sollen uns
identifizieren mit einer Gesellschaft, die sich angesichts immer näher rückender realer Bedrohungen
in die Unverbindlichkeit virtueller Welten verabschiedet hat.
Dass ihr das gelingt, und wie es ihr gelingt, macht die besondere Qualität ihres Textes aus. Die
Autorin bringt scheinbar Entlegenes auf eine sehr persönliche und eigenwillige Weise zusammen und
bezieht vor allem ganz unmittelbar Stellung. Sie weicht der Gegenwart nicht aus, im Gegenteil, sie
lässt sich von ihr berühren, auch da, wo man sich sonst oft lieber ausklinkt um sich nicht angreifbar
zu machen.
Dabei zeigt sie (durchaus kunstvoll dabei aber sehr konkret) eine Realität, die aus unterschiedlichsten
Erfahrungsebenen zusammengesetzt ist. Fremd, fast befremdlich in seiner Parabelhaftigkeit,
erscheint eine mythologische Landschaft und in ihr eine geheimnisvolle Figur: Der Mann an der Kante
von Ulro bezieht sich auf den englischen Dichter William Blake und sein mystisches Weltbild, in dem
Ulro so etwas wie einen Zustand der Entgleisung beschreibt, der durch Selbstsucht und Rationalität
bestimmt wird und auf unerwartete Weise auch eine Beschreibung unserer gegenwärtigen
Wirklichkeit sein kann.
Daneben die banalen, in erschreckender Weise bekannten Alltagsszenen und -dialoge einer Gruppe
junger Erwachsener (offenbar eine WG in Berlin Kreuzberg?), deren subjektive Innenschau sich
immer weiter von den Anforderungen ihrer Lebenswirklichkeit entfernt. Vor allem mit sich selbst
beschäftigt, wird ihre Realitätswahrnehmung durch die allumfassende Medialisierung mehr und
mehr von starken Störgeräuschen überlagert.
Ist das im Text beschriebene Dröhnen Ursache oder Ergebnis einer sich unmerklich in unsere
Gegenwart einblendenden Gewalt? Ist es Metapher oder konkretes Kriegsgeräusch? Sicher beides,
wenn sich im Text die latente Bedrohung allmählich in einen sehr realen Bürgerkrieg verwandelt, aus
dem sich auch die auf Rückzug aus der Verantwortung bedachten Jugendlichen irgendwann nicht
mehr ganz heraushalten können. Sie müssen handeln und das führt zur Katastrophe. Ein Kind wird
erschossen. Der Täter und die Mutter des Opfers müssen mit dem Schrecken der Tat leben. Und im
Moment der größten Verzweiflung traut die Autorin sich und ihren Figuren eine unwahrscheinliche
und dabei bezwingend einfache Möglichkeit der Erlösung zu. Mit Vehemenz und Pathos plädiert sie
dafür, das Prinzip Liebe als Mittel gesellschaftspolitischen Handelns wieder zu entdecken und zeigt
damit den Mut zur Utopie als Widerspruch zum Fatalismus der Vernünftigen.
Das hat die Jury überzeugt und natürlich soll die Auszeichnung das Theater – ganz konkret die
Dramaturgien, Regieteams und Ensembles – dazu ermutigen, die formalen und inhaltlichen
Herausforderungen des Stücks anzunehmen. Wir glauben, dass es sich lohnen wird.
Für sein Stück „Der Reservist“ erhält der Belgier Thomas Depryck den Internationalen AutorenPreis
des Heidelberger Stückmarkts 2016
Notizen von Anne Lenk für ihre Laudatio
Gibt’s das überhaupt noch, einen, der nicht mitspielen will? Oder zumindest nicht so, wie man es von
ihm erwartet. Der nicht bereit ist, bedingungslos dem Fetisch unserer Gesellschaft, Arbeit, zu
huldigen, sondern lieber fressen, fernsehen, faulenzen möchte und für den Selbstoptimierung
tatsächlich noch ein Fremdwort ist?
Der Held in Thomas Deprycks Stück „Der Reservist“ ist Sozialschmarotzer aus innerer Überzeugung.
Denn wenn alle Arbeit hätten, so steht es schon bei Karl Marx, dann würde das Prinzip des
Kapitalismus kollabieren, weil niemand mehr Druck auf die Arbeitenden ausüben könnte. So gesehen
übernimmt der Reservist, indem er zu seiner Antriebsschwäche steht, sogar eine systemrelevante
Aufgabe, an der er dann allerdings doch tragisch scheitert, weil ihm letztlich selbst die Verweigerung
zu anstrengend ist.
Aus der Lust am süßen Nichtstun wird allmählich ein verzweifelter Kampf um Würde und
Selbstbestimmung. In der Warteschleife kreisend kämpft er wie Don Quichote gegen die
Windmühlenflügel der Jobcenterbürokratie, stets bereit zum Amoklauf gegen Anpassungsdruck und
Konsumzwang und doch auf verlorenem Posten gegen die unerbittliche Verwertungslogik des
Marktes.
Der belgische Dramatiker, Drehbuchautor und Dramaturg Thomas Depryck, Jahrgang 1979, hat mit
viel Wut im Bauch und aggressivem Witz eine Figur in der Tradition der großen Nichtstuer Oblomow
oder Bartleby geschaffen, der man auch auf deutschen Bühnen gern einmal begegnen möchte.
Der diesjährige NachSpielPreis geht an „Furcht und Ekel. Das Privatleben glücklicher Leute“ von
Dirk Laucke, inszeniert am Schauspiel Köln von Pınar Karabulut.
Laudatio von Mounia Meiborg
Guten Abend, meine Damen und Herren,
ich darf hier heute Abend den NachspielPreis vergeben. Also einen Preis für ein Theater und ein
Inszenierungsteam, die den Mut haben, sich dem Uraufführungswahn zu widersetzen. Und das
Gefühl, das mich dabei begleitet, ist ein schlechtes Gewissen.
Denn ich bin Kritikerin. Und als Kritiker ist man in gewisser Weise Teil dieses Systems. Man dreht an
den Reglern, schafft eine Aufmerksamkeit für bestimmte Produktionen – und für andere eben nicht.
Wenn ich die Monatsspielpläne durchgucke und diese Flut an Premieren sehe, gibt es gewisse
Signalwörter. Eines davon heißt „Uraufführung“. Ich weiß nicht wie oft ich schon zu Redakteuren den
Satz gesagt habe: „Das ist eine Uraufführung, das müssen wir besprechen.“ Ich habe ganz sicher noch
nie den Satz gesagt: „Das Stück wird zum zweiten Mal inszeniert, das müssen wir besprechen.“
Es ist ein Dilemma: Niemand will Wegwerfstücke. Aber nur relativ wenige Theater sind bereit, auf die
Aufmerksamkeit, die eine Uraufführung bringt, zu verzichten. Und neuen Stücken – wenn sie nicht
gerade von Roland Schimmelpfennig oder Dea Loher stammen – eine zweite, dritte oder vierte
Chance zu geben.
Ich weiß auch nicht, wie man diese Mechanismen des Marktes aushebeln und die Gesetze der
Aufmerksamkeitsökonomie durchbrechen kann. Aber ich freue mich, den NachspielPreis vom
Heidelberger Stückemarkt vergeben zu können. Denn dieser Preis will gegensteuern. Es ist ein
undotierter Preis, der verbunden ist mit einer Einladung zu den Autorentheatertagen in Berlin im
kommenden Jahr.
Die Kritikerin Barbara Behrendt hat den NachSpielPreis in diesem Jahr kuratiert. Sie hat mit großem
Einsatz Inszenierungen gesucht, hat sich von Verlagen Aufführungslisten schicken lassen, ist zu
kleinen und kleinsten Theatern im deutschsprachigen Raum gereist. Drei Arbeiten hat sie eingeladen,
die wir in der vergangenen Woche hier sehen konnten.
„Lupus in Fabula“ von Henriette Dushe ist oft als Requiem bezeichnet worden. Aber für mich ist das
Besondere an dem Stück, dass noch niemand gestorben ist. Drei Schwestern warten auf den Tod
ihres kranken Vaters. Sie leben in einem Zwischenreich, das Raum und Zeit enthoben zu sein scheint.
Claudia Bossard hat das Stück am Schauspielhaus Graz inszeniert und dabei die Poesie des Textes in
konkrete Szenen übersetzt. Sie hat ihn geerdet, ohne die musikalische Textur zu verlieren. Die drei
Schauspielerinnen erzählen einander, und sich selbst ihre Version der Geschichte, spielen die alten
Kinderspiele und tanzen einen Totentanz mit dem Medikamentenschrank. Es sind Szenen, die
berühren und die dabei erstaunlich unsentimental sind. Sie erzählen vom Abschiednehmen, aber
auch von diesem komplexen Ding, das sich Familie nennt.
Tuğsal Moğuls NSU-Stück „Auch Deutsche unter den Opfern“ ist eine große Rechercheleistung. In
sieben Kapiteln erzählt der Text von einem Staatsversagen: von Opfern, die zu Tätern gemacht
werden. Vom Verfassungsschutz, der über seine V-Männer Terroristen finanziert. Und von
Kriminalbeamten und Politikern, die bis heute behaupten, der NSU – das seien doch nur drei
rechtsextreme Einzeltäter.
In Sapir Hellers Inszenierung vom Zimmertheater Tübingen sagen die Schauspieler einmal: „Wie
sollen wir damit umgehen?“ Sie schreiben das Stück fort, fahren nach München zum NSU-Prozess
und fragen sich immer wieder, wie sie von all dem, von diesen unfassbaren Dingen erzählen können.
Die drei Schauspieler wechseln rasant die Perspektiven; sie sind Täter, Opfer, Unbeteiligte. Die
Absurdität, die im Text steckt, wird zu einer temporeichen Farce gesteigert. Es ist ein Abend, der mit
seiner Botschaft aufrütteln will. Und dem das durch den spürbaren Ernst aller Beteiligten auch
gelingt.
Auch in Dirk Lauckes Stück „Furcht und Elend. Das Privatleben glücklicher Leute“ geht es um
Rassismus. Aber um einen ganz alltäglichen, der einem in der U-Bahn, auf dem Schulhof oder im
Sozialamt begegnet. Angelehnt an Brechts „Furcht und Elend des Dritten Reiches“ entsteht in 23
szenischen Schlaglichtern das Bild eines Landes, in dem Stumpfsinn, Verrohung und
Fremdenfeindlichkeit herrschen.
Die Inszenierung von Pinar Karabulut vom Schauspielhaus Köln setzt Lauckes Hyperrealismus an den
richtigen Stellen Abstraktion entgegen. Als Setting wählt sie eine Kleingartenkolonie. Und dort,
zwischen Gartenzwergen und Deutschlandfähnchen, spielen sich unter dem Deckmantel der
Harmlosigkeit Szenen des Schreckens ab.
Karabulut hat ein erstklassiges Ensemble. Die fünf Schauspieler machen sich Lauckes Soziolekte zu
eigen und stürzen sich mit anarchischer Energie in die Szenen. Und sie geben den Figuren – auch
wenn sie noch so prollig sind – eigenständige, liebenswerte Züge. Intelligente Rollenwechsel stellen
die Zuschreibungen von männlich und weiblich, deutsch und ausländisch auf den Kopf – und denken
Lauckes Text auf eine sehr sinnliche Art weiter.
Jetzt habe ich einiges von dem genannt, was ich in den drei Inszenierungen gesehen habe. Alle drei
sind würdige Kandidaten für den Nachspielpreis, alle drei überzeugen durch inhaltliche Tiefe, durch
szenische und emotionale Klugheit.
Natürlich ist eine Preisentscheidung immer subjektiv, vor allem wenn sie nur von einer Person
getroffen wird. Deshalb sage ich es jetzt ganz subjektiv: „Furcht und Ekel“ inszeniert von Pinar
Karabulut ist ein Theaterabend, der mich glücklich gemacht hat. Weil er uns mit Witz und Liebe durch
die Abgründe deutscher Seelen führt. Weil er Spiel und Ernst gekonnt verbindet. Weil seine szenische
Fantasie dem Text eine neue Dimension verleiht.
Der diesjährige NachSpielPreis geht an Pinar Karabulut und das Schauspielhaus Köln. Herzlichen
Glückwunsch.
Der JugendStückePreis geht an die Uraufführung „Es bringen“ nach dem Roman von Verena
Güntner (Bühnenfassung und Regie Karsten Dahlem) am Jungen Schauspielhaus Düsseldorf.
Laudatio der Jugendjury: Felix Hacker, Paul Jonathan Berger, Vera Kreichgauer, Josephine Scholl
und Mahtab Rahmani
Sehr geehrte Damen und Herren, Ladies and Gentleman, liebe Autoren.
Wir, die Jugendjury hatten die letzte Woche die schwierige Aufgabe die Entscheidung zwischen drei
interessanten Theaterstücken zu treffen.
Einen wunderbaren Start brachte am Montag „Deals“ auf die Bühne. Mit einer Vielzahl aktueller
Themen bietet das Stück Einblick in eine zerrüttete Familie. Auch haben uns die verschiedenen
Charaktere und ihre verschiedenen Beziehungen zwischen einander gut gefallen. Jan Friedrich hat
mit „Deals“ ein tolles Stück geschrieben, das uns nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird.
Weiter ging es am Dienstag mit dem Klassenzimmerstück „Zwischeneinander“ von Martin Grünheit,
in einer Kooperation mit einer neunten Klasse, einer Stückentwicklung des Jungen Deutschen
Theaters Berlin. Es wurde die Kommunikation über die sozialen Medien und derer Vor- und Nachteile
thematisiert und treffend dargestellt. Starke und verblüffende Situationen zeichnete das Stück von
Liebeserklärungen über soziale Medien.
Den bildgewaltigen Abschluss am Freitag machte das Stück „Es bringen“ von Karsten Dahlem und
Judith Weißenborn nach dem Roman von Verena Güntner. Hier hat uns die emotionale Tiefe, das für
Jugendliche ansprechende Thema und die persönliche Beziehung zum Protagonisten besonders
gefallen.
Nach langer Diskussion mit knappem Ausgang, haben wir uns für den Gewinner des diesjährigen
JugendStückePreises entschieden:
Herzlichen Glückwunsch an Verena Güntner, Karsten Dahlem und Judith Weißenborn für ihr Stück
„Es bringen“!
Wir als Jugendjury wollen uns nochmal ganz herzlich bei der „Erwachsenenjury“ für ihre
Unterstützung bedanken und besonders bei der Dramaturgin Viktoria Klawitter, die uns kontaktiert
und unsere Treffen und sonstiges organisiert hat.
Herunterladen