Einführung in Rhetorik und Poetik

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II. Rhetorik und ihre Anfänge
Sophistische
Redekunst: ,Das
Schwächere zum
Stärkeren machen‘
Aristoteles und das
Wahrscheinliche
nicht darauf verpflichten, etwas Seiendes oder gar Wahres aufzufinden.
Auch der noch so kunstfertigen Sprache ist es nicht möglich, dieses zu formulieren, geschweige denn mitzuteilen.
Die Sophisten wussten allerdings auch, dass die alltägliche Lebenswelt
den Einzelnen Entscheidungen für oder gegen etwas abverlangt. Das Handeln nach objektiv richtigen Maßstäben war aber nach ihrer Einsicht nicht
möglich, weil es diese nicht gab. Folglich bestand für sie das Ziel der Erziehung, der Paideia, darin, Meinungen (dæjai / doxai) hervorzubringen, die
ein Handeln in der Welt ermöglichen sollten. Ihre Redekunst verwendeten
sie eben darauf, die Menschen dazu zu bringen, Meinungen zu entwickeln
und aufgrund dieser ihre Entschlüsse zu fassen.
Die grundlegende These der Sophisten lautete, dass Meinungen konstruiert, geschaffen oder gesetzt werden. Sie nahmen an, dass generell die Sitten
und Gebräuche der Menschen auf Übereinkunft und Konventionen beruhen, aufgrund einer Setzung (yfisei / thesei) entstehen und nicht von Natur
aus (fn’ sei / physei) vorhanden sind. Sitten, Gebräuche und Meinungen
könnten sich schnell ändern, es komme nur darauf an, neue Übereinkünfte
und Konventionen festzusetzen. Die Redekunst sahen sie als exzellentes
Mittel an, solche Veränderungen zu bewirken, die Menschen zu beeinflussen und sie für neue Meinungen zu gewinnen. Das Selbstbewusstsein der
Sophisten drückt sich in der legendären Wendung des Protagoras aus, dass
das wahre rednerische Vermögen fähig sei, im geeigneten Augenblick „die
schwächere Argumentation zur stärkeren zu machen“ (Schirren/Zinsmaier
2003, 47).
Hingegen war für Aristoteles zunächst die Natur der Maßstab, an dem
sich die Dinge und Meinungen messen lassen müssen. In seiner Rhetorik
heißt es sogar, dass „das Wahre und das von Natur aus Bessere“ auch „überzeugender“ sei (Arist., Rhet., 1355a). Allerdings sah Aristoteles, ursprünglich
ein Schüler Platons, auch die Aporien eines moralischen Rigorismus. Er sah,
dass die Verpflichtung auf eine abstrakte Wahrheit in der alltäglichen Lebenswelt handlungshemmend sein kann. Im Sinne einer Redekunst, die
auch lebenspraktisch tauglich sein und zu Entscheidungen führen können
muss, die vielleicht in kurzer Zeit zu treffen sind, verteidigte er bei aller Polemik gegen die Sophisten die Kategorie des Wahrscheinlichen, weil sie
eine gewisse Orientierung bieten kann und Handlung in dem Fall ermöglicht, wenn die Wahrheit nicht deutlich zu finden ist. Musste Sokrates, der
vor dem Hintergrund der platonischen Ideenlehre argumentierte, das Wahrscheinliche als Maßstab ablehnen, so erkannte Aristoteles die Möglichkeit
an, die Zuhörer mit wahrscheinlichen Argumenten zu überzeugen. Das rhetorische Beweisverfahren (Enthymem) darf zu wahrscheinlichen Schlussfolgerungen und Meinungen (doxai) führen, die in Platons Gorgias ein bloßes
Scheinwissen darstellen, die Aristoteles aber aufwertet, weil sie auf Erfahrungen beruhen und insofern von empirischen Wert sind (vgl. ebd.). Kann
die Wahrheit nicht zweifellos ermittelt werden, so können Meinungen einen
Konsens schaffen, der lebensweltliches Handeln möglich macht.
Wenn das Reden sich nicht darauf verpflichten lässt, die Wahrheit zum
Vorschein zu bringen, so ermöglicht es dennoch Entscheidungsfindungen
auch in unsicheren Situationen. Das Reden hat die Aufgabe, Entscheidungsfindungen sowie Konsensbildung zu leisten, auch und gerade dann, wenn es
2. Entstehung im antiken Griechenland
nicht möglich ist, das tatsächlich Richtige und Wahre zu finden oder auszudrücken. Darin sieht Hans Blumenberg (1920–1996) die spezifische Aufgabe und Leistung der Rhetorik in der Moderne:
Handeln ist die Kompensation der ,Unbestimmtheit‘ des Wesens
Mensch, und Rhetorik ist die angestrengte Herstellung derjenigen Übereinstimmungen, die anstelle des ,substantiellen‘ Fundus an Regulationen
treten müssen, damit Handeln möglich wird. Unter diesem Aspekt ist
Sprache nicht ein Instrumentarium zur Mitteilung von Kenntnissen oder
Wahrheiten, sondern primär der Herstellung der Verständigung, Zustimmung oder Duldung, auf die der Handelnde angewiesen ist. Hier wurzelt der consensus als Basis für den Begriff von dem, was ,wirklich‘ ist.
(Blumenberg 1993, 108)
Folgen wir Blumenberg, so hat die Rhetorik ihren eigentlichen Ursprung in
jenem erkenntnistheoretischen Skeptizismus, auf den sich die Redekunst der
Sophisten stützte, die es sich zum Ziel setzte, Meinungen und Konventionen
zu schaffen. Diese Funktion prägt die Rhetorik auch in der Moderne. Sie hat
folglich Anteil an der pragmatischen Herstellung von Lebenswelt und ihren
Bedingungen und trägt erheblich dazu bei, dass diese Lebenswelt in ihrer
Komplexität und trotz des Fehlens metaphysischer Gewissheiten funktionieren kann. Blumenberg bringt die Sache auf den Punkt: „Rhetorik schafft Institutionen, wo Evidenzen fehlen“ (ebd., 110).
3. Der ideale Redner
Die Wirkung, die Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.), römischer Staatsmann und Politiker, hinsichtlich der Redekunst im antiken Rom ausgeübt
hat, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er wurde für die weitere
geschichtliche Entwicklung der Rhetorik bis in die Frühe Neuzeit hinein
zum Leitstern und auch heute gehören so manche seiner Reden zum Kanon
der Lektüre an Schulen und Universitäten – beispielsweise die Reden gegen
Verres, einen korrupten Statthalter auf Sizilien (In Verrem) sowie die Reden
gegen Catilinia, den er des Amtsmissbrauchs überführte (In Catilinam).
Ciceros besondere Leistung bestand zum einen darin, auf die Bedeutung
der attischen Redner wie Demosthenes, Lysias, Isokrates u. a. hinzuweisen
und die Rhetorik an diese Tradition zurückzubinden. Er führte die Arbeit von
Hermagoras von Temnos weiter, der bereits im 2. Jahrhundert die Grundlagen der griechischen Rhetorik in Rom eingeführt hatte. Zum anderen war für
Cicero diese Rehabilitierung der alten griechischen Redekunst mit einem
wichtigen Anliegen verknüpft: Er wollte die Trennung von Rhetorik und Philosophie aufheben, die Sokrates in der Apologie durch seine Kritik an den
Sophisten nahegelegt hatte. Als politisch umtriebiger und einflussreicher
Staatsmann sah er die Notwendigkeit, die Rhetorik auf philosophische Füße
zu stellen, anders gesagt: immer wieder daraufhinzuweisen, dass zwischen
diesen beiden Feldern eine Allianz bestehe, der sich der öffentlich Redende
bewusst zu sein habe. In dem fingierten Gespräch, das in De oratore / Über
den Redner Crassus und Antonius über die Rhetorik führen, wird explizit Sokrates dafür verantwortlich gemacht, dass den einen die Weisheit zugestan-
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II. Rhetorik und ihre Anfänge
Beredsamkeit
und Weisheit
Beredsamkeit und
Wissen / Übung
und Begabung
den wurde, den anderen das gute Reden (vgl. Cic., De orat., 3.60). Dieses
„Zerwürfnis zwischen Zunge und Gehirn“ sei ,unsinnig‘ und ,nutzlos‘ (ebd.,
3.61). In Ciceros Vorstellung ist der Schulterschluss zwischen Philosophie
und Rhetorik vor allem von den Staatsmännern zu leisten, denen mit der
politischen eine ethische Verantwortung zukommt. Der Redner hat nicht
nur politisch, sondern auch menschlich ein Vorbild zu sein. Ein bemerkenswerter Appell für die Verbindung von Rhetorik und Philosophie findet sich
im ersten Proömium der Schrift De inventione / Über die Auffindung des
Stoffes.
Dieses Proömium formuliert eine leidenschaftliche Verteidigung einer Beredsamkeit, eloquentia, die das Bündnis mit der Weisheit, der sapientia,
sucht. Cicero räumt wohl ein, dass die Beredsamkeit in der Geschichte viel
Übles angerichtet habe. Größer hingegen sei ihr Nutzen gewesen, vor allem
dann, wenn sie sich mit der Weisheit verbündet habe (De inv., 1.1). Es sei
sinnlos, „geistige und sittliche Bildung“ zu vernachlässigen und all seine Anstrengungen „nur auf Redewendungen“ zu richten (ebd.). Hier konturiert Cicero einen idealen Redner, der rednerisch begabt und zugleich ein sittlichmoralisch vorbildlicher Mensch ist. Seine Redebegabtheit ist eine Frucht
auch seiner moralischen Bildung, seiner Tugend. ,Tugend‘ ist ein Begriff, der
heute etwas altertümlich anmutet, für den Bildungsgedanken der Römer
aber zentral ist. Die Tugend (virtus) ist das Ziel der Bildung und Grundvoraussetzung für den idealen Redner, der sich der moralischen Verantwortung
seiner Rede bewusst ist. Die große Qualität eines solchen Redners, der Beredsamkeit mit Weisheit verbindet, liegt darin, dass er Gemeinschaft stiftet
und dazu verhilft, sie zu erhalten, dass er die Menschen dazu bewegen und
sie davon überzeugen kann, den besseren Teil in sich zu aktivieren, den geselligen und zur Gemeinschaft und Vernunft fähigen (vgl. ebd.). Vor jeder
Vereinnahmung durch geschickte Redner, die die Redekunst missbrauchen,
steht für Cicero eine kulturelle Leistung der Rhetorik, ohne dass er dabei in
die Emphase eines Sokrates verfällt, dass die Rhetorik die Wahrheit auffinden müsse. Auch der Orator unterstreicht, dass der Redner der Philosophie
bedarf: „Denn ohne die Philosophie kann niemand mit breiter Ausführlichkeit über bedeutende und mannigfache Themen reden“ (Cic., Orat., 4.14).
Die ,wahre‘ und ,vollkommene Beredsamkeit‘ (vera et absoluta eloquentia)
trenne die Beherrschung der Sprache und ihrer Ausdrucksmittel nicht von
der Philosophie, nicht von der Erkenntnis der Dinge (ebd., 5.17). In De inventione verbindet Cicero die Beredsamkeit zudem mit der Politik, indem er
unterstreicht, dass sie für das Funktionieren des Staatswesens unerlässlich
sei: Die Rhetorik sei ein Teil der politischen Wissenschaft (civilis scientia,
vgl. Cic., De inv., 1.5).
Ciceros Schrift De oratore zeichnet das Bild vom idealen Redner noch
schärfer. Er erscheint zum einen als moralisch integre Persönlichkeit, zum
anderen als ausgesprochen kenntnisreich. Er ist „ein Ehrenmann“, ein vir bonus (Cic., De orat., 2.85), genießt ein hohes Ansehen in der Öffentlichkeit
und kennt sich auf vielen Wissensgebieten aus. Er überzeugt durch seine
Glaubwürdigkeit (vgl. Mayer 2007, 17–21). Prinzipiell ist er in der Lage,
über alles kenntnisreich zu sprechen, da er sowohl auf der Grundlage der
antiken artes liberales allgemeingebildet als auch in „Geschichte, Philosophie und Recht“ kundig ist (Robling 2007, 111). Daraus folgt, dass dem Red-
3. Der ideale Redner
ner das Redenkönnen nicht einfach so zufliegt, sondern er muss sich intensiv
Wissen in vielen Studienfächern aneignen, sich mit ehemaligen großen Rednern beschäftigen und sich auch die Theorie der Redekunst aneignen und
sich immer wieder im Reden üben. Zu dieser Ausbildung und den Übungen,
die sowohl das Reden aus dem Stegreif als auch schriftliche Ausarbeitungen
umfassen (exercitatio, vgl. Cic., De orat., 1.150), muss jedoch eine „natürliche Begabung“ hinzutreten (ingenium, vgl. ebd., 1.113). Da eine solche Begabung von Natur aus als gegeben angenommen wird, können bestimmte
Voraussetzungen eines guten Redens nicht erlernt werden. Als natürlich gegeben gelten beispielsweise Scharfsinnigkeit, eine gewisse Schnelligkeit im
Denken, aber auch Stimme und äußerliche Gestalt (vgl. ebd., 1.114). Kann
einerseits auch eine noch so fleißige exercitatio ohne dieses ingenium nicht
viel ausrichten, so bedarf andererseits das ingenium der exercitatio. Das ingenium steht „als Talent zur Kombination und Anwendung der Regeln über
dem Schulwissen“ (Robling 2007, 111). Ein geringes ingenium kann aber
nicht vollkommen durch die exercitatio ausgeglichen werden, will heißen,
natürliche Begabung ist die Grundvoraussetzung eines idealen Redners.
Anders als dies heute oft der Fall ist, hielten damals die Redner ihre Reden
selbstverständlich auswendig. So betont Cicero in De oratore, dass ein guter
Redner ein gutes Gedächtnis (memoria) haben müsse (Cic., De orat., 1.64).
In der systematischen Rhetoriktheorie bildet das Auswendiglernen den vierten Arbeitsschritt: nach der Auffindung des Stoffes (inventio), der Anordnung
der Argumente (dispositio) und der sprachlichen Ausgestaltung (elocutio)
und vor dem Halten der Rede (actio). Dass das Memorieren einen eigenen
Arbeitsschritt darstellt, zeigt, welch große Bedeutung der Gedächtnisleistung des Redners zuerkannt wurde. Die Rhetorica ad Herennium beschreibt diesen Arbeitsschritt: „Das Sicheinprägen ist das feste geistige Erfassen der Gegenstände, der Worte und der Gliederung“ (Rhet. ad Her., 1.2.3).
Die memoria wird als „Schatzkammer“ (thesaurus) und als „Hüter aller Teile
der Redekunst“ (omnium partium rhetoricae custos) bezeichnet (ebd.,
3.16.28). Durch diese Bezeichnungen erhält das Gedächtnis zwei Konnotationen: Es ist zum einen ein Ding, ein Aufbewahrungsort, zum anderen eine
Art Person, die eine Tätigkeit ausführt (vgl. Berns 2003, 539). Für diese Tätigkeit des Sicheinprägens wurde eine eigene komplexe Technik entwickelt,
die sogenannte Gedächtniskunst (ars memorativa) oder Mnemotechnik. Sie
basiert auf dem Prinzip, dass für die Dinge, die verhandelt werden, für Wörter, Sinnabschnitte und ganze Redeteile, jeweils eigene Orte und Bilder, loci
und imagines, gesucht und die Bilder den Orten zugewiesen werden. So
entsteht ein „Erinnerungsgebäude“, das der Redner beim Vortrag in seinem
Geiste durchwandert. „An allen erinnerten Orten“ nimmt er die dort „deponierten Bilder“ ab (Yates 2001, 12). Die Rhetorica ad Herennium führt als
Beispiel eine Anklagerede an, in der es darum geht, dass ein Mann anlässlich eines Erbschaftsstreits vergiftet wurde. Man könnte sich einen Kranken
in seinem Bett vorstellen, der als Zeichen für die Vergiftung in der einen
Hand einen Becher trägt. In der anderen Hand trägt er eine Schreibtafel als
Hinweis darauf, dass das Motiv für die Vergiftung ein Erbschaftsstreit war.
Außerdem trägt er an einem seiner Finger die Hoden eines Widders (testiculi) als Zeichen dafür, dass es Zeugen (testes) für diese Tat gibt. Dieses Gedächtnisbild könnte weiter ausgeführt und schließlich die Rede mit Hilfe der
Beredsamkeit
und Gedächtnis /
Gedächtniskunst
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gewählten Orte und Bilder memoriert werden (vgl. Rhet. ad Her., 3.20.33).
An diesem Beispiel ist zu erkennen, dass die Gedächtniskunst eine komplexe Technik darstellt und einiges erfordert: die Orte und Bilder müssen einerseits prägnant gewählt sein, sich andererseits auch leicht einprägen lassen.
Denn auch an sie muss man sich erinnern.
Da das Gedächtnis ein Vermögen darstellt, besteht die Frage, in welcher
Beziehung es zu der natürlichen Begabung steht, die der ideale Redner mitbringen muss. In De oratore heißt es, dass „die natürliche Begabung die
wichtigste Voraussetzung“ für ein gutes Gedächtnis sei (Cic., De orat.,
2.356). Allerdings lasse sich das Gedächtnis durch Übungen fördern und sei
sogar darauf angewiesen, trainiert zu werden (ebd., 3.357). Cicero erläutert
jene Technik, die die Rhetorica ad Herennium beschreibt und begründet ihren Vorteil damit, dass sich Bilder und Orte, die sich der Gesichtssinn einmal eingeprägt habe, gut zur Gedächtnisstütze verwenden und leicht merken ließen (vgl. ebd.). Die Gefahr einer Überladung des Gedächtnisses sieht
er nicht, sondern bekräftigt die Notwendigkeit dieser Technik, die schlummernde Gedächtniskräfte zu Tage fördern könne (ebd., 3.360).
4. Die Dreistillehre und das Ideal der Angemessenheit
Der ideale Redner vermag es, zu jedem Anlass die richtigen Register zu ziehen. Er ist prinzipiell jeder Situation gewachsen und auch fähig, aus dem
Stegreif die richtigen Worte zu finden und die Zuhörer zu überzeugen. Nicht
zu jeder Rede passt jeder Stil. In Abhängigkeit von den zentralen Aufgaben
des Redners (officia oratoris) und im Hinblick auf das Ideal der Angemessenheit entwickelte vor allem Cicero die sogenannte Dreistillehre, die bis in die
Frühe Neuzeit zu einer leitenden Konstante der Rhetoriktheorie wurde. In
einer prägnanten Passage im Orator heißt es:
Es gibt so viele Stilarten, wie es Aufgaben des Redners gibt: den schlichten Stil, wenn es darauf ankommt, zu überzeugen; den gemäßigten,
wenn man Gefallen finden will; den leidenschaftlichen, wenn es darum
geht, erschütternden Eindruck zu machen. In diesem einen liegt die gesamte Wirkungsmöglichkeit des Redners. Über ein sicheres Urteilsvermögen und höchste Fähigkeit wird also der verfügen müssen, der diese
dreigeteilte Wandlungsfähigkeit im richtigen Maß und Verhältnis einsetzen soll. Denn er wird sich ein Urteil zu bilden haben, was jeweils nötig
ist, und er wird so zu reden vermögen, wie es der Fall auch immer erfordert. Aber die Redekunst hat wie die anderen Fähigkeiten ihre Grundlage in der Weisheit. Denn wie im Leben so gibt es auch in der Rede
nichts Schwierigeres, als zu sehen, was angemessen ist. Die Griechen
bezeichnen das als pr¡pon (prépon), wir wollen es einfach geziemend
nennen. (Cic., Orat., 21.69 f.)
Belehren,
Unterhalten,
Bewegen
Bei der Wahl des Stils muss der Redner zunächst überlegen, welche Wirkung er beim Zuhörer erzeugen möchte. Bei den drei zentralen Aufgaben
des Redners (officia oratoris) handelt es sich um das Belehren oder Beweisen
(docere oder wie hier probare), das Unterhalten (delectare) oder das Bewegen (movere oder wie hier flectere).
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