Molekulargenetik I

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Humangenetik
Molekulargenetik Teil 1
Vorlesungsmitschrift SS 05
1
Humangenetik:
Molekulargenetik - Teil I
„Ein Gen ist ein DNA-Abschnitt, der für ein funktionelles Produkt codiert.“
Das humane Genom:
-
Größe des Genoms:
Anzahl der Gene:
Gendichte:
Gengröße (im Durchschnitt):
Exons pro Gen (im Durchschnitt):
Exongröße (im Durchschnitt):
2,8 Mrd. Basenpaare (bp)
20.000 – 25.000
1 Gen / 130.000 bp
27.000 bp
9 (1 bis 363)
120 bp (10 bis 7600 bp)
Monogene Vererbung:
Sind relativ selten (5-10% der Fälle): Mutationen des Gens weisen meist eine geringe
Phänotyp-Variabilität auf, unterliegen einer geringen Modifikation durch die Umwelt
Rezessive vs. Dominante Mutationen / Erkrankungen
Rezessiv:
- Heterozygot nicht betroffen
- ‚loss of function’
- z.B. SMA (Verlust des SMN1 Gens)
Dominant:
- Heterozygot betroffen
- ‚gain of function’
- Creutzfeld-Jacob (Mutationen im PrP Gen)
Vererbungmodi:
[Allel ‚A’ bzw. ‚X’ = gesund
Allel ‚a’ bzw. ‚x’ = krank]
Autosomal dominant:
- betroffene Person hat i.d.R ein betroffenes Elternteil
- beide Geschlechter betroffen
- Nachkommen von Betroffenen haben ein a priori Erkrankungsrisiko von 50%
A
A
-
A
A/A
A/A
A/A = 50%
A/a = 50%
a
A/a
A/a
gesund
krank
z.B. :
o Neurofibromatose Typ I
o Chorea Huntington
2
Autosomal rezessiv:
- betroffene Person hat i.d.R nicht betroffene Eltern
- beide Geschlechter betroffen
- beide Eltern sind i.d.R. Anlageträger (Carrier)
- A priori Erkrankungsrisiko der Nachkommen: 25%
A
a
A
A/A
A/a
a
A/a
a/a
A/A = 25% gesund, kein Anlageträger
A/a = 50% gesund, Anlageträger
a/a = 25% krank
-
z.B. :
o Cystische Fibrose (CF)
o Spinale Muskelatrophie (SMA)
X-chromosomal dominant:
- Betroffener Vater:
o alle Töchter sind betroffen; Söhne sind NIE betroffen
Keine Vater-Sohn Transmission
X
X
-
x
Y
X/x
X/Y
(krank)
X/x
X/Y
(krank)
Betroffene Mutter:
o geschlechtsunabhängiges a priori Erkrankungsrisiko 50%
X
x
X
X/X
x/X
Y
X/Y
x/Y
o selten! z.B. Rett-Syndrom
o Ornithin-Transkarbamylase-Defekt
X-chromosomal rezessiv:
- keine Vater-Sohn Transmission
- Mütter sind meist assymptomatische Anlageträger
- Vorwiegend männliche Familienangehörige betroffen
X
x
-
X
X/X
X/x
Y
X/Y
x/Y
x/Y = kranke Männer, Erkrankungsrisiko der Männer 50%
z.B.:
o Rot-Grün Blindheit / Schwäche
o Muskeldystrophie Duchenne / Becker
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Y-chromosomal
- sehr selten! Azoospermie
Männliche Infertilität
- nur Männer sind betroffen
- alle Söhne eines Vaters erkranken
Begriffe:
-
-
-
-
Penetranz:
o Anteil in %, mit dem sich ein Gendefekt phänotypisch manifestiert; bei
unvollständiger Penetranz werden häufig Generationen übersprungen.
Heterogenität:
o Gleiche oder ähnliche Krankheitsbilder können durch Mutationen in
verschiedenen Genen verursacht werden
o Standartbeispiel Taubheit: Über 50 Gene/Genorte bekannt
Pleiotropie:
o Eine Mutation kann scheinbar unabhängige phänotypische Merkmale
verursachen
o Beispiel: Marfan-Syndrom (AD, Fibrillin-1 Gen): generelle
Bindegewebserkrankung, verschiedene Organsysteme sind betroffen (Auge,
Skelett, kardiovaskuläres System...)
Variable Expressivität:
o Variable phänotypische Manifestation trotz identischer Mutation
o häufig bei autosomal dominanten Erkrankungen
o Beispiel: Syndactylie Typ I
Inzidenz:
o Anzahl der Neuerkrankungsfälle einer bestimmten Erkrankung innerhalb eines
bestimmten Zeitraums
Z.B.: SMA
70 Neuerkrankungen / Jahr
Prävalenz:
o Anzahl der Fälle einer bestimmten Erkrankung zu einem bestimmten Zeitpunkt
Z.B:. SMA
etwa 5.000 SMA-Patienten (zur Zeit)
-
A priori Wiederholungsrisiko bei monogenen Erkrankungen
-
Beispiel 1:
o Cystische Fibrose
o wird autosomal rezessiv vererbt
o beide Eltern sind heterozygote Anlageträger
o die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind ein krankes Allel von einem Elternteil
bekommt ist 50% (Vater (A/a) 50% ‚A’ und 50% ‚a’ und Mutter (A/ a)
50% A und 50% a)
o Rechnung: ½ x ½ = ¼
25%
4
-
Beispiel 2:
o Spinale Muskelatrophie Typ III
o wird autosomal rezessiv vererbt
o Heterozygotenfrequenz 1:50
o Rechnung:
1 x 1/50 x ½ = 1/100
1%
1 weil der kranke Mann homozygot ist und das kranke Allel zu 100%
weitergeben wird. (100% = 1).
1/50 weil die Ehefrau des Erkrankten mit einer Wahrscheinlichkeit von
1/50 heterozygot ist (Heterozygotenfrequenz).
½ weil, wenn die Ehefrau des Erkrankten nun wirklich heterozygote
Trägerin ist (also A/a), sie das kranke Allel zu 50% (½) an das Kind
weitergeben wird.
-
Beispiel 3:
o Ausrechnung der Heterozygotenwahrscheinlichkeit
Die Frage lautet also: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Sohn
heterozygoter Anlageträger ist?
o Vater und Mutter heterozygot
o Rechunug:
A
a
A
A/A
A/a
a
A/a
a/a
o a/a können wir ausschließen, weil der Sohn phänotypisch keine Anzeichen für
eine Erkrankung zeigt, könnte also heterozygot betroffen sein.
o Es bleiben also nur noch A/a, A/a, A/A übrig. Diese Allele könnte der
‚gesunde’ Sohn also haben.
davon sind aber nur 2 heterozygot (A/a) also 2 von 3
o d.h. er ist mir einer Wahrscheinlichkeit von 2/3 heterozygot
Heterozygotenwahrscheinlichkeit: 2/3
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-
Beispiel 4:
o Cystische Fibrose (autosomal rezessiv)
o Heterozygotenfrequenz 1:25
o Rechnung:
2/3 x ½ x 1/25 x ½ = 1/150
2/3 weil: Heterozygotenwahrscheinlichkeit des „gesunden“ Sohnes
(s.Beispiel 3)
½ weil: wenn er („gesunde“ Sohn) heterozygot ist, gibt er das kranke
Allel mit einer Wahrscheinlichkeit von ½ (50%) ab.
1/25 weil: Heterozygotenfrequenz, d.h. die Ehefrau ist mit einer
Wahrscheinlichkeit von 1/25 heterozygote Anlageträgerin.
½ weil: wenn sie (Ehefrau) heterozygot ist, gibt sie das kranke Allel mit
einer Wahrscheinlichkeit von ½ (50%) ab.
-
Beispiel 5:
o Cystische Fibrose (autosomal rezessiv)
o Heterozygotenfrequenz 1:25
o Rechnung:
½ x 1/25 x ½ = 1/100
in diesem Beispiel ist es schon bekannt, dass der phänotypisch gesunde
Sohn heterozygoter Anlageträger ist.
½ weil: Sohn ist heterozygot und gibt Allel mit Wahrscheinlichkeit ½
weiter
1/25 weil: Heterozygotenfrequenz der Ehefrau
½ weil: wenn Ehefrau krank, dann wird das kranke Allel mit
Wahrscheinlichkeit ½ weitergegeben
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Zustandsformen eines Gens
-
Genlocus = Position eines Gens auf dem Chromosom
Allel = eine oder mehrere alternative Form eines Genlocus
Wildtyp Allel
Mutiertes Alles
a. Heterozygot = verschiedene Allele an einem Genlocus
b. Homozygot = identische Allele an einem Genlocus
c. Hemizygot = nur 1 Allel vorhanden (z.B. X-chromosomal bei Männern)
-
Polymorphismus =
Mindestens 2 verschiedene Allele an einem Genlocus
Allele müssen mind. Eine Frequenz von 1% in der Population
aufweisen.
Varianten = keine Auswirkung auf den Phänotyp
Mutation = Auswirkung auf den Phänotyp
-
Genotyp-Phänotyp Korrelation
-
Allelische Heterogenität:
o Unterschiedliche Mutationen in ein und demselben Gen verursachen
identischen Phänotyp
Genetische Variabilität:
o Mutationen in ein und demselben Gen verursachen unterschiedliche
Phänotypen
Genetische (Locus-) Heterogenität:
o Mutationen in verschiedenen Genen verursachen den gleichen Phänotyp
Pleiotropie:
o Mutation verursacht eine scheinbar unzusammenhängende phänotypische
Expression
Beispiele von autosomal-dominanten Erkrankungen
Familiäre Hypercholesterinämie
-
häufigste, autosomal-dominante Erkrankung
Prävalenz: 1:200 bis 1:1000
LDL-Cholesterin ist auf das Zwei- bis Dreifache erhöht.
LDL transportiert Chlesterin, das für die Biosynthese von Steroidhormonen benötigt
wird.
-
bei Homozygotie treten in den ersten Lebensjahren auf:
o Xanthome (Hautveränderungen)
o Artheriosklerose
o Herzinfarkt
o Porzellanweiße Arcus lipoides am Außenrand der Iris
o Lebenserwartung 20J
bei Heterozygotie:
o Lebenserwartung 40-60J
-
7
-
basiert auf Mutation im LDL-Rezeptorgen
dadurch werden keine oder nicht funktionsfähige Rezeptoren gebildet
Homozygote können keine normalen Rezeptoren bilden
Heterozygote haben verminderte Rezeptoren
- LDL-Rezeptorgen ist am kurzen Arm des Chromosoms 19
-
verschiedene Mutationen (wie z.B. Punktmutationen, Deletionen, Insertionen...)
können entlang des gesamten Gens zur Hypercholesterinämie führen.
allelische Heterogenität
Chorea Huntington
-
neurodegenerative Erkrankung mit autosomal-dominantem Erbgang
schwere fortschreitende Erkrankung des Nervensystems
Ursache: Degenration der Neurone im Striatum und Cortex
Häufigkeit 1:10.000
Verlust motorischer und intellektueller Kontrolle
Beginn: ca. 35-40 Lebensjahr (hohe Variabilität: 7-70J)
Molekulare Ursache:
o Gen für Chorea Huntington liegt auf dem kurzen Arm des Chromosoms 4
o Dieses Chorea-Huntington-Gen (HD-Gen) ist ein expandierendes CAG-Repeat
(CAG-CAG-CAG-CAG-CAG-.....)
Bei gesunden <36 Repeats
36-41 Repeats
Prämutation
je mehr Repeats umso schwerer der Grad der Erkrankung
Normal
Chorea Huntington
Akkumulation von kernhaltigen und cytoplasmatischen Aggregaten in den
Neuronen
toxischer Effekt Degeneration der Neurone
o
Gain-of function Mutataion
o Verlust eines HD-Gens verursacht keinen Phänotyp
CAG-Tripletts werden bei der Proteinsynthese in die Aminosäure Glutamin
übersetzt.
alle Krankheiten mit CAG-Repeats
neurodegenerative Störungen
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Myotone Dystrophie (MD)
-
autosomal-dominant
Häufigkeit: 1:8000
Aktive und passive Myotonie
Fortschreitende Muskelschwäche
Schluckstörungen
Herzrhythmusstörungen
Katarakt
Hypersomnie
Endikrinologische Störungen (wie Diabetes mellitus und Hypogonadismus)
-
CTG-Expansion in der 3’nicht -translatierenden Region des DMPK-Gens
(Chromosom 19q 13,3)
Variable Expression durch Repeatverlängerung
o Normal
5-35 Repeats
o Prämutation 35-50 Repeats
o Erkrankt
50-2000 Repeats
Antizipation und variabler Schweregrad bei MD
Immer maternaler Herkunft
-
-
Achondroplasie
-
Autosomal-dominant
Häufigkeit: 1:15.000
disproportionierter Kleinwuchs
stark verkürzte Extremitäten (v.a. proximal)
relativ kurze Finger
Dreizackhand (vermehrter Abstand zw. 3. und 4. Finger)
großer Kopf, vorgewölbte Stirn
tiefe Nasenwurzel
deutliche Lordose
fast normale Sitzhöhe
Ursache:
o Mutationen im Fibroblasten-Growth-factor-Rezeptor III (FGFR III)
Dieses FGFR III-Protein hat3 Domänen
1. Extrazelluläre Immunglobulin Domäne
thanatophore Dysplasie
2. Transmembran Domäne
G380R Achondroplasie
3. Tyrosin.Kinase Domäne
N540K Hypochondroplasie
Kraniosynostose
genetische Variabilität:
Mutationen in ein und demselben Gen verursachen unterschiedliche
Phänotypen
4 verschiedene Phänotypen
9
Marfan-Syndrom
-
autosomal-dominant
generalisierte Bindegewebsschwäche (Störung der Kollagensynthese)
Defekt im Fibrillin-Gen
Disproportionierter Hochwuchs
Trichterbrust
Lange schmale Extremitäten
Arachnodaktylie
überstreckbare Gelenke und Sehnen
Kardiovaskuläre Veränderungen
o Mitralklappenprolaps
o Aortenaneurysma
Linsenluxation und andere Augenfehler
Pleiotropie: Eine Mutation kann scheinbar unabhängige phänotypische Merkmale
verursachen
Neurofibromatose TYP I (von Recklinghausen-Krankheit)
-
autosomal-dominant
Häufigkeit 1:3000
Cafe-au-lait-Flecken
Neurofibrome
Axillary- oder Inguinal-Freckling
o sommersprossenartige Hautveränderungen in den Achselhöhlen und Leisten
- Irishämatome (Lisch-Knötchen)
Weitere Symptome:
- Skoliose
- Pseudoarthrose
- Makrozephalie
Neurofibrome können in verschiedenen Organen auftreten
Funktionsstörungen z.B.:
o psychomotorische Retardierung
o Kleinwuchs
o kraniofaziale Dysmorphiezeichen
auch hier Pleiotropie
-
verantwortliche Gen auf Chromosom 17
o NF1-Gen
10
führt zu sekundären
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