Somatoforme Störung - Klinikum Saarbrücken

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Somatoforme
Störungen
PD Dr. med. Winfried Häuser
Innere Medizin I - Psychosomatik
Winterberg 1, 66119 Saarbrücken
Tel.: 0681/963-2021
Fax: 0681/963-2022
E-Mail: whaeuser@klinikum-saarbruecken
"ich fühle mich krank und die Ärzte finden nichts"
Inhalt:
1. Somatoforme Störungen - Störungen der Körperfunktionen............................................. 1
2. Mögliche Probleme eines Patienten mit somatoformer Störung ....................................... 2
3. Ursachen somatoformer Störungen .................................................................................. 2
4. Diagnostik und Therapie somatoformer Störungen .......................................................... 3
5. Empfohlene Literatur und Links im WWW ........................................................................ 4
6. Eigene Publikationen ........................................................................................................ 4
1. Somatoforme Störungen - Störungen der Körperfunktionen
Übelkeit, körperliche und geistige Erschöpfung, Muskelschmerzen, Bauch- und Rückenschmerzen,
Schwindel, all diesen Beschwerden kann natürlich eine körperliche Erkrankung zugrunde liegen.
Etwa 20-30% aller Patienten von Haus- und Fachärzten leidet jedoch unter körperlichen
Beschwerden, für die sich trotz des Einsatzes aller diagnostischer Verfahren der 'Hightech'-Medizin
keine eindeutige Ursache im Sinne einer strukturellen (z. B. entzündlichen oder bösartigen
Erkrankung) finden lässt. Im deutschen Sprachraum wurden solche Krankheiten häufig als
funktionelle Störungen oder funktionelle Syndrome bezeichnet, d.h. Krankheiten, bei denen nicht
die einzelnen Organe defekt sind, sondern denen gestörte Funktionsabläufe zugrunde liegen. Der
erfahrene Untersucher kann die erhöhte Spannung ertasten oder den gestörten Bewegungsablauf
beobachten. Mit der Hilfe bildgebender Verfahren lassen sich gestörte Funktionsabläufe innere
Organe oder Störungen der Verarbeitung von Körperreizen im Gehirn inzwischen darstellen. In den
letzten Jahren hat sich die Bezeichnung 'somatoforme Störung' (Krankheiten, die wie eine
Organerkrankung aussehen) eingebürgert. Für die einzelnen somatoformen Störungsbilder gibt es
im jeweiligen medizinischen Fachgebiet, in dem sich die Patienten vorstellen, zahlreiche andere
Krankheitsbegriffe.
Erstellung:
Dr. Winfried Häuser, Innere Medizin I
Freigabe:
Häuser/ 01.07.2010
Version:
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Somatoforme Störungen des Herzkreislaufsystems: Gefühl der Atemhemmung,
Druckgefühl, Stiche, Beklemmungsgefühl in der Brust, Herzstolpern
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Somatoforme Störungen des Magen-Darmtraktes ( Reizmagen und Reizdarm): Übelkeit,
Völlegefühl, Bauchschmerzen, Stuhlunregelmäßigkeiten
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Somatoforme Störungen in der Gynäkologie ( chronische Unterbauchschmerzen,
Pelipathiesyndrom): Schmerzen im Unterbauch mit Ausstrahlung in Leisten und Kreuzbein
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Somatoforme Störungen in der Urologie ( Reizblase, Urethralsyndrom, Prostatadynie):
Häufiges und/oder schmerzhaftes Wasserlassen, Gefühl erschwerter Miktion, Schmerzen im
Unterbauch/Damm
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Somatoforme Schmerzstörung: Anhaltende Schmerzen ohne erklärenden körperlichen
Befund: z. B. weist ein Teil der Patienten mit Rückenschmerzen keine krankhaften
Veränderungen an der Wirbelsäule und der Muskulatur auf
Weiterhin werden aus psychosomatischer Sicht zu den somatoformen Störungen gezählt:
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Fibromyalgie: Anhaltende Muskelschmerzen in mindestens 3 Körperregionen
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Chronisches Erschöpfungssyndrom (Chronic fatigue Syndrom): rasche körperliche und/oder
geistige Erschöpfbarkeit
2. Mögliche Probleme eines Patienten mit somatoformer Störung
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Er hat schon zahlreiche Untersuchungen ( oft mehrfach) wegen seiner Beschwerden über
sich ergehen lassen
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Er hat schon mehrere Medikamente, einschließlich Psychopharmaka, ohne Erfolg wegen
seiner Beschwerden eingenommen
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Er befürchtet, daß eine körperliche Erkrankung übersehen worden ist
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Er fühlt sich als eingebildet krank ('Simulant oder Hypochonder')
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Er weiß nicht, wie er seiner Umgebung seine Beschwerden erklären soll
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Er fühlt sich von seinem Arzt unverstanden ('Sie haben nichts', ' Ich kann nichts mehr für sie
tun')
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Er fühlt sich von seinem Arzt abgeschoben (' Gehen Sie mal zum Psychiater oder
Psychotherapeuten')
3. Ursachen somatoformer Störungen
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Dr. Winfried Häuser, Innere Medizin I
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Neben genetischen Faktoren (z.B. verstärkte Reaktionsbereitschaft des vegetativen
Nervensystems) sind insbesondere psychosoziale Faktoren für die Entstehung und Verlauf
somatoformer Störungen von Bedeutung. Im Einzelnen:
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Stress: Wenn man längere Zeit einer zu hohen Belastung ausgesetzt ist ( z. B. Familie,
Beruf) und sich selten Ruhepausen könnt, kann es zu Verspannungen der Muskulatur und
Verkrampfungen und Fehlsteuerungen der inneren Organe kommen. Häufiger reagiert der
Körper anders als das Bewusstsein. Viele Patienten nehmen den Zusammenhang zwischen
Stress und körperlicher Reaktion nicht wahr, weil sie Gedanken haben wie 'das schaffen
andere auch' oder 'da muss ich durch'.
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Teufelskreis körperliche Reaktionen-Angst-Aufmerksamkeit: Spontan oder im Rahmen
von Stress auftretende körperliche Veränderungen (z. B. beschleunigter Herzschlag)
werden wahrgenommen, als gefährlich interpretiert (z. B. Angst vor Herzinfarkt). Die Angst
führt zu einer Ausschüttung von Stresshormonen, die wiederum eine Steigerung des
Herzschlages bewirkt. Diese Veränderung führt zu dem Gedanken' Tatsächlich, es wird
immer schlimmer', was wiederum die Ausschüttung der Stresshormone und innere
Anspannung verstärkt. Der Kommentar des Arztes beim EKG-Schreiben, 'wir müssen einen
Herzinfarkt ausschließen', verstärkt die Angst weiter. Die Wahrnehmung körperlicher
Symptome, ihre Interpretation als bedrohlich und die Bereitschaft, deswegen zum Arzt zu
gehen, wird durch die Lebensgeschichte von Menschen bestimmt. Menschen sorgen sich
eher um ihr Herz, wenn sie Angehörige hatten, die herzkrank waren und dann (in ihrer
Anwesenheit) gestorben sind.
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Körperliche Beschwerden als Folge seelischer Konflikte: (Unbewusste) seelische
Prozesse (z. B. Angst, Wut, Ärger) können sich in Körpersymptomen ausdrücken. Der
Volksweisheit drückt diese Möglichkeit der Entstehung körperlicher Beschwerden durch
Redewendungen seit langem aus: 'Es geht mir an die Nieren', 'es ist zum aus der Haut
fahren', 'es kotzt mich an'.
4. Diagnostik und Therapie somatoformer Störungen
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Sorgfältige simultane medizinische und psychotherapeutische Diagnostik. Eine genaue
Erhebung der Krankheitsgeschichte und körperliche Untersuchung, zusammen mit
orientierenden labor- und technischen Untersuchungen (z. B. EKG, Ultraschall Herz oder
Bauch) kann eine organische Erkrankung in den meisten Fällen mit großer
Wahrscheinlichkeit ausschließen. Eine umfangreiche technische Ausschlussdiagnostik ist zu
Beginn der Beschwerdesymptomatik nicht notwendig. Die Diagnose einer somatoformen
Störung wird, neben dem Ausschluss einer somatischen Erkrankung, anhand der typischen
Symptommuster und ihrem Auftreten innerhalb von Stress und/oder seelischen Konflikten
gestellt. Dazu ist ein ausführliches und vertrauensvolles Gespräch zwischen Patient und
Arzt notwendig.
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Information über somatoforme Störungen und Wechselspiel körperlicher und seelischer
Prozesse: Auch diese Informationsvermittlung kann nur in einem ausführlichen Gespräch
erfolgen. Die Lektüre von Selbsthilfebüchern ( siehe 5.) kann zusätzlich zu einem besseren
Verständnis der eigenen Reaktionen beitragen.
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Gesunde Lebensführung: Reduktion oder Verzicht auf 'Genussmittel' mit negativen
Auswirkungen auf vegetatives Nervensystem (Nikotin, Alkohol, Coffein), regelmäßiger und
ausreichender Schlaf, gesunde Ernährung, körperliches Ausdauertraining
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Erlernen eines Entspannungsverfahrens : Autogenes Training oder Progressive
Muskelentspannung nach Jacobson
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Physiotherapie/Körpertherapie: Krankengymnastik, Feldenkrais-Methode, Funktionelle
Entspannung, Tanztherapie
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Psychotherapie: Bei anhaltenden, nicht selbst lösbaren Stresssituationen bzw. seelischen
Konflikten ist eine psychotherapeutische Behandlung sinnvoll. Das bedeutet jedoch nicht,
daß man sich für Jahre 2mal in der Woche ' auf die Couch' legen muß. Die Mehrzahl der in
Deutschland durchgeführten Psychotherapien dauern 10-25 Sitzungen ( über 6-24 Monate).
Beziehungsprobleme könne durch 3-5 paar- oder familientherapeutische Sitzungen gelöst
werden. Zur Streß,- Angst,- oder Schmerzbewältigung wurden verhaltenstherapeutische
Programme von 10-15 Stunden Dauer entwickelt. Auch zur Behandlung innerseelischer
Konflikte gibt es tiefenpsychologisch orientierte Verfahren mit 25 Stunden Therapiedauer.
5. Empfohlene Literatur und Links im WWW
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S3 Leitlinie zu nicht-spezifischen/funktionellen und somatoformen Körperbeschwerden:
http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/051-001.html
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Lieb H, v. Pein A.: Der kranke Gesunde. Psychosomatik für Betroffene. Verstehen und
Heilen psychosomatischer Erkrankungen. Trias Verlag, Stuttgart
ISBN 3-89373-099-0
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Loew T.: Wenn die Seele den Körper leiden lässt. Trias Verlag Stuttgart.
ISBN 3-89373-418-X
6. Eigene Publikationen
Häuser W. Systemische Familienmedizin - Kooperation von Patienten, Angehörigen und
medizinischen Behandlern bei somatischer Fixierung. Psychotherapie im Dialog 9 (2008) 231-237
Zusammengestellt von PD Dr. med. Winfried Häuser, Facharzt für Innere Medizin, Facharzt für
Psychotherapeutische Medizin - Sportmedizin- Ärztlicher Leiter des Schwerpunkts Psychosomatik der Klinik
Innere Medizin I des Klinikums Saarbrücken
Letzte Überarbeitung: 29.05..2012
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