Hinschauen - Katholische Pfarreiengemeinschaft Simmern

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Hinschauen
Predigt – Weihnachten 2014
Heute ist Geburtstag. Ein Kind ist geboren. Heute Nacht ist es zur Welt gekommen. Deswegen
sind wir hier, um es in der Krippe zu sehen, um es zu begrüßen, um ihm Geschenke zu bringen.
Weihnachten ist ganz einfach und ganz wunderbar zugleich. Es ist nur diese Freude über ein
kleines neugeborenes Kind.
Vielleicht denken wir an der Krippe an Eltern, die in diesem Jahr ein Kind zur Welt gebracht
haben und die es getauft haben. Und an die Kinder, die ein kleines Brüderchen oder
Schwesterchen bekommen haben, an ihre großen Augen. Es ist jedesmal eine Freude, ein Glück,
ein großes Staunen. Gott sei Dank sind die meisten Babys gesund und erwartet und willkommen.
Vielleicht denken wir an der Krippe aber auch an schwierige Geburten, die ein Kampf sind für
die Mutter und das Kind, schwere Schwangerschaften, Frühgeburten. An Neugeborene und ihre
Eltern auf der Intensivstation und an die Angst, bis sie über den Berg sind und nach Hause
dürfen. Oder wir kennen trauernde Eltern. Geburt bedeutet oft auch große Angst und Not.
Wir denken an der Krippe auch an die Kinder, die allein erzogen werden, und an ihre Mütter
und an die Großeltern, die dann oft ganz wichtig sind. An Kinder, die nicht geplant sind und
auch an die vielen Schwangerschaften, die abgebrochen werden. Vergessen wir auch nicht die
Flüchtlingskinder hier und weltweit, die kein schönes Zuhause haben, keine Geborgenheit, keine
Verwandten in der Nähe, keine Spielsachen, nur das Notdürftigste. Und wir denken an Paare, die
sich ein Kind wünschen, aber keines bekommen.
Weihnachten. Auch über dem Jesuskind ist Licht und Schatten. Wir erleben die stille Freude der
Eltern, die ganz überrascht sind, was da mit ihnen passiert. Wir sehen die Hirten, wie sie
neugierig herbeilaufen. Sie wollen es unbedingt sehen! Wir hören, wie sogar der Himmel mit all
seinen Engeln jubelt. Und ganz in der Ferne geht schon ein Stern auf und Menschen machen sich
auf den Weg. Alles ist voller Freude, nur weil dieses Kind geboren ist.
Aber wir sehen auch, wie verloren sie sind. Nicht zuhause sondern irgendwohin unterwegs, weil
irgendwer weit weg es so will. Unwillkommen und hin und her geschickt. Nicht geborgen und
sauber sondern dreckig in einem Stall, eine Familie nicht unter Menschen sondern zwischen den
Tieren. Nicht sicher sondern in Todesangst, weil ein König sie verfolgt.
Und alle schauen sie auf dieses glücklich verlorene Kind – liebevoll, dankbar, voller Sehnsucht.
Was muss in seinem Gesicht und in seinen Augen gewesen sein, was muss auch schon im Klang
seiner ersten Schreie gewesen sein, dass alle wie gebannt davon gewesen sind, egal wer sie
waren und woher sie kamen. Dass sie alles um sich herum vergessen haben. Sie konnten sich
nicht sattsehen an diesem Kind.
Was haben sie gesehen? Ein Kind und in diesem Kind alles, alles! Johannes sagt es: „Wir haben
seine Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit voll Gnade und Wahrheit, wie nur er sie besitzt.“
Und „in ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen“. So müssen wir uns Jesus
vorstellen: Licht in seinen Augen, ein Gesicht voll Leben, Herrlichkeit, Gnade und Wahrheit.
Dieser Jesus hat sie wieder mit ihrer innersten Quelle in Berührung gebracht, die verschüttet
war. Er hat ihr Menschsein wieder freigelegt. Sie haben es wieder gespürt, was es heißt, ein
Mensch zu sein und menschlich zu leben, sinnvoll zu leben. Sie haben gespürt, dass Jesus etwas
in ihnen verändert und verwandelt. Dass er sie heilt und erlöst. Sie haben erfahren, dass Jesus
ihnen ein anderes Menschsein zutraut.
Ach dass wir doch auch so hinschauen könnten auf das Jesuskind und auf jedes Kind. Dass wir so
hinschauen könnten auf uns selbst und aufeinander. Dass wir so staunen könnten über jedes
Kind, über jeden Menschen und jede Begegnung. Dass wir uns so freuen könnten über das
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Wunder des Lebens. Aber dass wir es auch so annehmen könnten mit seiner Last und
Verlorenheit. Ein solches Hinschauen könnte auch uns verändern, verwandeln, befreien.
Weihnachten zeigt, dass wir nicht wegschauen müssen, wie wir es so oft tun. Wir dürfen
hinschauen, wir können das Leben aushalten, weil wir mit unserem Los nicht allein sind. Christus
ist Mensch geworden, um unser Los zu teilen. „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der
Menschen“ hat er am eigenen Leib erfahren. Niemand kennt das Menschsein mit seinen Höhen
und Tiefen so wie er.
Weihnachten. Ein Kind ist geboren. Gehen wir hin zur Krippe, um es zu sehen, um es zu
begrüßen. Schauen wir auf das Licht und das Strahlen in seinen Augen. Und lassen wir uns von
diesem Blick verändern, dass wir hinschauen wie er, dass wir miteinander umgehen, wie er mit
den Menschen umgegangen ist.
© Pastor Lutz Schultz
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