höchster
Ansprüche
Bauplatz 2: 110 Mietwohnungen, geplant von den
Architekten Krischanitz & Frank © ÖSW
trotz
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Mit dem Projekt Eurogate im 3. Bezirk will die Stadt
Wien eine Vorreiterrolle im großvolumigen Wohnbau
einnehmen: Mit hohen ökologischen Ansprüchen,
leistbarem Wohnraum und innovativen, zukunftsorientierten, architektonischen Konzepten. Die
größte Passivhaussiedlung Europas wächst rasant.
Passivhäuser sind teurer als konventionelle Häuser –
teils wahr, teils Gerücht, so die Experten. Die Stadt
Wien will mit dem Wohnprojekt Eurogate beweisen,
dass auch der geförderte Wohnbau in puncto Nachhaltigkeit on top sein kann. Eine aktuelle Studie von
wiko bestätigt die Bereitschaft der Österreicher,
für ökologische Maßnahmen Geld in die Hand zu
nehmen. Mehr noch: „Ein überraschendes Ergebnis
ist die Tatsache, dass ein Großteil der Konsumenten
bereit wäre, für ein Blue Building mehr zu bezahlen“,
erklärt Philipp Kaufmann, Gründungspräsident
der Österreichischen Gesellschaft für nachhaltige
Immobilienwirtschaft, ÖGNI. „Dies jedoch nur dann,
wenn nicht nur ökologische, sondern auch ökonomische und soziale Qualitäten wie Kostenfaktoren,
Gesundheit und Lebensqualität gegeben sind.“ Als
Blue Buildings werden Gebäude bezeichnet, die
nicht nur ökologisch einwandfrei sind, sondern bei
denen der gesamte Lebenszyklus von der Planung
über die Bau- und Nutzungsphase bis zum Abbruch
berechnet wird. Das heißt, alle Kosten sind auf
einen Blick klar.
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Bauplatz 1: 71 geförderte Eigentumswohnungen, geplant von Architekt Dietmar
Feichtinger © Franz Ertl/Vasko+Partner
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Bei den sieben Bauplätzen der größten Passivhaussiedlung Europas, dem Eurogate, ist die Erfüllung
aller nachhaltigen Aspekte – ökologisch, ökonomisch und sozial – gefordert. Die Stadt Wien unterstützt das Projekt mit rund 40 Millionen Euro Wohnbauförderungsmitteln. Auf Grundlage des Masterplans von Architekt Sir Norman Foster fand bereits
2004/2005 ein Ideenwettbewerb für die Bebauung
der nördlich gelegenen Aspanggründe statt. 2005
fiel die Entscheidung für das Projekt von Architekt
Albert Wimmer als Grundlage für die städtebauliche
Weiterentwicklung und die Festsetzung des Flächenwidmungs- und Bebauungsplanes. Die Bundesimmobilien GesmbH und die Bauträger Austria Immobilien GmbH lobten 2007 in Kooperation mit der
Stadt Wien, vertreten durch die Magistratsabteilung
21 A und den Wiener Bodenbereitstellungs- und
Stadterneuerungsfonds, den Bauträgerwettbewerb
Eurogate aus. Die Freiraumplanung setzt auf dem
Masterplan der Architekten Wimmer und GanahlIfsits-Larch auf und berücksichtigt die Studie
„Rahmenbedingungen zur Grün- und Freiraumplanung im halböffentlichen und privaten Grünraum –
Eurogate“ von Indrak-Lacina.
„Diese Passivhauswohnanlage ist ein Vorzeigeprojekt, das besten Wohnkomfort mit hohen ökologischen Standards verbindet. Im geförderten
Wohnbau Wiens widmen wir ökologischen Aspekten
seit vielen Jahren höchstes Augenmerk. Denn nicht
nur Klima und Umwelt werden dadurch entlastet,
auch die niedrigen Heizkosten schlagen sich sehr
positiv in den Haushaltsbudgets der Bewohner
nieder. Die große Nachfrage macht deutlich, dass
ökologisches Wohnen voll im Trend liegt“, so Wohnbaustadtrat Michael Ludwig. Das Ziel der Stadt:
Leistbarer Wohnraum mit hohem architektonischem
Anspruch und zugleich dem neuesten Stand in
puncto Passivhaustechnologie.
Bewusstsein für
Energieeffizienz steigt
Das Österreichische Siedlungswerk, ÖSW, ist
der Bauträger des zweiten Bauteils. Nach Plänen
von Architekt Adolf Krischanitz wurde das Projekt
„Passivhaus Plus“ mit 110 Mietwohnungen vor
wenigen Tagen an die Bewohner übergeben. Das
architektonische Konzept beeindruckte Wohnbaustadtrat Michael Ludwig bei einem Lokalaugenschein ebenso wie die Umsetzung der ökologischen
Aspekte: „Dadurch entlasten wir nicht nur das Klima
und die Umwelt, auch die niedrigen Heizkosten
schlagen sich positiv in den Haushaltsbudgets der
Bewohner nieder.“ Ludwig bestätigt eine große
Nachfrage nach ökologischen Bauten und das
Bewusstsein der Bevölkerung für Energieeffizienz.
Die kompakte Baukörperform mit den abgerundeten Gebäudeecken sowie die optimierten Fensterflächen tragen zur Minimierung von Wärmeverlusten bei. Es gibt keinerlei Einschränkungen für die
Nutzer: Eine Fensterlüftung ist möglich – aber nicht
nötig. Durch die Querlüftung ist der Wohnkomfort
jeder Wohnung gesichert. Die Wohnungsgrößen
liegen zwischen 60 und 106 Quadratmetern. Die
Geschoßwohnungen konnten flexibel mitgestaltet
werden. Die Wohnküchen erschließen sich zum
Freiraum mit Loggien, Balkonen und Terrassen.
Wohnkomfort als oberstes Ziel
Die größten Vorteile des ÖSW-Passivkomforthauses
liegen im Bereich der Lebens- und Wohnqualität.
Die Tatsache, dass keine Kältestrahlung von Fenstern und Wänden ausgeht und die Temperatur im
Raum gleichmäßig verteilt ist, sorgt für Behaglichkeit und Wohlgefühl und dank ausgereifter Filtersysteme für eine hohe Raumluftqualität. Pollen und
Feinstaub werden aus der Raumluft entfernt. Durch
die Erdkühlung im Dachgeschoß wird bei starker
Sonneneinstrahlung die Überhitzung des Objektes
verhindert. Michael Pech, ÖSW, legte besonderen
Wert auf eine großzügige Information der Bewohner
im Umgang mit der neuen Technologie: „Wir haben
ein nutzerfreundliches, sogenanntes ,Passivkomforthaus‘ entwickelt. Die kompakte Baukörperform
mit den abgerundeten Gebäudeecken sowie die
optimierten Fensterflächen tragen zur Minimierung von Wärmeverlusten bei. Mit der Umsetzung
dieses Passivkomforthauses ist ein wesentlicher
Beitrag zur Akzeptanz des Passivhausstandards im
mehrgeschoßigen Wohnbau geleistet worden.“ Die
Aufklärung der Bewohner erfolgte im Rahmen von
speziellen Informationsveranstaltungen im Beisein
aller Experten vor Bezug der neuen Häuser. Weiters
wurden den Bewohnern Info-Broschüren zur Verfügung gestellt, die den Umgang mit der neuen Technologie erleichtern.
Architekt Krischanitz erläutert seinen Entwurf:
„Die beiden parallel situierten Baukörper auf dem
Bauplatz 2 teilen sich ihre Lagen in eine straßenbegleitende und eine parkbegleitende Bebauung.
Dazwischen liegt der Wohnhof als distanzbildende, intime Fläche mit einem leicht terrassierten
Hügelzug. Der auf dem Kamm von den Wohnbauten
bewusst abgesetzt positionierte Fußweg erschließt
die Gemeinschafts- und Kinderspielplatzflächen im
Osten des Baufeldes. Durch horizontale Teilung
der Fassadenflächen und die minimale gestalterische Maßnahme der ,gerundeten Ecke‘ wird die
leistungsfähige umlaufende Außenhaut gefasst
und thematisiert. Die Zonierung der Außenhaut
durch horizontale, geschoßweise differenzierte
Streifen, durch aufgesetzte, technisch getrennte
Loggien- bzw. Balkonelemente sowie durch ein
expressiv skulpturales Attikageschoß verleiht den
Baukörpern sowohl virulente Spannung als auch
innere Kompaktheit. Diese in der Wohnbauarchitektur durchaus anzustrebenden Faktoren bilden
sich trotz der durch die besonderen bauphysikalischen Eigenschaften veränderten Balance zwischen
Öffnung und Geschlossenheit. Diese Differenz zum
herkömmlichen Wohnbau muss als neue künstlerische Herausforderung begriffen und gestalterisch
sublimiert werden.“
Ausgeklügelte Grundrisse
Der Bauplatz 3 – Architektur von s&s architekten, Bauträger Sozialbau – gliedert sich in drei
Baukörper. Das Projekt umfasst 165 geförderte
Mietwohnungen. Insgesamt wurden drei Gebäudeteile errichtet. Das L-förmige Wohnhaus an der
Aspangstraße und ein parallel dazu verlaufendes
Gebäude umschließen den Innenhof. Der dritte
Teil ist ein Solitärgebäude in Dreieckform auf dem
südlichen Teil des Bauplatzes. Um nachhaltige
Flexibilität gewährleisten zu können, entschieden
sich die Architekten für ein hybrides Erschließungssystem, das 59 verschiedene Grundrissvarianten
ermöglichte. Die Wohnungen sind jeweils zwischen
66 und 106 Quadratmeter groß, vorwiegend mit
Balkonen, Loggien oder Eigengärten. Die privaten
Freiräume sind großzügig dimensioniert – in zwei
Bereiche geteilt. Im Hofbereich entwickelten die
Architekten eine sogenannte „Aktivzone“ – dazu gibt
es im Solitärgebäude einen Fitnessraum und einen
Gemeinschaftsraum. Die vorhandene Erdwärme
wird über Wärmetauscher durch Zuluftvorerwärmung genutzt. Im Sommer strömt die kühle Luft
über einen Erdwärme-Tauscher in die Wohnräume.
Die kontrollierte Wohnraumlüftung ermöglicht eine
individuelle Regelung – die Beheizung erfolgt über
zuschaltbare Plattenkonvektoren. „Das Energiekonzept senkt den ganzheitlichen Primärenergiebedarf
inklusive Haushaltsstrombedarf über den normalen
Passivhausstandard hinaus ab“, erklärt Architekt
Rudolf Szedenik.
Architektur steigert Akzeptanz des Passivhauskonzeptes
Bauplatz 7 – Architektur von Tillner & Willinger ZT
GmbH, Bauherr BAI – ist noch in Bau. Bilfinger
Berger errichtet als Generalunternehmer eine
Passivwohnhausanlage mit einer Bruttogeschoßfläche von ca. 8 200 Quadratmetern. Die 78 Wohneinheiten und die 130 Stellplätze teilen sich dabei
in sieben Obergeschoße und zwei Untergeschoße
auf. Die zweilagige, schwingungsgedämpfte, insgesamt 2,10 Meter starke Fundamentplatte überbrückt dabei die unterirdisch verlaufende Trasse
der Flughafenbahn. Architekt Willingers Ziel ist,
die Akzeptanz des Passivhaus-Konzeptes im städtischen Raum durch attraktive architektonische
Gestaltung zu stärken. Das Gebäude ist vertikal in
drei klare Teilbereiche gegliedert: Dachwohnungen,
ein kompakter Wohnungsblock und ein zurückgesetzter Sockelbereich. Um den Wohnungen durchwegs die Möglichkeit direkt vorgelagerter, optimal
orientierter Freiflächen gewährleisten zu können, ist
die südwestliche Fassade um 1,90 Meter zurückgesetzt. Optimierte solare Gewinne, Orientierung zur
Sonne, hohes Wärmedämmniveau, Luftdichtheit,
kontrollierte Wohnraumlüftung mit Wärmerückgewinnung und Pufferzonen bei Stiegen, Foyers
und Gemeinschaftsräumen zeichnen das Gebäude
aus. „Die den Wohnungen vorgelagerten Loggien
bzw. die Konstruktion der Balkone bilden die durch
die Bebauungsplanung intendierte städtebauliche
Flucht der Gebäude an der Baulinie. Sie bieten als
Verschattung Schutz vor Überhitzung im Sommer
und erzeugen im Tagesverlauf ein spannendes LichtSchatten-Spiel. Durchdachtes Design und Flexibilität sind Grundlagen für Nachhaltigkeit und sollen
die Akzeptanz des energieeffizienten Bauens im
urbanen Raum erhöhen“, erklärt Architekt Willinger
sein Konzept.
Allein, die größte Passivhaussiedlung Europas
zu errichten, ist ein hehrer Anspruch, die bunte Vielfalt der Architektur eine Bereicherung für die Stadt.
Dass ökologisch wohnen langsam „in“ wird, belegt
auch die eingangs zitierte Studie von wiko: Immerhin
sind 83 Prozent der 950 Befragten davon überzeugt, dass nachhaltige Gebäude in Zukunft noch
stärker nachgefragt sein werden.
Text: gisela gary
Visualisierung des gesamten Eurogate
© beyer.co.at/nach Plänen von Albert
Wimmer ZT-GmbH
Eine kompakte Baukörperform mit abgerundeten Gebäudeecken zeichnet das Objekt
auf Bauplatz 2 des ÖSW aus. © ÖSW
Leistbar
Ökologische Bauweise
Vor wenigen Wochen erfolgte die Übergabe von
zwei der bisher vier fertiggestellten Objekte des
Eurogate. Insgesamt entstehen auf den 20 Hektar
großen, ehemaligen Aspanggründen auf sieben
Bauplätzen rund 2 000 Wohnungen. Die Heimbau
ist der Bauherr von Bauplatz 1, die Architektur
stammt von Dietmar Feichtinger. Der Wohnbau
umfasst 71 von der Stadt Wien geförderte Genossenschaftswohnungen mit Eigentumsoption.
Vasko+Partner zeichnet u.a. für die örtliche Bauaufsicht wie auch für die gesamte Haustechnikplanung
verantwortlich. Insofern bei diesem Projekt bemerkenswert, da der Anspruch an die Energieeffizienz
wie auch an die ökologische Bauweise sehr hoch
war und interdisziplinäres Arbeiten erforderte.
Die Wohnungen variieren von zwei bis fünf
Zimmern, mit Loggien, Terrassen und Gärten. Eine
energieeffiziente Lüftung, optimale Wärmedämmung und bester Schallschutz sorgen für einen
hohen Wohnkomfort. Offenheit und Transparenz
zählten für Architekt Dietmar Feichtinger zu den
wichtigsten Anliegen: „Es geht um die Gestaltung
eines städtischen Entrees in das neue Wohngebiet,
einen Übergang der gewachsenen Stadtstruktur in
die Stadt des 21. Jahrhunderts. Großzügige, qualitativ hochwertige Freiräume in Verbindung mit einer
kompakten Bebauung, Passivhausstandard und
gleichzeitig helle, sonnige Wohnungen mit großen
Loggien- und Terrassenflächen und offene, einladende Gemeinschaftsbereiche als halböffentliche
Zonen des Treffens im Erdgeschoß sind die Mittel,
um diesem Anspruch gerecht zu werden.“ Ein zentraler Gemeinschaftsraum unter dem freigestellten
Bauteil der Stiege 1 stellt völlig verglast den Bezug
zum Außenraum dar. Die Drei-Scheiben-Verglasung
hält in Kombination mit den Beschattungen durch
Loggien und Laubengänge die Temperatur – im
Winter wie im Sommer.
Roland Jahn, Projektleiter von Vasko+Partner,
beschreibt die Herausforderungen in puncto technischer Details: „Trotz sehr kompakter Bauweise mit
großzügigen Glasflächen haben wir den Passivhausstandard erreicht. Wir entschieden uns für eine
bis zu 36 Zentimeter dicke Wärmedämmung. Eine
wärmeschutztechnische Optimierung der Auskragungen erreichten wir unter anderem mit speziellen
thermisch getrennten Konsolenlösungen.“
Eurogate auf einen Blick
(Fertigstellung aller Bauplätze bis 2019)
• Bauplatz 1: Heimbau – Feichtinger Architectes Wien, 2012
• Bauplatz 2: ÖSW – Architekten Krischanitz & Frank, 2012
• Bauplatz 3: Sozialbau – s&s architekten Schindler &
Szedenik, 2012
• Bauplatz 4 + 5: BAI – Architekt Johannes Kaufmann
• Bauplatz 6: Arwag Holding – Architekt Albert Wimmer, 2012
• Bauplatz 7: BAI – Architekten Tillner & Willinger
• Nettobauland: rund 131.000 m2
• Wohnen: rund 36 Prozent
• r estliche Nutzung: gewerbliche Bauten, Schule,
Kindergarten
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