Brief aus der Bundeshauptstadt

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Brief aus der Bundeshauptstadt
Von: Siegfried Sunnus, erschienen im Deutschen Pfarrerblatt, Ausgabe: 11 / 2011
Die Stadt des Regierungssitzes ist eine Stadt der Demonstrationen. Wer keine Nachrichten hört, kann überraschend im Stau
stecken. So auch am 16. Oktober: Die Koptische Gemeine Berlins rief ab 15 Uhr zu einer Demonstration auf, um ihre
Solidarität mit der Mutterkirche, ihre Trauer um die Opfer der Auseinandersetzungen und ihren Zorn über das Verhalten der
eigenen Behörden und des eigenen Militärs zum Ausdruck zu bringen, durch das in der ägyptischen Hauptstadt Kairo bei
Auseinandersetzungen zwischen koptischen Christen, Muslimen und Sicherheitskräften am Sonntag zuvor 36 Menschen
getötet und mehr als 200 Menschen verletzt wurden. Der Bischof der Evang. Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische
Oberlausitz, Dr. Markus Dröge, unterstützte die Demonstration: "Die Gefahr, dass Christen weltweit systematisch verfolgt
werden, nimmt zu und wird hier bei uns noch viel zu wenig ernst genommen. Gläubige aller Religionen müssen sich
gemeinsam gegen Terror und Gewalt aussprechen."
Nun, dann aufgemacht zum Berliner Dom! Ungefähr 300 koptische Christen allen Alters sowie vielleicht 30 Sympathisanten
wie ich setzten sich auf der Straße "Unter den Linden" - Polizeifahrzeuge voraus und auch am Zugende - in Bewegung,
Richtung Brandenburger Tor, vorangetragen ein blaues Transparent mit dem Bild des Heiligen Antonius und der Aufschrift:
"Koptisch-Orthodoxes Patriarchat. Koptisch-Orthodoxe Gemeinde Berlin". Busse und PKW steckten im Stau. "Hoffentlich
besitzen die Reisenden im Bus zum Flughafen Tegel genügend Pufferzeit", dachte ich, denn wir schritten sehr langsam ...
Eine junge Frau skandierte durch den Lautsprecher: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Freiheit klaut!" Die Menge
wiederholte den Satz lautstark. Oder: "Gerechtigkeit und Frieden, wir werden siegen!" Oder: "Gerechtigkeit und Frieden, Gott
wird siegen!" Viele selbst gemalte Plakate wurden hochgehalten, so beispielsweise: "Stoppt das Morden an den Christen!" "Religionsfreiheit!" - "Keine Kirchen verbrennen!" Andere Plakate zeigten Bilder von den Ermordeten des letzten
Wochenendes mit der Frage: "Was haben wir denn getan?"
Am Ende des Zuges ging ich neben einem Vater von zwei Mädchen, die im Kinderwagen saßen. Er ist ein Christ aus der
Türkei, lebt seit 45 Jahren in Deutschland und hat in Wedding die Schule besucht. "Früher", sagte er, "waren die Türken in
Deutschland viel moderner - kein Kopftuch, keine Bärte! Die Deutschen wissen nichts von ihrer Religion und vom Islam auch
nichts. Alles eine Folge vom 2. Weltkrieg. Sie haben keinen Stolz mehr und Politiker verkaufen sich an die Immigranten.
Mohammed, der hat doch nie gelebt. Er ist ein Mythos, erfunden vom Islam. Ich habe 8 Semester Philosophie studiert, ich
weiß das." Mein Hinweis auf das Problem mit dem historischen Jesus, tat er mit den Worten ab: "Das ist etwas ganz
anderes!"
Weil der Zug dann in die Glinkastraße abbog, fragte ich einen Polizisten nach dem Grund: "Der Pariser Platz vor dem
Brandenburger Tor ist von einer anderen Veranstaltung belegt. Deshalb kommt der Zug dann von der anderen Seite an den
Platz des 18. März und beendet dort seine Kundgebung." Zum Sinn dieser Demo, sagte er: "Ich habe Uniform an und darf
keine Meinung äußern. Aber mit Religion habe ich nichts mehr am Hut. Wenn sie das Zusammenleben fördert, ok. Aber
meist macht sie intolerant." Im weiteren Gespräch hörte ich von ihm zum ersten Mal das Wort "Meinungsfaschismus": "Davon
gibt es bei allen Demonstrationen so viel. Nur die eigene Meinung gilt. Selbst eine Durchsage der Polizei gestern vor dem
Reichstag ("occupy"), die Bannmeile zu respektieren, wurde nicht gelten gelassen als sie Zelte aufbauen wollten. Wir
kämpfen für eine gute Sache, da dürfen wir das dann auch! Ein anderes Beispiel: Die NPD ist nicht verboten, sie darf also ihr
Grundrecht auf Demonstration ausüben. Aber selbst ein Vizepräsident des Bundestages meinte, wenn es gegen die
Faschisten geht, dann gilt das nicht und beteiligte sich an der Sitz­blockade."
Als die Demonstranten am Cafe Einstein (Ecke Friedrichstraße) vorbeikamen und wegen der Verkehrsregelung anhalten
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mussten, beobachtete ich die sehr verblüfften und erstaunten Gesichter der Gäste draußen auf dem Bürgersteig. Einige
nahmen die Informationsblätter der Ordner aber entgegen und lasen: "Wir sind Kopten-Christen in Ägypten! Das Wort
"Kopte" bedeutet Ägypter. Seit ca. 1400 Jahren teilen wir unser Leben mit den Muslimen. Es gab oft Probleme zwischen den
Religionen, die sich seit 1970 verschärft haben." Und wer weiter las, erhielt eine Zusammenstellung des Schreckens. Eine
der fünf Forderungen lautete: "Die Erlaubnis des Bauens von Kirchen mit Türmen und Kreuzen!"
Beim Abschluss vor dem Brandenburger Tor forderte der Bischof der Koptisch-Orthodoxen Kirche in Deutschland, Anba
Damian, Religionsfreiheit, die auch den Wechsel der Religion einschließt, und Erlaubnis zum Kirchenbau und er stellte fest,
dass keine Entschädigungen gezahlt worden seien. Trotzdem liebten sie Ägypten und das Land sei in ihrem Herzen. Er
dankte der Solidarität von evangelischen und katholischen Christen und den Schwestern und Brüdern von den islamischen
Gemeinden in Berlin!
Siegfried Sunnus
Deutsches Pfarrerblatt, ISSN 0939 - 9771
Herausgeber:
Geschäftsstelle des Verbandes der ev. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V
Langgasse 54
67105 Schifferstadt
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