Thrombozytäre Serotoningehalte und Serotoninaufnahme bei

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Thrombozytäre Serotoningehalte und Serotoninaufnahme
bei weiblichen Alkoholabhängigen –
Korrelation mit diagnostisch - typologischen und katamnestischen
Daten nach qualifizierter Entzugsbehandlung
Dissertation
zur Erlangung des akademischen Grades
doctor medicinae (Dr. med.)
vorgelegt dem Rat der Medizinischen Fakultät der
Friedrich-Schiller-Universität Jena
von Alexander F i s c h e r, geboren am 28.August 1975 in Jena
Gutachter:
1.
Prof. Dr. med. H. Sauer, Jena
2.
Prof. Dr. H. Kluge, Jena
3.
Prof. Dr. med. J. Böning, Würzburg
Tag der öffentlichen Verteidigung: 23. 10. 2001
2
INHALTSVERZEICHNIS
1.
Einführung
1
1.1
Die Bedeutung des Alkohols in der Gesellschaft
1
1.2
Alkoholismus bei Frauen
2
2.
Problemorientierte Literaturübersicht
5
2.1
Alkohol, ZNS & Serotonin
5
2.1.1
Die Wirkungen von Alkohol im zentralen Nervensystem (ZNS)
5
2.1.2
Serotonin
6
2.1.3
Alkohol und serotonerges System
7
2.1.4
Das Thrombozytenmodell
8
2.1.5
Thrombozytäres Serotonin bei Alkoholikern
10
2.2
Alkoholismus- Typologien
13
2.3
Katamnestische Untersuchungen und Prädiktoren des Therapieerfolgs
20
3.
Zielstellungen
26
4.
Material und Methoden
28
4.1
Untersuchungsmaterial
28
4.1.1
Ein- und Ausschlußkriterien
28
4.1.2
Kontrollpersonen
28
4.2
Versuchsablauf
29
4.2.1 Thrombozytenpräparation
29
4.2.2 Aufnahmekinetik
29
4.2.2.1 Zusätze für die Kinetikmessung
29
4.2.2.2 Thrombozytäre Serotoninaufnahme
30
4.2.3 Serotoninbestimmung
31
4.3
Suchtanamnestische Daten
32
4.4
Katamnestische Daten
33
4.5
Statistische Verfahren
33
3
5.
Ergebnisse
34
5.1
Befunde zum serotonergen System von Alkoholpatienten und Kontrollen
34
5.1.1
Thrombozytärer Serotoningehalt der weiblichen Alkoholpatienten und der
Kontrollgruppe
34
5.1.2 Thrombozytäre Serotoninaufnahme der gesamten weiblichen Alkoholpatienten
und der Kontrollgruppe
36
5.1.3 Bindungskonstante KM und Maximalgeschwindigkeit Vmax der gesamten
weiblichen Alkoholpatienten und der Kontrollgruppe
36
5.1.4 Einteilung der Alkoholpatientinnen in Typ "Eins" und Typ "Zwei"
38
5.1.5 Zuordnung der serotonergen Befunde zu den Alkoholpatientinnen von
5.2
Typ "Eins" und Typ "Zwei"
40
Anamnestisch erhobene Befunde der Alkoholpatientinnen
46
5.2.1 Suchtanamnestische Befunde
46
5.2.2 Soziales Umfeld und alkoholbedingte Folgestörungen
48
5.3
51
Katamnestische Befunde der Alkoholpatientinnen
5.3.1 Erreichte Patientinnen und Rücklaufquote
51
5.3.2 Suchtanamnestische Befunde der Katamnesegruppe
52
5.3.3 Katamnesedaten
53
5.3.4 Auswertung nach den Dokumentationsstandards 2 der Deutschen Gesellschaft
für Suchtforschung und Suchttherapie (DGSS)
57
5.3.5 Abstinenz- und Therapieerfolgsquoten
58
6.
Diskussion
60
6.1
Betrachtungen zum serotonergen System bei weiblichen Alkoholpatienten
60
6.2
Anamnestische Befunde und typologische Aspekte
67
6.3
Katamneseergebnisse
76
6.4
Zusammenfassung
85
7.
Literaturverzeichnis
88
4
8.
Anhang
95
Abkürzungsverzeichnis
95
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
96
Datenerfassungsbogen für suchtanamnestische Befunde
97
Katamnesefragebogen
100
Lebenslauf
104
Ehrenwörtliche Erklärung
105
Danksagung
106
5
1. Einführung
1.1 Die Bedeutung des Alkohols in der Gesellschaft
Seit
mehreren
tausend
Jahren
stellen
Menschen
vorwiegend
aus
Fruchtsäften
und
Getreideprodukten alkoholische Getränke her. Unzählige Völker und Kulturen nutzten den Alkohol
sowohl als Nahrungsmittel als auch Genußmittel. Darüber hinaus wurde er als sedierendes
Heilmittel eingesetzt und seine psychoaktive Wirkung, vor allem der Rausch geschätzt.
Bezüglich des Trinkverhaltens muß man Deutschland zunehmend den permissiv- gestörten Kulturen
zurechnen. Das bedeutet, daß der Alkoholgenuß erlaubt und üblich ist und bei diversen
Gelegenheiten sogar erwartet wird, daß aber auch Trunkenheit und andere pathologische
Erscheinungen des Alkoholkonsums anders als in der Permissivkultur nicht abgelehnt, sondern
mehr oder weniger toleriert werden.
Schon in der Antike warnten Platon, Cicero, Cato u.a. vor den negativen Folgen übermäßigen
Genusses berauschender Getränke. Bereits damals wußte man, daß es bestimmte Menschen gibt, die
nicht mit dem Trinken aufhören können, die sozusagen dem “Trunk verfallen”.
Der Terminus “Alkoholismus” wurde 1852 vom schwedischen Arzt Huss zur Bezeichnung
körperlicher Folgeschäden von chronischem Alkoholkonsum geprägt. Gleichwohl stellt der weit
verbreitete Begriff das Konstrukt zweier zu trennender Phänomene dar: des Alkoholmißbrauches
einerseits und der Alkoholabhängigkeit andererseits.
Der Abusus (Mißbrauch) beinhaltet ein Fehlverhalten mit “falschem”, undisziplinierten,
gesundheitsgefährdenden Suchtmittel- Gebrauch. Zu (gesundheits-) schädlichem Gebrauch mit
somatischen Folgestörungen kommt es bei einem täglichen Konsum von circa 40g (für Männer)
bzw. 20g (für Frauen) reinen Alkohols. Von riskantem Gebrauch spricht man beim täglichen
Konsum von 30g bzw. 15g Alkohol pro Tag, wenn noch keine Folgestörungen nachweisbar sind.
Die Alkoholabhängigkeit hingegen ist eine chronisch verlaufende Erkrankung mit psychischer und
physischer Abhängigkeit von Suchtmitteln und schweren somatischen, psychischen und sozialen
Folgen. Die psychische Abhängigkeit ist definiert als starkes bis unwiderstehliches Verlangen, eine
psychotrope Substanz immer wieder einzunehmen, um “Lust zu erzeugen” und / oder “Unlust zu
vermeiden” (craving). Charakteristisch für die physische (körperliche) Abhängigkeit sind das
Auftreten von Entzugserscheinungen sowie die Toleranzentwicklung (Möller et al., 1996).
6
Die Gesamtzahl der behandlungsbedürftigen alkoholkranken Personen in Deutschland ist für 1996
auf etwa 2,5 Millionen geschätzt worden (Hüllinghorst, 1996, zitiert in Feuerlein et al., 1998).
Kraus und Bauernfeind führten 1997 eine Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver
Substanzen bei Erwachsenen in Deutschland durch. Aus den Angaben zum Alkoholkonsum in den
letzten 12 Monaten berechneten sie für 15,2% der Männer ( 3,8 Mio.) und 8,4% der Frauen ( 2,0
Mio.) einen gesundheitsgefährdenden Alkoholkonsum von 40 bzw. 20 g/d (Kraus & Bauernfeind,
1998).
Auch der Anteil der Alkoholiker, die sich einer Behandlung unterziehen, läßt sich nur durch
Hochrechnungen abschätzen. Demnach werden jährlich etwa 62.000 Alkoholiker in psychiatrischen
Krankenhäusern
stationär
behandelt.
Weitaus
größer
scheint
die
Zahl
der
in
Allgemeinkrankenhäusern behandelten Alkoholikern zu sein (ca. 600.000), wobei hier oft keine
adäquate Therapie des Grundleidens stattfindet (Weinberg, 1992, zitiert nach Feuerlein et al., 1998).
Der Alkoholismus stellt das größte sozialmedizinische Problem dar. Durch Fehlzeiten am
Arbeitsplatz, verringerte Arbeitsleistung, alkoholbedingte Verkehrs- und Betriebsunfälle sowie
direkte und indirekte Behandlungskosten (Invalidität, Frühberentung) entstehen für Staat und
Gesellschaft volkswirtschaftliche Belastungen von jährlich rund 80 Milliarden DM. Hinzu kommt,
daß etwa die Hälfte aller Straftaten unter Alkoholeinfluß verübt wird. Wegen Alkohol am Steuer
werden in Deutschland jährlich ca. 280.000 Führerscheine eingezogen. Kaum abschätzbar sind die
negativen Folgen und das persönliche Leid der Betroffenen und ihrer Angehörigen (zitiert nach
Möller et al., 1996).
1.2 Alkoholismus bei Frauen
Lange Zeit galt der Alkoholismus als Männerkrankheit. Diese Vorstellung fand sich darin gestützt,
daß bis vor wenigen Jahren Frauen in der Alkoholismusforschung unterrepräsentiert waren. Auch
als man später Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Alkoholismus entdeckte,
blieben frauenspezifische Studien selten. Folglich fehlen auch heute noch adäquate Typologien und
(gegebenenfalls) spezielle Behandlungsprogramme für den Frauenalkoholismus (Wilke et al., 1994).
Die Entstehungsursachen einer Sucht sind vielschichtig. Zur Erklärung der Entstehung des
Alkoholismus wird heutzutage von einem multikonditionalen Modell ausgegangen. Dieses Modell
7
betont die Interaktion zwischen der spezifischen Wirkung des Alkohols, den Eigenschaften des
konsumierenden Individuums und den Besonderheiten des sozialen Umfelds (Hunziker et al., 1997).
Nachdem die Wirkungen des Alkohols bereits angesprochen worden sind, soll nun auf individuelle
und soziokulturelle Faktoren eingegangen werden. Untersuchungen von Cloninger (1981), Goodwin
(1977) u.a. legen eine genetische Komponente der Alkoholkrankheit nahe. Gegenstand der
Forschung war außerdem die prämorbide Persönlichkeit des alkoholabhängigen Individuums, da die
Ausbildung süchtigen Verhaltens möglicherweise von einer Wechselwirkung bestimmter
Persönlichkeitsmerkmale mit Umgebungsfaktoren und/oder biologischer Vulnerabilität beeinflußt
wird (Wiesbeck, 1997). Untersuchungen an weiblichen Jugendlichen haben zu folgenden
Ergebnissen geführt: Problemtrinkerinnen waren während der Schulzeit eher empfindsam,
kontaktarm, reizbar und abhängig (Goodwin et al., 1977). Längsschnittstudien haben gezeigt, daß
diese Persönlichkeitseigenschaften über Jahre weitgehend konstant blieben. Burri charakterisiert die
Alkoholikerin als eine Frau mit geringem Selbstbewußtsein und niedrigem Selbstwertgefühl (Burri,
1985, zitiert in Hunziker et al., 1997).
Die Gründe für die Selbstunsicherheit können in Störungen der frühkindlichen Entwicklung oder
der Übernahme der geschlechtsspezifischen Rolle in der frühen Adoleszenz zu finden sein.
Schediwy geht sogar davon aus, daß ein Drittel bis die Hälfte aller alkoholabhängigen Frauen in
ihrer Kindheit oder Jugend sexuell mißbraucht wurden.
Da Mädchen während der Adoleszenz stärker zur Anpassung an andere Menschen und vorgegebene
soziale Verhältnisse erzogen werden, entwickeln sie passivere Verhaltensweisen und weniger aktive
Auseinandersetzungsformen. Häufiger als Männer lösen Frauen ihre Konflikte, indem sie diese
verinnerlichen und gegen die eigene Person richten. Zu den passiven Problemlösungsstrategien
gehört auch der Alkoholmißbrauch. Alkoholkonsum kann jedoch auch dazu dienen, sich der
traditionellen weiblichen Geschlechtsrolle, die besonders bei Alkoholikerinnen ausgeprägt ist, zu
entziehen (zitiert nach Hunziker et al., 1997).
Die unterschiedlichen Prävalenzraten von Alkoholmißbrauch und Alkoholabhängigkeit für Männer
und Frauen mit einem Verhältnis von etwa 2 bis 3 : 1 in Deutschland und den USA sowie 14 : 1 in
Israel sind am ehesten auf kulturelle Normen und gesellschaftliche Regeln zurückzuführen, die für
Frauen eine größere Gültigkeit besitzen als für Männer (Hill, 1995). Goodwin ist der Auffassung,
daß Frauen wie Männer die gleiche genetisch bedingte Vulnerabilität für Alkoholismus besitzen,
Frauen jedoch aufgrund kultureller und anderer biologischer Faktoren in bestimmtem Maße vor der
Ausbildung einer Alkoholkrankheit geschützt sind (Goodwin et al., 1977).
8
Die zwischen männlichen und weiblichen Alkoholikern bestehenden Unterschiede faßt Nixon im
Literaturvergleich zusammen (Nixon, 1993). Erstens, das Konsumverhalten von Frauen
unterscheidet sich noch immer in beträchtlichem Umfang von dem männlicher Alkohol- Patienten.
Der Alkoholkonsum der meisten weiblichen Alkoholiker ist als moderat einzuschätzen. Eine
Ausnahme bildet die Kohorte jüngerer Frauen, unter denen in verstärktem Maße “heavy drinking”
auftritt. Zweitens, Frauen beginnen später, Alkohol zu trinken, suchen aber zu einem früheren
Zeitpunkt eine Behandlung auf. Dieser “Telescopeffekt” scheint seine Ursache in einem schnelleren
Fortschreiten der Alkoholkrankheit bei Frauen zu haben (Piazza et al., 1989). Drittens, weibliche
Alkoholiker weisen häufiger eine zusätzliche psychiatrische Diagnose auf.
Frezza und Mitarbeiter berichteten über ein kleineres Verteilungsvolumen und einen geringeren
initialen Alkoholstoffwechsel (first- pass) bei Frauen. Das führt dazu, daß bei Frauen nach oraler
Aufnahme äquivalenter Mengen Alkohols höhere Blutalkoholspiegel beobachtet wurden (Frezza et
al., 1990).
Dieses Phänomen könnte erklären, warum bei weiblichen Alkoholikern trotz kürzerer
Expositionszeit vergleichbare Schädigungen (Hirnatrophie, Leberzirrhose, Myopathie) wie bei
alkoholabhängigen Männern auftreten (Mann et al., 1999).
Aus dem Gesagten wird deutlich, das der weibliche Alkoholismus besondere Beachtung verdient.
Erkenntnisse, die an reinen Männerpopulationen gewonnen wurden, können nicht ohne weiteres auf
das Krankheitskonzept der Alkoholabhängigkeit bei Frauen übertragen werden. Vielmehr bedarf es
frauenspezifischer
Diagnoseinstrumente
und
Behandlungs-strategien,
um
zukünftig
eine
erfolgreiche Therapie zu ermöglichen. Diese Arbeit will dazu einen kleinen Beitrag leisten, indem
neue Befunde zum weiblichen Alkoholismus gesammelt und diskutiert werden.
9
2. Problemorientierte Literaturübersicht
2.1 Alkohol, ZNS und Serotonin
2.1.1 Die Wirkungen von Alkohol im zentralen Nervensystem (ZNS)
Die Wirkung des Alkohols auf das ZNS ist morphologisch, biochemisch, pharmakologisch und
elektrophysiologisch nachweisbar. Die einzelnen Hirnareale sind dabei ganz unterschiedlich
betroffen. Alkohol wirkt vor allem auf die tieferen Hirnabschnitte, insbesondere das retikuläre
aktivierende System, wodurch dessen integrierender Einfluß auf die Hirnrinde sowie den Thalamus
und den Hypothalmus beeinträchtigt wird (Feuerlein et al., 1998).
Ständiger übermäßiger Alkoholkonsum führt zur Schädigung und Verminderung der Anzahl der
Neurone des frontalen Kortex, des Kleinhirns und des Hippokampus. Darüber hinaus ist mittels
CCT und NMR eine Erweiterung der intra- und extraventrikulären Liquorräume nachweisbar.
Im ZNS ist Alkohol nicht an einem spezifischen Rezeptor wirksam, sondern beeinflußt zahlreiche
Neurotransmittersysteme, Rezeptorproteine sowie Zellmembranen. Betrachtet man Studien über die
Wirkung des Alkohols auf die Neurotransmittersysteme, so zeigen sich biphasische Effekte, d.h.
hemmende und stimulierende Wirkungen auf Metabolismus und Funktion nahezu jedes
Neurotransmittersystems.
Von zentraler Bedeutung für die Suchtentstehung sind Neurone der ventralen Haubenregion des
Mittelhirns (ventrales Tegmentum), deren dopaminerge Efferenzen zum Zwischen- und Großhirn
aufsteigen (Herz, 1994). Nach der von Wise erstmals formulierten Belohnungs-hypothese
(“reward”) spielt das mesolimbische Belohnungssystem bei physiologischen Körperfunktionen, wie
Emotionalität, Triebregungen, Sexualität, Lust- und Unlustempfinden sowie Nahrungsaufnahme
eine besondere Rolle (Wise et al., 1989).
Das serotonerge System knüpft über aufsteigende Bahnen Verbindungen von den Raphekernen der
Brücke aus mit dem mesolimbischen System, so mit dem Ncl. accumbens und dem ventralen
Tegmentum. Daraus läßt sich eine modulatorische Wirkung des Serotonins auf Motivationsprozesse
vermuten, weshalb dem serotonergen System in jüngerer Zeit berechtigte Beachtung entgegen
gebracht wurde. Die vorliegende Arbeit ist an dieser Stelle einzuordnen.
10
2.1.2 Serotonin
Zur Synthese des biogenen Amins Serotonin benötigt der Körper die essentielle Aminosäure
Tryptophan
(TRP),
welche
mit
der
Nahrung
aufgenommen
werden
muß.
Zu
den
Hauptproduktionsorten gehören neben den enterochromaffinen Zellen und Mastzellen, vor allem
Neurone im Intestinum, in Epi- und Hypophyse. TRP konkurriert mit großen neutralen
Aminosäuren um den Carrier, der zur Aufnahme in die Nervenzellen genutzt wird. Das Verhältnis
von TRP zu diesen anderen Aminosäuren wird als TRP- ratio bezeichnet. Die Hydroxylierung von
TRP zu 5- Hydroxytryptophan stellt den limitierenden Schritt der Serotoninsynthese dar. In einem
weiteren Schritt entsteht durch Decarboxylierung 5- Hydroxytryptamin (5-HT), gleichbedeutend mit
Serotonin.
Serotonin beeinflußt die Darmperistaltik und führt an Gefäßen sowohl zu vasokonstriktorischen als
auch vasodilatatorischen Effekten. Es tritt als Mediator bei anaphylaktischen Reaktionen in
Erscheinung
und
erhöht
die
Gefäßpermeabilität.
Desweiteren
regt
5HT
die
Thrombozytenaggregation an und stimuliert sensorische und sympathische Nervenendigungen.
Freies Serotonin wird durch Aufnahme in Endothelzellen und Thrombozyten aus dem Plasma
entfernt. Der weitaus größte Teil wird mittels der Monoaminoxidase (MAO) abgebaut. In zwei
Schritten entsteht 5- Hydroxyindolaminessigsäure (5- HIAA), welche renal ausgeschieden wird.
L- Tryptophan
limitierender Schritt
Tryptophanhydroxylase
5- Hydroxytryptophan
5 – Hydroytryptamindecarboxylase
5- Hydroxytryptamin
(Serotonin)
MAO
Leber-TRP-Pyrolase
Abbau
5 - Hydroxytryptophol
(5- HTOL)
5-H ydroxyindolacetaldehyd
Aldehyddehydrogenase
5 – Hydroxyindolaminessigsäure
(5- HIAA)
renal ausgeschieden
2.1.3 Alkohol und serotonerges System
11
Serotonin gilt als einer der Neurotransmitter, der in die Ätiologie des Alkoholismus eingebunden
ist. Auf die genannte Assoziation von Alkohol und Serotonin deuten laut LeMarquand folgende
Punkte hin:
Bestimmte Verhaltensauffälligkeiten, wie Zwangs- und Angststörungen, depressive Verstimmung
und Bulimie, die mit dem serotonergen System in Verbindung gebracht werden, treten häufig
gemeinsam mit der Alkoholkrankheit auf. Weiterhin sind serotonerge Neurone im Hypothalamus an
der Steuerung der Nahrungsaufnahme beteiligt. Steigert man medikamentös die SerotoninNeurotransmission, so läßt sich im Tierversuch die Nahrungsaufnahme vermindern. Möglicherweise
handelt es sich hierbei um das gleiche System, das die Alkoholaufnahme kontrolliert (LeMarquand
et al., 1994).
Im Tierversuch konnte man in Gehirnen von alkoholbevorzugenden Ratten und Mäusen,
verminderte Serotonin- und 5-HIAA- Konzentrationen vor der Alkoholaufnahme oder nach einer
längeren Wash- out- Phase nachweisen. Gemessen an den 5-HT- und 5-HIAA- Konzentrationen
sowie an der Aufnahme und Freisetzung von 5-HT, erhöht eine akute Alkoholaufnahme die 5-HTNeurotransmission im Gehirn. Die gesteigerten Spiegel an Serotonin sind dabei möglicherweise
durch eine Verbesserung der TRP- Verfügbarkeit bzw. eine Erleichterung der TRP- Aufnahme ins
Gehirn zu erklären. Desweiteren scheint Alkohol die Aufnahme von 5-HT zu hemmen, sowie die
Freisetzung aus Neuronen und Thrombozyten zu fördern. Die erhöhten Konzentrationen an 5-HIAA
können auf den erhöhten 5-HT- Stoffwechsel und eine alkoholbedingte Verminderung des
Abtransports des Serotoninmetaboliten aus dem Gehirn zurückgeführt werden.
Die selbständig mögliche Alkoholaufnahme der Nagetiere ließ sich durch Anwendung von Stoffen,
die die Serotonin- Neurotransmission erhöhen, vermindern. Zu diesen Substanzen zählen neben 5HT1A- / 5-HT1C- / 5-HT2- Rezeptoragonisten, auch Antagonisten am 5-HT3- Rezeptor, weiterhin 5HT- Präcursorsubstanzen und Serotonin- Wiederaufnahmehemmer (SSRI) (Compagnon et al., 1993,
Naranjo et al., 1994).
Obwohl sich diese Ergebnisse nur bedingt am Menschen bestätigen ließen, führten diese
Beobachtungen doch zur Entwicklung der Serotonin- Hypothese des Alkoholismus: Danach wird
die Alkoholabhängigkeit als eine genetisch bedingte biochemische Störung betrachtet, die mit
einem Serotoninmangel im Gehirn verbunden sein könnte (LeMarquand et al., 1994). Die
Alkoholaufnahme würde demgemäß u.a. den unbewußten Versuch der betroffenen Person
darstellen, sein Serotonindefizit zumindest vorübergehend auszugleichen (Ballenger et al., 1979).
Die Serotonindefizit- Hypothese wird auch durch verminderte TRP- Basalspiegel im Plasma von
Alkoholikern sowie eine niedrige Konzentration von TRP im Vergleich zu anderen Aminosäuren
12
(kleines TRP- ratio) gestützt. Beide Befunde deuten auf eine verminderte TRP- Verfügbarkeit für
die Serotoninsynthese bei Alkoholikern hin (Badawy et al., 1993).
Mehrere Untersuchungen konzentrierten sich auf den Liquor cerebrospinalis (CSF). Bei
alkoholabhängigen Personen fanden sich im CSF geringere 5-HIAA- Konzentrationen, was auf eine
verminderte Konzentration an Serotonin bzw. einen erniedrigten Serotonin- Metabolismus im
Gehirn schließen läßt. Es ist somit auch die Erklärung möglich, daß eine größere 5-HTVerfügbarkeit an den Synapsen vorliegen könnte. Für die auch nach längerer Abstinenz anhaltenden
niedrigen Konzentrationen von 5-HIAA könnten jedoch auch die alkoholbedingten Veränderungen
im Serotonin- Stoffwechsel und damit die Umstellung vom oxidativen zum reduktiven Abbau
verantwortlich sein. Statt 5-HIAA entsteht vermehrt 5-HTOL (Farren et al., 1995).
Auch Thrombozyten wurden wegen einiger Gemeinsamkeiten mit serotonergen Neuronen im ZNS
besonders ausgiebig beforscht. So fand sich bei Alkoholikern ein verminderter 5-HT- Gehalt in den
Thrombozyten und im Blut insgesamt. Darüber hinaus wurde in diversen Studien über eine
verminderte thrombozytäre 5-HT- Speicherung berichtet.
2.1.4 Das Thrombozytenmodell
Aufgrund
bestimmter
biochemischer
und
pharmakologischer
Gemeinsamkeiten
dienen
Thrombozyten als glaubwürdiges Modell serotonerger Neurone im Gehirn (Da Prada et al., 1988).
Mittels vielfältiger Experimente konnte bestätigt werden, daß Aufnahme, Speicherung und
Freisetzung von Serotonin im Thrombozyten in vergleichbarer Weise wie in der serotonergen
Präsynapse im ZNS erfolgt (Stahl, 1977). Der Thrombozyt wird ebenso wie die Nervenzelle im
Gehirn von einer Zytoplasmamembran umgeben, die neben einem aktiven Transportsystem für
Serotonin, auch vielfältige Rezeptoren und Bindungsplätze für Neurotransmitter und Medikamente
besitzt. Lesch et al. konnten die Übereinstimmung der Primärstruktur des 5-HT- Transporters in
Neuron und Thrombozyt nachweisen (Lesch et al., 1993).
Thrombozyten nehmen 5HT über zwei verschiedene Mechanismen aus dem Extrazellularraum auf:
Über einen energieabhängigen Transporter und über passive Diffusion. Unter physiologischen
Bedingungen repräsentiert das Carriersystem, welches der Michaelis- Menten- Kinetik folgt, den
dominanten Aufnahmemechanismus. Serotonin wird dabei zusammen mit Na+ entlang des
transmembranösen Ionengradienten ins Zytoplasma transportiert, im Gegenzug gelangt K+ aus der
Zelle. Die Serotoninaufnahme der Thrombozyten mit einem KM- Wert von 10-6 M wird durch
Serotoninbindungsproteine – Serotonektine – erleichert. Serotonektine sind an die äußere Membran
13
assoziiertes Glykoproteine, welche den thrombozytären 5HT- Transportern mit hoher Affinität
Serotonin zur Aufnahme vermitteln. Die hohe Effizienz der Interaktion von Serotonektinen und
Serotonintransportern zeigt sich darin, daß nahezu das gesamte, im Blut enthaltene Serotonin in
Thrombozyten gespeichert und der freie plasmatische Anteil unter einem Prozent liegt (Ortiz et al.,
1988).
Eine
weitere
Übereinstimmung
zeigen
Thrombozyten
und
Neurone
hinsichtlich
der
Speicherorganellen, den sogenannten dense bodies. Der mittels einer ATP- getriebenen
Protonenpumpe aufgebaute transmembranöse Protonengradient wird genutzt, um ein 5HT- Molekül
im Austausch gegen ein H+- Ion aus dem Zytoplasma aufzunehmen. In den Granula bindet 5HT
reversibel an Nukleotide, wie ADP und ATP, welche zusammen mit Ca2+- Ionen in relativ hohen
Konzentrationen in den Speicherorganellen enthalten sind (Pletscher, 1988).
Unter physiologischen Bedingungen verbleibt das gespeicherte Serotonin in den Blutplättchen über
deren gesamte Lebenszeit. Durch Einwirkung Thrombozyten- stimulierender Substanzen, wie
Thrombin, Kollagen, ADP, Adrenalin u.a. kommt es jedoch zur Freisetzung aus den
Speicherorganellen. Eine Reihe weiterer Substanzen führt über Störung des Protonengradienten, der
intragranulären
Interaktion
von
5HT
und
Nukleotiden
oder
über
Erhöhung
der
Membranpermeabilität ebenfalls zu einer Freisetzung von Serotonin.
Außerdem besitzen sowohl Neurone als auch Thrombozyten Mitochondrien, in denen das Enzym
Monoaminoxidase B (MAO- B) enthalten ist. Die MAO- B dient der Inaktivierung von 5HT nach
dessen Freisetzung aus den Granula.
Auch der 5-HT2A- Rezeptor ist Untersuchungen von Cook et al. zufolge im Thrombozyt und im
Frontalkortex identisch (Cook et al., 1994). Serotonin und andere agonistisch wirkende Substanzen
binden an dem an der thrombozytären Membran exprimierten 5-HT2A- Rezeptor und führen über
intrazelluläre Kaskaden und second messenger unter anderem zu Veränderungen der Form und des
Aggregationsverhaltens der Thrombozyten.
Aber es gibt auch Unterschiede zwischen Blutplättchen und Nervenzellen. Die Neurone im Bereich
der oberen Raphe gelten als ein Hauptproduktionsort des biogenen Amins Serotonin. Thrombozyten
hingegen sind nicht zur Synthese von 5- Hydroxytryptamin befähigt. Ihr Serotonin stammt
vorwiegend aus der Aufnahme während der intestinalen Blutpassage.
14
Thrombozyten sind wegen ihrer distinkten Übereinstimmungen deshalb als Modell für serotonerge
Neurone besonders attraktiv. Sie sind durch einfache Venenpunktion nahezu beliebig oft und in
großer Anzahl zu gewinnen. Die Blutplättchen sind leicht von anderen Blutbestandteilen durch
Zentrifugation zu trennen. Nicht zuletzt ermöglichen die an humanen Thrombozyten gewonnenen
Ergebnisse pharmakologisches Screening am Menschen.
2.1.5 Thrombozytäres Serotonin bei Alkoholikern
Verschiedene pathologische Prozesse sind allgemeiner Natur. So fanden sich bei diversen
neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen Veränderungen des thrombozytären 5-HTGehaltes (Übersicht bei Stahl, 1977).
Banki und Rolf et al. berichteten als erste über einen geringeren Serotoningehalt im Vollblut (Banki,
1978) sowie einen verminderten thrombozytären Serotoninspiegel bei Alkoholikern im Entzug
(Rolf et al., 1978).
Bailly untersuchte den thrombozytären Serotoningehalt an 108 Alkoholikern, darunter 35 Frauen.
Der Serotoninspiegel lag bei den Alkoholikern während des Alkoholentzugs und nach 14tägiger
Abstinenz signifikant niedriger als bei den Kontrollen. Keinen Einfluß auf den 5-HT- Gehalt zeigten
die Dauer der Abhängigkeit, die täglich konsumierte Alkoholmenge oder eine positive familiäre
Suchtanamnese. Untersuchungen an gesunden Personen der Kontrollgruppe (n = 32) ergaben eine
negative Korrelation von thrombozytärem 5-HT- Gehalt und Alter, d.h. jüngere Personen wiesen
einen höheren Serotoningehalt auf als ältere Kontrollpersonen. Dieser Zusammenhang ließ sich in
der Gruppe der Alkoholiker nicht nachweisen. Hinweise für eine Assoziation von thrombozytärem
5-HT- Gehalt und Geschlecht ergaben sich weder in der Kontrollgruppe noch unter den
Alkoholikern (Bailly et al., 1993).
Häufiger Untersuchungsgegenstand mit zum Teil sehr widersprüchlichen Ergebnissen war die
Serotoninaufnahme bei Alkoholpatienten.
An einer Gruppe von Alkoholikern stellten Daoust et al. eine erhöhte thrombozytäre SerotoninAufnahme fest. Sie fanden eine signifikant erhöhte Maximalgeschwindigkeit (Vmax), wohingegen
keine Veränderung der Affinität des Carriers (KM) im Vergleich zu den Kontrollen auftrat (Daoust
et al., 1991).
15
Neiman verzeichnete bei Alkoholikern während des Entzugs (n = 7) kleinere KM- Werte, die sich im
Laufe der Detoxifikation wieder normalisierten. Über den gesamten Untersuchungszeitraum waren
für Vmax keine Unterschiede zwischen Alkoholikern und Kontrollen zu beobachten. Er kommt zum
Schluß, daß die Affinität der Serotonin- Aufnahme nach einer Phase ausgeprägten Alkoholkonsums
kurzfristig erhöht ist (Neiman et al., 1987). Neben Alkoholikern im Entzug und nach 20tägiger
Abstinenz zeigten auch ehemalige Alkoholabhängige (abstinent seit 1 bis 11 Jahren) im Vergleich
zu gesunden Kontrollpersonen erniedrigte KM- Werte und damit eine erhöhte 5HT- Aufnahme
(Boismare et al., 1987).
Es gibt jedoch auch Studien, die zu anderen Erkenntnissen kommen. Kent et al. vermerkten bei 19
Alkoholikern im Entzug eine im Mittel signifikant verminderte 5HT- Aufnahme von Blutplättchen
(Kent et al., 1985). In die gleiche Richtung gehen die Ergebnisse von Baccino und Mitarbeitern. Sie
beobachteten bei abstinenten und nicht- abstinenten Alkoholikern kleinere Werte für Vmax
(Baccino et al., 1987).
Den Zusammenhang zwischen thrombozytärer Serotoninaufnahme und positiver familiärer
Suchtanamnese beleuchteten Rausch & Schuckit. Söhnen alkoholabhängiger Väter (n = 14) wurden
nach Alter, Rauch- und Trinkgewohnheiten gematchte Männer gegenübergestellt, deren Väter nicht
alkoholkrank waren. Während sich KM nicht unterschied, wiesen die Söhne mit positiver familiärer
Suchtanamnese erhöhte Vmax- Werte auf. Die Autoren stellten die Hypothese auf, daß große Werte
für Vmax mit einem erhöhten Risiko verbunden seien, an Alkoholismus zu erkranken (Rausch et
al., 1991).
Andere Studien beschäftigten sich ebenfalls mit dem Alkoholismus- Risiko für die Nachkommen
von Alkoholikern. Sowohl die ehemaligen Alkoholiker als auch ihre Kinder wiesen im Vergleich zu
einer Kontrollgruppe eine erhöhte Serotonin- Aufnahme auf. Diese zeigte sich in höheren VmaxWerten. Die Affinitätskonstante KM unterschied sich nicht signifikant zwischen den Alkoholikern
und ihren Kindern und den Kontrollen (Ausnahme: erwachsene Ex- Alkoholiker mit größerer KM).
Es kann geschlußfolgert werden, daß die genetische Basis der Alkoholabhängigkeit mit dem
thrombozytären Serotonin- Transport verknüpft sein könnte (Ernouf et al., 1993).
In zunehmender Anzahl finden sich in der Literatur Hinweise, daß zwei Alkoholismus- Typen
existieren. Der eine Typ (Typ II nach Cloninger, Typ B nach Babor) ist durch einen frühen Beginn
des Alkoholismus gekennzeichnet. Der Krankheitsverlauf ist schwer, es treten ernsthafte soziale
Komplikationen auf und die Prognose stellt sich als insgesamt schlechter dar. Nach Befunden in der
16
Literatur scheint dieser bisher nur für männliche Alkoholiker beschriebene Typ durch ein
serotonerges Defizit charakterisiert zu sein (Übersicht bei Kranzler & Anton, 1994).
Mit der thrombozytären Aufnahme und Speicherung von Serotonin bei Patienten mit Typ I- und
Typ II- Alkoholismus beschäftigten sich Bolle & Reuter. Typ II- Alkoholpatienten hatten gegenüber
Kontrollen und Typ I- Alkoholpatienten einen signifikant niedrigeren Serotoningehalt und eine
signifikant höhere thrombozytäre Serotoninaufnahme. Bei unveränderter Vmax wiesen die Typ IIAlkoholpatienten eine signifikant niedrigere KM und damit eine höhere Affinität des Transporters zu
5HT auf (Bolle & Reuter, Dissertation, 2000).
Die folgende Tabelle 2.1 zeigt in zusammengefaßter Form die Widersprüchlichkeit der Ergebnisse
zum thrombozytären Aufnahmeverhalten von Alkoholpatienten.
LITERATUR
KM
VMAX
UNTERSUCHTE GRUPPE
Daoust et al., 1991
=

Alkoholiker vs. Kontrollen
Ernouf et al., 1993
=

Ex- Alk. und Nachkommen vs. Kontrollgruppen
Rausch et al., 1991
=

Alkohol in Familie vs. kein Alkohol in Familie
Neiman et al., 1987

=
Männliche Alk. im Entzug vs. Kontrollen
Boismare et al., 1987

=
3 Gruppen von Alk. vs. Kontrollgruppe
Bolle & Reuter, 2000

=
Typ II- Alk. vs. Typ I- Alk. und Kontrollgruppe
Es ist festzuhalten, daß es bislang nur wenige Erkenntnisse zum serotonergen System bei
weiblichen Alkoholpatienten gibt. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Besonderheiten
des thrombozytären Serotoningehaltes sowie der thrombozytären Serotoninaufnahme der Gruppe
der 58 alkoholabhängigen Frauen, die im Zeitraum von August 1995 bis Februar 1998 auf der
Station für qualifizierte Entzugsbehandlung von Alkohol- und Medikamentenabhängigen in der
Klinik für Psychiatrie des Klinikums der Friedrich-Schiller-Universität Jena stationär behandelt
wurden.
17
2.2 Alkoholismus – Typologien
Bereits seit geraumer Zeit wird der Entwicklung von Alkoholismus- Typologien große
Aufmerksamkeit gewidmet. Dies geschieht im Bestreben, neue Denkanstöße auf dem Gebiet der
Alkoholismusforschung und Anregungen für bessere Therapiemöglichkeiten zu erhalten. Die
meisten bereits vorliegenden Einteilungen lassen sich in zwei große Gruppen gliedern:
Klassifikation nach dem (Trink-) Verhalten oder nach der familiären Suchtgeschichte bzw. dem
erblichen Hintergrund (überwiegend mehrdimensional).
Die von Jellinek entwickelte Typologie klassifiziert Alkoholiker nach ihrem Trinkverhalten. Der
Gamma- Trinker ist durch periodisches, diskontinuierliches, meist sozial auffälliges Rausch- und
Kontrollverlusttrinken mit primär psychischer und erst später zunehmender physischer
Abhängigkeit gekennzeichnet. Das Bild des Delta- Alkoholismus hingegen ist durch regelmäßiges,
verteiltes, rauscharmes, relativ sozial unauffälliges Spiegel- / Abstinenzverlusttrinken geprägt.
Neben psychischer Abhängigkeit entwickelt sich die physische Suchtkomponente bereits frühzeitig
und primär (Jellinek, 1960).
Kritisiert wurde die Typologie vor allem deshalb, weil es sich um keine i.e.S. empirisch gewonnene
Typologie handelt, sondern eher um eine theoretische Systematisierung von Erfahrungs- und
Tatsachenwissen. Das abstrahierende Einteilungsschema Jellineks erschwert zudem die Einordnung
alkoholkranker Frauen wegen ihrer den Trinkstil betreffenden Besonderheiten (zitiert nach Roth,
1987). Außerdem kann es bei fortgeschrittener Krankheit zu einer Typen-Entdifferenzierung
kommen, was die Diagnosefindung erschweren kann. Trotz der Annäherung der Trinktypen läßt
jedoch die Anzahl der Einzeltrünke pro Tag selbst in der fortgeschrittenen chronischen Phase noch
eine Differenzierung der Gamma- und Delta- Trinker zu (Lemke & Bauer, 1984).
Auch die Einteilung nach Lesch basiert auf der Vorgeschichte, dem untersuchten Verlauf und dem
klinischen Bild. Den verschiedenen Typen ordnete er noch biochemische und neurophysiologische
Parameter zu. Der Typ 1 ist durch ausgeprägte, frühzeitige physische und / oder psychische
Entzugserscheinungen gekennzeichnet. Der Behandlungskontakt wird häufig wegen Delirium
tremens oder Entzugsanfall hergestellt. Von allen vier Typen weist der Typ 1 die höchste
Methanoleliminationsrate auf. Patienten des Typ 2 sind durch eine passive und ängstliche
Persönlichkeit gekennzeichnet. Unter Alkohol kommt es zu ausgeprägter psychischer Abhängigkeit,
Persönlichkeitsveränderungen und Aggressionen. Schwere körperliche Folgeerkrankungen und
18
schwere somatische Entzugssymptome fehlen. Postuliert werden ein serotonerges und GABAerges
Defizit sowie Veränderungen am NMDA- Rezeptor. Beim Typ 3 stehen psychiatrische Störungen
im Vordergrund. Psychosen oder Oligophrenien treten auch familiär gehäuft auf. Alkohol wird oft
zur Selbstmedikation dieser psychiatrischen Störungen eingesetzt. Charakteristisch für Typ 4 sind
Verhaltensauf-fälligkeiten in der Kindheit (Enuresis, Nagelkauen, Stottern) und zerebrale
Dysfunktionen (z.B. frühkindliche Hirnschädigung). Somatische Erkrankungen sind nicht nur
Alkohol bedingt (Lesch et al., 1996).
Während die von Jellinek vorgeschlagene Typologie vor allem in der klinischen Praxis
weitreichende Verbreitung fand, konnte sich die Einteilung nach Lesch bisher nicht über Österreich
hinaus durchsetzen. Das liegt möglicherweise daran, daß lediglich 1/3 der Alkoholiker exakt einem
Typ zuzuordnen sind, die anderen jedoch Mischtypen darstellen.
Schon lange ist bekannt, daß “alcoholism runs in families” (Goodwin et al., 1977), d.h. in manchen
Familien gehäuft alkoholkranke Personen auftreten. Deshalb legten mehrere Untersuchungen ihr
Augenmerk auf eine mögliche erbliche Komponente der Alkoholkrankheit.
So unterschied Penick zwischen familiärem und nichtfamiliärem Alkoholismus (Penick et al.,
1978). In meist groß angelegten Adoptionsstudien sowie Untersuchungen an Zwillingspaaren wollte
man den Einfluß von genetischen Faktoren und Umweltseinflüssen trennen.
Cloninger arbeitete zwei unterschiedliche Formen des Alkoholismus anhand der Stockholm
Adoption Study heraus. Der weitaus häufigere Typ I tritt sowohl bei Frauen als auch bei Männern
auf. An seiner Entstehung sind neben einer genetischen Disposition (biologischer Vater und / oder
biologische Mutter sind häufig “problem drinkers”) insbesondere belastende Umgebungsfaktoren
beteiligt (“milieu- limited”). Typisch für diese Form sind ein später Beginn des abhängigen
Trinkens sowie nur geringe soziale Folgestörungen und Schuldgefühle. Im Gegensatz dazu zeichnet
sich der nur bei Männern beschriebene Typ II durch einen frühen Beginn des Alkoholismus und
frühzeitige alkoholbedingte Behandlungen aus. Häufig kommt es zu ausgeprägten sozialen
Komplikationen, Polytoxikomanie und aggressivem Verhalten unter Alkohol. Der Typ II ist hoch
erblich. Während die biologischen Väter häufig ebenfalls einen frühzeitig einsetzenden
Alkoholmißbrauch aufweisen und öfters straffällig geworden sind, erscheinen die Mütter jedoch
unauffällig (“male- limited”). Umgebungsfaktoren spielen für die Entwicklung des Typ II kaum eine
/ keine Rolle (Cloninger et al., 1981).
19
Nicht zuletzt durch die Arbeit von Knorrings hat diese Typologie in letzter Zeit an Popularität
gewonnen. Nach von Knorring setzen beim Typ II alkoholbedingte Probleme subjektiv vor dem 25.
Lebensjahr ein. Der erste Behandlungskontakt dieses Typs findet vor dem 30. Lebensjahr statt. Typ
I- Alkoholiker hingegen haben erstmals nach dem 25. Lebensjahr alkoholbedingte Probleme, eine
erste Behandlung erfolgt nach dem 30. Lebensjahr (von Knorring et al., 1985, 1987).
Cloninger beschäftigte sich bereits 1987 mit dem Zusammenhang von Alkoholismus und
Persönlichkeit. Ursprünglich ging er von drei genetisch unabhängigen Persönlichkeits-merkmalen
aus, die er mit den Neurotransmittern Dopamin, Serotonin und Noradrenalin neurobiologisch
assoziierte (Cloninger, 1987).
Den ersten Persönlichkeitszug grenzte er als “harm avoidance” ab, womit ein Vermeiden von
Schaden und eine allgemeine Verhaltenshemmung gemeint ist. “Harm avoidance” verknüpfte
Cloninger mit dem serotonergen System. Der Neurotransmitter Dopamin hingegen ist nach seiner
Ansicht
mit
dem
Merkmal
“novelty
seeking”
(Suche
nach
neuen
Eindrücken,
Verhaltensaktivierung) assoziiert. Eine starke Abhängigkeit von Belohnung (“reward dependence”)
stehe in engem Zusammenhang mit Noradrenalin.
Cloninger ordnete seinen beiden Typen die oben beschriebenen Persönlichkeitsmerkmale zu.
Demnach zeichnet sich Typ I durch “high reward dependence” (von Belohnungen abhängig) und
“high harm avoidance” (Schaden vermeiden) und weniger durch Suche nach Neuem (“low novelty
seeking”) aus. Der Typ II- Alkoholismus wird charakterisiert durch ausgeprägtes Neugierverhalten
(“high novelty seeking”), während Belohnungsabhängigkeit und Schadensvermeidung eher
untergeordnet sind (“low harm avoidance” und “low reward dependence”).
Kritik widerfuhr Cloningers Typologie vor allem durch Schuckit. Dieser unterschied in seiner
Klassifizierung den Alkoholismus als primäre psychiatrische Störung von der sekundären Form;
letztere manifestiert sich zeitlich nach einer anderen psychiatrischen Krankheit (Schuckit et al.,
1985).
Nach Schuckits Auffassung stellt der Typ II nach Cloninger keine primäre Alkoholabhängigkeit im
eigentlichen Sinne dar, sondern die Komorbidität von antisozialer Persönlichkeitsstörung (ASPD)
und sekundärem Alkoholismus.
Auch Vaillant überprüfte in einer eigenen Untersuchung die Typologie Cloningers und bemängelt,
daß möglicherweise zu wenig Gewicht auf die schwierige Unterscheidung von Typ II- Alkoholikern
sowie Patienten mit ASPD und sekundärem Alkoholismus gelegt werde. Zudem werden nach seiner
20
Ansicht die Symptome durch das Lebensalter der Person beeinflußt, was zu Artefakten führen kann
(Vaillant, 1994).
Größere Übereinstimmungen mit Cloningers Typologie weist die von Babor vorgeschlagene
Einteilung auf. Auch er unterscheidet zwei Formen – Typ A und Typ B.
Typ A zeigt weniger Risikofaktoren in der Kindheit, die Alkoholabhängigkeit entwickelt sich erst in
einem Alter von 30 – 34 Jahren, die Abhängigkeit verläuft bezüglich alkoholbedingter sozialer und
körperlicher Folgen weniger schwer. Zum Zeitpunkt der Untersuchung ist die betreffende Person
älter und weist insgesamt eine bessere Prognose auf. Im Gegensatz dazu beginnt das “schwere
Trinken” beim Typ B bereits mit circa 21 Jahren. Nachdem schon in der Kindheit Risikofaktoren
für das Entstehen des Alkoholismus in der Familie zu beobachten sind, findet sich im
Erwachsenenalter eine große Anzahl ernsthafter sozialer und gesundheitlicher Folgen. Hinzu
kommen häufig noch andere psychopathologische Dysfunktionen und polytoxikomanes Verhalten.
Daraus resultiert eine schlechtere Prognose.
Unterschiede zu Cloninger ergeben sich in der Beschreibung des Trinkverhaltens. Babors Typ A ist
meist durch Abstinenzverlust gekennzeichnet, was nach Cloninger für Typ II charakteristisch ist.
Bei Typ B- Alkoholikern kann es laut Babor sowohl zu Kontroll- als auch Abstinenzverlust
kommen. Der Kontrollverlust über den Alkoholkonsum fällt als typisches Merkmal jedoch eher in
die Typ I- Charakteristik Cloningers. Einen weiteren wesentlichen Unterschied stellt der Fakt dar,
daß der Typ B nach Babor auch Frauen einschließt. Letztlich bleiben allerdings mehr
Gemeinsamkeiten als Unterschiede (Babor et al., 1992).
Hinweise für eine genetische Prädisposition des Alkoholismus fanden auch andere Forscher.
Cadoret und Goodwin führten in den USA und in Dänemark Adoptionsstudien durch und
beobachteten ein erhöhtes Risiko, an Alkoholismus zu erkranken für Kinder, deren Eltern
alkoholabhängig waren. Dabei war es nicht von Bedeutung, ob die Kinder bei ihren leiblichen oder
bei Pflegeeltern aufwuchsen (Goodwin et al., 1979, Cadoret et al., 1985).
Kendler führte Untersuchungen an 1030 weiblichen Zwillingspaaren und ihren Eltern durch. Auch
er erbrachte Beweise, daß genetische Faktoren wesentlich für die Entwicklung von
Alkoholabhängigkeit sind (Kendler et al., 1994).
Ein erhöhtes Risiko für Alkoholimus stellte Dawson in ihrer Untersuchung an über 20.000 Personen
fest, die eine positive familiäre Suchtanamnese aufwiesen (Dawson et al., 1992).
21
Die Literaturbefunde zum Alkoholismus bei Frauen faßte Hill wie folgt zusammen: “Während die
Forschung Hinweise für die Existenz von zwei Alkoholismustypen bei Männern hervorbrachte,
wurde angenommen, daß der weibliche Alkoholismus einen einheitlichen Typ darstelle.
Gleichzeitig wurde ohne wissenschaftlichen Hintergrund vermutet, daß diese eine Form keinen
genetischen Hintergrund habe. Diese Annahme muß nicht korrekt sein, da sie auf inkompletten
Informationen beruht und häufig lediglich die Vererbung von Vätern auf ihre Söhne untersucht
wurde” (Hill, 1995).
Bohman et al. (1981) ermittelten an 913 adoptierten Frauen im Rahmen der Stockholm Adoption
Study ein dreifach erhöhtes Risiko, an Alkoholismus zu erkranken, für diejenigen Töchter, die eine
alkoholkranke leibliche Mutter hatten. Auch die Töchter von Vätern mit Typ I- Alkoholismus waren
häufiger alkoholabhängig als Töchter, deren Vater keinen Alkohol trank. Adoptierte Frauen, deren
leiblicher Vater Merkmale des Typ II- Alkoholismus zeigte, unterlagen keinem erhöhten Risiko.
Allerdings litten diese Töchter häufiger an Somatisierungsstörungen, wie Kopf- und
Nackenschmerzen, abdominellen und gynäkologischen Beschwerden. Zusammenfassend läßt sich
schlußfolgern, daß das Risiko für Alkoholismus bei Frauen eher maternalen als paternalen
Vererbungsmustern folgt.
Nixon kommt in ihrer Zusammenstellung der Literatur zum Frauenalkoholismus zur Einschätzung:
“Entgegen der stereotypen Vorstellung vom einheitlichen Frauen- Alkoholismus läßt sich eine
Gruppe weiblicher Alkoholiker mit Verhaltensauffälligkeiten abgrenzen, die für den Typ II oder
“male- limited”- Alkoholismus Cloningers typisch sind: ernsthafte soziale und strafrechtliche
Probleme, antisoziales Verhalten und “alcohol- seeking” (Nixon, 1993).
Glenn und Nixon versuchten, die Typologie Cloningers auf Frauen anzuwenden. Eine Einteilung
nach dem Beginn des Alkoholabusus (vor bzw. nach dem 25. Lebensalter) scheiterte, weil die
Frauen beider Gruppen dann sowohl Typ I- als auch Typ II- Merkmale aufwiesen. So teilten sie die
Frauen nach dem Zeitpunkt des Auftretens von sieben verschiedenen Merkmalen ein:

Schuldgefühle

Saufgelage (binge drinking)

Versuche, das Trinken zu begrenzen

gescheiterte Abstinenzversuche

frühere Behandlungen

Tätlichkeiten unter Alkoholeinfluß
22

Verkehrsdelikte
Traten vier der sieben Merkmale vor dem 25. Lebensalter auf, so gelangte die Frau in die “early symptom - onset”- Gruppe (ESO). Kam die Mehrzahl der Symptome erst nach dem 25. Lebensjahr
vor, so erfolgte eine Einordnung in die “late - symptom - onset”- Gruppe (LSO).
Die Frauen der ESO- Gruppe unterschieden sich von der LSO- Gruppe durch jüngeres Alter, eine
schlechtere Ausbildung, ein geringeres Einkommen und häufigere Arbeitsplatzwechsel. Hinzu
kommt eine größere Anzahl ausgeprägter sozialer und gesundheitlicher Folgen. In den Familien der
ESO- Patienten fanden sich häufiger Verwandte mit Suchtproblemen; Väter waren oft von einer
besonders schweren Form des Alkoholismus betroffen. Die ESO- Frauen, die nicht selten
polytoxikoman waren, zeigten vermehrt antisoziales Verhalten. Insgesamt waren Frauen der ESOGruppe mit Cloningers Typ II vergleichbar (Glenn and Nixon, 1991).
An einem kleinen Sample von 12 Frauen, die zum wiederholten Mal durch Fahren unter
Alkoholeinfluß auffällig wurden, suchte Lex nach Typ II- Merkmalen. Auch sie unterteilte nach
dem Beginn von alkoholbedingten Problemen. Frauen mit subjektiven Problemen vor dem 25.
Lebensjahr begannen früher mißbräuchlich zu trinken, waren zum Zeitpunkt der Untersuchung
jünger und zeigten größere Punktwerte bei der Beurteilung von Trinken mit Abstinenzverlust.
Abstinenzverlust ist nach Cloninger ein Charakteristikum des Typ II- Alkoholismus. Unter
Berücksichtigung der geringen Anzahl der untersuchten Frauen ergab sich für Alkoholikerinnen,
deren Probleme vor dem Alter von 25 Jahren begannen, ein schwererer Verlauf der
Alkoholabhängigkeit (Lex et al., 1991).
In einer tschechischen Studie versuchten Kubicka und Mitarbeiter vier Typen des weiblichen
Alkoholismus zu differenzieren, wobei es sich jedoch ebenfalls nur um zwei Typen abhängigen und
zwei Typen mißbräuchlichen Trinkens handelt. Die zwei Dimensionen “Grad der Abhängigkeit”
und “alkoholbedingte Folgen” wurden verknüpft. Für Typ 1 ergab sich eine schwere Abhängigkeit
mit ausgeprägten Alkohol - Folgen. Diese Form war eng mit väterlichem Alkoholismus assoziiert,
was auf eine mögliche genetische Disposition hinweist. Frauen des Typ 2 waren zu über 90% über
30 Jahre alt. Sie kamen tendenziell besonders häufig aus gestörten Familienverhältnissen, wiesen
selbst aber kaum alkoholbedingte Probleme auf und waren mit Cloningers Typ I zu vergleichen.
Patientinnen, die dem Typ 3 zugeordnet wurden, waren nicht abhängig, hatten aber ausgeprägte
alkoholbedingte Probleme. In dieser Gruppe bestand der niedrigste Ausbildungsgrad und ein
23
Umfeld mit besonders ausgeprägtem Alkoholkonsum. Frauen, die nicht alkoholabhängig und kaum
durch Alkoholfolgen beeinträchtigt waren, wurden als Typ 4 klassifiziert (Kubicka et al., 1992).
Schuckit verglich Frauen mit primärem Alkoholismus mit Patientinnen, deren Alkoholproblem sich
sekundär auf der Basis einer affektiven Störung entwickelte. Dabei zeigte sich, daß primär
alkoholkranke Frauen älter und länger alkoholabhängig waren. Jeweils etwa 1/3 der Verwandten
war psychisch krank. Während aber Väter und Brüder der Frauen in beiden Gruppen häufig
ebenfalls Alkoholiker waren, litten weibliche Verwandte von primären Alkoholikerinnen auch an
Alkoholismus, weibliche Verwandte von Patientinnen mit affektiver Störung und sekundärem
Alkoholismus jedoch häufiger an Depressionen. Damit bekräftigte er seine Hypothese, nach der
mindestens zwei Alkoholimustypen bei Frauen existieren, nämlich primärer und sekundärer
Alkoholismus (Schuckit et al., 1969).
Vogt arbeitete 41 Lebensberichte alkoholabhängiger Frauen auf und stellte dabei zwei typische
Trinkmuster fest. Frauen des Typ 1 begannen relativ spät (25 bis 40 Jahre), alkoholische Getränke
in höherer Dosierung zu trinken. Der hohe Alkoholkonsum stand i.d.R. in engem Zusammenhang
mit konkreten, für die Frauen nicht zu bewältigenden Ereignissen. Sie litten unter Schuldgefühlen
wegen des Alkoholkonsums und unter vielen psychosomatischen Störungen. Die privaten und
beruflichen Verhältnisse erschienen jedoch geordnet.
Schon relativ früh, mit 15 bis 25 Jahren, tranken Typ 2- Patientinnen Alkohol in größeren Mengen,
so daß es häufiger zu Räuschen und Alkoholexzessen kam. Nicht selten wurden die Frauen in ihrer
Kindheit von Personen ihrer unmittelbaren Umgebung mißhandelt und mißbraucht. In Beruf und
Privatleben bestanden häufig chaotische Zustände. Der Gesundheitszustand war als schlecht zu
bezeichnen (Vogt, zitiert in Hunziker et al., 1997).
Wie aus oben zitierten Literaturbeiträgen ersichtlich, existieren Hinweise, daß sich auch der
Frauenalkoholismus nicht als einheitliches Krankheitsbild darstellt. Vielmehr konnten wiederholt
zwei Formen des Alkoholismus bei Frauen abgegrenzt werden: eine Form, die weitestgehend das
Resultat von Umgebungsfaktoren ist und die durch einen späten Beginn des schweren Trinkens
(Gipfel zwischen 35 und 49 Jahren) gekennzeichnet ist. Die andere Form tritt bereits zwischen dem
18. und 24. Lebensjahr auf und ist sehr wahrscheinlich vorwiegend erblich bedingt (Hill, 1995).
24
2.3 Katamnestische Untersuchungen und Prädiktoren des Therapieerfolges
Katamnesen werden zur Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen der Behandlung von
Alkoholpatienten durchgeführt. Probleme der Vergleichbarkeit der Katamnesen ergeben sich aus
den sich unterscheidenden Behandlungsmethoden und den zur Beurteilung des Therapieerfolgs
verwendeten Meßinstrumenten. Ein Problem ist ferner der Zeitraum, über den sich eine
katamnestische Untersuchung erstrecken sollte, um zuverlässige Aussagen treffen zu können
(Feuerlein, 1986). Schwierig gestaltet sich auch die Abgrenzung des Behandlungserfolges von einer
Spontanremission. Wieser berichtet von bis zu 10% Abstinenten (Wieser, 1966). Miller und Hester
schätzen die Spontanremissionsrate (abstinent oder gebessert) auf ca. 19% pro Jahr (zitiert in
Feuerlein et al., 1998).
Im folgenden sollen vor allem die in der Literatur erwähnten Katamnesen an weiblichen
Alkoholpatienten dargestellt und auf mögliche Prädiktoren eines guten Therapieergebnisses bei
alkoholkranken Frauen eingegangen werden.
Das “Tübinger Behandlungsmodell” (Mann & Batra, 1993) sieht eine sechswöchige stationäre
Behandlung und anschließend eine obligate ambulante Weiterbetreuung über ein Jahr vor. Bei den
in acht Jahren behandelten 790 männlichen und weiblichen Alkoholpatienten blieben 57% während
der einjährigen Weiterbetreuung abstinent. Zählt man die Patienten hinzu, die einen passageren
Rückfall erlitten, aber die Therapie nicht abbrachen, ergibt sich für 68% eine globale Besserung
(erfolgreiche Therapie). Drei Jahre nach Beginn der ambulanten Therapie wurde der Therapieerfolg
erneut überprüft: von den 184 nachuntersuchten Patienten waren 49% während des gesamten
Katamnesezeitraumes abstinent.
In einer gesonderten Untersuchung an 249 Patienten fiel bei Frauen eine erhöhte Rückfallquote von
48% vs. 35% bei Männern auf ( Unterschied nicht signifikant).
Feuerlein
&
Küfner
(1989)
untersuchten
in
der
Münchner
Evaluationsstudie
zur
Alkoholismustherapie (MEAT) 1410 Alkoholiker (27% Frauen) und erstellten 18- und 48Monatskatamnesen. Über den gesamten Zeitraum von 18 Monaten waren 55% der Männer und 47%
der Frauen abstinent. Weitere 9% bzw. 8% konnten als gebessert eingeschätzt werden
(Alkoholkonsum höchstens 50g / 30g Alkohol pro Tag für Männer bzw. Frauen und keine
körperlichen oder psychischen Folgen). Als nicht gebessert stellten sich 39% der Männer, aber
25
44,5% der Frauen dar. Die Auswertung 48 Monate nach Entlassung (Küfner et al., 1988) ergab
folgende Zahlen: 46% (48,5% M, 41% F) abstinent, 12% (11% M, 13% F) gebessert und 42% (40%
M, 46% F) nicht gebessert.
Die dem Konzept der “Anonymen Alkoholiker” nahe stehende “vollständige Kapitulation des
Patienten vor dem Alkohol” wurde in ihren Erfolgsaussichten von Funke und Klein überprüft. Die
auswertbaren Informationen von 228 Alkoholikern wurden in einem Katamnesezeitraum zwischen
fünf und 33 Monaten gesammelt. Insgesamt konnte für 44,2% der Stichprobe Abstinenz
angenommen werden. Weder Geschlecht (27% Frauen) noch Alter der Patienten hatten einen
statistisch bedeutsamen Einfluß auf den Therapieerfolg (Funke & Klein, 1981).
Patienten, die an einer stationären viermonatigen Entwöhnungsbehandlung teilgenommen hatten,
wurden von Bauer et al. über 10-14 Jahre nachuntersucht. Die Katamnesegruppe bestand zu ca. je
39% aus mehr als fünf Jahre Abstinenten bzw. Verstorbenen; 22% tranken regelmäßig oder
periodisch. Der Anteil der Frauen an der Untersuchungsgruppe lag bei 15%. Mit 33% gegenüber
20% bei Männern erreichte ein signifikant größerer Teil der Frauen rückfallsfreie Langzeitabstinenz
über 10-14 Jahre (Bauer et al., 1995).
Im Bemühen, Aussagen über den Verlauf der Alkoholkrankheit bei Frauen zu machen, untersuchten
Mann et al. (1999) 59 chronische Alkoholikerinnen. Im ersten halben Jahr hatten 42,4% der
Patientinnen keinen Alkohol getrunken. Ein Jahr nach Entlassung aus der stationären Behandlung
waren noch 35,6% abstinent geblieben.
In einer Katamnese an 176 ausschließlich weiblichen Alkoholpatienten waren nur 27% der
Personen über den gesamten Zeitraum von 18 Monaten nach der stationären Behandlung abstinent
geblieben. Während 20% der Patientinnen als gebessert betrachtet wurden, mußten 53% als nicht
gebessert eingeschätzt werden (Watzl, 1981).
Nach durchschnittlich 46 Monaten untersuchten Gillet und Kollegen 178 Frauen. Sie teilten die
Frauen nach ihrem Alkoholkonsum und nach ihrer Lebensqualität ein. Seit der Behandlung waren
22% abstinent, 28% tranken weniger als 44g Alk./d und 50% mehr als 44g Alk./d. Ein Viertel der
ehemaligen Patientinnen (26%) berichtete über eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität.
Eine geringfügig verbesserte Lebensqualität gaben mehr als die Hälfte (55%) an. Für 19% der
26
Frauen ergaben sich keine Veränderungen oder gar Einschränkungen in der Lebensführung (Gillet et
al., 1991).
Die zitierten Literaturangaben belegen, wie inhomogen und widersprüchlich die KatamneseErgebnisse hinsichtlich des Frauenalkoholismus sind. Für eine schlechtere Prognose als die
männlicher Alkoholiker sprechen die Ergebnisse von Mann & Batra sowie Feuerlein & Küfner.
Dagegen stellen Gillet sowie Funke & Klein keine geschlechtsbezogenen Unterschiede fest; Bauer
et al. fanden höhere Abstinenzraten unter alkoholkranken Frauen.
Hanel (1990) stellte sich die Frage, ob Frauen schlechtere Chancen haben. Obwohl die süchtigen
Frauen ungünstigere demografische Merkmale aufwiesen (jünger, seltener abgeschlossene
Berufsausbildung, häufiger sexuell mißbraucht, mehr Suizidversuche) ergaben sich in ihrer Studie
an
stationär
behandelten
Drogenabhängigen
keine
Unterschiede
in
der
Anzahl
der
Therapieabbrecher (jeweils 57%). Geschlechtsunterschiede wurden auch nicht bei der
katamnestischen Untersuchung nach 5 bzw. 15 Monaten deutlich. Trotzdem möchte die Autorin
dies nicht als Argument gegen frauenspezifische Behandlungsangebote verstanden wissen.
Auch
Feuerlein
unterstreicht
die
Besonderheiten
der
Behandlungssituation
weiblicher
Alkoholpatienten und weist auf unterschiedliche Prädiktoren eines Behandlungserfolges bei Frauen
und Männern hin. In der MEAT wurden für die Männergruppe folgende günstige
Prognosemerkmale gefunden: mit Ehepartner lebend, feste Arbeitsstelle, nicht in Wohnheim lebend
oder obdachlos, kein Suizidversuch, nicht vorher in einer Suchtfachklinik (Feuerlein et al., 1998).
Laut Wieser besitzen die psychopathische Disposition und das Geschlecht des Patienten
prognostisches Gewicht für den Verlauf der Alkoholkrankheit. Von Bedeutung sind weiterhin die
Motivation der behandelten Person und die Intaktheit seiner zwischenmenschlichen Beziehungen
sowie Alter und Intelligenzgrad (Wieser, 1966).
Die Ergebnisse der Langzeitkatamnese von Bauer und Mitarbeitern erbrachten Hinweise, daß eine
hohe Mortalität mit männlichem Geschlecht, frühem Trinkbeginn, langer Abusus- und
Abhängigkeitsdauer sowie irregulärer Entlassung aus der Entwöhnungsbehandlung korreliert.
Weibliches Geschlecht könnte hingegen in Verbindung mit spätem Abususbeginn, d.h.
Persönlichkeitsreife vor Abhängigkeitsentwicklung stehen und ein Prädiktor für guten
Therapieerfolg mit geringer Mortalitätsquote sein (Bauer et al., 1995).
27
Alter und familiäre Suchtanamnese der Alkoholikerinnen hatten in der Studie von Gillet et al.
keinen Einfluß auf das Therapieergebnis. Nichtverheiratete Frauen mit hohem Alkoholkonsum vor
der Behandlung (über 150g/d) hatten besonders häufig eine schlechte Prognose (Gillet et al., 1991)
Von den Erfahrungen seiner Katamnese ausgehend formuliert Watzl, daß “zwar von Abstinenz auf
gute Anpassung in anderen Bereichen zu schließen ist; bei rückfälligen Patienten ist der Schluß auf
eine deviate soziale Anpassung und auffällige Persönlichkeitsbeschreibung jedoch unzulässig”
(Watzl, 1982).
Nach Angaben von Saunders et al. kommen als Risikofaktoren für einen Rückfall neben einem
instabilen sozialen Umfeld auch Abstinenzphasen im vergangenen halben Jahr von lediglich kurzer
Dauer in Betracht. Speziell für weibliche Alkoholiker gelten die aufgezählten Risikofaktoren:
geringe Anzahl von im Haushalt lebenden Kindern, größerer (!) prämorbider Sprachschatz und
größere (!) visuelle Vorstellungskraft sowie verminderter Glaube an eine zukünftige Kontrolle über
den Alkohol (Saunders et al., 1993).
Zum Teil andere Ergebnisse liefern die Untersuchungen von Mann und Kollegen. So korrelierte das
Behandlungsergebnis positiv mit der allgemeinen prämorbiden Intelligenz der Patientin. Allerdings
konnte ihre Studie bestätigten, daß je länger eine Alkoholikerin vor der stationären Aufnahme
“trocken” war, desto weniger wahrscheinlich war ein Rückfall. Ein Rückfall erschien auch dann
eher unwahrscheinlich, wenn der erste Alkoholkonsum zu einem späten Zeitpunkt im Leben
erfolgte und sich die Laborwerte vor der Aufnahme im Normbereich bewegten (Mann et al., 1999).
Nach einer Follow up- Studie von Schuckit & Winokur ist die Prognose bei alkoholkranken Frauen
mit affektiver Störung tendentiös besser. Zu dieser Erkenntnis kommen sie bei der katamnestischen
Untersuchung von 45 Alkoholikerinnen über drei Jahre (Schuckit & Winokur, 1972). Ergänzend
fügen Rounsaville et al. (1987) an, daß das Auftreten einer psychiatrischen Comorbidität bei
männlichen Alkoholikern mit einer schlechteren Prognose assoziiert ist. Im Gegensatz zu
Alkoholikerinnen mit antisozialer Persönlichkeitsstörung oder begleitendem Drogenabusus findet
sich bei alkoholkranken Frauen mit affektiver Störung ein besseres Therapieergebnis. Bei
weiblichen Alkoholpatienten hat die Schwere der Alkoholabhängigkeit weniger prognostische
Relevanz.
28
Aus den Literaturangaben ließe sich insgesamt schlußfolgern, daß aufgrund der Unterschiede
zwischen männlichen und weiblichen Alkoholabhängigen auch geschlechts-, d.h. Frauenspezifische Behandlungsangebote zu besseren Therapieergebnissen führen könnten. Die “DrittelRegel” des Behandlungserfolges, die besagt, daß nach Entwöhnungsbehandlung 1/3 der
Alkoholpatienten “geheilt”, 1/3 “gebessert” und 1/3 “nicht gebessert” ist, fand nicht in allen Studien
ihre Bestätigung und trifft i.d.R. nur auf relativ kurze Katamnesezeiträume (18-24 Monate) zu.
Abhängig von Stichprobe, Behandlungart und Katamnesezeitraum fanden sich Abstinenzraten von
20-57%. Neben Persönlichkeitsmerkmalen, Motivation und Abstinenzwille gehört auch das soziale
Umfeld zu den Prädiktoren des Behandlungserfolges.
29
3. Zielstellungen
In der Literatur finden sich vielfältige Hinweise über den Zusammenhang zwischen Alterationen des
serotonergen Systems und der Entstehung und Entwicklung der Alkoholkrankheit. Bei
alkoholkranken Männern scheint die Form mit dem schwereren Verlauf, der Typ II- Alkoholismus
nach Cloninger, als die Subgruppe abgrenzbar, für die ein genetisch bedingtes serotonerges Defizit
wahrscheinlich ist. Der weibliche Alkoholismus wurde hingegen lange Zeit als einheitliches
Krankheitsbild betrachtet und findet erst in letzter Zeit zunehmend wissenschaftliches Interesse.
Bisher ist anzunehmen, daß sich Erkenntnisse, die z.T. ausschließlich an männlichen Probanden
gesammelt wurden, nicht ohne weiteres auf den weiblichen Alkoholismus übertragen lassen,
weshalb bislang auch keine allgemein akzeptierte Klassifikation zur Einteilung alkoholkranker
Frauen existiert.
Bolle & Reuter untersuchten die Thrombozyten männlicher Alkoholpatienten parallel und
methodengleich hinsichtlich ihres Serotoningehaltes und ihres Serotoninaufnahmeverhaltens im
autologen Plasma. Die gleichzeitige Untersuchung der o.g. Parameter ermöglichte eine komplexere
Betrachtung der mit dem Thrombozytenmodell gewinnbaren Daten. Im Ergebnis dieser Arbeit ergab
sich eine Differenzierbarkeit zwischen den primär klinisch nach Cloninger kategorisierten Typ Iund Typ II- Alkoholikern (Bolle & Reuter, Dissertation, 2000).
Das Ziel dieser Arbeit war es, entsprechend den Erkenntnissen von Bolle & Reuter am
thrombozytären Serotonin- Transporter männlicher Alkoholiker nach ähnlichen Beziehungen
zwischen klinischem Bild und Alterationen des serotonergen Systems sowie dem Therapieerfolg bei
weiblichen Alkoholabhängigen zu suchen. Nach unseren Recherchen wurde diese komplexe
Fragestellung bisher nicht untersucht.
Die eigene Aufgabe bestand also darin, mittels des gleichen Versuchsablaufes nach ähnlichen
Unterschieden im serotonergen System von weiblichen Alkoholpatienten und Frauen der
30
Kontrollgruppe anhand des Thrombozytenmodells zu suchen und die Serotoninmangel- Hypothese
des Alkoholismus zu überprüfen.
Zeigen sich solche Unterschiede innerhalb der Gruppe der weiblichen Alkoholpatienten, stellt sich
die Frage, ob eine Subgruppe serotonin- defizienter weiblicher Alkoholpatienten (Typ “Zwei”)
abzugrenzen ist, die klinische Merkmale aufweist, die den Charakteristika des männlichen Typ IIAlkoholismus nach Cloninger vergleichbar sind. Entsprechend dieser Charakteristika müßten der
frühe Beginn des schweren Trinkens, eine stärkere familiäre Prädisposition zur Sucht sowie
ausgeprägtere körperliche und soziale Konsequenzen des chronischen Alkoholkonsums mit
serotonergen Parametern korrelieren.
Die Vorgehensweise war also umgekehrt zu derjenigen von Bolle und Reuter: Die biochemischen
Daten sollten zur klinischen Charakterisierung führen.
Eine weitere Aufgabe sollte sein, katamnestisch zu einer Aussage über den Behandlungs-erfolg der
weiblichen Alkoholpatienten eines abgrenzbaren Typs "Zwei" zu kommen.
Die diesbezügliche Fragestellung lautete somit: Läßt sich einem als serotonerg- defizient
abgegrenzten Typ “Zwei” anhand katamnestisch ermittelter Daten ein ungünstigerer Verlauf und
eine schlechtere Prognose voraussagen?
Für Typ “Zwei”- Alkoholikerinnen müßte ein schlechterer gesundheitlicher Zustand sowie eine
geringere soziale und berufliche Integration zu erwarten sein. Zwölf bis achtzehn Monate nach
qualifizierter Entzugsbehandlung müßte sich unter den Patientinnen des Typs “Zwei” auch eine
geringere Anzahl abstinenter Personen befinden.
31
4. Material und Methoden
4.1 Untersuchungsmaterial
4.1.1
Ein- und Ausschlußkriterien
Bei der zu untersuchenden Stichprobe handelt es sich um 58 Frauen, die in einem Zeitraum von
zweieinhalb Jahren (August ´95 bis Februar ´98) auf der offenen Station für Alkohol- und
Medikamentenabhängige der Klinik für Psychiatrie des Klinikums der Friedrich-Schiller-Universität
Jena (FSU Jena) behandelt wurden.
Die Patientinnen, die sich einer stationären qualifizierten Entzugs- und Motivationsbehandlung
unterzogen, waren zum Zeitpunkt der stationären Aufnahme zwischen 16 und 74 Jahre alt
(Mittelwert 46,0 +/- 12,0 Jahre). In Gesprächen wurden die Patientinnen über den Inhalt der
Untersuchung informiert und um ihr schriftliches Einverständnis zur Teilnahme gebeten.
Eingang in die Studie fanden alle Patientinnen, die die Kriterien für Alkoholabhängigkeit nach
DSM-III-R und ICD-9 erfüllten. Patientinnen mit polytoxikomanem Verhalten wurden dann in die
Studie aufgenommen, wenn der Alkohol die Hauptdroge darstellte. Eine weitere psychiatrische
Diagnose galt ausdrücklich nicht als Ausschlußkriterium.
Es wurde angestrebt, daß die Frauen zum Untersuchungszeitpunkt mindestens 14 Tage
alkoholabstinent und medikamentenfrei waren.
4.1.2
Kontrollpersonen
Als Kontrolle diente eine Gruppe von 24 körperlich und geistig gesunden Frauen im Alter von 23
bis 60 Jahren (Mittelwert 44,2 +/- 14,2 Jahre). Bei diesen Personen waren weder anamnestisch noch
zum Untersuchungszeitpunkt Auffälligkeiten im Umgang mit Alkohol bekannt.
Die Probanden wurden aufgefordert, eine 14tägige Alkohol- und Medikamentenfreiheit vor der
Untersuchung einzuhalten.
32
Die nachfolgende Experimentieranleitung gibt den von M. Bolle und R. Reuter angewendeten
Versuchsablauf wieder (s. Dissertation M. Bolle, R. Reuter, 2000). Die biochemischen Daten der
alkoholabhängigen Frauen wurden analog zu den Untersuchungen von Bolle / Reuter an männlichen
Alkoholikern erhoben und werden erstmalig in der vorliegenden Arbeit ausgewertet.
4.2 Versuchsablauf
Die Blutentnahme erfolgte nach circa 12h Nahrungskarenz an nüchternen Kontrollpersonen und
Patientinnen morgens zwischen 7.00 und 8.00 Uhr. Das durch cubitale Venenpunktion gewonnene
Blut wurde in 10ml Saarstedt-Coagulations-Monovetten (Na-Citratblut) gesammelt und unmittelbar
anschließend der folgenden Weiterverarbeitung übergeben:
4.2.1
Thrombozytenpräparation
Zunächst wurde das Blut der Probanden zur Gewinnung von thrombozytenreichem Plasma (plateletrich-plasma, PRP) etwa 10min bei 200g (1200 U/min) zentrifugiert. Das PRP wurde als Überstand
in ein Plastikröhrchen pipettiert. Zur Bestimmung der Thrombozytenzahl wurde eine Leukopipette
zunächst bis 0,5 mit PRP aufgezogen und anschließend bis 11 mit Lidocain-Oxalatlösung aufgefüllt.
Nach Einfüllen der Lösung in eine Neubauerzählkammer und circa 15min Stehenlassen in einer
Feuchtekammer erfolgte die Auszählung von 16 Rechtecken. Die Thrombozytenzahl wurde in Gpt /
l (109 Thrombozyten pro Liter) angegeben. Mittels Coulter Counter wurde die Thrombozytenzahl
im Vollblut der Alkoholpatientinnen bestimmt.
Das verbliebene Restblut wurde nochmals bei circa 2000g (3000 U/min) für 10min zentrifugiert und
der Plasmaüberstand (platelet-free-plasma, PFP) abgenommen.
Das Einstellen einer Thrombozytenzahl von 300 Gpt / l erfolgte durch autologes Pipettieren von
PRP und PFP auf ein Probenvolumen von 750 µl in Eppendorfbechern. Daran schloß sich kurzes
Mischen an.
4.2.2
Aufnahmekinetik
4.2.2.1 Zusätze für die Kinetikmessung
a. Berechnungsgrundlagen für die Serotoninlösung (5HT- Zusatz):
Im Probenvolumen war eine Thrombozytenzahl von 300 Gpt / l eingestellt wurden. Das entspricht:
 3 * 108 Thr. / ml bzw.
Bei
2,25 * 108 Thr. in 750 µl Probenvolumen.
einer angenommenen Serotoninaufnahme von 0,5 µg 5HT / 109 Thr. (gleich
Aufnahmeäquivalent) ist folgende Serotoninmenge zu zugegeben:
33
 0,05 µg 5HT / 108 Thr.
bzw.
0,112 µg 5HT / 2,25 * 108 Thr.
Weitere Umrechnungen sind der nachfolgenden Tabelle zu entnehmen:
Angenommene 5HT- Aufnahme (µg 5HT / 109 Thr.) 
nötiger 5HT- Zusatz (µg 5HT)
0,25
0,056
0,375
0,084
0,75
0,169
1,0
0,225
1,5
0,338
Orientierungshilfe für die Höhe der Serotoninzusätze pro Aufnahmeäquivalent war der
Normbereich für thrombozytäres Serotonin: 0,2 – 0,7 µg 5HT / 109 Thr.
b. Ansatz für die Serotoninlösungen
7,73 mg 5HT- Kreatininsulfat (3,36 mg Reinsubstanz) wurden in 10 ml physiologische
Kochsalzlösung gegeben. Von dieser Lösung wurde 1 ml mit physiologischer Kochsalzlösung auf
10ml entsprechend 0,336 mg / 10 ml aufgefüllt und als Stammlösung A bezeichnet. Der Einsatz von
10µl der Stammlösung A entspricht einer Zugabe von 0,336 µg 5HT. Durch Verdünnung der
Stammlösung A wurden die Lösungen B, C und D hergestellt.
Lösung A (1,5) Aufnahmeäquivalent =
1,5 µg 5HT / 109 Thr.
Lösung B (1,0)
=
1,0
Lösung C (0,5)
=
0,5
Lösung D (0,25)
=
0,25
Der Ansatz der Serotoninlösungen erfolgte für gleiche Versuchsreihen einmalig. Die hergestellten
Lösungen wurden portionsweise bei minus 70 °C eingfroren.
4.2.2.2 Thrombozytäre Serotoninaufnahme
Zur Bestimmung der Serotoninaufnahmekinetik wurden die vorbereiteten Thrombozyten- Proben
zunächst mit 10µl der entsprechenden Serotoninlösung versetzt. Nach Mischen mit Vortex erfolgte
eine Inkubation im Wasserbad bei 37 °C. Nach 5, 10 bzw. 30 min wurde die Kinetik durch
34
Zentrifugieren bei circa 10.000g in der Eppendorfzentrifuge abgebrochen und der Plasmaüberstand
verworfen.
Nach einmaligem Waschen des Thrombozytensediment mit 700 µl physiologischer Kochsalzlösung
wird erneut abzentrifugiert und der Überstand verworfen.
Das Thrombozytensediment wurde nun zur 5HT- Bestimmung weiterverarbeitet oder bei minus 70
°C tiefgefroren.
Die Bestimmung der Maximalgeschwindigkeit Vmax und der Bindungskonstante Km der
thrombozytären
Serotoninaufnahme
erfolgte
durch
Zugabe
von
fünf
verschiedenen
Serotoninzusätzen (0,25; 0,375; 0,5; 0,75 und 1,0 Aufnahmeäquivalente) in die vorbereiteten
Eppendorfbecher. Bei einer Temperatur von 37 °C wurden die Proben für 5 min inkubiert und
anschließend zentrifugiert. Die weitere Verarbeitung erfolgte wie oben beschrieben.
Im Lineweaver–Burk–Plot konnte die Maximalgeschwindigkeit als 1 / Vmax auf der Ordinate und
die Bindungskonstante als – 1 / Km auf der Abszisse abgelesen werden.
4.2.3
Serotoninbestimmung
Der Serotoningehalt der Proben wurde mittels Fluoreszenzspektrometrie nach Curzon und Green
(1979), modifiziert nach Kluge et al. (1999) durchgeführt.
a. Prüflösung
Zunächst mußte das Thrombozytensediment mit 0,4 ml 0,2 N Perchlorsäure aufgenommen und
damit denaturiert werden. Das Sediment wurde anschließend mittels Plastikstäbchen aufgerührt und
für 2 min bei 10.000g zentrifugiert. Der Überstand fand als Prüflösung Verwendung.
b. Lösungen für die Ansätze
Zur Herstellung der Serotonin- Eichlösung wurden 2,3 mg 5HT- Kreatininsulfat in 10 ml
physiologischer Kochsalzlösung gegeben. Wiederum 1 ml davon wurde mit physiologischer
Kochsalzlösung auf 100 ml aufgefüllt. 100 µl der so hergestellten Eichlösung entsprechen somit
100 µg 5HT.
Weiterhin benötigt wurden:
Cystein 0,1 % (30 mg / 20 ml 0,1 N HCl) und
OPT- Lösung (Ortho- Phthaldialdehyd 0,008 % 2mg / 25 ml 8 N HCl)
35
c. Ansätze
Alle Ansätze für Hauptwerte, Eichwerte und Kontrollen wurden in Schliffgläsern angesetzt.
100 µl Prüf- oder Eichlösung wurden mit jeweils 1 ml Cystein- Lösung und OPT- Lösung versetzt,
so daß man ein Endvolumen von 2,1 ml erhielt.
Die Ansätze wurden 20 min lang bei 85 °C in einem Metallblock erhitzt und anschließend im kalten
Wasserbad auf 20 °C abgekühlt.
d. Serotoninbestimmung
Zum Einsatz kam das Fluoreszenzspektrometer Perkin-Elmer Typ MPF 44 B.
Anregungswellenlänge
360 nm
Filter
39
Emissionswellenlänge
75 nm
Verstärkerstufe
0,3
Spaltbreite
10 nm
Spannung
750 kV
e. Auswertung
Nach
dem
Aufstellen
einer
Eichkurve
Serotoningehaltes nach folgender Formel: N =
erfolgte
die
Berechnung
des
thrombozytären
( 4 * X ) / (T * P )
Dabei bedeuten die Symbole:
4 … bei Aufnahme (enteiweißen) mit 0,4 ml Perchlorsäurelösung
X … ng 5HT / 100 µl (Prüflösung) aus der Eichkurve
T … Thrombozytenzahl des PRP in Gpt / l (im Probenansatz 300 Gpt / l)
P … PRP in ml (Probenvolumen 0,750 ml)
4.3 Suchtanamnestische Daten
Die klinischen Befunde der Patientinnen wurden ihren Krankenakten entnommen und in einem
standardisierten Datenerhebungsbogen erfaßt.
Bis März 1997 erfolgte die Datenerfassung ausschließlich retrospektiv, so daß Patientendaten z.T.
unvollständig waren. Ab diesem Zeitpunkt konnte durch eigene gezielte Mitarbeit an der primären
Erhebung ein Fehlen von Befunden weitestgehend ausgeschlossen werden.
Die
Bestimmung
des
thrombozytären
Serotoningehaltes
und
der
entsprechenden
Aufnahmekinetiken erfolgte unabhängig von der Erfassung der klinischen Daten.
(Datenerfassungsbogen im Anhang)
36
4.4 Katamnestische Daten
Eingang in die katamnestische Untersuchung fanden 34 der 58 Patientinnen, die innerhalb von
anderthalb Jahren im Zeitraum von Januar 1996 bis Juli 1997 auf der offenen Station für
Abhängigkeitserkrankungen behandelt wurden. Der Katamnesezeitraum beträgt somit zwischen 12
und 18 Monate.
Für die Katamnese benutzten wir einen Datenerfassungsbogen, der auf der Grundlage der
Dokumentationsstandards 2 der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie
(DGSS) erarbeitet worden war.
Der Fragebogen enthielt Fragen zu den Themen Umgang mit der Sucht, gesundheitlicher Zustand,
berufliche und soziale Integration, Bewertung der Lebenszufriedenheit und Legalverhalten. Zu allen
21 Fragen waren jeweils mehrere Antwortmöglichkeiten vorgegeben. Die Patienten waren
aufgefordert, die ihnen jeweils am ehesten zutreffend erscheinende Antwort anzukreuzen.
Den ehemaligen Patientinnen wurde ein Fragebogen, ein frankiertes Rückantwortkuvert und ein
Anschreiben, auf dem unser Anliegen erklärt wurde, zugeschickt. Kamen die Frauen unserer Bitte
nicht nach, sendeten wir ihnen im Rhythmus von vier Wochen insgesamt noch zwei weitere
Datenerhebungsbögen zu.
Mit Hilfe des betreffenden Einwohnermeldeamtes wurden fehlerhafte Adressen korrigiert bzw.
bereits verstorbene Personen herausgefunden.
Ließ sich jedoch kein Grund für ein bisheriges Nichtantworten herausfinden, versuchten wir mit
einem vorher nicht angekündigten Hausbesuch doch noch Kontakt herzustellen und katamnestische
Daten zu gewinnen. Verweigerte die betreffende Person auch dann noch die Auskunft, stellten wir
unsere Bemühungen ein.
(Katamnese – Erhebungsbogen im Anhang)
4.5 Statistische Verfahren
Für statistische Vergleiche benutzten wir SPSS (statistical package for the social science).
Zur Anwendung kam neben dem Mann- Whitney- Test auch der Chi²- Test.
37
5. Ergebnisse
5.1 Befunde zum serotonergen System von Alkoholpatienten und Kontrollen
Die
Bestimmung
des
thrombozytären
Serotoningehaltes
und
der
thrombozytären
Serotoninaufnahme erfolgte nach mindestens 7tägiger (für Kontrollpersonen) bzw. 14tägiger (für
Alkoholpatientinnen) Alkohol- und Medikamentenkarenz. Dadurch sollten Einflüsse einer akuten
Alkohol- oder Medikamentenaufnahme auf das thrombozytäre System vermieden werden.
5.1.1
Thrombozytärer Serotoningehalt der gesamten weiblichen Alkoholpatienten und der
Kontrollgruppe
Die Ergebnisse zum thrombozytären Serotoningehalt sind in Abbildung 5.1 dargestellt. Der
Mittelwert des thrombozytären Serotoningehaltes der weiblichen Kontrollen (n = 24, mittleres Alter 44,2
+/- 14,2 Jahre)
wurde mit 0,524 +/- 0,138 µg 5HT/Gpt bestimmt. Für die Frauen der Kontrollgruppe
ließ sich eine inverse Korrelation von Serotoningehalt und Alter verdeutlichen, d.h. junge Frauen
wiesen durchschnittlich einen höheren 5HT- Ausgangsspiegel auf.
Der thrombozytäre Serotoningehalt der Gesamtgruppe der weiblichen Alkoholpatienten (n = 58,
mittleres Alter 46,0 +/- 12,0)
lag zwischen 0,071 und 1,025 µg 5HT/Gpt und besaß einen Mittelwert von
0,392 +/- 0,191 µg 5HT/Gpt. Damit wurde ein signifikant niedrigerer Ausgangsgehalt als für die
Kontrollgruppe ermittelt (p < 0,001 im Mann-Whitney-Test). In Abbildung 5.1 wird andererseits
auch die größere Streubreite innerhalb der Gesamtgruppe der alkoholabhängigen Frauen deutlich.
Ein ähnlicher Zusammenhang zwischen Alter und Serotoningehalt war für die Gruppe der
Alkoholpatientinnen nicht zu beobachten.
38
Abb. 5.1. Thrombozytärer Serotoningehalt bei AlkoholPatientinnen und Kontrollen.
Alk.- Patn. gesamt (n = 58), Kontrollen (n = 24)
Mittelwert
Standardabweichung
1,2
1,1
1
Thrombozytärer 5HT-Gehalt in µg 5HT / Gpt
0,9
0,8
0,7
0,6
0,5
0,4
0,3
0,2
0,1
0
Alk. gesamt
Kontrollen
39
5.1.2 Thrombozytäre Serotoninaufnahme der gesamten weiblichen Alkoholpatienten und der
Kontrollgruppe
Die 5HT- Aufnahmeraten der Alkoholpatientinnen und der Kontrollen wurden nach 5, 10 bzw. 30
minütiger Inkubation mit den Standardzusätzen 1,5 / 1,0 / 0,5 und 0,25 µg 5HT/109 Thr. bestimmt.
Die im folgenden dargestellten Ergebnisse beziehen sich auf die Befunde nach Zusatz von 1,5 µg
5HT/109 Thr. und 30 minütiger Inkubation (A30) und sind in Abbildung 5.2 dargestellt.
Die thrombozytäre Serotoninaufnahme (A30) der Alkoholpatientinnen unterschied sich nicht
signifikant vom Aufnahmeverhalten der Kontrollgruppe. Für die Kontrollpersonen ergab sich ein
Mittelwert von 0,999 +/- 0,190 µg 5HT/Gpt. Die Serotoninaufnahme der Alkoholiker- Gruppe war
0,972 +/- 0,288 µg 5HT/Gpt.
In Abbildung 5.2 erkennt man die nahezu identischen Mittelwerte der thrombozytären 5HTAufnahme der beiden Gruppen. Auch bei der Serotoninaufnahme ergibt sich für die Gesamtgruppe
der Alkoholpatientinnen eine größere Streubreite.
5.1.3 Bindungskonstante KM und Maximalgeschwindigkeit Vmax der gesamten weiblichen
Alkoholpatienten und der Kontrollgruppe
Die Affinitätskonstante KM war in der Gruppe der weiblichen Alkoholikerinnnen signifikant kleiner
als in der Kontrollgruppe, was für eine höhere Affinität des Substrats zum Transporter spricht (p <
0,001).
Die bei der Aufnahme nach Zusatz von 1,5 µg 5HT/109 Thr. nach 5min erzielte
Maximalgeschwindigkeit Vmax erreichte bei den Kontrollpersonen signifikant höhere Werte im
Vergleich zu den weiblichen Alkoholpatienten (p < 0,001).
40
Abb. 5.2. Thrombozytäre Serotoninaufnahme bei AlkoholPatientinnen und Kontrollen.
Alk.- Patn. gesamt (n = 58), Kontrollen (n = 24)
Mittelwert
Standardabweichung
1,8
1,7
1,6
Thrombozytäre 5HT-Aufnahme nach 30 min in µg 5HT / Gpt
1,5
1,4
1,3
1,2
1,1
1
0,9
0,8
0,7
0,6
0,5
0,4
0,3
0,2
0,1
0
Alk. gesamt
Kontrollen
41
Eine Gesamtübersicht der erhobenen Befunde zum serotonergen System von Alkoholpatientinnen
und Kontrollen ist Tabelle 5.1 zu entnehmen.
Tabelle 5.1.
Serotoningehalt und Serotoninaufnahme bei Alkoholpatienten und Kontrollen
Alk.-Patienten
Kontrollen
Signifikanz
5HT- Gehalt [µg 5HT/Gpt]
0,392 +/- 0,191
0,524 +/- 0,138
p < 0,001
5HT- Aufnahme [µg 5HT/Gpt]
0,972 +/- 0,288
0,999 +/- 0,190
n.s.
Km [µmol 5HT/Gpt]
1,575 +/- 1,362
3,232 +/- 1,511
p < 0,001
Vmax [pmol 5HT/10`8 Thr.*min]
83,87 +/- 44,01
127,4 +/- 44,12
p < 0,001
5.1.4
Einteilung der Alkoholpatientinnen in Typ “Eins” und Typ “Zwei”
Ausgehend von den oben dargestellten Ergebnissen wurden mehrere Möglichkeiten geprüft, um
eine Subgruppe serotonindefizienter weiblicher Alkoholpatienten abzugrenzen. Als effektives
Kategorisierungsprinzip erwies sich schließlich das folgende:
Entsprechend den in Tabelle 5.1 sowie den in Abbildung 5.1 und 5.2 dargestellten Befunden wurden
alle Patientinnen, die einen thrombozytären Serotoningehalt besaßen, der kleiner war als der
Mittelwert der Kontrollen (0,524 µg 5HT/Gpt), und deren thrombozytäre Serotoninaufnahme
gleichzeitig größer war als der Mittelwert der Kontrollen (0,999 µg 5HT/Gpt) als serotonindefizient
betrachtet und als Typ “Zwei” den restlichen weiblichen Alkoholikerinnen gegenübergestellt. Der
Typ “Zwei” umfaßte somit 24 Alkoholikerinnen, die restlichen 34 Frauen wurden dem Typ “Eins”
zugeordnet.
In Abbildung 5.3 wird das Vorgehen durch eine Gegenüberstellung von 5HT- Aufnahme und 5HTAusgangsgehalt verdeutlicht: Das Diagramm wird durch die Mittelwerte des Serotoningehaltes und
der Serotoninaufnahme der weiblichen Kontrollgruppe in vier Quadranten aufgeteilt. Nach obiger
Kategorisierung würden sich die als Typ "Zwei" bezeichneten weiblichen Alkoholpatienten im
“oberen linken Quadranten” gruppieren. Bei der Betrachtung des Diagramms ist zu beachten, daß
die beiden Parameter 5HT- Aufnahme und 5HT- Gehalt unabhängige Basisprozesse repräsentieren;
die Darstellung in Abbildung 5.3 also lediglich eine Gegenüberstellung ist.
42
Abb. 5.3. Thrombozytärer Serotoningehalt und -aufnahme bei gruppierten
Alkoholpatientinnen und Kontrollen
Alk. Typ "Eins" (n = 34), Alk. Typ "Zwei" (n = 24), Kontrollen (n = 24)
1,8
1,6
Thromb. Aufnahme in µg 5HT / Gpt
1,4
1,2
1
Alk. Typ "Eins"
0,8
Alk. Typ "Zwei"
0,6
Kontrollen
MW 5HT-Gehalt Kontr.
0,4
MW - SD 5HT-Gehalt
MW 5HT-Aufnahme Kontr.
0,2
MW + SD 5HT-Aufnahme
0
0
0,2
0,4
0,6
0,8
Thromb. Ausgangsspiegel in µg 5HT / Gpt
Linear (MW 5HT-Gehalt
Kontr.)
Linear (MW
1 - SD 5HT-Gehalt) 1,2
Logarithmisch (MW - SD 5HTGehalt)
43
5.1.5 Zuordnung der serotonergen Befunde zu den Alkoholpatientinnen von Typ "Eins" und
Typ "Zwei"
Abbildung 5.4 zeigt den thrombozytären Serotoningehalt der Alkoholpatientinnen von Typ "Eins"
und Typ "Zwei" sowie der Kontrollpersonen.
Der thrombozytäre 5HT- Gehalt der Typ “Zwei”- Subgruppe unterschied sich nicht signifikant von
dem der Typ “Eins”- Alkoholikerinnen (0,327 vs. 0,438 µg 5HT/Gpt). Im Vergleich mit der
Kontrollgruppe (0,524 +/- 0,138 µg 5HT/Gpt) wiesen jedoch sowohl der Typ "Zwei" (p < 0,001) als
auch der Typ "Eins" (p < 0,05) signifikant niedrigere 5HT- Gehalte auf.
Aus der Abbildung wird ersichtlich, daß die Typ "Eins"- Gruppe eine große interindividuelle
Schwankung zeigte. Die Werte für den thrombozytären 5HT- Gehalt reichten von 0,071 bis 1,025
µg 5HT/Gpt. Demgegenüber verteilten sich die Frauen des Typ "Zwei" in einem wesentlich engeren
Bereich unterhalb des von uns als Grenzwert festgelegten Mittelwertes der Kontrollgruppe (0,524
µg 5HT/Gpt). Die Standardabweichung (1S) vom Mittelwert betrug in dieser Gruppe lediglich +/0,097.
Die thrombozytäre Serotoninaufnahme ist als Diagramm in Abbildung 5.5 dargestellt.
Die 5HT- Aufnahme der Typ "Zwei"- Gruppe nach Zusatz von 1,5 Aufnahmeäquivalenten und 30
minütiger Inkubation war mit 1,209 µg 5HT/Gpt signifikant größer als diejenige der Typ “Eins”Patienten (0,805 µg 5HT/Gpt, p < 0,001) und als die 5HT- Aufnahme der Kontrollen (0,999, p <
0,001).
Die Alkoholikerinnen des Typ "Eins" wiesen ihrerseits eine signifikant niedrigere 5HT- Aufnahme
als die Kontrollgruppe auf (p < 0,005).
In der Abbildung ist der Typ "Zwei" als dichter Pulk oberhalb des Mittelwertes der Kontrollgruppe
(0,999 µg 5HT/Gpt) zu erkennen. Die Patientinnen des Typ "Zwei" sind deutlich gegen die Typ
"Eins"- Gruppe abgrenzbar.
Es wird auch ersichtlich, wie sich durch die vorgenommene Einteilung Unterschiede im
Aufnahmeverhalten der beiden Alkoholiker- Typen und der Kontrollgruppe ergeben.
35
Abb. 5.4. Thrombozytärer Serotoningehalt bei gruppierten
Alkoholpatientinnen und Kontrollen.
Alk. Typ "Eins" (n = 35), Alk. Typ "Zwei" (n = 23), Kontrollen (n = 24)
Mittelwert
Standardabweichung
1,2
1,1
1
Thrombozytärer 5HT-Gehalt in µg 5HT / Gpt
0,9
0,8
0,7
0,6
0,5
0,4
0,3
0,2
0,1
0
Typ "Eins"
Typ "Zwei"
Kontrollen
36
Abb. 5.5.
Thrombozytäre Serotoninaufnahme bei gruppierten
Alkoholpatientinnen und Kontrollen.
Alk. Typ "Eins" (n = 35), Alk. Typ "Zwei" (n = 23), Kontrollen (n = 24)
Mittelwert
Standardabweichung
1,8
1,7
1,6
Thrombozytäre 5HT-Aufnahme nach 30min in µg 5HT / Gpt
1,5
1,4
1,3
1,2
1,1
1
0,9
0,8
0,7
0,6
0,5
0,4
0,3
0,2
0,1
0
Typ "Eins"
Typ "Zwei"
Kontrollen
37
In Abbildung 5.6 werden KM und Vmax in Korrelation zueinander betrachtet.
Bei der Betrachtung der Affinitätskonstanten KM von Typ “Eins” und Typ “Zwei” ergeben sich
keine Unterschiede (1,566 bzw. 1,587 µM/l).
Auffällig ist jedoch die signifikant größere Maximalgeschwindigkeit Vmax von Patientinnen des
Typ “Zwei” gegenüber des Typ “Eins” (102,12 vs. 70,18 pmol 5HT/108 Thr. * min, p < 0,005).
Die Verteilung zeigt eine Konzentration der Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen bei Vmax- Werten
zwischen 70 und 100 pmol 5HT/108 Thr.*min und KM- Werten, die kleiner als 1,5 µM 5HT/l sind.
Eine große Anzahl der als Typ "Eins" bezeichneten Alkoholpatientinnen weist ebenfalls KM- Werte
< 1,5 µM 5HT/l auf; allerdings bei gleichzeitig kleineren Vmax- Werten. Es läßt sich somit ein Pulk
von weiblichen Alkoholpatienten des Typ "Eins" und des Typ "Zwei" bei kleiner KM mit
unterschiedlicher Vmax abgrenzen.
Die Personen der Kontrollgruppe verteilen sich mit großer Variabilität außerhalb dieses Pulks. Bei
zumeist hohen Vmax- Werten weisen die Kontrollen eine relativ große Affinitätskonstante KM auf.
Im Lineweaver-Burk-Plot in Abbildung 5.7 werden die Reziprokwerte der Substratkonzentration
und der Aufnahme aufgetragen. Die dadurch entstehende Gerade schneidet die Abszisse bei – 1/KM
und die Ordinate bei 1/Vmax.
Die Abbildung veranschaulicht die nahezu identischen KM- Werte von Typ "Eins" und Typ "Zwei".
Die flacher verlaufende Kurve der Typ "Zwei"- Gruppe resultiert aus der signifikant höheren Vmax.
Der relativ steile Kurvenverlauf der Kontrollgruppe entsteht durch die kleinen Reziprokwerte der
großen Affinitätskonstante KM und der hohen Maximalgeschwindigkeit Vmax.
Eine Zusammenfassung der serotonergen Befunde nach Aufteilung der Gesamtgruppe der
Alkoholikerinnen in Typ “Eins” und Typ “Zwei” ist Tabelle 5.2 zu entnehmen.
Tabelle 5.2.
Serotonerge Befunde der Alkoholpatientinnen von Typ "Eins" und Typ"Zwei"
Typ "Eins"
Typ "Zwei"
Signifikanz
5HT- Gehalt [µg 5HT/Gpt]
0,438 +/- 0,225
0,327 +/- 0,097
n.s.
5HT- Aufnahme [µg 5HT/Gpt]
0,805 +/- 0,237
1,209 +/- 0,160
p < 0,001
Km [µmol 5HT/Gpt]
1,566 +/- 1,344
1,587 +/- 1,387
n.s.
Vmax [pmol 5HT/10`8 Thr.*min]
70,18 +/- 35,75
102,12 +/- 47,25
p < 0,01
38
Abbildung 5.6. Maximalgeschwindigkeit Vmax und Bindungskonstante Km der thrombozytären
Serotoninaufnahme bei Alkoholpatientinnen und Kontrollen
Alk. Typ "Eins" (n = 34), Alk. Typ "Zwei" (n = 24), Kontrollen (n = 16)
250
Vmax in pmol 5HT / 10*8 Thr. * min
200
150
100
Alk. Typ "Eins"
Alk. Typ "Zwei"
50
Kontrollen
0
0
1
2
3
4
5
6
8
7
Km in µmol 5HT / l
34
5.2 Anamnestisch erhobene Befunde der Alkoholpatientinnen
5.2.1 Suchtanamnestische Befunde
Die weiblichen Alkoholikerinnen des Typs "Zwei" waren bei Aufnahme auf die offene Station
für Abhängigkeitserkrankungen der Klinik für Psychiatrie des Klinikums der FriedrichSchiller-Universität Jena mit 42,7 Jahren im Mittel gut 5,5 Jahre jünger als die Frauen der Typ
"Eins"- Gruppe (48,4 Jahre, Unterschied nicht signifikant).
Typ "Zwei"- Alkoholikerinnnen tranken frühzeitiger zum ersten Mal Alkohol (13,7 vs. 15,5
Jahre, Unterschied nicht signifikant). Der Beginn mißbräuchlichen Trinkens konnte für Typ
"Zwei" im Mittel mit 19,5 Jahren angegeben werden und erfolgte damit zu einem früheren
Zeitpunkt als bei Typ "Eins". (circa 22,9 Jahre, Unterschied nicht signifikant). Betrachtet man
den Übergang in die Alkoholabhängigkeit, so ergab sich für Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen
ein mittleres Alter von 28,7 Jahren, für die andere Gruppe von 34,9 Jahren (signifikanter
Unterschied p = 0,005 im Mann- Whitney- Test).
Tendenziell kam es in der Gruppe der Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen auch früher zum ersten
Arztkontakt wegen Alkohols (35,0 vs. 38,9 Jahre) und früher zur ersten suchtspezifischen
Therapie (41,9 vs. 47,3 Jahre; beides nicht signifikant). Frauen, die dem Typ "Zwei"
zugeordnet wurden, waren zur stationären Aufnahme aber trotzdem circa ein halbes Jahr
länger alkoholabhängig (14,0 gegen 13,4 Jahre, Unterschied nicht signifikant).
50% der Typ "Eins"- und 46% der Typ "Zwei"- Alkoholpatientinnen hatten bereits eine oder
mehrere psychiatrische Entgiftungen durchgemacht. Zu einer mehrmonatigen stationären
Entwöhnungsbehandlung waren bereits 14,7% des Typs "Eins" und 12,5% des Typs "Zwei"
erschienen (Unterschied nicht signifikant).
Auch hinsichtlich der maximalen Trinkmenge in Gramm reiner Alkohol pro Tag ergaben sich
keine signifikanten Unterschiede: durchschnittlich 249 g bei Patientinnen des Typs "Eins";
262 g bei Typ "Zwei".
95
Im Münchner Alkoholismustest nach Feuerlein et al. (1977) erreichten alle Patientinnen Werte
über 11 Punkte und konnten somit als “chronische Alkoholiker” bezeichnet werden .
Signifikante Unterschiede ergaben sich weder im Selbst- (MALT - S) noch im
Fremdbewertungsteil (MALT - F) oder in der erreichten Gesamtpunktzahl (MALT gesamt).
Nach der von Jellinek (1960) vorgeschlagenen Alkoholismus- Typologie waren in der Gruppe
des Typs "Eins" 53% der Patientinnen dem Gamma- und 47% dem Delta- Trinktyp
zuzuordnen. Beim Typ "Zwei" betrug das Verhältnis insgesamt 75% Gamma- und 25% DeltaTrinker (Unterschied nicht signifikant).
Gemeinsamkeiten zeigten sich bei der Erfassung der “psychiatrischen Folgestörungen”. Bei
jeweils mehr als der Hälfte der Patientinnen beider Typen war in der Vorgeschichte zumindest
ein geringgradiges Alkoholentzugssyndrom (AES) aufgetreten. Ein Delirium tremens wurde
zusätzlich bei 18% des Typs "Eins" bzw. 17% des Typs "Zwei" diagnostiziert. Das Auftreten
epileptischer Entzugsanfälle wurde bei 29% bzw. 21% der untersuchten Patientinnen von Typ
"Eins" bzw. Typ "Zwei" festgestellt. Über Halluzinationen berichteten jeweils 21% der
weiblichen Alkoholiker. Suizidale Gedanken äußerten mehr als 40% der befragten Frauen.
Knapp zwei Drittel (63%) aller Typ "Zwei"- Patientinnen, aber nur 38% der Personen in der
Gruppe des Typs "Eins" betrieben zusätzlich Medikamentenabusus oder nahmen illegale
Drogen ein. Unter den Frauen des Typs "Zwei" fanden sich ebenfalls mehr Raucher (71% vs.
59%, beides nicht signifikant).
Ferner wurde nach einer möglichen psychiatrischen Komorbidität gesucht. Dabei fiel auf, daß
Typ "Zwei"- Patientinnen signifikant häufiger die Diagnose einer Persönlichkeitsstörung
(ICD-9: 301.x) erhielten (54% vs. 26%, p = 0,032). Während in der Typ "Zwei"- Gruppe die
hysterische Persönlichkeitsstörung (PS) und die PS mit vorwiegend soziopathischer oder
asozialer Manifestation am häufigsten vorlagen, dominierten beim Typ "Eins" die Störungen
mit exzentrischer, passiv- aggressiver, psychoneurotischer oder unreifer Persönlichkeit (ICD9 301.8: sonstige PS).
Bei der Betrachtung der familiären Suchtanamnese ergaben sich signifikante Unterschiede
zwischen den beiden Gruppen insofern, als daß sich beim Typ "Zwei" in 79% der Fälle
96
alkoholkranke Verwandte fanden. Das war bei Typ "Eins" nur zu 53% der Fall. Besonders
auffällig ist der Anteil der Mütter, die nach Angaben der Patientinnen ein Alkoholproblem
aufweisen: 42% der Mütter in der Gruppe “Zwei”, aber nur 9% in der Gruppe “Eins”
(signifikanter Unterschied, p = 0,018).
5.2.2 Soziales Umfeld und alkoholbedingte Folgestörungen
Keine bedeutenden Unterschiede zwischen den beiden Gruppen fanden sich bei den Items
“Schulabschluß” und “Berufsausbildung”.
Jeweils mehr als 80% der untersuchten Frauen hatten einen 8- oder 10- Klassen- Abschluß,
wobei mehr Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen die 10. Klasse beendeten, während Frauen der Typ
"Eins"- Gruppe die Schule zumeist nach der 8. Klasse abschlossen.
Die Mehrzahl der Patientinnen absolvierte anschließend eine Lehre (65% des Typs "Eins";
54% des Typs "Zwei"). Die Differenz zwischen den beiden Typen erklärt sich aus der
größeren Anzahl weiblicher Typ "Zwei"- Alkoholpatienten, die an einer Hochschule
studierten.
Auffällig war, daß mit knapp 39% wesentlich mehr Frauen der Typ "Eins"- Gruppe Rente
erhielten (nur 13% bei Typ "Zwei"). Unter den Patientinnen des Typs "Zwei" fanden sich
hingegen mehr erwerbsfähige Personen, die jedoch mehrheitlich ohne festes Arbeitsverhältnis
waren.
Bezüglich der Partnersituation ergab sich ebenfalls kein signifikanter Unterschied. Zu
erwähnen ist, daß unter den mit einem Partner zusammenlebenden Patientinnen fast ¾ der
Typ "Eins"- Alkoholiker verheiratet waren. Dagegen lebten ¾ der nicht- alleinstehenden
Frauen des Typs "Zwei" mit einem nicht- ehelichen Partner zusammen.
Die männlichen Partner der Alkoholpatientinnen beider Gruppen hatten zu einem großen Teil
ebenfalls Probleme im Umgang mit Alkohol. Frauen vom Typ "Eins" berichteten in 62% der
Fälle vom mißbräuchlichen Trinken ihrer Partner, während dies nur die Hälfte des Typs
"Zwei" tat (Unterschied nicht signifikant).
Zur Beurteilung der sozialen Beeinträchtigung wurden verschiedene Fragen zum Privat- und
Arbeitsleben gestellt, wobei sich ebenfalls große Übereinstimmungen zwischen den beiden
Gruppen ergaben. Zu über 80% war es in der Familie der Patientinnen zu
97
Auseinandersetzungen und Streit wegen des Alkoholkonsums gekommen. Über Konflikte mit
dem Arbeitgeber berichteten jeweils mehr als 70% der befragten Personen. Die Hälfte aller
Alkoholikerinnen gab Fehlzeiten am Arbeitsplatz zu. Zumindest in Ansätzen dissoziales
Verhalten bzw. Verwahrlosung war bei mehr als 40% der untersuchten Frauen festzustellen.
Ein Drittel der Typ "Zwei"- und 18% der Typ "Eins"- Alkoholikerinnen gaben finanzielle
Probleme und Schulden an. Über Verkehrsdelikte, wie Fahren unter Alkoholeinfluß und
Führerscheinentzug, berichteten 13% der alkoholabhängigen Frauen des Typs "Zwei" und 9%
des Typs "Eins". In der Typ "Zwei"- Gruppe benötigten 13% einen Betreuer, aber nur 3% des
Typs "Eins" (insgesamt keine signifikanten Unterschiede).
Zusammenfassend kann man für den Typ "Zwei" eine frühere Manifestation der
Alkoholabhängigkeit, häufigere Persönlichkeitsstörungen und eine stärker ausgeprägte
familiäre Suchtanamnese konstatieren. Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen sind häufiger dem
Gamma- Trinkstil zuzuordnen, und es kommt in einem größeren Prozentsatz zu begleitendem
Medikamenten- und Nikotinmißbrauch. Alkoholbedingte
körperliche oder soziale
Beeinträchtigungen sind jedoch für Patientinnen des Typs "Zwei" nicht in größerem Ausmaß
nachweisbar. Signifikante Unterschiede der Behandlungsdauer waren für die beiden Gruppen
nicht zu erheben.
Tabelle 5.3 gibt eine Zusammenfassung der anamnestisch erhobenen Befunde von Typ "Eins"
und Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen.
Tabelle 5.3. Zusammenfassung der anamnestisch erhobenen Befunde.
Merkmal
Typ "Eins"
Typ "Zwei"
Anzahl [n]
34
24
in Jahren
48,4 +/- 12,0
15,5 +/- 3,3
22,9 +/- 7,5
34,9 +/- 8,6
38,9 +/- 8,5
Typ "Eins"
47,3 +/- 11,9
13,4 +/- 6,9
in Jahren
42,7 +/- 11,3
13,7 +/- 4,0
19,5 +/- 3,7
28,7 +/- 6,9
35,0 +/- 10,9
Typ "Zwei"
41,9 +/- 11,4
14,0 +/- 8,7
n.s
n.s
n.s
p = 0,005
n.s
Signifikanz - Test
n.s
n.s
50%
46%
n.s
Alter bei Aufnahme
Erster Alkoholkonsum (Alter)
Beginn des Alkoholmißbrauches (Alter)
Manifestation der Alkoholabhängigkeit (Alter)
Erster Arztkontakt wegen Alkohols (Alter)
Merkmal
Erste suchtspezifische Therapie (Alter)
Dauer der Abhängigkeit bis heute
Entgiftung in der Vorgeschichte
Signifikanz - Test
Mann-Whitney-Test
bzw.
Chi² - Test
98
Entwöhnungstherapie in der Vorgeschichte
15%
13%
n.s
maximale Trinkmenge [g reiner Alkohol / d]
249 +/- 121
262 +/- 112
n.s
53%
47%
75%
25%
n.s
15,5 +/- 4,7
16,0 +/- 5,0
30,0 +/- 8,6
15,5 +/- 5,1
17,4 +/- 4,1
32,1 +/- 8,2
n.s
n.s
n.s
zusätzlicher Medikamenten- oder Drogenabusus
begleitender Nikotinmißbrauch
38%
59%
63%
71%
n.s
n.s
Psychiatrische Co-Morbidität
Persönlichkeitsstörung 301.x
Anpassungsstörung 309.x
Wahrnehmungs- / Persönlichkeitsveränderung 310.x
26%
41%
32%
54%
46%
42%
p = 0,032
n.s
n.s
positiv
Vater positiv
Mutter positiv
Großeltern positiv
beide Eltern positiv
53%
38%
9%
12%
9%
79%
63%
42%
13%
29%
p = 0,018
unter 8.Klasse
8. Klasse
10.Klasse
Abitur
3%
53%
35%
9%
8,5%
33%
50%
8,5%
n.s
kein Abschluß
Lehre
Facharbeiter
Fach- oder Hochschule
15%
64,5%
17,5%
3%
17%
54%
17%
12%
n.s
arbeitslos
voll beschäftigt
noch schulpflichtig
Alters - Rente
EU - Rente
38%
23,5%
23,5%
15%
58%
25%
4,5%
8%
4,5%
n.s
26%
6%
12%
Typ "Eins"
41%
15%
25%
12,5%
17%
Typ "Zwei"
12,5%
33%
n.s
Alkoholismus- Typen nach Jellinek:
Gamma
Delta
Münchener Alkoholismus-Test [Punkte]
MALT - S
MALT - F
MALT - gesamt
Familiäre Suchtanamnese
Schule
Ausbildung
derzeitige Berufssituation
Partnersituation
allein lebend
bei Eltern
nur mit Kind
Merkmal
mit Ehemann
mit Partner
Signifikanz - Test
Partner mit Alkoholproblem
99
ja
nein
kein Partner
62%
15%
23%
50%
17%
33%
n.s
ja
nein
44%
56%
46%
54%
n.s
geringgradiges AES
Prädelir
Delirium tremens
Entzugsanfälle
Halluzinationen
Suizidalität
53%
12%
18%
29%
21%
41%
54%
8%
17%
21%
21%
50%
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
Betreuung
familiäre Konflikte
Fehlen bei Arbeit
Arbeitsplatzkonflikte
Dissozialität / Verwahrlosung
Schulden
Delikte im Straßenverkehr
Beleidigung
Diebstahl
Sachbeschädigung / Hausfriedensbruch
Kindesentziehung
Körperverletzung
Brandstiftung
3%
82%
53%
71%
41%
18%
9%
3%
3%
3%
13%
92%
50%
75%
46%
33%
13%
4%
4%
4%
4%
n.s.
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
n.s
9%
32%
26%
33%
21%
8%
46%
25%
n.s
Kinder im Haushalt
Psychiatrische Folgestörungen
Psychosoziale Beeinträchtigungen
Behandlungsdauer
unter 2 Wochen
2 bis 4 Wochen
4 bis 6 Wochen
über 6 Wochen
5.3 Katamnestische Befunde der Alkoholpatientinnen
5.3.1 Erreichte Patientinnen und Rücklaufquote
100
Die 34 katamnestisch untersuchten Patientinnen teilen sich in 22 Alkoholikerinnen des Typs
“Eins” und 12 des Typs “Zwei” auf.
In der Gruppe der Typ “Eins”- Patientinnen antworteten 10 Personen (45%) auf unser
Anschreiben und sendeten den ausgefüllten Fragebogen an uns zurück. Von weiteren 6 Frauen
(27%) konnten über einen Hausbesuch Informationen gesammelt werden. Fünf Personen
(23%) entzogen sich unserer Katamnese, eine Patientin war bereits verstorben (5%).
Von den 12 Frauen der Typ “Zwei”- Gruppe schickten acht (67%) den Fragebogen
beantwortet zurück. Ein weiterer Datenerfassungsbogen wurde bei einem Hausbesuch
ausgefüllt (8%). Während von einer Person keine katamnestischen Daten zu erhalten waren,
waren zwei weitere Frauen (17%) innerhalb des Katamnesezeitraumes bereits verstorben.
Tabelle 5.4
Anzahl der erreichten Patientinnen von Typ "Eins" und Typ "Zwei".
MERKMAL
Anzahl [n]
Antwort auf Anschreiben [n]
Antwort bei Hausbesuch [n]
keine Antwort [n]
verstorben [n]
TYP "EINS"
22
10 (45%)
6 (27%)
5 (23%)
1 (5%)
TYP "ZWEI"
12
8 (67%)
1 (8%)
1 (8%)
2 (17%)
Es konnten somit 25 der 34 verschickten Fragebögen ausgewertet werden. Das entspricht
einer Rücklaufquote von 73,5%.
Aufgrund des kleinen Stichprobenumfangs wurde auf eine Signifikanzprüfung verzichtet.
5.3.2 Suchtanamnestische Befunde der Katamnesegruppe
Die suchtanamnestisch gewonnen Merkmale der Katamnesegruppe sind – aufgeteilt für Typ
“Eins” und “Zwei” – aus Tabelle 5.5 zu entnehmen. Sie decken sich in den wesentlichen
Punkten mit den Befunden für die Gesamtstichprobe von 58 Frauen.
Tabelle 5.5
Merkmal
Anzahl [n]
Suchtanamnestische Merkmale der Katamnese- Patientinnen.
Typ „Eins"
22
Typ „Zwei"
12
101
Alter bei stationärer Therapie [in Jahren]
Alter bei Manifestation der Abhängigkeit
[in Jahren]
Merkmale
50,0 +/-12,5
44,8 +/- 7,9
37,4 +/- 8,9
30,8 +/- 7,7
Typ „Eins"
Typ „Zwei"
Familiäre Suchtanamnese
12 (55%)
8 (36%)
2 (9%)
10 (83%)
8 (67%)
4 (33%)
6 (27%)
9 (75%)
9 (41%)
10 (45%)
3 (14%)
8 (67%)
1 (8%)
3 (25%)
arbeitslos
vollbeschäftigt
EU - Rentnerin
Altersrentnerin
9 (41%)
3 (14%)
4 (18%)
6 (27%)
8 (67%)
3 (25%)
1 (8%)
unter 2 Wochen
2 bis 4 Wochen
4 bis 6 Wochen
6 bis 8 Wochen
über 8 Wochen
2 (9%)
8 (36,5%)
6 (27,5%)
2 (9%)
4 (18%)
2 (17%)
7 (58%)
1 (8%)
2 (17%)
positiv
Vater
Mutter
Begleitender Medikamenten-Abusus
Partnersituation vor Therapiebeginn
ohne festen Partner
Ehemann
Lebensgefährte
Berufliche Situation
Behandlungsdauer
5.3.3 Katamnesedaten
Die Mehrzahl der ehemaligen Patientinnen lebte im Katamnesezeitraum nach eigenen
Angaben in einer Mietswohnung. Jeweils etwa die Hälfte berichtete über einen festen Partner,
während der andere Teil überwiegend allein lebte. Bis auf eine Ausnahme (Fahren unter
Alkohol) geriet keine der Frauen mit dem Gesetz in Konflikt.
56% der Typ “Eins”- Alkoholiker erhielten Rente, während es nur 11% in der Typ “Zwei”Gruppe waren. In der Gruppe der Typ “Zwei”- Patientinnen bestritten 33% ihren
Lebensunterhalt
mit
dem
aus
Erwerbstätigkeit
erzielten
Gehalt
und
44%
über
Arbeitslosengeld bzw. Arbeitslosenhilfe.
102
Während 44% der Typ “Eins”- Patientinnen Angaben über eine oder mehrere alkoholbedingte
Behandlungen im Katamnesezeitraum machten, verneinten über drei Viertel des Typs “Zwei”
eine solche Therapie.
Typ “Zwei”- Alkoholikerinnen befanden sich nach eigener Aussage insgesamt seltener in
ambulanter
Weiterbetreuung.
Beim
Vergleich
der
gesundheitlichen
Folgen
des
Alkoholkonsums nach und vor der Entzugsbehandlung schätzten sich Typ “Zwei”Alkoholiker durchschnittlich besser ein als Personen des Typs “Eins”.
Wichtig erscheint, daß mit 44% mehr Frauen des Typs “Zwei” zu einer stationären
Entwöhnungsbehandlung (Langzeit- Rehabilitation) motiviert werden konnten (Unterschied
nicht signifikant).
Typ “Eins”- Alkoholikerinnen berichteten für den Katamnesezeitraum (im Gegensatz zur Zeit
vor der qualifizierten Entzugsbedhandlung) häufiger als Typ “Zwei”- Patientinnen über
zusätzlichen
Medikamentengebrauch. Unter den suchterzeugenden Substanzen wurden
bevorzugt Hypnotika/Sedativa, Benzodiazepine, Opiate und andere Nichtopioid- Analgetika
konsumiert. Illegale Drogen spielten hingegen keine Rolle. Die Hälfte der Typ “Eins”Patientinnen nahm im Katamnese- Zeitraum außerdem weitere, nicht- suchterzeugende
Medikamente ein. Jeweils etwa 50% beider Gruppen gaben an, täglich bis zu 20 Zigaretten zu
rauchen.
Waren es in der Typ “Zwei”- Gruppe lediglich 17%, so fühlten sich 46% des Typ “Eins”
durch körperliche Krankheiten merklich oder sogar erheblich in ihrer Lebensführung
beeinträchtigt. Auch ihren seelischen Gesundheitszustand bewerteten mehr Typ “Eins”Frauen mit einer schlechteren Note als Patientinnen des Typs “Zwei”. Trotzdem ist die Hälfte
der Frauen des Typs “Eins” mit ihrem Leben zufrieden und bewertet diese Frage mit Note 1
oder 2 (44% der Typ “Zwei”- Personen).
Zum Trinkverhalten nach der stationären Behandlung wurden vier Fragen gestellt.
53% der Typ “Eins”- und 56% der Typ “Zwei”- Patientinnen gaben an, seit der Behandlung
abstinent zu sein. Über mehrere kurze Rückfälle berichteten 20% bzw. 33%, über quasi
durchgängiges Trinken 13% bzw. 11% der Patientinnen.
Auf die Frage, ob sie momentan trocken sein, antworten 47% der befragten Personen des Typs
“Eins” , aber 63% der Typ “Zwei”- Frauen mit: “ja, seit der stationären Behandlung”. Seit
103
mindestens 1 Jahr wollten 7% (13% des Typs “Zwei”), seit mindestens 4 Wochen nochmals
13% der Patientinnen des Typs “Eins” keinen Alkohol getrunken haben.
Beim Vergleich des Trinkverhaltens nach der Therapie mit der Zeit davor gaben 56% bzw.
67% der Alkoholikerinnen vom Typ “Eins” bzw. Typ “Zwei” an, jetzt keinen Alkohol mehr
zu trinken. 38% respektive 22% schätzten sich als “heute- weniger- trinkend” ein.
Außerdem wurde gefragt, wann die ehemaligen Patientinnen nach der Behandlung ihren
ersten Schluck Alkohol getrunken haben. Hierbei berichteten 50% der Typ “Eins”Alkoholiker und sogar 56% des Typs “Zwei”, über den gesamten Katamnesezeitraum hinweg
keinen Alkohol konsumiert zu haben.
Personen, die dem Typ “Eins” zugeordnet wurden, schienen, falls sie denn erneut Alkohol
getrunken hatten, später als Typ “Zwei”- Patienten einen Rückfall erlitten zu haben. Während
Patienten des Typs "Zwei" sofort nach Beendigung oder innerhalb des ersten Monats nach der
Therapie rückfällig wurden, tranken ¾ der rückfälligen Frauen des Typs "Eins" erst später
wieder Alkohol (frühestens ab dem 2. Monat).
Stellt man die Aussagen und Selbsteinschätzungen zum Trinkverhalten der einzelnen
Personen gegenüber, ergeben sich teilweise widersprüchliche Angaben. Geht man vom
jeweils schlechtesten Ergebnis aus, kommt man in beiden Gruppen auf Abstinenzquoten von
circa 50%.
Um jedoch aussagekräftige und realistische Einschätzungen des Trinkverhaltens zu erhalten,
wurde versucht, die Antworten der ehemaligen Patientinnen durch Akteneinträge und
Aussagen von zuverlässigen Dritten (Ärzte, Verwandte, Bekannte) zu prüfen.
Unter Berücksichtigung dieser fremdanamnestischen Angaben, mußte die Abstinenzquote auf
27% für Typ “Eins” bzw. 33% für Typ “Zwei” korrigiert werden.
Eine Übersicht der katamnestischen Daten enthält Tabelle 5.6.
Tabelle 5.6.
Zusammenfassung der katamnestischen Daten.
Typ "Eins"
Typ "Zwei"
Frage 1: Partner
8 (50%)
8 (50%)
allein
fester Partner
5 (56%)
4 (44%)
Frage 2: Lebensunterhalt
1 (6%)
Gehalt
3 (33%)
104
4 (25%)
9 (57%)
2 (12%)
Typ "Eins"
arbeitslos
Rente
sonstiges
4 (44%)
1 (11%)
1 (11%)
Typ "Zwei"
Frage 3: Unterkunft
12 (75%)
2 (13%)
1 (6%)
zur Miete
Altenheim
WH für Abhängige
9 (100%)
-
Frage 4: Lebenszufriedenheit
5 (31%)
3 (19%)
5 (31%)
3 (19%)
Note 1
Note 2
Note 3
Note 4
1 (11%)
3 (33%)
3 (33%)
2 (22%)
Frage 5: Gesetzeskonflikte
15 (94%)
1 (6%)
keine
Fahren unter Alk.
9 (100%)
-
Frage 6: ambulante
Weiterbetreuung z. Zt.
2 (13%)
11 (69%)
4 (25%)
1 (6%)
3 (19%)
keine
Hausarzt
SBS
SHG
Betreuer
3 (33%)
4 (44%)
3 (33%)
1 (11%)
1 (11%)
Frage 7/8: Langzeit-Reha
11 (69%)
5 (31%)
nein
ja
5 (56%)
4 (44%)
Frage 9: rückfall-bedingte
Behandlungen
8 (44%)
2 (11%)
3 (17%)
2 (11%)
keine
ambulant
Entgiftung
mehrwöchige Therapie
7 (78%)
1 (11%)
-
Frage 10: Trinkverhalten
8 (53%)
3 (21%)
2 (13%)
2 (13%)
seitdem abstinent
kurze Rückfälle
längere Rückfälle
durchgängiges Trinken
5 (56%)
3 (33%)
1 (11%)
Frage 11: Vgl. mit Zeit
vor der Therapie
9 (56%)
6 (38%)
1 (6%)
jetzt kein Alk. mehr
jetzt weniger
jetzt mehr
6 (67%)
2 (22%)
1 (11%)
Frage 12: momentan trocken ?
5 (33%)
2 (13%)
1 (7%)
7 (47%)
nein
ja, seit 4 Wochen
ja, seit min. 1 Jahr
ja, seit Therapie
2 (25%)
1 (13%)
5 (63%)
Frage 13: Rückfallzeitpunkt
8 (50%)
2 (13%)
4 (25%)
2 (13%)
Frage 14: Medikamente
4 (25%)
1 (6%)
2 (12%)
jetzt kein Alk. mehr
sofort nach Therapieende
innerhalb des 1. Monats
innerhalb von 6 Monaten
später
Hypnotika / Sedativa
Analgetika
Benzodiazepine
5 (56%)
1 (11%)
3 (33%)
-
1 (11%)
2 (22%)
105
1 (6%)
8 (50%)
Opiate
andere Medikamente
Typ "Eins"
2 (22%)
Typ "Zwei"
Frage 15: Nikotinkonsum
9 (56%)
Raucher
6 (67%)
Frage 16: Körperlicher
Zustand
4 (31%)
3 (23%)
4 (31%)
2 (15%)
keine Beschwerden
geringfügig beeinträchtigt
merklich beeinträchtigt
erheblich beeinträchtigt
4 (66%)
1 (17%)
1 (17%)
Frage 17: Epileptischer Anfall
13 (87%)
nein
8 (89%)
Frage 18: gesundheitliche
Folgen
7 (41%)
3 (18%)
4 (23%)
3 (18%)
keine, da kein Alk. mehr
geringere Folgen
unverändert
schwerere Folgen
6 (67%)
1 (11%)
2 (22%)
-
Frage 19: soziale Folgen
8 (53%)
5 (33%)
2 (13%)
keine, da kein Alk. mehr
geringere Folgen
unverändert
schwerere Folgen
7 (78%)
2 (22%)
-
Frage 20: seelische
Zufriedenheit
1 (7%)
4 (27%)
5 (32%)
4 (27%)
1 (7%)
Note 1
Note 2
Note 3
Note 4
Note 5
2 (22%)
3 (33%)
3 (33%)
1 (11%)
Frage 21: Suizidversuch
14 (88%)
2 (12%)
nein
ja
9 (100%)
-
5.3.4 Auswertung nach den Dokumentationsstandards 2 der Deutschen Gesellschaft
für Suchtforschung und Suchttherapie (DGSS)
Die 25 beantworteten Fragebögen wurden nach Modifikation der Dokumentationsstandards2
der DGSS ausgewertet. Die Kriterien “Umgang mit der Sucht”, “gesundheitlicher Zustand”,
“soziale und berufliche Integration”, “Lebenszufriedenheit” und “Legalverhalten” wurden
106
gesondert für jede Patientin mit “+ +”,
“ + ”,
“ - ” oder “ - - ” bewertet. Reichten die
gemachten Angaben nicht für eine Einstufung aus, wurde eine “ 0 ” vermerkt.
In Tabelle 5.7 findet sich ein Vergleich der Ergebnisse für Typ “Eins” und Typ “Zwei”.
Tabelle 5.7.
Auswertung nach den Dokumentationsstandards 2 der DGSS.
(Angaben in Prozent)
Bewertung
++
+
-0
Sucht
Typ 1
37,5
12,5
25,0
25,0
-
Typ 2
44,4
22,2
11,1
22,2
-
Gesundheit
Typ 1
13,0
25,0
31,0
25,0
6,0
Typ 2
22,2
55,6
22,2
-
Soziale & berufl.
Lebens-
Legal-
Integration
zufriedenheit
verhalten
Typ 1
25,0
50,0
18,8
6,2
-
Typ 2
33,3
44,4
11,1
11,1
-
Typ 1
37,5
25,0
18,8
12,5
6,2
Typ 2
55,6
22,2
11,1
11,1
-
Typ 1
100
-
Typ 2
100
-
Typ “Zwei”- Patientinnen wurden im Punkt “Umgang mit der Sucht” insgesamt besser
bewertet als Frauen der Typ “Eins”- Gruppe: 2/3, andererseits aber nur die Hälfte erhielt die
Einschätzung “ + + ” oder “ + ”.
Auch bei der Beurteilung des gesundheitlichen Zustandes und der Lebenszufriedenheit schnitt
die Typ “Zwei”- Gruppe besser ab.
Legt man die Antworten der Patientinnen zugrunde, sind jeweils rund 75% der beiden Typen
gut bis sehr gut in ihr soziales und berufliches Umfeld integriert.
Nach eigenen Angaben geriet keine der befragten Personen mit dem Gesetz in Konflikt, so
daß das Legalverhalten durchweg als sehr positiv zu betrachten ist.
5.3.5 Abstinenz- und Therapieerfolgsquoten
Der Berechnung der Therapieerfolgsquoten liegt die Bewertung des Dokumentationsstandards
“Umgang mit der Sucht” zugrunde. Alle Patientinnen, die in der DGSS- Kategorie “Umgang
mit der Sucht” mit “ ++ ” oder “ + ” bewertet wurden, gingen als Personen mit positivem
Therapieerfolg (Erfolgreiche) in die Berechnung ein.
Die Therapieerfolgsquote kann als Verhältnis der Anzahl der Erfolgreichen zur Anzahl der
Antworter berechnet werden. Sie beträgt bei dieser Berechnung für Typ “Eins” 50% und für
Typ “Zwei” 67%.
107
Betrachtet man die Frauen, die nicht auf unseren Fragebogen antworteten, als rückfällig und
teilt die Anzahl der Frauen mit erfolgreicher Therapie durch die gesamte Stichprobe, so erhält
man für die Gruppe der Typ “Eins”- Alkoholikerinnen eine Therapieerfolgsquote von 36%,
für die Typ “Zwei”- Gruppe von 50%.
Wie auch in der Literatur üblich wurde aus den beiden Prozentzahlen ein Mittelwert
berechnet.
Für
Patientinnen
des
Typs
“Eins”
ergibt
sich
somit
eine
mittlere
Therapieerfolgsquote von 43%, für Frauen des Typs “Zwei” von 58,5%.
Aus Tabelle 5.8 ist die Berechnung der Therapieerfolgsquoten, aufgeteilt für Typ “Eins” und
Typ “Zwei”, ersichtlich.
Tabelle 5.8. Berechnung der Therapie- Erfolgsquoten für die KatamnesePatientinnen.
Alk.-Patn. gesamt
a.
b.
c.
Erreichte Erfolgreiche
14
Stichprobe
34
Erreichte Erfolgreiche
14
Antworter
25
Erreichte Erfolgreiche
14
Antworter und Verstorbene
28
(a+b) / 2
d.
41 %
Typ "Eins"
8
36 %
22
56 %
8
8
6
50 %
12
50 %
16
50 %
Typ "Zwei"
6
67 %
9
47 %
17
6
55 %
11
48,5 %
43,0 %
58,5 %
45,5 %
41,5 %
52,5 %
Mittelwert Erfolgsquote
(a+c) / 2
6. Diskussion
6.1 Betrachtungen zum serotonergen System bei weiblichen Alkoholpatienten
Bei der Diskussion der Erkenntnisse aus der Literatur ist generell darauf hinzuweisen, daß die
Studien und ihre Ergebnisse aufgrund der verschiedenen Untersuchungsmethodik und der
108
Heterogenität der beobachteten Populationen lediglich eingeschränkt vergleichbar sind. Diese
Folgerung durchzieht die gesamte relevante Literatur (Guicheney 1988, Bailly et al., 1991).
Unsere Kontrollgruppe wies einen durchschnittlichen thrombozytären Serotoningehalt von
0,524 +/- 0,138 µg 5HT/Gpt auf. Ähnliche Ergebnisse sind in der Literatur zu finden:
Als Mittelwert des thrombozytären Serotoningehaltes gaben Bailly und Mitarbeiter in einer
ersten Untersuchung an 26 männlichen und weiblichen Kontrollpersonen 0,521 +/- 0,191 µg
5HT/Gpt, in einer weiteren Studie für 32 Personen einer gemischtgeschlechtlichen
Kontrollgruppe 0,475 +/- 0,217 µg 5HT/Gpt (Bailly et al., 1990, 1993) und Guicheney für 88
gesunde Kontrollpersonen beiden Geschlechts 0,64 +/- 0,163 µg 5HT/Gpt an (Guicheney,
1988). Ähnliche Ergebnisse lieferte auch die Studie von Schmidt et al. (1997) an 40
männlichen und 16 weiblichen Kontrollpersonen (0,518 +/- 0,318 µg 5HT/Gpt).
Die für gemischtgeschlechtliche Popualtionen bestimmten thrombozytären 5HT- Spiegel sind
mit den Werten unserer rein weiblichen Kontrollgruppe vergleichbar, weil weder Bailly,
Guicheney noch andere Untersuchungen signifikante geschlechtsbezogene Unterschiede
bezüglich des 5HT- Gehaltes nachweisen konnten.
In Übereinstimmung mit den Erkenntnissen anderer Studien zeigte sich eine inverse
Korrelation des Alters mit dem thrombozytären Serotoningehalt: junges Alter bei Personen
der Kontrollgruppe war mit einem hohen 5HT- Gehalt assoziiert.
Wie in der vorliegenden Untersuchung fanden sich auch in der Literatur keine signifikanten
Zusammenhänge zwischen Alter und Geschlecht der Alkoholpatienten sowie dem 5HTGehalt der Thrombozyten (Bailly et al., 1991).
Der für die Gesamtgruppe der Alkoholpatientinnen ermittelte thrombozytäre 5HT- Gehalt ist
mit einem Wert von 0,392 +/- 0,191 µg 5HT/Gpt mit den Angaben anderer Untersucher zu
vergleichen:
Bailly bestimmt als Mittelwert für 14 alkoholabhängige Personen nach 14tägiger Abstinenz
0,321 +/- 0,174 µg 5HT/Gpt (Bailly et al., 1990). In einer zweiten Untersuchung an 35
weiblichen und 73 männlichen Alkoholikern berichtet er von einem thrombozytären 5HTGehalt von 0,328 +/- 0,174 µg 5HT/Gpt (Bailly et al., 1993). Damit besaßen die
Alkoholpatientinnen sowohl in der eigenen Untersuchung als auch in den beiden genannten
Studien einen signifikant geringeren 5HT- Gehalt als die Kontrollgruppen.
109
An einer Gruppe von 60 männlichen und 23 weiblichen Alkoholikern bestimten Schmidt und
Mitarbeiter am Tag der stationären Aufnahme einen thrombozytären 5HT- Gehalt von 0,367
+/- 0,475 µg 5HT/Gpt, welcher somit signifikant niedriger war als derjenige der
Kontrollgruppe. Nach 8tägiger Abstinenz unterschieden sich die Mittelwerte der Alkoholikerund der Kontrollgruppe allerdings nicht mehr (Schmidt et al., 1997).
Die thrombozytäre Serotoninaufnahme nach 30min der Gesamtgruppe unserer weiblichen
Alkoholpatienten unterschied sich nicht vom Verhalten der Kontrollgruppe (0,972 +/- 0,288
vs. 0,999 +/- 0,190 µg 5HT/Gpt, nicht signifikant). Dieses Ergebnis steht somit im
Widerspruch zu den Befunden von Neimann, Boismare und Daoust, die über eine erhöhte
thrombozytäre 5HT- Aufnahme von Alkoholpatienten berichten (Neiman et al., 1987,
Boismare et al., 1987, Daoust et al., 1991). Andere Studien hingegen berichten sogar über eine
verminderte Aufnahme von Serotonin durch Blutplättchen (Kent et al., 1985).
Bolle & Reuter untersuchten auf methodisch gleiche Art wie in dieser Dissertation die
thrombozytäre
Serotoninaufnahme
und
Serotoninspeicherung
bei
alkoholabhängigen
Männern. Dazu unterteilten sie die Patienten aufgrund klinischer Merkmale in Typ I- und Typ
II- Alkoholiker nach Cloninger. Bei Typ II- Alkoholikern konnten die beiden Autoren eine
signifikant höhere thrombozytäre Serotoninaufnahme als bei Typ I- Alkoholikern und
Kontrollen feststellen (Bolle & Reuter, Dissertation, 2000).
Nach dem in dieser Arbeit analog vorgenommenen, aber vom biochemischen Befund
abgeleiteten Einteilungsprinzip weisen die Typ “Zwei”- Alkoholikerinnen eine größere
Serotoninaufnahme (1,209 +/- 0,16 µg 5HT/Gpt) als die Patientinnen des Typs “Eins” (0,805
+/- 0,237 µg 5HT/Gpt, p < 0,001) und als die Kontrollpersonen (0,999 +/- 0,190 µg 5HT/Gpt,
p < 0,001) auf. Die hohe thrombozytäre Serotoninaufnahme des Typs "Zwei" ist mit einem
geringen Anteil an freiem 5HT gleichzusetzen, das z.B. an Rezeptoren im ZNS verfügbar
wäre. Weil außerdem auch ein niedriger Serotoninausgangsgehalt besteht, ist bei der
Patientengruppe des Typs "Zwei" ein Serotoninmangel anzunehmen.
Analog zu Bolle & Reuter wurden anschließend die Bindungskonstante KM und die
Maximalgeschwindigkeit Vmax bestimmt. Die Parameter Vmax und KM stammen aus der
Enzymkinetik und charakterisieren die thrombozytäre Serotoninaufnahme. Vmax ist dabei die
110
maximale Aufnahmegeschwindigkeit des Serotonintransporters, welche bei maximaler
Substratkonzentration von einer definierten Thrombozytenzahl pro Zeiteinheit erreicht wird.
KM ist die Substratkonzentration, bei der die Aufnahmegeschwindigkeit halbmaximal ist. Ein
hoher KM- Wert bedeutet eine geringe Affinität des Substrats zum Transporter. Beide
Parameter wurden mittels des Lineweaver-Burk-Plots bestimmt.
Bei annähernd gleicher Vmax fanden Bolle & Reuter in ihrer Gruppe männlicher
Alkoholpatienten eine signifikant kleinere KM bei Patienten des Typ II gegenüber Typ IAlkoholikern und Kontrollen.
KM und Vmax stellten sich bei unseren weiblichen Patienten anders dar. Die Kontrollgruppe
wies im Gegensatz zu den beiden Gruppen der Alkoholpatientinnen eine größere KM (kleinere
Affinität) und eine größere Vmax auf. Bei den Frauen des Typs "Eins" und des Typs "Zwei"
ließ sich eine nahezu identische Bindungskonstante KM bestimmen (1,566 +/- 1,344 vs. 1,587
+/- 1,387 µmol 5HT/Gpt). Dafür zeigten Typ "Zwei"- Patientinnen im Verhältnis zu Personen
des Typs "Eins" eine signifikant größere Maximalgeschwindigkeit Vmax (102,12 +/- 47,25
vs. 70,18 +/- 35,75 pmol 5HT/108 Thr.*min, p < 0,01).
Indem man das Verhältnis von KM und Vmax zueinander betrachtet, läßt sich die höhere 5HTAufnahme der Alkoholikerinnen des Typs "Zwei" verstehen: Aufgrund der im Vergleich zu
den Kontrollen kleineren Bindungskonstante der Typ "Zwei"- Patientinnen, die für eine
größere Affinität des Transporters zu 5HT steht, ist selbst bei einer signifikant geringeren
Maximalgeschwindigkeit eine insgesamt größere thrombozytäre Serotonin- Aufnahme zu
erreichen. Bei Frauen des Typs "Eins" hingegen reicht die geringere Vmax nicht aus, um bei
nahezu identischer KM wie Typ "Zwei" eine ähnliche hohe Serotoninaufnahme zu erzielen.
Wie bereits im Abschnitt “Problemorientierte Literaturübersicht” dargestellt, beschreiben
verschiedene Studien für Alkoholpatienten andere Veränderungen der Parameter Vmax und
KM. Eine Übersicht der Literatur und einen Vergleich mit den eigenen Ergebnissen ermöglicht
die nachfolgende Tabelle 6.1.
Tabelle 6.1.
Thrombozytäres
Aufnahmeverhalten
der
eigenen
Patientengruppe
im
Literaturvergleich.
LITERATUR
Daoust et al., 1991
KM
VMAX
=

UNTERSUCHTE GRUPPE
Alkoholiker vs. Kontrollen
Ernouf et al., 1993
Ex- Alk. und deren Nachkommen vs. Kontrollgruppen Alkohol
Rausch et al., 1991
in Familie vs. kein Alkohol in Familie
Neiman et al., 1987

=
Männliche Alk. im Entzug vs. Kontrollen
111
Boismare et al., 1987
3 Gruppen von Alk. vs. Kontrollgruppe
Bolle & Reuter, 2000

=
Männliche Typ II- Alk. vs. Typ I- Alk. und Kontrollgruppe
Fischer, 2001


Weibliche Alkoholpatienten vs. weibliche Kontrollen
(vorliegende Arbeit)
=

Weibliche Typ "Zwei"- Alk. vs. weibliche Typ "Eins"- Alk.
(Anm.: Vergleich weibliche Typ "Zwei" bzw. Typ "Eins" vs. weibliche Kontrollen aufgrund
des vorgenommenen Einteilungsprinzips nicht sinnvoll)
Als Erklärung für die gegensätzlichen Angaben in der Literatur sollte man zunächst die
Heterogenität der untersuchten Populationen beachten. Bei den zitierten Untersuchungen
handelt es sich um Ergebnisse von gemischtgeschlechtlichen Stichproben, wobei männliche
Alkoholkranke meistens überrepräsentiert waren. Der Einfluß der auf den Stoffwechsel
wirkenden
hormonellen
Ausstattung
der
Frau
könnte
durch
diese
Stichproben-
Zusammensetzung vermindert und deshalb im Ergebnis nicht deutlich werden.
Desweiteren kann man auch die unterschiedliche Methodik für die auftretenden Widersprüche
verantwortlich machen: Bei einigen Untersuchungen wurden - im Gegensatz zur eigenen
Thrombozytenpräparation ohne Waschung und zur Gestaltung des Reaktionsmilieu im
autologen Plasma - die Thrombozytenpräperationen z.T. mehrfach plasmafrei gewaschen und
die Aufnahmeuntersuchungen in gepufferten isotonen Salzlösungen durchgeführt. Dadurch
könnten
das
in
vivo-
Milieu
der
Thrombozyten
und
möglicherweise
die
Transportereigenschaften der Thrombozytenmembran selbst verändert worden sein. Die
membranassoziierten Serotoninbindungsproteine, die an den Serotonintransporter gekoppelt
sind und die Serotoninaufnahme beeinflußen, könnten mit NaCl- Lösung abgewaschen
worden sein, womit ebenfalls Milieuartefakte hervorgerufen werden.
Weiterhin waren bei einem Teil der vorliegenden Arbeiten Thrombozytenzahl und/oder
Probevolumen nicht standardisiert. In den eigenen Untersuchungen wurden hingegen
einheitlich PRP- Proben verwendet, die mit autologem thrombozytenfreien Plasma (PFP)
versetzt wurden, mit dem Ziel, in einem standardisierten Probevolumen eine standardisierte
Thrombozytenzahl einzusetzen. Im Gegensatz zur Aufnahme und Verdünnung der
Thrombozyten mit gepufferten Salzlösungen führte eine Verdünnung der Blutplättchen mit
PFP über den Zeitraum von 90 min zu keiner Veränderung (Verlust) des thrombozytären
Serotoningehaltes.
Bisherige Untersuchungen mit Zusatz von gepufferten isotonen Salzlösungen zu PRP
verwendeten vorwiegend radioaktiv-markiertes Serotonin (14C - 5HT) in Konzentrationen von
0,1 - 5 µM. Die szintigraphische Bestimmung mußte nach Aufnahmezeiten von 30 sec. bis 5
112
min erfolgen, um Zeitlinearität zu gewährleisten. Bei den eigenen Untersuchungen im
autologen Plasma ist diese Linearität bei der Bestimmung nach 5min mit Sicherheit gegeben.
Bereits bei den Frauen der Kontrollgruppe fiel eine große Schwankungsbreite für KM (von
1,26 bis 7,64 µmol 5HT/l) und für Vmax (von 63,5 bis 204,1 pmol 5HT/108 Thr.*min.) auf.
Dieses uneinheitliche Bild könnte auf eine größere Zahl von Einflußfaktoren bei Frauen
zurückzuführen sein, wobei hier vor allem neuroendokrine Aspekte zu berücksichtigen sind.
Gerade aber Untersuchungen an reinen Frauen- Populationen fehlten bislang. Für die Zukunft
sind Studien an zahlenmäßig großen Stichproben weiblicher Alkoholpatienten zur Klärung
des hormonellen Einflusses auf die thrombozytäre Serotoninaufnahme wünschenswert.
Aufgrund der großen interindividuellen Schwankungen innerhalb der Kontrollgruppe,
erscheint es zweckmäßig, die Verteilung der Einzelwerte der Alkoholiker zu betrachten. Wie
aus Abbildung 6.1 (siehe nächste Seite) ersichtlich, konzentrieren sich die Alkoholikerinnen
des Typs "Zwei" bei Werten für KM zwischen 0,5 und 1,5 µmol 5HT/l und bei Werten für
Vmax von 50 bis 100 pmol 5HT/108 Thr.*min. Außerdem wird auch eine ganze Reihe von
Typ "Eins"- Patientinnen bei KM- Werten unterhalb von 1,5 µmol 5HT/l erkennbar, allerdings
bei im Mittel kleineren Vmax- Werten von unter 60 pmol 5HT/108 Thr.*min. Somit ließ sich
ein Pulk von insgesamt 37 Alkoholpatientinnen in der “linken unteren Ecke” abgrenzen, d.h.
bei KM- Werten unterhalb von 1,5 und bei Vmax- Werten unterhalb von 100. Die Kontrollen
verteilen sich mit großer Schwankung außerhalb des abgegrenzten Pulks.
113
Abbildung 6.1. Maximalgeschwindigkeit Vmax und Bindungskonstante Km der thromb. Serotoninaufnahme
bei Alkoholpatientinnen und Kontrollen - Darstellung des Alkoholpatienten- Pulks
Alk. Typ "Eins" (n = 34), Alk. Typ "Zwei" (n = 24), Kontrollen (n = 16)
250
Vmax in pmol 5HT / 10*8 Thr. * min
200
150
100
Alk. Typ "Eins"
Alk. Typ "Zwei"
50
Kontrollen
Alk.-Pulk
0
0
1
2
3
4
5
6
7
8
Km in µmol 5HT / l
Man könnte daraus die Vermutung äußern, daß Frauen mit kleiner Affinitätskonstante KM der
Serotoninaufnahme einem erhöhten Risiko unterliegen, an Alkoholismus zu erkranken.
Auch Rausch et al. beschäftigten sich mit dem Zusammenhang von thrombozytärer
Serotoninaufnahme und Alkoholismus- Risiko. In ihrer Studie konnten sie zeigen, daß Söhne
mit positiver familiärer Suchtanamnese eine signifikant größere Vmax aufwiesen als Söhne
ohne alkoholkranken Vater. Die Affinitätskonstante KM unterschied sich in den beiden
Gruppen nicht. Sie stellten die Hypothese auf, daß eine hohe Vmax möglicherweise mit einem
erhöhten Risiko für Alkoholismus assoziiert ist (Rausch et al., 1991).
Bisher ungeklärt blieb die Frage, woraus sich die größere thrombozytäre 5HT- Aufnahme des
Teils der Alkoholpatientinnen erklärt, der in der vorliegenden Arbeit als Typ "Zwei"
bezeichnetet wurde.
Nach eigenen Ergebnissen hatten die Patientinnen des Typs "Eins" und des Typs "Zwei" fast
identische
Bindungskonstanten.
Die
im
Mittel
größere
Serotoninaufnahme
der
alkoholabhängigen Frauen des Typs "Zwei" ließe sich somit durch die höhere
Maximalgeschwindigkeit erklären. Vmax stellt die maximale Aufnahmegeschwindigkeit des
Serotonintransporters dar, welche bei maximaler Substratkonzentration von einer definierten
114
Thrombozytenzahl pro Zeiteinheit erreicht wird. Die Bestimmung des thrombozytären
Serotoningehaltes und der Serotoninaufnahme erfolgte für Alkoholpatientinnen und
Kontrollen bei identischen, standardisierten Versuchsbedingungen, so daß sowohl eine
definierte Thrombozytenzahl von 300 Gpt/l als auch standardisierte Inkubationszeiten und
Reaktionszusätze gewährleistet waren.
Die größere Vmax des Typs "Zwei" könnte man auf eine größere Anzahl von Transportern
zurückführen. Diese größere Transporterzahl wäre in der Lage, bei übereinstimmender
Substrataffinität in identischen Zeiteinheiten mehr Serotonin in den Thrombozyten
aufzunehmen.
Daraus
würde
bei
gleichen
Thrombozytenzahlen
eine
höhere
Aufnahmegeschwindigkeit resultieren.
Interessant scheint auch die Vermutung, daß die höhere Serotoninaufnahme des Typ "Zwei" in
Zusammenhang mit einer unterschiedlichen Serotonektin- Ausstattung stehen könnte.
Serotonektine sind an die äußere Plasmamembran assoziierte Glykoproteine, welche die
Aufnahme von Serotonin aus dem Plasmaraum in den Thrombozyten erleichtern können
(Gershon & Tamir, 1985). Im Gegensatz zu den eigenen Untersuchungen im homologen
Plasma, könnten bei Experimenten mit Zusatz isotoner Salzlösungen zu PRP die
Serotoninbindungsproteine von der Thrombozytenmembran abgewaschen und damit die
Transportereigenschaften der Thrombozytenmembran verändert worden sein.
Schließlich gibt es Substanzen, die mit dem Transporter bzw. seiner Umgebung interagieren
und damit einen allosterischen Effekt auf den Transporterkomplex ausüben könnten
(Pletscher, 1987). Deshalb sind auch Veränderungen der Transporterstruktur als Erklärung für
die höhere Serotoninaufnahme der Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen in Betracht zu ziehen.
6.2 Anamnestische Befunde und typologische Aspekte
Nachdem erfolgreich eine Gruppe serotonindefizienter Alkoholikerinnen abgrenzt werden
konnte, soll nun die erste Hypothese dieser Arbeit überprüft werden. Diese lautete: Die
Gruppe serotonindefizienter weiblicher Alkoholpatienten zeigt klinische Merkmale, die mit
den Charakteristika des Typ II- Alkoholismus nach Cloninger übereinstimmen.
115
Nach den Untersuchungen von Cloninger existieren zwei Typen des Alkoholismus, wobei der
Typ II die Form mit dem schwereren Verlauf bezeichnet und nur bei Männern auftritt
(Cloninger et al., 1981). Gleichwohl konnten Glenn & Nixon (1991) sowie Lex et al. (1991)
Merkmale des Typ II- Alkoholismus bei Frauen nachweisen. Auch Babor et al. (1992)
erbrachten Hinweise für eine bei Männern wie Frauen schwerer verlaufende Form der
Alkoholabhängigkeit (sog. Typ B).
Die early- symptom- onset- (ESO-) Gruppe von Glenn & Nixon (erstmaliges Auftretens
subjektiver alkoholbedingter Probleme vor dem 25. Lebensjahr) war in ihren Merkmalen mit
der Charakterisierung des Typ II nach Cloninger vergleichbar (Glenn & Nixon, 1991). Aus
den uns zur Verfügung stehenden Daten konnten wir nicht sicher entnehmen, wann erstmalig
subjektiv merkliche alkoholbedingte Probleme auftraten, weshalb ein direkter Vergleich mit
den Ergebnissen von Glenn & Nixon nicht möglich ist.
Unsere beiden Typen unterschieden sich aber im zeitlichen Ablauf der Alkoholkrankheit.
Immer wieder wurde in der Literatur auf die entscheidende Bedeutung des “age of onset”
(Alter zu Beginn des Trinkens) für die Charakterisierung von Alkoholikern hingewiesen.
Nach Irwin et al. ist ein frühzeitiger Beginn des Alkoholismus mit Polytoxikomanie,
Kriminalität und ausgeprägten sozialen Folgen, also einem insgesamt schwereren Verlauf der
Alkoholkrankheit assoziiert (Irwin et al., 1990). Babor et al. (1992) kamen zu ähnlichen
Erkenntnissen und bezeichneten diese Form des Alkoholismus als Typ B. Laut Wilsnack
weisen Alkoholiker im Alter von 21-34 Jahren häufiger als andere Altersgruppen wiederholte
Alkoholintoxikationen,
Abhängigkeitssymptome
und
alkoholbedingte
Probleme
auf
(Wilsnack et al., 1984).
Von uns als Typ "Zwei" betrachtete Patientinnen berichteten im Mittel über einen zeitigeren
Alkoholerstkontakt (13,7 vs. 15,5 Jahre, Unterschied nicht signifikant) und einen früheren
Übergang ins mißbräuchliche Trinken (19,5 vs. 22,9 Jahre, Unterschied nicht signifikant), was
in Übereinstimmung mit der Typologie nach Cloninger steht. Besondere Beachtung verdient
jedoch
die
signifikant
frühzeitigere
Manifestation
der
Alkoholabhängigkeit
bei
Alkoholikerinnen des Typs "Zwei" (28,7 vs. 34,9 Jahre, p = 0,005 im Mann-Whitney-Test).
Mann et al. (1999) berechneten in ihrer Untersuchung an 59 alkoholabhängigen Frauen
folgende Mittelwerte: erster Alkoholkonsum mit 15,4 Jahren, regelmäßiger Alkoholkonsum
mit 23,5 Jahren und Beginn der Alkoholabhängigkeit mit 35,3 Jahren. Es sind somit
Parallelen zu den Daten unserer Typ "Eins"- Gruppe zu ziehen. Lex et al. liefern für ihre
116
Stichprobe von 20 Alkoholikerinnen hingegen Werte, die mit unseren Befunden für den Typ
"Zwei" vergleichbar sind: Erster Alkohol mit 15,5 Jahren, regelmäßiges Trinken mit 21,1
Jahren, erster Behandlungskontakt mit 29,2 Jahren (Lex et al., 1990).
Der erste alkoholbedingte Behandlungskontakt erfolgte bei Typ "Zwei"- Alkoholpatientinnen
durchschnittlich fast vier Jahre früher als bei Personen des Typs "Eins" (35,0 vs. 38,9 Jahre,
Unterschied nicht signifikant). Gleichwohl fand diese erstmalige Arztkonsultation somit auch
bei Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen erst nach dem 30. Lebensjahr und damit nach der von
Cloninger und von Knorring festgelegten Altersgrenze statt. Viele Patienten zeigten jedoch
eine starke Abwehr, was den Alkoholkonsum im allgemeinen und die daraus resultierenden
Probleme im speziellen betraf. Außerdem waren die Frauen bei unserer Therapie im Mittel 42
bzw. 48 Jahre alt und mußten sich so z.T. an Ereignisse vor 20 Jahren erinnern. Diese
Angaben könnten deshalb fehlerbehaftet sein und wären nur durch fremdanamnestische Daten
zu verifizieren, die aber nicht in jedem Fall zur Verfügung standen.
Literaturangaben belegen, daß Frauen insgesamt 2-3 Jahre später als Männer beginnen,
Alkoholabusus zu betreiben. Das als “telescoping” bezeichnete Phänomen besagt allerdings,
daß zwischen den ersten Problemen durch Alkoholmißbrauch und der ersten ärztlichen
Behandlung weniger Jahre als bei Männern vergehen (Randall et al., 1999). Der Grund dafür
scheint laut Piazza et al. in einer bei Frauen besonders rasanten Verschlechterung der
Alkoholkrankheit zu liegen. Nach Auffassung der Autoren wäre möglicherweise eine
schwerere, sich in kürzerer Zeit entwickelte Form des weiblichen Alkoholismus festzustellen,
wenn
man
Diagnoseinstrumente
benutzen
würde,
die
genauer
frauenspezifische
Alkoholprobleme erfaßten (Piazza et al., 1989). Diese Vermutung läßt sich mit unseren
Befunden nicht unterlegen, weil wir, wie erwähnt, den Zeitpunkt des Auftretens erster
Alkoholprobleme nicht für jede Patientin ermitteln konnten. Es ist allerdings zu erwähnen,
daß in beiden Gruppen zwischen dem Beginn mißbräuchlichen Trinkens und dem ersten
Arztkontakt im Mittel jeweils mehr als 15 Jahre lagen. Möglicherweise erfaßten wir bei der
detailierten Krankheitsprozeßanalyse mit dem Abususbeginn ein Kriterium, das biographisch
z.T. weitaus früher liegt als die ersten subjektiv merklichen alkoholbedingten Probleme. Dafür
spricht einerseits der Vergleich mit der Studie von Mann und Mitarbeitern (1999), deren
Patientinnen durchschnittlich 6,1 Jahre alkoholabhängig (gegenüber 13,7 Jahren unserer
Alkoholikerinnen), zum Zeitpunkt der Untersuchung aber nur fünf Jahre jünger als die
117
Gesamtgruppe unserer Patientinnen (41,4 vs. 46,0 Jahre) waren. Andererseits hatten die Hälfte
unserer Patientinnen des Typs "Eins" und 46% des Typs "Zwei" schon eine oder mehrere
Entgiftungsbehandlungen in der Vorgeschichte durchgemacht.
In unserer Untersuchung konnten ¾ der Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen als Gamma- und ¼ als
Delta- Typen nach Jellinek diagnostiziert werden. In der Typ "Eins"- Gruppe gestaltete sich
das Verhältnis nahezu ausgeglichen (53% Gamma, 47% Delta). Diese Ergebnisse stimmen
mit den Befunden von Bolle & Reuter überein, die unter den männlichen Alkoholikern mit
Serotoninmangel ebenfalls bedeutend mehr Trinker des Gamma- Typs feststellten (Bolle &
Reuter, Dissertation, 2000).
Die Einteilung des Trinkstils in Gamma- und Delta- Form läßt sich nicht ohne weiteres auf
Cloningers Typologie übertragen, gleichwohl aber auf die Typologie Babors. So ist der
Kontrollverlust sowohl ein typisches Charakteristikum des Typ B nach Babor als auch von
Jellineks Gamma- Typ. Andererseits ist der Jellineksche Delta- Trinkstil ebenso wie der Typ
A nach Babor durch kontinuierliches Trinken mit Abstinenzverlust gekennzeichnet.
Ein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Typen bezüglich der täglich konsumierten
Alkoholmenge war nicht vorhanden (Typ "Eins": 249 g/d, Typ "Zwei": 262 g/d). Die
angegebene Trinkmenge wurde für die von Mann und Kollegen untersuchten Patientinnen in
ähnlicher Größenordnung bestimmt: 252 g/d.
Der tägliche Alkoholkonsum wird sich jedoch auch in einer Erhöhung bestimmter Laborwerte
zeigen. Ihre Eignung als objektive biologische Marker zur Valididierung der Selbstaussagen
von Patientinnen wurde bereits mehrfach überprüft. Die besten Ergebnisse werden nach wie
vor für das Leberenzym Gamma- Glutamyltransferase (GGT) berichtet (Rommelspacher et al.,
1995, Mann et al., 1999). Nilssen weist jedoch darauf hin, daß kein potentieller Marker in der
Lage war, Frauen mit hohem Alkoholkonsum zu identifizieren (Nilssen et al., 1992).
Zur stationären Aufnahme hatten 74% der Typ "Eins"- Alkoholikerinnen und 61% der Frauen
des Typs "Zwei" einen z.T. deutlich erhöhten GGT- Wert, der sich bei 45% bzw. 40% der
Patientinnen des Typs "Eins" bzw. Typs "Zwei" bis zum Zeitpunkt der Entlassung nicht
normalisierte.
Ein wichtiges Kriterium in Cloningers Klassifikation ist die genetische Belastung der
Alkoholpatienten. Diese ist wesentlich für den Typ II- Alkoholismus, der bei Männern vom
118
Vater auf den Sohn vererbt wird. Für die Entwicklung des Typ I- Alkoholismus sollen neben
der erblichen Belastung durch beide Elternteile insbesondere Umgebungsfaktoren
wesentlichen Einfluß haben.
Wir registrierten für den Typ "Zwei" bei Frauen eine familiäre Suchtanamnese in 79% der
Fälle, während beim Typ "Eins" 53% über Familienmitglieder mit Problemen im Umgang mit
Alkohol berichteten. Die Anzahl der Väter mit Alkoholproblemen unterschied sich in den
beiden Gruppen enorm: 63% für Typ "Zwei" vs. 38% für Typ "Eins". In Übereinstimmung mit
Erkenntnissen von Reich et al. (1988) fanden sich unter den weiblichen Verwandten ersten
Grades weniger Alkoholiker als unter den männlichen Verwandten. Besonders auffällig ist
allerdings, daß 42% der Typ "Zwei"- Patientinnen, aber nur 9% der Frauen des Typs "Eins"
über eine alkoholkranke Mutter berichteten (Unterschiede signifikant, p < 0,05). Bohmann
kommt zu dem Schluß, daß der weibliche Alkoholismus eher maternalen als paternalen
Vererbungsmustern folgt (Bohmann et al., 1981). Unsere Befunde liefern analog dazu
Hinweise, daß zumindest ein Typ des weiblichen Alkoholismus stark durch mütterlichen
Alkoholismus beeinflußt wird.
Vergleiche mit der Literatur belegen, daß vor allem die von uns als Typ "Zwei"- bezeichneten
Alkoholpatientinnen eine besonders ausgeprägte familiäre Suchtanamnese aufweisen. Eine
Alkoholabhängigkeit bei Eltern und/oder Großeltern lag bei 42,4% der von Mann
untersuchten Patientinnen vor. Lediglich 34% bzw. 12% der weiblichen Alkoholiker
berichteten über alkoholkranke Väter bzw. Mütter (Mann et al., 1999). In der bereits oben
angeführten Studie von Lex wiesen 75% der wegen Alkoholismus behandelten Frauen eine
positive Familienanamnese auf. Nach Erkenntnissen von Reich und Kollegen (1988) ist die
Häufigkeit alkoholkranker Verwandter ersten Grades unter männlichen und weiblichen
Patienten sehr ähnlich, d.h. das Geschlecht des Patienten hatte nur geringen Einfluß auf die
familiäre Verbreitung der Alkoholkrankheit. Es könnten folglich Umgebungsfaktoren für die
Entstehung des Alkoholismus wichtig sein und zur Erklärung der unterschiedlichen Prävalenz
bei Frauen und Männern dienen.
Im sozialen Umfeld unserer Patientinnen zeigten sich zwischen den beiden Typen jedoch
keine signifikanten Unterschiede. Die beobachteten Tendenzen sollen nachfolgend dargestellt
werden.
Typ "Eins"- Patientinnen waren zu einem größeren Prozentsatz verheiratet (41% vs. 12,5%),
während mehr Frauen des Typs "Zwei" mit einem nichtehelichen Partner zusammenlebten
(33% vs. 15%). In beiden Patientengruppen hatte der Ehemann bzw. Lebensgefährte sehr
119
häufig ebenfalls Probleme im Umgang mit Alkohol. Da Frauen dazu neigen, sich den
Trinksitten ihrer Ehemänner oder Partner, aber auch ihrer Freundinnen anzuschließen
(Wilsnack et al., 1984), muß das soziale Umfeld der meisten unserer Patientinnen als
problematisch betrachtet werden. Erkenntnissen von Wilsnack zufolge finden sich
geschiedene oder getrennt lebende Frauen, ebenso wie niemals verheiratete Frauen besonders
häufig unter den schweren Trinkern. Übereinstimmend mit Wilsnack erhielten unsere
Patientinnen des Typs "Zwei" zum einen im Fremdbewertungsteil des Münchner
Alkoholismustest höhere Punktwerte (17,4 vs. 16,0 Punkte, nicht signifikant), d.h. der Arzt
schätzte die Patientinnen des Typs "Zwei" im Mittel als stärker beeinträchtigt ein, zum
anderen waren sie seltener verheiratet und lebten öfters allein.
Auch Schulbildung und Einkommen beeinflussen die Trinkgewohnheiten. Wilsnack konnte
Ergebnisse vorstellen, nach denen Frauen mit 8- Klassen- Abschluß und niedrigem
Einkommen häufiger als Personen mit höherem Einkommen unter den Antialkoholikern zu
finden seien. Wir konnten im Umkehrschluß bestätigen, daß die schwerer gestörtenen Typ
"Zwei"- Patientinnen in größerem Umfang einen 10- Klassen- Abschluß bzw. ein
Abiturzeugnis vorweisen konnten als Frauen des Typs "Eins" (58,5% vs. 44%, Unterschied
nicht signifikant). Außerdem wiesen 12% des Typs "Zwei", aber nur 3% des Typs "Eins" eine
akademische
Ausbildung
mit
potentiell
höheren
Verdienstmöglichkeiten
auf.
Die
Unterschiede in der Ausbildung spiegeln sich freilich in der jetzigen Berufstätigkeit nicht
wieder. Während jeweils ca. ¼ in einem Arbeitsverhältnis steht, beziehen 58% des Typs
"Zwei" und 38% des Typs "Eins" Arbeitslosengeld. Der pathologische Alkoholkonsum könnte
zum Verlust des Arbeitsplatzes geführt haben. Die höhere Arbeitslosenrate wäre dann
Ausdruck der stärker ausgeprägten sozialen Komplikationen des Typs "Zwei". Hinzu kommt
jedoch, daß die höhere Arbeitslosenquote auch Ausdruck weniger schwerer somatischer
Folgestörungen der Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen ist, wofür der geringere Anteil der Frauen
mit EU- Rente (4,5%) innerhalb dieser Gruppe spricht. Die geringere Arbeitlosenquote des
Typs "Eins" wäre somit durch den höheren EU- Anteil (15%) sowie den hohen AltersrentenAnteil von 23,5% vs. 8% mitbedingt.
Andererseits ist in beiden Alkoholikergruppen eine erhebliche soziale Beeinträchtigung
nachzuweisen: häufige familiäre Auseinandersetzungen, Arbeitsplatzkonflikte, Fernbleiben
von der Arbeit, Verwahrlosung. Diese für beide Typen gleichlautende Einschätzung des
sozialen Umfeld steht demgemäß im Gegensatz zu der von Cloninger vorgenommenen
120
Charakterisierung, wonach der Typ II besonders ausgeprägte soziale Komplikationen
aufweist, der Typ I hingegen eher geringfügig beeinträchtigt ist.
Glenn & Nixon vertreten die Meinung, daß weibliche Alkoholiker unabhängig von ihrer
Typeneinteilung im jahrelangen Verlauf der Alkoholkrankheit über Symptome und Merkmale
beider Typen berichten. Entscheidend für die Differenzierung in Subtypen ist somit nicht das
berichtete Symptom an sich, sondern vielmehr das Alter, bei dem die Mehrzahl der Symptome
auftritt (Glenn & Nixon, 1991). Bei der Betrachtung der Daten unserer Typen "Eins" und
"Zwei" erscheint diese Ansicht schlüssig, da der Großteil unserer Patientinnen schon viele
Jahre alkoholabhängig ist und sich somit bereits in einem fortgeschrittenen, chronischen
Stadium der Erkrankung befindet.
Entgegen der Beschreibung Cloningers ergaben sich für die Schwere der psychiatrischneurologischen Folgen des Alkoholkonsums ebenfalls keine Unterschiede. In der Anamnese
wiesen 18% bzw. 17% ein Delirium tremens, 29% bzw. 21% mindestens einen Entzugsanfall
auf (jeweils Typ "Eins" vs. Typ "Zwei"). Auch in diesem Punkt lagen unsere Werte z.T.
erheblich über den Literaturangaben.
In der von Mann untersuchten Stichprobe berichteten 8,5% der 59 weiblichen Patienten über
ein Delir und 15,3% über einen Krampfanfall in der Vorgeschichte. Etwa 6-15% der Patienten
in psychiatrischen Krankenhäusern entwickeln nach Angaben von Feuerlein ein Delir. Die
Angaben über die Häufigkeit epileptischer Anfälle im Verlauf der Alkoholkrankheit
differieren erheblich: 5-35% (Meier & Forst, 1977, zitiert in Feuerlein et al., 1998).
Jeweils 21% der Patientinnen beider Typen berichteten über Halluzinationen, wobei die
Genese der Sinnestäuschung in der vorliegenden Erhebung nicht berücksichtigt wurde. Es
handelte sich also sowohl um Halluzinationen beim Delirium tremens als auch bei
Alkoholhalluzinosen (die Alkoholhalluzinose stellt laut Soyka et al. (1996) eine an sich relativ
seltene Störung dar und ist durch ausgeprägte akustische Halluzinationen und paranoide
Denkinhalte gekennzeichnet).
Der Typ II nach Cloninger ist im Gegensatz zum Typ I desweiteren häufig durch
polytoxikomanes Verhalten gekennzeichnet. In diesem Kriterium stimmten unsere Befunde
gut mit Cloningers Charakterisierung überein. Zwar räumten auch 38% der Patientinnen des
Typs "Eins" zusätzlichen Medikamentenabusus ein, in der Gruppe der Typ "Zwei"Alkoholiker waren es allerdings 63% (Unterschied nicht signifikant). Außerdem konsumierten
121
zwei der 24 von uns als Typ "Zwei" bezeichneten Frauen illegale Drogen. Während sich für
den begleitenden Medikamentenmißbrauch ähnliche Angaben in der Literatur fanden (Mann
et al.: zusätzlicher Medikamentenmißbrauch bei 44,3% der alkoholkranken Frauen), wichen
die Häufigkeiten für zusätzlichen Drogenabusus doch weit davon ab, was durch die sich erst
entwickelnde Drogenszene in den Neuen Bundesländern erklärbar ist.
Nach dem Studium der Literatur gehen Miller et al. (1989) davon aus, daß 20-46% der
Alkoholiker auch Drogen gebrauchen. Zusätzlich zum Alkohol nahmen 40% der von Lex et
al. untersuchten Patientinnen noch weitere Suchtmittel wie Kokain, Opiate, Tranquilizer oder
Sedativa ein (Lex et al., 1989). Unsere Befunde werden jedoch verständlich, wenn man sich
die Lebenszeitprävalenz für den Gebrauch illegaler Drogen betrachtet, also die Prozentzahl
derer, die zumindest einmal in ihrem Leben illegale Drogen genommen haben. Liegt sie in
den alten Bundesländern bei 14,2%, so beträgt sie in den neuen Bundesländern insgesamt
4,8%, speziell für Frauen sogar nur 4,0%. Diese im Vergleich zu West- Deutschland deutlich
niedrigere Prävalenzrate für die über 30jährigen Männer und Frauen im Osten Deutschlands
ist auf die historische Situation vor der Grenzöffnung zurückzuführen. In der DDR waren
illegale Drogen kaum verfügbar. Personen, die zur Wendezeit 1990 bereits 25 Jahre oder älter
waren, sind kaum mit Drogen in Kontakt gekommen, so daß hier die DDR- Bedingungen als
“protektiver Faktor” wirkten. Dafür nahmen sogar prozentual mehr ost- als westdeutsche
Frauen Medikamente ein. Mit großem Abstand wurden Schmerzmittel sowie Beruhigungsund Schlafmittel konsumiert (Kraus & Bauernfeind, 1998).
Mit 71% gaben auch mehr Typ "Zwei"- als Typ "Eins"- Patientinnen (59%, Unterschied nicht
signifikant) an, Nikotinabusus zu betreiben. Über ähnlich hohe Prozentzahlen (66% bzw.
70%) berichten Mann et al. (1999) bzw. Feuerlein & Küfner im Rahmen der MEAT (1989).
Im Hinblick auf die von Olbrich sowie Bauer festgestellte Gefährdung des Therapieerfolges
durch Nikotinabusus scheint auch hinsichtlich des Raucheranteils unsere Typ "Zwei"- Gruppe
die ungünstigere Prognose aufzuweisen (Olbrich, 1988; Bauer et al., 1995).
Für viele Autoren spielt die psychiatrische Co- Morbidität eine entscheidende Rolle für
die Klassifikation und die Prognose von Alkoholpatienten. Schuckit unterscheidet zwischen
primärem und sekundärem Alkoholismus, wobei sich die sekundäre Form im Gefolge einer
anderen psychiatrischen Erkrankung manifestiert. Seiner Ansicht nach stellt der Typ II nach
Cloninger keinen Alkoholismus im engeren Sinne dar, sondern vielmehr das Krankheitsbild
122
der antisozialen Persönlichkeitsstörung (ASPD) mit sekundärem Alkoholismus (Schuckit,
1985). Zusammenhänge zwischen einem frühzeitigen Beginn des regelmäßigen Trinkens und
einem vermehrten Auftreten psychiatrischer Störungen und Suizidversuche stellte Roy fest
(Roy et al., 1991).
In unserer Untersuchung fand sich in beiden Alkoholiker- Gruppen eine große Anzahl von
Patientinnen, die über suizidale Gedanken oder Handlungen berichtete. In der Gruppe der von
uns als Typ "Zwei" bezeichneten Alkoholikerinnen waren mit 50% noch etwas mehr Frauen
betroffen als Personen des Typs "Eins" (41%, Unterschied nicht signifikant). Bei 54% der Typ
"Zwei"- Alkoholpatientinnen, aber nur bei 26% der Alkoholikerinnen des Typs "Eins" wurde
eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert (signifikanter Unterschied, p < 0,05). De Jong und
Mitarbeiter gehen davon aus, daß bis zu 80% der Alkoholiker die Kriterien für eine
Persönlichkeitsstörung erfüllen. Die häufigsten Persönlichkeitsstörungen (PS) stellen nach
ihren Erkenntnissen die antisoziale PS, die histrionische PS und die dependente PS dar
(De Jong et al., 1993). Laut Maier weist die ASPD von allen psychiatrischen Störungen die
engste Beziehung zum Alkoholismus auf, vor allem bei Männern (Maier et al., 1997). Bei
unseren Patientinnen des Typs "Zwei" dominierten die hysterische PS (ICD-9 301.5) und die
PS mit vorwiegend soziopathischer oder assozialer Manifestation (ICD-9 301.7). In der Typ
"Eins"- Gruppe wurden 20% der Frauen mit der Diagnose einer sonstigen PS (ICD-9 301.8,
Persönlichkeit: exzentrisch, haltloser Typ, passiv-aggressiv, psychoneurotisch, unreif) belegt.
Über die Prävalenz von psychiatrischen Erkrankungen bei Alkoholpatienten liegen sehr
unterschiedliche Literaturangaben vor. In einer Studie von Haver & Dahlgren (1995) erfüllten
48% der alkoholkranken Frauen die Kriterien für eine affektive Störung. Mehr als 1/3 der
Patientinnen
zeigte
Merkmale
einer
Angsterkrankung
und
23%
wiesen
eine
Persönlichkeitsstörung auf. Insgesamt 60% der Alkoholikerinnen litten an mindestens einer
weiteren psychiatrischen Störung. Ross et al. berichten gar über eine Lebenszeitprävalenz von
84-85% für eine psychiatrische Zweitdiagnose unter alkoholabhängigen Frauen. Ihren
Erkenntnissen nach dominieren bei süchtigen Frauen unipolare Depressionen, Panikstörungen
und psychosexuelle Dysfunktionen (Ross et al., 1988). In einer anderen Untersuchung an der
Allgemeinbevölkerung war das Risiko für Alkoholismus bei Probanden mit manischdepressiven Erkrankungen wesentlich höher als bei Probanden mit unipolarer Depression
(Regier et al., 1990, zitiert nach Maier et al., 1997). Die häufige Koexistenz von
Alkoholismus und affektiver Störung veranlaßte Winokur et al. zur Formulierung des
123
Konzeptes der “depressive spectrum disease”. Damit war gemeint, daß depressive
Erkrankungen und Alkoholismus Ausdruck derselben Störung seien, die sich bei Frauen
phänomenologisch eher als Depression, bei Männern dagegen als Alkoholismus äußere
(Winokur et al., 1970). Aufgrund neuerer genetischer Befunde ist dieses Konzept weitgehend
wieder verlassen worden (Schuckit, 1986). Zwillingsuntersuchungen legen nahe, daß
Depression und Alkoholismus weitgehend unabhängig voneinander vererbt werden (Kendler
et al., 1993).
Wenn Alkoholmißbrauch oder -abhängigkeit zur Entwicklung einer anderen psychiatrischen
Störung führen, ist dieses zweite Syndrom laut Maier als “substanzinduzierte Störung” zu
klassifizieren, denn sie stellt keine eigenständige Störung dar. “Komorbidität” hingegen
bezieht sich auf die “Koexistenz von zwei oder mehr Störungen mit unterschiedlichen,
krankheitsspezifischen Ätiologien und Pathophysiologien” (zitiert nach Maier et al., 1997).
Es ist außerdem darauf hinzuweisen, daß psychiatrische Symptome, wie Angst, Aggressivität
oder Schlafstörungen häufig Bestandteil des Alkoholentzugssymdroms sind. Die hohen
Prävalenzraten könnten somit Artefakte darstellen, wenn sie während oder kurz (bis zu 6
Wochen) nach der Detoxikation erhoben wurden. Die Reliabilität psychiatrischer Diagnosen
sollte jedoch möglichst hoch sein, da zusätzliche psychiatrische Erkrankungen Auswirkungen
auf Therapie und Langzeitprognose alkoholabhängiger Patienten haben (Schuckit & Winokur,
1972, Rounsaville et al., 1987).
6.3 Katamneseergebnisse
Patientinnen des Typs "Zwei" stellten sich sowohl in der Mehrzahl der erhobenen
katamnestischen Befunde als auch in der Bewertung der DGSS- Kategorie “Umgang mit der
Sucht” sowie in den Therapieerfolgsquoten als die Gruppe mit dem besseren Therapieergebnis
dar.
Wir bewerteten insgesamt 66% der Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen, aber nur 50% der Frauen
des Typs "Eins" in der Kategorie “Umgang mit der Sucht” mit “++” oder “+”. Dies schlägt
sich auch in den mittleren Therapieerfolgsquoten nieder: 58,5% für Typ "Zwei" gegenüber
124
43,0% für Typ "Eins". Aber auch in den anderen Punkten zeigte sich der Typ "Zwei" als die
bessere Gruppe. Sie wiesen weniger alkoholbedingte Behandlungen und in weniger Fällen
einen begleitenden Medikamentenkonsum im Katamnesezeitraum auf. Frauen des Typs
"Zwei" schätzten nach der Entzugsbehandlung ihren körperlichen Zustand als besser und ihre
sozialen Einschränkungen als geringer ein. Diese Beobachtungen stehen damit im Gegensatz
zu unserer Hypothese, daß die serotonerg defizienten Typ "Zwei"- Patientinnen eine schwerer
verlaufende Alkoholabhängigkeit mit einer schlechteren Prognose aufweisen müßten.
Im folgenden soll nun versucht werden, die gewonnenen Ergebnisse im Literaturvergleich zu
betrachten und Erklärungsmöglichkeiten für die von unserer Hypothese abweichenden
Erkenntnisse zu geben.
Die Entwicklung und der Verlauf der Alkoholabhängigkeit haben nach Untersuchungen von
Bauer et al. und Mann et al. prädiktiven Wert für das Behandlungsergebnis. In unserer Studie
vollzieht sich der Übergang in die Alkoholabhängigkeit bei den Patientinnen des Typs "Zwei"
durchschnittlich frühzeitiger als bei Frauen des Typs "Eins". Der Typ "Zwei" trinkt im Mittel
knapp drei Jahre früher zum erstenmal Alkohol (13,7 vs. 16,5 Jahre). Der mißbräuchliche
Alkoholkonsum beginnt 5,5 Jahre (19,1 vs. 24,6 Jahre) und die Manifestation der
Abhängigkeit fast sieben Jahre früher (30,8 vs. 37,4 Jahre). Bei der stationären Aufnahme sind
die Alkoholikerinnen des Typs "Zwei" 44,8 Jahre alt (Typ "Eins" 50,0 Jahre). Die Vermutung,
nach der Typ "Zwei"- Patientinnen zwar früher Alkohol trinken, aber zum Zeitpunkt der
Therapie noch nicht so lange wie der Typ "Eins" alkoholabhängig sind und damit geringere
körperliche und kognitive Beeinträchtigungen aufweisen, bestätigt sich gleichwohl nicht. Zur
stationären Aufnahme ist der durchschnittliche Typ "Zwei"- Patient bereits mehr als ein Jahr
länger alkoholabhängig (13,9 vs. 12,7 Jahre).
Weder die Assoziation von spätem ersten Alkoholkontakt und “Rückfall wenig
wahrscheinlich” (Mann et al., 1999) noch die Verbindung von hoher Mortalität (sprich
schlechtes Therapieergebnis) mit langer Abusus- und Abhängigkeitsdauer (Bauer et al., 1995)
läßt sich mit den Ergebnissen unserer Untersuchungen bestätigen. Während Bauer eine
gemischtgeschlechtliche Stichprobe untersuchte, erhob Mann seine Befunde an einer rein
weiblichen Gruppe von Alkoholikern (männliche Vergleichsgruppe vorhanden). Die
demografischen Merkmale der untersuchten Population wichen von unserer Gruppe vor allem
hinsichtlich des Verlaufs der Alkoholabhängigkeit ab. Die von Mann untersuchten
125
Patientinnen (n = 59) waren zum Aufnahmezeitpunkt mit 41,4 Jahren noch jünger als unser
Typ "Zwei" und wiesen mit im Mittel 6,1 Jahren eine im Vergleich relativ kurze
Abhängigkeitsdauer auf. Richtet man sein Augenmerk auf die Eckpunkte “erster
Alkoholkontakt”, “regelmäßiger Konsum seit” und “alkoholabhängig seit”, so sind die
gemachten Altersangaben mit den Daten unseres Typs "Eins" vergleichbar. Möglicherweise
ergeben sich die unterschiedlichen Katamneseergebnisse dadurch, daß Mann die
Alkoholikerinnen zu einem früheren Zeitpunkt ihrer Krankheit untersuchte und wir erst dann,
als der Alkoholismus bereits weiter fortgeschritten war und z.T. schon mehr als ein Jahrzehnt
bestand.
Obwohl Typ "Eins"- Alkoholikerinnen ein Jahr weniger alkoholabhängig waren, kann
trotzdem die Hypothese formuliert werden, daß die schlechteren Behandlungsergebnisse mit
einer ausgeprägteren Vor- und Begleitschädigung korrelieren. Dafür sprechen die nachfolgend
genannten Befunde:
Wenngleich Gillet keinen Zusammenhang zwischen Therapieausgang und Alter der
Patientinnen feststellen konnte (Gillet et al., 1991), ist doch zu erwähnen, daß die Frauen des
Typs "Eins" zur Zeit der Behandlung älter waren. Von den 22 katamnestisch nachuntersuchten
Frauen des Typs "Eins" erhielten zehn Patientinnen Rente (45,5%), während von den 12 Typ
"Zwei"- Alkoholikerinnen lediglich eine Frau (Alters-)Rente bezog (8,3%). Beachtenswert ist
vor allem der Anteil von Erwerbsunfähigkeits- (EU-)Rente empfangenden Typ "Eins"Alkoholpatientinnen (18,2%), was auf ausgeprägtere alkoholbedingte Folgeschäden in dieser
Gruppe hinweist.
Zu diesem Befund paßt, daß mehr als 45% des Typs "Eins" bereits mindestens eine
Entgiftungsbehandlung hinter sich hatten, während es unter den Typ "Zwei"- Patientinnen nur
17% waren.
Untersuchungen von Schuckit und Winokur sowie Rounsaville et al. zufolge ist begleitender
Drogenabusus mit einem schlechteren Therapieergebnis verbunden (Schuckit & Winokur,
1972, Rounsaville et al., 1987). Diese Erkenntnisse bestätigend, fanden wir unter den von uns
als Typ "Eins" erfaßten Alkoholikerinnen zu einem größeren Prozentsatz Frauen, die über den
Gebrauch suchterzeugender Medikamente im Katamnesezeitraum berichteten. Auch
Arzneimittel
ohne
Abhängigkeitspotential
(Antihypertensiva,
Lebertherapeutika,
verdauungsfördernde Substanzen) wurden in der Typ "Eins"- Gruppe in höherem Maße
126
eingenommen (50% vs. 22%), was ebenfalls für eine stärkere Begleitstörung der Typ "Eins"Alkoholikerinnen sprechen könnte.
Die katamnestischen Daten weichen damit in diesem Punkt von den suchtanamnestisch
gewonnen Befunden ab, denn dort wurde bei als Typ "Zwei" klassifizierten Patientinnen ein
größerer Prozentsatz mit begleitendem Medikamenten- und Nikotinabusus ermittelt. Diese
Veränderung innerhalb des Typs "Zwei" kann somit als Ausdruck der erfolgreichen
Entzugsbehandlung gewertet werden.
Bauer und Mitarbeiter benennen als einen weiteren Prädiktor eines positiven Therapieerfolges
die reguläre Entlassung aus der stationären Behandlung. Sie sprechen damit die Motivation
und Therapiebereitschaft des Alkoholpatienten an, die auch Wieser als wichtige
Einflußfaktoren hervorhebt.
Obwohl mehr Typ "Zwei"- als Typ "Eins"- Alkoholikerinnen in der Akutentzugsphase die
Behandlung vorzeitig beendeten, konnten Patientinnen des Typs "Zwei" besser motiviert
werden, denn 83% (aber nur 55% der Typ "Eins"- Alkoholikerinnen) unterzogen sich einer
Behandlung von mehr als vier Wochen. Als weiteres Kriterium ist außerdem anzuführen, daß
mehr Typ "Zwei"- Patientinnen an einer mehrmonatigen Entwöhnungsbehandlung teilnahmen
als dies Frauen des Typs "Eins" taten (44% vs. 31%).
Die von uns unterstellte größere Motivation und Therapiebereitschaft der Alkoholikergruppe
des Typs "Zwei" könnte auch durch eine höhere Schulbildung und anspruchsvollere
Berufsausbildung mitbedingt sein und in Verbindung mit einem ausgeprägteren Schamgefühl
sowie beruflichen Rehabilitationsabsichten stehen. Dieser Erklärungsversuch bietet sich
zumindest bei Blick auf die folgenden Daten an: Während 59% des Typs "Eins" die 8. Klasse
abschlossen, konnten 67% des Typs "Zwei" einen 10. Klasse- Abschluß oder ein Abitur
vorweisen. Dieser Trend setzt sich auch in der Berufsausbildung fort: 42% der Frauen des
Typs "Zwei", aber nur 18% des Typs "Eins" absolvierten eine Facharbeiterausbildung oder ein
Universitätsstudium. Auch in der Untersuchung von Mann et al. (1999) korrelierte die
allgemeine
prämorbide
Intelligenz
mit
einem
positiven
Therapieergebnis.
Dem
entgegenstehend sieht Saunders speziell für weibliche Patientinnen in einem größeren
prämorbiden Sprachschatz und einer höheren visuellen Vorstellungskraft (als Merkmale der
geistigen Leistungsfähigkeit) Risikofaktoren für einen Rückfall (Saunders et al., 1993).
127
Eine ausgesprochen wichtige Rolle im Rückfallgeschehen spielt das soziale Umfeld. In sonst
nicht gekannter Einstimmigkeit wird in der Literatur auf die Bedeutung der Intaktheit
zwischenmenschlicher Beziehungen und der gesellschaftlichen Integration für eine
Langzeitabstinenz verwiesen (Wieser, Feuerlein, Gillet, Saunders).
Patientinnen unseres Typs "Eins" lebten vor der Entzugsbehandlung in 45% der Fälle mit
ihrem Ehemann, in weiteren 14% mit einem Lebensgefährten zusammen. Typ "Zwei"Patientinnen waren dagegen häufiger alleinstehend. Lediglich 8% waren verheiratet und 25%
hatten einen nichtehelichen Lebenspartner. Jedoch weist eine große Anzahl der Ehemänner
bzw. Lebensgefährten ebenfalls ein Alkoholproblem auf: nach Angaben der Patientinnen
beider Typen jeweils rund 90%. Das soziale Umfeld der Patientinnen unserer Stichprobe vor
der stationären Aufnahme kann somit nicht als Erklärung für ein besseres oder schlechteres
Therapieergebnis herangezogen werden.
Für den Katamnesezeitraum gibt die Hälfte der Frauen des Typs "Eins" einen festen Partner
an. In der Gruppe des Typs "Zwei" berichteten nun 56% über eine feste Partnerschaft im
ersten Jahr nach der Therapie, was als ein gewisser Therapieerfolg bezeichnet werden könnte.
Vergleicht man aber berufliche und soziale Integration nach den DGSS- Kriterien, so ergeben
sich keine Gruppenunterschiede: sowohl Typ "Eins" als auch Typ "Zwei" wurden in etwa 75%
der Fälle mit “++” oder “+” bewertet.
Leben keine Kinder im Haushalt, erhöht sich nach Überzeugung von Saunders et al. (1993)
das Rückfall- Risiko. Übereinstimmend mit dem besseren Therapieresultat lebte in jedem
zweiten Haushalt eines weiblichen Typ "Zwei"- Alkoholikers mindestens ein Kind. Das war
nur bei 36% der Frauen des Typs "Eins" der Fall.
Die Beschäftigungssituation der Patientinnen im erwerbsfähigen Alter unterschied sich vor
Therapieantritt nicht (jeweils ca. ¼ mit Arbeitsverhältnis). Für den Therapieerfolg der Typ
"Zwei"- Gruppe spricht aber, daß 33% der erwerbsfähigen Patientinnen über ein
Arbeitsverhältnis im Katamnesezeitraum (trotz der problematischen Arbeitsplatzsituation in
den fünf neuen Bundesländern) berichteten, also mehr als vor Behandlungsbeginn. Auffällig
ist andererseits, daß unter den Typ "Eins"- Alkoholikerinnen, von welchen wir einen
ausgefüllten Katamnesebogen erhielten und die noch nicht im Rentenalter sind, nur noch eine
ihren Lebensunterhalt mit aus Erwerbstätigkeit resultierendem Gehalt bestritt (11%).
Unter Einbeziehung fremdkatamnestischer Daten erhält man für die Gesamtgruppe der
weiblichen Alkoholpatienten eine Abstinenzquote von 29,4%. In der Literatur wurden
ähnliche Ergebnisse veröffentlicht. In der 12- Monats-Katamnese von Mann et al. (1999)
128
blieben 35,6% der 59 Alkoholikerinnen über den gesamten Zeitraum abstinent. Über die
komplette Zeit von 18 Monaten tranken 27% der von Watzl 1981 untersuchten
Alkoholpatientinnen keinen Alkohol. Eine etwas niedrigere Abstinenzquote (22%) findet sich
in der Studie von Gillet, in welcher die Frauen aber erst nach durchschnittlich 46 Monaten
nachuntersucht wurden (Gillet et al., 1991).
Bei objektiver Betrachtung ergibt sich für Typ "Zwei" mit 33% eine etwas höhere
Abstinenzquote als für Typ "Eins" mit 27% (Unterschied nicht signifikant). Von Knorring et
al. (1985) untersuchten 39 männliche “Ex- Alkoholiker” (Totalabstinenz oder “social
drinkers”) beim Wiedererwerb ihres Führerscheins. Innerhalb dieser Stichprobe ehemaliger
Alkoholpatienten fanden sie signifikant mehr Männer des Typs II, die nun abstinent lebten
oder zumindest sozial angepaßt tranken. Dieses Ergebnis kann als Hinweis dafür gewertet,
daß (männliche) Typ II- Alkoholiker analog zu unserer Gruppe weiblicher Typ "Zwei"Patienten bei entsprechender Motivation eine bessere Prognose aufweisen können.
Für Vergleiche des Therapieergebnisses muß der Katamnesezeitraum berücksichtigt werden.
So berichten Jung und Kollegen, daß der Anteil Rückfälliger bis zum Zeitpunkt von 24
Monaten ansteigt, danach aber auf diesem Niveau verbleibt. Als Konsequenz regen sie eine
besondere Nachbetreuung innerhalb der ersten zwei Jahre nach Therapieabschluß an (Jung et
al., 1987). In gleicher Weise betrachten Funke & Klein das erste halbe Jahr als den Abschnitt
nach Therapieabschluß, der den Patienten die größten Schwierigkeiten bereitet. Innerhalb der
ersten 24 Wochen (!) erlitten 2/3 aller Rückfälligen “persönlichen Schiffbruch” (Funke &
Klein, 1981). Aus dem Gesagten ergibt sich, daß unsere Katamnese über einen Zeitraum von
12-18 Monaten durchaus repräsentative, aussagefähige Resultate liefern kann.
Nach Selbsteinschätzung der Patientinnen ergeben sich im Katamnesezeitraum höhere
Abstinenzquoten als bei Berücksichtigung fremdanamnestischer Angaben. Auch andere
Untersucher gingen der Frage nach, wie zuverlässig die Aussagen von Alkoholikern sind.
Entsprechend der weitläufigen Auffassung “Never beliefe an alcoholic” beschrieb Fuller die
Selbsteinschätzung als nicht- valide bezüglich der Einschätzung des Therapieerfolges (Fuller
et al., 1988). Demgegenüber sprechen Hesselbrock et al. (1983) von einer hohen Reliabilität
und Validität der Aussagen von Alkoholpatienten. Von erheblicher Bedeutung seien jedoch
Ort und Zeitpunkt der Datenerhebung. Die Autoren vermuten, daß es einem Patienten in
häuslicher Umgebung leichter fällt, einen Rückfall zu leugnen. Die besondere Genauigkeit der
129
Aussagen der von ihnen befragten Alkoholiker führen sie auf die “besondere
wissenschaftliche Atmosphäre” zurück, die die Patienten während der Untersuchung umgab.
Patientinnen des Typs "Eins" scheinen zu einem späteren Zeitpunkt als Typ "Zwei"Alkoholikerinnen rückfällig geworden zu sein. Das ergab die Auswertung der von den Frauen
ausgefüllten Fragebögen. Alle sich selbst als rückfällig bezeichnende Patientinnen des Typs
"Zwei" tranken direkt oder innerhalb des ersten Monats nach Therapieabschluß wieder
Alkohol. Dagegen blieben 75% der rückfälligen Typ "Eins"- Alkoholikerinnen nach
Behandlungsende angeblich erst zwei Monate oder länger abstinent, was in Anbetracht des
schlechteren Therapieergebnisses für eine ausgeprägtere Abwehr sprechen bzw. durch
primären Griff zu psychotropen Medikamenten als Ersatzsuchtmittel zu erklären sein könnte.
Als Typ "Zwei" bezeichnete Alkoholpatientinnen scheinen hingegen offener zu sein, weniger
zu bagatellisieren, ein größeres Problembewußtsein zu besitzen und seltener zu
Ersatzsuchtmitteln zu greifen, was darauf hindeuten könnte, daß sie eine stabilere Abstinenzbereitschaft entwickelt haben.
Es war – unter Berücksichtigung der Bedeutung der Nachbetreuung für eine (Langzeit-)
Abstinenz – zu prüfen, ob sich die ambulante Weiterbetreuung der Frauen beider Typen
unterschied. Eine ambulante Nachbetreuung gaben zum Katamnesezeitpunkt insgesamt 87%
der Typ "Eins"- Alkoholikerinnen, aber nur 67% der Frauen des Typs "Zwei" an.
Auffällig ist auch, daß 69% der Patientinnen des Typs "Eins" und nur 44% des Typs "Zwei"
über regelmäßige Besuche beim Hausarzt / Nervenarzt berichteten. Das spricht einerseits für
eine intensivere Betreuung der Typ "Eins"- Alkoholikerinnen nach der stationären Therapie,
andererseits kann dieses Ergebnis auch die Hypothese stützen, daß diese Frauen stärker als
Personen des Typs "Zwei" gesundheitlich beeinträchtigt sind. Ein Indiz für eine stärker
ausgeprägte körperliche und geistige Beeinträchtigung ist auch der Fakt, daß mehr Typ
"Eins"- Alkoholpatientinnen nach Behandlungsabschluß auf die Unterstützung eines Betreuers
angewiesen sind.
Eine Suchtberatungsstelle (SBS) suchten direkt nach Behandlungsabschluß hingegen 67% der
Typ "Zwei"- Patientinnen, aber nur 31% der von uns als Typ "Eins" erfaßten
Alkoholikerinnen auf. Dies könnte die höhere Motivation der Typ "Zwei"- Patientinnen,
andererseits aber auch die Bedeutung der SBS im therapeutischen Netz für die
Aufrechterhaltung der Abstinenz unterstreichen.
130
Kontakte zu Selbsthilfegruppen (SHG) hatten dagegen jeweils nur eine Patientin von Typ
"Eins" und Typ "Zwei". Einen Zusammenhang zwischen dem Besuch von SHG´s und dem
Behandlungserfolg konnten auch Funke & Klein nicht beobachten (Funke & Klein, 1981).
Frauen scheinen den von Männern dominierten SHG´s gegenüber größere Vorbehalte zu
haben als männliche Alkoholiker.
Die nachfolgend genannten Daten aus Anamnese und Katamnese fügen sich nicht in
den Erklärungsansatz ein, daß sich das schlechtere Behandlungsergebnis der Typ "Eins"Alkoholikerinnen aus der stärker ausgeprägten Vor- und Begleit- bzw. Folgeschädigung
ergibt:
Die suchtanamnestisch erhobenen Angaben zu psychiatrischen Folgestörungen zeigen keine
bedeutenden Unterschiede zwischen den beiden Typen auf. In beiden Gruppen berichteten
über 40% der Frauen über Suizidgedanken oder -handlungen. Bei von uns als Typ "Zwei"
betrachteten Patientinnen zeigten sich sogar noch etwas häufiger schwere Folgen des
chronischen Alkoholkonsums, wie Delirium tremens (33% vs. 18%), Entzugsanfälle (42% vs.
27%) und Halluzinationen (33% vs. 23%).
Diese Befunde spiegeln sich im Fremdbewertungsteil des Münchner Alkoholismustests
(MALT – F) wieder. Die Gruppe der Typ "Zwei"- Alkoholikerinnen wurde von den
behandelnden Ärzten als stärker alkohol- geschädigt beurteilt und erhielt im Mittel 19,3
Punkte (Typ "Eins" 15,6 Punkte). Keine Unterschiede zeigten sich im Selbstbewertungsteil
des MALT, in dem die Patienten Fragen zum Trinkverhalten, psychischen und sozialen
Beeinträchtigungen sowie somatischen Beschwerden beantworten sollten. Einschränkend ist
hinzuzufügen, daß der von Feuerlein entwickelte MALT ursprünglich als “Suchtest” zur
Identifikation von “chronischem Alkoholismus” dienen sollte und die Höhe der Punktzahl
keine Aussage über den Schweregrad beinhaltet. Erreicht ein Patient insgesamt (!) 11 oder
mehr Punkte ist er mit Sicherheit als “chronischer Alkoholiker” zu diagnostizieren (Feuerlein
et al., 1977). Trotzdem kann die Einschätzung des Arztes durchaus als Prognosefaktor gelten
(Mann et al., 1999).
Im MALT – F schätzt der Arzt u.a. den Alkoholkonsum der Patientin ein. Hoher
Alkoholkonsum von 150 g/d oder mehr wurde von Gillet als Risikofaktor für ein schlechtes
Behandlungsergebnis aufgeführt (Gillet et al., 1991). Unsere Befunde vermochten diese
Erkenntnis nicht zu stützen. Für die katamnestisch beobachteten Patientinnen sowohl des
131
Typs "Eins" als auch des Typs "Zwei" errechneten wir eine maximale tägliche Trinkmenge
von knapp 250 g reinen Alkohols. Mit einem Wert von 252 g/d für die maximale Trinkmenge
im letzten Jahr liefern Mann und Mitarbeiter nahezu identische Angaben ihrer Stichprobe
weiblicher Alkoholiker (Mann et al., 1999).
Eine psychiatrische Komorbidität bei Alkoholpatienten stellt Untersuchungen von
Rounsaville et al. (1987) sowie Schuckit & Winokur (1972) zufolge einen wichtigen Prädiktor
im Rückfallgeschehen dar. Während sie für weibliche Alkoholiker mit affektiver Störung eine
bessere Prognose stellten, ergaben sich in der Alkoholikergruppe mit anderen psychiatrischen
Erkrankungen häufiger Rückfälle als bei alkoholkranken Frauen ohne Komorbidität. Diese
Ergebnisse ließen sich mit unseren Befunden nicht belegen: Die Gruppe der Typ "Zwei"Alkoholiker enthielt bei einer höheren Abstinenzquote häufiger Frauen, bei denen eine
Persönlichkeitsstörung bzw. eine toxisch- bedingte kognitive Persönlichkeitsveränderung
diagnostiziert wurde.
Andere komorbide Störungen, wie depressives Syndrom, Angsterkrankung oder auch
somatische Störung (chronisches Schmerzsyndrom) wurden in der eigenen Patientengruppe
nicht diagnostiziert, bzw. es konnten daraus weder aussagekräftige Befunde für die
Gesamtgruppe der weiblichen Alkoholpatienten noch für eine Unterscheidung von Typ "Eins"
und Typ "Zwei" gewonnen werden.
Kritisch zu vermerken bleibt die geringe Anzahl der untersuchten Patientinnen, auf die sich
diese
Katamnese
stützt.
Die
hier
geäußerten
Überlegungen
zur
Erklärung
der
unterschiedlichen Therapieergebnisse stellen lediglich Trends dar und müßten durch
Untersuchungen an großen Stichproben bestätigt werden.
6.4 Zusammenfassung
132
In der vorliegenden Arbeit wurden 58 weibliche Alkoholpatienten hinsichtlich eines
Zusammenhangs zwischen Alterationen am serotonergen System ihrer Thrombozyten
einerseits und suchtanamnestischen Befunden sowie dem Therapieerfolg nach qualifizierter
Entzugsbehandlung andererseits untersucht. Dabei lassen sich folgende Erkenntnisse
zusammenfassen:
1.
Befunde zum serotonergen System

Es zeigte sich ein signifikant niedrigerer thrombozytärer Serotoningehalt der
Gesamtgruppe
der
weiblichen
Alkoholpatienten
gegenüber
der
weiblichen
Kontrollgruppe. Damit konnte die Serotoninmangel- Hypothese des Alkoholismus an
der eigenen Patientengruppe gestützt werden.

Zur
Charakterisierung
der
thrombozytären
Serotoninaufnahme
dienten
die
Maximalgeschwindigkeit Vmax und die Affinitätskonstante KM. Die Gesamtgruppe
der
weiblichen
Alkoholpatienten
wies
dabei
eine
signifikant
kleinere
Bindungskonstante KM als die Frauen der Kontrollgruppe auf, was für eine höhere
Affinität des Substrats 5HT zum Transporter spricht. Als ein neuartiger Befund der
vorliegenden Arbeit ließ sich somit die Hypothese formulieren, daß Frauen mit kleiner
Affinitätskonstante KM einem erhöhten Alkoholismus- Risiko ausgesetzt sind.
2.
Einteilungsprinzip
Die Alkoholpatientinnen wurden anhand der gewonnenen Befunde zum serotonergen System
in zwei Gruppen eingeteilt. Einteilungskriterium und Ausgangspunkt der Untersuchung waren
5HT- Gehalt und 5HT- Aufnahme.

Alle weiblichen Alkoholpatienten mit einem kleineren thrombozytären 5HT- Gehalt
und einer größeren thrombozytären 5HT- Aufnahme als den entsprechenden
Mittelwerten der Kontrollgruppe wurden zu einer als Typ "Zwei" bezeichneten
Subgruppe zusammengefaßt (neuartige Vorgehensweise). Diese war durch einen
signifikant niedrigeren 5HT- Gehalt und eine signifikant größere 5HT- Aufnahme
gegenüber der die restlichen 34 Alkoholikerinnen umfassenden Typ "Eins"- Gruppe
gekennzeichnet. Weibliche Alkoholiker des Typ "Zwei" konnten somit als
serotonindefizient betrachtet werden.
Von diesem Einteilungsprinzip ausgehend wurde nun der Versuch unternommen, von den
serotonergen Befunden auf den Verlauf der Alkoholkrankheit bei Frauen zu schließen.
133
3.
Die
Suchtanamnestische Befunde
suchtanamnestisch
alkoholabhängiger
erhobenen
Frauen
Befunde
wurden
den
des
serotonindefizienten Typs
klinischen
Merkmalen
des
"Zwei"
Typs
"Eins"
gegenübergestellt. Dabei zeigten sich:

eine signifikant frühzeitigere Abhängigkeitsentwicklung und eine signifikant stärker
ausgeprägte familiäre Suchtanamnese der Patientinnen des Typs "Zwei". Diese Gruppe
war
außerdem
Nikotinmißbrauch
durch
und
einen
eine
häufigeren
öfters
begleitenden
auftretende
Medikamenten-
psychiatrische
und
Komorbidität
insbesondere in Form von Persönlichkeitsstörungen charakterisiert.
Der Typ "Zwei" der weiblichen Alkoholpatientinnen ließ sich folgendermaßen in bereits
existierende Alkoholismus- Typologien einordnen:

Gemeinsamkeiten mit dem von Cloninger (1981) nur für Männer beschriebenen Typ II
und Babors Typ B (1992) ergaben sich im frühzeitigen Beginn des mißbräuchlichen
Trinkens und der Alkoholabhängigkeit, in der ausgeprägten familiären Belastung
sowie dem häufigen Auftreten polytoxikomanen Verhaltens und der öfters
festzustellenden psychiatrischen Komorbidität. Im Gegensatz zu Cloningers Typologie
waren unsere alkoholabhängigen Frauen des Typs "Zwei" jedoch nicht durch
ausgeprägte körperliche und soziale Beeinträchtigungen gekennzeichnet.
Aufgrund der vorliegenden Ergebnisse ließ sich schlußfolgern,

daß auch weibliche Alkoholiker keine einheitliche, homogene Gruppe darstellen. Im
Gegenteil,
für
unseren
weiblichen
Typ
"Zwei"
bestanden
weitreichende
Gemeinsamkeiten mit dem für Männer beschriebenen Typ II nach Cloninger.
Übereinstimmungen und Gemeinsamkeiten ergaben sich auch mit den von Jellinek (1960),
Schuckit (1985) sowie Glenn & Nixon (1991) vorgeschlagenen Klassifikationen.

Aufgrund der suchtanamnestisch erhobenen Daten müssen die als serotonerg- defizient
betrachteten und in der vorliegenden Arbeit als Typ "Zwei" bezeichneten weiblichen
Alkoholpatienten als eine Subgruppe mit schwerem Verlauf der Alkoholkrankheit
134
angesehen werden. Dieses Ergebnis ist als neu zu betrachten, da unseren Recherchen
zufolge erstmalig von einem Serotoninmangel auf einen schweren Krankheitsverlauf
bei alkoholabhängigen Frauen geschlossen wurde.
4.
Therapieerfolg
Anhand der katamnestisch gesammelten Daten wurde für die Patientinnen des Typs "Zwei"
(mit
schwerer
verlaufender
Alkoholabhängigkeit!)
jedoch
ein
insgesamt
besseres
Therapieergebnis festgestellt. Dieses äußerte sich in:

einer größeren Anzahl abstinent lebender Personen (über einen Zeitraum von 12 bis 18
Monaten nach qualifizierter Entzugsbehandlung) und einer höheren TherapieErfolgsquote. Nach den Dokumentationsstandards der DGSS benötigten weniger
Frauen des Typs "Zwei" im Katamnesezeitraum eine alkoholbedingte Behandlung;
weniger Patientinnen berichteten über einen Medikamentenabusus. Frauen des Typs
"Zwei" schätzten nach der Entzugsbehandlung ihren körperlichen Zustand als besser
und ihre soziale Einschränkung als geringer ein.
Das bessere Therapieergebnis der Frauen des Typs "Zwei" könnte durch das jüngere Alter
verbunden mit besserer Motivierbarkeit und vor allem stabilen, anhaltenden Abstinenzwillen
(trotz des im Vergleich höheren Anteils Nichtabstinentbereiter) sowie höherem Bildungs- und
beruflichem Niveau erklärt werden. Auf der anderen Seite waren Typ "Eins"- Patientinnen
durch höheres Alter und stärker ausgeprägte Vor- oder Begleitschäden gekennzeichnet, was
sich in einem vergleichsweise schlechteren Therapieergebnis äußern könnte.
135
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illness in 259 alcoholic probands. Arch Gen Psychiatry. 1970; 23: 104
142
8. Anhang
Abkürzungsverzeichnis
ADP / ATP
Adenosindiphosphat / Adenosintriphosphat
AES
Alkoholentzugssyndrom
Alk.- Patn.
(weibliche) Alkoholpatienten
ASPD
antisoziale Persönlichkeitsstörung
CDT
carbodefizientes Transferrin
CSF
Liquor cerebrospinalis
EU- Rente
Erwerbsunfähigkeits- Rente
GABA
Gamma- Aminobuttersäure
Gpt
Gigapartikel
KM / Km
Affinitätskonstante des Serotonintransporters
MALT
Münchner Alkoholismus- Test
MAO
Monoaminooxidase
MEAT
Münchner Evaluationsstudie zur Alkoholismustherapie
PFP
platelet free plasma
PRP
platelet rich plasma
PS
Persönlichkeitsstörung
SBS
Suchtberatungsstelle
SHG
Selbsthilfegruppe
Thr./ Thromb.
Thrombozyten
TRP
Tryptophan
VMAX / Vmax
Maximalgeschwindigkeit der Serotoninaufnahme
ZNS
ZENTRALNERVENSYSTEM
5-HIAA
5- Hydroxyindolaminessigsäure
5-HT / 5HT
Serotonin
5-HTOL
5- Hydroxytryptophol
143
Tabellen- und Abbildungsverzeichnis
Tabellen
Tab. 2.1
Zusammenfassung der Literaturangaben zum thrombozytären
Aufnahmeverhalten von Alkoholpatienten.
Tab. 5.1
Serotoningehalt und Serotoninaufnahme bei Alkoholpatientinnen und
Kontrollen.
Tab. 5.2
Serotonerge Befunde der Alkoholpatientinnen von Typ "Eins" und
Typ "Zwei".
Tab. 5.3
Zusammenfassung der anamnestisch erhobenen Befunde.
Tab. 5.4
Anzahl der erreichten Patientinnen von Typ "Eins" und Typ "Zwei".
Tab. 5.5
Suchtanamnestische Merkmale der Katamnese- Patientinnen.
Tab. 5.6
Zusammenfassung der katamnestischen Daten.
Tab. 5.7
Auswertung nach den Dokumentationsstandards 2 der DGSS.
Tab. 5.8
Berechnung der Therapie- Erfolgsquoten für die Katamnese- Patientinnen.
Tab. 6.1
Thrombozytäres Aufnahmeverhalten der eigenen Patientengruppe im
Literaturvergleich.
Abbildungen
Abb. 5.1
Thrombozytärer Serotoningehalt bei Alkoholpatientinnen und Kontrollen
Abb. 5.2
Thrombozytäre Serotoninaufnahme bei Alkoholpatientinnen und Kontrollen
Abb. 5.3
Thrombozytärer Serotoningehalt und –aufnahme bei gruppierten Alkoholpatientinnen und Kontrollen
Abb. 5.4
Thrombozytärer Serotoningehalt bei gruppierten Alkoholpatientinnen und
Kontrollen
Abb. 5.5
Thrombozytäre Serotoninaufnahme bei gruppierten Alkoholpatientinnen und
Kontrollen
Abb. 5.6
Maximalgeschwindigkeit Vmax und Bindungskonstante Km der
thrombozytären Serotoninaufnahme bei Alkoholpatientinnen und Kontrollen
Abb. 5.7
Lineweaver- Burk- Plot für Alkoholpatientinnen und Kontrollen
Abb. 6.1
Maximalgeschwindigkeit Vmax und Bindungskonstante Km der
thrombozytären Serotoninaufnahme bei Alkoholpatientinnen und Kontrollen –
Darstellung des Alkoholpatienten- Pulks.
144
Datenerfassungsbogen für suchtanamnestische Befunde
Pat.-Nr.:
……………
Geburtsdatum
Alter bei Aufnahme
……………
……………
Stat. Aufnahme am
Biochemische Untersuchung am
Differenz in Tagen
……………
……………
……………
(mindestens 14 Tage !)
Alkoholanamnese
Alter bei Alkoholerstkontakt
…………
Erster Vollrausch in der Kindheit
…………
Alter zu Beginn des Alkoholabusus
…………
Alter zu Beginn der Alkoholabhängigkeit
…………
Dauer des chron. Abusus einschl. Abhängigkeit
Dauer der Abhängigkeit
…………
…………
Erster ärztlicher Behandlungskontakt
Erste suchtspezifische Therapie
…………
…………
Frühere stationäre Entgiftung
Frühere Entwöhnungsbehandlung
Frühere psychiatrische Behandlung
Frühere (teil-) stationäre Behandlung
……………………………………





Trinkmenge in g / d
…………
Suchtmittel
Alkohol

Medikamente

illegale Drogen 
Nikotin

Psychiatrische Co-Morbidität

Familien - Alkoholanamnese
Vater
Mutter
Bruder / Schwester



Familiäre psychiatrische Anamnese

Großvater / Großmutter
Stiefvater / Stiefmutter
Onkel / Neffe



Soziale Anamnese
Schulabschluß
kein Abschluß
Volksschulabschluß (8.Klasse)
POS (10 Klassen)
(Fach-) Abitur




145
Berufsausbildung
keine / angelernt
Lehre
FA - Ausbildung
Hochschule
Jetzige berufliche Situation
vollbeschäftigt
Teilzeit
gelegentlich berufstätig
mithelfender Familienangehöriger
Hausfrau
Ausbildung / Umschulung
arbeitslos
Rentnerin
Lebt zusammen mit
allein in Privatwohnung
bei Eltern
mit Ehemann
mit Partner
nur mit Kindern
anderen
Partner
alkoholabhängig
Scheidung
neuer Partner - wieder Alkohol ?
Wohnsituation vor Aufnahme
Privatwohnung
betreutes Wohnen
Wohnheim für Suchtkranke oder
anderes therapeutisches Heim
Altenheim
ohne festen Wohnsitz
Justizvollzugsanstalt



























Psychiatrische Folgeschäden
Suizidalität
Alkoholentzugssyndrom
Prädelir
Delirium tremens
Alkoholhalluzinose
Entzugsanfall






Soziale Beeinträchtigung / Kriminalität infolge Alkohols
familiäre Konflikte
Abwesenheit von der Arbeit
Arbeitsplatzkonflikte / Entlassung wegen Alkohols
Dissozialität / Verwahrlosung
Schulden
Gefährdung des Straßenverkehrs / Führerscheinverlust
Erregung öffentlichen Ärgernisses / Beleidigung / üble Nachrede
Unterschlagung / Diebstahl
Sachbeschädigung / Hausfriedensbruch
SS - Abbruch / Kindesmißhandlung / Kindesentziehung
Körperverletzung
Brandstiftung












146
Laborwerte
ALAT / GPT
(Norm:
ASAT / GOT
(Norm:
-GT
(Norm:
GLDH
(Norm:
MCV
(Norm:
Thrombzytenzahl (Norm:
)
CDT
(im Verlauf betrachten !)
MALT - S
MALT -F
insgesamt
)
)
)
)
)
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
…………
………
………
………
Entlassung
Behandlungsdauer
Entlassungsart
reguläre Entlassung / Verlegung
Beurlaubung
Entweichung
Entlassung gegen ärztlichen Rat
Entlassung mangels Kooperation / Motivation
verstorben
Vorgesehene Weiterbehandlung
Anschluß - Entwöhnungsbehandlung
Verlegung zur sozialen Reha in ein Wohnheim
Antragstellung auf Entwöhnungsbehandlung
Hausarzt / Nervenarzt / Suchtberatungsstelle /
Selbsthilfegruppe / Betreutes Wohnen
………… (in Tagen)










Typeneinteilung
Jellinek
gamma
delta


Cloninger /
Knorring
Typ I
Typ II


Babor
Typ A
Typ B


Lesch
Typ 1
Typ 2
Typ 3
Typ 4




Datum: ………………
147
Katamnesefragebogen
1. In welcher Partnerschaftsform leben Sie überwiegend seit Ihrer Behandlung 199… ?
1
2
3
überwiegend allein
feste Beziehung
zeitweilige Beziehung(en)
2. Womit bestritten Sie seit Ihrem stationären Aufenthalt 199… vorwiegend Ihren Lebensunterhalt ?
1
2
3
4
5
6
7
Erwerbstätigkeit / Lohn / Gehalt
Arbeitslosengeld / -hilfe
Sozialhilfe
Rente / Pension
Unterstützung durch Angehörige / Partner
trifft nicht zu, da z.B. im Heim wohnend
sonstiges, und zwar: ………………………
3. Wo haben Sie seit der Behandlung 199… überwiegend gewohnt ?
1
2
3
4
5
6
7
8
in eigener Wohnung / Miete / Untermiete
bei Angehörigen
betreutes Wohnen
Nachsorge- / Übergangseinrichtung für psychisch Kranke oder Behinderte
Wohnheim für Abhängige
Altenheim
wohnungslos
sonstiges, und zwar: ……………………
4. Wie waren Sie generell mit Ihrer Lebenssituation (Partnerschaft, Beruf, Wohnung, etc.) zufrieden ?
sehr zufrieden
1
2
3
4
5
sehr unzufrieden
5. Sind Sie nach Ihrer Behandlung 199… mit dem Gesetz in Konflikt geraten ?
1
keine Verurteilung
2
Fahren unter Alkohol, Führerscheinverlust
Verurteilung wegen:
3
Beschaffungskriminalität
4
Straftaten unter Alkoholeinfluß
5
Verstoß gegen Betäubungsmittelgesetz
6
sonstiger Delikte (suchtmittelunabhängig)
6. In welcher anschließenden ambulanten Weiterbetreuung befanden / befinden Sie sich ?
keine
Hausarzt / Nervenarzt
Suchtberatungsstelle
Selbsthilfegruppe
Betreuer / -in
betreutes Wohnen
zur Zeit
 10
 20
 30
 40
 50
 60
nach Behandlung
 11
 21
 31
 41
 51
 61
Dauer (bis wann ?)
………
………
………
………
………
………
148
7. Hatten Sie nach Ihrer Behandlung 199… Antrag auf eine Entwöhnungsbehandlung gestellt ?
1
2
3
4
5
6
nein
bereits während der stationären Behandlung
nach der stationären Behandlung, ohne Rückfall
erst nachdem ich wieder getrunken hatte
nachdem mein Partner / meine Arbeitsstelle mich dazu bewegten
nach erneuter stat. Behandlung (Entgiftung, alkoholbedingte körperliche Störungen)
8. Haben Sie an einer stationären Entwöhnungsbehandlung teilgenommen ?
1
2
2a 
2b 
2c 
nein
ja, von …………… bis …………… in ……………………
regulär beendet
selbst abgebrochen
vorzeitig / disziplinarisch entlassen
9. Versuchen Sie sich bitte an die Art und Anzahl der alkoholbedingten Behandlungen nach 199… zu erinnern !
- Anzahl ambulanter Rückfallsbehandlungen
 13
- Anzahl stationärer Entgiftungen (in einer Klinik, bis zu 1 Woche)
- Anzahl mehrwöchiger Krisen- oder Rückfallsbehandlungen
- mehrmonatige stationäre Entwöhnungsbehandlung (Langzeit-Reha)
- Anzahl der Behandlungen in einer Klinik im Zusammenhang mit
alkoholbedingten Folgeerkrankungen (Chirurgie, Innere, HNO, ...)
- Anzahl der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen
- Langzeitaufenthalt in einem Wohnheim für Suchtkranke
keine
eine
 10
zwei
 11
mehr
 12
 20
 30
 40
 21
 31
 41
 22
 32
 42
 23
 33
 43
 50
 60
 70
 51
 61
 71
 52
 62
 72
 53
 63
 73
10. Wie sah Ihr Trinkverhalten nach Ihrem stationären Aufenthalt 199… aus ?
1
2
3
4
5
seitdem abstinent = kein Schluck Alkohol / Bier
mehrere kurze Rückfälle (bis 3 Tage)
ein längerer Rückfall
mehrere längere Rückfälle (mit längeren Pausen)
quasi durchgängiges trinken (nur kurze Pausen)
11. Vergleichen Sie Ihr Trinkverhalten nach der Behandlung 199… mit dem davor ?
1
2
3
4
trifft nicht zu, da ich nicht trinke
ich trinke heute mehr
ich trinke heute genauso viel
ich trinke heute weniger
12. Sind Sie momentan trocken ?
1
2
3
4
nein
seit mindestens 4 Wochen
seit mindestens 1 Jahr
seit der stationären Behandlung
149
13. Wann tranken Sie nach der Behandlung 199… Ihren ersten Schluck Alkohol ?
1
2
3
4
5
6
trifft nicht zu, da ich nicht trinke
bereits während der Behandlung
sofort nach Beendigung der Behandlung
innerhalb des ersten Monats nach Behandlung
innerhalb von 6 Monaten nach Behandlung
später, und zwar: …………………………
14. Wieviel Zigaretten täglich haben Sie geraucht / rauchen Sie ?
vor der Behandlung
direkt danach
zu Zeit
keine
 10
 20
 30
bis zu 7
 11
 21
 31
bis zu 20
 12
 22
 32
bis zu 40
 13
 23
 33
über 40
 14
 24
 34
15. Wie oft nahmen Sie seit Ihrer Behandlung 199… Medikamente bzw. Drogen ?
kurzfristig
(probiert)
nie
Opiate (Morphin, Tramadol,
Codein, Tramal, Valoron N, ...)
Analgetika (Aspirin, ASS, Spalt,
Thomapyrin, Rewodina, Copyrkal, ...)
Hypnotika / Sedativa (Schlafmittel,
Beruhigungsmittel, Antidepressiva, ...)
Benzodiazepine (Angstlöser,
Radedorm, Rudotel, Faustan)
Amphetamine (Aufputschmittel,
Appetitzügler, ...)
Drogen (Kokain, Haschisch, ...)
“Genußmittel"
(Cola, Kaffee, Schwarztee, ...)
andere Medikamente,
und zwar: ..................................
etwa 12x im
Monat
etwa 12x pro
Woche
täglich
(weniger als
2-3 Monate)
täglich
(über 6
Monate)
10
11
12
13
14
15
20
21
22
23
24
25
30
31
32
33
34
35
40
41
42
43
44
45
50
51
52
53
54
55
60
61
62
63
64
65
70
71
72
73
74
75
80
81
82
83
84
85
16. Fühlen Sie sich durch körperliche Krankheiten in Ihrer Lebensführung beeinträchtigt ?
1
2
3
4
trifft nicht zu, da ich keine körperlichen Beschwerden habe
nur geringfügig beeinträchtigt
merklich beeinträchtigt
erheblich beeinträchtigt
17. Erlitten Sie seit dem stationären Aufenthalt:
1
2
3
epileptische Anfälle, Anzahl ......
Delire, Anzahl ……
trifft nicht zu
18. Bitte vergleichen Sie die gesundheitlichen Folgen Ihres Trinkverhaltens nach der Behandlung mit denen
150
davor!
1
2
3
4
trifft nicht zu, da ich nicht trinke
geringere Folgen
gleiche Folgen
schwerwiegendere Folgen
19. Bitte vergleichen Sie die sozialen Folgen Ihres Trinkverhaltens nach dem stationären Aufenthalt
mit denen davor (z.B. familiäre, berufliche Probleme, Arbeitsplatzverlust, Führerscheinverlust) !
1
2
3
4
keine Folgen, da ich nicht mehr trinke
geringere Folgen
gleiche Folgen, kein Unterschied zur Zeit vor der Behandlung
schwerwiegendere Folgen
20. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem seelischen Gesundheitszustand ?
sehr zufrieden
1
2
3
4
5
sehr unzufrieden
21. Haben Sie seit der Behandlung versucht, sich das Leben zu nehmen ?
1
2
3
nein
ja, einmal
ja, mehrmals
151
Lebenslauf
Persönliche Daten:
Alexander Fischer
Geboren am 28.08.1975 in Jena
Schulbesuch:
1982 – 1990
Polytechnische Oberschule Kahla
1990 – 1994
Reichwein-Gymnasium Jena
1994
Abiturprüfung
Studium:
1994 – 2001
Studium der Humanmedizin an der
Friedrich-Schiller-Universität Jena
1996
Ärztliche Vorprüfung
1997
Erster Abschnitt der Ärztlichen Prüfung
2000
Zweiter Abschnitt der Ärztlichen Prüfung
2001
Dritter Abschnitt der Ärztlichen Prüfung
Jena, den 06. November 2001
152
Ehrenwörtliche Erklärung
Hiermit erkläre ich, daß mir die Promotionsordnung der Medizinischen Fakultät der FriedrichSchiller-Universität bekannt ist,
ich die Dissertation selbst angefertigt habe und alle von mir benutzten Hilfsmittel,
persönlichen Mitteilungen und Quellen in meiner Arbeit angegeben sind,
mich folgende Personen bei der Auswahl und Auswertung des Materials sowie bei der
Herstellung des Manuskripts unterstützt haben: Prof. Dr. med. H. Sauer,
OÄ Dr. med. U. Bauer, Prof. Dr. H. Kluge sowie Dr. med. M. Bolle,
die Hilfe eines Promotionsberaters nicht in Anspruch genommen wurde und daß Dritte weder
unmittelbar noch mittelbar geldwerte Leistungen von mir für Arbeiten erhalten haben, die im
Zusammenhang mit dem Inhalt der vorgelegten Dissertation stehen,
daß ich die Dissertation noch nicht als Prüfungsarbeit für eine staatliche oder andere
wissenschaftliche Prüfung eingereicht habe und
daß ich die gleiche, eine in wesentlichen Teilen ähnliche oder eine andere Abhandlung nicht
bei einer anderen Hochschule als Dissertation eingereicht habe.
Jena, den 06.November 2001
153
Danksagung
Mein Dank gilt Herrn Prof. Dr. H. Sauer, der mir die vorliegende Arbeit als Promotionsthema
zur Verfügung gestellt hat.
Besonders herzlich möchte ich mich bei Frau OÄ Dr. U. Bauer und Herrn Prof. Dr. H. Kluge
bedanken, welche mir wertvolle Anregungen und Hilfestellungen gaben.
Mit Rat und Tat stand mir Herr Dr. M. Bolle zur Seite, der stets ein offenes Ohr für meine
Probleme hatte. Über die fachliche Zusammenarbeit ist er zu einem guten Freund geworden.
Vielen Dank, Michael!
Bedanken möchte ich mich auch bei Frau Venth und Frau Märkner, die mich in die
Laborarbeit eingeführt haben, sowie bei den beiden Damen aus dem Archiv, die mir
freundlich und entgegenkommend Zugang zu den Patientenakten im Archiv ermöglichten.
Jena, den 06.November 2001
154
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