Abschied von einer Idylle

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[Vortrag, gehalten am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg,
18.6.2008]
Armin Strohmeyr
Der arme Poet  Abschied von einer Idylle
Vor kurzem erreichte mich per E-Mail der Hilferuf eines Studenten. Ich erlaube mir,
ihn zu zitieren, freilich ohne Namensnennung:
„Sehr geehrter Herr Strohmeyr,
ich möchte mich zutiefst entschuldigen, Sie "einfach so" anzuschreiben. Aber ich
befinde mich in einer Notlage. Als BWL-Student (2. Semester), denke ich über einen
Wechsel nach, zur Germanistik und/oder Philosophie, da mir diese mehr liegen. Auf
keinen Fall will ich allerdings Lehrer werden und sehe wenig Perspektiven für
Germanisten, außer als Journalist (nicht selten auch unterbezahlt, außerdem mir
persönlich fast schon zu unkreativ) oder Lektor (davon gibt's nur wenige Stellen).
Nun stieß ich auf ihren Vortrag, der am 18. Juni stattfinden soll, und dem Titel nach
mein Dichterbild verändern würde. Ich studiere BWL, weil ich dachte, dass ich vom
Dichten nie leben könnte. Langsam sehe ich es ein, dass BWL zu studieren, nur um
Geld zu verdienen und weil man Interesse an Wirtschaft hat, nicht ausreicht. Man
braucht eine Leidenschaft, wie ich sie für Gedichte und Geschichten mitbringe.
Leider kann ich unmöglich am 18. Juni da sein und muss außerdem meine
Entscheidung zur Bewerbung für Germanistik vorher getroffen haben, um nächstes
Semester gleich einzusteigen. Wäre es Ihnen möglich, mir - auch ganz kurz nur, das
reicht mir schon - zu sagen, welche Perspektiven sie für den "Poeten" (Ich schreibe
im Moment Gedichte und Theaterstücke) denn sehen?
Ich wäre Ihnen unendlich dankbar.“
Weil ich ein mitleidiger und meist auch hilfsbereiter Mensch bin, antwortete ich dem
jungen Mann sofort, per E-Mail und recht ausführlich. Ich warnte ihn darin vor einem
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unüberlegten Schritt und schilderte ihm in groben Zügen die Schwierigkeiten des
Daseins als „freier Autor“. Ich tat das, ohne zu übertreiben, aber auch ohne zu
beschönigen. Eine Antwort-Mail blieb jedoch aus. Das Wörtchen „Danke“ auch. Sollte
ich den jungen Mann entsetzt haben? Oder war er vielleicht enttäuscht, nicht das von
mir gehört zu haben, was er gerne hätte hören wollen? Es bleibt ein Geheimnis.
Sie haben sicherlich die Ankündigung zu diesem Vortrag gelesen. Der Titel:
„Der arme Poet  Abschied von einer Idylle“
ist gleichermaßen ironisch wie ernst gemeint.
Ironisch in dem Sinne, als das heutige Autorendasein nichts mehr mit dem Dasein
eines Poeten der bürgerlichen Zeit zu tun hat (und bereits Spitzweg, auf dessen
bekanntes Gemälde hier angespielt wird, hat das idyllische Poetendasein ja ironisiert
und als Lüge entlarvt). Ernst im dem Sinne, als von einer Idylle in einem poetischen
Kuhschnappel, um ein Jean Paulsches Wort zu gebrauchen, nie die Rede sein
konnte  heute jedoch noch weniger als in früheren Zeiten.
Wenn ich Ihnen heute über mein Dasein als freier Autor und über meine
Anschauungen über die Rolle eines Germanisten, der als freier Autor sein Brot
verdient, in der Gesellschaft darlege, so hegen diese Ausführungen keinen Anspruch
auf Allgemeingültigkeit. Meine Erfahrungen sind persönlich. Andere Autoren haben
im einzelnen andere Erfahrungen, vielleicht auch einen anderen beruflichen und
literarischen Werdegang hinter sich. Aber es sind eben Erfahrungen, und als solche
hoffentlich auch Ihnen wertvoll. Denn ich weiß, dass die beruflichen Wünsche und
Aussichten von Germanistikstudenten höchst different und diffus sind. Und ich
vermute, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch hier unter Ihnen
der eine / die eine oder andere ist, der / die selbst schreibt und mit einem Dasein als
Schriftsteller liebäugelt.
Die Wege zum Dasein als „freier Autor“ sind verschieden, die Voraussetzungen
auch. Mein Weg ist individuell, aber nicht untypisch, wie mir scheint. Deswegen
möchte ich Ihnen meinen Weg etwas ausführlicher skizzieren:
Ich bin in einer Kleinstadt bei Augsburg aufgewachsen, besuchte dort das
Gymnasium / neusprachlicher Zweig, und wechselte in der Kollegstufe an ein
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humanistisches Gymnasium in Augsburg, weil ich dort den Leistungskurs Musik
belegen konnte. Der andere Leistungskurs war übrigens nicht Deutsch, sondern
Latein.
„Non scholae, sed vitae discimus“, so paukte es uns unser Lateinlehrer, ein fast 70jähriger Benediktinerpater, ein. Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen
wir.
Dem widerspreche ich in Teilen, Zumindest zu meiner Schulzeit war der Lehrstoff
noch sehr realitätsfern. Wenn ich mir betrachte, wie die Schüler heute bereits
Betriebspraktika ablegen müssen, so halte ich das für sinnvoll und notwendig.
Ich machte also das Abitur an einem humanistischen Gymnasium, ohne dass ich ein
Wort Griechisch gelernt hatte, und ohne dass jemand nach meinen
Französischkenntnissen krähte.
Den Leistungskurs Latein indes legte ich nicht ohne Interesse ab, doch ohne
Herzblut. Etwa mit siebzehn Jahren  vergleichsweise spät  wurde ich von einer
schönen Krankheit infiziert  dem Lesen. Ich las, was ich in die Finger bekam.
Grimmelshausen und Goethe, Fontane und Turgenjew, Emily Brontë und Flaubert,
Ingeborg Bachmann und Siegfried Lenz, Walther von der Vogelweide und Reiner
Kunze. Querbeet durch die Zeiten und Kulturen, nach Möglichkeit auch in der
Originalsprache. Ich las mir einen reichen Schatz an, von dem ich zum Teil bis heute
zehre. Später wird man als Leser wählerischer, kritischer, wie ein Gourmet, der sich
auch nicht mehr mit jeder Currywurst zufrieden gibt. Aber ich las auch
hingebungsvoller, ausgelieferter. Das Gehirn konnte einfach noch mehr aufnehmen,
und das Herz verlangte nach den Schicksalen verwandter Seelen.
Ich las bis zum körperlichen Zusammenbruch. Im Zivildienst klappte ich einmal des
Morgens zusammen, weil ich nächtelang Dostojewski gelesen hatte und das
Schlafen als unnötig erachtet hatte.
Nach dem Zivildienst begann ich an der Universität Augsburg zu studieren.
„Irgendwas mit Büchern“ hatte der junge Heinrich Böll einmal seinen Eltern auf deren
besorgte Frage, was er denn werden wolle, geantwortet.
Mir ging es ähnlich. Unbekümmert um die Zukunft  Veranstaltungsreihen wie diese
hier gab es damals an der Uni noch nicht  studierte ich also: Neuere Deutsche
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Literaturwissenschaft im Hauptfach, französische Literaturwissenschaft und
Musikwissenschaft in den Nebenfächern. Außerdem besuchte ich viel und gern
Vorlesungen der deutschen Literatur des Mittelalters.
Ich schloss mein Studium mit dem Grad des Magister Artium ab, der bereits damals,
1992, nicht mehr hoch angesehen war, und wusste immer noch nicht so recht, wohin
mit mir und meinem weiteren Leben.
Da kam mir der Zufall zu Hilfe: Ich war bereits mit Gedichten in der Augsburger
Öffentlichkeit zutage getreten, hatte auf diese Weise auch einen älteren Herrn
kennengelernt, der in der Augsburger literarischen Szene recht bekannt war und
dennoch von seinen Gedichten und Erzählungen, die er seit den frühen Fünfziger
Jahren veröffentlichte, nicht leben konnte. Er verdiente sein Brot bei der Augsburger
Zeitung, der „Augsburger Allgemeinen“, genauer gesagt als Redakteur eines
Jahrbuchs, des „Schwäbischen Hauskalenders“.
Gesundheitlich angeschlagen, ging er in Frühpension und legte für mich bei der
Geschäftsleitung ein gutes Wort ein. Meine Bewerbung wurde also wohlgefällig
aufgenommen und angenommen. Seit Januar 1993 führte ich als Redakteur einer 1Mann-Redaktion diesen Hauskalender. Anders als mein Vorgänger war ich jedoch
nicht 12 Monate im Jahr beschäftigt, sondern nur 8. Mir kam das damals entgegen,
weil ich in den übrigen vier Monaten des Jahres an meiner Dissertation schrieb. Im
Grunde jedoch wurde damals bereits von der Geschäftsleitung die Schraube
angezogen. Warum nicht aus einem Arbeitnehmer in zwei Dritteln der Zeit das
gleiche Resultat verlangen, bei weniger Bezahlung? Vier Monate im Jahr war ich also
beim Arbeitsamt arbeitslos gemeldet, und hoffte, nichts anderes angeboten zu
bekommen, um ungestört an meiner Doktorarbeit basteln zu können.
So brachte ich fünf Jahrgänge des Schwäbischen Hauskalenders zustande, zuletzt
mit einer Auflage von 46.000 Exemplaren, Tendenz steigend. Zudem legte ich meine
Dissertation vor und absolvierte die mündliche Doktorprüfung. Tags darauf
verkündete mein neuer Chef  er kam als Manager von der Deutschen Lufthansa
und glaubte nun auch in der Augsburger Allgemeinen durchstarten zu können , er
habe sich meinen Posten und den des Hauskalenders durchgerechnet und sei der
Meinung, ich käme der Firma zu teuer. Von meiner alljährlichen partiellen
Arbeitslosigkeit war nicht die Rede. Mir wurde gekündigt. Das fast 50-jährige
Traditionsprodukt des Schwäbischen Hauskalenders eingestampft  trotz der vielen
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Proteste der Leserschaft, die man nur zynisch lächelnd abtat. Peanuts in einem der
größten Medienkonzerne Deutschlands.
So stand ich also mit meiner frisch „gebackenen“ Doktorwürde arbeitslos da. Ich
schrieb Bewerbungen an Verlage und Zeitungen  erfolglos. Geriet auch an äußerst
skurrile Gestalten, die es wert wären, in einem Roman verwurstet zu werden: Ein
Verleger in Berlin, mit dem ich ein Bewerbungsgespräch führte, meinte nach
vierstündigem Monolog, in dem er seinen Werdegang stilisierte und seine Bücher
anpries, die er machen wolle, und die sich mehr und mehr als Traktate eines wirren
Möchtegern-Gurus herausstellten, meinte also auf meine Frage nach dem Gehalt
erstaunt, er könne mir kein Geld bezahlen, und ich solle doch für die erste Zeit bei
Freunden unterkriechen, meine Möbel irgendwo unterstellen, alles andere würde sich
dann schon fügen.
Ein anderer Verleger, dessen Verlagsräume in einem großbürgerlichen Palais in
Berlin-Charlottenburg untergebracht waren, empfing mich zum Vorstellungsgespräch.
Er edierte u. a. die kommentierte Werkausgabe eines expressionistischen Dichters 
mit staatlichen Fördermitteln. Er gestand recht offen, dass er sich eigentlich nur am
Rande um den Verlag kümmere. Die meiste Zeit des Jahres sei er auf seiner Yacht
an der Côte d’Azur, seine Studenten, die als Praktikanten bei ihm arbeiteten (also
Menschen wie Sie!) würden den Betrieb am Laufen halten.
Berlin war also kein leichtes Terrain, Augsburg hingegen ödete mit seiner
Kleingeistigkeit an. Der Gedanke an eine Freiberuflichkeit gewann immer mehr
Kontur, zumal ich bereits seit einigen Jahren als freier Autor für den Bayerischen
Rundfunk tätig war und mir diese Arbeit immer mehr Spaß bereitete. Außerdem
führte ich zwei Jahre lang einen Kleinstverlag, in dem ich neben eigenen
Lyrikbänden auch die Werke zweier vergessener Dichter herausgab, nämlich der
jüdische Dichterin Hedwig Lachmann und des Expressionisten Oskar Schürer.
Ich entschied mich also zum Weggang aus Augsburg und zum Hingang nach Berlin.
Das war im Mai 1998, vor exakt zehn Jahren. Ich beantragte beim Verband der
Schriftsteller Berlin-Brandenburg die Mitgliedschaft, die mir aufgrund meiner
sporadischen Tätigkeit als freier Autor beim Bayerischen Rundfunk auch bewilligt
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wurde und beantragte die Aufnahme in den Versicherungsschutz der
Künstlersozialkasse. Eine Wohnung war gemietet, mein Schreibtisch stand, der PC
funktionierte. Ich war also „freier Autor“. So einfach geht das!
Die ersten zwei Jahre jobbte ich noch nebenher, seit etwa acht Jahren lebe ich
ausschließlich vom Schreiben und der Verwertung des Geschriebenen. Das ist nicht
selbstverständlich. Darauf werde ich später noch zu sprechen kommen.
Meine Tätigkeitsfelder sind vielfältig und umfangreich:
In diesen zehn Jahren schrieb ich an die 80 Hörbilder und Features für öffentlich
rechtliche Rundfunksender, darunter für den Bayerischen Rundfunk, den
Südwestrundfunk, den Hessischen Rundfunk, den Norddeutschen Rundfunk, für den
Rundfunk Berlin-Brandenburg. Ich veröffentlichte außerdem Aufsätze in diversen
Publikumszeitschriften.
Ich publizierte Biographien in großen Publikumsverlagen: über Klaus Mann, Klaus
und Erika Mann, Annette Kolb, George Sand, Die Frauen der Brentanos, Sophie von
La Roche, und zuletzt die Porträtsammlung „Verlorene Generation“. Daraus werde
ich im zweiten Teil der Veranstaltung noch ein paar Seiten lesen.
Außerdem erschien 2006 ein Lyrikband unter dem Titel „Jelängerjelieber“, der von
führenden Lyrikern wie Albert von Schirnding, Kathrin Schmidt, Kerstin Hensel und
Doris Runge Lob und Anerkennung erhielt.
Ich schrieb Theaterstücke für ein in Berlin tätiges Figurentheater (Schattenspiel).
Zur Zeit suche ich einen Verlag für einen fertigen Roman. Nächstes Jahr wird von
einem in Bayern lebenden Schauspieler mein Theatermonolog "Der Mitgeher“
uraufgeführt werden. Ich arbeite derzeit an einem weiteren Roman, der zu drei
Vierteln abgeschlossen ist. Und ich stehe mit Verlagen über zwei neue Sachbücher
in Verhandlung.
Außerdem gab und gebe ich Seminare in der Erwachsenenbildung, u. a. in der
Schwabenakademie Kloster Irsee / Allgäu und landauf landab Lesungen und
Vorträge, wie auch heute hier in Heidelberg.
Es ist also leicht, freier Autor zu werden, schwieriger sich durchzusetzen.
Doch die Frage ist zunächst einmal: Was ist ein freier Autor?
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Ein Autor ist ein Urheber, und nach dem Urhebergesetz als solcher definiert und
rechtlich abgesichert.
Das Beiwort „frei“ suggeriert „Freiheit“. Eine Initiative für das Freiberuflertum warb vor
kurzem mit Plakaten, auf denen vollmundig versprochen wurde: „Arbeite, wo du
willst, wann du willst, wie du willst.“ Das ist schlicht Unsinn.
Die Freiheit des freien Autors wie überhaupt des Freiberuflers besteht nicht in der
Freiheit von etwas, sondern in der Freiheit zu etwas. Das beinhaltet Verantwortung
und Disziplin. Verantwortung vor den Auftraggebern, Disziplin im Selbstmanagement.
Der freie Autor ist aber auch verantwortlich für das, was er von sich gibt. Im Falle
inhaltlicher Fehler, schlechter Kritiken oder auch nur eines Missverständnisses ist
grundsätzlich der Autor schuld, nicht die Umstände, unter denen er zu arbeiten
gezwungen ist.
Der freie Autor hat kein Sicherungsnetz. Er ist frei zur Selbstverantwortung und ist für
alles selbst verantwortlich.
Dies fängt bereits im Tagesablauf an. Bisweilen erhielt ich Anrufe von Leuten, die
mich noch nicht so gut kannten, vormittags um halb neun. Die ganz erstaunt fragten,
ob ich denn zu so früher Stunde schon erreichbar sei? Nun kann man sich fragen,
weshalb jemand anruft, wenn er ohnehin nicht erwartet, den Gesprächspartner zu
erreichen? Ein Kontrollanruf? Oder reiner Sadismus, einen faul à la Spitzweg in den
Federn liegenden Poeten gehörig aufzuschrecken? Es bleibt ein Rätsel.
Nein, gewöhnlich sitze ich morgens um halb neun bereits am Schreibtisch. Die
Vormittagsstunden sind mir die wichtigsten, eben weil man noch nicht so viel
„gestört“ wird wie etwa am Nachmittag, wenn auch die Redaktionen zu Leben
erwacht sind.
Mein Arbeitstag teilt sich meist in drei Blöcke: vormittags 3 bis 4 Stunden, nach der
Mittagspause wiederum etwa 2 bis 3 Stunden, nach einem nachmittäglichen
Spaziergang, der auch Erledigungen dient, wiederum etwa zwei bis drei Stunden  je
nach Auftragslage und Termindruck.
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Mein Arbeitstag umfasst also je nachdem zwischen 7 und 9 Stunden, in
Spitzenzeiten auch bis zu elf Stunden.
Meine Arbeitswoche hat gewöhnlich 6 Tage. Von einer 5-Tage-Woche, gar von einer
35-Stunden-Woche, kann ich  obschon selbst in der Gewerkschaft Ver.di organisiert
 nur träumen.
Wenn der Abgabetermin eines Buches ansteht, kann es auch vorkommen, dass ich
über 3 oder 4 Monate hinweg auch eine 7 Tage-Woche habe, die Stundenzahl mag
ich besser gar nicht ausrechnen.
Die Gewerkschaft Ver.di hat übrigens einmal ausgerechnet, dass der
durchschnittliche Stundenlohn eines freien Autors etwa 2,30 Euro beträgt. Für so
wenig Geld würde eine Putzfrau ihren Feudel allenfalls scheel anschauen, ein
Müllarbeiter würde die Abfalltonne aus Erbosung gleich im Vorgarten des Anwesens
auskippen.
Wie sieht nun die tägliche Arbeit aus? Keineswegs schreibe ich täglich 7 oder 9
Stunden an einem Text. Vielmehr beginnt der Arbeitstag mit Büroarbeiten. Etwa 2 bis
3 Stunden täglich sind dafür zu veranschlagen. Ein freier Autor ist ja frei von allen
Zulieferern und Mitarbeitern, frei von einer Sekretärin, frei von studentischen
Hilfskräften.
Neue Projekte sind zu überlegen, wobei man, was etwa Gedenktage und Jubiläen
anbelangt gemeinhin bis zu 4 Jahre vorausschauen und -planen muss. Exposés sind
zu schreiben. Gemeinhin erhält man heute auf Angebote nur selten eine Antwort,
was aber nicht heißen soll, dass kein Interesse besteht. Das „Pflichtgefühl“
gegenüber dem Brief- oder Mail-Schreiber hat ganz offensichtlich abgenommen. Das
ändert nichts daran, dass der freie Autor eine Antwort haben will, und sei es nur eine
abschlägige. Also muss nach geraumer Zeit, etwa 4 bis 6 Wochen nach der
Absendung eines Briefes oder Exposés, gewöhnlich telefonisch nachgefasst werden.
Redakteure sind oft schlecht zu erreichen, in den Vorzimmern sitzen bisweilen
freundlich Sekretärinnen, die nie wissen, wo sich ihr Chef gerade befindet, oder auch
Zerberusse, die sich von den Zuträgern ihrer Redaktionen belästigt statt umworben
fühlen. So kann es durchaus mal sein, dass man eine Woche lang jemanden zu
erreichen sucht, bis man ihn endlich an der Strippe hat und er behauptet, das
Exposé sei nicht eingegangen, offensichtlich auf dem Postweg verloren gegangen.
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Oder aber, man habe es wegen Überlastung noch nicht zur Kenntnis nehmen
können etc. etc.
Viele dieser Kontaktaufnahmen sind nicht von Erfolg gekrönt. Einige aber doch. Und
auf diese wenigen kommt es an. Man tut die abschlägigen Antworten zu den
möglichen Kontakten für die Zukunft. Im Gespräch und in der Erinnerung bleiben ist
alles. Die „erfolgreichen“ Akquisen sind dann erst der Anfang dessen, was sich
irgendwann in einem Haben-Betrag auf dem Girokonto wiederfindet. Es muss mit
dem Redakteur abgesprochen werden, inwiefern die inhaltliche Richtung, die das
Exposé vorgibt, in Ordnung geht, oder aber andere Schwerpunkte, andere
Ausrichtungen eines Beitrags gewünscht sind. Die Länge wird genau festgesetzt, bei
Büchern auf die Seite genau, bei Zeitschriftenbeiträgen und Rundfunksendungen auf
das Zeichen bzw. die Sendeminute genau. Die Redakteure wünschen nicht mit
Kürzungen belangt zu werden. Auch das ist Aufgabe des Autors.
Auch wird der Abgabetermin festgesetzt. Wird er nicht eingehalten, kann das das
Ende einer Zusammenarbeit bedeuten. Kann ein Beitrag nicht zu dem festgesetzten
Termin erscheinen, und trägt der Autor die Schuld daran, besteht kein Anspruch auf
Honorierung, evtl. gezahlte Vorschüsse müssen zurückerstattet werden.
Zudem sind im Vorfeld Pressenotizen und Klappentexte zu formulieren, für
Programmzeitschriften, für Verlagsvorschauen, für Presseleute und Verlagsvertreter.
Ist ein Buchmanuskript abgeliefert, und sitzt man gewöhnlich schon am nächsten
Projekt, kommen irgendwann die Korrekturfahnen, manchmal ein Packen von
mehreren hundert Seiten, die dann innerhalb von 1 Woche „schnellschnell“
durchgearbeitet werden müssen, nicht nur auf Tippfehler, sondern auch auf Stilistik
und teils noch inhaltlich. Mein letztes Weihnachtsfest habe ich übrigens so
zugebracht.
Autoren können im Normalfall nicht von den Honoraren aus ihren Publikationen
leben. Sie sind gezwungen, zu Lesetouren aufzubrechen. Das ist wichtig für die
Publicity der Person aber auch eines Buches, und es bringt Lesehonorare ein, die
ein Standbein von mehreren darstellen, und nicht das unwichtigste Standbein. Auch
hier darf man von Verlagsseite eher wenig erwarten. Die sind personell dafür einfach
nicht gerüstet.
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Ich habe für mein jüngstes Buch "Verlorene Generation" etwa 25 Lesungen
vereinbart, mehr als doppelt so viele als bei den vorhergehenden Büchern. Dazu
schrieb ich selbst Buchhändler und Veranstalter an, die ich bereits von früheren
Lesungen her kenne, und telefonierte  das übliche Spiel  etwa vier Wochen später
überall hintennach. Klinkenputzen nannte man das früher, Akquise heißt es
neudeutsch. Etwa drei Viertel der Lesungen konnte ich selbst vereinbaren, das vierte
Viertel wurde von einer Agentin eingefädelt, bei der ich seit kurzem unter Vertrag
stehe, und die ich natürlich selbst von meinen Honoraren bezahlen muss. Übrigens
war die Dame anfänglich etwas geknickt, weil ich im erfolgreichen Aushandeln ihre
„Quote“ bei weitem überflügelte.
Sind Lesungen mündlich vereinbart, wird ein Vertrag verschickt. Dann geht es ans
Organisieren: Der Veranstalter wünscht Plakate vom Verlag (der Autor muss dort
anrufen und erinnern), der Veranstalter wünscht einen Pressetext und ein
Autorenfoto (schickt der Autor zu), es müssen Fahrkarten gekauft und Hotels
organisiert werden, manchmal sind auch noch Absprachen nötig mit Musikern oder
Schauspielern, die die Lesung mitgestalten.
Kommt man von einer Lesetour zurück (allein im Mai dieses Jahres fuhr ich zu 7
Lesungen etwa 3.000 Kilometer durchs Land), sind Rechnungen zu schreiben. Und
manchmal muss man auch nach der Stellung der Rechnung nachhaken und alles
kontrollieren, bis das liebe Geld endlich, endlich auf dem Girokonto eingetrudelt ist.
Das liebe Geld. Ein Hauptnoblem des „freien Autors“.
Im Dezember 2007 erschien eine Presseinformation des Verbands deutscher
Schriftsteller Berlin-Brandenburg. Ich zitiere daraus:
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Nicht nur immer mehr Autoren können von ihrer Arbeit nicht leben, auch immer mehr
Autoren sind registriert. Das mag mit der wachsenden Zahl von Leuten (auch
Germanisten!) zusammenhängen, die in den „klassischen“ Berufsfeldern wie
Journalistik, Verlag, Pressearbeit, nicht mehr unterkommen. Nach dem jüngsten
Bericht der Verwertungsgesellschaft Wort  sie verwaltet die „Ausschüttung“ von
Abgaben, zu denen „Verwerter“ von geistigem Eigentum verpflichtet sind  betrug
2007 die Zahl der wahrnehmungsberechtigten Autoren in Deutschland ca. 130.000.
Noch vor zahn Jahren waren es rund 85.000. Das entspricht einem Zuwachs
innerhalb von 10 Jahren von rund 50 %. Hingegen sind die
Veröffentlichungsmöglichkeiten in den Bereichen Hörfunk und Fernsehen, Zeitung
und Zeitschriften stark zurückgegangen, nicht zuletzt durch Sparmaßnahmen und
Rationalisierung. Der Konkurrenzkampf zwischen den Autoren nimmt also eklatant
zu.
Das mediale Leben hat sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren stark verändert. Zu
mancherlei Fortschritt und Nutzen. Aber auch zu vieler Schaden. Vor allem zu
Schaden des „klassischen“ freien Autors, des Schriftstellers.
Öffentlich rechtliche Rundfunkanstalten  zunächst Hörfunk, später auch das
Fernsehen  waren seit den frühen 50er Jahren eine Haupteinnahmequelle von
Autoren. So mancher Schriftsteller, der sich bei der Kritik als Lyriker oder
Romanautor einen Namen machte, konnte nicht vom Absatz seiner Bücher leben,
sondern von Lesungen im Rundfunk, von Hörspielen und Verfilmungen seiner
Werke. Die öffentlich-rechtlichen Sender zahlen vergleichsweise gut. Auch heute.
Dann kam aber in den 1980er Jahren die Privatisierung. Private Fernseh- und
Rundfunksender finanzieren sich einzig durch Werbung und schielen entsprechend
einzig auf die Quote. Der Massengeschmack, der seit jeher ein schlechter war, geriet
also in den Focus des Interesses der Programmmacher. Die privaten Sender hatten
plötzlich mehr Hörer und Zuschauer als die öffentlichen. Der Quote wurde alles
geopfert. Nicht nur die künstlerische Qualität, sondern auch der sittlich-moralische
Wert. Ich meine mit Moral keineswegs etwas Rückwärtsgewandtes, sondern schlicht
das Gerüst, das für ein kulturelles Selbstbewusstsein einer Gesellschaft vonnöten ist.
Die öffentlich-rechtlichen Sender zogen nach  infiltriert von privaten
Beratungsfirmen. Wir alle zahlen heute mit unseren Rundfunkgebühren
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nachmittägliche Exhibitionistenshows, in denen allerlei Fetischisten und geistig
Minderbemittelte vor laufender Kamera ihre "Meinungen“, die eigentlich unwichtig
sind, schlecht artikulieren. Abends folgen dann die Gewaltorgien.
Kultursendungen, Hörspiele, Wort-Features sind entweder auf den späten Abend
verlegt, oder aber, wie bei etlichen Rundfunksendern, inzwischen fast ganz
verschwunden. Ich kann das aus eigener Erfahrung belegen.
Vor einigen Jahren arbeitete ich noch mehr oder weniger regelmäßig für acht
Rundfunkredaktionen. Inzwischen sind durch Umstrukturierungen und „Reformen“
(das Zauberwort unserer Tage) die meisten dieser Sendereihen schlicht eingestampft
worden. Sie existieren nicht mehr. Mit der Begründung: Der heutige Hörer könne sich
nicht mehr 30 oder gar 60 Minuten lang am Stück konzentrieren. Man füllte
inzwischen die Sendeplätze mit Musik, Interviews und Diskussionsrunden, die einen
häufig seltsam ratlos und unzufrieden zurücklassen. Diktum eines Programmchefs
für den Bereich Kultur, der aus der Nachrichtenredaktion aufgestiegen war: „Was ich
zu sagen habe, kann ich auch in 3 Minuten sagen!“
Ja, er vielleicht. Aber es gibt Zusammenhänge in der Kultur, die bedürfen etwas mehr
Raums.
Auch der Buchmarkt ist in den letzten Jahrzehnten immer schwieriger geworden: Ich
kenne eine ganze Reihe älterer Kollegen, Damen und Herren von inzwischen 65 bis
85 Jahren. Die fingen meist irgendwann in den 1950er oder 1960er Jahren zu
publizieren an. Es sind übrigens auch Namen von "Rang“ darunter. Ich will im
folgenden jedoch aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes keine Namen nennen.
Diese Autoren haben Hörspiele, Romane, Erzählungen, Lyrik geschrieben. Sie
wurden auch mit dem einen oder anderen Preis bedacht. Zudem arbeiteten viele in
den 1960er bis 1980er Jahren als Zeitungs- oder Rundfunkredakteure, in einer Zeit,
als Feuilleton und Kulturredaktionen noch in Ansehen bei den Herausgebern und
Programmchefs standen und noch ein Hauch konservativ-bürgerlicher Tradition die
Redaktionen durchwehte. Ironischerweise verdiente gerade die Generation der 68er
ihr Brot in solch „bürgerlichen“ Institutionen. Sie beziehen heute nicht unerhebliche
Pensionen, während ihre Einnahmen aus freiberuflicher Tätigkeit gegen Null
tendieren.
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Diese Autoren haben also in den 1950er bis 1980er Jahren publiziert. Bücher, die
damals nicht als Bestseller galten, weil sie zu „anspruchsvoll“, zu intellektuell waren.
Dennoch Bücher, die nicht selten Startauflagen von 20 bis 30-Tausend Exemplaren
hatten. Das war damals üblich. Nach ein paar Jahren kam dann die Zweitverwertung
als Taschenbuch, meist mit ebenso vielen verkauften Exemplaren.
Diese Zeiten sind passé. Der Buchmarkt ist überfüllt. Jährlich 80 Tausend
Neuerscheinungen in Deutschland  wer soll das lesen? Rechnen Sie es mir nicht
als Xenophobie an, wenn ich sage (und etliche deutsche Schriftstellerkollegen
äußern sich ebenso), dass die Lage für deutsche Autoren auf dem Buchmarkt heute
so schwer ist wie noch nie. Ausländische Literatur, vor allem aus dem
angelsächsischen Raum, wird heute mehr denn je in Lizenz in Deutschland publiziert
(die Übersetzer werden übrigens genauso miserabel honoriert wie die deutschen
Autoren), in der Belletristik derzeit etwa 22 %. Häufig werden diese Lizenzen zu
überhöhten Preisen verkauft und eingekauft. Das größte Geschäft auf dem
Buchmarkt wird nicht in Leipzig gemacht (es gilt eher als Schmuckstückchen, das
man sich leistet, als hübsches Schaufenster, keinesfalls aber als ein Geschäft, wie
mir ein Insider aus der Agentenbranche versicherte). Das Geschäft wird auf den
Buchmessen in Frankfurt, vor allem aber im Ausland getätigt, in London, New York
und Chicago.
Man schielt nach Bestsellern und fabriziert Bestseller. Bestseller werden selten von
Autoren geschrieben, sondern von Marketingstrategen mit viel Geld gemacht. Das
heißt, im Normalfall entscheidet die Höhe des Werbeetats über das Gelingen eines
Buches. Es gab freilich Fälle, in denen ging das Konzept nicht auf: Die Lizenz war zu
teuer eingekauft, der Werbefeldzug misslang, und so havarierten schon ganze
Verlage, bisweilen Traditionsunternehmen, durch den Misserfolg eines intendierten
und inszenierten „Bestsellers“.
Die heutige gewöhnliche Erstauflage für ein Buch (wenn es nicht dem Sex-andcrime-Genre des historischen Romans oder des Krimis oder einer Mischform aus
beidem entspringt), die heute gewöhnliche Erstauflage für ein erfolgreiches Buch
also liegt bei etwa 3.000 Exemplaren. Das ist aber schon viel! Viele Bücher schaffen
es nicht über die Tausender-Marke!
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Das heißt im Klartext: Heute muss ein „freier Autor“ etwa zehn  erfolgreiche! 
Bücher schreiben, um auf eine Auflage zu kommen, wie sie ein Kollege vor 30
Jahren noch mit einem einzigen Buch hingelegt hat. Entsprechend ist auch nur noch
ein Zehntel dessen zu verdienen, wie noch vor 30 Jahren!
Es gibt heute kaum noch „Verlagsheimaten“. Heute sucht man sich für jedes neue
Projekt den geeigneten Verlag, das passende Verlagsprogramm. Längere Bindungen
sind unüblich, und auch von seiten der Verlage meist unmöglich geworden, werden
doch auch in vielen großen Verlagsunternehmen die Verleger und Lektoren schnell
verschlissen. Ganze Belegschaften werden oft innerhalb von fünf oder sechs Jahren
ausgetauscht. Der bayerische Schriftsteller Herbert Rosendorfer, der vom Glück
reden kann, einige Bestseller geschrieben zu haben, äußerte sich einmal kritisch,
heutzutage sei die Wahrscheinlichkeit, als Autor einen Verlag zu finden, ebenso hoch
wie von einem Meteoriten erschlagen zu werden. Stellen Sie sich mal aufs freie Feld
und warten Sie auf den nächsten Meteoriten! Darüber können Sie ins Gras beißen!
Das liegt nicht unbedingt an den Verlegern. Es liegt an den Umständen. Denn „die
Verhältnisse, sie sind nicht so“, wie Brecht bereits schrieb.
Ich kenne genügend engagierte Verleger und Lektoren voller Ideale. Aber sie sind
selten "frei“. Es gibt kaum noch die eigenständigen Verlegerpersönlichkeiten, wie
noch zu Samuel Fischers oder Ernst Rowohlts Zeiten. Viele Verlage gehören zu
Großunternehmen, zum Teil als schönes Aushängeschild. Unternehmen, die
eigentlich mit anderen Produkten groß geworden sind: Immobilienspekulationen, und
anderes. Aus diesen Branchen heraus ist auch die Gewinnerwartung auf die Verlage
ausgeweitet worden. Damit wir uns recht verstehen: Verlage sind nun einmal
gewinnorientierte Unternehmen. Auch ein Samuel Fischer musste schwarze Zahlen
schreiben, um bestehen zu können. Aber die Gewinnmargen waren früher gemeinhin
niedriger als heute. Es gab Gewinne, aber keine Gewinnmaximierung. Autoren
bekamen zu Samuel Fischers Zeiten gewöhnlich 20 bis 25 % Honorar vom
Nettoverkaufspreis eines Buches. Heute sind 10 % für ein Hardcover schon ein gutes
Angebot. Im Taschenbuch sind 5 % üblich. Kürzlich bot mir ein bekannter und großer
Verlag 7 % für ein neues Projekt im Hardcover, ich lehnte ab, auf die Gefahr hin,
dass ich das Buch bei keinem anderen Verlag unterbringe. „Lieber den Spatz in der
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Hand als die Taube auf dem Dach“, so denken immer mehr Autoren, und so müssen
sie denken.
Und es gab früher die sogenannte „Mischkalkulation“: Es wurden Programme
gestaltet, Programmlinien verfolgt, die ein eigenes, unverwechselbares Profil zeigten.
Mit meist wenigen Bestsellern wurden die Bücher mitfinanziert, die man als Verleger
eigentlich machen wollte.
Heute muss sich jedes Buch selbst tragen. Tut es das nicht, fällt es oft nach bereits 2
Jahren aus dem Verlagsprogramm und wird verramscht, sofern die Modernen
Antiquariate es überhaupt wollen. Ein großer deutscher Taschenbuchverlag hat in
den letzten drei Jahren die Anzahl seiner Titel in der Backlist um ca. 40 % verringert.
Ein anderer namhafter deutscher Verlag liefert übrigens seine Makulaturen und
Verramschungen nicht mehr ans Moderne Antiquariat, sondern an einen
Baustoffhersteller. Bücher werden dort geschreddert, gepresst und zu Dämmstoffen
neu verwertet. Das bringt allemal mehr Geld ein als der Verkauf im Modernen
Antiquariat und richtet in den Köpfen wohl auch weniger Schaden an.
Etwas skurrile, eigenwillige, unangepasste Autoren, die noch dazu nicht eben
„produktiv“ in der Masse ihres Geschriebenen waren, wie etwa Annette Kolb oder
Wolfgang Koeppen, hätten heute keinerlei Chance mehr auf dem Markt!
Von den bereits erwähnten älteren Autorenkollegen meines Bekanntenkreises hat
übrigens ein großer Teil seit 15 oder gar 20 Jahren nichts mehr veröffentlicht. Zum
Teil sind diese Leute „ausgebrannt“, aber nur zum Teil. Ich weiß von einigen, die
konstant und tapfer (ich sage bewusst: tapfer) weiterproduzieren, all die Jahre
hindurch, aber seit 15 oder 20 Jahren keinen Verlag mehr finden, der ihre Bücher
publiziert. Autoren, die vor noch 30 Jahren mit Preisen dotiert wurden. Einer meiner
Freunde  auch seinen Namen nenne ich nicht  hat noch in den 1980 Jahren in
ehrenwerten Verlagen publiziert  Romane, Erzählungen, Gedichte. Er gehörte nie
zu den "Großen" des Literaturbetriebs, aber zu den Geachteten. Zudem organisierte
er über Jahrzehnte für Hunderte von Autoren Lesungen eines öffentlichen
Bildungsträgers und verfügt daher  sollte man meinen  über erstklassige Kontakte.
Dieser Mann ist inzwischen 70 Jahre alt, noch sehr agil, hat das Aussehen eines 55jährigen, ist literarisch immer noch produktiv, und macht sich seit neuestem endlich
wieder einmal Hoffnung auf die Publikation eines Erzählbandes. Allerdings hat er
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bislang nur eine vage mündliche Zusage einer Verlegerin. Dieser Mann ist Allergiker,
fährt, so oft es geht, an die Ostsee, da ihn dort das Asthma weniger plagt, haust dort
mit seinen 70 Jahren in Jugendherbergen, weil er sich nichts anderes leisten kann,
lebt von der „Stütze“, obwohl er ein Lebtag gearbeitet, ja, hart gearbeitet hat, und
stopft sich des Morgens in der Jugendherberge heimlich die Taschen seiner Jacke
mit abgepackter Butter und Marmelade voll, weil er so wenig Geld hat, dass er nach
Möglichkeit mit diesem „Überschuss“ des Frühstücks den ganzen Tag auskommen
will und muss!
Die Auflagenzahlen sind also stark gefallen, zudem hat sich die Medienlandschaft
verändert. Das Internet, bei all seinen Segnungen, hat vieles in der
Auseinandersetzung mit Literatur verschoben. Der Trend geht hin zur schnellen
Information. Das Buch als „Kulturgut“  gestatten Sie mir dieses altmodische Wort! 
wird zunehmend verdrängt. Ich habe erfolgreiche Manager kennengelernt, die ihre
literarische und kulturelle Unbildung nicht nur nicht verheimlichten, sondern sie sogar
laut priesen: Zum Zeichen, dass man sich mit solchem „Ballast“ gar nicht erst zu
beschweren braucht, und dennoch „erfolgreich“ sein kann.
Damit sind wir auch bei der möglichen Rolle von Schriftstellern in der Gesellschaft,
oder, um zum Motto dieser ganzen Veranstaltungsreihe zu kommen: bei der Rolle
„von Germanisten in der Gesellschaft“.
Denn nach wie vor ist es so, dass viele, wohl die Mehrheit der „freien Autoren“, ein
geisteswissenschaftliches, meist ein germanistisches Studium hinter sich haben, die
einen ohne Abschluss, die meisten wohl mit dem Magisterabschluss, etliche 
darunter ich  mit dem Doktortitel. Der hat mir übrigens ganz konkret ein einziges Mal
im Leben geholfen: als ich vor ein paar Jahren innerhalb Berlins umzog, musste ich
der Hausverwaltung eine Verdienstbescheinigung vorlegen. Ich kramte also die
Honorarnachweise der vergangenen Monate zusammen und befand, dass das allein
wenig überzeugend für den Vermieter sein müsse. Zur Fälschung von Dokumenten
war ich nicht aufgelegt, und so ging ich etwas klopfenden Herzens zum vereinbarten
Termin in der Hausverwaltung, um den Mietvertrag zu unterschreiben.
Dor legte ich meine Visitenkarte vor, auf der auch mein Doktorgrad verzeichnet ist.
Die Dame in der Verwaltung, zunächst noch berlinerisch-schnoddrig, wurde plötzlich
ganz zuvorkommend und höflich, und fragte nicht weiter nach einer
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Verdienstbescheinigung, sondern schob mir den Mietvertrag zur Unterzeichnung zu.
Hiermit statte ich meiner Alma Mater noch einen verspäteten Dank ab!
Welche Rolle also haben Autoren heute in der Gesellschaft? Ich muss gestehen,
keine große, und sie genießen auch keinen großen Ruf. Die Inszenierungen im
Fernsehen, bei denen selbsternannte Kritiker ihre privaten Leseeindrücke verkünden
und überaltete Großkritiker noch wie Ikonen ins Studio geschoben werden, damit
man auch von ihren Lippen Ewiggültiges erfährt, solche Sendungen vermitteln ein
falsches Bild. Gepriesen werden die wenigen, denen der Zufall und das Glück des
richtigen Griffs in die literarische Kiste zu einem schnellen aber meist auch sehr
schnell wieder verblassenden Ruhm verhilft. Der „Hype“ des „Fräuleinwunders“ der
späten 1990er Jahre, in der eine Spaßgesellschaft ihre zeitgenössischen Mythen und
Heroen schuf, ist längst verebbt. Von den damaligen Wundern und „großen
Hoffnungsträgern“  übrigens waren es ja nicht nur Fräulein, sondern auch
Designerklamotten tragende Jünglinge , von diesen Hoffnungsträgern kennt man
heute meist nicht einmal mehr den Namen. Ein Jüngling von damals 16 Jahren,
dessen Vater Chefredakteur bei einem der führenden deutschen
Nachrichtenmagazine ist, und der (der Jüngling) seine pubertären Sorgen und
Ergüsse vorlegte, was dann als Roman verkauft, gut verkauft wurde, und weswegen
er von einem Großkritiker ebenbürtig neben Hugo von Hofmannsthal gestellt wurde,
von diesem Jüngling, der heute auch keiner mehr ist, ist heute schon längst nichts
mehr bekannt.
Das große Heer der freien Autoren, die weiß Gott keine schlechte Literatur
publizieren, bleibt vom Bannstrahl der Großkritiker und den Erleuchtungen des
Großfeuilletons unberührt. Vielleicht auch zum Glück. Denn immer wieder wurden
und werden auch talentierte Autoren auf dem Schafott des Medienrummels schnell
verheizt.
Welche Rolle also haben heute Autoren in der Gesellschaft? Emile Zola konnte im
späten 19. Jahrhundert mit seiner sozialen Anklage in Romanform, dem
Bergarbeiterroman "Germinal“ noch konkret etwas bewirken: Die Verantwortlichen
und Mächtigen waren so erschüttert, und endlich darüber informiert, dass man die
Arbeitsbedingungen der Bergarbeiter rasch verbesserte.
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In den 1950er und 1960er Jahren hatten viele deutsche Autoren, vor allem im
Umkreis der Gruppe 47 (Einigkeit macht eben doch stark!) auch eine bedeutsame
Rolle: auch durch ihre Schlüsselpositionen in den Feuilletons, Redaktionen und
Verlagen. Heute haben Manager aus dem Wirtschaftsleben diese Positionen häufig
(nicht immer!) übernommen.
Das Internet hat die schnelle Information übernommen.
Die globalen Probleme sind so vielfältig und verworren, dass der einzelne
Intellektuelle, zu dem ich den Autor zähle, nur noch selten ein klares und
entscheidendes Wort finden kann.
Ich muss gestehen, dass ich den Autor heute nicht mehr in einer für die Gesellschaft
tragenden Rolle definieren kann. Anderes zu behaupten, hieße, mir selbst falsche
Hoffnungen zu machen.
Ein Hinweis für die jungen Menschen, die vielleicht Schriftsteller werden wollen, etwa
wie der junge Student, dessen E-Mail ich eingangs zitierte: Schriftsteller kann man
nicht werden im Sinne der Absolvierung einer Ausbildung.
Es gibt haufenweise Handbücher mit Titeln wie „Erfolgreich Schriftsteller sein“, es
gibt private Akademien, wo man für viel Geld diesen Beruf angeblich erlernen kann.
„Creative writing“ heißt das, der Glaube daran kam als eigener Wirtschaftssektor aus
Amerika. Es gibt das Literaturinstitut in Leipzig, wo man von erfahrenen Autoren
unterrichtet wird. Übrigens sind die Meinungen hierüber höchst unterschiedlich. Eine
sehr bekannte Autorin, die vor einigen Jahren dort creative writing unterrichtete,
gestand mir, sie würde sich so etwas nie wieder antun und sei von der Sache nicht
überzeugt.
Hier ist folgendes zu sagen: Die Autoren dieser Handbücher sind nicht die, die selbst
als Autoren den großen Erfolg hatten.
Die privaten Akademien schmieren einem Honig ums Maul, solange man die teuren
Gebühren zahlt  ich weiß das aus Erzählungen einer Bekannten.
Das Literaturinstitut in Leipzig kann eine sinnvolle Einrichtung sein, es kann dem
Knüpfen von Kontakten dienen, kann aber auch nicht Talent produzieren. Talent ist
da oder nicht da. Zudem spielt bei der Durchsetzung als freier Autor der Fleiß eine
nicht unbeachtliche Rolle. Ein Freund – ich nenne seinen Namen nicht – hat in
Leipzig studiert, vor etwa 20 Jahren. Seit 15 Jahren schreibt er an einem Roman
über die deutsche Wende von 1989. Er hat Talent, großes Talent, wie die Handvoll
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Kapitel, die ich aus dem Manuskript kenne, belegt. Aber er hat keine
Arbeitsökonomie, nicht genug Fleiß, nicht genug Glauben an sein Projekt. Seit 15
Jahren „doktort“ er an dem Manuskript, ohne es entscheidend voranzubringen.
Selbst gesetzt den Fall, er vollendet es dereinst und ein Verlag publiziert es (sofern
man sich in 10 oder 15 Jahren noch groß für das Jahr 1989 interessieren wird),
selbst dann heißt es ja noch nicht, dass das Buch aufgrund seiner literarischen
Qualitäten ein Erfolg werden wird. Der Verlag wird also von seinem Autor möglichst
rasch einen zweiten Roman "nachgeschoben“ haben wollen. Möglichst bereits zwei
Jahre später. Besagter Freund wird aber wieder zwanzig Jahre benötigen. Und das
trotz seines Literaturstudiums in Leipzig. So also nicht.
Welche sind die Möglichkeiten für Autoren zu publizieren? Das klassische „Buch"
allein trägt nicht. Ich habe das bei der Darstellung meines eigenen beruflichen
Daseins bereits skizziert. Es ist zu vermuten, dass auch mit dem weiterhin
anhaltenden Siegeszug der neuen Medien das Buch weiterhin an Rang als
Informations- und Kommunikationsmittel in unserer Gesellschaft verlieren wird.
Die öffentlich-rechtlichen Sender von Hörfunk und Fernsehen haben ihre Formate
stark reduziert, auch die privaten Sender sind an ein Limit gestoßen und boten
überdies noch nie zureichend zufriedenstellende Arbeitsangebote für Autoren.
Das Ghostwriting scheint mir nach wie vor ein nicht zu verachtendes Segment zu
sein. Darüber kann man zunächst lächeln. Doch hat gerade in den letzten Jahren der
merkantile Erfolg von Memoirenliteratur, die von „Stars“ vorgelegt wurden, die wohl
kaum des Schreibens und Lesens fähig sind, gezeigt, dass dies eine Möglichkeit für
freie Autoren sein kann, ihr Brot zu verdienen. Sofern dies nicht die ausschließliche
Betätigung wird, mag es hingehen. Freilich ist nicht jeder charakterlich so „wendig“
und mancher fühlt sich auf längere Sicht durch das Ghostwriting doch frustriert und in
seinem Ethos verraten. Geld wird damit in jedem Fall gemacht. Viel Geld. In meinem
Bekanntenkreis gibt es einen Jungunternehmer, der eine Agentur gegründet hat, die
Bücher von Stars und Wirtschaftsbossen „vermittelt“. Dafür schreiben er und seine
Famuli die Buchtexte  die Auftraggeber bezahlen. Und zwar keine Peanuts. Für sie
sind Bücher keine geistigen Werte, sondern Mittel, das Renommee zu erhöhen und
die Publicity zu weiten.
Schließlich gibt es noch das weite und kaum abgrenzbare Feld der PR und des
Marketings: Presse-, Verlags- und Werbeagenturen jeglicher Couleur und Zuschnitts.
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Ein Bereich, der um so mehr boomt, als es vielen Anbietern und Produzenten immer
schwieriger fällt, sich in der Öffentlichkeit zu Wort zu melden und die Schnittstellen
zwischen Produzent und Konsument zu eruieren und zu besetzen, zumal in dem
schwer zu durchschauenden Segment der Internetauftritte.
Eine Patentlösung freilich habe ich nicht. Hätte ich sie, wäre mir auch leichter. Es
liegt auch an jedem einzelnen, die Berufsfelder zu finden und zu bedienen, zu denen
er einen persönlichen Zugang hat. Verbiegen soll sich keiner, nur um des Geldes
willen. Es käme keine gute Arbeit dabei heraus.
Fazit: Der Autor von heute muss flexibler denn je sein. Er muss sich immer neuen
Herausforderungen stellen, er muss sich mehrere Standbeine schaffen, er darf nicht
nur auf die klassischen Berufsfelder vertrauen, er muss sich mehr denn früher als
Unternehmer, als Chef einer 1-Mann-Agentur verstehen, Selbstvermarktung und PR
haben auch für ihn an Bedeutung gewonnen.
Was aber tut nun der Germanist in diesem schwierigen Berufsfeld des „freien“
Autors? Germanisten schreiben nicht unbedingt die besseren Romane. Es gibt in der
deutschen Literaturgeschichte das Genre des „Professorenromans“, etwa das im 19.
Jahrhundert so berühmt-berüchtigte „Kampf um Rom“ von Felix Dahn. Professoren
sind also nicht die besseren Dichter, auch wenn sie von Literatur mehr zu verstehen
wähnen denn der Rest der Menschheit. Auch Kritiker sind nicht die besseren
Autoren. Hier könnte ich einige Beispiele aus jüngerer und jüngster Vergangenheit
nennen  ich erspare es mir und Ihnen.
Ich meine, dass das Studium der Germanistik, wenn es kein schnelles Studium auf
der Jagd nach Scheinen ist, ein "Scheinstudium“ also, durchaus ein
Bildungsfundament für den Beruf des Autors errichten kann. Es kommt ja nicht nur
darauf an, mehr oder weniger von Literatur und Literaturgeschichte zu verstehen,
sondern auch darauf, mit Bibliotheken, Bibliographien und mit Forschungsliteratur
umgehen zu können, geistig wendig und flexibel zu sein, Zusammenhänge erkennen
und formulieren zu können, Rückschlüsse ziehen zu können.
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Nicht verkehrt ist es sicherlich, einen Brotberuf zu erlernen und sich als
Quereinsteiger auf dem Buchmarkt zu versuchen. Doch zielt dieser Versuch dann
wieder auf den klassischen „Durchbruch“ mit einem einzigen Buch, also auf das
klassische Autorenbild.
Der Beruf des Autors, wie er heute von den Umständen diktiert wird, verlangt
hingegen einen 100-prozentigen Einsatz, kein Autorentum am Rande, im Nebenjob,
in den Abend- und Nachtstunden.
Der Autor, wie ich ihn verstehe, und wie ich es zu sein versuche, ist im Kernbereich
seiner Arbeit jedoch ein Handwerker. Er versucht gute Arbeit zu liefern, in seinem
kleinen Ein-Mann-Betrieb. Vielleicht eine Wirtschaftsform, die nicht sehr zeitadäquat
ist. Aber es ist „ehrliche“ Arbeit, über die ein gewinnorientierter Nur-WirtschaftsMensch vielleicht lächeln mag. Mag er lächeln.
Auch hier kann ich wieder nur aus eigener Erfahrung sprechen: Es ist ein Beruf, der
hart ist, mit Rückschlägen verbunden, mit gescheiterten Hoffnungen, aber auch mit
dem tiefen, wirklich tiefen Glück, etwas Sinnvolles zu tun: Immer wieder erreichen
mich Briefe von Lesern und Hörern, mit Dank, Anregungen, persönlichen
Erfahrungen. Menschen, die sich wiederfinden, in dem, was ich anhand eigener
literarischer Erfahrung und Vermittlung, eigenen Gedanken, mit Hilfe meiner Sprache
an die Öffentlichkeit bringe. Menschen, die sich angesprochen fühlen. Es ist ein Trost
für den Autor, der ja meist allein ist: allein in seinem Arbeitszimmer, allein in seinen
Gedanken, allein in seinen Sorgen und Ängsten. Deswegen ist und bleibt der Leser,
die Leserin das lebensnotwendige Gegenüber. Das schönste Lob für einen Autor ist:
„Ihr Buch habe ich mit Freuden gelesen. Ich konnte es gar nicht mehr beiseite legen!“
Hat ein noch so „erfolgreicher“ Wirtschaftsboss jemals solch einen Dank erfahren?
***
Armin Strohmeyr, geboren 1966, ist promovierter Germanist und Autor viel
beachteter Biographien über Klaus und Erika Mann, Annette Kolb, George Sand, Die
Frauen der Brentanos und Sophie von La Roche, sowie der Porträtsammlung
»Verlorene Generation« über vergessene Dichter der 1930er Jahre.
Herausgeber der Werke Oskar Schürers und Hedwig Lachmanns und mehrerer
Lyrikanthologien. Zahlreiche Hörbilder für das Radio.
Gedichte und Theaterstücke.
Armin Strohmeyr lebt als Autor und Publizist in Berlin.
www.armin-strohmeyr.de
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