Ausz ge aus dem Eizenstat

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Schatten des Zweiten Weltkriegs Auszüge aus dem Eizenstat-Bericht
Die «Präliminarstudie» über die «USA- und alliierten Bemühungen zur Wiedererlangung und
Rückgabe von Gold und andern Werten, die von Deutschland während des Zweiten Weltkriegs
gestohlen oder versteckt wurden» - nach dem dafür zuständigen Koordinator Eizenstat-Bericht
genannt - umfasst 51 Seiten Einleitung, 210 Seiten Text und 278 Seiten Anhang. Letzterer
enthält neben Dokumenten vor allem Fundstellen und ist im Bericht selber nur zum Teil
ausgewertet. Das von Stuart E. Eizenstat selbst verfasste Vorwort ist hier in einer stark gekürzten
Übersetzung der NZZ wiedergegeben sowie mit Zwischentiteln und Anmerkungen1 versehen
worden. Die Rolle der Alliierten, der Neutralen . . . Der Bericht dokumentiert einen der grössten
Diebstähle einer Regierung in der Geschichte: die Konfiskation durch Nazideutschland im
Zweiten Weltkrieg von geschätzten 580 Millionen Dollar Zentralbankengold - etwa 5,6
Milliarden nach heutigem Wert - zusammen mit einer unbekannten Menge anderer
Vermögenswerte. Diese Güter wurden Regierungen und Zivilpersonen in den Ländern geraubt,
welche Deutschland überrannte. Sie stammen gleicherweise von jüdischen wie nichtjüdischen
Naziopfern, inbegriffen die in den Vernichtungslagern ermordeten Juden, welchen alles
genommen wurde bis hin zu den Goldfüllungen ihrer Zähne. Der Bericht behandelt auch die
zunächst tatkräftigen, im Endergebnis jedoch ungenügenden Schritte der Vereinigten Staaten und
ihrer Alliierten, um diese Werte der Unterstützung der staatenlosen Opfer von Nazigrausamkeit
zukommen zu lassen. In diesem Zusammenhang katalogisiert der Bericht auch die Rolle der
neutralen Länder, deren Entgegennahme gestohlenen Goldes im Tausch für kriegswichtige Güter
und Rohmaterialien mithalf, das Naziregime zu stützen und seine Kriegführung zu verlängern.
Diese Rolle wurde, trotz mehreren Warnungen der Alliierten, noch lange nach der Zeit
weitergeführt, da diese Staaten irgendeinen legitimen Grund hatten, eine deutsche Invasion zu
befürchten. . . . und die besondere Rolle der Schweiz Unter den Neutralen wird der Schweiz in
diesem Bericht am meisten Aufmerksamkeit gewidmet.2 Wir haben nicht die Absicht, ein Land
besonders herauszugreifen, das eine gefestigte Demokratie, ein grosszügiger Teilhaber an
humanitären Aktionen und heute ein geschätzter Partner der Vereinigten Staaten ist. Aber die
Schweiz hat eine prominente Rolle in jeder Geschichte des Schicksals des Nazigoldes und
anderer Vermögenswerte während und nach dem Zweiten Weltkrieg, weil die Schweizer die
hauptsächlichen Bankiers und Finanzmakler der Nazis waren und riesige Summen von Gold und
harten Devisen durch ihre Hände gingen. Die Studie ist allerdings vorläufig und deshalb
unvollständig. Wir sahen uns gezwungen, uns vor allem auf US-Dokumente zu stützen. Wir sind
uns aber bewusst, dass ein vollständigeres Bild erst gezeichnet werden kann, wenn die
Dokumente anderer Länder analysiert worden sind. Wieso diese plötzliche Aufwallung von
Interesse an tragischen Ereignissen vor 50 Jahren? Es gibt dafür verschiedene Erklärungen. Aber
die überzeugendste ist die ausserordentliche Führungskraft («leadership») und Vision einiger
weniger Personen, welche das Problem auf die Traktandenliste der Welt gesetzt haben: die
Führung durch den World Jewish Congress, Edgar Bronfman, Israel Singer und Elan Steinberg;
eine Gruppe von Mitgliedern des Kongresses aus beiden Parteien, insbesondere die frühe,
unbeirrbare und wichtige Rolle von Senator Alfonse D'Amato von New York; und Präsident Bill
Clinton, der veranlasste, dass wir die Fakten eruierten und publizierten. Amerikanische
Unterlassungen Kein Land, auch die Vereinigten Staaten nicht, tat so viel, wie es hätte tun
können oder müssen, um unschuldige Opfer der Naziverfolgung zu retten - Juden, Zigeuner,
politische Gegner und andere. Die USA selbst blieben während mehr als zweier Jahre nach dem
Ausbruch des Krieges in Europa nichtkriegführend. Restriktive amerikanische
Immigrationsvorschriften hinderten Hunderttausende von Flüchtlingen daran, in den Vereinigten
Staaten Sicherheit zu finden. Am tragischsten wird das durch unsere Weigerung illustriert, das
Schiff St. Louis mit seiner Ladung von Flüchtlingen an Dock gehen zu lassen. Viele kamen um,
als das Schiff gezwungen wurde, nach Europa zurückzukehren. Immerhin froren die USA im
April 1940 (18 Monate vor Kriegseintritt) deutsche Guthaben ein, unterhielten wenig
Wirtschaftsbeziehungen mit Nazideutschland und unterstützten grosszügig - trotz heftigem
Widerstand im Land - Grossbritannien, die Sowjetunion und den Naziwiderstand mit
Programmen wie etwa «Lend- Lease». Die Neutralen - «kriegsverlängernd» Viele der Neutralen
hatten eine rational begründete Angst, dass ihre eigene Unabhängigkeit nicht mehr als eine
Panzerdivision von der Vernichtung entfernt sein könnte. Wenn aber Selbstverteidigung und
Furcht Faktoren zur Rechtfertigung der Neutralität waren, so waren das auch Profit in allen
neutralen Ländern und offene Nazisympathien in einigen. Was immer die Motivation war: die
Tatsache, dass sie blühende Handelsbeziehungen mit dem Dritten Reich unterhielten, hatte die
klare Wirkung, die Fähigkeit Nazideutschlands zur Kriegführung zu unterstützen und zu
verlängern. Dabei können drei Phasen unterschieden werden: * Während der ersten Phase vom
Kriegsausbruch 1939 bis zur Schlacht um Stalingrad im Frühjahr 1943 war die deutsche Macht
so gross, dass die Furcht vor einer bevorstehenden Invasion legitim war. * Während der zweiten
Phase verschob sich die Balance zugunsten der Alliierten und endete mit deren Sieg. Die
Nazibesetzung Europas wurde zurückgerollt, und die Bedrohung der Neutralen ging stark
zurück, obschon immer noch andere Formen von Vergeltungsschlägen befürchtet wurden. Der
Wirtschaftsverkehr mit Deutschland ging hingegen weiter. Deutsche Werte in neutralen Ländern
wurden, trotz alliierten Forderungen und Warnungen, nicht eingefroren. Die Neutralen
profitierten weiterhin von ihren Handelsbeziehungen mit Deutschland und halfen so mit, einen
der blutigsten Konflikte der Geschichte zu verlängern. Während dieser Periode erlitten die
Alliierten Hunderttausende von Opfern, und Millionen von unschuldigen Zivilisten wurden
getötet. * In der dritten Phase, unmittelbar nach dem Krieg, bestritten die Neutralen die Legalität
der alliierten Forderungen nach Kontrolle der deutschen Vermögenswerte. Oft stritten sie ab,
Naziraubgold zu besitzen. Sie verteidigten ihre kommerziellen Interessen, zogen die
Verhandlungen mit den Alliierten in die Länge und bestanden am Schluss auch auf ihren eigenen
Restitutionsforderungen gegenüber Deutschland. Im Unterschied zu den andern Kriegsneutralen
war Schweden3 vergleichsweise entgegenkommend in Umfang und Raschheit bei der Übergabe
von Nazigold und anderen Werten an die Alliierten. Spanien, Portugal, die Schweiz, die Türkei
und andere widersetzten sich der Zusammenarbeit, obschon der Krieg vorbei war.4 Von allen
Neutralen war die Schweiz jener mit der komplexesten Rolle und mit den grössten und
entscheidendsten Wirtschaftsbeziehungen mit Nazideutschland. Die Rolle der Schweiz war sehr
ambivalent. Das Land beendete den Zweiten Weltkrieg als eine der reichsten Nationen Europas.
Es betrieb Handel sowohl mit den Alliierten als auch mit den Achsenmächten. Die
Schweizerische Nationalbank unterhielt Konten und erhielt Gold nicht nur von und für
Nazideutschland sondern auch von und für die USA, Kanada und Grossbritannien. Die Schweiz
war eine Schlüsselposition für die amerikanischen Informationsdienste. Sie war auch - vor allem
für unsere Kriegsgefangenen wichtig - Schutzmacht für die Alliierten. Aber, wie die Schweizer
Regierung bereits 1952 zugegeben (und in den letzten Monaten wiederholt) hat, hatte die
Schweizer Flüchtlingspolitik auch Mängel. Die Schweiz veranlasste die Nazis zum «J»-Stempel,
der Zehntausende von Juden daran hinderte, in die Schweiz oder an andere potentielle
Zufluchtsorte zu gelangen. Wie Kanada und die Vereinigten Staaten verschärfte die Schweiz die
Immigrationspolitik, und während des Krieges verschloss es den aus Frankreich und Belgien
fliehenden Juden praktisch die Grenze. Von 1933 bis zum Ende des Krieges wurden ungefähr 50
000 jüdische Flüchtlinge aufgenommen, von denen 30 000 im Land blieben und hier den Krieg
überlebten. Aber die Schweiz bürdete die Unterhaltskosten für die nach Kriegsausbruch
aufgenommenen Juden (von denen die meisten in Arbeitslagern interniert wurden) den jüdischen
Gemeinschaften auf. Im August und Dezember 1944 nahm die Schweiz weitere 1700
Konzentrationslagerinsassen aus Bergen-Belsen und im Februar 1945 nochmals 1200 aus
Theresienstadt auf. Verschiedene jüdische Gemeinschaften mussten für diese zusätzlichen
Überlebenden aufkommen. Die Schweiz akzeptierte nach 1940 auch weit über 100 000 andere
Flüchtlinge. Unterschiedliche Beurteilungen in den USA Noch 1944 urteilten Staatssekretär
Stettinius und seine Kollegen, dass, alles in allem, die schweizerische Neutralität für die
Alliierten während des Krieges mehr positiv als negativ gewesen war. Dieser relativ
wohlwollende Schluss wurde von den andern Regierungsämtern - vom War Department und
vom Schatzamt bis zum Office of Strategic Services und zum Justizdepartement - nicht geteilt.
Diese Ämter hielten fest, dass die Schweiz, abgesehen von der kritischen Rolle ihrer Banken für
die Nazis, mit ihrer Industrie in der direkten Produktion für die Achse engagiert war und deren
Investitionen schützen half.5 Schweizerische Reedereien stellten Deutschland eine grosse Zahl
von Schiffen für Gütertransporte zur Verfügung. Die Schweiz liess auch einen noch nie
dagewesenen Gebrauch ihrer Eisenbahnverbindungen für den Transport von Kohle und anderen
Gütern zwischen Deutschland und Italien zu. Die Schweiz belieferte Deutschland mit Waffen,6
Munition, Aluminium, Maschinen und Präzisionsgeräten sowie Landwirtschaftsprodukten.
Schweizerische Konvois führten Produkte von Spanien durch Frankreich und die Schweiz nach
Deutschland. Schweizer Banken dienten Nazimärkten in Lateinamerika. Dieses Verhalten ging
selbst nach dem Rückzug der Deutschen weiter, als die Gefahr einer Invasion verraucht war.
Noch im Frühjahr 1945 setzte sich die Schweiz über eine eben mit den Vereinigten Staaten
geschlossene Vereinbarung hinweg, deutsche Guthaben einzufrieren und den Kauf von Gold von
Deutschland einzuschränken. Den Schweizern waren die Nazi-Goldplünderungen in Frankreich,
Belgien und in andern Ländern sehr wohl bekannt. - Die «Business as usual»-Einstellung der
Schweiz prägte auch noch die Nachkriegsverhandlungen, und es ist diese Periode, welche am
schwierigsten zu verstehen ist. Die Schweizer waren hartnäckige Verhandler, die mit
legalistischen Argumenten jedes ihrer Interessen verteidigten, unbesehen der moralischen
Aspekte. Endlich, nach langem, feindseligem und schwierigem Handeln, wurde in der Form der
alliiert- schweizerischen Washingtoner Vereinbarung von 1946 eine Einigung erreicht. In einem
Brief dazu ging die Schweiz auch die Verpflichtung ein, erben- und nachrichtenlose Vermögen,
die zum Wohl von Naziopfern verwendet werden sollten, zu identifizieren. Vollzug des
Washingtoner Abkommens Die 58,1 Millionen Dollar (250 Millionen Schweizer Franken) in
deutschem Raubgold, welche den Alliierten zurückzugeben worden waren, waren weit weniger
als die 185 bis 289 Millionen Dollar Raubgold, welche das Aussenministerium und das
Schatzamt als am Ende des Krieges bei der Schweizerischen Nationalbank auf eigene Rechnung
befindlich schätzten. Diese 58 Millionen in monetärem Gold wurden der «Tripartite Gold
Commission» (TGC) zur Weiterleitung an die berechtigten Ländern prompt bezahlt. Aber der
andere Teil der Vereinbarung, die Liquidation von Hunderten von Millionen Dollar in deutschen
Werten, wurde weder prompt noch je ganz erfüllt. Die amerikanischen Unterhändler waren 1950
überzeugt, dass die Schweizer keine Absicht hatten, das Washingtoner Abkommen von 1946 je
umzusetzen.7 Staatssekretär Dean Acheson bemerkte, dass, wenn Schweden ein unnachgiebiger
Verhandlungspartner gewesen sei, die Schweiz «Intransigenz im Kubik» darstelle. Endlich,
1952, nach langen und frustrierenden Bemühungen einigten sich die Schweiz und die Alliierten
auf eine Zahlung von total 28 Millionen Dollar, viel weniger als die vereinbarten 50 Prozent der
deutschen Vermögenswerte in der Schweiz. Erst 1962 begann die Schweiz auch die 1946
übernommene Verpflichtung zu erfüllen, «mit Wohlwollen» erbenlose Vermögen zum Wohl von
Holocaust-Überlebenden zu verwenden. Über die Jahre machte es die mangelnde Flexibilität der
Schweizerischen Bankiervereinigung und anderer Schweizer Banken den überlebenden
Familienmitgliedern von Naziopfern extrem schwierig, zu Bankberichten und Vermögenswerten
zu kommen. Dieses Muster augenfälliger Indifferenz schweizerischer Bankiers gegenüber den
Nöten von Holocaustopfern und ihrer Nachkommen hielt bis zum heutigen internationalen Druck
an, das heisst bis (zum Beispiel) der Einsetzung des Ombudsmannes im Jahre 1996. Der Bericht
wirft allerdings auch ernsthafte Fragen zur amerikanischen Rolle auf. Die fehlende
Unterstützung einer harten Verhandlungsposition gegenüber den Neutralen durch die Spitzen der
Hierarchien war offensichtlich. Mit grösserer Unterstützung durch die alliierte Führung wäre es
möglich gewesen, mit den Neutralen ein besseres Verhandlungsergebnis zum Raubgold und zu
andern deutschen Vermögenswerten zu erzielen. Die USA waren am aktivsten bei der Suche
nach Kompensation für die Flüchtlinge, stiessen aber auf Widerstand, zum Beispiel von
Grossbritannien (das, nach der damaligen Analyse amerikanischer Beamter, fürchtete, die
Zurverfügungstellung von Geld für die Umsiedlung von Flüchtlingen würde zu Konflikten mit
seiner Restriktion der Zahl von jüdischen Zuwanderern nach Palästina führen). Am wichtigsten
war aber, dass die Kriegsziele durch den Imperativ des Aufbaus eines integrierten Europa und
dann durch die Ziele des Kalten Krieges abgelöst worden waren. Zahn- und Raubgold Der
Bericht behandelt auch das heiss debattierte Thema, ob Opfergold nach der Schweiz und in
andere neutrale Länder gesandt wurde und ob solches auch im TGC-Goldpool enthalten war.
Beides war der Fall. Die Reichsbank oder ihre Agenten schmolzen Gold, das
Konzentrationslagerinsassen, Verfolgten sowie andern Zivilpersonen entwendet worden war, und
verwandelten es in Barren. Der Beweis ist klar, dass solche Barren Deutschlands Goldreserven
hinzugefügt wurden, zusammen mit dem Gold, das bei den vom Dritten Reich besetzten
Zentralbanken konfisziert worden war. Es gibt allerdings keine Beweise, dass die Schweiz oder
andere Neutrale mit Wissen Opfergold annahmen. Die Studie enthält jedoch Beweise - die Praxis
der Reichsbank beim Einschmelzen von Gold, die Vermischung von monetärem und
nichtmonetärem Gold, Goldtransfers und eine Analyse einer Ladung niederländischen
Raubgoldes -, dass mindestens ein kleiner Teil des Goldes, das nach der Schweiz und Italien
gelangte, nichtmonetäres Gold enthielt, das von Zivilpersonen in besetzten Gebieten,
Konzentrationslageropfern und andern Ermordeten stammte. 8 Für die Opfer bleibt Gerechtigkeit
schwer zu erreichen. Ihre Beschwerden müssen, im Namen der Menschheit, als Verantwortung
der ganzen internationalen Gemeinschaft gesehen werden. Die im vorliegenden Bericht
enthaltenen Fakten und Schlüsse sollten die Überzeugung von Unrecht und die Entschlossenheit
zum Handeln wecken. Gerechtigkeit ist teilweise eine finanzielle Aufgabe. Aber sie ist zugleich
ein moralisches und politisches Anliegen, welches jede in diese tragischen Ereignisse verstrickte
Nation bewegen müsste, mit ihrer eigenen Geschichte und ihrer eigenen Verantwortung ins
Gericht zu gehen. Schweiz hat Führungsrolle übernommen Unter den neutralen Staaten hat die
Schweiz die Führungsrolle übernommen. Sie hat zwei verschiedene Kommissionen eingerichtet
(die Volcker-Kommission und die Bergier-Kommission). Grosse Schweizer Banken und Firmen
sowie die Schweizerische Nationalbank haben einen Fonds von jetzt 180 Millionen Dollar für
notleidende Opfer der Nazis und ihre Erben eingerichtet. Die Schweizer Regierung hat die
Errichtung einer Stiftung vorgeschlagen, welche Erträge für Überlebende und für andere
humanitäre Zwecke abwerfen soll. Private, einschliesslich Kirchen und Mittelschüler, haben über
500 000 Schweizerfranken für Holocaust-Überlebende gesammelt. Die Vereinigten Staaten
begrüssen und applaudieren diese bedeutenden Gesten. Die USA befürworten die sofortige
Offenlegung aller TGC-Dokumente, welche die Herkunft des TGC-Goldpools betreffen. Die
USA werden auch die Idee einer internationalen Konferenz von Historikern und andern Experten
prüfen, die Informationen, Erkenntnisse und Dokumente austauschen über das Schicksal von
Nazi- Vermögenswerten, über Beziehungen zum Dritten Reich und über Massnahmen zum
Finden überlebender Eigentümer oder die Verwendung erbenloser Vermögen. Es gibt weitere
ungelöste Probleme, welche in diesem Bericht nur kurz erwähnt werden. Ein erst kürzlich
aufgetauchtes ist das des Schicksals erbenloser Vermögenswerte bei amerikanischen Banken und
tatsächlich auch das möglicher Naziraubwerte in amerikanischen Banken, mit Einbezug der
amerikanischen Töchter schweizerischer Banken. Es ist das ein wichtiges Thema, das auch
Untersuchungen anderer Institutionen bedingt, inklusive solcher der zuständigen
Gliedstaatenbehörden. Es ist auch wichtig, Versicherungsansprüchen der Familien von
Holocaustopfern nachzugehen, deren Policen von den Nazis konfisziert wurden oder deren
Ansprüche aus verschiedensten Gründen abgelehnt wurden. Die Vereinigten Staaten, unsere
Alliierten und die Neutralen sollten, wenn die Überprüfung zu Ende ist, nicht so sehr auf Grund
der Handlungen oder Unterlassungen einer früheren Generation beurteilt werden, sondern eher
auf Grund des Willens unserer Generation, der Vergangenheit ins Gesicht zu schauen, Fehler
gutzumachen und die den Opfern der Naziaggression angetanen Ungerechtigkeiten zu
bereinigen. Es ist unsere Hoffnung, dass die Studie auf diesem Weg zu einer breiteren
Zielsetzung weiterführt. ------------------------------------------------------------------------ 1 Die
Anmerkungen stammen im wesentlichen aus dem Bericht selber bzw. aus dessen
Zusammenfassung (mit «Bericht» eingeleitet). 2 Von den 205 Seiten des eigentlichen Berichts
befassen sich knapp 80 spezifisch mit der Schweiz. 3 Der ausführliche Bericht (S. 123 f.) hält
fest, dass Schweden unter dem Titel (belgisches) Raubgold 8,1 Millionen Dollar ablieferte, von
den Alliierten hingegen die Zusicherung erhielt, dass diese keine Forderungen mit Bezug auf von
Deutschland erworbenes Gold erheben würden, welches Schweden vor dem 1. Juni 1945 an
Drittländer weitergegeben hatte. Die Verhandlungen mit Schweden wurden offenbar auch im
Hinblick auf eine Beschleunigung jener mit der Schweiz orchestriert. 4 Über die Verhandlungen
zur Rückgabe von Raubgold und Naziwerten mit Portugal (Schätzung der USA 51 Millionen
Dollar, 4 Millionen dann erhalten), Spanien (60 Millionen, 114 329 Dollar erhalten) und der
Türkei (49 Millionen, nichts erhalten) enthält die Berichts-Zusammenfassung nicht mehr als
insgesamt eine Seite, der Bericht selber 21 Seiten. Letzterer zeigt zudem, dass im Falle von
Argentinien (das Deutschland in den letzten Tagen noch rasch den Krieg erklärte)
Verhandlungen gar nie ernsthaft geführt wurden. Bei der Kontrolle der Implementation des SafeHaven-Programms gegen Verschiebungen von Nazivermögen ins sichere Ausland stellte der
USA-Beauftragte Samuel Klaus 1944 fest, dass Spanien «zweifellos das Land ist, in dem die
Safe-Haven-Aktivitäten vor sich gehen oder erwartet werden können, welche den grössten
Schaden anrichten.» 5 Bericht: «Die Sicht der Diplomaten des State Department (welche die
Briten teilten) war nicht die der Foreign Economic Administration, des Schatzamtes oder des
Justizdepartements, welche eine aggressivere Politik zur Erzwingung schweizerischer
Kooperation favorisierten. Die Vereinigten Stabschefs hätten ebenfalls wirkungsvolle
Massnahmen zur Unterbindung allen Handels mit Deutschland und der Eisenbahntransporte
durch die Schweiz vorgezogen. Alle Amtsstellen beugten sich jedoch der diplomatischen
Führung durch das Aussenministerium.» 6 Bericht: «Deutschland war auch in der Lage, die
Wirkung der alliierten Bombardemente geringfügig zu mildern, indem ein Teil der
Waffenproduktion in Sicherheit hinter die Schweizer Grenzen verlegt wurde.» 7 Bericht: «Im
Herbst 1950 schlugen amerikanische Unterhändler ihren alliierten Kollegen vor, das 1946er
Abkommen öffentlich als unvollziehbar zu erklären und sich von der Durchführung
zurückzuziehen. Briten und Franzosen widersetzten sich jedoch mit Nachdruck einer solchen
Absicht, weil sie die harte Schweizer Währung benötigten, welche die Vereinbarung brachte.
Das Abkommen blieb, wenn auch nicht umgesetzt, in Kraft.» 8 Bericht: «Die Reichsbank
richtete das ‹Melmer›-Konto ein, genannt nach SS-Hauptsturmführer Bruno Melmer, in welches
die SS bei Holocaust-Opfern und andern Zivilpersonen konfisziertes Gold deponierte. Das
eingeschmolzene SS-Gold war im Aussehen von dem bei Zentralbanken in Europa geraubten
Gold nicht zu unterscheiden. Eine Analyse einer Einschmelzaktion geraubter niederländischer
Goldgulden im Jahre 1943 bei der preussischen Münze hält fest, dass 37 000 Gramm Feingold
aus dem SS-Hort beigefügt wurden. Von den so hergestellten Barren wurden 83 Prozent an die
Schweizerische Nationalbank, der Rest an Italien verkauft (‹die Gesamtgewichte werden nicht
angegeben›). Es ist deshalb klar, dass ein Teil des der Schweiz und anderen Neutralen verkauften
Münzgoldes etwas von solchem Opfergold enthielt. - Funde von eingeschmolzenem Opfergold,
Goldzähnen, Juwelen und jüdischen Ritualgegenständen wurden in der Merkers-Mine und
andernorts in Deutschland gefunden. Auf Grund ihres Beschlusses, Goldmünzen und Barren
ohne Münzzeichen zum TGC-Goldpool hinzuzufügen, besteht kein Zweifel, dass die
amerikanische Regierung wissentlich Gold und Münzen aus der Merkers- Mine, die KZ-Opfern
und andern Zivilpersonen gehört hatten, verwendete.» Neue Zürcher Zeitung vom 9. Mai 1997
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