Adam Zamoyski: Phantome des Terrors. Die Angst vor

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Andreas Fahrmeir: Rezension von: Adam Zamoyski: Phantome des
Terrors. Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der
Freiheit 1789-1848, München: C.H.Beck 2016, in sehepunkte 17
(2017), Nr. 2 [15.02.2017],
URL:http://www.sehepunkte.de/2017/02/28944.html
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sehepunkte 17 (2017), Nr. 2
Adam Zamoyski: Phantome des Terrors
Mit "Phantome des Terrors" legt Adam Zamoyski binnen kurzer Zeit das
dritte Buch zum frühen 19. Jahrhundert vor. [ 1 ] Während sich "1812"
und "1815" als dichte Detailstudien mit dem Niedergang Napoleons und
der Neuordnung durch den Wiener Kongress beschäftigten, ist der
Gegenstand dieses Buches chronologisch breiter und zugleich
systematisch ambitionierter: Es behandelt die Frage, von wem zwischen
der Französischen Revolution und der Revolution von 1848 eine größere
Bedrohung von Sicherheit und Ordnung ausging: von den Revolutionären
oder den Regierungen. Schon der Titel macht deutlich, dass Zamoyski
die These vertritt, dass es sich bei der Revolutions-, Terror- und
Umsturzgefahr - wenn man von den "terreur"-Jahren in Frankreich
absieht - im Wesentlichen um eine Projektion der Herrschenden
handelte. Grund für die Kluft zwischen Wahrnehmung und Realität sei
gewesen, dass es weit weniger zu der befürchteten "Ansteckung" (32)
von Oppositionellen durch das Vorbild der französischen Jakobiner
gekommen sei als zur Infektion der Herrschenden mit dem Virus der
Umsturzangst, dessen Symptome ein dichtes Spitzelwesen und eine mit
großen Ressourcen ausgestattete politische Polizei waren. Beides sei
ironischerweise auf die französischen Jakobiner zurückgegangen, durch
Napoleon perfektioniert und rasch von der politischen Polizei anderer
Länder, vor allem Österreichs, Frankreichs und Russlands, übernommen
worden. Die politische Polizei musste ihre Existenz durch die Aufdeckung
von Verschwörungen rechtfertigen. Spitzel wurden nur dann belohnt,
wenn sie dramatische Informationen anboten. Beides war eine Einladung
zum Missbrauch, zumal die Summen für Informanten beträchtlich waren.
Eine der eindrücklichsten Geschichten handelt von 2.000 Francs für
einen falschen Tipp: Ein amouröses Stelldichein des Herzogs von Berry
wurde zu einem Treffen mit einem Abgesandten Napoleons stilisiert, das
ausgerechnet vom Ehemann der beteiligten Dame ausgehoben werden
sollte; dieser war aber für die Protagonisten nicht zu erkennen, weil er
verkleidet und mit einem von einem Lakaien geworfenen großen
Weichkäse im Gesicht ins Zimmer trat. Der Tippgeber spendete das Geld
der Kirche.
Viele der enttarnten revolutionären Umsturzversuche seien schlicht
erfunden gewesen oder durch V-Leute initiiert worden. Den Regierungen
war zwar vielfach bewusst, dass es sich um Fiktionen handelte (die vor
Gericht auch vielfach keinen Bestand hatten); unter bestimmten
Umständen fanden sie es aber nützlich, durch die Publikation solcher
Berichte Panik zu schüren und diese zur Verabschiedung von restriktiven
Gesetzen zu nutzen. Es konnte aber auch vorkommen, dass sich Politiker
außerstande sahen, zwischen unabhängigen und staatlich geschaffenen
politischen Bewegungen zu unterscheiden ("dass die Kabinettsmitglieder
auf ihre eigenen Lügen hereingefallen waren, was Politkern so häufig
passiert", 175); dafür ist Metternich das zentrale Beispiel. Es ist klar,
dass diese Erzählung eine aktuelle Resonanz hat, die Zamoyski im
Vorwort auch explizit erwähnt (8), die aber im Text nur in
Kapitelüberschriften wie "Krieg gegen den Terror" (47) präsent ist.
Die Thesen Zamoyskis stehen im Gegensatz zu Teilen der jüngeren
Historiografie, die ein positives Bild der Neuordnung Europas nach 1815
gezeichnet haben. Dieses Bild beruht auf der Annahme, dass die
Prinzipien der Französischen Revolution in Verbindung mit den
napoleonischen Ambitionen die Ursachen der großen Kriege zwischen
1792 und 1815 waren, sodass Friedenssicherung eine Einhegung
nationaler und demokratischer Bewegungen voraussetzte, deren
Breitenwirkung ohnehin begrenzt gewesen sei. Vor diesem Hintergrund
stellten die Verschwörungen nach 1815 eine reale Bedrohung dar:
Hätten sie sich durchgesetzt, wären Kriege um die Grenzen 'nationaler'
Staaten unvermeidlich und ein Umgang mit inneren Gegnern zu
erwarten gewesen, wie ihn "Selbstmordterroristen" (231) wie Sand
bereits auslebten: die Tötung missliebiger Personen im Stile der TerrorPhase der Französischen Revolution. Dagegen seien die staatlichen
Repressionsmaßnahmen - meist lange Haft oder Verbannung, selten
Hinrichtungen, bisweilen Konfiskationen von Vermögen - eher milde
gewesen. [ 2 ]
Zamoyskis Buch weist dieselben Stärken auf wie seine vorangegangenen
Werke. Es beruht auf einer breiten Lektüre einschlägiger gedruckter
Quellen und Archivbestände aus Großbritannien, Frankreich, Österreich
und Deutschland. Dabei macht es allerdings die Zitationspraxis, die
Publikationen und Archivalien in einer Fußnote kombiniert, schwer,
nachzuvollziehen, welche Details aus den ungedruckten Quellen
stammen und ob diese für die Argumentation wesentlich sind. Das Buch
ist klug komponiert und voller interessanter, kurioser und lustiger Details
über Bestechungen, Verwechslungen, Provokationen, amouröse
Verwicklungen und biografische Brüche, deren Struktur sich freilich im
Verlauf der Lektüre oft wiederholt. Was Zamoyski im Verlauf der
Erzählung gut gelingt, ist, plausibel zu machen, dass die Furcht vor einer
revolutionären Gegenwelt, die in der Erfindung eines "comité directeur"
als schemenhaftem Kopf einer europäischen Revolutionsverschwörung
gipfelte, zumindest für Teile von Europas monarchischen und den
Monarchien nahestehenden Eliten eine Bedeutung hatte, die exekutive
Politik bestimmen konnte.
Dem stehen allerdings einige Einschränkungen gegenüber. Der Fokus auf
die Perspektive der Herrschenden ist zwar angesichts der Fragestellung
legitim, führt aber dazu, dass Ziele und Ursachen von
Oppositionsbewegungen wenig präzise rekonstruiert werden und viele
radikale Akteure gar nicht in den Blick geraten, obwohl sie auch mit der
Polizei in Konflikt gerieten - Figuren wie Georg Büchner oder Karl Marx
(als Teilnehmer, nicht als Interpret von Ereignissen oder Lektüre
späterer russischer Oppositioneller) sucht man im Register vergeblich;
anders als der Herzog von Berry wurden sie aber dort nicht übersehen,
sondern kommen auch im Text gar nicht vor. Das lässt die Revolutionen
von 1830 oder 1848 fast völlig überraschend über eine vorher als
umfassend kontrolliert geschilderte Welt hereinbrechen - was wiederum
daran liegt, dass die Existenz einer Opposition gegen die dominante
Politik innerhalb der Eliten fast nur für das Militär ausführlich diskutiert
wird (wo sie nach der Niederschlagung von Putschversuchen in Italien,
Spanien und Russland sowie nach dem Sieg über die polnische
Revolution von 1830 weitgehend gebannt erscheint), nicht aber für
Verwaltung, Politik und Justiz. Die Bedeutung von Rechtstaatlichkeit und
Justizwesen scheint nur in den zahlreichen berichteten Freisprüchen auf,
wird aber kaum systematisch oder im Vergleich der untersuchten Länder
diskutiert. Der Verzicht auf eine Aufarbeitung des Forschungsstandes zur
politischen wie 'gewöhnlichen' Polizei, Justiz, Presse, parlamentarischen
Debatten und politischen Konflikten schließt aus, dass die These, die
"Politik der Ordnung" habe geholfen, "den modernen Staat [zu]
formen" (120) wirklich plausibel gemacht werden kann; hier läuft das
Buch Gefahr, die Bedeutung des Spitzelwesens für die Beobachtung von
Elitenangehörigen oder die Bewohner von Hauptstädten auf die
Gesellschaft im Allgemeinen zu übertragen, wie es überhaupt nur in
wenigen Episoden - etwa der sehr gelungenen detaillierten
Rekonstruktion der Demonstration von "Peterloo" - auf die lokale oder
regionale Ausprägung von Staatlichkeit eingehen kann.
Das ändert freilich nichts daran, dass das Buch vielfältige Einsichten
eröffnet und als engagiertes Plädoyer gegen eine allzu positive Sicht auf
die Restaurationszeit die Lektüre lohnt.
Anmerkungen :
[ 1 ] Adam Zamoyski: 1812: Napoleons Feldzug in Russland, München
2012 (engl. 2004); 1815: Napoleons Sturz und der Wiener Kongress,
München 2014 (engl. 2007); dazwischen erschienen Warsaw 1920:
Lenin's Failed Conquest of Europe, London 2008; Poland: A History,
London 2009 sowie Chopin: Prince of the Romantics, London 2010 (dt.
2010).
[ 2 ] Exemplarisch Wolfgang Siemann: Metternich: Stratege und Visionär,
München 2016 sowie Wolfgang Behringer: Tambora und das Jahr ohne
Sommer: Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte, München 2015.
Einen differenzierten Überblick der Diskussionen bietet z.B. Jean Claude
Caron / Jean-Philippe Luis (Hgg.): Rien appris, rien oublié? Les
Restaurations dans l'Europe postnapoléonienne (1814-1830), Rennes
2015.
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