Das Neue als Kulturtendenz

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Wittgensteins Traum von der Klarheit der Sprache
von Oswald Schwemmer, Humboldt-Universität zu Berlin
1
Tractatus und Philosophische Untersuchungen: Die Klarheit der
Sprache
Wittgenstein Tractatus logico-philosophicus ist sowohl hinsichtlich seines
inneren Aufbaus als auch seiner äußeren Wirkung einer der merkwürdigsten
Texte der philosophischen Literatur. Nach einer immensen Wirkung z. B. auf
den Wiener Kreis gilt er zwar auch heute noch als ein klassischer
philosophischer Text, wird im allgemeinen aber durch die Philosophischen
Untersuchungen Wittgensteins nicht nur deutlich in den Schatten gestellt,
sondern auch, wie es scheint, geradezu dementiert. Nicht eine Idealsprache,
wie sie im Tractatus entwickelt wird, sondern die Umgangssprache ist gemäß
den Philosophischen Untersuchungen zu analysieren und vor ungedeckten
Erweiterungen geschützt. Ungedeckt sind alle Erweiterungen, die sich aus dem
Feld des alltäglichen Gebrauchs sozusagen hinausstehlen und in nur noch
innersprachliche Bezüge verwickeln und verirren. So formuliert Wittgenstein
„Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen – „Wissen“, „Sein“,
„Gegenstand“, „Ich“, „Satz“, „Name“ – und das Wesen des Dings zu
erfassen trachten, muß man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in
der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? –
Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche
Verwendung zurück.“ (PhU 116)
Die Sprache, so kann man sagen, ist in den Philosophischen Untersuchungen
ein vollständig funktionierendes Kommunikationsmittel, solange sie in die
Üblichkeiten des Umgangs miteinander und überhaupt unseres Handelns
eingebunden bleibt. Wer nach der Bedeutung eines Satzes fragt, würde daher
immer auch mit den Tätigkeiten vertraut gemacht werden müssen, innerhalb
derer dieser Satz seine Rolle spielt.
In diesem Sinne ließen sich ähnliche Formulierungen wie die, die
Wittgenstein in seinem Tractatus benutzt, auch für die Philosophischen
Untersuchungen finden: Geht es in beiden Werken doch um die Klarheit der
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Sprache, so etwa mit der Feststellung, dass der Sinn eines Satzes sich in
seiner Verwendungsweise innerhalb bestimmter Üblichkeiten zeigt und damit
offen zutage liegt. Das Aufzeigen eines solchen Offen-zutage-Liegens von
Bedeutung wäre dann das gemeinsame Ziel, das Wittgenstein sowohl im
Tractatus als auch in den Philosophischen Untersuchungen verfolgt. In diesem
Sinne ließe sich dann auch das den Philosophischen Untersuchungen
vorangestellte Nestroy-Zitat verstehen:
„Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, dass er viel größer ausschaut,
als er wirklich ist“
– der Forschritt nämlich vom Tractatus zu den Philosophischen
Untersuchungen.
2
Bedeuten und Zeigen: Innere Eigenschaften und äußere
Beziehungen
Was aber, so können wir fragen, ist näherhin das Ziel des Tractatus, und zwar
auch dort, wo er sich von den Philosophischen Untersuchungen unterscheidet?
Eine Antwort lässt sich über die Unterscheidung von Bedeuten und Zeigen
finden. Dabei ist allerdings zu sehen, dass Wittgenstein von Bedeutung in
durchaus unterschiedlichem Sinne redet. In einem kritischen Sinne redet er von
der Bedeutung eines Begriffs als einer Eigenschaft: einer Eigenschaft im Sinne
eines geistigen Gehaltes, der von dem Begriff selbst verschieden, aber mit ihm
gemeint ist. Eine solche Auffassung von Bedeutung lehnt Wittgenstein ab, da
sich diese Bedeutung nicht zeigt und sich – eben als geistiger Gehalt oder als
Vorstellung – erst erschlossen oder gedeutet werden muss. Eine solche
Deutung verirrt sich seiner Meinung nach aber im unwegsamen Raum einer
Innerlichkeit, in der Einfälle, Gefühle, Formeln und Formulierungen, Impulse
und Motive und vieles andere mehr in einer unauflösbaren Weise miteinander
verschränkt sind. Soll sich etwas zeigen, so muss es, wie Wittgenstein fordert,
offen zutage liegen und für jedermann erfassbar sein.
Statt von inneren geistigen Gehalten oder Vorstellungen will daher
Wittgenstein nur von äußeren Verhältnissen reden und eine sprachliche
Darstellung dieser äußeren Verhältnisse entwerfen, die Deutungen weder
benötigt noch zulässt. Um diese Ziel zu erreichen, beschränkt sich Wittgenstein
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in seiner „zeigenden“ Sprache zunächst auf zwei Elemente: auf Namen und
Zeichenkonstellationen für Beziehungen zwischen den Namen. Die Namen
beziehen sich auf Gegenstände und Zeichenkonstellationen stehen für
Beziehungen zwischen diesen Gegenständen. Das besondere an dieser
minimalistischen Sprachkonstruktion ist, dass die Gegenstände ohne
Eigenschaften gedacht werden. Der Gegenstand ohne Eigenschaften wird
lediglich als ein identifizierbares Etwas behandelt, das zu anderen
Gegenständen, die in gleicher Weise unbestimmt, aber identifizierbar bleiben, in
äußeren Beziehungen steht.
Als Beispiel kann man sich eine solche Beziehung als eine räumliche
vorstellen, als ein Nebeneinander, Hintereinander usw., das jeweils eine Lage
im Raum angibt, das aber über die Gegenstände, die zueinander diese Lagen
einnehmen, keine weiteren Angaben macht. Ob es sich um Menschen, Steine,
Pflanzen oder Tiere handelt: All dies bleibt unbestimmt. Statt innerer
Eigenschaften werden nur äußere Beziehungen angegeben.
3
Gegenstände und Sachverhalte
Charakterisiert werden kann ein Gegenstand in einer solchen Sprache der
äußeren Beziehungen alleine dadurch, dass man die möglichen Beziehungen
angibt, in die dieser Gegenstand zu anderen Gegenständen treten kann. Er ist
dann z. B. ein räumlicher Gegenstand, wenn er in alle möglichen räumlichen
Beziehungen zu anderen Gegenständen eintreten kann. Die äußeren
Beziehungen, in die Gegenstände zueinander treten können, nennt
Wittgenstein Sachverhalte oder auch Sachlagen.
„Der Sachverhalt ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen,
Dingen)“ (2.01)
Wittgenstein kann dann auch sagen, dass die Gegenstände oder auch Dinge
dadurch charakterisiert werden können, dass sie „Bestandteil eines
Sachverhaltes sein können“ (2.011).
„Die Gegenstände enthalten die Möglichkeit aller Sachlagen.“ (2.014)
„Die Möglichkeit seines Vorkommens in Sachverhalten ist die Form des
Gegenstandes“ (2.0141)
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Dass der Gegenstand nicht in sich selbst durch seine innere Eigenschaften
charakterisiert werden soll oder kann, drückt Wittgenstein dadurch aus, dass er
sagt:
„Der Gegenstand ist einfach.“ (2.2.)
Eine Zwischenbemerkung mag hier ein naheliegendes Missverständnis
vermeiden. Wittgenstein selbst schreibt: „Um einen Gegenstand zu kennen, muß
ich zwar nicht seine externen – aber ich muß alle seine internen Eigenschaften
kennen.“ (2.01231) Diese „internen“, nämlich den Gegenständen unabhängig von
ihrer tatsächlichen Lage zukommenden Eigenschaften, sind „sämtliche
Möglichkeiten“ des Vorkommens dieser Gegenstände in Sachverhalten (2.0123).
„Denn jede solche Möglichkeit“, so Wittgenstein, „muß in der Natur [sc. im
„Inneren“] des Gegenstandes liegen.“ Anders gesagt: Die Natur eines
Gegenstandes und damit seine „internen Eigenschaften“ sind seine Relationen
zu anderen Gegenständen, mit denen er in einem Sachverhalt vorkommen kann.
Und in einer explizit auf das „Innere“ der Gegenstände bzw. der Dinge: „Wenn
die Dinge in vorkommen können, so muß dies schon in ihnen liegen.“ (2.0121)
4
Sprache und Welt
Das Bild, das sich damit für die von Wittgenstein entwickelte Sprache auf der
einen Seite und unsere Welt, auf die diese Sprache sich beziehen soll, auf der
anderen Seite ergibt, lässt sich so durch das Korrespondenzverhältnis zwischen
Sprachelementen und -relationen auf der einen und Weltelementen und
-relationen auf der anderen Seite charakterisieren. Die Namen der Sprache
stehen für die Gegenstände der Welt, und die Zeichen für die Relationen stehen
für die relationalen Gegebenheiten. Oder anders gesagt: Die Namen vertreten
die Gegenstände, und die Relationszeichen bilden die bestehenden
Weltbeziehungen ab. Am Beispiel der räumlichen Beziehungen: Eine
diagrammatische Darstellung räumlicher Verhältnisse bildet diese räumlichen
Verhältnisse ab – und dies, ohne dass eine Deutung im Sinne geistiger
Sachverhalte notwendig wäre. Was notwendig ist, ist einzig die Kenntnis, dass
und wie die Zeichen für die Gegenstände und Sachverhalte substituiert werden
können. Wittgenstein bringt hier das Bild eines Maßstabs, der – wir können
hinzufügen: dort, wo die Gegenstände durch die Namen substituiert werden –
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die Welt berührt und dessen jeweilige Maßaufteilung oder Mensur für die
Relationen zwischen den Gegenständen steht:
„Daß sich die Elemente des Bildes in bestimmter Art und Weise zu
einander verhalten, stellt vor, daß sich die Sachen so zu einander
verhalten“.
„Dieser Zusammenhang der Elemente des Bildes heiße seine Struktur und
ihre Möglichkeit seine Form der Abbildung.“ (2.15)
„Die Form der Abbildung ist die Möglichkeit, daß sich die Dinge so zu
einander verhalten, wie die Elemente des Bildes.“ (2.151)
„Das Bild ist so mit der Wirklichkeit verknüpft; es reicht bis zu ihr.“ (2.1511)
„Es ist wie ein Maßstab an die Wirklichkeit angelegt.“ (2.1512)
„Nur die äußersten Punkte der Teilstriche berühren den zu messenden
Gegenstand.“ (2.15121)
Zentral für das Verständnis dieser Korrespondenzbeziehung zwischen Zeichen
und Gegenstandsverhältnissen in der Welt ist Wittgensteins Rede von einem
Bild und einer abbildenden Beziehung. Das Bild ist in diesem Zusammenhang
die Konfiguration der Zeichen, die die Konfiguration der Gegenstände
präsentieren. Entscheidend ist, dass es sich dabei nicht um eine
interpretationsbedürftige Repräsentation handelt, sondern um die unmittelbare
Präsentation der Sachverhalte durch die gleichsam isometrische Konfiguration
der Zeichen.
5
Wortsprache und Zeichensprache
Damit löst sich aber Wittgenstein von der Wortsprache und präsentiert statt
dessen Zeichenkonfigurationen, deren Struktur – von den Zeichen her gesehen
– die Struktur der Sachverhalte unmittelbar bzw., wie man auch zu sagen pflegt,
eins zu eins abbildet. Dass dieses Abbildungsverhältnis von den Zeichen her
definiert ist, besagt, dass in dieser Zeichensprache nur die Relationen
aufgenommen werden, die tatsächlich präsentierbar sind, d. h. für die wir
äquivalente Relationszeichen besitzen. Diese Zeichen sind Elemente in einem
bestimmten Zeichenraum, der wie etwa der Raum der Farben oder eben auch
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der räumlichen Beziehungen selbst eindeutige und unmittelbar wahrnehmbare
Weltverhältnisse bzw. Sachverhalte darstellt. Wittgenstein spricht in diesem
Zusammenhang auch von Formen, nämlich der Abbildung und der Wirklichkeit:
„Das Bild kann jede Wirklichkeit abbilden, deren Form es hat. Das
räumliche Bild alles Räumliche, das farbige alles Farbige, etc.“ (2.171)
Ein Beispiel, das Wittgenstein selbst anführt, scheint dies zu verdeutlichen:
„Schwarzer Fleck auf weißem Papier; die Form des Fleckes kann man
beschreiben, indem man für jeden Punkt der Fläche angibt, ob er weiß oder
schwarz ist. Der Tatsache, daß ein Punkt schwarz ist, entspricht eine
positive – der, daß ein Punkt weiß (nicht schwarz) ist, eine negative
Tatsache.“ (4.063)
Bei näherem Hinsehen, zeigt sich allerdings ein Unterschied zu den bisher
erwähnten räumlichen Darstellungen. Geht es doch bei dem „Abtasten“ der
Fläche mit dem schwarzen Fleck nicht mehr um eigenschaftlich charakterisierte
Elemente wie die räumlichen Zeichen, sondern nur noch um Existenz oder
Nicht-Existenz, um positive oder negative Tatsachen. Die Zeichen sind alleine
dadurch bestimmt, dass sie in einer binären Relation stehen, deren Glieder sich
ausschließen: z. B. als Ja oder Nein, entweder oder, 1 oder 0, wahr oder falsch.
Mit dem Beispiel scheint daher eine Reduktion der Darstellung auf diese
zweiwertige logische Grundrelation als einziges Beschreibungsmittel vollzogen
zu werden.
6
Strukturdarstellung und Formwahrnehmung
Tatsächlich ist aber zu sehen, dass der Weg zum Gebrauch dieser Relation
durchaus voraussetzungsvoll ist: Zunächst ist vorauszusetzen, dass wir nicht
nur schwarz und weiß wahrzunehmen und zu unterscheiden wissen, sondern
dass wir uns auch entscheiden bzw. daran gewöhnt haben müssen, die
verschiedenen Abtönungen, die sich bei näherem Hinsehen zeigen, als
schwarz oder weiß zu identifizieren. Dass dies keine Selbstverständlichkeit ist,
zeigt eindrucksvoll eine Analyse Henri Bergsons:
„Man betrachte aufmerksam ein Blatt Papier, das z. B. durch vier Kerzen
beleuchtet ist und lösche nacheinander eine, zwei, drei davon aus. Man
wird sagen, die Fläche bleibe weiß und ihre Helligkeit verringere sich. Man
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weiß ja allerdings, daß man eine Kerze ausgelöscht hat; oder, weiß man es
nicht, so hat man oft genug eine analoge Veränderung des Aussehens
einer weißen Fläche beobachtet, wenn man die Beleuchtung verringerte.
Man abstrahiere indessen von seinen Erinnerungen und
Sprachgewohnheiten: was man wirklich bemerkt hat, ist nicht eine
Beleuchtungsveränderung der weißen Fläche, sondern eine Schicht von
Schatten, die im Augenblick des Auslöschens der Kerze über die Fläche
hingeglitten ist. Dieser Schatten ist für das Bewußtsein eine Realität so gut
wie das Licht. Nannte man die ursprüngliche Fläche in all ihrer Helligkeit
weiß, so verlangt das jetzt Gesehene einen anderen Namen; denn es ist
etwas anderes: es wäre, könnte man sich so ausdrücken, eine neue
Nuance von Weiß.“1
Mit anderen Worten: Die Reduktion auf die binäre Relation von Ja oder Nein
bringt auch eine Reduktion für die Binnendifferenzierung unserer
Wahrnehmung mit sich. Nuancen werden nicht mehr berücksichtigt. Unsere
Welt scheint durch diese „logische Reduktion“ der Darstellung auf eine disjunkte
Mannigfaltigkeit zurückgeführt zu werden.
Bevor dieses Argument wieder aufgenommen wird, ist aber eine weitere
Voraussetzung zu nennen. Sie zeigt sich, wenn wir nach den Bedingungen
dafür fragen, dass wir von einer Form – hier der „Form des Fleckens“ – reden
können. Diese Form erscheint uns ja nur, wenn wir in einer geordneten, also
bereits geformten Weise unser „Abtasten“ vornehmen. Wir dürfen nicht „kreuz
und quer“, also ungeordnet, über das Blatt Papier fahren, sondern nur in einer
streng geordneten Weise also z. B. bündig links (waagerechte) Zeile für
(waagerechte) Zeile. Wir erhielten dann, wenn 0 für weiß und 1 für schwarz
steht, ein „Bild“ wie dieses:
1
Henri Bergson, Zeit und Freiheit. Text als Nachdruck der 1920 in Jena [Eugen Diederichs
Verlag] erschienenen 2. Auflage der Übersetzung von Paul Fohr (1. Auflage dieser
Übersetzung 1911). Frankfurt am Main [Athenäum] 1989, S. 42.
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Das Bild, also die Form des Fleckens ergibt sich, wie man hier deutlich sieht,
nur, wenn die Anordnung der Punkte, die man untersucht, bzw. die Schritte des
Untersuchungsvorgangs bereits eine strenge Form aufweisen.
Aber nicht nur dieses: Auch unsere Wahrnehmung muss bereits eine FormWahrnehmung sein, wenn man eine Form überhaupt identifizieren will. Dass wir
den unterschiedlichen Wechsel von – disjunkt erfasstem – Weiß und Schwarz
als einen schwarzen Flecken auf weißem Papier wahrnehmen und dann
darstellen können, beweist die innere Selbst-Gliederung der Wahrnehmung,
ihren immanenten Formcharakter.
Auch hier mag wieder ein anderer Autor als Zeuge angerufen werden:
dieses Mal Susanne Langer:
„Ebenso wie die höheren Nervenzentren, mit denen wir Arithmetik und
Logik betreiben, scheint auch unserer Empfangsapparatur eine Tendenz
innezuwohnen, das sensorische Feld in Gruppen und bestimmte Muster
von Sinnesdaten zu gliedern, Formen wahrzunehmen statt eine Flut von
Lichteindrücken. Dieser unbewußte ,Sinn für Formen‘ aber ist die primitive
Wurzel aller Abstraktion, die ihrerseits der Schlüssel zur Rationalität ist; es
zeigt sich also, daß die Bedingungen der Rationalität tief in unserer rein
animalischen Erfahrung liegen – in unserer Wahrnehmungsfähigkeit, in den
elementaren Funktionen unserer Augen, Ohren und Finger. Das geistige
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Leben beginnt schon mit unserer physiologischen Konstitution. Ein wenig
Nachdenken macht einsichtig, daß, da jede Erfahrung einmalig ist, die
sogenannten ,wiederholten‘ Erfahrungen in Wirklichkeit analoge
Vorkommnisse sind, die sämtlich in eine Form passen, welche durch
Abstraktion bei der ersten Gelegenheit gewonnen wurde. Die Vertrautheit
von Phänomenen ist nichts weiter als die Eigenschaft, daß etwas sehr
genau in die Form einer früheren Erfahrung paßt. Unsere angeborene
Gewohnheit, Eindrücke zu hypostasieren, Dinge und nicht Sinnesdaten zu
sehen, beruht, glaube ich, darauf, daß wir prompt und unbewußt aus jeder
Sinneserfahrung eine Form abstrahieren und uns dieser bedienen, um die
Erfahrung als ein Ganzes, als ,Ding‘ zu begreifen.“2
Wittgenstein selbst, von dessen Tractatus Susanne Langer übrigens stark
beeinflusst ist, könnte – und würde auch wohl – dieser Darstellung vorbehaltlos
zustimmen. Redet er doch selber immer wieder von Form und Konfiguration, zu
denen er auch die Anordnungen der logischen Zeichen rechnet. So formuliert er
z. B.:
„Die Substanz der Welt kann nur eine Form und keine materiellen
Eigenschaften bestimmen. Denn diese werden erst durch die Sätze
dargestellt – erst durch die Konfiguration der Gegenstände gebildet.“
(2.0231)
„Die Konfiguration der Gegenstände bildet den Sachverhalt.“ (2.0272)
„Die Konfiguration der einfachen Zeichen im Satzzeichen entspricht die
Konfiguration der Gegenstände in der Sachlage.“ (3.21)
„Konfiguration“, „Struktur“ und „Form“ (als „Möglichkeit der Struktur“), „Bild“ – all
dies sind Basistermini Wittgensteins, die sich erst in ihrer Verwendung klären
und jedenfalls zur Klärung seines Sprachkonzeptes genutzt werden. Sie
charakterisieren die gedankliche Form, die Wittgensteins Tractatus eigen ist
und sind damit die Bausteine des Gebäudes einer logisch geordneten Sprache,
die nicht mehr die Bedeutung ihrer Zeichen verstanden werden soll, sondern
durch sich selbst zeigen soll, was der Fall ist und was nicht.
2
Susanne K. Langer: Philosophie auf neuem Wege. Das Symbol im Denken, im Ritus und
in der Kunst. Frankfurt am Main [Fischer Taschenbuch Verlag] 1984, S. 95f.
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Dieser Grundidee des Zeigens fügt Susanne Langer die Bedingung hinzu,
die dem Zeigen erst seine Möglichkeit bietet:
„Unsere reine Sinneserfahrung ist bereits ein Prozeß der Formulierung. Die
Welt, die den Sinnen wirklich begegnet, ist ja keine Welt von ,Dingen‘, an
denen wir Tatsachen entdecken sollen, sobald wir die dazu erforderliche
logische Sprache kodifiziert haben; die Welt der reinen Sinnesempfindung
ist so komplex, fließend und reich, daß bloße Reizempfindlichkeit nur das
antreffen würde, was William James ,eine blühende, schwirrende
Konfusion‘3 genannt hat. Aus diesem Chaos müssen unsere Sinnesorgane
bestimmte vorherrschende Formen auswählen, wenn sie Dinge und nicht
bloß sich auflösende Sinnesempfindungen melden sollen. Auge und Ohr
müssen ihre Logik [...] haben. Ein Objekt ist kein Sinnesdatum, sondern
eine durch das sensitive und intelligente Organ gedeutete Form, eine Form,
die gleichzeitig ein erlebtes Einzelding und ein Symbol für dessen Begriff,
für diese Art von Ding ist.“4
Das „sensitive und intelligente Organ“ arbeitet nicht nur nach biologischen
Prozessen, sondern auch in sozialen und kulturellen Verhältnissen. So lernt
unser Auge und unser Ohr in den Prozessen des Sehens und Hörens. Alles,
was wir sehen, sehen wir durch die Bilder hindurch, die wir gesehen haben.
Alles, was wir hören, hören wir durch die Töne, Laute und Geräusche hindurch,
die wir gehört haben. Und dies können wir entsprechend von all unseren
anderen Sinnesorganen auch sagen. Allgemein können wir feststellen, dass
das Wahrgenommene sich in einem Wechselverhältnis seiner Präsenz und
seiner Erfassung herausformt und über seine Darstellung – die z. B dinglich,
gestisch bildlich oder sprachlich sein kann – und deren Wahrnehmung zu einem
kollektiven Formenrepertoire sedimentiert. Es entsteht so ein kollektiver Besitz
von Formen des Wahrgenommen und Wahrnehmbaren: von Formen, die
unseren Wahrnehmungen ihre Identifizierbarkeit geben. Diese Formen sind
kulturelle Tatsachen. Sie bilden ein Feld von Verweisungen, durch die unsere
3
William James, Some Problems of Philosophy. A Beginning of an Introduction to
Philosophy (1911). New York [Greenwood Press] 1968, S. 50: “If my reader can […]
lapse back into his immediate sensible life at this very moment, he will find it to be what
someone has called a big blooming buzzing confusion, as free from contradictions in its
,much-at-onceness‘ as it is all alive and evidently there.”
4
Susanne Langer, op. cit., S. 95.
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Wahrnehmungswelt zusammengehalten wird und sich damit ein
Sinnzusammenhang aus aufeinander verweisenden Formen bildet.
7
Die kulturelle Differenz der Formwahrnehmungen
Was für das Verständnis des Tractatus hier bedeutsam ist, wird mit der Rede
von kulturellen Tatsachen angedeutet. Denn dass es sich bei den
Verweisungsfeldern der Formen als einem kollektiv sedimentierten Repertoire
um kulturelle Tatsachen handelt, bedeutet ja, dass wir es in verschiedenen
kulturellen Zusammenhängen und insbesondere in verschiedenen Kulturen mit
verschiedenen Formzusammenhängen und Wahrnehmungsverhältnissen zu
tun haben können und meist auch haben. Mit dem Blick auf diese kulturelle
Differenz verschwindet aber die Offensichtlichkeit des Gezeigten. Nicht einmal
der schwarze Flecken auf weißem Papier kann sicher sein, als ein solcher
wahrgenommen zu werden. Ernst Cassirers Darstellung von unterschiedlichen
Sichtweisen eines Linienzuges bietet hier einen inzwischen schon fast
„klassischen“ Beleg:
„Wir können ein optisches Gebilde, wie etwa einen einfachen Linienzug,
nach seinem reinen Ausdruckssinn nehmen. Indem wir uns in die
zeichnerische Gestaltung versenken und sie für uns aufbauen, spricht uns
in ihr zugleich ein eigener physiognomischer ,Charakter‘ an. […] Das Auf
und Ab der Linien im Raume faßt eine innere Bewegtheit, ein dynamisches
Anschwellen und Abschwellen, ein seelisches Sein und seelisches Leben
in sich. […] Aber all dies tritt nun alsbald zurück und erscheint wie
vernichtet und ausgelöscht, sobald wir den Linienzug in einem anderen
,Sinne‘ nehmen – sobald wir ihn als mathematisches Gebilde, als
geometrische Figur verstehen. Er wird nunmehr zum bloßen Schema, zum
Darstellungsmittel für eine allgemeine geometrische Gesetzlichkeit. […]
Und wieder in einem völlig anderen Gesichtskreis stehen wir, wenn wir den
Linienzug als mythisches Wahrzeichen oder wenn wir ihn etwa als
ästhetisches Ornament nehmen. Das mythische Wahrzeichen faßt als
solches den mythischen Grundgegensatz, den Gegensatz des »Heiligen«
und »Profanen«, in sich. Es ist aufgerichtet, um diese beiden Gebiete
voneinander zu trennen, um zu warnen und zu schrecken, um dem
Ungeweihten die Annäherung an das Heilige oder seine Berührung zu
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wehren. […] Als Ornament betrachtet, erscheint die Zeichnung ebensowohl
der Sphäre des ,Bedeutens‘, im logisch-begrifflichen Sinne, wie der des
magisch-mythischen Deutens und Warnens entrückt. Sie besitzt in sich
selbst ihren Sinn, der sich nur der reinen künstlerischen Betrachtung, der
ästhetischen ,Schau‘ als solcher, erschließt.“5
Je nach dem Verweisungsfeld, in dem das Sehen sich zu einer gesehenen
Form ausbildet, haben wir es so mit verschiedenen Bedeutungen des
Gesehenen zu tun. Dies wiederum besagt, dass wir es bei der logischen
Darstellung des schwarzen Fleckens auf weißem Papier nicht mit einem
interpretations- bzw. – im Wittgensteinschen Sinne – bedeutungsfreien Zeigen
zu tun haben. Letztlich liegt dies daran, dass Wittgenstein bei dieser
Darstellung zwar keine Zeichen für Eigenschaften benutzt, diese Zeichen aber
auf Eigenschaften – auf Schwarz und Weiß einschließlich deren Abtönungen
und auf die Form des Fleckens bzw. auf die Eigenschaft „schwarzer Flecken
auf weißem Papier“ – beziehen muss. Als Fazit ist damit festzustellen, dass die
logische Reduktion der Darstellung nicht weit genug geführt worden ist. Soll die
Darstellung wirklich interpretationsfrei und in diesem Sinne „klar“ sein, so ist von
allen Eigenschaften abzusehen.
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Die logische Reduktion und der Verlust des Weltbezugs
Dies ist aber nur möglich, wenn die Zeichen keinen Weltbezug mehr
beanspruchen, sondern sich nur noch auf andere Zeichen beziehen, die
lediglich durch ihre wechselseitigen formalen Relationen, also durch ihre
logische „Bedeutung“ definiert sind. Eine einfache Realisierung solcher
Definitionen bieten die Wahrheitstafeln, in denen „a“ und „b“ für ein
Satzzeichen, und „w“ und „f“ für „wahr“ und „falsch“ stehen, z. B.
5
Ernst Cassirer, Gesammelte Werke. Hamburger Ausgabe. Hg. von Birgit Recki (im
folgenden zitiert als ECW). Band 13, Philosophie der symbolischen Formen. Dritter Teil:
Phänomenologie der Erkenntnis. Hamburg [Felix Meiner Verlag] 2002, S. 228ff. Vgl. dazu
auch Ernst Cassirer, Das Symbolproblem und seine Stellung in der Philosophie. In ECW
Band 17: Aufsätze und kleinere Schriften 1927-1931. Hamburg [Felix Meiner Verlag]
2004, S. 257f.
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a
b
wenn-dann
Und
oder
w
w
w
W
w
w
f
f
f
w
f
w
w
f
w
f
f
w
f
f
Die komplexere Darstellung, die Wittgenstein selbst gibt, findet sich im
Tractatus ab 4.3.
Hier scheint Wittgensteins Forderung erfüllt:
„Die Regeln der logischen Syntax müssen sich von selbst verstehen, wenn
man nur weiß, wie ein jedes Zeichen bezeichnet.“ (3.334)
Dass ein logischer Satz wahr ist, erkennt man bereits über die Definition der
Zeichen, die deren Verwendungsweise festlegen:
„Es ist das besondere Merkmal der logischen Sätze, daß man am Symbol
allein erkennen kann, daß sie wahr sind, und diese Tatsache schließt die
ganze Philosophie der Logik in sich.“ (6.113)
Liest man Wittgensteins Projekt von der Klarheit der Sprache in diesem auf die
formale Logik reduzierten Sinn, dann gewinnt man zwar die Möglichkeit, eine
klare Sprache ohne Interpretationsprobleme aufzubauen, verliert aber jeglichen
Weltbezug. Auf diesem Weltbezug scheint Wittgenstein aber zu bestehen. So
findet sich – neben den bereits zitierten Aussagen über den Zusammenhang
von Zeichen und Bild mit der Wirklichkeit – auch die spezifisch auf das logische
Bild hinweisende Formulierung:
„Das logische Bild kann die Welt abbilden.“ (2.19)
Dass ausgerechnet das logische Bild – und nicht das räumliche oder farbige –
die Welt abbilden kann, scheint schwer verständlich und mit der hier
entwickelten Interpretation jedenfalls nicht vereinbar zu sein. Um hier zu einer
Klärung zu kommen, müssen wir uns mit der teils impliziten, teils aber auch
explizierten Ontologie Wittgensteins auseinandersetzen. Dies geschieht am
besten, wenn wir uns den Wittgensteinschen Bauplan der „klaren Sprache“ auf
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der einen und der Welt bzw. der Wirklichkeit auf der anderen Seite vor Augen
führen.
9
Die implizite Ontologie des Tractatus
Zunächst zur Welt/Wirklichkeit: Die Welt/Wirklichkeit „ist die Gesamtheit der
Tatsachen“ (1.1), eine Tatsache „ist das Bestehen von Sachverhalten“ (2), der
Sachverhalt „ist eine Verbindung von Gegenständen. (Sachen, Dingen)“ (2.01)
Die Welt/Wirklichkeit hat somit drei Dimensionen: (1) Gegenstände
(Dinge/Sachen), (2) Tatsachen, d. h. bestehende Verknüpfungen zwischen
ihnen. Die Möglichkeiten dieser Verknüpfungen sind – als Möglichkeiten! –
bestimmt und in diesem Sinne „gegeben“ (2.0124) Als „gegeben“, so könnte
man mit Alfred North Whitehead sagen, sind diese Möglichkeiten zwar nicht
„real“ oder „realisiert“, „existieren“ aber – so, wie wir durchaus auch davon
reden, dass diese oder jene Möglichkeit existiert und andere dagegen nicht.
Die „klare Sprache“ baut sich auf (1) aus Namen, (2) aus Elementarsätzen
und (3) aus Sätzen. Ein Elementarsatz „ein Zusammenhang, eine Verkettung,
von Namen“ (4.22). „Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze.“
(5) Er entsteht aus logischen Operationen wie „Verneinung, logische Addition,
logische Multiplikation, etc., etc.“ (5.2341) Die Grundoperation, durch die ein
einfacher Satz entsteht, ist die Beurteilung eines Elementarsatzes als wahr oder
falsch. Damit fängt für Wittgenstein „die logische Konstruktion des Satzes“ an
(5.234) Der Elementarsatz gehört in diesem Sinne noch nicht zur Logik, weil er
nicht „auf logisch bedeutungsvolle Weise aus einem anderen [Satz] entsteht.“
(Ebd.) Im üblichen Sinne ist daher der Elementarsatz auch noch kein Satz,
sondern ein komplexes Prädikat.
Parallelisiert man die beiden Strukturen von Welt und Sprache, so
entsprechen die Namen den Gegenständen, die Elementarsätze den
Sachverhalten und die Sätze den (positiven oder negativen) Tatsachen. Und
damit zeigt sich nun die Ontologie in Wittgensteins Tractatus: Die Namen
„berühren“ (2.15121) gleichsam die Gegenstände in der Welt und vertreten sie
im Elementarsatz. Der Elementarsatz verknüpft die Namen auf eine Weise, die
der (möglichen) Verknüpfung der Gegenstände in den Sachverhalten
Oswald Schwemmer, Wittgensteins Traum von der Klarheit der Sprache
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entsprechen soll. Besteht diese Verknüpfung, ist der Elementarsatz wahr. Und
es gilt allgemein:
„Die Angabe aller wahren Elementarsätze beschreibt die Welt vollständig.“
(4.26)
Die „Berührung“, in der der Bezug der Sprache auf die Welt hergestellt wird, ist
nicht mit einer Übertragung der Form des Gegenstandes auf den Namen
verbunden. Sie besagt nur, dass es diesen – möglichen oder wirklichen –
Gegenstand gibt und er daher benannt werden kann; und zwar – wie oben
dargestellt – ohne ihm damit bereits innere Eigenschaften zuzusprechen. Im
Grunde wird der Gegenstand damit als eine Art „Ding an sich“ vorgestellt, der
erst durch sein Vorkommen in – möglichen oder wirklichen – Sachverhalten in
seinen äußeren Eigenschaften charakterisiert werden kann. Wittgenstein
formuliert dies so:
„Die Gegenstände kann ich nur nennen. Zeichen vertreten sie. Ich kann nur
von ihnen sprechen, sie aussprechen kann ich nicht. Ein Satz kann nur
sagen, wie ein Ding ist, nicht was es ist.“ (3.221)
Die Gegenstände, so erfuhren wir schon, sind „das Feste, das Bestehende“: im
Unterschied zu den Sachverhalten, die „das Wechselnde, Unbeständige“ sind.
(2.0271) Diese Feststellung ist – zumindest zunächst – schwer nachvollziehbar.
Und dies besonders dann, wenn Wittgenstein dieses Feste, Bestehende auch
noch mit dem Begriff der Substanz in Verbindung bringt:
„Die Substanz ist das, was unabhängig von dem was der Fall ist, besteht.“
(2.024)
Das unabhängig von dem, was der Fall ist, also von den – wechselnden,
unbeständigen – Tatsachen Bestehende aber sind die Gegenstände. Warum
soll man die Gegenstände als eine Substanz auffassen?
10
Jenseits der Eigenschaften: Whiteheads Konzept der Individualität
des Existierenden
Tatsächlich lässt sich eine Interpretation finden, die mit den übrigen
Behauptungen im Tractatus konsistent ist und zur Konzeption des Tractatus
passt. Es ist dies eine Interpretation, die auf Whiteheads Begriff der „enduring
Oswald Schwemmer, Wittgensteins Traum von der Klarheit der Sprache
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individuality“ bzw. des „individual ,It‘“ berufen kann. Für Whitehead gründet
unser Erfassen der Wirklichkeit in ihrem besonderen Charakter als Wirklichkeit.
Dieses Erfassen richtet sich auf die Individualität des Existierenden, in der sich
das Existierende in seiner bloßen und bleibenden Existenz und nicht in seinen
verschiedenen und wechselnden Eigenschaften zeigt.
Als Beispiel kann man etwa das Verhältnis der Abbildungen einer
Landschaft in einem Reisekatalog zum Erleben der abgebildeten Landschaft
selbst heranziehen. Obwohl die Abbildungen meist eine viel schönere Ansicht
zeigen als die, sich uns darbietet, wenn wir uns tatsächlich in ihr befinden, kann
kein noch so eindrucksvolles Bild das Erleben der wirklichen Landschaft
ersetzen. Wäre es anders, könnten sich die Reisebüros auf den Verkauf der
schönen Bilder beschränken, ohne noch die tatsächlichen Reisen anzubieten.
Ein anderes Beispiel finden wir in unserem Verhältnis zu Personen. Die
tiefe emotionale Beziehung, die wir zu einer Person empfinden mögen, ist in
ihrer Tiefe nicht getragen von irgendwelchen Eigenschaften dieser Person –
wenngleich diese für das Ausleben der Beziehung eine wichtige und oft
entscheidende Rolle spielen. Sie ist getragen von der tatsächlichen
Individualität dieser Person, die wir auch im Wechsel der Situationen und
Reaktionen, der äußeren Erscheinung und der inneren Haltung dieser Person
erfassen und erfahren. Es ist diese sich im Wechsel durchhaltende
Individualität, die – wie Whitehead formuliert – getrennt von ihren Eigenschaften
erfasst wird, die nicht nur den Charakter der Wirklichkeit als solcher ausmacht,
sondern auch für uns eine geradezu lebenstragenden emotionale
Bedeutsamkeit, eine – wie wiederum Whitehead sagt – „emotionale Signifikanz“
besitzt.:
„Die emotionale Signifikanz, die einem von seinen qualitativen Aspekten
getrennten und als ein Es dargebotenen Objekt im Augenblick seines
Erfaßtwerdens zukommt, ist eine der stärksten Kräfte der menschlichen
Natur.“6
6
Alfred North Whitehead, Abenteuer der Ideen. Einleitung von Reiner Wiehl. Aus dem
Englischen von Eberhard Bubser. Frankfurt/Main [Suhrkamp] 1971, S. 457. Im Original:
“The emotional significance of an object as ‘It’, divorced from its qualitative aspects at the
moment presented, is one of the strongest forces in human nature.”(Alfred North
Whitehead, Adventures of Ideas. New York [The Free Press. A Division of the Macmillan
Publishing Co.,Inc.] London [Collier Macmillan Publishers] 1967, S. 262.
Oswald Schwemmer, Wittgensteins Traum von der Klarheit der Sprache
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Und Whitehead bezieht sich wie Wittgenstein auf die aristotelische Substanz,
wenn er das Erfassen der Individualität auch in einer künstlerischen Darstellung
sieht, in dem gelungenen zum Erscheinen Bringen in der Wirklichkeit und
Tatsächlichkeit eines Werkes – wie in diesem Falle der „berühmten Skulpturen
am Portal der Kathedrale von Chartres“:7
„Wir können nun auch verstehen, wie man durch die Erscheinung zu dem
aristotelischen Standpunkt geführt werden kann, daß es ein substantielles,
dauerndes und durch gewisse Wesensmerkmale gekennzeichnetes Es
gibt.“8
Liest man Wittgensteins Bemerkungen zu den substantiellen Gegenständen
und wechselnden Konfigurationen bzw. Sachverhalten mit den Augen
Whiteheads, so gewinnt Wittgensteins Konzeption einer Ontologie – zumindest,
was deren Explikation angeht – eine zusätzliche Komponente: Das Wirklichsein
der Wirklichkeit, also die Welt in ihrer „Substanz“, erreichen wir nur jenseits
ihrer Eigenschaften in den wirklichen Gegenständen der Welt. Diese können wir
nur benennen, aber nicht beschreiben. Beschreiben können wir, streng
genommen, nur ihr Vorkommen in Sachverhalten, d. h. in Beschreibungen, in
denen sie unbeschriebene, aber benannte Elemente der Konfigurationen sind,
die durch die Beschreibungen dargestellt werden.
Auf diese Weise bleibt das Ideal der klaren Sprache unangetastet und
eingebettet in eine Ontologie, in der sich „das Feste, das Bestehende“ der
Gegenstände und das „das Wechselnde, Unbeständige“ der Sachverhalte
einander gegenüberstellen lassen.
11
Wittgensteins Atomismus und die Kontingenz der Kausalität
Mit dieser Gegenüberstellung hängt auch Wittgensteins sogenannter
Atomismus zusammen, der die Tatsachen als kausal voneinander unabhängig
und somit wie einzelne aus ihrer Umgebung herauslösbare Atome sieht. So
formuliert er pointiert:
7
Ebd., S. 460.
8
Ebd., S. 461. Im Original: „We also understand how Appearance leads to the Aristotelian
doctrine of a substantial, enduring It with essentia character.“ (Ebd., S. 264)
Oswald Schwemmer, Wittgensteins Traum von der Klarheit der Sprache
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„Der Glaube an den Kausalnexus ist der Aberglaube.“ (5.1361)
Und weiter:
„Einen Zwang, nach dem Eines geschehen müßte, weil etwas anderes
geschehen ist, gibt es nicht. Es gibt nur eine logische Notwendigkeit.“
(6.37)
Wenn nämlich nur die Gegenstände das Feste und Bestehende der Welt
ausmachen und wir über diese Gegenstände aber nichts sagen können, dann
werden die Tatsachen und damit die Wirklichkeit der Sachverhalte dem
Wechsel und dem Unbeständigen überantwortet: und damit der Kontingenz des
tatsächlich Eintretenden, die sich keiner Notwendigkeit fügt.
Auch diese zunächst so radikal anmutenden Bemerkungen gewinnen ihren
Sinn, wenn man sich auf Wittgensteins Sicht einlässt. Es ist nämlich
einzuräumen, dass die Naturgesetze, mit denen kausale Notwendigkeiten
festgestellt werden sollen, keine unbedingten Verlaufsgesetze sind. Sie
beschreiben vielmehr Idealisierungen tatsächlicher Verläufe, die nur unter
besonderen Bedingungen – nämlich im isolierten Raum eines Labors bzw. im
eigens eingerichteten und kontrollierten Experiment – wenigstens
annäherungsweise herbeigeführt werden können.9 Nicht einmal angenähert
spielen sich dagegen die tatsächlichen Verläufe in unserer Welt – d. h.
außerhalb der Labore – im allgemeinen so ab, wie die aus den
Strukturgesetzen abgeleiteten idealisierten Verläufe es darstellen. Vielmehr
finden diese Verläufe unter komplexen und kontingenten Randbedingungen
statt, die es nicht erlauben, von einer kausalen Notwendigkeit zu reden. Würde
man dies gleichwohl tun – etwa mit dem Hinweis, dass wir nur darum keine
Notwendigkeit feststellen oder voraussagen können, weil wir nicht alle
Wirkfaktoren kennen –, dann nähme man eine Beweislast auf sich, die nicht
einzulösen ist: schon darum nicht, weil es immer der Fall sein wird, dass wir
nicht alle Wirkfaktoren – und d. h. eben: nicht alle Randbedingungen – kennen.
9
Vgl. dazu die Darstellung in Holm Tetens, Experimentelle Erfahrung. Eine
wissenschaftstheoretische Studie zur Rolle des Experiments in der Begriffs- und
Theoriebildung der Physik. Hamburg [Felix Meiner Verlag] 1987. S. hier vor allem die
Einleitung und Kap. 1 über „Das physikalische Experiment und die Konzeption der
experimentalistischen Kausalität“, S. 1-41. Unter anderem wird hier das Experiment als
„Isolation kausal relevanter Umstände“ und als „Begradigung von Verläufen“
charakterisiert. (S. 29-32)
Oswald Schwemmer, Wittgensteins Traum von der Klarheit der Sprache
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Wo in den Kausalverhältnissen Notwendigkeit gesucht wurde, haben wir
daher die Kontingenz der Kausalitätsverhältnisse zuzugeben. Die
Notwendigkeits- oder auch universal Determinismusbehauptung ist also ein Fall
für Ockham’s razor, der im Bezug auf die Analyse der realen Prozesse der Welt
keinerlei Bedeutung zukommt.
12
Die Klarheit der Traumsprache
Kehren wir damit zurück zu Wittgensteins Traum von der Klarheit der Sprache.
Sowohl der Anspruch, dass die Sprache, was sie sagt, zeigen muss und nicht
erst über Bedeutungen erschließen lassen darf, als auch die dazu gehörige
Ontologie Wittgensteins erscheinen jedenfalls als ein in sich konsistentes und
sich wechselseitig stützendes Ganzes. Nur: Was haben wir, wenn wir dies
haben? Wir haben nichts, was wir auch schon vorher hätten haben können.
Wittgenstein macht mitteilbar, was wir wahrnehmen. Aber dieses
Wahrgenommene ist in die Form binärer Disjunktionen gebracht, die – gleich ob
wir von wahr/falsch oder 1/0 reden – nicht mehr zu unserem Reden gehört. Im
Grunde haben wir es mit einer Digitalisierung avant la lettre zu tun, die nur noch
zeigt und nicht redet.
Was eine solche „Sprache“ zeigt, ist nicht aussprechbar. Wir können in
dieser „Sprache“ in der Tat nur zeigen und schweigen, weil wir in ihr nicht reden
können. Eben dies ist der Traum: ein schweigendes Zeigen jenseits unseres
Sprechens. Denn unser Sprechen bildet nicht ab. Es regt an zu Vorstellungen
oder Handlungen, bringt uns dazu, uns ein Bild zu machen, oder akzentuiert
etwas in einem größeren Zusammenhang. Sprechen ist im Sinne von William
James ein Hinführen zu etwas, und sei es zu anderem Gesprochenen oder
Geschriebenen.10 Die Sprache ist in diesem Sinne ein Brückenphänomen, das
Verbindungen herstellt und so Sinn erzeugt.
10
So stellt William James in seinen Vorträgen zum Pragmatismus immer wieder fest, dass
es von unseren Gedanken gilt: „They lead us, namely, through the acts and other ideas
which they instigate, into or up to, or towards, other parts of experience with which we
feel all the while – such feeling being among our potentialities – that the original ideas
remain in agreement. The connexions and transitions come to us from point to point as
being progressive, harmonious, satisfactory. The function of agreeable leading is what we
mean by an idea’s verification.“ (William James, Pragmatism. A New Name for Some Old
Ways of Thinking. Cambridge, Mass. / London/England [Harvard University Press 1975,
Lecture VI: Pragmatism’s Conception of Truth, S. 97). Und sozusagen abschließend:
Oswald Schwemmer, Wittgensteins Traum von der Klarheit der Sprache
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Dieses Hinführen gilt auch für das Bezeichnen. Dabei ist zu sehen, dass
das Bezeichnen eine besondere Funktion des Sprechens ist und nur von
Namen oder – funktional äquivalenten – Kennzeichnungen übernommen
werden kann. Diese Namen bzw. Kennzeichnungen sind über ihre
Bezugsleistung zu den entsprechenden „Gegenständen“ hinaus
bedeutungslos11 und also durchaus im Wittgensteinschen Sinne zu verstehen.
Aber Namen alleine bilden noch keine Sprache. Wittgensteins zeigende
„Sprache“ bleibt eine Traumsprache.
Wittgensteins eigene Sprache aber ist eine musikalische Aufführung, mit
der einer der schönsten, weil klingenden Texte der philosophischen
Weltliteratur sich bleibend in die Philosophiegeschichte eingeschrieben hat.
Dieser Text wird schon aus diesem Grund seine Faszination behalten und
immer neue Interpretationen und Variationen herausfordern.
„Primarily, and on the common-sense level, the truth of a state of mind means this
function of a leading that is worth while.“ (Ebd., S. 98. Hervorhebung von James)
11
Einen traurigen Beleg für diese interne Bedeutungslosigkeit stellt die immer wieder
anzutreffende Praxis dar, für ausgegrenzte Personengruppen wie z. B. Lagerinsassen
keine Namen, sondern nur Nummern zu verwenden.
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