a. der anfang als elementare konkretheit

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KAPITEL IV
DER ANFANG ALS EIN UNENTBEHRLICHES MOMENT DER
THEORETISCHEN ERKENNTNIS
Die dialektisch-materialistische Logik beschränkt sich nicht auf die Verneinung des Weltanfangs
im Ganzen, mit der Widerlegung „des absoluten Anfangs“ der alten metaphysischen Philosophie,
sie beweist positiv die Produktivität des Anfangsbegriffs, des Ausgangspunkts der konkreten
sich entwickelnden Systeme und ihrer geistig-theoretischen Wiedergabe in der Logik des
Denkens. In der dialektisch-logischen Auffassung spielt das Problem des Anfangs eine wichtige
Rolle für die moderne wissenschaftliche Erkenntnis.
DIE THEORETISCHE ERKENNTNIS UND DER ANFANG
Die objektive materielle Wirklichkeit als Gegenstand der wissenschaftlich-theoretischen
Erkenntnis ist an und für sich konkret, sie ist ein innerlich wechselseitig zusammenhängendes
und ein im Inneren gegliedertes Objekt. Das Konkrete ist nach der Charakteristik von Marx eine
Einheit zahlreicher Bestimmtheiten. Im theoretischen Denken wird das konkrete, innerlich
wechselseitig zusammenhängende Objekt nicht sofort wiedergegeben, es ist nur möglich als
Ergebnis der Bewegung des Denkens vom Abstrakten zum Konkreten.
Die Methode des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten ist ein Verfahren, eine Methode
der theoretischen Wiedergabe, der Beherrschung der objektiven Wirklichkeit, und nicht der
Entstehung der realen Wirklichkeit selbst, wie sich Hegel das vorstellte. Diese Frage berührend,
schrieb Marx: „Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Definitionen ist,
also die Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint es daher als Prozess der
Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Ausgangspunkt, obwohl es der wirkliche
Ausgangspunkt ist und demzufolge auch der Ausgangspunkt der Kontemplation und Vorstellung
ist. Auf dem ersten Weg verflüchtigt sich die vollständige Vorstellung zur abstrakten
Bestimmung; auf dem zweiten führen die abstrakten Bestimmungen zur Reproduktion des
Konkreten auf dem Weg des Denkens. Hegel verfiel daher der Illusion, das Reale als Resultat
des sich selbst synthetisierenden, in sich selbst vertiefenden, und aus sich selbst entwickelnden
Denken zu verstehen, während die Methode vom Abstrakten zum Konkreten aufzusteigen nur
die Art für das Denken ist, sich das Konkrete anzueignen, es als geistig Konkretes zu
reproduzieren. Keineswegs aber ist es der Entstehungsprozess des Konkreten selbst. (1)
Somit ordnet sich das objektive, konkrete im Inneren gegliederte Ganze seinen eigenen inneren
Gesetzmäßigkeiten unter und hängt nicht vom erkennenden Subjekt ab. Die Bewegung vom
Abstrakten zum Konkreten ist nur ein theoretisches Verfahren der Erkenntnis der Wirklichkeit.
Aber das bedeutet nicht, dass das Abstrakte und das Konkrete nur eine Charakteristik des
theoretischen Denkens sind. Sie sind vor allem dem Objekt selbst eigen.
Das Konkrete bedeutet „innerlich gegliederte Einheit verschiedener Existenzformen des
Gegenstandes“, die Einheit zahlreicher Bestimmtheiten. Aber die Einheit versteht man nicht im
Sinne der einfachen Identität, sondern als eine Einheit, die konkrete Identität der alten nicht
dialektischen Logik. Zum Beispiel die biologische Art, die Elementarteilchen, die
Gegenwartsepoche – sie sind alle im Inneren gegliederte, innerlich verbundene Systeme. Jedes
von diesen Systemen ist nicht einfach ein mechanisches Aggregat verschiedener Merkmale,
sondern eine Einheit verschiedener Bestimmtheiten, jedes davon ist ein innerlich bestimmtes
konkretes System.
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Das Ziel der wissenschaftlich-theoretischen Erkenntnis ist die Wiedergabe der objektiven
Realität in der Logik des Denkens. Die Wiedergabe der Wirklichkeit im Denken darf nicht als
eine einfache Verbindung, eine Kombination gesonderter Abstraktion verstanden werden. Die
echt wissenschaftliche Wiedergabe der Wirklichkeit eröffnet die Objekte so, wie sie in der
objektiven Realität sind, d.h. in der Einheit ihrer Bestimmungen.
Die Gesetze der Erkenntnis des Objektiven, des Konkreten und ihr Ausdruck in der Logik des
Denkens passen nicht in den Rahmen der formalen Logik hinein. Das ist die Aufgabe der
dialektischen Logik, die die Realität im System der Kategorien, die innerlich miteinander
verbunden sind und gegenseitig auseinander hervorgehen, erkennt. Das Gesetz der Einheit der
Gegensätze bildet den inneren Kernpunkt aller Kategorien der dialektischen Logik. Die
Kategorien der dialektischen Logik sind konkret im Ganzen, im System, aber sie sind konkret
auch in ihrer Gepaartheit, denn sie sind die Einheit der Gegensätze. Die Kategorien der
dialektischen Logik geben in ihrer Einheit die Realität als eine Einheit des Vielfältigen, als
Konkretes wieder.
Im „Kapital“ zeigte Marx ein Muster der dialektischen, konkreten Wiedergabe der Wirklichkeit
in der wissenschaftlichen Theorie. In dieser Angelegenheit schrieb W.I. Lenin, „wenn Marx
nicht eine wirkliche Logik hinterlassen hat, so hat er doch die Logik des „Kapitals“
hinterlassen“. Marx reproduziert theoretisch die Produktionsbeziehungen in der kapitalistischen
Gesellschaft, von der einfachsten Beziehung, der Warenbeziehung, bis zu den komplizierten
wirtschaftlichen Beziehungen. Die Kategorien des „Kapitals“ sind so innerlich miteinander
verbunden, wie das in der Wirklichkeit der Fall ist. Hier sei bemerkt, dass sich die eigentlichen
Kategorien des „Kapitals“ selbst nicht entwickeln, kein System bilden, und kein selbständiges
Leben führen, wie das bei Hegel geschieht, sie sind nur die Widerspiegelung der real
existierenden Wirtschaftsbeziehungen.
Das “Kapital“ ist eine ganzheitliche, konkrete Theorie vom Kapitalismus, seine Kategorien sind
Momente dieser Theorie, sie widerspiegeln die kapitalistische Gesellschaft in ihrer
Wechselbeziehung. Im System der Kategorien des „Kapitals“ widerspiegelte Marx das wirkliche
Bild der kapitalistischen Gesellschaft.
In seiner Untersuchung der bürgerlichen Gesellschaft verwendete Marx die theoretische Analyse,
die sich prinzipiell von der empirischen unterscheidet. In der theoretischen Erkenntnis erfolgt die
Analyse des Gegenstandes nicht beziehungslos zum Ganzen, wie das dem Empirismus eigen ist,
sondern von der Position des Ganzen – des deutlich hervorragenden Gegenstandbereichs. Nur
ein solches Herangehen kann eine richtige Feststellung des Anfangs als einer höchstallgemeinen,
elementaren Bestimmtheit des konkreten Forschungsganzen sichern.
Die wichtigste Charakteristik der theoretischen Erkenntnis ist die Erschließung der inneren und
notwendigen Wechselbeziehungen der Wirklichkeit. So eine Erkenntnis realisiert sich erst dann,
wenn jedes Ding und jede Erscheinung ursprünglich auf etwas Einheitliches hinausläuft, auf die
Anfangsgrundlage und als Entwicklung und Modifikation dieser Grundlage verstanden wird.
Ähnlich wie im Organismus, in dem schon alle Entwicklungsmöglichkeiten in ihrem
Keimzustand enthalten sind und von selbst erzeugt werden und nicht von einer äußeren Kraft,
muss man alle anderen Erscheinungen darunter auch die Formen des Denkens, in ihrer inneren
Zusammenwirkung und Unterordnung erkennen.
Ihrer Natur nach ist die theoretische Erkenntnis synthetisch. In der konkret-theoretischen
Erkenntnis existieren in der Einheit Analyse und Synthese, Induktion und Deduktion. Das kann
man an der Geschichte der nicht relativistischen Quantenmechanik verfolgen. Dem Erscheinen
der Quantenmechanik ging der intensive Beschreibungsprozess des Gegenstandes, der zur
Vorgeschichte der Quantenmechanik wurde, voraus. Ihre eigene Geschichte beginnt viel später,
als die Frage nach der inneren und notwendigen Verbindung der Quantenobjekte entstand.
Dasselbe ist charakteristisch auch für die Geschichte der politischen Ökonomie. In seinen
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Werken stützte sich Marx auf die Errungenschaften der früheren politischen Ökonomie. Die
marxsche Methode ist sowohl analytisch als auch synthetisch.
In der konkret-wissenschaftlichen Erkenntnis der Wirklichkeit ist die Rolle des Anfangs, der
Feststellung des Allgemeinen, des Ausgangspunktes des Forschungsgegenstandes somit groß.
Aber die Frage von der wissenschaftlich-theoretischen, konkreten Wiedergabe des Gegenstandes
wird am Erkenntnisanfang nicht gestellt, sie ist die Aufgabe der weiter entwickelten Erkenntnis
und des Gegenstandsausdrucks. In der Form der theoretischen Erkenntnis der Wirklichkeit
werden die Wesenheit, die inneren „Zusammenhänge der Gegenstände und Erscheinungen, die
nicht getrennt existieren, sondern sich in äußeren, empirischen Formen zeigen, erfasst. Das
wichtigste Ziel der theoretischen, konkreten Erkenntnis ist die Erschließung der immanenten
gesetzmäßigen Verbindungen der Wirklichkeit.“… „so ist die Form der Erscheinung“, schrieb
Hegel, „welche ein Inhalt im Bereich des Denkens gewinnt, allerdings die wahrhaftige Realität“
(2).
Das Erfassen der Wirklichkeit in Form der theoretischen Erkenntnis unterscheidet sich von der
künstlerisch-ästhetischen und religiös-praktischen Aneignung der Wirklichkeit. „Das Ganze,
schrieb Marx, wie es im Kopfe als Gedankenganzes erscheint, ist ein Produkt des denkenden
Kopfes, der sich die Welt in der ihm einzig möglichen Weise aneignet, einer Weise, die
verschieden ist von der künstlerischen, religiösen, praktisch-geistigen Aneignung dieser Welt“.
(3)
In Wirklichkeit ist aber die wissenschaftlich-theoretische Erkenntnis die nächste Form der
Aneignung der Wirklichkeit. Ist die Vorstellung näher zur Realität als das Denken? Ja und nein,
schrieb W. I. Lenin. Die Vorstellung kann die Bewegung im Ganzen nicht erfassen, zum
Beispiel erfasst sie nicht die Bewegung einer Geschwindigkeit von 300 000 km in der Sekunde,
aber das Denken erfasst sie und muss sie erfassen. (4)
Die Wesenheit, das Ganze wird nur durch dialektisches Denken erkannt, das sich mit einseitigen
Bestimmungen nicht ausschöpfen lässt, sondern enthält in sich Bestimmungen, die der
Formalismus, der Verstand in ihrer Getrenntheit als wahr anerkennen. Seinerzeit nannte Hegel
das theoretische Denken die höchstinnerlichste, wesentliche Natur des Geistes. „Wenn nur der
Geist“, schrieb er, „in diesem denkenden Bewusstsein seiner selbst und seiner Produkte wahrhaft
existiert, so wird er sich, egal, wie viel Freiheit und Willkür in ihnen sein mögen, seiner
wesentlichen Natur gemäß verhalten… Und der denkende Geist wird sich in dieser
Beschäftigung mit dem Anderen seiner selbst nicht etwa untreu, so dass er sich darin vergäße
und aufgäbe, noch ist er so ohnmächtig, um das von ihm Unterschiedliche nicht erfassen zu
können, sondern begreift sich selbst und sein Gegenteil. Denn der Begriff ist das Allgemeine, das
sich in seiner Isoliertheit erhält und sich und sein Anderes umfasst, und somit ist es in der Lage,
die Entfremdung, zu der es in seiner Vorwärtsbewegung kommt, ebenso wieder aufzuheben.“ (5)
Freilich klingt dieser Auszug hauptsächlich rein idealistisch, aber bei aufmerksamer Betrachtung
zeigt sich hier ein tieferes Verständnis des Denkens als die empirische, subjektive Vorstellung
vom Denken.
Das theoretische Verständnis des Gegenstandes entsteht überall inmitten der entwickelten
Erkenntnis, wenn die empirische Analyse und die Beschreibung des Ganzen eine bestimmte
Stufe erreichen. Empirische Analyse und die Beschreibung bilden die Vorgeschichte der
theoretischen Erkenntnis. In der Geschichte der Wissenschaft geschieht es auch so. Im Werk
„Zur Kritik der politischen Ökonomie“ schrieb Marx, dass die Ökonomen des XVII.
Jahrhunderts immer mit der Bevölkerung, mit dem Staat usw. beginnen. Dabei ist die Aufgabe
des Forschers die Isolierung zahlreicher Abstraktionen, Seiten, Elemente, aus denen das
gegebene Ganze besteht. Der Hauptmangel dieser empirischen Stufe der Erkenntnis ist, dass die
empirische Analyse in ihrer unaufhaltsamen Bewegung zum Verlust der Eigenschaften des
Ganzen führt.
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Im empirischen Stadium der Erkenntnis wird der Gegenstand betrachtet und hauptsächlich von
außen beschrieben, wird verglichen, katalogisiert, werden einige Verallgemeinerungen gemacht,
die allgemeine Ansichten vorstellen sollen, nach welchen man sich bei der Unterscheidung einer
Gruppe der Erscheinungen von der anderen richten muss. Für den Empirismus sind Beobachtung
und Erfahrung die einzige Hauptquelle der Wahrheitserkenntnis. Infolgedessen übertreibt er die
Bedeutung des Einzelnen, der Erscheinungsformen und interessiert sich wenig für innere,
wesentliche Seiten der Dinge.
In der Analyse der Naturgegenstände und der gesellschaftlichen Erscheinungen entsteht vor den
Empirikern eine unendliche Perspektive. Nach der Beschreibung eines Gegenstandes beginnen
sie mit einem anderen und hören damit nicht auf, so lange empirische Fakten existieren. In dieser
Hinsicht ist der bekannte Leitsatz von K.A. Timirjasew kennzeichnend: „Wenn das quantitative
Wachstum der Kenntnisse auch nicht als Maß ihrer Vollkommenheit dient, dafür zeigt es aber
anschaulich die anwachsende Menge der dafür aufzuwendenden Arbeit. Anstatt irgendwelcher
30 000 einzelner Pflanzenformen (Arten), die Senebier auszählte, kennt die
Gegenwartswissenschaft davon über 175 000, und nichtsdestoweniger hat sich die Möglichkeit,
einen Weg in diesem kolossalen Labyrinth der Einzelfakten zu finden, dank ihrer systematischen
Zuordnung, dank ihrer Vereinigung bedeutend erhöht. (6)
Wenn die empirische Erkenntnis die vorhandene Gruppe von Fakten ausschöpft, kehrt sie zu den
schon gefundenen zurück, um sie weiter zu gliedern, zu teilen und bei ihnen noch neue Seiten zu
finden. „Diesem rastlosen unruhigen Instinkt“, schrieb Hegel, „kann es nie an Material
gebrechen; eine neue ausgezeichnete Gattung oder gar einen Planeten zu finden, dem, obwohl er
ein Individuum ist, die Natur des Allgemeinen eigen ist, das kann nur Glücklichen zuteil werden.
Aber die Grenze dessen, was sich als Elefant, Eiche, Gold ausgezeichnet, was Gattung und Art
ist, geht durch viele Stufen in die unendliche Differenzierung der chaotisch verteilten Pflanzen
und Tiere, der Gesteinsarten, oder der durch Gewalt und Kunst erst darzustellenden Metalle,
Erden usw., über. In diesem Reich der Unbestimmtheit des Allgemeinen, worin die
Aussonderung sich wiederum der Vereinzelung nähert, und hier und da auch wieder ganz in sie
hinabsteigt, ist ein unerschöpflicher Vorrat fürs Beobachten und Beschreiben aufgetan“. (7)
In der Erkenntnis ist so eine Betrachtung des Gegenstandes im Anfangsstadium der Wissenschaft
notwendig. Denn die Erkenntnis beginnt mit der Bewegung vom Konkreten zum Abstrakten.
Auf dieser analytischen Anfangsstufe der Erkenntnis hat man es mit dem Anfangsganzen zu tun,
das objektiv im Laufe der gesellschaftlichen Praxis und Erkenntnis hervorgehoben wurde. Um
sich den Gegenstand anzueignen, muss man ihn analysieren, beschreiben und bestimmte Aspekte
hervorheben. Je umfangreicher und vielfältiger diese Spezialkenntnisse sind, desto besser. Die
Hauptbedingung der empirischen Erkenntnis im Bereich der Kunst beschrieb Hegel so: „Denn
das erste Erfordernis an den Wissenschaftler ist die genaue Bekanntschaft mit dem
unermesslichen Bereich der individuellen Kunstwerke alter und neuer Zeit, mit den
Kunstwerken, die teilweise schon untergegangen sind, teilweise sich in entfernten Teilen der
Welt befinden und die im Lichte ungünstiger Umstände des Lebens dem Wissenschaftler
verborgen blieben. Außerdem gehört jedes Kunstwerk seiner Zeit, seinem Volke, seiner
Umgebung und hängt von besonderen geschichtlichen und anderen Vorstellungen und Zwecken
ab. Deshalb erfordert die Kunstgelehrsamkeit ebenso großen Reichtum historischer und zwar
zugleich sehr spezieller Erkenntnisse, weil eben die individuelle Natur der Kunstwerke sich auf
einzelne Umstände bezieht und spezielle Erkenntnisse zu ihrem Verständnis und ihrer
Erläuterung nötig sind. – Diese Gelehrsamkeit endlich bedarf genau wie jede andere nicht nur
eines guten Gedächtnisses, um die erworbenen Kenntnisse zu speichern, sondern auch einer
scharfen Einbildungskraft, damit sich der Kunstgelehrte klar und gegliedert den Charakter der
Kunstwerke in allen unterschiedlichen Zügen vorstellen kann und hauptsächlich dazu, damit er
in der Lage ist, sie nach Wunsch vor seinem geistigen Auge mit anderen Kunstwerken
vergleichen zu können.“ (8)
104
Hier sind von Hegel gelungen die allgemeinen Bedingungen der empirischen Erkenntnis auf
wissenschaftlich-theoretischem Gebiet beschrieben worden. Typische Beispiele für eine solche
Forschungsmethode sind die Methoden von Linnè, Cuvier und anderer. In seinem „Grundrissen“
hat I. I. Metschnikow vortrefflich die Forschungsmethode der biologischen Erscheinungen von
Cuvier charakterisiert. „Alle Verallgemeinerungen von Cuvier tragen deutliche Spuren der
induktiven Methode, Cuviers Schule nennt sich Schule der Tatsachenerarbeitung. Die
Schlussfolgerungen, die sie zulässt, ergeben sich direkt aus dem Vergleich des
Forschungsmaterials und werden sofort für Erleichterung der weiteren Untersuchung verwendet.
Cuvier duldet keine Theorien, Deduktionen in der Wissenschaft. Das Ziel der letzteren besteht
seiner Meinung nach darin, dass ein natürliches System gefunden wird, das heißt, so eine
Gruppierung der Organismen, die die Wesen, die wirklich ihrer Natur nach am nächsten
zueinander stehen, einander am nächsten bringen könnte“. (9)
Für die empirische Erkenntnis sind auch die Verallgemeinerungen charakteristisch, die ihrer
Natur nach abstrakt-allgemein sind, aber in denen nicht das Wesen, nicht das Allgemeine des
Forschungsganzen, aufgedeckt wird, sondern nur das Gemeinsame durch den Vergleich
aufgefangen wird. Gerade Verallgemeinerungen solcher Art meinte Hegel, als er schrieb: „Diese
Gesichtspunkte nun, wie bei anderen Wissenschaften, die einen empirischen Anfang haben,
bilden, indem sie für sich herausgehoben und zusammengestellt werden, allgemeine Kriterien
und Sätze, und in noch weiterer Verallgemeinerung die Theorien der Künste.“ (10)
Der Hauptmangel solcher abstrakten Betrachtung besteht darin, dass hier jene konkrete
Bestimmtheit fehlt, auf die der Mensch Rücksicht nehmen muss, wenn er so oder so handeln
will. Allgemeine Regeln bleiben deshalb abstrakte, formelle Verallgemeinerungen. In solchen
Untersuchungen wird der von ihnen zu betrachtende Inhalt aus dem Kreis unserer Vorstellungen
als etwas Gegebenes entlehnt. „Jetzt“, setzt Hegel fort, „wird weiter nach der Beschaffenheit
dieser Vorstellung gefragt, indem sich das Bedürfnis näherer Bestimmungen hervortut, welche
gleichfalls in unserer Vorstellung angetroffen und aus ihr heraus in Definitionen festgestellt
werden. Damit befinden wird uns aber sogleich auf einem unsicheren, dem Streit unterworfenen
Boden. Denn zunächst könnte es zwar scheinen, als sei das Schöne eine ganz einfache
Vorstellung. Doch ergibt sich bald, dass sich in ihr mehrfache Seiten auffinden lassen, und so
hebt denn der Eine diese, der Andere eine andere heraus, oder wenn auch die gleichen
Gesichtspunkte berücksichtigt sind, entsteht ein Kampf um die Frage, welche Seite nun als die
wesentliche zu betrachten sei.“ (11)
Infolge ihrer Abstraktheit und Einseitigkeit gerät die empirische Verallgemeinerung ständig in
Widerspruch, denn es gelingt fast nie, die konkrete, reale Existenz des Gegenstandes auf seinen
abstrakt-allgemeinen Ausdruck zurückzuführen. Deshalb bleibt der Empirismus in der
Erforschung der Gegenstände und Erscheinungen immer im Rahmen der Einzelheiten, der
Einzelexistenz. Übrigens, wie Hegel genau bemerkte, „erfordert das wissenschaftliche Erkennen
viel mehr, sich dem Leben des Gegenstandes hinzugeben, oder, was dasselbe ist, die innere
Notwendigkeit desselben vor Augen zu haben und auszusprechen.“ (12)
Die Erkenntnisgeschichte zeugt davon, dass keine echte Wissenschaft auf dieser empirischen
Stufe bleibt. Die Wissenschaft interessieren hauptsächlich innere, immanente
Wirklichkeitsgesetzmäßigkeiten. Darum ist das Interesse der Gesellschaft für empirische
Tatsachen anders, als fürs theoretische Verständnis. K.A. Timirjasew schrieb, „dass eine
einfache Beschreibung oder Aufzählung der uns umgebenden Pflanzen und Tiere natürlich das
allgemeine Interesse nicht erwecken können, obwohl allerdings die Zahl der Personen, die
Vergnügen an der Bekanntschaft mit der heimatlichen Flora und Fauna finden, direkt vom Grade
der wissenschaftlichen Entwicklung der Gesellschaft zeugt. Eine fragmentarische Beschreibung
bemerkenswerter Pflanzen und Tiere erscheint als etwas wenig Unterhaltsames… Kann etwa
irgendeine Seltenheit die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken… Eine andere Sache ist
die Erklärung der Erscheinungen, die allgemeinen für alle Organismen dieses oder jenes Reichs
sind, die Erforschung der Hauptgesetze des Lebens, sie kann und muss die Aufmerksamkeit
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jedes denkenden Menschen auf sich ziehen, der verstehen möchte, was um ihn geschieht.
Dasselbe rechtfertigt sich auch anlässlich der unbelebten Natur; die Mineralogie, die einfache
Beschreibung der Stoffe, die die Erdkruste bilden, ist gewiss nicht im Stande solches Interesse zu
erwecken wie Chemie, die die unter Einwirkung der Stoffe hervorgerufenen Erscheinungen
erklärt, wie Geologie, die von der Geschichte unseres Planeten berichtet.“ (13)
Die Hauptaufgabe jeder Wissenschaft ist es zu erklären, Wirklichkeitsgesetze aufdecken. „Die
Aufgabe des Physiologen“, schrieb Timirjasew, „besteht nicht im Beschreiben, sondern im
Erläutern der Natur und in ihrem Lenken, dass sein Verfahren nicht in der passiven Rolle des
Beobachters, sondern in der aktiven Rolle eines Forschers bestehen soll, dass er in den Kampf
mit der Natur treten und kraft seines Verstandes, seiner Logik von ihr die Antwort auf seine
Fragen erzwingen, ausforschen soll, um sie sich anzueignen, sich unterzuordnen, damit er im
Stande ist, nach eigener Willkür Lebenserscheinungen hervorzurufen oder einzustellen, zu
modifizieren oder zu lenken“. (14)
Im Unterschied zur empirischen Beschreibung der Erscheinungen ist die Aufgabe der
theoretischen Erkenntnis und Erläuterung komplizierter, sie erfordert ernstere und tiefere
Bemühungen. „Es ist verständlich, schreibt Timirjasew, „dass die Aufgabe der Physiologie viel
komplizierter als die Aufgabe der Morphologie ist und weitere Kenntnisse voraussetzt. Um
organische Formen zu beschreiben, braucht man keine Vorkenntnisse zu haben; um
Lebenserscheinungen zu erklären, d.h. sie auf einfachere physische und chemische
Erscheinungen zurückzuführen, worin auch die Aufgabe der Physiologie besteht, braucht man
vorläufig nur mit diesen Erscheinungen bekannt zu sein. Um ein Morphologe zu sein, braucht
man nur ein Morphologe zu sein. Um Physiologe zu sein, sollte man gewissermaßen sowohl
Physiker, Chemiker, als auch Morphologe sein“. (15)
Auf einer bestimmten Erkenntnisstufe ist das theoretische Herangehen in der Wissenschaft
notwendig. Wenn die einleitende, analytische Arbeit erledigt ist, wird eine reifere Aufgabe
gestellt, den gegebenen Gegenstand theoretisch zu reproduzieren und seinen Platz im System
der anderen Gegenstände und Erscheinungen zu bestimmen. Hier entsteht die Frage vom
Anfang, von dem das Aufsteigen zum Konkreten im Denken möglich ist.
Diese Gesetzmäßigkeit der Erkenntnis tritt deutlich in der Physikgeschichte hervor. So wird
einerseits aus den Vorstellungen der molekularkinetischen Wärmetheorie eine bestimmte
quantitative Wechselbeziehung zwischen dem Druck, dem Umfang und der Temperatur
(Zustandsgleichung) des Einatomgases festgestellt und seiner Wärmekapazität andererseits; eine
analoge quantitative Wechselbeziehung wird zwischen der Zähigkeit und der Wärmeleitfähigkeit
solcher Gase hergeleitet. „In allen ähnlichen Fällen“, schreibt Einstein, „geht es darum, dass man
die empirische Gesetzmäßigkeit als eine logische Notwendigkeit versteht“. (16)
Die wichtigste Charakteristik einer theoretischen Gegenstandsforschung ist die Betrachtung des
Objekts als solches. In dieser Hinsicht war ein interessantes Beispiel schon die Platonsche
Philosophie. Darin werden die Gegenstände „nicht in ihrer Besonderheit, sondern in ihrer
Allgemeinheit, in ihrer Gattung, ihrem In-sich- und Für-sich-sein erkannt, indem Platon
behauptete, das Wahre seien nicht die einzelnen guten Handlungen, wahren Meinungen,
wunderbaren Menschen oder Kunstwerke, sondern das Gute, das Schöne, das Wahre selbst“.
(17)
Aber die Platonsche Betrachtungsweise enthält den Mangel, dass sie noch abstrakt ist, darin ist
noch nicht die Einheit des Allgemeinen mit dem Besonderen und Einzelnen erfasst.
In der theoretischen Betrachtung der Dinge ist die Hervorhebung des Allgemeinen, die
Gegenstandserkenntnis entsprechend seinem Begriff wichtig. Deswegen begrenzt sich die
theoretische Erkenntnis nicht auf die Beschreibung und Aufzählung verschiedener Eigenschaften
des Gegenstandes, sondern führt notwendigerweise die Vielfältigkeit auf die Einheit zurück,
erkennt ihn als eigene Modifikation dieser Substanz. „… Sich mit der einfachen
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Tatsachenbezeugung nicht begnügend“, schrieb K.A. Timirjasew, „aber sich dieser Tatsache
eine rationale Erklärung zu geben bemühend, sie als einen Einzelfall unter anderen
allgemeineren Gesetzen festzustellen; sich nicht mit der empirischen Kenntnis begnügend, dass
sie eine solche ist, aber nach einer deduktiven Schlussfolgerung strebend, dass sie so sein muss.
Wie sollen diese allgemeinen Gesetze sein, auf deren Grundlage wir im Stande sind, uns
überraschende Vollkommenheit der organischen Welt als ein notwendiges Ergebnis
herzuleiten?“ (18)
Ein klassisches Beispiel der naturwissenschaftlichen Theorie ist die spezielle und allgemeine
Relativitätstheorie von Einstein. „Aus der Gleichberechtigung aller trägen Systeme, die durch
Versuche bewiesen wurde, in der Verbindung mit dem experimentellen Beständigkeitsgesetz der
Lichtgeschwindigkeit, das einen konzentrierten Ausdruck in der Elektrodynamik von MaxwellLorentz gefunden hat, entstand die spezielle Relativitätstheorie. Sie brachte uns eine
weitgehende Vereinigung der bisher selbständigen theoretischen Begriffe; in einheitliche
Wesenheiten vereinigten sich einerseits elektrische und magnetische Felder, andererseits – träge
Masse und die Energie.“ (19)
In der allgemeinen Relativitätstheorie hat sich die fundamentale Verallgemeinerung, die
Zusammenfassung der Vielfalt der Erscheinungen zur Einheit noch tiefer gezeigt. „Die nächste
Stufe auf dem Wege zur Vereinigung war die allgemeine Relativitätstheorie. Sie brachte eine
logische Einheit in die bis zu dieser Zeit getrennten Begriffe der Trägheit und der Gravitation,
deren empirische Verbindung schon lange durch den Massenbegriff festgestellt worden war.
Aber die größte Feinheit dieser Theorie besteht darin, dass sie es ermöglichte, von ganz
allgemeinen logischen Prinzipien (Gleichstellung aller Bewegungszustände) ausgehend, auf
logischem Wege das komplizierte Gesetz des Gravitationsfeldes abzuleiten.“ (20)
Ein solcher Vereinigungsprozess der Zusammenfassung der Vielfalt zur Einheit geschah auch
auf dem Gebiete anderer Wissenschaften. „Der Haupterfolg der Chemie am Ende des vorigen
Jahrhunderts“, schrieb Timirjasew, „besteht darin, dass es ihr gelungen ist, die
Verschiedenartigkeit der Naturkörper auf die begrenzte Zahl der sie bildenden einfachen Körper,
Elemente zurückzuführen… Den Biologen gelang es, ein solch einzigartiges elementares Organ
zu finden, durch dessen unzählige Veränderungen und Verbindungen alle Teile der
kompliziertesten Organismen gebildet werden. Hier müssen an erster Stelle die Verdienste der
Botaniker Schleiden, Mohl, Robert Braun genannt werden. Der erste von ihnen war, wenn nicht
buchstäblich der Begründer, der erste „Verkünder“ der Zellenlehre, und die letzten beiden haben
ihre zwei wichtigsten Bestandteile – das Protoplasma und den Kern entdeckt.“ (21)
An einer anderen Stelle setzt er diesen Gedanken fort: „nachdem er das Leben einzelner Organe
und vor allem eines Elementarorgans, aus dem sich alle anderen zusammensetzen, d.h. der Zelle
studiert hat, nachdem er das allgemeine Bild der Wechselwirkung der Organe, d.h. das
Gesamtleben einer ganzen Pflanze ebenfalls erforscht hat, strebt er danach, zu verstehen,
inwieweit das erreichbar ist, das Leben der Pflanzenwelt im Ganzen, als Ganzes betrachtet, und
auf diesem Wege versucht er die umfangreichste und rätselhafteste Frage zu beleuchten – die
Frage nach der Entstehung der Pflanzen und nach dem Grunde ihrer Vollkommenheit, oder
anders gesagt, die Frage nach der Harmonie, nach der Zweckmäßigkeit der organischen Welt.“
(22)
Das Streben, den Inhalt, die inneren Verbindungen der empirischen Tatsachen zu verstehen, ist
die wichtigste Eigenschaft der theoretischen Erkenntnis. Sie ist nicht nur solchen Wissenschaften
wie Physik, Biologie, politische Ökonomie, sondern auch den historischen Wissenschaften
eigen. Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck, dass die Geschichte mit der theoretischen
Erkenntnisweise unvereinbar sei, auch in der historischen Wissenschaft ist die Beschreibung
unvermeidlich. Aber schon die Historiker der Restaurationszeit, insbesondere Thierry, traten
gegen die indifferente Beschreibung, Anhäufung historischer Tatsachen auf und bemühten sich,
die Inhalte (den Sinn) der historische Entwicklung, dieser oder jener historischen Tatsachen zu
107
verstehen. In diesem Zusammenhang sind die Kriterien der theoretischen Erkenntnis auch auf die
historische Wissenschaft anwendbar.
In seiner Arbeit „Über die Geschichte der englischen Verfassung“ anlässlich des Werkes von
Henry Gallam (Schreibweise konnte nicht überprüft werden, Anm. d.Ü.) „Die
Verfassungsgeschichte Englands“ kritisiert Thierry
scharf die abstrakte, empirische
Beschreibungsmanier der Veränderungen, die sich auf dem Gebiet der Staatsverwaltung und
Gesetzgebung vollzogen. Die Arbeit von Gallam charakterisiert Thierry als die vollständigste
und klarste Übersicht über Gesetze und Parlamentsakten Englands. „Die Beschreibungen solcher
Art bestechen auf den ersten Blick“, schrieb Thierry, „aber in Wirklichkeit sind sie nicht so
belehrend, wie es scheint. Sie leiden an jenem wesentlichen Mangel, dass sie die bürgerliche und
politische Geschichte des Landes, die sie behandeln, schon voraussetzen; auf diese Weise
werden darin die Akte der Gesetzgebung außerhalb der Umstände, die sie hervorgerufen haben,
interpretiert und nur deren genaue Darstellung kann ihren echten Sinn feststellen. Der Autor der
„Verfassungsgeschichte“ schenkt seine ganze Aufmerksamkeit der Erforschung der Gesetze und
der Verwaltungsprotokolle, was aber die Reihenfolge der historischen Tatsachen anbetrifft, so
verlässt er sich gewöhnlich hier auf die erste beste Auslegung, ohne die Tatsachen einer neuen
kritischen Prüfung zu unterziehen, ohne die kleinste Bemühung um tieferes Eindringen in das
soziale Wesen, dessen Veränderungen verschiedene Stufen der Gesetzgebung bedingen.“ (23)
Hier untersucht und analysiert Thierry kritisch den typischen Fall des empirischen, abstrakten
Herangehens an die historischen Ereignisse. Es scheint, dass diese Untersuchungen alles haben;
Tatsachen, eine sehr genaue Beschreibung, Gelehrsamkeit, aber es fehlt das Verständnis des
wahren Sinns der Tatsachen. Deshalb bleiben solche Erforschungen ungeachtet ihrer
Genauigkeit abstrakt. Thierry unterstreicht: „reale Motive, die diesen Akten zugrunde liegen,
zeigen sich nur schwach in der geringen Zahl der historischen Tatsachen, die ihm zufällig unter
die Feder gerieten. Wir sehen die Verfassung des englischen Volkes in verschiedenen Epochen,
aber nirgends sehen wir das englische Volk selbst.“ (24)
Französische Historiker der Restaurationszeit bemühten sich, theoretische Forschungsverfahren
in die historische Wissenschaft einzuführen. In dieser Hinsicht ist das Buch von O. Thierry
interessant: „Die Erfahrung der Entstehungsgeschichte und der Erfolge des dritten Standes“,
worüber Marx an Engels schrieb: „Aus seiner Darlegung ist gut zu sehen, auf welche Weise die
Erhöhung der Klasse geschieht, während verschiedene Formen, auf die sich in unterschiedlicher
Zeit sein Schwerpunkt konzentriert, und verschiedene Teile der Klasse, die dank diesen Formen
Einfluss bekamen, zu Grunde gehen. Diese Reihenfolge der Metamorphosen, die eine Klasse
durchmacht, bis sie die Herrschaft erreicht hat, ist nirgends, meines Erachtens, bis jetzt so gut
dargestellt worden – wenigstens nach dem Materialreichtum.“ (25)
Thierry verfolgte konkret-historisch den Werdegang des dritten Standes. Im Vorwort zum Buch
bestimmte er seine Methode so: „Es musste für sie (d.h. die Geschichte. – Zh. A.) eine Gestalt
geschaffen werden, dabei in historischen Erscheinungen durch Abstrahierung alles, was nicht
hierher gehört, entfernt werden; man musste Leben und Erzählinteresse in die Reihenfolge der
Urteile und allgemeinen Tatsachen hineinbringen.“ (26)
Im Unterschied zu dem empirischen und abstrakten Untersuchungsverfahren geht Thierry vom
Verständnis des konkreten Ganzen aus, deckt logisch den inneren Inhalt des Gegenstandes auf,
dessen Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte er in seinem Werk verfolgen will. Darum
haben seine Untersuchungen der Geschichte als Ergebnis nicht die formale
Gegenstandsgeschichte, sondern die konkrete Geschichte einer real vorgekommenen
Erscheinung. Thierry bestimmt den dritten Stand folgendermaßen: „Also, der Stand“, schreibt er,
„der das Werkzeug der Revolution 1789 wurde und dessen Geschichte ich, von ihrem Anfang
beginnend, zu skizzieren versuche, ist nichts anderes als die ganze Nation unter Ausschluss des
Adels und der Geistlichkeit. Diese Bestimmung umreißt zugleich den Umfang und genaue
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Grenzen des Gegenstandes meiner Auslegung, indem sie darauf hinweist, was ich berühren und
was ich auslassen muss.“ (27)
In der dialektisch-logischen Erkenntnis wird das objektiv Konkrete im Denken als die Einheit
der Vielzahl der Bestimmtheiten wiedergegeben. In solcher theoretischen Erkenntnis werden die
Tatsachen nicht als etwas selbständig Existierendes gedeutet, sondern als innerlich im System
verbundene und mit jener Einheit, die den zahlreichen Bestimmtheiten zu Grunde liegt.
Das dialektisch-materialistische Verständnis des theoretischen Wissens, die Aufdeckung des
Anfangs, „der Zelle des Gegenstandsgebiets“ unterscheiden sich wesentlich vom
Reduktionismus, der den ganzen Reichtum der Welt auf die „letzten“ Elemente, die
unveränderliche Substanz zurückführt. In dieser Konzeption schwindet und wird die Bedeutung
des Einzelnen geleugnet.
Die Dialektik erkennt nicht nur die Geschichtlichkeit der Substanz an, sondern zeigt auch, dass
die Entwicklung und die inneren Gesetzmäßigkeiten dem konkreten System selbst angehören.
Deshalb wird die Erkenntnis nicht als eine einfache Zusammenfassung zur Einheit, zum
Allgemeinen, sondern als eine geistig-theoretische Wiedergabe der Wirklichkeit verstanden.
Denn im Laufe seiner Formierung und Entwicklung hat jedes konkrete Ganze eine Menge
Formbildungen, die abstrakt vereinfacht werden und mittels der Zusammenfassung zur
unbeweglichen Ausgangssubstanz nicht verstanden werden können. So eine komplizierte
Bewegung, Formbildung kann nur in Form des theoretischen Aufsteigens vom Abstrakten zum
Konkreten adäquat verstanden werden.
Im Laufe der geistig-theoretischen Wiedergabe der Wirklichkeit tritt die Theorie als eine Kette
der logisch nacheinander folgenden Abstraktionen, Begriffe, Kategorien auf, in deren Form die
Entwicklung, die Formbildung der objektiven konkreten Wirklichkeit theoretisch wiedergegeben
wird. In einer logischen Erforschung kann man selbständig die Verbindung dieser Abstraktionen,
Begriffe in der Theoriestruktur betrachten und dadurch objektive Verbindungen der Gegenstände
und Erscheinungen vorhersehen. Sie selbst haben irgendwelche Bedeutung, insofern sie
objektive Verbindungen, die Entwicklung und die Formbildung des Gegenstandes richtig
widerspiegeln.
Wenn das theoretische Verständnis von etwas einfach auf die Erkenntnis seiner Voraussetzungen
zurückgeführt wird, so ist es schwer, die notwendige Verbindung des Neuen mit seinen
Voraussetzungen zu verstehen, das Neue tritt als etwas Zusätzliches und Äußerliches auf. Marx
unterstrich mehrfach, dass die Produktion wirklich als eine allgemeine Bedingung einer
beliebigen Gesellschaft auftritt, aber es ist schwer, damit unmittelbar die konkrete Form der
Gesellschaftsentwicklung zu erklären. Genau so ist es nicht genug, im Religionsverständnis nur
auf seine Erdbasis, die Zurückführung der Religionserfindungen zu ihren materiellen
Beziehungen hinzuweisen. In Wirklichkeit kann sie nur als eine umgewandelte, mystifizierte
Form der menschlichen Tätigkeit tiefgründig verstanden werden.
In der konkreten theoretischen Erkenntnis wird ein wichtiger Platz der Kategorie der
vermittelnden Wirklichkeitskettenglieder zugewiesen. Es handelt sich darum, dass die
unmittelbare Zurückführung der ideologischen Form auf die Wirtschaftsbeziehungen, die
Mehrwertformen auf den Wert usw. ernsthaft die Natur des Konkreten verfälschten und
vergewaltigten. Außerdem bleibt die Natur der Form selbst, ihre immanente Bestimmtheit
unverstanden. Metaphysische Zurückführung gibt nur den Anschein von Verständnis.
Theoretische Überlegungen der Metaphysiker sind im Ganzen nicht überzeugend genug. Deshalb
sind von Anfang an reale Bedingungen für den Empirismus und den Positivismus in der Sache
der Verneinung der theoretischen Erkenntnis und ihrer Rolle vorhanden.
Wenn die theoretische Erkenntnis der Gegenstände und der Erscheinungen nur als Reduktion,
Zurückführung auf die Bedingungen erörtert wird, so bleibt immer rätselhaft und unverstanden,
warum diese Bedingungen in solchen Formen realisiert werden müssen, die ihnen ihrem ganzen
Wesen nach fremd sind. So ist es zum Beispiel schwer, alle Besonderheiten der psychologischen
109
Tätigkeit unmittelbar aus dem neurophysiologischen Substrat zu verstehen. In genau solcher
Weise ist es schwer, das Schaffen eines beliebigen Schriftstellers nur durch Bedingungen des
wirtschaftlichen Lebens dieses oder jenes Landes und der Epoche zu erklären, obwohl letzten
Endes diese Bedingungen diese eine wichtige Bedeutung haben.
Von den reduktionistischen Positionen aus ist es sogar schwer, die Möglichkeit und die Existenz
der dialektisch-materialistischen Logik zu verstehen, denn der Materialismus wird als
Zurückführung der Natur, Gesellschaft usw. auf das unbewegliche materielle Substrat
verstanden. „Ohne Unterlass“, schrieb Merleau-Ponty, „wird nicht ohne Grund die Frage
gestellt, auf welche Weise die Materie, wenn man dieses Wort im weiteren Sinne nimmt, das
Prinzip der Produktivität und der Neuheit, welches man die Dialektik nennt, erhalten kann.“ (28)
Die wichtigste Voraussetzung des dialektisch-logischen Prinzips der Wiederherstellung der
Wirklichkeit ist die Anerkennung der Selbstentwicklung, der Selbstbewegung der Materie. Nur
die Anerkennung der Notwendigkeit des Verneinungsmoments in der Materie selbst gibt die
Möglichkeit das Neue, zahlreiche Formbildungen, Entwicklungsstufen zu erklären.
Ein klassisches Muster solcher theoretischen Wiedergabe ist das „Kapital“ von Marx.
Erforschung, empirische Analyse solch entwickelter Kategorien wie Rente, Gewinn (Profit),
Zinsen usw. hatten ihren Platz in der politischen Ökonomie lange vor Marx, obwohl ihr echtes
konkretes, dialektisches Verständnis nur in der marxistischen politischen Ökonomie möglich
wurde. Hier wurde konsequent die Arbeitswerttheorie verfolgt, der Mehrwert und seine
Verbindung mit den empirischen Erscheinungsformen eröffnet.
DIE CHARAKTERISTIK DES ANFANGSBEGRIFFS
Oben wurde schon erwähnt, dass die Frage vom Anfang nur in der theoretischen
Wirklichkeitserkenntnis, im Laufe der Erkenntnis der inneren Verbindungen der Gegenstände
und Erscheinungen entsteht. Solch theoretisches Erfassen ist real erfüllbar in dem Falle, wenn
die Vielfalt der Einzelheiten auf die allgemeine Grundlage zurückgeführt wird und wenn die
Einzelheiten als eine Modifikation, die Erscheinungsform dieser Grundlage verstanden werden.
Im empirischen Stadium der Wissenschaftsentwicklung entsteht so eine Aufgabe nicht, denn da
wird die einheitliche, konkrete Wiedergabe des Gegenstandes noch nicht als Erkenntnisziel
gestellt. Es gibt Wissenschaften, in denen das Problem des Anfangs real noch nicht aufgeworfen
wurde, zum Beispiel, die Anatomie. Genauso stand es auch mit der Morphologie, so lange sie
eine beschreibende Wissenschaft blieb. Als die Morphologie eine theoretische Disziplin wurde,
als sie versuchte, das Objekt als lebendiges Ganzes zu erkennen, entstand unvermeidlich das
Problem des Anfangs, des Ausgangpunktes. K. A. Timirjasew unterstrich mehrmals, dass die
Physiologie, die sich am Ende des vorigen Jahrhunderts als eine theoretische Wissenschaft
herausgebildet hatte, die ganzheitliche Natur der physiologischen Erscheinungen theoretisch
wiederzugeben und zu verstehen suchte.
In diesem Zusammenhang entsteht die Frage nach den Bestimmtheiten, den Anfangskriterien,
nach dem Ausgangspunkt der theoretischen Wirklichkeitserkenntnis. So eine Fragestellung ist
vollkommen gesetzmäßig, denn während der Analyse des konkreten Ganzen wird eine Menge
seiner Bestimmtheiten aufgedeckt, die darin in Einheit vertreten sind. Zum Beispiel, die Analyse
einer sozialen Erscheinung wie ‚die Nation’ entdeckt darin eine Menge Merkmale: die
Gemeinsamkeit des Territoriums, der Sprache, der Wirtschaftsbeziehungen, der psychischen
Geistesrichtung. Dasselbe kann man von den Begriffen Mensch, Klasse, Gesellschaft usw.
sagen.
110
Im konkreten Ganzen haben alle Gegenstandsbestimmtheiten eine spezifische Rolle und
befinden sich darin in einer unteilbaren Einheit. Jede Bestimmtheit für sich bekommt
selbständige Bedeutung nur in der empirischen Betrachtung. Die wichtigste Bedingung des
theoretischen, konkreten Wirklichkeitsverständnisses ist ihre Erkenntnis als Einheit zahlreicher
Bestimmtheiten.
Das echt wissenschaftliche, konkrete Verständnis des Anfangs, der Ausgangsform wird in der
dialektischen Logik gegeben, auf seiner Grundlage ist die systematische Erkenntnis der
objektiven Wirklichkeit möglich. Freilich, wenn man die Geschichte des Anfangsbegriffs
aufmerksam verfolgt, so gab es da sowohl ein abstraktes, verstandesmäßiges, als auch ein
konkretes Verständnis. In der gesamten vorkantischen Philosophie verstand man den Anfang
abstrakt, verstandesmäßig.
Der Anfangsbegriff wurde außerhalb des historischen, konkreten Systems untersucht. Als der
Anfang wurde entweder der allgemeine, klare und deutliche Begriff (Descartes, Spinoza, Leibniz), aus dem
man durch Deduktion alles vorhandene Wissen abzuleiten versuchte, bezeichnet, oder man ging
von der sinnlichen Erfahrung, dem Einzelnen aus (Bacon, Locke, Hume), auf die man sich
stützte, um die synthetische Natur der menschlichen Kenntnis zu begründen.
Die Abstraktheit und Einheitlichkeit aller dieser Anfangsbegriffe bestand darin, dass darin eine
Seite des konkreten Anfangsbegriffs übertrieben und der anderen Seite gegenübergestellt wurde.
Deshalb waren sie nicht imstande, auf Grund ihrer abstrakten Anfänge die konkrete, synthetische
und allgemeine Natur der menschlichen Erkenntnis genügend zu erklären. In der
Philosophiegeschichte konnten weder die Materialisten, noch die Idealisten (Rationalisten und
Empiriker) das Anfangsproblem richtig stellen und lösen, denn sie verstanden die Dialektik des
Allgemeinen und des Einzelnen, Unvermittelten und Vermittelten, Analytischen und
Synthetischen, Induktiven und Deduktiven nicht.
Bei solchem nichtdialektischen Verständnis des Anfangs wurde jener Widerspruch unlösbar, auf das
schon die ersten griechischen Philosophen gestoßen waren, und zwar: wenn man den Anfang als
eine sinnlich-konkrete Bestimmtheit, als Einzelheit verstehen muss, wie kann man dann das
Vorhandensein der Art, der Ganzheit verstehen, die mehr sind als die Summe seiner Elemente? Und
wenn der Anfang als das Allgemeine zu verstehen ist, wie ist dann die existierende Menge der
Unterarten zu verstehen?
In den philosophischen Konzeptionen des Rationalismus und Empirismus ist dieser Widerspruch
voll erhalten geblieben, aber er zeigte sich als Widerspruch des Analytischen und Synthetischen in
der Formierung des menschlichen Wissens. Wenn man in der Wissensbildung vom Allgemeinen
(Begriff) ausgeht, so ist es schwer, die synthetische Natur des menschlichen Wissens zu erklären.
Umgekehrt, wenn man von der einzelnen, sinnlichen Erfahrung ausgeht, so ist es schwer, die
Allgemeinheit und die Notwendigkeit des menschlichen Wissens zu begründen.
Auf diese Seite des Problems lenkte Kant ernsthaft seine Aufmerksamkeit. Diese Aufgabe
versuchte auch Hegel zu lösen. Aber auch seine Versuche hatten keinen Erfolg, denn von den
Positionen des Idealismus ist diese Aufgabe unlösbar. Diese Gegensätze zu lösen, sind sowohl die
deduktive (axiomatische) Logik, als auch die Logik des Positivismus nicht im Stande, denn sie können
die ganzheitliche Natur des Objekts nicht wiedergeben, weil sie das Allgemeine dem Einzelnen, das
Analytische dem Synthetischen gegenüberstellen.
Laut der deduktiven (axiomatischen) Logik muss man beim Aufbau der Wissenssysteme von den
Axiomen und Postulaten ausgehen, die im Rahmen der Theorie ohne Beweisführungen angenommen
wurden, und daraus widerspruchslos die übrigen Theoriegrundsätze ableiten. In der griechischen
Philosophie und Axiomlogik verstand man als primär offensichtliche Grundlagen. Freilich, in
den gegenwärtigen Axiomtheorien distanziert man sich vom Offensichtlichkeitsmerkmal (das
fünfte Postulat des „Anfangs“ von Euklid und das vierte Axiom der vierten Gruppe bei Gilbert
werden nicht dazu gezählt). Axiomatische Theorien abstrahieren sich vom Inhalt der Termini,
111
die zum Axiomsystem gehören. „Unter der axiomatischen Theorie versteht man das
wissenschaftliche System“, schreibt Smirnow, „dessen Grundsätze alle rein logisch aus einer
Mehrzahl von Grundsätzen abgeleitet werden, die in dieser Theorie ohne Beweisführungen
angenommen werden und die Axiome genannt werden, und deren Begriffe alle auf eine
bestimmte Klasse der Begriffe zurückgeführt werden, die man unbestimmbar nennt.“ (29)
Als Beispiel des axiomatisch aufgebauten Wissenssystems kann die Struktur der Euklidischen
Geometrie von Gilbert dienen, der mit Hilfe von fünf Gruppen, die zwanzig Axiome vereinen,
die mittels der drei Geometrieelemente (Punkt, Gerade, Fläche) und der fünf Ausgangsbegriffe
(„gehört“, „zwischen“, „kongruent“ „parallel“, „kontinuierlich“), durch Anwendung der
Syllogismusregeln das System der Euklidischen Geometrie beweisen konnte.
In der Struktur der axiomatischen Methode gibt es zwei Elemente: Ausgangsmittel (Axiome und
unbestimmbare Ausgangsbegriffe) und logische Operationsmittel mit Ausgangselementen
(Folgerungsregeln und Regeln der Begriffsbestimmungen). Wenn Gilbert und Ackermann zwei
Teile der axiomatischen Methode hervorheben - das System der Axiome und Beweisregeln, so
führt A. Tarskij zwei Begriffe ein – die Primärtermini und die Regeln der Bildung der
Nachfolgenden. In der „Menschlichen Erkenntnis“ nennt B. Russell das Primärterminisystem ein
„Minimalwörterbuch“ der Wissenschaft. Nach Russell entspricht der Wissenschaftsterminus dem
Begriff des „Minimalwörterbuchs“ in dem Falle, wenn:
1) jedes Wort, das in der Wissenschaft gebraucht wird, eine Nominalbestimmung mittels der
Wörter dieses Minimalwörterbuchs hat,
2) keines aus diesen Anfangswörtern eine Nominalbestimmung mittels anderer Wörter hat.
Dieser Minimalwortschatz wird von Russell als das Wesentlichste in der Wissenschaft
angesehen, denn alles, was man von der Wissenschaft sagen kann, kann mittels dieser
Primärwörter gesagt werden. So genügen für die Feststellung der geografischen Breite und
Länge die Wörter: „Greenwich“ und „Nordpol“. „Gerade dank dem Vorhandensein dieser zwei
Wörter...“, schreibt er, „kann die Geographie von den Entdeckungen der Forschungsreisenden
erzählen. Gerade diese zwei Wörter sind allerorts beteiligt, wo Breite und Länge erwähnt
werden“. (30)
Der philosophische Idealismus schlachtet einige Mängel der axiomatischen Wissensstruktur
selbst aus, denn hier wird die objektive Entstehung der Axiome, der Ausgangsbegriffe vertuscht,
was dem logischen Idealismus ermöglicht, sie als rein willkürlich und nach eigenem Belieben
die Theorie als eine formale Begriffswechselbeziehung miteinander auszulegen. Es stimmt, bei
den formalen Konstruktionen achtet man nur auf die Abhängigkeit der Folgerungen von den
Axiomen, und deshalb erscheint die Wahl dieses oder jenes Axiomsystems als Produkt der
Aktivität des Subjekts.
In Wirklichkeit gibt es da keine Willkür, denn die deduktive (axiomatische) Wissensbegründung
ist auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Wissenschaft möglich, wo ihre Hauptbegriffe
und Prinzipien schon ausgearbeitet sind, d.h. es wurden jene Begriffe und Grundsätze ausgesondert, auf deren Grundlage man ein bestimmtes Wissenssystem aufbauen kann. Aber diese
Grundbegriffe, Axiome sind keinesfalls Produkt des freien Schaffens, wie das die Positivisten
darstellen. („Wir verschmähen“, schrieb A. Tarskij, „wie das gewöhnlich gemacht wird, den
Sinn der von uns angenommenen Primärtermini und lenken unsere Aufmerksamkeit
ausschließlich nur auf die Axiomform, in welchen diese Termini vorkommen“) (31). Diese
Axiome sind Ergebnis der Erkenntnis der inneren Gesetzmäßigkeiten der Wirklichkeit.
Vom Standpunkt des philosophischen Idealismus aus hält man die Axiomwahl für gelungen,
wenn man auf ihrer Grundlage ein Theorem beweisen kann, und sie den so genannten logischen
Bedingungen der Unabhängigkeit, der Nichtwidersprüchlichkeit und der Vollständigkeit des
Axiomsystems entsprechen. Laut dem Unabhängigkeitsprinzip muss das System keine
Behauptung enthalten, die man aus anderen Grundsätzen ableiten kann. Ein Axiomsystem
112
genügt der Bedingung der Nichtwidersprüchlichkeit, wenn eine von zwei auf ihrer Grundlage
aufbauenden widersprüchlichen Äußerungen nicht bewiesen werden kann.
Die Nichtvollständigkeit und Begrenztheit der axiomatisch aufgebauten Theorie zeigte sich im
Theorem von Hegel, der überzeugend bewies, dass fast alle nichtwidersprüchlichen axiomatisch
aufgebauten theoretischen Systeme nicht vollständig sind. Sie enthalten in sich immer
wissentlich wahrhafte Urteile, die zur gegebenen Theorie gehören und in ihren Termini
formuliert sind, aber die in diesem System nicht bewiesen werden können.
Das alles zeugt davon, dass der Anfangsbegriff, der in der axiomatischen (deduktiven) Logik
verwendet wird, kein konkreter, dialektischer Begriff ist. In den Anfängen der axiomatisch
aufgebauten Theorie wird nur eine Seite, ein Aspekt des synthetischen, konkreten
Anfangsbegriffs erfasst.
Im Grunde genommen leidet an derselben Einseitigkeit das Anfangsverständnis des modernen
Empirismus, Neopositivismus, die auf ein anderes Extrem verfallen - auf das Einzelne, die „reine
Erfahrung“. Freilich unterscheidet sich hier die Anfangsproblemstellung einigermaßen von ihrer
Problemstellung vom alten Empirismus und Neopositivismus. Die Sache ist die, dass der
Neopositivismus in seiner Logik das vorhandene Wissenssystem auf eine gewisse Zahl von
Basis- und Elementarsätzen zu reduzieren bemüht ist, die von ihm als letzte und keinerlei
Zweifel zulassende gedeutet werden.
Diese letzten, „unzerlegbaren Protokollsätze“ werden von Karnap als Gegebene der sinnlichen,
individuellen Erfahrung charakterisiert. Sie sind unmittelbar gegeben, „unwiderlegbar“ und
völlig „frei“ von rationellen Momenten. Nachdem auf solche Weise die Natur des Basis-, des
„Protokollwissens“ bestimmt wurde, stieß der Neopositivismus wieder auf jene Schwierigkeiten,
die auf dem Wege einer beliebigen empirischen Philosophie vorkommen. Tatsächlich, wenn die
„Protokollsätze“ nur individuell, sinnlich sind, wie ist dann die Allgemeinheit und
Allgemeingültigkeit der menschlichen Erkenntnis möglich?
Die Versuche, diese Schwierigkeit zu vermeiden, ließen den logischen Positivismus eine gewisse
Evolution im Verständnis des Ausgangspunktes des Wissenssystems durchmachen. So schlug
Schlick seinerzeit vor, in diesem Ausgangswissen zwei Momente zu unterscheiden: einerseits,
den individuellen, unbeschreiblichen, sinnlichen Inhalt, andererseits, die strukturelle Beziehung
innerhalb der Erfahrung, die allgemeingültige „Form“. „Wir können uns davon am Beispiel von
Schlicks Lehre von der ‚Struktur’ und vom ‚Inhalt’ überzeugen“, bemerkt zu Recht W.S.
Schwyrew, „dass schon von Anfang an die logischen Positivisten bei der Durchführung ihrer
Basiswissensdoktrin auf Schwierigkeiten gestoßen und gezwungen waren, vom konsequenten
positivistischen Sensualismus zurückzutreten. Denn nach Schlick haben die Sprachelemente
(„die Form“) einen allgemeingültigen Charakter, der prinzipiell nicht auf die unmittelbare
Erfahrung zurückgeführt werden kann. Aber diese Abkehr von der konsequenten subjektivsensualistischen Position rettet die Sache nicht. Es bleibt doch unklar, wie auf der
Basiswissensebene die Einheit der Sinnlichkeit und des Faktors, der seinen Ausdruck in der
Rede findet, verwirklicht wird, was einen Verbindungsmechanismus zwischen diesen zwei
Komponenten des einheitlichen menschlichen Erkenntnisprozesses darstellt.“ (32)
Die ganze Diskussion über die „Protokollsätze“, die Neopositivismusevolution, seine Abkehr
vom konsequenten Reduktionismus zeigten deutlich die Unfähigkeit des Positivismus, die Logik
der wissenschaftlichen Kenntnisse genügend zu begründen, die Beziehungen des Allgemeinen
und Einzelnen, Unmittelbaren und Mittelbaren, Analytischen und Synthetischen aufzudecken.
Noch ein Zeugnis der Kraftlosigkeit des Neopositivismus, die realen Erkenntnisschwierigkeiten
zu lösen, die im Zusammenhang mit dem empirischen Anfang entstehen, ist der Versuch von R.
Karnap, den er im Artikel „Physikalistische Sprache als Universalsprache der Wissenschaft“
unternommen hat. In dieser Arbeit versucht er, die unmittelbare Prüfbarkeit mit der
Allgemeingültigkeit zu verbinden. Als Vermittlersprache wird die physikalistische Sprache
vorgeschlagen, die einerseits, den Verkehr der Individuen ermöglicht, andererseits, Bedingungen
113
für den Ausdruck der „unmittelbaren Erfahrung“ schaffen sollte. Wenn eine Protokollsprache
laut ihrer äußersten Individualität in eine andere Protokollsprache unübersetzbar ist, so können
beide in die physikalistische Sprache übersetzt werden.
Im Weiteren begann der Neupositivismus, sich vom extremen Empirismus abzukehren. Dazu
trugen hauptsächlich Diskussionen, theoretische Schwierigkeiten im Basiswissensverständnis
bei. „Es existiert kein Mittel“, schrieb Neurath, „absolut zuverlässige Sätze zu einem Ausgangspunkt der Wissenschaft zu machen. Es gibt keine tabula rasa. Man kann uns mit Seeleuten
vergleichen, die ihr Schiff auf der offenen See bauen müssen und nicht einmal im Stande sind
einzudocken, um es stückweise umzubauen“ (33).
Das dialektisch-materialistische Anfangsverständnis ist dialektisch konkret. Darin wurden
rationell all jene Schwierigkeiten gelöst, die vom Standpunkt der alten Philosophie unlösbar
sind. Freilich wurden in der hegelschen Logik wertvolle Ideen für die Begründung des
dialektischen, konkreten Anfangsverständnisses ausgearbeitet. Aber das hegelsche Verständnis
des Anfangs und der Logik, die Entfaltungsmethode des Wissens enthielten in sich Mängel, denn
der Denkentwicklungsprozess, die Methode des Aufstiegs vom Abstrakten zum Konkreten
wurde von Hegel nicht als Mittel der theoretischen Wiedergabe des Objekts, der materiellen
Wirklichkeit, sondern als Erzeugnis dieser Realität im Laufe der mystischen Selbstentwicklung
der absoluten Idee verstanden.
Da Hegel den Entstehungsprozess des Dinges, des konkreten Ganzen mit dem Mittel seines
theoretischen Verständnisses identifiziert, ist natürlich die Analyse des Philosophen zur
Aufdeckung des Systemanfangs nicht auf die objektive, konkrete Ganzheit gerichtet, sondern auf
die Erforschung des Systems ausgeprägter theoretischer Vorstellungen. Deshalb versteht Hegel
als Anfang, als Ausgangspunkt die theoretische Abstraktion, den Begriff, der in seiner Selbstentwicklung aus sich heraus das Besondere und Einzelne erzeugt.
Im Gegensatz zu verschiedenen Formen des Idealismus und formalistischen Konzeptionen der
Logik, in denen hauptsächlich innere Wechselbeziehungen der Theorieelemente außerhalb ihrer
Beziehung zur Wirklichkeit betrachtet werden, handelt es sich in der dialektischmaterialistischen Logik um theoretisches Wissen als Widerspiegelung der objektiven Realität.
Deshalb werden hier von Anfang an objektive Wechselbeziehungen, die Logik des Gegenstandes
und seine Beziehung zur Logik der Theorie betont.
A. DER ANFANG ALS ELEMENTARE KONKRETHEIT
In der materialistischen Dialektik wird der Anfangsbegriff, der Ausgangspunkt der theoretischen
Erkenntnis nicht als ein Gedanke (Abstraktion), sondern als eine unmittelbare, höchst
allgemeine, elementare Konkretheit dieses Systems verstanden. Das dialektisch-logische
Anfangsverständnis betrachtet den Ausgangspunkt zum Unterschied von dessen
rationalistischem und empirischem Verständnis, im Gegensatz zum Neopositivismus und zu den
axiomatischen Vorstellungen als etwas Synthetisches und Konkretes.
Laut der dialektischen Logik muss die Inhaltsmethode der theoretischen Wiedergabe eines
beliebigen Systems nicht vom Begriff, den logischen Postulaten, Axiomen und nicht von der
„reinen Erfahrung“ ausgehen. Sie muss vor allem eine bestimmte empirische Realität, ein Gegenstandsgebiet und ihr elementares Sein, ihre einfachste Konkretheit analysieren, aus deren
Entwicklung sich dieses komplizierte Ganze herausbildete. Die Analyse dieser elementaren
Konkretheit, der „Zelle“ deckt in ihr die Einheit des Allgemeinen und Einzelnen, der Materie
und Form, des Positiven und Negativen auf und ermöglicht es, das ganze System zu verstehen
und als Ganzes theoretisch auszudrücken.
Ungeachtet dessen, dass das Wort „Anfang“ im gewöhnlichen Verständnis als etwas Größeres
auftritt, handelt es sich in Wirklichkeit aber um die einfachste Realität im konkreten System. Da
114
das objektive Ganze als etwas Entstandenes und Gebildetes verstanden wird, wird der Anfang als
eine elementare, einfachste Realität verstanden, aus der es sich entwickelte. In diesem Sinne ist
der Anfang etwas Unmittelbares, Elementares, das aber in diesem System eine allgemeine
Bedeutung hat.
Nach der dialektischen Logik existiert nichts absolut Unmittelbares, „Elementares“, denn es
existiert kein absolutes, sich selbst identisches, unveränderliches System. Alle Systeme sind
historisch, und darum sind auch Systemanfänge historisch, d.h. der Anfang ist die einfachste Elementarform nur inmitten dieses oder jenes Systems. Außer ihm und außerhalb des konkreten
Aufstiegs hat es keinen Sinn vom Elementaren des Anfangs zu sprechen.
Den Anfang haben wir als Unmittelbares bestimmt, welches eine allgemeine Form im System
hat. Aber die Anfangsunmittelbarkeit bedeutet bei weitem nicht, dass sie nur sinnlich unmittelbar
ist. Solche Unmittelbarkeit hat nur das ursprüngliche Ganze, obwohl davon zu sprechen genau so
schwer ist wie vom absolut Unmittelbaren, denn es tritt schon als Ergebnis der Praxis und
Erkenntnis auf. Aber man kann doch vom Gegenstandsbereich als vom Unmittelbaren sprechen,
denn es dient, wie das sinnlich-konkrete, als Objekt der sinnlichen Betrachtung. Der Anfang des
Aufstiegs wird im Resultat der theoretischen Analyse als das ärmste Element des
Ursprungsganzen festgestellt. Darum tritt der Anfang als ein abstraktes, einseitiges Moment des
Ganzen auf. Infolgedessen entsteht die Illusion, dass der Anfang eine Gedankenabstraktion, ein
Begriff ist. In Wirklichkeit aber ist der Anfang des konkreten Ganzen kein Gedankenelement,
sondern ist ein Element des objektiv-realen Inhaltssystems.
Der Anfang des Ganzen muss nicht unbedingt der inhaltsreichste, im Sinne des den ganzen
Systeminhalt enthaltende, sein. Der Anfang heißt deshalb Anfang, die Elementarzelle des
Systems, weil er die allgemeinste Gegenstandsbestimmtheit ist. Aber das Inhaltliche, Konkrete
verwirklicht sich real durch dieses Abstrakte. Wenn der Systemanfang nicht ausgesondert wurde,
so ist die Ausarbeitung der theoretischen, konkreten Kenntnis über die Wirklichkeit unmöglich.
Natürlich, das dialektisch-materialistische Verständnis der Einfachheit des Ausgangsanfangs, der
Elementarkonkretheit hat nichts Allgemeines mit dem positivistischen Kriterium der Einfachheit,
mit der „Denkökonomie“. Laut Positivismus ist die Einfachheit des Anfangs das Subjektive, das
bequemste für das denkende Subjekt. In der dialektischen Logik aber wird die Einfachheit, die
Anfangsabstraktheit
der
Ausgangskonkretheit
vor
allem
als
eine
objektive
Gegenstandscharakteristik der Dinge verstanden.
In der dialektischen Logik hat die Frage vom Anfang ihren spezifischen Inhalt. Es geht darum,
dass eine gewisse Bestimmtheit des Ganzen als Anfang ausgelegt wird nicht nur deshalb, weil
sie eine einfache Natur hat, sondern hauptsächlich aus dem Grunde, weil sie als das Allgemeine,
die „Zelle“ auftritt, aus der sich im Laufe der Entwicklung das konkrete System formiert. Gerade
das ermöglicht die geistig-theoretische Wiedergabe des Ganzen im Denken.
Die positivistische Logik schreibt dem subjektiv gedeuteten Prinzip der Einfachheit eine sich
selbst genügende Bedeutung zu. Es wird als das wichtigste Kriterium der Vollkommenheit der
Theorie unabhängig von seiner Objektivität und Wahrhaftigkeit in den Vordergrund gestellt. Im
Grunde einer solchen Auslegung der Einfachheit der Ausgangskenntnis liegt das subjektividealistische Verständnis der Theorie, des Begriffs nicht als Widerspiegelung der objektiven
Wechselbeziehung der Gegenstände und Erscheinungen, sondern als eine bequemere,
„effektivere“ Deutung der Gesamtheit der Tatsachen.
Das richtige philosophisch-theoretische Verständnis des Einfachheitsprinzips spielt eine
bestimmte Rolle in den naturwissenschaftlichen Theorien, wovon viele Äußerungen der größten
Physiker zeugen: Planck, Einstein, Heisenberg u. a. Im ganzen Umfang kann das
Einfachheitsproblem nur von der Position der dialektischen Logik aus verstanden werden.
Das Einfachheitsproblem fällt mit dem subjektiv-idealistischen Prinzip der „Denkökonomie“
nicht voll zusammen. Vom dialektisch-logischen Standpunkt aus enthält der Begriff der
115
Wissenseinfachheit einen rationalen Sinn, denn er ist eine empirische Verallgemeinerung jener
Tatsache, dass dem konkreten System die einfachste, allgemeine, substantielle Beziehung zu
Grunde liegt, aus deren Entwicklung sich das zu erforschende konkrete Ganze formierte.
Den Unterschied vom materialistischen Anfangsverständnisses zum idealistischen hat Marx sehr
gut in den „Bemerkungen zum Buch von A. Wagner“ begründet, in dem er unterstrich, dass für
ihn der Ausgangspunkt des theoretischen Aufstiegs nicht der Begriff, sondern eine bestimmte
ökonomische Konkretheit ist. Vor allem, „ich gehe nicht von den ‚Begriffen’, auch nicht vom
‚Wertbegriff’ aus“, schrieb er, „und daher brauche ich das letzte nicht zu ‚teilen’. Ich gehe von
der einfachsten Gesellschaftsform aus, in der das Arbeitsprodukt in der Gegenwartsgesellschaft
vorgestellt wird, das ist die „Ware“. Ich analysiere diese, und dabei zuerst in jener Form, in
welcher sie erscheint … Somit unterteile nicht ich den Wert auf den Gebrauchswert und den
Tauschwert als Gegensätze, in welche die Abstraktion des ‚Wertes’ zerfällt, sondern die konkrete
Gesellschaftsform des Arbeitsproduktes, die einerseits ‚Ware’ ist, der Gebrauchswert, und
andererseits – der ‚Wert’, aber nicht der Tauschwert, denn nur die Erscheinungsform allein kann
ihren eigenen Inhalt nicht ausmachen.“ (34)
Das verstand A. Wagner nicht, denn er kannte nur die formale Beziehung des Gattungsbegriffs
zum Artbegriff. Deshalb sah er in der Analyse von Marx die Ableitung der Gebrauchs- und
Tauschwertbegriffe aus dem Begriff „Wert“. Die Wurzel all dieses Professorengeschwätzes
findet Marx in der Etymologie des Wortes „Wert“. „Das einzige, das all diesem deutschen
Unsinn offen zu Grunde liegt“, schrieb er, „besteht darin, dass die Worte: Wert oder Würde
ursprünglich auf die nützlichsten Dingen selbst angewendet wurden, die sogar als
„Arbeitsprodukte“ lange existierten, bevor sie zu Waren gemacht wurden. Aber mit der wissenschaftlichen Bestimmung des „Warenwertes“ hat das so wenig zu tun, wie jener Umstand, dass
das Wort „Salz“ ursprünglich von den alten Völkern für Kochsalz verwendet wurde, und später,
seit Plinius’ Zeiten, Zucker und andere Dinge als eine Unterart des Salzes figurierten.“ (35)
Für Marx liegt der ganze Reichtum des Besonderen und Einzelnen gar nicht im Begriff, wie das
Hegel schien, sondern in den realen Beziehungen, die objektiv allgemeine Objektbedingungen
bilden, aus denen und durch welche die Natur des Besonderen und Einzelnen erklärt wird. Das
größte dialektische Prinzip in Hegels Definition allein führt zum falschen
Erscheinungsverständnis. Das Verhältnis seiner Dialektik zur hegelschen hat Marx äußerst klar
als diametral entgegengesetzt formuliert. Die hegelsche „Wissenschaft der Logik“ mit dem
„Kapital“ von Marx vergleichend, schrieb Engels: „...einerseits, die konkrete Entwicklung, wie
sie in Wirklichkeit geschieht, und, andererseits, die abstrakte Konstruktion, in der höchst geniale
Gedanken und mancherorts sehr wichtige Übergänge, wie zum Beispiel, der Qualität in die
Quantität und umgekehrt, werden in eine scheinbare Selbstentwicklung eines Begriffs aus dem
anderen verarbeitet.“ (36)
Für die hegelsche Logik ist die Hypostasierung des Begriffs charakteristisch, dessen
Anerkennung als echte Realität, was sich mit dem marxistischen Verständnis, in dem der Begriff
„nichts anderes als das Materielle, in den Menschenkopf Umgesetzte und darin Umgebildete“
(37) ist, nicht vereinbaren lässt.
Bekannt ist auch die Kritik von Marx an der abstrakten metaphysischen Methode von Proudhon,
der in seinen Untersuchungen nicht von den ökonomischen Beziehungen ausging, sondern sie
willkürlich laut angenommener Ideen deutete. Der Autor des „Elends der Philosophie“ führte die
wirtschaftlichen Beziehungen zur logischen Folgerichtigkeit der Ideen einseitig zusammen. Und
die ökonomischen Kategorien stellte er als etwas selbständig Existierendes und innere Impulse
Enthaltendes dar. „Aber wenn wir“, schreibt Marx, „die historische Entwicklung der
Produktionsbeziehungen, für die die Kategorien nur als theoretischer Ausdruck dienen, außer
Acht lassen, wenn wir in diesen Kategorien nur von wirklichen Beziehungen unabhängige Ideen,
spontane Gedanken sehen wollen, so müssen wir wohl oder übel nach der Entstehung dieser
Gedanken in der Bewegung der reinen Vernunft suchen.“ (38)
116
Im „Elend der Philosophie“ deckte Marx die theoretische Quelle dieser abstrakten Methode auf,
die zu jener Metaphysik aufsteigt, die sich, Abstraktionen erzeugend, einbildet, sich mit der
Wirklichkeitsanalyse zu befassen. „...Diese Metaphysiker“, schrieb Marx, „haben auf ihre Weise
Recht, wenn sie sagen, dass die Dinge unserer Welt nur Muster darstellen, für die als Kanevas
logische Kategorien dienen.“ (39)
Mittels solcher Abstraktion kann man alles in der realen Welt auf eine gewisse magere Idee
zurückführen. „Und wenn wir in den logischen Kategorien“, schreibt K. Marx, „die Substanz
aller Dinge sehen, so ist es nicht schwer sich vorzustellen, dass wir in der logischen Formel der
Bewegung eine absolute Methode gefunden haben, die nicht nur jedes Ding erklärt, sondern auch
die Bewegung jedes Dinges in sich einschließt.“ (40)
Die ökonomische Wirklichkeit wurde von Proudhon abstrakt betrachtet. Er erforscht nicht die
Entwicklung und innere Verbindungen der Wirtschaftsbeziehungen, sondern er wechselt sie
durch eine imaginäre Reihenfolge der logischen Ideen aus. Aus der Bewegung der einfachen
Kategorien entsteht bei ihm eine Kategoriengruppe, aus der Gruppe - eine Reihe, und aus der
Reihe - ein System. Dabei hat das alles keinen Bezug zur realen Objektbewegung. Proudhon
verstand überhaupt nicht, dass „die Menschen, die die Gesellschaftsbeziehungen entsprechend
der Entwicklung ihrer materiellen Produktion festsetzen, auch die Prinzipien, Ideen und
Kategorien entsprechend ihren Gesellschaftsbeziehungen schaffen.“ (41)
Das alles zeugt von der Abstraktheit und der Schwäche jener Konzeption, die statt der realen,
gesellschafts-ökonomischen Bewegung die Reihenfolge der theoretischen Ideen herausstellt. In
Wirklichkeit wird in Form der Ideen, der Wirtschaftskategorien die objektiv-reale Gesellschaftsbewegung ausgedrückt, die auf ihren eigenen immanenten Gesetzen ruht. Ähnlich wie die
organische Natur im Evolutionsprozess verschiedene Formbildungen, Arten hat, so haben
sowohl das soziale Leben als auch das Denken verschiedene Stufen, sozial-ökonomische
Formationen.
In der Arbeit „Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral“ schrieb K. Marx: „... die
Veränderung oder überhaupt die Vernichtung dieser Beziehungen kann natürlich nur im
Resultate der Veränderungen der Klassen selbst und ihren Wechselbeziehungen geschehen; die
Beziehungsveränderung zwischen den Klassen aber ist eine historische Veränderung, Produkt
aller Gesellschaftstätigkeit im Ganzen, mit einem Wort, Produkt einer bestimmten „historischen
Bewegung“. Der Schriftsteller kann dieser historischen Bewegung dienen, indem er als ihr
Wortführer auftritt, aber selbstverständlich kann er sie nicht schaffen.“ (42)
Für die dialektisch-materialistische Logik ist das prinzipiell, was das theoretische Denken fähig
ist zu verstehen, die objektive Wirklichkeit theoretisch anzueignen, aber keinesfalls kann es sie
erschaffen. In ihren reinen Bewegungen kann die Theorie wirklichen Kollisionen entgehen,
indem sie sich eine „idealisierte Wirklichkeit“ schafft. Aber Wirtschaftsbeziehungen sind nicht
das Resultat irgendwelcher Doktrin, die von einem bestimmten theoretischen Prinzip ausgeht,
und von daher weitere Schlüsse zieht. „Umgekehrt“, schrieb Marx, „die Prinzipien und die
Theorien, die von den bürgerlichen Schriftstellern in der Zeit des Kampfes des Bürgertums
gegen den Feudalismus angeführt wurden, waren nichts anderes, als theoretischer Ausdruck der
praktischen Bewegung, dabei kann man genau verfolgen, wie dieser theoretische Ausdruck im
größeren oder minderen Grade utopisch, dogmatisch, doktrinär war, abhängig davon, ob er sich
auf eine mehr oder weniger entwickelte Phase der wirklichen Bewegung bezog.“ (43)
Die wichtigste Voraussetzung des dialektischen Anfangsverständnisses ist die Anerkennung der
Geschichtlichkeit des Systems. Jedes konkrete Ganze wird von Marx als Produkt der
vorhergehenden historischen Bewegung genommen, in dessen Prozess ständig die Veränderung
des Anfangs, die Umwandlung des Allgemeinen ins Besondere und des Besonderen ins Allgemeine geschieht. Das muss man immer in Betracht ziehen.
117
Ein ähnliches Bild existiert auch in der organischen Natur. Im Evolutionsprozess geschieht hier
die Ablösung einer Form durch eine andere. Jede biologische Art ist eine Ganzheit, die auf
Grund eines bestimmten Stoffwechseltyps existiert. Die Art ist eine Gesamtheit aller Unterarten,
die mit der Art nur statistisch zusammenfällt. Im Laufe der Evolution können einzelne
Unterartengruppen sich stark von der Ausgangsform unterscheiden und eine Grundlage, eine
Substanz, den Anfang einer neuen Art bilden. Diese Methodologie ist produktiv auch
hinsichtlich eines breiteren Systems. So entstand das Biologische im Ergebnis des Chemismus.
In einem bestimmten Stadium bildete sich im Chemismussystem eine spezifische Struktur, die
einige andere Verbindungsketten hat. Ursprünglich entsteht sie als eine Ausnahme, eine
Abweichung von der Norm; im weiteren entwickelt sie sich und verwandelt sich in etwas Festes
und Substantielles, wovon ihre Erscheinungsform abhängt (Reizbarkeit, Vermehrung und
Erblichkeit usw.).
Die dialektisch-materialistische Logik geht direkt von dieser wichtigsten Voraussetzung im
Anfangsverständnis der theoretischen Erkenntnis aus. Darin wird prinzipiell das Primäre der
Logik der objektiven Wirklichkeit in Bezug auf die Denklogik anerkannt und die abstrakte
Methode der willkürlichen Konstruktion abgelehnt. Wenn Hegel unter der Subjektsubstanz die
absolute Idee versteht, so wird da als echte Substanz die objektive Wirklichkeit anerkannt. Im
Laufe der theoretischen Wiedergabe solcher Realität entsteht die Frage nach dem Anfang, nach
den allgemeinen Bedingungen eines historisch bestimmten Systems.
Im „Kapital“ analysiert Marx als elementare Konkretheit die Ware, die kein Begriff ist, sondern
eine massenhafte, Milliarden mal vorkommende Beziehung der bürgerlichen Gesellschaft. In der
Ware ist das elementare Dasein dieses konkreten Ganzen erfasst. Das, was Marx als das
Allgemeine, als Ausgangsrealität betrachtet, fällt mit dem objektiv-historischen Prozess und der
Formierung der kapitalistischen Produktion zusammen. Wenn man sich die kapitalistische
Gesellschaft als ein soziales System der innerlich verbundenen Beziehungen vorstellt, das
Dasein in sich und für sich, so ist die Ware das Elementare, das Dasein der kapitalistischen
Gesellschaft an sich. Das ist es, warum Marx die Untersuchung der bürgerlichen Ordnung mit
der Warenanalyse begann, die eine „Zelle“ des Kapitalismus ist und in dieser „einfachsten
Konkretheit“ alle Widersprüche des Kapitalismus aufdeckt. „Die Analyse“, schreibt Lenin,
„deckt in dieser einfachsten Erscheinung (in dieser „Zelle“ der bürgerlichen Gesellschaft) a l l e
Widersprüche (respective Keime a l l e r Widersprüche) der gegenwärtigen Gesellschaft auf. Die
weitere Darlegung zeigt uns die Entwicklung (sowohl das Wachsen als auch die Bewegung)
dieser Widersprüche und dieser Gesellschaft in Σ ihrer einzelnen Teile, von ihrem Anfang bis zu
ihrem Ende.“ (44)
Die Ware ist eine historische Kategorie. Die Rolle der elementaren Realität, „des existierenden
Daseins“ erfüllt sie nur im Kapitalismus. In allen anderen Wirtschaftssystemen tritt die Ware als
eine Ausnahme von den Regeln und als etwas Besonderes auf. Als eine allgemeine und
universelle Bestimmtheit tritt die Ware nur in diesem System auf, denn im Kapitalismus sind alle
Verbindungen und Beziehungen durch die Ware vermittelt. Deshalb kann man sie dann
selbständig verstehen, wenn alle anderen Beziehungen ohne theoretische Analyse der Ware nicht
verstanden werden. Darum analysiert Marx im „Kapital“ vor allem die Warenbeziehungen in
reiner Form, unabhängig von konkreteren, besonderen Beziehungen der bürgerlichen
Gesellschaft. Nur die besondere Rolle der Ware ermöglicht es, sich bei ihrer Betrachtung von
anderen Beziehungen und den Profitbeziehungen zu abstrahieren. Marx erforscht die
Warenbeziehung in reiner Form, d.h. zuerst betrachtet er den einzelnen, bargeldlosen Warenaustausch. „Da die Warenform die allgemeinste und nicht entwickelte bürgerliche
Produktionsform ist“, schrieb er, „entsteht sie sehr früh, obwohl sie in vorigen Epochen nicht so
vorherrschend war...“ (45)
Die aufmerksame Analyse dieser „elementaren Konkretheit“, der Einzelheit erlaubt es, das
allgemeine Gesetz der Warenproduktion zu erkennen. Selbst die Natur der Einzelheit interessiert
118
den Forscher nicht für die Registrierung, sondern als ein Weg zur Aufdeckung der allgemeinen
Abstraktion der gegebenen Wirklichkeit.
Im konkreten System tritt der Anfang nicht nur als eine Bedingung auf, sondern auch als
Resultat, d.h. die Systemfunktionierung muss ständig als eigenes Produkt die Bedingung eigener
Existenz schaffen. So kann der Kapitalismus auf eigener Grundlage nur dann existieren, wenn er
ständig Warenallgemeinheit, die Arbeitskraft als Ware, schafft. Darum bestimmt W.I. Lenin den
Kapitalismus als Warenproduktion auf jener Stufe seiner Entwicklung, wo auch die Arbeitskraft
zur Ware wird. Deshalb charakterisiert Marx von Anfang an den Kapitalismus als eine große
Anhäufung von Waren und die Einzelware als sein elementares Dasein. In diesem Falle wird die
Warenbeziehungsallgemeinheit unterstrichen. Jener Umstand, dass im Kapitalismus alle
Beziehungen durch die Ware vermittelt sind, ist gar nicht das Ergebnis der theoretischen Überlegungen, sondern eine objektive Tatsache.
In ihren theoretischen Grundsätzen versuchte eine Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern auch
das zu leugnen. Sie behaupteten, dass Marx speziell den Kapitalismus als eine große Anhäufung
von Waren bestimmt habe, um im Weiteren den ihm nötigen Schluss darüber zu bekommen,
dass die Quelle des kapitalistischen Reichtums, des Schöpfers des Mehrwerts die unbezahlte
Arbeit des Arbeiters ist usw. Inzwischen verstanden das schon die Klassiker der politischen
Ökonomie. Sie erforschten tiefgründig die Wertkategorie. Bekanntlich versuchte Ricardo, alle
anderen Besonderheiten des bürgerlichen Reichtums, ausgehend vom Wertprinzip, zu begreifen.
Die Warenallgemeinheit in der kapitalistischen Gesellschaft widerspiegelte sich umfangreich in
den historischen Untersuchungen, besonders in den Werken von Thierry über die Bildung des
dritten Standes. Die Gesamtheit der Ware-Geld-Beziehungen in der bürgerlichen Ordnung fand
ihre Widerspiegelung auch in der schöngeistigen Literatur. So beschreibt das Balzac mit Worten
seines Helden Bianchon: „In früheren Zeiten spielte das Geld keine so entscheidende Rolle; es
gab auch etwas anderes, das sogar dem schnöden Mammon vorgezogen wurde. Das waren edle
Herkunft, Talent, Verdienste vor dem Staat. Aber in unseren Tagen hat das Gesetz das Geld zum
Maßstab aller Dinge gemacht, machte es zur Grundlage der politischen Rechtsfähigkeit. Einigen
Amtspersonen wurde wegen der Ermangelung an Vermögen das Abstimmungsrecht bei Wahlen
entzogen; Jean-Jacques Rousseau wäre dieses Recht entzogen! Das Erbrecht, das die
Vermögensverteilung vorsieht, zwingt jeden schon mit zwanzig Jahren selbständig zu werden.
Und zwischen der Notwendigkeit sich ein Vermögen zu schaffen und den
Wucherfinanzmachenschaften gibt es keine Schranken, denn das Religionsgefühl ist in
Frankreich verschwunden, ungeachtet der löblichen Bemühungen derjenigen, die den
Katholikeneinfluss wiederherzustellen versuchen. Das ist es, was die Leute sagen, die gleich mir
die Gesellschaftsphysiologie studieren.“ (46)
Auf diese Weise werden die Ware und die Warenbeziehung zu Recht als der Ausgangspunkt, die
Keimform des Kapitalismus sowohl historisch als auch logisch definiert.
Dasselbe kann man auch vom Eiweiß, vom lebendigen Protoplasma sagen, das die einfachste
Form, die elementare Konkretheit der biologischen Materie ist. Im Laufe der geistigtheoretischen Wiedergabe des Lebens ist eine Vorbereitungsanalyse dieser einfachsten
Konkretheit nötig. Bezüglich der Entdeckung der Zelle, ihrer Rolle in der Biologie, schrieb
Engels an Marx: „Die Haupttatsache, die die ganze Physiologie revolutionierte und das erste Mal
die vergleichende Physiologie ermöglichte, ist die Entdeckung der Zelle: in den Pflanzen von
Schleiden, bei den Tieren - von Schwann ... Alles ist die Zelle. Die Zelle ist das hegelsche Insich-sein und geht in ihrer Entwicklung gerade den hegelschen Prozess durch, bis sich auch
endlich die „Idee“ entwickelt, dieser vollendete Organismus.“ (47)
In der Quantenmechanik ist so ein allgemeiner Anfang, von dem ausgehend das
Naturverständnis der Mikroerscheinungen möglich ist, das Handlungsquant, die
Korpuskelwellennatur der Mikroerscheinungen. In der Relativitätstheorie ist dieses
Ausgangsallgemeine das Relativitätsprinzip. Es entsteht die Frage, wie man die Maxwell’sche
119
Gleichung für unbewegliche Körper auf elektromagnetische Erscheinungen in den beweglichen
Medien verallgemeinern kann, wenn es keinen Äther gibt, und die elektromagnetischen
Erscheinungen (Felder) eine selbständige Realität darstellen, wobei die sich aufeinander
beziehenden beweglichen Systeme nicht beschleunigen, sondern raum-euklidisch, homogen und
isotrop sind? Das große Verdienst Einsteins besteht darin, dass er auf diese Frage die Antwort
gegeben hat. Nach Einstein ist die allgemeine Grundlage, der Ausgangspunkt bei der
Verallgemeinerung der Maxwellschen Gleichungen auf sich bewegende Medien das
Relativitätsprinzip. Das objektiv-allgemeine ist sowohl für die Ware, als auch für das lebendige
Protoplasma, sowohl für die Korpuskelwellennatur der Mikroerscheinungen als auch für das
Relativitätsprinzip, dass sie alle höchst elementar, allgemein, unmittelbar sind und keine
Begründung in diesem System erfordern. Alle anderen, komplizierteren Bestimmtheiten des
Konkreten basieren umgekehrt auf ihnen.
Das alles zeugt davon, dass in einem beliebigen konkreten, organischen System, das historisch
ist, alles aus einer Keimform beginnt, aus der das konkrete Ganze erwachsen ist und entwickelt
wurde. „Das, was wir den Inhalt, die Bedeutung nannten“, schreibt Hegel, „ist das in sich
Einfache, die Sache selbst auf ihre einfachsten, wenn auch umfassenden Bestimmungen
zurückführt, im Unterschied zur Ausführung. Dieses Einfache, dieses Thema gleichsam, das die
Grundlage für die Ausführung bildet, ist das Abstrakte, die Ausführung dagegen ist erst das
Konkrete.“ (48)
Freilich, die Elementarheit, die Allgemeinheit, die Unmittelbarkeit des Anfangs muss man
konkret verstehen. Außerhalb eines bestimmten Sachgebiets, eines Systems hat so eine
Behauptung keinen Sinn. Darin besteht auch eine der Besonderheiten des dialektischen
Verständnisses des Anfangsproblems, denn es ist mit dem konkreten, historischen System
verbunden.
Für das tiefe Anfangsproblemverständnis spielt das „Kapital“ von Marx eine große Rolle, denn
hier wurden in einer Wissenschaft möglichst allseitig und vollständig die Dialektik, Logik und
die Theorieerkenntnis des Marxismus verwendet. Wenn auch Marx die „LOGIK“ (groß
geschrieben) nicht hinterließ“, schrieb W.I. Lenin, „so hinterließ er die Logik des ‚Kapitals’, und
das müsste man besonders in dieser Frage verwenden. Im „Kapital“ wurden die Logik, Dialektik
und die Theorieerkenntnis zu einer Wissenschaft (man braucht nicht drei Wörter: das ist ein und
dasselbe) des Materialismus, der alles Wertvolle bei Hegel genommen und dieses Wertvolle
vorangebracht hat.“ (49)
In der Untersuchung der Logik des Gegenwartsdenkens ist das „Kapital“ ein Muster der
wissenschaftlich-theoretischen Erkenntnis der Wirklichkeit. „Eine zweifache Analyse“, schrieb
über das „Kapital“ Lenin, „eine deduktive und induktive, logische und historische...“ (50) Hier
werden ökonomische Beziehungen und Kategorien nicht in Koordination, sondern in innerer
Subordinationsverbindung betrachtet.
Das wichtigste Moment der Logik des „Kapitals“ ist das Anfangsproblem, wo der Anfang nicht
einfach als quantitativ-gemeine, sondern als allgemeine, elementare Systemkonkretheit auftritt.
Die Logikanalyse des „Kapitals“ überzeugt noch einmal davon, dass der Anfang nicht
willkürlich und subjektiv sein kann. Er tritt als eine allgemeine und notwendige
Systembestimmtheit auf. Der Anfang wird zum Anfang infolge einer besonderen Rolle in der
objektiven Realität und in ihrer wissenschaftlich-theoretischen Wiederherstellung.
Der Anfang ist das einfachste, gewöhnlichste, massenhafteste, unmittelbarste Sein, bemerkte
W.I. Lenin. „Der Begriff (die Erkenntnis) im Sein (in den unmittelbaren Erscheinungen)
eröffnet die Wesenheit... - so ist wirklich der a l l g e m e i n e G a n g der gesamten
menschlichen Erkenntnis (der ganzen Wissenschaft) überhaupt. So ist auch der Gang der N a t u
r w i s s e n s c h a f t und der p o l i t i s c h e n Ö k o n o m i e (und der Geschichte).“ (51)
120
Das dialektisch-logische Anfangsverständnis, die Methode des Aufstiegs vom Abstrakten zum
Konkreten fanden ebenfalls fruchtbare Anwendung im Werk von Engels „Der Ursprung der
Familie, des Privateigentums und des Staates“. Engels zeigte vor allem, dass vor den
Forschungen von Morgan bei der Untersuchung der Familienbeziehungen in der Urgesellschaft
hauptsächlich der Empirismus herrschte, der das historische Erscheinungsverständnis ausschloss.
In diesen Untersuchungen wurden einfach ungeregelte Geschlechtsbeziehungen in den Urzeiten,
orientalische Polygamie und indisch-tibetische Polyandrie als historische Tatsachen beschrieben,
aber es gab keinen ernsten theoretischen Versuch, sie auf Grund von etwas Einheitlichem zu
begreifen. „Aber diese drei Formen“, schrieb Engels, „konnte man nicht in ihrer historischen
Reihenfolge anordnen, und sie figurierten nebeneinander ohne jegliche Wechselbeziehung.“ (25)
Beim Fehlen des theoretischen Verständnisses war es schwer, zum Beispiel solche Fragen zu
erklären: warum man bei einzelnen Völkern der antiken Welt den Ursprung nicht nach dem
Vater, sondern nach der Mutter zählte, und warum bei vielen Völkern die Ehen innerhalb
bestimmter, mehr oder weniger großen Gruppen verboten waren? Alle diese Tatsachen wurden
als zufällige Erscheinungen, als „Sonderbarkeiten“ interpretiert.
In die Erforschung der Urfamilie brachten viele Verwirrungen die formalen, äußerst künstlich
aufgebauten Arbeiten von MacLennan. Zum Beispiel kamen bei der Erforschung der Urfamilie
zwei Sittenarten vor. Erstens, die Sitte, bei der der Bräutigam die Braut aus einer anderen
Gruppe entführen muss; es gibt Gruppen, innerhalb derer die Ehe verboten ist. Zweitens gibt es
die Sitte, die fordert, dass die Männer einer bestimmten Gruppe sich nur innerhalb der eigenen
Gruppe eine Frau wählen.
Anstatt diese Tatsachen tiefgründig zu analysieren, begnügte sich MacLennan mit der
oberflächlichen, künstlichen Teilung dieser Gruppen in exogame und endogame. Im Weiteren
leitet er den Grund für die Exogamie nicht aus der Blutverwandtschaft, sondern aus dem Mangel
an Frauen ab, der, nach seiner Meinung, die Folge der bei den Wilden verbreiteten Sitte ist, die
Kinder weiblichen Geschlechts nach der Geburt zu töten. „Da die Exogamie und die
Vielmännerei aus ein und demselben Grunde - der zahlenmäßigen Ungleichheit beider
Geschlechter - entstehen, so müssen wir meinen, das bei allen exogenen Rassen ursprünglich
Vielmännerei war... Und darum müssen wir zweifellos annehmen, dass unter exogamen Rassen
das erste Verwandschaftssystem das war, welches die Blutverwandtschaft nur von der
mütterlichen Seite kannte.“ (53)
In MacLennans Familienstrukturen und seinen Theorien über die Urehe sind ernste Mängel
logisch-methodologischer Art enthalten. Vor allem werden die Urfamilie, die
Verwandtschaftsbeziehungen von ihm statisch, außerhalb gesellschaftshistorischer Entwicklung
betrachtet. In seinen Untersuchungen deckt er nicht innere Verbindungen, die Unterordnung der
Familienbeziehungen in der Urgesellschaft auf, sondern ist mit der Verwandlung der
vorhandenen Tatsachen in künstliche Prinzipien beschäftigt. MacLennan verwechselt die
Aufdeckung der allgemeinen, massenhaften Beziehung der Wirklichkeit mit einem zufälligen,
willkürlichen Systemelement. So ist zum Beispiel das Problem des Frauenmangels in der
Urfamilie bei weitem keine einfachste, elementarste und „massenhafteste Beziehung“.
Die Arbeiten von Morgan wurden nach ihrer Logik und Methodologie zu einer großen
Errungenschaft. Darin wurde theoretisch richtig die Natur der Urfamilie aufgedeckt und
wiedergegeben. Freilich, wir finden schon im „Mutterrecht“ von Bachofen Elemente der
richtigen Problemstellung. Bachofen sah, dass 1) die Urmenschen anfangs im unbegrenzten
Geschlechtsverkehr lebten; 2) solche Beziehungen die Möglichkeit der genauen Feststellung des
Vaters ausschlossen und man deshalb die Herkunft nur nach der Frauenseite bestimmen konnte;
3) infolgedessen die Frauen als einzige genaue Eltern der jungen Generation Hochachtung
genossen, die bis zu ihrer vollen Herrschaft stieg. Aber die Entwicklung der
Familienbeziehungen leitet er aus der Entwicklung der Religionsvorstellungen, Einführung der
neuen Götter usw. ab. Bachofen glaubte wirklich, dass die Götter Athene und Apollo in der grie121
chischen heldenhaften Epoche ein Wunder vollbrachten: sie stürzten das Mutterrecht, ersetzten
es durch das Vaterrecht.
Nichtsdestoweniger schätzte Engels Bachofens theoretische Verdienste als einen tiefgründigen
Forscher der Familiengeschichte sehr, der die Urfamilie als etwas sich Entwickelndes und
verbundenes Ganzes zu verstehen bemüht war. „Er legte als erster“, schrieb Engels, „statt leerer
Phrasen über den unbekannten Urzustand mit ungeregelten Geschlechtsbeziehungen in der
klassischen antiken Literatur den Beweis vieler Bestätigungen dessen vor, dass bei den Griechen
und den asiatischen Völkern wirklich vor der Monogamie so ein Zustand existierte, in dem, den
Brauch keinesfalls störend, nicht nur der Mann mit mehreren Frauen, sondern auch die Frau mit
mehreren Männern Geschlechtsbeziehungen haben durfte; er bewies, dass dieser Brauch bei
seinem Verschwinden eine Spur in Form der Notwendigkeit für die Frau hinterließ, das
Monogamierecht mit dem Preis der die durch bestimmte Rahmen eingeschränkte Verpflichtung,
sich fremden Männern hinzugeben, zu erkaufen; dass darum die Herkunft ursprünglich nur nach
der Frauenlinie bestimmt werden konnte - von der Mutter zur Mutter; dass diese ausschließliche
Bedeutung der Frauenlinie noch lange auch in der Periode der Monogamie, wo die Vaterschaft
unbestreitbar
oder jedenfalls anerkannt wurde, beibehalten blieb; dass endlich diese
ursprüngliche Lage der Mütter als der einzigen unbestreitbaren Eltern ihrer Kinder ihnen und
damit allen Frauen überhaupt einen hohen Gesellschaftsstatus sicherte, welchen sie seitdem nie
mehr eingenommen haben.“ (54)
Im Unterschied zum Empirismus und theoretischen Mystizismus wurde das wissenschaftliche,
theoretische Problemverständnis in den Arbeiten von Morgan erreicht, der zu dieser Frage mit
einem „in vieler Hinsicht entscheidendem Material“ auftrat. In seinen Forschungsarbeiten bewies
er überzeugend, dass „das bei den Irokesen wirkende eigenartige Verwandtschaftssystem allen
Ureinwohnern der Vereinigten Staaten eigen und folglich auf dem ganzen Kontinent verbreitet
war, obwohl es direkt den Verwandtschaftsstufen, die tatsächlich aus dem dort angenommenen
Ehesystem abgeleitet wurden, widerspricht.“ (55)
Nach dem Denkstil, der Logik und der Methodologie ist die Arbeit von Morgan wichtig, denn sie
zeugt von der großen Bedeutung der Prinzipien der dialektischen Logik in der theoretischen
Wirklichkeitswiedergabe. In seinen Untersuchungen begnügte sich Morgan nicht mit der
Feststellung der Tatsachen, der passiven Verallgemeinerung des dort angenommenen
Ehesystems, sondern er versuchte das alles von Grund auf zu verstehen. Mit diesem Ziel
analysierte er theoretisch das besondere, eigenartige Verwandtschaftssystem bei den Irokesen,
das für die ganze einheimische Bevölkerung der Vereinigten Staaten gemein war. Wichtig ist
auch, dass er nicht von dem Begriff, den theoretischen Voraussetzungen ausgeht, sondern er versucht theoretisch das ganze System der Familienbeziehungen in der Urgesellschaft auf Grund der
Analyse jenes besonderen, einmaligen Verwandtschaftssystems, das in diesem System eine
allgemeine Rolle spielt, wiederherzustellen. Aus diesem Grunde tritt dieses unentwickelte
Verwandtschaftssystem als der Anfang, als „elementare Zelle“ im Verständnis und in der
theoretischen Wiedergabe der Familienbeziehungen in der Urgesellschaft auf.
Nach ihrer Logik und der Methodologie ist solch eine theoretische Analyse im Wesentlichen mit
der Logik des „Kapitals“ identisch, wo die geistig-theoretische Wiedergabe der kapitalistischen
gesellschaftsökonomischen Formation mit der Analyse des elementaren Seins, des einzelnen
Warenaustausches beginnt, obwohl auf den ersten Blick so ein einfacher Austausch der im
Kapitalismus verbreiteten Austauschform widerspricht. Auf gleiche Weise betrachtet Morgan die
Familie, indem er von einem bestimmten Verwandtschaftssystem ausgeht, obwohl es dem dort
verbreiteten Ehesystem widerspricht.
Engels untersuchte gründlich die Methode von Morgan, indem er zeigte, wie im Resultat der
theoretischen Analyse Morgan sah, „1) dass das bei den Indianern Amerikas angenommene
Verwandtschaftssystem auch bei zahlreichen Stämmen in Asien und in etwas veränderter Form in Afrika und in Australien existiert; 2) dass dieses System seine volle Erklärung in jener
122
Gruppeneheform bekommt, die sich gerade im Stadium des Absterbens auf den Hawaiischen und
anderen australischen Inseln befindet und 3) dass neben dieser Eheform auf denselben Inseln
aber auch ein solches Verwandtschaftssystem existiert, das nur durch eine noch ältere, heute
abgestorbene Gruppeneheform erklärt werden kann.“ (56)
In diesem Falle handelt es sich um eine dialektische, theoretische Betrachtung der objektiven
Wirklichkeit. Ursprünglich stellt der Forscher zahlreiche Tatsachen fest, betrachtet Verwandtschaftssysteme und ihre Widersprüche, obwohl die Frage damit nicht ausgeschöpft wird. Im
Weiteren versucht Morgan alle diese Tatsachen aus den auf den Hawai-Inseln im
Absterbezustand befindlichen Besonderheiten der Gruppenehe theoretisch zu erklären und zu
begreifen. Seinerseits leitet er das dort festgestellte Verwandtschaftssystem aus der weniger
entwickelten Urform ab, die sich als eine höchst abstrakte Realität, als „Zelle“ dieses Systems
erweist.
Auf den ersten Blick erinnert diese Methode anscheinend an Reduktion, Herabsetzung, aber in
Wirklichkeit ist sie dem einseitigen Reduktionismus nicht identisch, sondern ist eine wichtige
Form der geistig-theoretischen Wiedergabe der Wirklichkeit. In jedem theoretischen
Zusammenfassungsakt ist hier zugleich die Ableitung zugegen, denn jedes
Verwandtschaftssystem wird nicht nur zur Familienurform zurückgeführt, sondern auch aus der
Bewegung und Entwicklung dieser letzten ausführlich erklärt. Bei der metaphysischen
Reduktion wird etwas auf das Urelement zurückgeführt, aus welchem es unmöglich ist, die
Spezifik der vorhandenen Forschungsform zu verstehen.
Engels schätzte das Buch von Morgan „Blutsverwandtschaftssystem und Eigenschaften“ hoch
ein. „Von den Verwandtschaftssystemen ausgehend, hat er ihnen entsprechende Familienformen
wiederhergestellt“, schrieb Engels, „und auf solche Weise einen neuen Forschungsweg und die
Möglichkeit tiefer in die Vorgeschichte der Menschheit einen Blick zu werfen, eröffnet.“ (57)
Hier haben wir ein theoretisches, dialektisches Verständnis der Familienbeziehungen in der
Urgesellschaft, das dem abstrakten und formalen Frageverständnis gegenübersteht. Im folgerichtigen Übergang von einer Form zur anderen, vom Inhaltsreicheren zum Einfachsten sucht
Morgan nicht nach irgendwelchen Prinzipien, hypothetischen Voraussetzungen, sondern er
bemüht sich, höchst abstrakte und einfachste Konkretheit, eine „Zelle“ zu erkennen, aus dem
man die nächstkomplizierte Form erklären kann.
Nach seiner logischen Form und dem Inhalt ist die Methode von MacLennan den theoretischen
Prinzipien von Proudhon und Dühring identisch. Die Sache ist die, dass er in den theoretischen
Konstruktionen nicht von realen Beziehungen, sondern von künstlichen und hypothetischen
Gebäuden oder aus einer zufälligen Tatsache, die er unkritisch verallgemeinert, ausgeht. Seine
theoretischen Ausführungen leitet MacLennan aus solchen Grundlagen ab, die prinzipiell noch
Erklärung bedürfen. So stützte sich zum Beispiel die ganze Familiengeschichte nach MacLennan
auf die Gegensätze zwischen den exogamen und endogamen „Stämmen“, was als Grundstein
dieser ganzen Theorie offenbart wurde. In den Forschungsarbeiten von Morgan wurde das alles
gänzlich widerlegt.
Morgan hat das alles bewiesen und erklärt, indem er von der wirklichen Grundlage ausging.
Endogamie und Exogamie bilden keineswegs Gegensätze; die Existenz der exogamen „Stämme“
ist bis jetzt noch nirgends bewiesen worden. „Aber in der Zeit“, schrieb Engels, „als noch die
Gruppenehe herrschte, und sie existierte anscheinend einmal allerorts, wurde der Stamm in eine
Reihe mütterlicherseits verbundener Blutverwandtschaftsgruppen, Sippen, geteilt, in denen strenges Eheverbot herrschte, so dass die Männer, die einer Sippe angehörten, obwohl sie eine Frau
innerhalb des Stammes nehmen durften und, in der Regel, haben sie das auch gemacht, aber sie
außerhalb der eigenen Sippe nehmen mussten. Wenn also die Sippe streng exogam war, so war
der Stamm, der eine Reihe von Sippen vereinte, auch streng endogam. Damit war der letzte Rest
der künstlichen Konstruktionen von MacLennan widerlegt.“ (58)
123
In den theoretischen Grundsätzen Morgans wird das Exogamie- und Endogamieproblem real
verstanden und von einer allgemeineren Grundlage - der allerorts (in einer bestimmten Epoche)
existierenden Gruppenehe, abgeleitet. Außerdem entdeckte Morgan in einer nach dem Mutterrecht organisierten Sippe die Urform, aus der sich die späteste nach dem Vaterrecht organisierte
Sippe entwickelte. „Die griechische und römische Gentilgemeinschaft“, schrieb Engels, „die
bisher ein Rätsel für alle Historiker war, bekam ihre Erklärung in der Indianersippe und somit
war eine neue Grundlage für die ganze Urgeschichte gefunden.“ (59)
Im Resultat einer solchen theoretischen Analyse bekam Morgan eine reale Möglichkeit, die
ganze Urgeschichte ganzheitlich vorzustellen, innere Verbindungen und die Subordination der
Ursippen aufzudecken, beginnend von der höchst allgemeinen Form der Gruppenehe, dem
Mutterrecht und anschließend mit dem Vaterrecht und der monogamen Familie. „Jedem ist klar“,
schrieb Engels, „dass somit eine neue Epoche in der Ausarbeitung der Urgeschichte eröffnet
wurde. Die Sippe, die nach dem Mutterrecht gegründet wurde, wurde zu jenem Kernpunkt, um
den sich diese ganze Wissenschaft dreht; seit seiner Entdeckung wurde klar, in welcher Richtung
und was man erforschen und wie man die festgestellten Ergebnisse gruppieren muss.“ (60)
Morgan verwendete wirklich ein neues methodologisches Verfahren, denn er ging von der
Hervorhebung eines bestimmten Gegenstandsbereichs aus, insbesondere analysierte er familienverwandtschaftliche Beziehungen der Irokesen, unter denen er lange Zeit gelebt hatte. In einer
aufmerksamen Analyse entdeckte er das Verwandtschaftssystem bei den Irokesen, das sich im
Widerspruch mit den wirklichen Familienbeziehungen befand. In Wirklichkeit hatten sie eine
leicht auflösbare Monogamie, wobei es scheint, die Benennungsverwendungen: Vater, Mutter
Sohn, Tochter, Bruder, Schwester usw., klar sein sollten. Aber der tatsächliche Gebrauch dieser
Wörter widersprach irgendwie alledem.
Morgans Verdienst besteht darin, dass er sich über diese Widersprüche nicht hinwegsetzte, er sah
darin nicht eine „einfache Höflichkeitsform“ und deutete sie nicht als etwas Zufälliges, sondern
beschloss folgerichtig ihren tieferen Grund zu klären. Es erwies sich, dass ein solches
Verwandtschaftssystem kein leerer Wortgebrauch ist, sondern der Ausdruck der tatsächlich
herrschenden Ansichten zu Verwandtschaft und Nichtverwandtschaft (Nähe - Weite). Auf solche
Weise geht die Theorie von der tatsächlichen Lage aus und deckt darin Widersprüche auf, die
man nicht einfach ignorieren kann, und das erfordert theoretische und historische Deutung. F.
Engels schrieb: „Die Bezeichnungen Vater, Kind, Bruder, Schwester - sind nicht etwa nur
Ehrentitel, sie ziehen ganz bestimmte, ernste gegenseitige Verpflichtungen nach sich, deren
Gesamtheit den existierenden Gesellschaftsordnungsteil dieser Völker ausmacht.“ (61)
Ebenso wie Marx im „Kapital“ das Geldgeheimnis erklärt, indem er von der Entwicklung des
einfachen Warenaustausches ausgeht, so leitet auch Morgan das Verwandtschaftssystem bei den
Irokesen (Vater, Bruder, Schwester) aus jener realen Familienform ab, die einst auf den
hawaiischen Inseln bestand. „Auf den Sandwich Inseln (Hawaii) existierte schon in der ersten
Hälfte des gegenwärtigen Jahrhunderts die Familienform, in der genau solche Väter und Mütter,
Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter, Onkel und Tanten, Neffen und Nichten waren, wie
sie das amerikanische und altindianische Verwandtschaftssystem fordert.“ (62)
Aber auch das Verwandtschaftssystem auf Hawaii entsprach seinen wirklichen
Familienbeziehungen nicht und darum setzte es ursprünglichere, nicht differenzierte
Familienbeziehungen voraus. Auf Hawaii galten alle Kinder der Brüder und Schwestern ohne
Ausnahme als Brüder und Schwestern und gemeinsame Kinder nicht nur ihrer Mutter und ihrer
Schwestern, ihres Vaters und seiner Brüder, sondern auch aller Brüder und Schwestern ohne
Unterschied. Solch ein höchst allgemeines Verwandtschaftssystem ist schwer, von der dort
existierenden Familienform unmittelbar ausgehend zu erklären. Deshalb schrieb Engels: „Wenn
folglich das amerikanische Verwandtschaftssystem eine in Amerika schon nicht mehr existierende primitivere Familienform voraussieht, die wir wirklich noch auf den Hawaii-Inseln finden,
so weist andererseits das hawaiische Verwandtschaftssystem auf eine noch frühere Familienform
124
hin, deren Existenz wir gegenwärtig freilich schon nirgends mehr auffinden können, aber die
existieren musste, denn sonst hätte das entsprechende Verwandtschaftssystem nicht entstehen
können.“ (63)
Auf solche Weise, mittels der schrittweisen Zurückführung des Verwandtschaftssystems auf die
nächsten Familienformen wird die Möglichkeit geschaffen, endlich höchst elementare, noch
nicht geteilte Familienform, aus deren Entwicklung und allmählicher Teilung andere entwickeltere Familienformen in der Urgesellschaft entstanden.
Im
„Ursprung
der
Familie...“
von
Engels
unterscheidet
sich
auch
das
Gegenstandsforschungsverfahren vom Verfahren der geistig-theoretischen Wiedergabe der
konkreten Wirklichkeit, der theoretischen Auslegung. Wenn im Laufe der Untersuchung der
Theoretiker von der realen Form, in diesem Falle von dem existierenden Verwandtschaftssystem
ausgeht, das der vorhandenen Familienform widerspricht und allmählich dahin kommt, bis die
einfachste Form, die „Zelle“ festgestellt wird, so beginnt die Problemauslegung direkt bei dieser
einfachsten Form und sie steigt zu konkreteren und inhaltsreichen Familienformen und zum
Verwandtschaftssystemen auf.
Nach seiner Logik und Methode ist „Der Ursprung der Familie...“ von Engels ähnlich dem
„Kapital“ von Marx. Während Marx im Laufe der wissenschaftlichen Untersuchung und der
theoretischen Analyse der kapitalistischen Formation, ihrer verschiedenen konkreten, entwickelten Formen das „elementare Sein“ des Kapitalismus in der Ware aufdeckt, so verwendeten
Engels und Morgan die theoretische Analyse zur Erforschung der Familienbeziehungen in der
Urgesellschaft, obwohl diese Analyse quasi in historischer Form auftritt.
Im Ergebnis einer solchen theoretischen Analyse, die in Abstiegsform verwirklicht wird, kann
jene
unentwickelte
Familienurform,
aus
der
sich
alle
anderen
konkreten
Familienbeziehungsformen entwickelten, geklärt werden. Ursprünglich herrschte in den
Familienbeziehungen in der Urgesellschaft unbegrenzter Geschlechtsverkehr und es fehlte
Differentiation.
„... Es existierte der Urzustand“, schrieb F. Engels, „wo inmitten des Stammes unbegrenzte
Geschlechtsverbindungen herrschten, so dass jede Frau jedem Manne und genau so jeder Mann
jeder Frau gehörte.“ (64) Aber diese primitive Form gehörte einer überaus fernen Epoche. Diese
Frage berührend, schrieb Engels, dass man „kaum damit rechnen kann, unter sozialen Fossilien,
bei den in ihrer Entwicklung zurückgebliebenen Wilden, direkte Beweise ihrer Existenz in der
Vergangenheit zu finden.“ (65)
Die Notwendigkeit solcher Urform wird vom auf den Hawaii-Inseln gefundenen
Verwandtschaftssystem und von der Logik des Sachverhalts vorausgesetzt. Es ist so, dass als
Anfang eines beliebigen Systems, auch der Familienurform, nur eine solche Form dienen kann,
die in diesem System als höchst primitive, embryonale, abstrakte und nicht differenzierte Form
auftritt. Die hawaiische Familienform kann nicht zur Ursprungsform gezählt werden, denn darin
gibt es eine gewisse Differentiation. Aber auch dort existierte ein Verwandtschaftssystem, das
noch primitivere Familienformen in einer noch früheren Epoche vermutet.
Die Abstraktheit, Nichtdifferenziertheit und Primitivität bilden die wichtigste Charakteristik
eines beliebigen Anfangs. Im Ganzen existiert dieses Anfangsverständnis auch in den
naturwissenschaftlichen Untersuchungen. In diesem Sinne ist die Erforschung der
Nervensystemevolution von I.M. Setschenow charakteristisch. Im Laufe der theoretischen
Frageanalyse bezeichnet er als den Anfang, den Ausgangspunkt, die nicht differenzierteste, nicht
geteilte und embryonale Form des Nervensystems. „Auf der niederen Stufe des Tierreiches“,
schrieb er, „ist die Fühlbarkeit gleichmäßig durch den ganzen Körper ohne jegliche
Aufteilungsmerkmale und Trennung in Organe verbreitet. In ihrer Ausgangsform ist sie von der
so genannten Reizbarkeit einiger Gewebe, (zum Beispiel Muskelgewebe) bei höheren Tieren
kaum zu unterscheiden, weil sie von der anatomischen und physiologischen Seite ein reizbares
125
und zugleich kontrahierendes Protoplasmastück darstellt. Je nachdem, wie sich die Evolution
vorwärts bewegt, beginnt diese zusammengesetzte Form sich mehr und mehr in einzelne
organisierte Bewegungs- und Gefühlssysteme zu zergliedern: den Platz des kontrahierenden
Protoplasmas nimmt jetzt das Muskelgewebe ein, und die gleichmäßig verbreitete Reizbarkeit
gibt ihren Platz einer sich zusammen mit dem Nervensystem entwickelnden, bestimmten
Lokalisation der Empfindlichkeit ab.“ (66)
Hier wird die Ausgangsform von I.M. Setschenow als eine höchst abstrakte, unmittelbare und
gleichmäßig verbreitete Form dieser Konkretheit charakterisiert. Deshalb tritt sie auch in einem
weniger inhaltsreichen System auf. Nur im Entwicklungsprozess wird die ursprüngliche
Ausgangsform immer inhaltsreicher. Dabei stellt I.M. Setschenow die Nervensystemevolution
als die Bewegung vom einfachen zum komplizierten, von der undifferenzierten Form zur
vielfach zergliederten dar. „Noch weiter“, schrieb er, „spezialisiert sich die Empfindlichkeit
sozusagen qualitativ - erscheint ihr Zerfall auf so genannte Systemgefühle (das Hunger-, Durst-,
Geschlechts-, Atem- usw. -gefühl) und auf die Tätigkeit der höchsten Sinnesorgane
(Gesichtssinn, Tastsinn, Gehörsinn usw.).“ (67)
Die Nervensystemevolution mit der Evolution der organischen Welt vergleichend, weist I.M.
Setschenow auf ihre Identität hin. „Der Evolutionstyp ist auch hier im Allgemeinen der alte - die
Zergliederung oder die Differentiation des Vereinigten in Teile und ihre Absonderung in
Gruppen verschiedener Funktionen (Funktionsspezialisierung), aber welch einen großen Schritt
macht somit der Tierorganismus im Vergleich mit der Ausgangsform in der Sache der Lebensübereinstimmung mit den Existenzbedingungen! Dort, wo die Empfindlichkeit gleichmäßig über
den ganzen Körper verbreitet ist, kann sie dem letzten nur in dem Falle dienen, wenn der
Außenwelteinfluss auf den empfindenden Körper unmittelbar durch Berührung wirkt, und dort,
wo die Empfindlichkeit sich im Auge, Gehör, und Geruch formierte, kann sich das Tier auch
hinsichtlich solcher Einflüsse orientieren, die auf es von weitem einwirken.“ (68)
Im „Ursprung der Familie...“ beschränkt sich Engels nicht auf die Charakteristik der
ursprünglichen Ausgangsform der Familie, er beweist auch ihre Notwendigkeit auf einer
bestimmten, höchst primitiven Produktionsstufe. Im Unterschied zu den höheren Tieren, wo die
Herde und die Familie einander nicht ergänzen, sondern einander gegenübergestellt sind und die
Eifersucht der Männchen die Entwicklung der Herde hemmt, scheint es, fehlte die Eifersucht in
der menschlichen Urgesellschaft, und existierte gegenseitige Duldsamkeit der erwachsenen
Männchen. „Die gegenseitige Duldsamkeit der erwachsenen Männchen, ja, das Fehlen der
Eifersucht waren die erste Bedingung für die Bildung solcher größeren und dauerhaften
Gruppen, in deren Umfeld sich nur die Verwandlung des Tiers in den Menschen vollziehen
konnte.“ (69)
Ungeachtet einer gewissen Analogie im Zusammenleben der Tiere und der Menschenfamilie gibt
es unter ihnen in Wirklichkeit nichts Allgemeines. Die ursprünglichen Familienbeziehungen der
Menschen formierten sich auf einer prinzipiell anderen Grundlage, anderen Substanz, als die
verschiedenen Formen des Zusammenlebens der Tiere. Die Analogie zwischen der
Ursprungsfamilienform mit dem Tierzusammenleben wäre genau solch ein theoretische Fehler
wie die Zurückführung der Gesetze der Elektrodynamik auf die Mechanik, der
Gesetzmäßigkeiten der Mikrowelt auf die Makrowelt usw. Diese Seite der Frage berührend,
schrieb F. Engels: „...die Tierfamilie und die menschliche Urgesellschaft sind unvereinbare
Dinge, weil die Urmenschen, die sich aus dem Tierzustand herausfanden, entweder überhaupt
keine Familie kannten, oder höchstens solche, die bei den Tieren nicht vorkommen.“ (70)
In der Tat war ihrer Natur nach die Urfamilie ziemlich ungegliedert, miteinander verschmolzen
und universal. Das zeugt von der gleichzeitigen Existenz der Polygamie und der Polyandrie. Bei
den Säugetieren kommen ungeregelter Geschlechtsverkehr, Polygamie, Monogamie vor, aber es
fehlt die Polyandrie. In diesem Zusammenhang kritisiert Engels Westarmark (Schreibweise
konnte nicht überprüft werden. Anm. d. Ü.), der solchen Zustand auf der frühen Stufe der
126
menschlichen Gesellschaft leugnete, indem er ihn mit der Prostitution identifizierte. Die
Gruppenehe war ein gesetzmäßiger und notwendiger Zustand in der Entwicklung der
menschlichen Gesellschaft, deshalb war sie moralisch. Und natürlich ist sie mit der Prostitution
nicht zu vergleichen, die eine perverse Form ist, entstanden als Folge der Produktionsbeziehungen. „... Es kann kein Verständnis der Ursprungsbedingungen erreicht werden“, schrieb
Engels, „ so lange sie durch die Bordellbrille angesehen werden.“ (71) Die theoretische
Grundlage solcher Fehler ist das Fehlen des Historismus in der Untersuchung der
Gesellschaftserscheinungen.
Der echte Inhalt, die allgemeine Grundlage der Gegenstände und Erscheinungen wird nur unter
der Bedingung erkannt, wenn der Forscher dazu von der Position des Historismus aus herangeht,
sie konkret betrachtet. Die Frage nach dem Ausgangspunkt, dem Anfang existiert in der
dialektischen Logik außerhalb der Zeit und des Raums überhaupt nicht, sondern wird konkret als
Anfang, als „Ausgangszelle“ des gegebenen historisch bestimmten Systems betrachtet.
Das theoretische Verständnis der Urfamilie wird mit der Aufdeckung der einfachsten
Ausgangsform nicht ausgeschöpft. Die Entdeckung und die Begründung des Anfangs ist nur ein
Mittel der geistig-theoretischen Wiedergabe des Gegenstandes. Deshalb muss man in der
theoretischen Erkenntnis die Bewegung und die Entfaltung dieser einfachsten Form verfolgen.
Im Laufe solchen Aufstiegs in der Wissenschaft wird der Gegenstand immer inhaltsreicher und
konkreter. So verfolgt Engels, wie aus dem ungeregelten Verkehr sehr früh eine Blutverwandtschaftsfamilie, die erste Familienstufe entsteht, in der die Ehegruppen nach den
Generationen verteilt sind. In dieser Familie existiert schon die Differentiation, denn
Ehegattenrechte werden zwischen den Eltern und Kindern, Vor- und Nachkommen
ausgeschlossen.
Die Blutverwandtschaftsfamilie wurde nirgends gefunden, sie ist ausgestorben. „Aber dass diese
Familie existieren musste“, schrieb Engels, „zwingt uns das hawaiische Verwandtschaftssystem
anzuerkennen, das auch noch bis jetzt in Polynesien in Kraft bleibt und solche
Blutverwandtschaftsstufen ausdrückt, welche nur bei dieser Familienform entstehen können...“
(72).
Im Laufe der weiteren Entwicklung gab es eine noch größere Differenzierung der
Familienbeziehungen. Wenn in einer Blutverwandtschaftsfamilie Geschlechtsverkehr zwischen
Eltern und Kindern unzulässig ist, so ist er da auch unter leiblichen Brüdern und Schwestern
verboten. Eine solche Einschränkung existierte auf den Hawaii-Inseln im vorigen Jahrhundert.
Die Tatsache an und für sich, das Verbot des Geschlechtsverkehrs zwischen den Kindern einer
Mutter, wirkte sich ernst auf die Teilung der alten und der Erneuerung der neuen Hausgemeinden
aus. „Eine Reihe oder mehrere Reihen Schwestern bildeten den Kern einer Gemeinde, ihre
leiblichen Brüder - den Kern der anderen. So oder auf solchem Wege entstand aus der
Blutverwandtschaftsfamilie die Familienform, die Morgan Punalua-Familie nannte.“ (73)
Im weiteren entstand aus der Punalua-Familie hauptsächlich das Gentilgemeinschaftsinstitut,
denn bei der Gruppenehe ist der Vater des Kindes unbekannt, und die Mutter ist bekannt, deshalb
kann bei allen Gruppeneheformen die Herkunft der Kinder nur von der mütterlichen Seite
festgestellt werden. Die Rolle der Punalua-Familien charakterisierend, schrieb Engels: „Die
Punalua-Familie lieferte einerseits eine volle Erklärung des bei den amerikanischen Indianern
herrschenden Verwandtschaftssystems, das Morgan als Ausgangspunkt aller seiner Forschungen
diente; es diente andererseits als ein fertiger Ausgangspunkt, aus dem man eine auf Mutterrecht
gegründete Sippe gründen konnte...“ (74)
Im Weiteren entsteht aus der Entwicklung der Punalua-Familie eine Paarfamilie, bei der der
Mann mit einer Frau lebt und gleichzeitig von der Frau strengste Treue gefordert wird; und für
den Ehebruch wird sie hart bestraft. „Die Ehebande aber konnte man leicht von beliebiger Seite
auflösen, die Kinder aber gehörten, wie auch früher, nur der Mutter.“ (75) Einige Züge der
127
Paarfamilie erscheinen noch in der Tiefe der Punalua-Familie, obwohl sie ursprünglich als etwas
Unbeständiges, Zufälliges in diesem System auftritt. In der Punalua-Familie hatte der Mann eine
Hauptfrau unter vielen Frauen, und er war für sie Hauptmann unter anderen Männern.
Mit der Entwicklung des Privateigentums verwandelte sich die Paarfamilie in eine monogame
Familie, bei der der Vater Haupt und Herr der ganzen Familie ist. Zu dieser Zeit wurde das
Mutterrecht gestürzt und der Vater wurde zum echten Herrn der Familie und der Sklaven. „Um
die Treue der Frau zu sichern“, schrieb F. Engels, „und folglich auch die Herkunft der Kinder
von einem bestimmten Vater, ergibt sich die Frau der absoluten Macht des Mannes; wenn er sie
tötet, so führt er nur sein Recht aus.“ (76)
Die monogame Familie als Resultat der Entwicklung der Familienbeziehungen in der
Urgesellschaft tritt zugleich als Anfang, als „Zelle“ aller Familienbeziehungen in der zivilisierten
Gesellschaft auf. „Die Monogamie“, schrieb F. Engels, „war ein großer historischer Fortschritt,
aber zugleich eröffnete sie neben dem Sklaventum und dem privaten Reichtum jene sich bis jetzt
fortsetzende Epoche, in der ein beliebiger Fortschritt zugleich auch einen relativen Rückschritt
bedeutet, wo der Wohlstand und die Entwicklung einiger auf Kosten der Leiden und der
Unterdrückung anderer verwirklicht wird. Die Monogamie ist jene Zelle der zivilisierten
Gesellschaft, nach der wir schon die Natur der voll entwickelten Gegensätze und Widersprüche
inmitten der Gesellschaft erkennen können.“ (77) „Sie enthält in Miniatur all jene
Widersprüche“, schrieb K. Marx, „die sich später weit verbreitet in der Gesellschaft und im
Staate entwickeln.“ (78)
Also, wenn man sich die Familienbeziehungen in der Urgemeinde ganzheitlich, theoretisch, mit
allen ihren Merkmalen vorstellt, d.h. die Urfamilie nicht abstrakt, sondern konkret erforscht, so
tritt als Urkeim, als Urform eine höchst verschmolzene, ungegliederte Form – der ungeregelte
Geschlechtsverkehr auf, aus dem die Blutverwandtschaftsfamilie entstand. Im Laufe des
theoretischen und historischen Aufstiegs von dieser Urform zu den entwickelteren und
konkreteren Formen mittels Klärung der historischen Bedingungen und der Lösung der
entstehenden realen Widersprüche geschieht die geistig-theoretische Wiedergabe der
Familienbeziehungen in der Urgesellschaft. Im Ergebnis dieser Bewegung wird unsere Kenntnis
vom Objekt immer inhaltsreicher. In den Schlussfolgerungen solchen theoretischen
Verständnisses werden die Urfamilienbeziehungen für den Forscher ein einheitliches und
konkretes Ganzes.
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Ebenda, S.61
130
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