und Schriftsprache

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Schriftsprache und Hörschädigung
S: : Mo 14-16 Uhr; 1. FR./2.FR; WP 2:2 Aufbau; GF3:2; Z3/104
05.05.03 Einführung in die Thematik
Bimüller
Begriffliche Klärung
Schriftbeispiele hörgeschädigter Jugendlicher
12.05.03 Wie wir lernen? Zum Beispiel Lesen und Schreiben. Ein
Bimüller
Erfahrungsexperiment
Menzel, W. (1986)
19.05.03 Wesen der Schriftsprache
Relationen zwischen Laut- und Schriftsprache
z.B. Sassenroth (1991), Seminar Cholewa
26.05.03 Modellvorstellungen des Lesens und Schreibens
z.B. Klicpera & Gasteiger-Klicpera(1998)
02.06.03 Schriftsprachkompetenz
Kuhn, Rohde
Cremer, Schulte E. (2002),
Eisenwort u.a. (2002), Löwe(2001)
16.06.03 Funktion und Aneignung der Schriftsprache in der
Schoener,
Gehörlosenpädagogik
Förster, Müller
Günther (1985), v. Uden, A. (19944)
23.06.03 Schriftsprachkarrieren hochgradig hörgeschädigter
Firnhaber,
Menschen
Mehlo,
Günther (1985), Forchhammer (1899),
Hartmann
Steinberg & Harper (1983), Keller (1993)
30.06.03 Erwerb der Schriftsprache als strategiengeleiteter
Armingeon,
Prozess
Zimmerer
Sassenroth (2000), Günther (2002)
07.07.03 Phonologische Bewusstheit und Hörschädigung
Valentin, Roth
Jansen & Marx (1999)
Sterne (2000)
14.07.03 Schriftsprache und Gebärdensprache
Cinar,
Popendieker (1992), Albertini (2002), Neuberger, Barz
Wudtke 2001)
21.07.03 Konsequenzen für eine kompensatorisch-alternative
Cremer, Salzer
Förderpraxis
Günther (2002), Brügelmann (1986), Sassenroth (2000)
28.07.03 Abschluss-Kolloquium
Evaluation
In dieser Veranstaltung werden Schriftsprachkompetenz, Erwerb und Ausdifferenzierung schriftsprachlicher Fähigkeiten im Kontext von Hörschädigung betrachtet.
Dabei werden zunächst das Wesen der Schriftsprache sowie die Relationen zwischen
Lautund
Schriftsprache
in
alphabetischen
Schriftkulturen
angerissen,
Modellvorstellungen des Lesens und Schreibens besprochen und Belege für eine
Autonomie der Schriftsprache diskutiert. Funktion und Stellenwert der Schriftsprache im
Rahmen der Gehörlosenpädagogik werden dargestellt. Als Begründung für einen
kompensatorisch-alternativen
Förderansatz
werden
Beispiele
erfolgreicher
Schriftsprachkarrieren hochgradig Hörgeschädigter und das Stufenmodell des
Schriftspracherwerbs von Frith und Günther (1986) angeführt. Auf die Entwicklung der
Schriftsprachkompetenz in bilingualen Konzepten (Gebärden-, Laut- und Schriftsprache)
wird eingegangen.
Als Voraussetzung für die Teilnahme wird der Besuch der Veranstaltung "Einführung in
die Psycholinguistik des Schriftspracherwerbs" von Prof. Cholewa empfohlen.
Der Erwerb eines benoteten Seminarscheins für den Grundfragenbereich Sprache und
Kommunikation ist durch Übernahme eines Referates mit schriftlicher Hausarbeit
möglich.
2
Literatur:
Albertini, J. (2002): Wie gehörlose schreiben lernen: Die Interaktion von Sprache,
Modalität und Unterricht. In: Hörgeschädigtenpädagogik 2/2002: 74-79
Cremer, I., Schulte, E. (2002): Schriftsprachkompetenz Hörgeschädigter im Hinblick
auf berufliche Qualifizierung. In: Hörgeschädigtenpädagogik 1/2002: 4-12
Eisenwort, B., Vollmann, R., Willinger, U., Holzinger, D. (2002): Zur Schriftsprachkompetenz erwachsener Gehörloser. In: Folia Phoniatrica et Logopaedia
54: 258-268
Forchhammer, G. (Göpfert, E. Hrsg.) (1899): Der imitative Sprachunterricht in der
Taubstummenschule auf der Basis der Schrift. Leipzig
Günther, K.-B. (19852): Schriftsprache bei hör- und sprachbehinderten Kindern. Bedeutung und Funktion für Sprachaufbau und Entwicklung, dargestellt am Beispiel
gehörloser Kinder. Heidelberg: Groos
Günther, K-B. (2001): Bedeutung und Erwerb der Schriftsprache für gehörlose und
(hochgradig) schwerhörige Kinder. In: Hörgeschädigte Kinder 38: 67-83
Günther, K.-B. (2002): Erwerb und Ausdifferenzierung der Schriftsprache bei hochgradig hörgeschädigten Kindern – Theoretisch-konzeptionelle Grundlagen für
eine kompensatorisch-alternative Förderpraxis. Sprache Stimme Gehör 26: 71-79
Jansen. H. & Marx, H. (1999): Phonologische Bewusstheit und ihre Bedeutung für
den Schriftspracherwerb. In: Forum Logopädie 2: 7-16
Keller, H. (1993): Mein Weg aus dem Dunkeln. Bern, München, Wien: Scherz, 11122
Klicpera, C. & Gasteiger-Klicpera, B. (1998): Psychologie der Lese- und Schreibschwierigkeiten. Weinheim: Beltz
Löwe, A. (2001): Schriftsprachkompetenz ist heute für hochgradig schwerhörige
Kinder notwendiger denn je. In: Hörgeschädigtenpädagogik 6/2001: 267-269
Menzel, W. (1986): Wie wir lernen? Zum Beispiel: Lesen und Schreiben. In: Lernen –
Ereignis und Routine. Friedrich Verlag, Velber, Jahresheft IV: 153-163
Paul, P.V. (1998): Literacy and Deafness: The Development of Reading, Writing and
Literate Thought. Boston: Allyn & Bacon
Popendieker, R. (1992): Freies Schreiben und Gebärden. Hamburg: Signum
Sassenroth, M. (20004): Schriftspracherwerb. Bern, Stuttgart, Wien: Haupt
Steinberg, D. & Harper H. (1983): Teaching written language as a first language. In:
Coulmas, F. & Ehlich, K (Eds.): Writing in focus, 328-354
Sterne, A. (2000): Phonological Awareness of Syllables, Rhymes, and Phonemes in
Deaf Children. In: J. Child Psychol.Psychiat. Vol 41, No 5: 609-625
Uden A.v. (19944): Das gehörlose Kind. Hörgeschädigtenpädagogik Beiheft 5. Heidelberg: Groos
Wudtke, H. (2001a): Schriftspracherwerb bei gehörlosen Kindern. Ein Rätsel für Pädagogen. In: Grundschule Sprachen 2: 34-35
Wudtke, H. (2001b): Von der Leisesprache zur Schriftsprache: Eine Schriftsprachkarriere im Zeitraffer. : In: Grundschule Sprachen 2: 36-38
3
Relationen zwischen Laut- und Schriftsprache
Verschiedene Schriftsysteme
Nicht phonologische Systeme:
 Piktographie (z.B. Piktogramme, Hieroglyphenschrift)
 Ideographie (z.B. Bliss)
 Logographie (z.B. Chinesische Schrift, Zahlen, mathematische Symbole)
Phonologische Systeme
 Silbenschrift (z.B. Jap. Katakana)
 Alphabetschrift
Alphabetschrift
 Jedes lautsprachliche Segment wird durch ein schriftsprachliches Zeichen
abgebildet/repräsentiert.
 Ähnlichkeiten zwischen ähnlich klingenden Wörtern (z.B. Stange – Wange) und
nicht zwischen semantisch nahen Wörtern (z.B. Stange – Rohr)
 Höhere Anzahl an Phonemen gegenüber Graphemen (40:26)
Prinzipien der Verschriftung im Deutschen
- phonematisches Prinzip:
Das Schriftsprachsystem spiegelt die phonologischen Merkmale des Lautsprachsystems
wider. Nach Naumann (1989) können ca. 75-90% der deutschen Wörter mit Hilfe von
PGK-Regeln eindeutig korrekt realisiert werden. Das Deutsche gilt als Sprache mit
vergleichsweise regelmäßiger PGK.
Einzelgraphem  Einzelphonem L/l [l]
Einzelgraphem  Phonemverbindung z [ts]
Graphemverb.  Einzelphonem ch  [x]
Einzelphonem  Verschiedene Grapheme [a:]  a, aa, ah
- morphematisches Prinzip:
Im Schriftsprachsystem bleiben morphologische Formen erkennbar
z.B. Haus - Häuser; Berg - Berge; Fahr-rad; backen - Bäcker
- historisches (etymologisches) Prinzip:
historische Schreibungen (auch von Fremdwörter, z.B. CHEMIE) werden tradiert.
z.B. wurden ST und SP im Mittelhochdeutschen als [st] und [sp], nicht jedoch wie heute als
[t] und [p] ausgesprochen
- grammatisches Prinzip:
Die Schriftsprache spiegelt Merkmale des grammatischen Aufbaues der Lautsprache
wider: z.B. Substantive und Satzanfänge werden durch Großbuchstaben repräsentiert.
- semantisches Prinzip
homophone Wörter mit unterschiedlicher Bedeutung werden formal unterschiedlich
realisiert (z.B. LAIB - LEIB; LIED - LID) (vgl. jedoch Bank/Bank: hier findet das
semantische Prinzip keine Anwendung)
4
Priorität der Lautsprache
 Schriftsprache als Abbildung gesprochener Sprache
 Schriftsprache ist phylo- und ontogenetisch älter
 Kompetenz der Lautsprache als integrierender Bestandteil
 Zusammenhänge bestimmt durch Graphem-Phonem-Korrespondenzregeln
Autonomie der Schriftsprache
 Laut- und Schriftsprache sind keine deckungsgleichen Systeme
 Keine eindeutige Korrespondenz von Phonemen und Graphemen im Deutschen
 Erwerb der Schriftsprache auch ohne Lautsprachkompetenz möglich
 Besondere Beziehungen zwischen Laut- und Schriftsprache
Unterschiede zwischen Laut- und Schriftsprache
 Kontextbezogenheit
 Dialogische vs. Monologische Kommunikationsform
 Parasprachliche Mittel
 Möglichkeiten zur Sprachkontrolle
 Bedeutung der Metasprache
 Problem der Segmentierung
Begriffe zu Laut- und Schriftsprache
Phonem = kleinstes bedeutungsdifferenzierendes Segment der Lautsprache (z.B. [bu:x –
tu:x]; [bal - fal]; [hu:n - ha:n]/)
Buchstabe = schriftsprachliche Basiseinheit in alphabetischen Systemen
Graphem = schriftsprachliches Segment (Buchstabe bzw. Buchstabengruppe), das mit
einem Phonem korrespondiert
z.B. /Sch/ -> []; /f/ -> [f]; /ng/ -> []
Allograph = graphische Variante zur Realisierung eines Graphems
z.B. <F> -> f, F, usw.
Graphem-Phonem-Korrespondenz (PGK): Zuordnungsrelation zwischen schrift- und
lautsprachlichen Segmenten beim Lesen
z.B. H-AH-N -> [h-a:-n]
Phonem-Graphem-Korrespondenz (GPK): Zuordnungsrelation zwischen schrift- und
lautsprachlichen Segmenten beim Schreiben
z.B. [h-a-l-m] -> H-A-L-M
5
Keine ein-eindeutige Korrespondenz von Phonemen und Graphemen im Deutschen:
[] -> SCH (z.B. SCHIFF, SCHLANGE)
-> S (z.B. STUFE, SPATZ)
[f] -> F (z.B. FISCH; FUSS)
-> V (z.B. VATER, VEILCHEN)
[a: ] -> A (z.B. SCHAL)
-> AH (z.B. KAHN)
-> AA (z.B. SAAL)
[] -> EU (z.B. BEULE, LEUTE)
-> ÄU (z.B. SÄULE, HÄUSER)
<U> -> [u:x] (z.B. TUCH, BUCH, FLUCH)
-> [ux] (BRUCH)
<JEEP> -> [di:p/
<TH> [t] (z.B. Theater)
Auslautverhärtung
<-B> -> [-p] (z.B. LOB, BUB)
<-D> -> [-t] (z.B. TOD, BLÖD)
<-G> -> [-k] (z.B. TAG, LEG)
6
Modellvorstellungen des Lesens


Wortüberlegenheitseffekt
*
*
*
WURM
U
MRUW
U
A
U
A
U
A
Phonologisches Rekodieren
Theorie:
o Model der zweifachen Zugangswege (Coltheart 1978)
Visueller Reiz
(Taktiler Reiz)
Direkter
Zugang
Buchstabenfolge
Wortidentifikation
(im mentalen Lexikon)
Phonologische
Rekodierung
Phonemfolge
Indirekter
Zugang
o Analogie-Modell (Patterson und Coltheart 1987)
o Netzwerkmodelle (Seidenberg and McClelland 1989)
Empirische Belege:
o Einfluss der Homophonie auf das Worterkennen
(z.B. fogl/Vogel)
o Information über die Phonemfolge von Wörtern
o Unterschiede im Erkennen von regelmäßigen und unregelmäßigen
Wörtern




Ausnutzen der orthographischen Information
Bedeutung von Buchstabenschemata
Bedeutung von Morphemen
Einfluss des Kontextes
7
Modelle des Rechtschreibens





Routenmodell nach in Anlehnung an Ellis & Young (1991)
Bedeutung der Phonem-Graphem-Zuordnung
Regelmäßige Wörter sind leichter zu schreiben als unregelmäßige
Schreiben von Pseudowörtern: Verwenden der am häufigsten vorkommenden
PGK-Regeln
Verbesserung, wenn Pseudowörter mehrmals gehört und/oder
nachgesprochen werden können
Bedeutung wortspezifischer Rechtschreibkenntnisse
Erinnerung an spezifische Schreibweise im mentalen Lexikon
Direkte lexikalische Ermittlung hat Vorrang vor Anwendung der PGK-Regeln
Verwendung von Analogien
Wissen um Wortbildungsregeln
Einfluss der Gedächtnisanforderungen
Rechtschreibfehler durch zu langsamen Schreibprozess
8
Phonologischer Stimulus:
/ha:n/
graphematischer Stimulus:
<BALL>
1. auditive Analyse
/h/a:/n/
2. visuelle Analyse
<B/A/L/L>
3. auditiver Buffer
/h/a:/n/
4. visueller Buffer
<B/A/L/L>
5. phonolog.
Input-Lexikon
6. graphemat.
Input-Lexikon
Lex. Eintrag:
/ha:n/
Lex. Eintrag: <BALL>
7. semant. System
13. graphem.
Segmentierung
+Vogel, männl., etc.
+Spielzeug, rund, etc.
<B/A/LL>
11. PGK:
/h/ -> <H>
/a:/ -> <AH> o.
<AA> o. >A>
/n/ -> <N>
14. GPK
<B_> -> /b/
<A/LL> -> /a/l/
8. visuelle
Bild- und
ObjektErkennung
15. Phonemverschmelzung
12.Allographenwahl
A: a,A,A,...
9. phonolog.
Output-Lexikon
Lex. Eintrag: bal/
16. sprechmotorische
Realisierung
[bal]
10. graphem.
Output-Lexikon
/bal/
Lex.
Eintrag:<HAHN>
17. graphomotorische
Realisierung
HAHN
9
Seminar: Hörschädigung und Schriftsprache
Dozentin: Frau Bimüller
Semester: SS 2003
Referenten: Marcella Müller, Katrin Schoener, Antje Förster
Funktion und Aneignung der Schriftsprache
-
Schriftsprache schon immer wesentliche Funktion bei Sprachaufbau hörgeschädigter
Kinder
Schreiben nur Hilfsmittel  kein schriftliches Denken
Schriftsprache ist eindeutiger und vollständiger als Lautsprache
1. Stellung der Schriftsprache in der Gehörlosenpädagogik in der Geschichte
1.1.
-
PEDRO PONCE DE LEON
Schriftsprache für Beginn der Sprachentwicklungsarbeit und
entfaltete Sprachkompetenz  nur praktische Umsetzung
-
BONET (1620)
-
-
-
-
französische Methode
SICARD
Nicht nur Theorie sondern auch praktische Umsetzung
Schriftsprache zum Erwerb der Sprachkompetenz
1.3.
-
lieferte Theorie
PEDRO PONCE DE LEON, BONET und CARRION  spanische Methode
Gehörlose erwerben beachtliche Kompetenz in der Schriftsprache
 Sprachniveau aber niedrig
Handalphabet zusätzliche Kommunikationshilfe (Buchstaben auf
der Handinnenfläche angeordnet)
im 17.Jh. in England um das Ablesen ergänzt
1.2.
2.
Spanische Methode
Deutsche Methode
HEINICKE (1912)  Lautsprache im Mittelpunkt  der Schriftsprache wurde keine
Bedeutung beigemessen
Stellung der Schriftsprache in der Lautsprachmethode
-
Schrift als Sprechlernhilfe (wie z.B. PMS)
Gehörlose sind schlechte Leser
CONRAD – Untersuchung  50% der 16 jährigen Gehörlosen sind Analphabeten, 20%
haben das Leseniveau eines 10 jährigen und 2,5% erreichen das Normalniveau
VAN UDEN (1976)
Lautsprachmethodiker, aber Schriftsprache hat wesentliche Rolle
beim Sprachaufbau
„ dass die Kinder im Allgemeinen die Wörter besser vom Mund
absehen und besser sprechen, die sie schon lesen und schreiben
können“(S. 20)
gehörlose Kinder beziehen ihre Sprechperzeption und – produktion
auf die stabileren Schriftbildstrukturen
10
-
Leselernen ab 3 ½ - 4 Jahren
neue Wörter  erst sprechen und dann lesen und schrieben
 in der Praxis hatte Schriftsprache trotzdem sekundäre Rolle und wurde nur auf
Aufsätze reduziert
3.
Schriftsprache als Sprachaufbauinstrument für gehörlose Kinder
-
Leipziger Methode – GÖPFERT (1899) und LINDNER
-
Ausgehen von der Schriftsprache ermöglicht natürlichen Sprachaufbau
 Auge anstelle des Ohres  Schrift ist stabil und bietet große Zuverlässigkeit
 Schreibbewegungen erleichtern Auffassung und unterstützen das Gedächtnis
Lesen geht Schreiben voraus
Sprache anbieten, die Kinder verstehen und initiativ verarbeiten können
Inhalt: am Interesse der Kinder orientieren
Schriftsprache hat nur am Anfang des Sprachaufbaus eine dominante Funktion
-
PROBLEM: kommunikative Schwerfälligkeit der Schriftsprache
Schriftsprachmethode konnte sich nicht gegen die Lautsprachmethode durchsetzen
4.
Stellung der Schriftsprache im ganzheitlichen Sprachunterricht
-
KERN (1958)
Schriftsprache als Ausgangspunkt für den Sprachaufbau
Sinnfunktion durch Schriftsprache am leichtesten zu realisieren
1. Kind rasch in das Reich der Sprache einführen
2. Ausgehen vom Sinnganzen
3. Schriftsprache ist Ausgangspunkt  dann Sprechen
ZIEL: Entfaltung verständlichen Sprechens
-
5.
Primat der Schriftsprache bei der Einführung von neuen Wörtern und Sätzen für die
gesamten ersten zwei Schuljahre  danach lautsprachliche Arbeit
 Sprachsystem kann ganzheitlich über Schriftsprache und unabhängig vom Stand der
Artikulation entwickelt werden
kommunikative und produktive Aspekte des Schreibens werden nicht erwähnt
Antonius van Uden: Das gehörlose Kind – Fragen seiner Entwicklung und Förderung
Untersuchungen zu Körpersprache, Phonetik, Psycholinguistik und Soziologie
Welche Selbstkontrollmittel (müssen automatisiert ablaufen) haben für gehörlose Kinder beim
Sprechenlernen den Vorzug?
1.
2.
3.
4.
Selbstkontrolle (und wichtigste): Sprachabsehen
Selbstkontrolle: Lautwahrnehmung
Selbstkontrolle: artikulatorische/ kinästhetisch-taktile Kontrolle
Selbstkontrolle: Schriftbild
11
Bedeutung des Schriftbildes
-
-
-
-
-
eventuell schlägt bei manchen Kindern nur das Schriftbild an. Dann kann es auch
eingeführt werden, bevor Kind Mundabsehen etc. kann (bei dyspraktischen
Kindern)
Ewings (1964): Wörter mit Kind aufschreiben, die es schon absehen und evtl.
sprechen kann (Papa, Auto...). Diese Wörter werden schnell zu
Gesprächswörtern gemacht. Wenn sprechen und erkennen der Schriftbilder
fortgeschritten ist, dann wird Sprechen und Schriftbild analysiert und integriert.
Alexander Graham Bell (1884): wollte ausschließlich mit dem Schriftbild beginnen
und erst darauf das Sprechen aufbauen. Gefahr: Kinder entwickeln viele
Gebärden für die Wörter deren Schriftbild und nicht Sprechbild sie kennen.
Vatter (1889): er wollte kein Schriftbild gebrauchen, bevor das Sprechen
genügend entwickelt war
Ling (1976): erst sprechen, dann Schriftbild. Er warnt vor bizarrem Sprechen,
wenn Kinder zu sehr von Schriftbild abhängig sind und sie dies einfach in das
Sprechen übersetzten.
Wort von „Mund zu Mund“ lernen und danach erst aufschreiben
Zwei Fehler, die man machen kann:
1. zu wenig Schrift einsetzen: zu viele Wörter und Idiome bleiben mehr oder weniger
„verschwommen“
2. zu viel Schrift einsetzen: Kinder werden abhängig von Schrift gemacht. Dadurch
entstehen typische Sprechfehler und sogar schlechtes Sprechen
Fazit: Die Ewings nehmen eine gesunde Zwischenposition ein
6.
Psycholinguistische Begründung eines Sprachunterrichts bei Hörgeschädigten
(prälingual gehörlosen Kindern)
1. Das spontane Gespräch steht im Mittelpunkt der ganzen kommunikativen Didaktik. (solange
wie erforderlich „Fangmethode“ anwenden und „eine Doppelrolle spielen“)
 Fangmethode: nicht direkt das eigene Erleben das Kindes soll zentral gestellt
werden, sondern das Gespräch (also die Kommunikation als Interaktion)
 Spielen einer Doppelrolle: ein Gespräch ist immer schon da, selbst wenn einer
der Partner noch kein Wort sagen kann
 Mit Hilfe der Fangmethode und des Spielens einer Doppelrolle entsteht von klein
auf das Gespräch.
2. Spontane Äußerungen und Erfahrungen der Kinder müssen so weit wie möglich - im
Gespräch integriert - ausgewertet werden.
 ein geschriebener Satz ist erst dann ein richtiger Satz, wenn sein Sinn
wahrnehmbar wird (Intentionalität)
 in jeder linguistischen Äußerung werden drei Aspekte unterschieden:
Darstellung - Ausdruck - Appell (analog zu den drei Satzzeichen Punkt Fragezeichen - Ausrufezeichen)
 Gespräch ist also der Austausch der Intentionen unter Partnern
12
3. Für große Variation in den Erfahrungen muss Sorge getragen werden. (Wörter und Sätze
sollen zu einem erforderlichen Abstraktionsniveau gelangen und ein flexibler Besitz werden)
 es gibt keine isolierten Sätze im psycholinguistischen Verhalten
4. Tempo und Rhythmus des Sprechens besonders hervorheben (speziell Gruppierungen der
Wörter, „Zangenbau“ (Umklammerung))
 Rhythmische Gruppierungen anstelle von Reihenfolge der Wörter beachten
 Pausen beim Sprechen haben einen besonderen Wert
 Verstehen oder Produzieren von Sätzen ist kein Markovianischer Prozess
sondern eine Struktur, Figur, Gestalt (Zangenbau)
5. Wortschatz in reichen Verbindungsmöglichkeiten einschließlich der Ausdrücke, des Idioms,
der Homonyme, der bildlichen Bedeutung usw. immer mehr ausbauen und gleichzeitig die
Gefahr erkennen, dass man immer wieder gleiche Wörter gebraucht. (normal begabte
gehörlose Kinder lernen mindestens 5-6 neue verbale Bedeutungen pro Schultag, 16jährige
mit Leseniveau eines 10jährigen, hörenden Kindes)
6. Wörter möglichst innerhalb ihres syntagmatischen Kontextes lassen (d.h. in einem
intentionalen Ganzen), um Verbindungsmöglichkeiten natürlich begreifbar werden zu lassen.
7. Kurzgedächtnis (short term memory) für die Sprache besonders durch lautsprachliches
Auswendiglernen in gutem Rhythmus und mit raschem Tempo trainieren, weiter durch das
Steigern des Gedächtnisses für schriftliche Sprachformen. (beide Sprachformen müssen sich
durchdringen)
8. Gespräch muss sich zum richtigen Lesen von Normalsprache entwickeln.
 ohne genügende Frequenz des Sprachgebrauchs ist es nicht möglich, eine
Sprache zu lernen, d.h. für gehörlose Kinder: Notwendigkeit des Lesens.
 es handelt sich also um Frequenz der Sprachanbietung, -rezeption, -produktion
(abhängig von der Umwelt, d.h. Soziolinguistik)
9. Sprachformen immer vom Kind selbst entdecken lassen, anstatt nur zu präsentieren.
 nur durch solche Entdeckungen und Selbsttätigkeit wird das gehörlose Kind
stärker motiviert, das selbst Entdeckte auch anzuwenden, immer mehr Formen zu
entdecken und wendiger im sprachlichen Benehmen zu werden.
 diese Entdecken ist nur auf einer normal - sprachlichen Basis möglich.
 das Feld, in dem sie Formen entdecken lernen, ist hauptsächlich das
Lesematerial
Was wollen wir eigentlich mit unserem Sprachunterricht? (Ziel)
 dem gehörlosen Kind helfen, als Erwachsener unabhängig am Leben seiner Familie, seiner
Umgebung und seines Vaterlandes teilzunehmen
 Kommunikationsaspekt
LITERATUR:
Günther, K.-B. (1985): Schriftsprache bei hör- und sprachbehinderten Kindern. Heidelberg:
Groos
Uden A.v. (1994): Das gehörlose Kin. Hörgeschädigtenpädagogik Beiheft 5. Heidelberg: Groos
13
Seminar:
Dozentin:
Referentinnen:
Datum:
Schriftsprache und Hörschädigung
StR a.e.H. Bimüller
Firnhaber, Hartmann, Mehlo
23.06.2003
Schriftsprachkarrieren hochgradig hörgeschädigter Menschen
I) Helen Keller
Laura Bridgman war die erste Taubblinde, der sich die Sprache erschloss. Ihr Lehrer
Samuel Howe vom Perkins-Institut in Boston erteilte ihr 1836 den ersten Unterricht:
Fingeralphabet der Taubblinden, Worte mit erhabenen Buchstaben auf Schildchen (an
Gegenstände geklebt). Er begann mit Substantiven, dann folgten Verben und Adjektive.
Dank ihrer Lehrerin Anne Sullivan war es ab 1887 auch Helen Keller möglich,
Schriftsprache zu entwickeln – der einzige „Weg aus der Dunkelheit“.
Entwicklungs-/Lernschritte:
. Repertoire von ca. 60 Zeichen bei Ankunft von Anne Sullivan
. Erlernen des Fingeralphabetes der Taubblinden; erste Worte: doll und cake;
Helen entdeckt noch nicht, dass jedes Ding einen Namen hat; 20 Worte in einem
Monat
. Das „Geheimnis der Sprache“ eröffnet sich ihr am Brunnenhäuschen beim
Erlernen des Wortes water. Sie erlernt 30 neue Wörter in wenigen Stunden, u. a.
helen und teacher. Zunehmende Aufgabe von „Pantomime“ zugunsten der
Wörter.
. Nutzung des passiven Wortschatzes, d. h. Anne Sullivan spricht ganze Sätze in
Helens Hand ... wie man Babies auch ganze Sätze in die Ohren spricht; Lernen
„im Zusammenhang und aus dem Zusammenhang“
. Erster abstrakter Begriff: denken; später: Licht, Lachen, Liebe, Dunkelheit
. Erlernen des schriftlichen Alphabetes, und zwar das Boston Line Type von
Samuel Howe (auf Pappstreifen geprägte Buchstaben) ... an einem Tag!
. Schreibenlernen in Quadratschrift => eifriges Briefeschreiben,
Sprachbegeisterung
. Braille-Alphabet
. Auseinandersetzung mit Begriffen wie Seele, Tod, Weltentstehung, Gott etc.
. Helen will unbedingt „mit dem Mund“ sprechen lernen, ein unerfüllbarer Traum
für Taubblinde? Sie bekommt Sprechunterricht bei Sarah Fuller, Direktorin der
Schule für Gehörlose in Boston.
. Helen schreibt Geschichten
. Helen lernt u. a. Deutsch und Französisch in einer Sprachschule für Gehörlose in
New York City; Freund Mark Twain.
. Erstmaliger Kontakt mit nichtbehinderten, gleichaltrigen Mädchen an der
Cambridge School for Young Ladies; Anne Sullivan fungiert permanent, über ihre
Grenzen hinaus, als Übersetzerin; Helen ist erfolgreich (Ausnahme: Algebra und
Geometrie).
. 4 unbefriedigende Jahre am Radcliffe College mit Universitätsabschluss cum
laude; beginnt hier gegen Honorar ihre Lebensgeschichte zu schreiben (The
Story of My Life, 1902)
. „Vorträge“ und „Reden“ in nahezu der ganzen Welt; extreme Unabhängigkeit im
Denken trotz extremer Abhängigkeit im Leben
. liebt die deutsche Sprache und Kultur (außer Hitler)
. schreibt mit 66 Jahren ihr persönlichstes Buch über ihre Lehrerin Anne Sullivan
auf einer gewöhnlichen Schreibmaschine
14
.
.
Ihre „Reden“ müssen oft übersetzt werden. Erst im Alter gibt sie ihr Ziel des
Sprechenlernens auf.
Insgesamt hochdifferenzierte, bilder- und metapherreiche Schriftsprache mit
abstrakten Begriffen und sehr sensibler Wahrnehmung; kritische Beschäftigung
mit der Bibel, Philosophie, den Mythen der Griechen und Römer , Dichtungen,
Naturstudien etc..
Benutzte Literatur zu Helen Keller:
- Katja Behrens: Alles Sehen kommt von der Seele, Beltz Verlag Weinheim,
2001
- Helen Keller: Licht in mein Dunkel, Swedenborg Verlag Zürich, 1982?
- K.-B. Günther: Schriftsprache bei hör- und sprachgeschädigten Kindern,
Julius-Gross-Verlag Heidelberg, 1985
Zeittafel, Schreibproben und Sprachentwicklung nach Stern auf Folie
Briefe von Helen Keller
Tuscumbia, Alabama, 17. Juni 1887
helen schreibt anna george gibt helen apfel simpson schießt
vogel jack gibt helen zuckerstängel doktor gibt mildred
medizin mutter macht mildred neues Kleid
Tuscumbia, September 1887
helen schreibt kleinen blinden mädchen einen brief helen
und lehrerin kommen kleine blinde mädchen besuchen
helen und lehrerin fahren mit dampfwagen nach boston
helen wird mit blinden mädchen spielen blinde mädchen
können mit fingern reden helen wird mr. anagnos besuchen
und mr. anagnos wird helen lieben und küssen helen wird
mit blinden mädchen zur schule gehen helen kann lesen
und zählen und buchstabieren und schreiben wie blinde
mädchen mildred fährt nicht nach boston mildred weint
prince und jumbo fahren nach boston papa schießt enten
mit gewehr und enten fallen ins wasser und jumbo und
mamie schwimmen im wasser und bringen enten im maul
zu papa helen spielt mit hunden helen reitet mit lehrerin
helen gibt handee gras mit hand lehrerin gibt handee
peitsche damit schnell geht helen ist blind helen steckt
brief in umschlag für blinde mädchen
aufwiedersehen
Helen Keller
15
Sprachentwicklung nach W. Stern (1905)
Substanzstadium
Aktionsstadium
Erstes Fragealter
Erste Satzbildungen
Erste Konjunktionen
Negative Sätze
Relations- u. Merkmalsstadium
Sätze mit Objekt
Zählen
Flexionen
Vergangenheitsbezeichnung
Zweites Fragealter
Pronomina
Warumfragen
Stern stellte einen Parallelismus der Sprachentwicklung von der „taubstummblinden“
Helen Keller (Fingeralphabet) und seiner „vollsinnigen“ Tochter Hilde (Lautsprache) fest.
Bei Helen begann obige Sprachentwicklung ab Ende des 7. Lebensjahres, bei Hilde ab
Ende des 1. Lebensjahres.
Helen erreichte schon im 2. Halbjahr das Stadium der Warumfragen,
Hilde dagegen erst im 3. Jahr.
Aus: K.-B. Günther (1985): Schriftsprache bei hör- und sprachgeschädigten Kindern,
Julius Gross-Verlag Heidelberg,
S. 56
16
Schriftsprache als Erstsprache1
Vorbemerkungen:
Da viele Gehörlose Probleme im Erwerb der Lautsprache haben, kam die Idee auf,
direkt die Schriftsprache als Erstsprache zu unterrichten, was aber nicht heißen soll,
dass Gelegenheiten zum Erlernen von Gebärden oder Lautsprache nicht
wahrgenommen werden sollen. Zur Begründung dieses Ansatzes betrachtete man den
Erwerb der Lautsprache bei hörenden Kindern und übertrug dieses auf den Erwerb der
Schriftsprache bei gehörlosen Kindern.
Hier dazu einige Bemerkungen aus dem Text:
1. Wörtern eine Bedeutung zuordnen ist beim Spracherwerb das Entscheidende, auch
wenn man Wörter öfter hört, weiß man noch lange nicht, was sie bedeuten: z.B. mit dem
Wort neko kann man so lange nichts anfangen bis man weiß, dass es Katze auf
japanisch heißt.
2. Hörende lernen Sprache zu verstehen früher als sie zu produzieren, das heißt, dass
gehörlose Kinder die Schrift verstehen könnten lange bevor sie sie schreiben können
(Motorik). Man könnte also früher mit dem Verstehen von Schriftsprache also Lesen
beginnen.
3. Im Idealfall sollen gehörlose Kinder Schriftsprache genauso lernen wie hörende
Kinder sprechen– Ganzwortmethode(!), da geschriebene Sprachen leider kein „direktes“
Kommunikationsmittel ist, ist das schwierig.
4. Die Natürlichkeit beim Spracherwerb soll beibehalten werden, d.h. keine Grammatik
erklären wollen (z.B. Pluralbildung oder Ähnliches), diese Strukturen werden
automatisch erworben.
5. Bedeutungstragende Items werden leichter gelernt als solche ohne Bedeutung (z.B.
Wörter leichter als Alphabet). Auch abstrakte Wörter können und sollen im Kontext
gelernt werden, wie pretty, like, wish, because…, da dies beim Sprechen lernen bei
Hörenden auch so abläuft.
6. Syntax wird auch automatisch mitgelernt; hörende Eltern bringen ihren Kindern auch
keine Syntaxregeln bei.
Schriftspracherwerb bei Konrad
Konrad ist beim Beginn des Unterrichts 2 Jahre 5 Monate alt, er hat einen Hörverlust
von 90 dB auf dem besseren Ohr. Seine Eltern sind auch gehörlos.
Kommunikationsmittel ist ASL. Sein Vater kann ein wenig geschriebenes Englisch,
seine Mutter versteht kein gesprochenes Englisch und nur sehr wenig geschriebenes
Englisch, weil sie in Japan aufgewachsen ist , und erst 5 Jahre vorher in die USA
gezogen ist.
Konrad wird hauptsächlich von der Großmutter väterlicherseits unterrichtet, sie ist
hörend und kann etwas ASL und etwas japanisch.
1
Aus: Steinberg, D. /Harper, H.: Teaching written language as a first language to a deaf boy
17
Programm:
Jedes geschriebene Wort soll auch laut gesprochen oder gebärdet werden, um Hörreste
auszunützen bzw. Gebärden zu lernen (als Nebeneffekt).
1. Phase: word familiarization
Sie dient dazu dem Kind aufzuzeigen, dass jedes Objekt einen Namen hat, bzw. dass
jedes Wort einem Objekt gegenübersteht.
Wortkarten werden auf einige Objekte im Raum auf Kind-Augenhöhe angebracht und
immer wieder darauf gezeigt und gesprochen oder gebärdet, was eben auf der Karte
steht. Man kann auch als weiteren Schritt (Spiel) eine zweite Karte von jeder Karte
anfertigen und das Kind muss die passende, identische Karte suchen.
2. Phase: word identification
In dieser Phase soll das Kind lernen, welches Wort zu welchem Objekt gehört.
Als Spiel kann man z.B. einzelne Karten vertauschen oder abhängen und wieder neu
zuordnen lassen oder auch Kaufladen spielen (Einkäufer-Verkäufer).
Wenn die Wörter erkannt werden, kann man auch mit Farben oder auch Verben
beginnen (red car, green car).
3. Phase: phrase and sentence identification
Ziel dieser Phase ist, dass das Kind kleinere Sätze lesen kann, diese sollten alle
Wortarten enthalten, auch Artikel ,Präpositionen etc. (The dogs are barking, nicht nur
dog bark).
4. Phase: text interpreting
Die vielleicht spannendste Sache für das Kind: Texte lesen und verstehen. Es können
auch Bücher mit dem Kind angefertigt werden oder einfache, gekaufte Bücher gelesen
werden, was auch motiviert.
Resultate
Konrad lernte in 15 Monaten bei einer Förderung von 30 min täglich:
414 Einzelworte
242 Phrasen und Sätze, also 656 items insgesamt
und hat begonnen einfache Bücher zu lesen.
Beispiele:
1. Monat:
Substantiv
Verb
Adjektiv
Phrase
Satz
Airplane, apple,
ball, banana,
basketball, bath,
bear, bed, bell,
boat, bus, Calvin,
car, chair,
chopstick, cup, doll,
drum., ear, Eiko,
elephant, eye,
flower, fork, football,
frog, hair, house,
Jo-Ann….
Jump, kick, pedal,
run, walk
big, black, blue,
brown, green,
orange, pink,
purple, red, white,
yellow
Big bear, brown
monkey, green frog,
little bear, yellow
lion
How are you?, *kick
the ball, *open the
door, *pedal the
tricycle, *water the
plant
18
14. Monat
Substantiv
Verb
Adjektiv
Phrase
Satz
Bakery, city, family,
fruits, meat,
playmate,
vegetables, week
stayed, trim
whole
barber shop, drug
store, pet shop
*At the shopping
center there are
drug store, bank
bakery, shoe store,
Pet Shop barber
shop, and many
others *From school
we went to the zoo
on city bus, I also
went to the
shopping center, I
didn´t go to school
one whole week * I
go to the barber
shop to have my
hair trim, I stayed
home, * I was
lonesome I didn´t
have no playmate *I
went to the super
Market with my
family, It was spring
vactction…
Konrad hat eine wahre Liebe zu Büchern entwickelt!
Interessant anzumerken ist, dass Konrads Mutter mit ihm geschriebenes Englisch
mitgelernt hat und er, da er schneller lernte, später seiner Mutter assistieren konnte.
Abschließend kann man sagen, dass bei gehörlosen Kindern auch direkt durch das
Medium Schrift eine Sprachkompetenz erworben werden kann.
Kerstin Hartmann
19
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Seminar: Schriftsprache und Hörschädigung
Dozentin: Studienrätin a.e.H. B. Bimüller
Referentin: Katrin Mehlo
Datum: 23. Juni 2003
Thema: Schriftspracherwerb bei George (um 1870) durch Graham Bell (Erfinder des
Telefons und Vorreiter der Sprachmethode in den USA im 19. Jhd.)
o George ist ein von Geburt an gehörloses, überdurchschnittlich begabtes Kind
o er kommt mit 5 Jahren zu Graham Bell in den Unterricht an einer
Gehörlosenschule
o
Für Bell sind zwei Bausteine im Spracherwerb wichtig:
1. Artikulation
2. geistige Entwicklung
Im Referat wird auf 2. eingegangen.
Gleichzeitig mit dem Training der Sprechorgane (1.) muss die geistige Entwicklung
des Kindes (2.) in Form von Lesen und Schreiben ( Sprachaufbau) gefördert
werden.
Den Sprachaufbau gliedert Bell in vier verschiedene Bausteine. Alle vier Bausteine
bewegen sich in einem Rahmen nonverbaler Kommunikation:
1) Wortübungen (Wortbildzuordnungen)
2) Satzübungen (Satzbildzuordnungen und freie schriftliche Kommunikation von Bell
mit George, untermalt mit Gesten)
3) Schreiben (hauptsächlich Nachfahren und -schreiben von Sätzen)
4) Buchstabieren (wichtiges Mittel, um eigene sprachliche Ausdrucksfähigkeit des
Kindes zu fördern; Handalphabet)
Bell zeigt einige Texte von George, die dokumentieren, in welch kurzer Zeit George
sowohl orthographisch als auch grammatikalisch korrekt schreiben lernt.
20
Phonologische Bewusstheit und Hörschädigung
Phonologische Bewusstheit:
-
-
Fähigkeit zur Durchgliederung von phonologischen Wortformen in Einzellaute,
Silben, Silbenkonstituenten und zur Manipulation der Phonem- bzw.
Silbenabfolge
das ganzheitliche auditive Schallereignis wird in diskrete Elemente zerlegt
Abstraktion vom Bedeutungsgehalt der Sprache
Funktion der phonologischen Bewusstheit für den Erwerb von alphabetischen
Schriftsystemen:
-
Identifizieren der lautsprachlichen Elemente, auf denen PGK/GPK-Regeln operieren
Phonolgische Bewusstheit als grundlegende aber nicht hinreichende Voraussetzung
des Schriftspracherwerbs
Förderung der Phonologischen Bewusstheit verbessert Voraussetzungen für den
Schriftspracherwerb
Merkmale:











Reimen
Alliteration
Wortlängenvergleich
Satzlängenvergleich
Identifikation in Wörtern/Sätzen
Kompositasegmentierung
Silbensegmentierung
Lautsegmentierung
Lautpositionsbestimmung
Nonverbale Rhythmusbestimmung
Lautsynthese
21
Aufgaben, die phonologische Bewusstheit erfordern:
(vgl. Yopp, 1988)
-
Phonem-Wort-Zuordnung ("Kommt /f/ in Affe vor"?)
-
Identifikation der Phonemposition ("Steht /f / am Anfang, in der Mitte oder am Ende
von Affe?")
-
Isolieren von Phonemen („welcher Laut kommt am Anfang von Tisch vor?“)
-
Segmentierendes Nachsprechen („Sch-o-k-o-l-a-d-e“)
-
Wörter ergänzen („T-sche“)
-
Rückwärts Nachsprechen (z.B. tal -> lat)
-
Reime finden („Welche Wörter reimen auf BALL?“)
-
Phoneme o. Silbenkonstituenten weglassen (z.B. „Welches Wort ergibt sich,
wenn man aus Schwein das Sch (o. Schw) weglässt?, Welchen Laut hörst Du in
Maus, der in aus fehlt?“)
-
Elemente austauschen („Sag rot, aber ersetzte o durch a“)
Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinn: Aufgaben, die an konkrete
Spracherfahrungen anknüpfen (z.B. Reimpaare erkennen, Silben klatschen)
Phonologische Bewusstheit im engeren Sinn: Aufgaben, in denen explizit mit lautlichen
Strukturen operiert werden muss (z.B. /o:/ in Ofen)
Phonologische Bewusstheit und Hörschädigung
Sterne & Goswami (2000): Phonological Awareness of Syllables, Rhymes, and
Phonemes in Deaf Children

Phonologische Bewusstheit von hoher Bedeutung für den Schriftspracherwerb
hörender Kinder

Hörgeschädigte Kinder haben Schwierigkeiten im Umgang mit Schriftsprache

Frage, ob gehörlose Kinder phonologische Bewusstheit haben und wenn ja, wie
sie diese erwerben
Literaturüberblick: wenig Studien, methodische Mängel, ausgewählte Gehörlose oder
keine Angaben zum Ausmaß der Hörschädigung
22
Experiment 1: Wortlänge, Silbenerkennen
Subjektive Daten
N
Geschlecht (w/m)
CA (Monate)
Mitttelwert
RA
Mittelwert
IQ (PR)
Mittelwert
Gehörlos*
15
5:10
CA
13
3:10
RA
13
4:9
141
(117-159)
135
(130-141)
99
(94-103)
86
(75-114)
N/A
92
(81-105)
61
(10-95)
56
(25-87)
61
(12-85)
*11 aural/oral, 4 gebärdensprachlich
Design: Beurteilen der Wortlänge (gleich ja/nein) anhand von Bildpaaren:
kongruentes Set (phonologisch und orthographisch kongruent z.B. hat/key; televisioncomb) inkongruentes Set (phonologisch und orthographisch inkongruent z.B. elephantpiano, banana-fridge)
Ergebnis (Mittelwerte):
Anzahl (max. 18)
Inkongruent
Kongruent
11,53
15.73
13.77
16.92
12.15
15.77
Gl
CA
RA
Reaktionszeit (sec)
Inkongruent
kongruent
6.44
5.40
5.66
5.01
7.72
6.77

Gehörlose Kinder können Wortlängen ähnlich schnell beurteilen wie hörende
altersentsprechende Kontrollgruppe

Jüngere Kontrollgruppe mit gleichem Lesealter erreichen ähnliche Leistungen

Alle Gruppen brauchen länger bei inkongruenten Aufgaben

Gehörlose Kinder haben gute phonologische Vorstellung der Silbe als Einheit
23
Experiment 2: Reimbewusstheit
Subjektive Daten
N
Geschlecht (w/m)
CA (Monate)
Mitttelwert
RA
Mittelwert
IQ (PR)
Mittelwert
Gehörlos
14
7:7
RA
16
8:8
124
(88-150)
92
(87-97)
94
(72-126)
91
(81-102)
65
(5-95)
66
(25-95)
Design: 50 Reimpaare, 2 Reimwörter, 1 Ablenker; Kinder sollen Item auswählen, das
sich mit dem Zielwort reimt (Bildertest); ausführliche Erklärung, was unter Reim zu
verstehen ist; Hinweis, auch an die Schreibweise zu denken
Ergebnis: O+ Orthographische Ähnlichkeit; O- keine orthographische Ähnlichkeit
Richtig (max. 25)
O+
O20,71
18,36
23,81
23,50
Gl
RA


Reaktionszeit (sec)
O+
O6.36
7,48
4,69
4,75
Gehörlose Kinder nutzen orthographische Ähnlichkeit um Reime zu beurteilen
Mehr richtige und schnellere Antworten, wenn die Wörter eine ähnliche
Schreibweise haben
Experiment 3: Phonembewusstheit
Subjektive Daten
N
Geschlecht (w/m)
CA (Monate)
Mitttelwert
RA
Mittelwert
IQ (PR)
Mittelwert
Gehörlos*
15
5:10
RA
13
4:9
141
(117-159)
99
(94-103)
86
(75-114)
92
(81-105)
61
(10-95)
61
(12-85)
*11 aural/oral, 4 Gebärden
24
Design: Lesen von Nonsens Wörtern, die genauso klingen wie das Zielwort auf dem
Bild– Auswahl homophoner Wörter: Orthographisch regelhafte Homophone (shoo, daw);
Orthographisch nicht regelhafte Homophone (boiz, caik)
Ergebnis:
R+
(max. 10)
6,18
8,85
Gl
RA
R(max. 10)
6,41
9,46
Total
(max. 20)
12.59
18,31

Gehörlose Kinder wählen korrektes Nonsense Homophon in 63% richtig

Gehörlose Kinder signifikant schlechter als Kontrollgruppe mit vergleichbarem
Lesealter

Kaum Unterschiede R+/R- in beiden Gruppen

Auch Homophone ohne orthographische Ähnlichkeit werden korrekt gewählt
(z.B. door-daw)

Die meisten Fehler waren Ablenker, die einen anderen Endbuchstaben hatten

Gute Fähigkeit, Anlaute zu erkennen und zu vergleichen
Zusammenfassung:

Gehörlose Kinder mit durchschnittlichem Lesealter von 7,6 Jahren haben
phonologische Basisfähigkeiten in allen drei linguistischen Ebenen

Silbenbewusstheit gehörloser Kinder ist vergleichbar mit hörender Kontrollgruppe

Reimurteile sind nicht zufällig, aber schwächer als bei Kontrollgruppe mit
vergleichbarem Lesealter

Phonologische Bewusstheit auf Silbenebene scheint wie bei hörenden Kindern
der phonologischen Bewusstheit auf Phonemebene vorauszugehen

Phonologische Strategien werden eingesetzt, wenn die Aufgabe dies erfordert
25
Seminar:
Dozentin:
Thema:
Referentinnen:
Datum:
Schriftsprache und Hörschädigung
StR a .e. H. Bimüller
Schriftsprache und Gebärdensprache
Sati Cinar , Maike Barz und Michaela Neuberger
14.07.03
I. Schriftspracherwerb bei gehörlosen Kindern2 (Michaela Neuberger)
Schriftspracherwerb ohne lautsprachliche Basis



Die Qualität sowie die Dichte der Kommunikation außerhalb des Kindes und
etwas über dem kindlichen Niveau beeinflussen die Schriftsprachkarriere
entscheidend.
Gehörlose Kinder verfügen im Durchschnitt zu Schulbeginn über einen
lautsprachlichen Wortschatz von 150 aktiven und 250 passiven Wörtern. Im
Gegensatz dazu haben hörende Kinder einen durchschnittlichen Wortschatz von
3500 aktiven und 18000 passiven Wörtern.
o Über 50 Prozent der Gehörlosen verlassen die Schule als funktionale
Analphabeten.
o Etwa fünf Prozent der gehörlosen Schülerinnen und Schüler sind
zum Zeitpunkt des Schulabschlusses kompetente Leser und
Schreiber. In dieser Gruppe sind überproportional häufig die gehörlosen
Kinder gehörloser Eltern vertreten.
Der Lautspracherwerb ist für Gehörlose ein Leseakt, da sie die flüchtigen
Mundbilder ablesen müssen.
Autonomie der Schriftsprache

Die Schriftsprache ist in funktioneller (Kommunikation mit Abwesenden) sowie
struktureller Hinsicht (größere Redundanz, größere Explizitheit) von der
Lautsprache relativ autonom.
 Für Wudtke unterstützt das gelungene Experiment, Konrad, einem 2;5 Jahre
alten gehörlosen Jungen die Schriftsprache als Erstsprache zu vermitteln, die
These der Autonomie der Schriftsprache (vgl. Referat am 23.06.03).
 Die Gebärdensprache ist ein visuell- motorisches Sprachsystem. Es ist möglich,
Schriftsprache im Bezug zu einer Gebärdensprache zu erwerben. Bis jetzt gibt es
noch keine allgemein gebrauchte Verschriftung der Gebärdensprache, aber
Gebärden lassen sich der Schriftsprache zuordnen und können als Bilderschrift
schriftlich festgehalten werden.
o Gehörlose, die Gebärdensprache benutzen, sind bilingual, aber
monoliteral.
 Das Fingeralphabet ist ein schriftbezogenes Hilfsmittel, mit dem alle Wörter
manuell rekodiert werden können.
→ „Korrespondenzen zwischen Laut-, Gebärden- und Schriftsprache sind
kontingent können methodisch vielfältig manipuliert werden und laden zu
unterschiedlichen, aber funktional äquivalenten Entdeckungen ein.“(Wudtke, H.,
2001 a, S. 35).
2
Wudtke, H. (2001 a): Schriftspracherwerb bei gehörlosen Kindern. Ein Rätsel für Pädagogen. In: Grundschule
Sprachen 2: 34-35.
26
Motorisch- visueller (Schrift-) Spracherwerb: Entwicklungsstufen



Für Gehörlose ist die Lautsprache, genau wie die Gebärden- und
Schriftsprache eine motorisch- visuelle Sprache. Gehörlose Schülerinnen und
Schüler können nicht phoniegeleitet schreiben lernen.
o Die logograhemische Lese- und Schreibstrategie ist für den
Schriftspracherwerb von gehörlosen Kinder sehr bedeutend, da
sie sich am Wortbild orientieren und Wörter visuell mit anderen
Wörtern vergleichen.
o Auf der syntaktischen und morphosyntaktischen Ebene kommt es zu
Fehler, wenn gehörlose Kinder aktiv zu schreiben anfangen.
Schrift lernen gehörlose Kinder als eine Art Begriffsschrift und das aktive
Memorieren führt zum Kombinieren.
Für einen begrenzten Wortschatz beherrschen die gehörlosen Schülerinnen
und Schüler die Orthographie gut.
„Einzig die zeitstabile und formprägnante Schrift bietet den Gehörlosen die
Chance, tiefer in die Mehrheitssprache einzudringen.“ (Wudtke, H., 2001 a, S. 35).
Vokabularphase- Strukturelle Phase


Der Prozess des Schriftspracherwerbs verläuft interessanterweise bei gehörlosen
Schülerinnen und Schülern so ab, dass sie jedes Jahr weiter hinter die
Entwicklungsstand hörender Kinder zurückfallen, aber am Ende ihrer Schulzeit
können einige gehörlose Jugendliche ihren gesamten sprachlichen Horizont
schriftsprachlich ausdrücken und als Leser selbständig erweitern.
→ Es gelingt einigen gehörlosen Jugendlichen, die Tiefenstrukturen der
deutschen Sprache zu rekonstruieren und flexibler anzuwenden, damit verlassen
sie die Vokabularphase.
Wenn gehörlose Jugendliche im 13. oder 14. Lebensjahr ein strukturelles
Leselernniveau erreichen, können sie bis zu ihrem Schulabschluss ein
altersadäquates Niveau im Lesen und Schreiben zu erlangen.
27
II. Eine Schriftsprachkarriere im Zeitraffer3
 C. wird mit einem für Sprache nicht mehr ausnutzbaren Hörvermögen geboren.
Seine Eltern beginnen sofort nach der Diagnose mit der oral-auralen
Lautspracherziehung.
 Nach Angaben seiner Mutter reagiert C. weder mit noch ohne Hörgeräte auf
Ansprache oder Geräusche.
 Mit 2;3 Jahren kann C. die Wörter „Ball, Auto, Wauwau und Puppe“ vom Mund
ablesen und spricht lautlos „Mama, Papa“.
→ Angesichts dieser dürftigen Kommunikation beginnt seine Mutter LBG zu
erlernen.
 C. erwirbt die Gebärden von seiner Mutter und kann mit 2;7 Jahren107 Gebärden
produzieren. Im Alter von 3;6 Jahren benutzt er 250 Gebärden. Seine Mutter
bietet ihm zu den lautsprachbegleitenden Gebärden immer lautsprachliche
Mundbilder an.
 Im Kindergarten, der mittels LBG kommuniziert, lernt C. Kinder gehörloser Eltern
kennen und entdeckt in diesem Zusammenhang die DGS. Nach kurzer Zeit
produziert C. etwa 500 Gebärden.
 Bei Schulanfang umfasst C. aktiver Sprechwortschatz 250 Wörter, die
Außenstehende nicht verstehen. Zusätzlich gebraucht er 62 Schriftwörter und
beherrscht weitgehend das graphembestimmte Fingeralphabet. Durch
aufwendige Recherchen konnte ermittelt werden, dass er etwa 1400 Gebärden
zu Schulbeginn verwendet. Seine etwa 1000 aktiven Mundbilder realisieren
gleichzeitig teils eigene vokale Gesten, teils Wortvorformen und erste richtig
gesprochene Wörter.
„C.’s Sprachwelt erscheint als eine Melange aus Gebärden, Mundbildern,
Schriftwörtern, Fingerzeichen, in die Schritt für Schritt prägnante Formen (DGSPhrasen, DLS- Phrasen) eingeschrieben werden.“ (Wudtke, H., 2001 b, S. 36).
 Die Mutter von C. liebt selbst Kinderliteratur und sie hat es geschafft, dass auch
C. sich für Bücher interessiert.
 In der ersten Klasse erzählt C. eigene und fremde Geschichten. C. verwendet
beim Schreiben einfache Satzbaupläne (Subjekt – Prädikat – Objekt). In kleinen
Schritten erweitert er seine Satzstrukturen.
 Mit acht Jahren erzählt er vor der Videokamera eigene Märchen und
Geschichten.
 Lesen wird für C. zu einer Leidenschaft. „Pippi Langstrumpf“ liest er mit 10
Jahren alleine.
 Im Sach- und Literaturunterricht wird als Basis- bzw. Metasprache
Gebärdensprache eingesetzt. Zu Beginn der Realschule werden Schulbücher der
Regelschule benutzt und in sachlicher Hinsicht gelingt es einen
altersangemessenen Unterricht für die gehörlosen Schülerinnen und Schüler
anzubieten. Das darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die Texterarbeitung
zeitintensiv ist, um den Laut- und Schriftspracherwerb fortzuführen.
 Wudtke beschreibt, dass es im 6. Schuljahr zu kleinen „Schreibexplosiven“ in den
Aufsätzen der Schülerinnen und Schülern kommt (vgl. Wudtke, H., 2001 b, S.37).
3
Wudtke, H. (2001b): Von der Leisesprache zur Schriftsprache: Eine Schriftsprachkarriere im Zeitraffer. : In:
Grundschule Sprachen 2: 36-38.
28
 Im Alter von 11 Jahren schreibt C. von sich aus Witze für seine Lehrerin auf.
Daran wird deutlich, dass es sich vom buchstäblichen Wortsinn löst und Humor
sowohl unterscheiden also auch genießen kann.
 C. erreicht bei einem im 6. Schuljahr durchgeführten Lesetest (LT 2), der für
hörende Zweitklässler eingesetzt wird, ein Ergebnis im mittleren Bereich.
 C. hat dank seiner Gebärdensprachkompetenz ein sprachlich geformtes
Weltwissen und kann sich auf dieser Grundlage den Sinn von anspruchsvolleren
Texten erschließen. Mit zwölf Jahren kann es Wörter wie „Knecht, Mond,
Hammer usw.“ erklären. Diese Ersetzungen zeigen einen wichtigen Fortschritt,
da genau diese Fähigkeit bei gehörlosen Schülern in Untersuchungen nicht
festgestellt werden konnten. Diese Fähigkeit, Metaphern zu verstehen,
Synonyme sowie Ober- und Unterbegriffe zu finden, ermöglichen
anspruchsvollere literarische aber auch Fachtexte zu verstehen.
 Im letzten Schuljahr der Realschule wurden mit C. zwei Lesetests durchgeführt.
Bei einem Lesetest für hörende Siebtklässler (VL 5-7) erreicht C. einen
Prozentrang von 96 und bei dem Lesetest für hörende Neuntklässler (VL 89) schafft er einen Prozentrang von 85.
→ Laut dieser Testergebnisse besitzt C. eine altersangemessene Literalität.
 Nach dem Realschulabschluss entschied sich C. weiter auf die Schule zu gehen
und das Abitur zu machen.
„C. ist ein Beispiel für eine gelebte Zweisprachigkeit eigentümlicher Art: Er ist
bilingual, aber monoliteral; er ist ein Grenzgänger, bewegt sich täglich in den
Welten der Gehörlosen und Hörenden.“ (Wudtke, H., 2001 b, S. 38).
C. kommuniziert in Lautsprache mit seiner Mutter, aber sie verwendet DGS oder LBG.
29
III. Wie Gehörlose schreiben lernen: Die Interaktion von Sprache, Modalität und
Unterricht4
Der Begriff „schreiben“ meint sowohl den Prozess als auch das Produkt. Die Funktionen
von gesprochener und geschriebener Sprache sind sehr unterschiedlich. Bei einem Text
muss die Schreiberin bzw. der Schreiber auf parasprachliche Mittel ( Gestik, Tonfall,
Prosodie, Mimik usw.) verzichten und diese mit Hilfe von besonderen sprachlichen
Strukturen und neuen Diskurskonventionen ausdrücken.
Für hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler ist mit dem Schreibenlernen,
neben dem Erlernen der Konventionen der Schriftsprache, auch das Erlernen des
Vokabulars, die grammatischen Strukturen und Funktionen des Lautsprache
verbunden.
Das Ziel von Hörgeschädigtenpädagogen ist, dass sich ihre Schülerinnen und Schüler
sich ausdrücken und Erfahrungen flüssig mitteilen können.
Aus diesem Grund gibt es in Nordamerika und Europa Programme, welche die
Gebärdensprache als Unterrichtssprache verwenden. Durch die Verwendung der
Gebärdensprache soll gehörlosen Schülerinnen und Schülern ein früher Zugang zu
Sprache sowie reiche soziale Interaktion ermöglicht werden.
Forschungsergebnisse von Marschark et al.(2002) weisen darauf hin, dass es einen
Zusammenhang zwischen der Alphabetisierung und dem schulischen Erfolgen von
Schülern gibt.
Aus sozialkonstruktivistischer Perspektive sind Lesen und Schreiben Formen der
Kommunikation und werden am besten durch soziale Interaktion erlernt.
Aber die Interaktion und der Informationsaustausch von gehörlosen Schülern
untereinander und mit Lehrern ist behindert, wenn die Lautsprache als
Unterrichtssprache verwendet wird.
Sprache, Modalität und Unterrichtsmethode sind die drei Faktoren, die das
schulische Lernen von gehörlosen Schülerinnen und Schülern maßgeblich
beeinflusst.
Wie sieht die Beziehung zwischen ASL- Kompetenz und Schreibkompetenz im
Englischen aus?
Die Entwicklung von Schreibfertigkeiten ist mit der Sprachkompetenz verbunden. Die
Verwendung von mehr als einer Modalität scheint den Schriftspracherwerb zu
begünstigen.
Wilbur (2000) argumentiert folgendermaßen, dass die umgangssprachliche Verwendung
von ASL wichtige Eigenschaften des Diskurses nachbildet, die später auf eine andere
Sprache (Englisch) und eine andere Modalität (das Schreiben) übertragen werden
können.
 1977 erforschten Brasel und Quigley die Kenntnisse von 72 gehörlosen
Schülerinnen und Schülern im Alter von 10- 18 Jahren in Bezug auf
Gebärdensprache und Alphabetisierung in der englischen Sprache. Es gab vier
unterschiedliche Gruppen: eine Gruppe mit gebärdetem Englisch, eine ASLGruppe, eine Gruppe mit intensivem mündlichem Frühtraining und eine
mündliche Durchschnittsgruppe (es wurden nur mündliche Methoden zu Hause
verwendet, kein Frühtraining). Die Schülerinnen und Schüler erhielten Tests, um
4
Albertini, J. (2002): Wie gehörlose schreiben lernen: Die Interaktion von Sprache, Modalität und Unterricht. In:
Hörgeschädigtenpädagogik 2/2002: 74-79.
30
ihre Kenntnisse in englischer Syntax und ihre Leseleistungen zu überprüfen. Die
Ergebnisse zeigten, dass die Gruppen mit Gebärdensprache bei jedem einzelnen
Test besser abschnitten als die mündlichen Gruppen.
 Schley (1994) konnte einen bescheidenen positiven Zusammenhang zwischen
ASL- Beherrschung und Lese- und Schreibkompetenz im Englischen bei
gehörlosen Grundschülern an einer zweisprachigen Schule mit ASL und Englisch
feststellen.
 Singleton und Supalla (1998) konnten keine eindeutige Beziehung zwischen
ASL- Kompetenz und Lese- und Schreibkenntnissen im Englischen bei
gehörlosen Grundschülern ausmachen.
Messbare Auswirkungen der ASL- Leistungen auf die Lese- und
Schreibkompetenz sind erst in der Mittel- bzw. Oberstufe festzustellen.
Wie gestalten gehörlose Schüler Texte?
Studien mit Teenagern und College- Studenten weisen auf der Gebrauch einer inneren
Sprache hin, die dem Englischen ähnelt. 7 von 20 gehörlose College- Studenten,
allesamt geübte ASL- Verwender, schrieben als sie, um einen Kommentar gebeten
wurden, welche Art von Stimme sie beim Schreiben wahrnehmen würden, dass sie eine
innere Stimme wahrnähmen. Mehrere beschrieben die Erfahrung so, als ob sie ihre
eigene Stimme wahrnähmen, während sie schrieben. Niemand berichtete, dass er
beim Schreiben innere Gebärden erlebte.
Die Forschungen in diesem Bereich stehen noch am Anfang, aber sie deuten an, dass
sowohl Alter als auch Sprachkompetenz, Erfahrung und Schreibsituation die Sprachbzw. Modalitätswahl eines gehörlosen Schreibers beeinflussen.
Wie sind Sprache und Modalität mit der Vermittlung des Schreibens im Unterricht
verbunden?
Die Forschungen ergeben, dass sowohl der frühe Kontakt mit ASL als auch mit Englisch
eine starke Unterstützung für den Schriftspracherwerb bietet (Marschark et al. 2002).
Wilbur (2000) führt aus, dass die Schwierigkeiten einiger gehörloser Schüler beim
Schriftspracherwerb, auf den begrenzten sprachlichen Input in allen drei
Modalitäten (gesprochene Sprache, geschriebene Sprache und Gebärden) zurück
zu führen sind.
Wie können Schulen und Lehrer angemessenen Zugang zu Sprachen in
verschiedenen Modalitäten gewährleisten?
Die zweisprachigen ASL- und Englischprogramme in Nordamerika beruhen auf der
Prämisse, dass das Erlernen und die Verwendung von ASL in der Schule eine solide
sprachliche Grundlage und ein Mittel für flüssige Kommunikation im Unterricht
darstellen.
Es besteht im Gegensatz zu den bilingualen Programmen in gesprochenen Sprachen
eine „pädagogische Kluft“ zwischen der „gesprochenen“ Form (ASL) und der
schriftlichen Form der Zweitsprache (Englisch). Pädagogen versuchen durch
Techniken wie „chaining“ und „sandwiching“ die Kluft zu überbrücken. Beim
„chaining“ zeigt der Lehrer ein Konzept mit Hilfe einer Gebärde, weist dann auf den
entsprechenden englischen Begriff und buchstabiert anschließend den englischen
Begriff mit den Fingern. Beim „sandwiching“ buchstabiert der Lehrer ein englisches Wort
31
mit den Fingern oder zeigt es mit Hilfe einer Gebärde, weist dann auf die schriftliche
Version und buchstabiert es erneut mit den Fingern oder zeigt es durch eine Gebärde.
Diese Präsentationsmethoden sollen den Schülern helfen, Verbindungen zwischen den
Modalitäten zu knüpfen.
Witte und Albertini (1989) schlagen den Einsatz eines Dialogtagebuchs vor. In einer
Untersuchung, an der 325 gehörlose „High- School“ – Schülerinnen und Schüler und 52
Lehrer aus den gesamten Vereinigten Staaten beteiligt waren, wurden Lehrer im
Gebrauch von Dialogtagebüchern und dem prozessorientierten Ansatz der Vermittlung
von Schreibfähigkeiten ausgebildet. Analysen von Stichproben zu Beginn und am Ende
der zweijährigen Phase haben Verbesserungen in der gesamten Schreibqualität bei den
Studenten gezeigt, ebenso wie eine Zunahme in der grammatikalischen Komplexität.
32
Seminar: Schriftsprache und Hörschädigung
Dozentin: StR a .e H. Bimüller
Referentinnen: Maike Barz
Datum: 14.07.2003
Schriftsprache und Gebärdensprache
Poppendieker: Praxis des Schreibunterrichts
Schüler:
- gehörlose Kinder hörender Eltern
- LBG bzw. GBL als Erstsprache
 Kommunikation gegeben, dadurch „normale“ Voraussetzungen
Unterricht:
- freier Schreibunterricht angestrebte
- Wissen-Transformieren-Strategie (das Lernen lernen)
- intentionales Schreiben
- gl-spezifische Aufgaben: Schreibtelefon, Kommunikation mit Hörenden
Schreiben in den lautsprachlichen Konzeptionen:
- bei Schuleintritt unzureichende Kommunikationsformen
- Schriftsprache ersetzt Formen der Lautsprache
- Verschränkung von Schreibunterricht und Sprachaufbauunterricht
- Schreiben ist produktorientiert, nicht Prozess oder Strategie
 bei bestehender Gebärdenkommunikation ist Schreiben im besten Sinne möglich
Freies Schreiben in der Gehörlosenschule:
Strategien erlernen und bewusst machen
- Vorstellungen von Schreiben
- Keine Zergliederung
- Ausdruck der Persönlichkeit
- Eigene Rahmenbedingungen
- Öffentlichkeit, Reflexion
- Unterstützender Monolog
 freies Schreiben
Voraussetzung ist das bestehende Kommunikationsmittel
Sprachproduktionskompetenz:
- formale Strukturen werden automatisch produziert, Inhalt bewusst
- bei Schwierigkeiten setzen bewusste Lösungsstrategien ein
- Sprache zur Planung und Handlungskontrolle
- GBL funktioniert als inneres Sprechen
- Schreibanfänger „erschreiben“ unbekannte Strukturen
- dabei kommentierendes und begleitendes Sprechen/Gebärden
33
GBL als Basis für Formulierungsprozesse:
- Vermischung grammatischer Systeme
- Manuelle, orale, non-manuelle Komponenten
- Begleitendes Sprechen doppelt codiert (manuell und oral)
- Was wird verschriftet?
 Bewusstwerdung nötig: Kinder müssen beide Sprachen trennen können
- Ausdifferenzierung in LS und DGS im Laufe der Schulzeit
- individueller Sprachcode ist Ansatzpunkt für Schreibunterricht
Verschriftungsstrategien:
- allgemein: alphabetische Stufe mit „Rechtschreibsprechen“
- gl: rudimentäre Artikulation
- Unterstützung durch GMS, PMS notwendig
 komplex vernetztes orthographisches Lexikon
- Hinführung zur orthographische Stufe über Thematisierung von
Schwierigkeiten und Regelwissen
- Problem: Flexionen und Funktionswortarten
- Lösung: Ausdifferenzierung von LS und DGS
Umgang mit Fehlern:
- keine Normvorlage
- Fehler sind Teil des Lernprozesses, Ansatz für weiteren Unterricht
- Unterscheidung Verschreiber & Regelfehler
- Verschreiber (Rechtschreibung, Zeichen) durch Eigenaktivität korrigieren
(Revision, Schreibkonferenz)
- Regelfehler (Satzbau, Flexion, Lexikon) durch äußere prozessuale Hilfen
(Karteikarten)
- Ziel: Verinnerlichung dieser Hilfen zur Umgestaltung des inneren
Regelsystems
- Kriterium ist die Verständlichkeit
Unterrichtskommunikation:
- LBG bzw. GBL
- Vorteil: Verständigung, freie Unterrichtsformen, Atmosphäre,...
- Nachteil: Lehrerausbildung, nicht so flüssig,...
- Nicht traditionelles Konzept + LBG
- Sondern „bedeutungsvolle Kommunikation“: keine einfache Sprache, freies
Schreiben möglich, hohe Gebärdenkompetenz nötig
- LBG-Regeln: keine Morpheme und Artikel, Sinnzusammenhang bewahren,
Verben & Substantive an DGS orientiert, Orientierung beachten
 Nie so ideal wie LS oder DGS
 Hat LBG im Unterricht überhaupt Sinn? Besser gleich DGS ??
34
3.
Deutsche Gebärdensprache und Schreibunterricht
3.1
Besondere Voraussetzungen für den Erwerb von Schreibkompetenz
 Hier werden die Voraussetzungen gehörloser Kinder von gehörlosen Eltern
für den Erwerb von Schreibkompetenz und für den Unterricht im Schreiben
untersucht.
 Ziel: Das Besondere ihrer Situation herausarbeiten, um es für die
Früherziehung und Schule zu nutzen.
=>Erkenntnisse könnten hilfreich für hörende Eltern gehörloser Kinder sein.
 10% gehörloser Kinder haben auch gehörlose Eltern. (Stellt daher Minderheit
dar.)
3.2
Unterschiede zwischen Kindern gehörloser Eltern und hörender Eltern
 Gehörlosigkeit beim Kind ruft keinen Schock bei gehörlosen Eltern hervor.
 Gehörlose Kinder, gehörloser Eltern haben keine Zusatzbehinderungen.
=>Beide Faktoren führen zu stabileren Entwicklung dieser Kinder, da eine
emotional ausgeglichene Beziehung zwischen Eltern und Kindern besteht.
 Leistungsvergleich zwischen Kindern hörender Eltern und gehörloser Eltern
bestätigen, dass gehörlose Kinder gehörloser Eltern in allen Bereichen "gleich
gut und oft besser"5 abschneiden. Auch in der Schreibkompetenz bringen sie
die gleichen Leistungen. Nur der Bereich der Artikulationsfertigkeit stellt
eine Ausnahme dar.
3.3
Mögliche Ursachen für die Unterschiede im Verhalten gehörloser und hörender
Eltern
 Der Diagnoseschock bei den hörenden Eltern führt zum Verstummen
gegenüber ihren Kindern und die spontanen verbalen Äußerungen entfallen.
 Gehörlose Eltern hingegen können als Gehörlose mit ihren Kindern von
Anfang an kommunizieren und erleben keinen Diagnoseschock. Sie gewinnen
die Aufmerksamkeit ihres Kindes und erhalten diese.
(Videoaufnahmen zwischen den beiden Gruppen bestätigen dieses Vorgehen!)
-
-
-
-
5
6
Hörende Kinder richten in Spielsituationen ihre visuelle Aufmerksamkeit
auf den Spielgegenstand oder auf die Spielhandlung.
Gehörlose Kinder müssen ihre Aufmerksamkeit zwischen
Spielgegenstand/- handlung und "der an sie gerichteten Kommunikation
teilen.
Gehörlose Mütter halten den Spielgegenstand mit der einen Hand und
gebärden mit der freien Hand. Sie passen ihre Strategien den veränderten
Bedürfnissen ihres Kindes an.
Problem der geteilten Aufmerksamkeit wird nach 12 Monaten gelöst, da
das Kind die Signale der Mutter sehr schnell deuten kann und dadurch
weiß, wann es zu schauen hat.
=>Auf dieser Basis vollziehen gehörlose Kinder eine altergemäße
Sprachentwicklung und erwerben eine Primärsprache, "mit der der Alltag
bewältigt sowie Welt- u. Sprachwissen erworben werden kann."6
Poppendieker, R.; "Freies Schreiben und Gebärden"; S. 202
Poppendieker, R.; "Freies Schreiben und Gebärden"; S. 204
35
3.4
Besondere Kennzeichen der Gebärdensprache als Primärspracherwerb bei
gehörlosen Kindern mit gehörlosen Eltern
Gehörlose Eltern wenden eine Mischform zwischen Lautsprache und
Gebärdensprache an, um bei ihren Kindern die selbst erfahrene
Diskriminierung durch Hörende zu vermeiden.
Gehörlose Kinder erwerben schon vor Schulbeginn Wissen über die DLS,
da gehörlose Eltern über die Wichtigkeit der LS für die Zukunft wissen.
Das Schreiben ist im täglichen Leben Gehörloser ein wichtiges
Kommunikationsmittel. Für deren Kinder ist der Gebrauch von
Geschriebenem vertraut.
Die Anbindung an eine Gehörlosengemeinschaft erlaubt es den Kindern
bei allen Gesprächen teilnehmen zu können.
Kinder erwerben "ein dem Wortschatz hörender Kinder vergleichbaren
Gebärdenschatz."7
-
-
-
3.5
Gehörlose Eltern passen ihre Sprache und Gebärden bei den
gemeinsamen Buchaktivitäten mit ihren Kindern, deren
Entwicklungsstand und Bedürfnissen an. (=>Hörende Eltern geh. K.
benennen Dinge und Gegenstände weniger.)
Der Kommunikationsanteil bei geh. Kindern mit geh. Eltern liegt um 30%
höher als bei geh. Kindern mit hörenden Eltern.
Bsp.: Alice beim Buchlesen8: Angepasste kontextbezogene Art der
Gebärde fördern die Sprachentwicklung von Alice. Vater und Tochter
gehen vom Benennen über zu Aussagen über handelnde Personen und
Dinge.
Alice kann Bezüge zwischen sich, ihrem Alltag und den
Buchgeschichten herstellen.
erwirbt dabei Kenntnisse über das Schriftsystem.
Soziale Rollenspiele tragen zu weiteren Erfahrungen bei und können beim
Schreiben weiter entwickelt werden.
Die Zeichen- und Kritzelerfahrungen kommen zum Einsatz u. werden
weiter entwickelt.
Die Kinder haben bereits schon Erfahrungen über Schreiben und
Geschriebenes gesammelt und können ihr Wissen in Kritzelaktivitäten
oder Schreibtelefonierversuchen umsetzen.
Einfluss der Kindergartenerziehung auf die sprachliche Entwicklung
Gehörlose Kinder kommen im Kindergarten und auch in der Schule mit hörendem
Personal zusammen. Hier soll untersucht werden, welchen Einfluss dies auf die Kinder
nimmt.
Die Erzieherinnen benutzen LBG und DGS findet keine Anwendung.
Die nur gesprochene LS, ohne Begleitung von Gebärden wird ebenfalls nicht eingesetzt.
Kinder gehörloser Eltern nehmen die LBG als eine andere Art zu Gebärden wahr.
 Bsp. Dieter(3;4 Jahre): lernt im Kindergarten schnell die LBG hinzu und kann sie
personenspezifisch einsetzen.
7
8
Poppendieker, R.; "Freies Schreiben und Gebärden"; S. 206
Poppendieker, R.; "Freies Schreiben und Gebärden"; S. 208
36
Kritik: Die Primärsprache der Kinder wird kaum beachtet. Die Kinder erwerben im
Kindergarten eine zweite Sprache, die der LBG. Die Vorkenntnisse der Kinder in
Bezug auf Geschriebenes wird nicht weiter gefördert. Die GS Fähigkeiten werden
nicht weiter gefördert. Kinder bedürfen nicht der LS zum Schreibenlernen.
4.
Konsequenzen für den Schreibunterricht
Gehörlose Kinder mit gehörlosen Eltern bringen andere Voraussetzungen für den
Schreibunterricht mit, der in methodischen Überlegungen einbezogen werden sollte.
Diese Kinder erwerben in Bildungseinrichtungen eine zweite Sprache, die im
Schreibunterricht adäquat berücksichtige werden sollte.
4.1
Gegebenheiten der deutschen Bildungseinrichtungen, die einer Veränderung
bedürfen
-
Der gemeinsame Unterricht von Kindern mit gehörlosen und hörenden
Eltern erfordert zusätzlich den Einsatz der GS. Die Gruppe der Kinder mit
gehörlosen Eltern erlernen eine zweite Sprache in der Schule.
Das oberste Ziel der Bildungseinrichtungen ist der Erwerb der deutschen
LS in gesprochener und geschriebener Form für alle gehörlosen Schüler.
Die GS ist keine Unterrichtssprache und kein Unterrichtsgegenstand. Die
Kinder können ihre Primärsprache nicht weiter entwickeln, außer im
Elternhaus.
Folge: Negativer Einfluss auf die Einschätzung der eigenen
Gruppensprache und die Nichtausbildung einer kognitiv-akademischen
Sprachkompetenz.
In Frankreich und Schweden gibt es bilinguale Programme für gehörlose Kinder. Der
Unterricht erfolgt durch zwei Lehrkräfte. Eine gehörlose und hörende Lehrperson, die
kompetent in der GS und der LS ist.
Auch an deutschen Schulen für Gehörlose wäre es förderlich und notwendig
Lehrpersonen zu haben, die kompetent in beiden Sprachsystemen sind. (Eine
detaillierte grammatische Beschreibung der DGS liegt nicht vor.)
4.2
Lösungsvorschläge der Autorin9
Hörende Lehrerin sollte zwischen der DGS und LSG unterscheiden, um
-
-
die Primärsprache angemessen anzuerkennen und einzubeziehen.
Dadurch können Kinder beim Schreibenlernen für die zweite Sprache
andere Formulierungen entwickeln.
bei den Kindern hörender Eltern ein Bewußtsein für die Unterscheidung
beider Sprachen wecken. Die Vorstellungen der Schüler könnte über
geschriebene Formen der LS versprachlicht werden. Die Vorerfahrungen
der Kinder gehörloser Eltern könnte hier zum Einsatz kommen.
Um die DGS der gehörlosen Schüler zu fördern, wäre ein Fach DGS notwendig, in der
eine DGS kompetente Person unterrichtet.
9
Poppendieker, R.; "Freies Schreiben und Gebärden"; S. 218
37
Förderlich ist es Gebärdentexte für den Unterricht zu erstellen und den Schreibprozess
anzuregen, indem Kinder ihre Ideen in der Primärsprache beitragen und diese auf die
zweite Sprache übertragen.
4.3
DGS als Basis für die Formulierungsprozesse beim Schreiben in der DLS
Gehörlose Kinder gehörloser Eltern leben von Anfang an in einer "lebensweltlichen
Zweisprachigkeit". Sie sind motiviert selber schreiben zu lernen, durch den Gebrauch
der Schriftsprache durch die Eltern.
Für Kinder hörender Eltern ist es wichtig, "die im GBL-Code codierten Bedeutungen in
ihrer Relevanz für die Verschriftung ins Bewußtsein zu heben und Fähigkeiten" für
Übertragungen in die geschriebene Form der DLS zu entwickeln.10
-
-
-
Bei gehörlosen Kindern gehörloser Eltern läuft die Entwicklung der
Primärsprache im phonologischen, semantischen, syntaktischen und
pragmatischen Sinne normal ab.
Sie verfügen über ein symbolisches Mittel zur inneren Planung und
Handlungskontrolle.
Sie können unterscheiden, welche Sprachanwendung ihrer eigenen
Sprache entspricht und das Schreiben für sie in einer anderen Sprache
erfolgt.
In ihren ersten freien Texten werden diese Schüler eine Form der DLS
verschriften, mit den von ihnen entwickelten Regeln.
Der freie Schreibunterricht ermöglicht eine Individualisierung zwischen dem jeweils beim
Formulieren während des Schreibens benutzten Sprachen und Codes.
Damit die Lehrerin den Lernprozess eines Kindes erkennt und den Unterricht danach
vorbereitet, muss sie über beide Sprachen gute Kenntnisse verfügen.
Der individuelle Unterricht darf sich nicht nur auf den Schreibunterricht beschränken und
sollte im Lese-, Sprach- und Artikulationsunterricht eine Vorgabe sein.
Ihre lebensweltliche Zweisprachigkeit kann sich somit auch im Unterricht äußern.
Literatur:
Poppendieker, R. (1992): Freies Schreiben und Gebärden. Hamburg: Signum
Albertini, J. (2002): Wie gehörlose schreiben lernen: Die Interaktion von Sprache, Modalität
und Unterricht. In: Hörgeschädigtenpädagogik 2/2002: 74-79
Wudtke, H. (2001a): Schriftspracherwerb bei gehörlosen Kindern. Ein Rätsel für Pädagogen. In: Grundschule Sprachen 2: 34-35
Wudtke, H. (2001b): Von der Leisesprache zur Schriftsprache: Eine Schriftsprachkarriere
im Zeitraffer. : In: Grundschule Sprachen 2: 36-38
10
Poppendieker, R.; "Freies Schreiben und Gebärden"; S. 220
38
39
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