Das Dritte Reich

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SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
Christoph Auffarth
Religionsgeschichte
des Dritten Reiches
Eine Vorlesung
Bremen SommerSemester 2007
1
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
2
Das Vorlesungsskript ist nicht veröffentlicht. Die Abbildungen sind mit einem Copyright
geschützt, das heißt sie können nicht veröffentlicht werden, ohne die Abbildungsrechte
einzuholen. Die Texte und Abbildungen sind nur für den privaten Gebrauch bestimmt. Zitate aus
meinen Formulierungen können nur angegeben werden in der Formulierung „aus einem
unveröffentlichten Vorlesungsmanuskript von Christoph Auffarth“.
Daten, Texte, Zitate sind nach bestem Bemühen zusammengestellt, soweit sich das in der Kürze
der Zeit ermitteln ließ.
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
3
Inhaltsverzeichnis
Ankündigung
Bibliographie
Einleitung
5
8
I. Eschatologie/Heilsgeschichte
1
Krisis: Der Schock des Ersten Weltkriegs
2
Das Heilige
3
Das Dritte Reich
4
Messias und Führer
5
Gehorsam und Volksgemeinschaft
9
13
17
21
25
II. Kult und Religion des Dritten Reiches
6
Heldenkult und die Märtyrer (religio castrensis)
7
Der Glaube Adolf Hitlers und die Reichsparteitage
8
Katholizität/Politische Theologie: Carl Schmitt und Erik Peterson
9
Völkische Religion: Jakob Wilhelm Hauer
29
33
37
41
III. Religionen im Dritten Reich
10
Antisemitismus und „Vernichtung“
11
Katholizismus: Konkordat und „der Papst, der schwieg“
12
Protestantismus: Die Deutschen Christen
13
Protestantismus: Die Bekennende Kirche
45
49
53
58
IV. Ist das noch Religion?
14
Politische Religion
63
Themen für Referate
Materialien zu den einzelnen Vorlesungen
Abbildungsverzeichnis
71
79
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
4
Prof. Dr. Dr. Christoph Auffarth
Vorlesung
(für alle Studierenden; zugleich Modul 5-1 für das Bachelor-Studium: Europäische Religionsgeschichte I)
DAS DRITTE REICH – EINE RELIGIONSGESCHICHTE 1918-1968
09-54-4-M5 (2)
Donnerstags SoSe 2007,
Beginn am 19. April.
Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
Verbindlich ist die Vorlesung als Teil des Moduls „Europäische Religionsgeschichte I“
(Bachelor Modul 5-1). Sie ist offen für alle Studierenden der Religionswissenschaft.
Die 12 Jahre nationalsozialistischer Herrschaft 1933-1945 bilden einen tiefen Einschnitt in der
Geschichte und der Religionsgeschichte der Welt, Europas, Deutschlands, gleichzeitig muss man
sie verstehen als einen Teil der Epoche von der „Urkatastrophe“ des Ersten Weltkriegs bis zur
Mai-Revolution 1968. Tief verwurzelt in den kulturellen und religiösen Traditionen konnten sie
doch die Konventionen von Kultur, Politik und Religion umstürzen.
In der Vorlesung werden die neue Heilsgeschichte (Das Heilige, Das Dritte Reich, Messias)
behandelt, dann die kultische Dimension im Kult der Helden und Männer, des Führers, der
Reichsparteitage, schließlich, wie die Religionen sich selbst revolutionierten: der
Antisemitismus, die Kirchen nach dem Diktator-Prinzip und die Stellung der Bekennenden
Kirche, die nationale Teil-Kirche der katholischen Weltkirche. Die Frage, wie eine abgrundtiefe
Bosheit akzeptiert, ja begeistert getragen werden konnte und welche Rolle die Religion dabei als
Begründung (und kaum widerständig) spielte, wird eine durchgängige Frage bilden.
Religionswissenschaftlich stellt die Religionsgeschichte des Dritten Reiches eine besondere
Herausforderung dar: Ist die Religionswissenschaft in der Lage, Religion so zu beschreiben, dass
die Weltanschauung des Nationalsozialismus in ihren kultischen Formen, ihrem religiösen
Anspruch und ihrer Konkurrenz zu und Herkunft aus Christentum und Judentum angemessen
bewertet wird? Worin liegt die Andersheit der Religion(en)?
Zur Einführung: Kurt Nowak: Geschichte des Christentums in Deutschland. Religion, Politik und Gesellschaft
vom Ende der Aufklärung bis zur Mitte des 20. Jh., München 1995. - Vorzügliche Einführung: Monika
Neugebauer-Wölk: Esoterik und Neuzeit. Überlegungen zur historischen Tiefenstruktur religiösen Denkens im NS.
In: Zeitenblicke 5(2006), Nr. 1 (04.04.2006) URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Neugebauerwoelk (20.2.2007)
Joachim Mehlhausen: Nationalsozialismus und Kirchen. Theologische Realenzyklopädie 24(1994), 43-78.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
5
B
ibliographie
Forschungseinrichtungen
Institut für Zeitgeschichte, München. Mit der Zeitschrift: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte.
http://www.ifz-muenchen.de/
(Reemtsma Stiftung)
Lexika und Sprache
TRE Theologische Realenzyklopädie, hg. von Gerhard Krause; Gerhard Müller. 36 Bände.
Berlin; New York 1977-2005.
GGB Otto Brunner; Werner Conze; Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe.
Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. 8 Bde, in 9 Teilen.
Stuttgart 1972-1997. (Tb-Ausgabe Stuttgart 2004)
Wolfgang Reichard [u.a.] (Hrsg.); Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich
1680-1820. München 1985Wörterbücher zur Sprache des/im Dritten Reiches
Pionierarbeit des jüdischen Romanisten Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen.
Berlin 1947. Viele Auflagen, als TB bei dtv und Reclam/Leipzig [LTI abgekürzt für Lingua
Tertii Imperii „Sprache des Dritten Reiches“] Dazu kommen Klemperers sehr wichtige
Tagebücher.
Vokabular 1998. Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des NS. Berlin; New York 1998.
Prosopographie (Personen)
Für den kirchlich-theologischen Bereich faktenreiche Biographien und ausführliche
Bibliographien in BKKL Biographisch-bibliographisches Kirchenlexikon, das auch im
Internet (teils aktualisiert) aufrufbar ist. www.bautz.de/bbkl
Quellen
Hitler: Reden, Schriften, Anordnungen. Februar 1925-Januar 1933. Band 1: Die Wiedergründung
der NSDAP Februar 1925-Juni 1926, hg. von Clemens Vollnhals. (1992). – Band 2: Vom
Weimarer Parteitag bis zur Reichstagswahl, Juli 1926-Mai 1928, hg. von Bärbel Dusik
(1992). – Band 3, 1-3, München 1994-1995. Band 4, 1-3 (1994-1997), Band 5.1-2, 19961998. Ergänzungsband: Der Hitler-Prozess 1924 ... München, 4 Bde, München 1997-1999.
Register etc. 2003.
Forschungsliteratur: Politik und Gesellschaft
Wehler 2003. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4. Vom Beginn des
Ersten Weltkriegs bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten. München 2003.
Dohnke 2001. Kay Dohnke: Nationalsozialismus in Norddeutschland. Ein Atlas. Hamburg; Wien
2001.
Forschungsliteratur: Kultur
Emmerich 1971. Wolfgang Emmerich: Germanistische Volkstumsideologie. Genese und Kritik
der Volksforschung im Dritten Reich. (Volksleben 20) Tübingen: Tübinger Vereinigung für
Volkskunde 1968. Suhrkamp es 502. Frankfurt 1971.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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Deutschlands. (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte 13) Stuttgart: DVA 1966.
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Frankfurt/M. : Verlag der Frankfurter Hefte 1946. Zahllose Neuauflagen.
Mosse 1978. George L. Mosse: Rassismus. Ein Krankheitssymptom in der europäischen
Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Königstein/Ts.: Athenäum 1978.
Mosse 1979. George L. Mosse: Ein Volk, ein Reich, ein Führer. Die völkischen Ursprünge des
Nationalsozialismus. 1964. ²1979.
Mosse 1997. George L. Mosse: Das Bild des Mannes. Zur Konstruktion der modernen
Männlichkeit. Frankfurt 1997 [Oxford 1996].
Mosse 2003. Aus großem Hause. Erinnerungen eines deutsch-jüdischen Historikers. München:
Ullstein 2003.
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Gesellschaft vom Ende der Aufklärung bis zur Mitte des 20. Jh. München 1995.
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(G.W.: Studium Systematische Theologie, Band 1) Göttingen 2005.
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Bilder (Kunst, Architektur, Karikatur, Film)
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http://www.calvin.edu/academic/cas/gpa/caric.htm
Kirchengeschichte
Schmidt [1964] Kurt Dietrich Schmidt: Einführung in die Geschichte des Kirchenkampfes in der
nationalsozialistischen Zeit. Hrsg. von Jobst Reller. Hermannsburg: Ludwig-Harms-Haus
2009. 320 Seiten. Der Kirchengeschichtler KDS hielt unmittelbar nach der Katastrophe
mehrere Male seine Vorlesung über den „Kirchenkampf“, zuletzt im Jahr seines Todes. Er
selbst hatte seine Professur in Kiel 1935 durch die Nazis verloren.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
7
Besier 2000. Gerhard Besier: Kirche, Politik und Gesellschaft im 20. Jh. EDG 56. München
2000. [Überblick, Grundprobleme der Forschung, Quellen und Literatur].
Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 1: Vorgeschichte und Zeit der
Illusionen 1918-1934. Frankfurt; Berlin 1977 (TB 1986). Band 2: Das Jahr der
Ernüchterung 1934. Barmen und Rom. 1985 [Band 3-4 [Scholder starb 10. 4. 1985], von
Besier]; (Aufsätze von KS) Die Kirchen zwischen Republik und Gewaltherrschaft.
Gesammelte Aufsätze. Hg. von Karl Otmar von Aretin; Gerhard Besier. Berlin 1991. Band
3: Gerhard Besier: Spaltungen und Abwehrkämpfe 1934-1937. 2001.
Leonore Siegele-Wenschkewitz: Nationalsozialismus und Kirche. Religionspolitik von Partei
und Staat bis 1935. (Tübinger Schriften zur Sozial- und Zeitgeschichte 5) Düsseldorf
Droste 1974. Pionierwerk der Archiv- und Quellenforschung, die grundlegend waren für
Scholders Darstellung.
Denzler/Fabricius 1988. Georg Denzler; Volker Fabricius: Die Kirchen im Dritten Reich.
Christen und Nazis Hand in Hand? 2 Bde, Frankfurt 1988. (Fischer TB 4320/21)
Diskussion um die „Religiöse Dimension“ des NS; Politische Religion
Monika Neugebauer-Wölk: Esoterik und Neuzeit. Überlegungen zur historischen Tiefenstruktur
religiösen Denkens im NS. In: Zeitenblicke 5 (2006), Nr. 1 (04.04.2006) URL:
http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Neugebauerwoelk (20. 2. 2007)
Bärsch 1991. Claus Bärsch: Religiöse Dimensionen der nationalsozialistischen Politik. Frankfurt:
es 1670) Frankfurt 1991.
Reichelt 1991. Werner Reichelt: Das braune Evangelium. Hitler und die NS-Liturgie. Wuppertal
1991.
Hauser 2004. Linus Hauser: Kritik der neo-mythischen Vernunft. Band 1: Menschen als Götter
der Erde 1800-1945. 2004, ²2005. Band 2: ##.
Hölscher 2005. Lucian Hölscher: Geschichte der protestantischen Frömmigkeit in Deutschland.
München: Beck 2005. – Zweiter Band in Arbeit.
Ley 2005. Michael Ley: Mythos und Moderne. Über das Verhältnis von Nationalismus und
politischen Religionen. Wien [u. a.] 2005.
Ley 2001. Michael Ley: Holokaust als Menschenopfer. Vom Christentum zur politischen
Religion des Nationalsozialismus. Münster [u. a.]: Lit 2002.
Ley 1997. Michael Ley: Der Nationalsozialismus als politische Religion. Bodenheim 1997.
Maier. Hans Maier: Politische Religion. Freiburg 1995. (Apologetisch zum Katholizismus),
Lübbe 2005. Hermann Lübbe: Modernisierungsgewinner, 2005, ##.
Voegelin 1938. Eric Voegelin: Politische Religion. Stockholm 1938.
Huttner 1999.
„Politische Theologie“ ist ein Begriff von Carl Schmitt (des Kronjuristen des Dritten Reiches),
Berlin 1932. Damit setzt sich auseinander Jacob Taubes und sein Kreis an der FU Berlin.
Jacob Taubes (Hg.) Religionstheologie und Politische Theologie. München: Fink 1983-1987.
Band 1: Der Fürst dieser Welt. Carl Schmitt und die Folgen. 1983.
Band 2: Gnosis und Politik. 1984.
Band 3: Theokratie. 1987.
Johannes Fried: Einleitung zu E.H. Kantorowicz: [Selected Studies, Locust Valley 1965; dt.]
Götter in Uniform. Studien zur Entwicklung des abendländischen Königtums, hg. v. E.
GRÜNEWALD; U. RAULFF. Stuttgart 1998.
Nichtweiß 1991. Barbara Nichtweiß: Erik Peterson. Freiburg 1991.
Klaus Hildebrand (Hg.): Zwischen Politik und Religion. Studien zur Entstehung, Existenz und
Wirkung des Totalitarismus. (Schriften des Historischen Kollegs, Kolloquien 59) München
2003.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
8
Rissmann 2001. Michael Rissmann: Hitlers Gott. Vorsehungsglaube und Sendungsbewusstsein
des deutschen Diktators. Zürich: Pendo 2001.
Wahl 2002. Hans Rudolf Wahl: Die Religion des deutschen Nationalismus. Eine mentalitätsgeschichtliche Studie zur Literatur des Kaiserreichs: Felix Dahn, Ernst von Wildenbruch,
Walter Flex. (Neue Bremer Beiträge 12) Heidelberg: Winter 2002. [404 S. : Ill. Diss
Bremen 2000].
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
9
Einleitung
1. Religion: In einem der ersten Rundbriefe, die der Landesbischof einer der „intakten“
Landeskirchen Theophil Wurm in Württemberg zu Pfingsten 1945 verschickte, erklärte er die
Niederlage im Krieg als Strafe und Hilfe Gottes zugleich: „Diesem inneren Verfall, der schon
seit Jahrhunderten durch glaubenslose Welt- und Lebensanschauungen vorbereitet war, nun aber
seinen Höhepunkt erreicht hat, musste der äußere folgen.“1 Der durchaus national denkende
Protestant versteht also die NS-Herrschaft nicht als Einzelfall, in dem eine kleine Gruppe den
Rest des Volkes verführt und zu Verbrechen gezwungen hat, vielmehr als Höhepunkt einer
Entwicklung eines langen Prozesses des Verschwindens der Religion (des „Glaubens“),
konsequentes Ergebnis der Säkularisation: Das Dritte Reich war religionslos, seine Anführer
Atheisten und Materialisten. Seine Gegner aber auch, die Sozialisten und Kommunisten.
2. Nun war die Zeit aber voll von Religion, wie man schnell sieht. Diese unterschied sich aber
von der ‚Religion’, wie sie nach dem Krieg als das vorher Angegriffene und jetzt sich wieder als
Rettung Zeigende verstanden wurde. Dieses Andere wurde mit dem Begriff der
„Weltanschauung“ bezeichnet. Das Wort, das gleichberechtigt mit Religion in die Weimarer
Verfassung hineingeschrieben wurde, stammt aus folgendem Kontext:2
3. Als in der Aufklärung bewusst wurde, dass es keine objektive Wahrnehmung der Welt geben
kann, die für alle Menschen gleich sein muss, fand sie den Begriff der Weltanschauung als das
individuelle, durch Bildung und Lebensumstände gefundene Gesamtbild der Welt, in der ich lebe
- Immanuel Kant für die Subjektivität, Schleiermacher für die Anschauung, Goethe für die
Veränderung während des Lebens. Im 19. Jh. wurde W. dann zum Kampfbegriff gegen Religion,
nämlich „Weltanschauung auf wissenschaftlicher Grundlage“ bedeutete die Naturwissenschaft
als Sinnproduzent, die in einem ständigen „Kampf“ gegen andere Weltanschauungen steht.
4. Epochenabgrenzung: Die europäische (und darin die deutsche) Religionsgeschichte ist durch
zwei Umbrüche geprägt: Dies ist nicht durch die ereignisgeschichtlich wichtigen Jahre 1933 und
1945, also Aufstieg und Katastrophe der NS-Diktatur begrenzt. Vielmehr sind zwei Umbrüche
entscheidend
5. 1918: Das Ende des Ersten Weltkrieg und der kaum für einen dauerhaften Frieden geeignete
Friedensvertrag von Versailles trugen nicht nur in sich schon den Keim des Nationalismus und
des Zweiten Krieges, sondern er beendete auch eine relativ friedliche Epoche, in der die Europäer sich als zusammengehörig empfanden.3 Vieles, was selbstverständlich Gültigkeit besaß, wurde
nun radikal in Frage gestellt, der freundliche Umgang mit anders Denkenden und anders Lebenden wich einem Hass. Differenz wurde zu Feindschaft stilisiert. Vorher undenkbare radikale
Lösungen konnte man vorbringen. Dabei sind Strömungen von Nationalismus, Antisemitismus,
Euthanasie usf. schon im Kaiserreich entstanden. Aber es gab empörte Gegenbewegungen mit
politischer Kraft.
6. 1945 ist nicht alles vorbei. Die direkte Herrschaft des NS und die Durchsetzung von staatlich
beschlossenen Verbrechen in einem durch bürokratisierten Staat wurden zwar gebrochen, nicht
aber die Programme, die dem NS zur Macht verholfen hatten, nicht die Eliten, die die Programme in Politik umgesetzt hatten. Die Eliten hielten sich, bewahrten ihre Macht in „Seilschaften“
bis zum Aufstand der (oft späten) Kinder in der sog. Studentenrevolution von 1968.
1
Zitiert bei Clemens Vollnhals: Erblast des Nationalprotestantismus. In: Manfred Gailus; Hartmut Lehmann (Hrsg.):
Nationalprotestantische Mentalitäten. Konturen, Entwicklungslinien und Umbrüche eines Weltbildes. (MPIG 214)
Göttingen 2005, 382.
2
Helmut Thomé: Weltanschauung. HWPh 12(2004), 453-460.
3
Christoph Auffarth: „Ein Hirt und keine Herde“. Zivilreligion zu Neujahr 1900. in C.A.; Jörg Rüpke (Hrsg.)l:
Ἐπιτομὴ τῆς Ἑλλάδος. Studien zur römischen Religion in Antike und Neuzeit für Hubert Cancik und Hildegard
Cancik-Lindemaier. (Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge 6) Stuttgart 2002, 203-223.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
1 KRISIS – DER SCHOCK DES ERSTEN WELTKRIEGS
1.1 Der Weltkrieg - eine mentalitätsgeschichtliche Revolution
1. Willy Hellpach untersuchte während des Krieges Soldaten, die ununterbrochene Todesangst
in den Schützengräben nicht aushielten und als Nervenkranke (Neurasthenie) in Heilanstalten
eingewiesen wurden. – Übrigens noch ganz ernst genommen und nicht als Simulanten verhöhnt.4
2. Hellpach beobachtete dabei, dass diesen Soldaten der private und berufliche Alltag der
Vorkriegszeit als etwas „längst Vergangenes [...] weit, weit Zurückliegendes“ erschien. „Diese
letztere Empfindung findet sich überaus verbreitet. Was vor dem Kriege war, scheint durch eine
Kluft von Jahren von der Gegenwart geschieden und den Heutigen nichts mehr anzugehen.“5
3. Die Welt von Gestern schrieb der österreichisch-jüdische Schriftsteller Stefan Zweig (18811942) im Exil in Brasilien kurz vor seinem Selbstmord (1942). 6 Hermann Heimpel erzählt etwas
später in ähnlicher, nicht nostalgischer Weise von der Welt vor und dem Umbruch durch den
Krieg.7
4. Der Krieg aber veränderte die Welt. Das waren zum einen die Erfahrungen derer, die an der
Front gekämpft hatten [s. Vorlesung 2]. War der Beginn des Krieges noch mit dem Bild des
Helden verbunden, der mit dem Schwert in der Hand seinen Kameraden voraus als Held eine
Schlacht kämpft, so wurde die Erfahrung des unsichtbaren Todes, der technischen MaterialSchlachten, des passiven Wartens, des Verschüttetwerdens zu einer völligen Veränderung.8 Die
National-Religion in Form des jährlichen Trauerns an den Kriegerdenkmälern, die im 19. Jh.
schon eine neue, nicht-kirchliche Form der Religion manifestierte, erfuhr nach dem Ersten
Weltkrieg noch einmal einen Höhepunkt.9
5. Da waren die Erfahrungen, dass die in der zivilisierten Welt gültigen ungeschriebenen
Gesetze nicht mehr selbstverständlich eingehalten wurden.
6. Ein Beispiel mag das verdeutlichen. Die beiden für die Religionswissenschaft hoch bedeutenden Heidelberger Professoren Max Weber und Ernst Troeltsch zerstritten sich auf Dauer über
einen Vorfall. Troeltsch war eingesetzt zur Aufsicht über ein Lazarett. Als Troeltsch einem
Elsässer einen Krankenbesuch nur erlaubte, wenn jemand das Gespräch mithörte, um Verrat zu
4
Willy Hellpach: Die Kriegsneurasthenie. Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie 45 (1919), 177229. Im Zusasmmenhang Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hitler.
München 1998.
5
Zitiert nach Hans Joas: Kontingenzbewusstsein. Der Ersten Weltkrieg und der Bruch im Zeitbewusstsein der
Moderne. in: Petra Ernst u.a. (Hrsg.): Aggression und Katharsis. Der Erste Weltkrieg im Diskurs der Moderne. Wien
(Passagen) 2004. 2004, 43-56, hier 45.
6
Stefan Zweig: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Stockholm: G. Berman Fischer 1942.
7
Hermann Heimpel: Die halbe Violine. – Jetzt zu lesen zusammen mit den Erinnerungen seines Sohnes Christian,
der als Dieb beschuldigt, trotz erwiesener Unschuld dennoch von seinen Eltern weiter als Betrüger behandelt wird.
8
Klaus Vondung (Hrsg.): Kriegserlebnis. Der Erste Weltkrieg in der literarischen Gestaltung und symbolischen
Deutung der Nationen. - Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht 1980. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte
1866-1918, Band 2, München 1992, 850-858. Zu Kriegserfahrung der SFB in Tübingen
9
Michael Jeismann; Reinhart Koselleck (Hrsg.): Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne.
München: Fink,1994.
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
11
verhindern, warf Weber seinen Untermieter Troeltsch aus seiner Wohnung, weil er die Gesinnungsschnüffelei für ehrverletzend ansah.10
1.2 Moderne und Barbarei: Jahrhunderte als Gliederung der Geschichte
1. Der Weltkrieg enthüllte das – bis dahin eher kaschierte – andere Gesicht der Moderne: Bis
dahin galt Moderne als notwendiger Fortschritt, dem auch einige Opfer zu bringen seien. Der
Krieg war zugleich Motor der Modernisierung mit der Erfindung der Panzer, der U-Boote,
Anfängen der Kriegsflugzeuge; die chemische Industrie entwickelte Giftgase, die bereits in der
Haager Konvention (1899/1907) geächtet waren, aber für die Vernichtung der Juden wieder
Großaufträge einbrachten. Mechanisierung des Tötens. Massenvernichtungswaffen. Der Totale
Krieg wurde als Begriff erfunden, aber der Krieg wurde im Wesentlichen noch auf dem
Schlachtfeld, an der „Front“ geschlagen.
2. Die Kunst des Friedensschlusses ging verloren; nach dem Zweiten Weltkrieg wurde gar kein
Friedensvertrag mehr geschlossen.
3. Insofern ist es also nicht richtig, von einem Rückfall in die Barbarei (oder „ins Mittelalter“)
zu sprechen.11 Mit der Moderne ist auch die Modernisierung der Gewalt verbunden.
1.3
Das Ende des protestantischen Bürgertums als politische Herrschaftsklasse:
Klassen und Revolutionen als Gliederung der Geschichte
1. Nationalprotestantische Milieus: Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Anwachsen der
Kirche, das von den Bischöfen als „die Stunde der Kirche“ begrüßt wurde, die „Stunde des
Wiedereintritts“ derer, die für ihre Karriere in die Partei eingetreten und sich gleichzeitig aus der
Kirche abgemeldet hatten. „Damit vollzog sich, soziologisch gesehen, die Wiederherstellung des
protestantischen Milieus der späten Weimarer Republik, also der sozialen und mentalen
Übereinstimmung der ‚gut kirchlichen’ mit den ‚gut bürgerlichen’ Kreisen. Dieser führte ... zu
keiner sozialen Milieuerweiterung.“12
2. Etwas weiter gefasst in der zeitlichen Perspektive müsste man das etwa so konzipieren: Der
Protestantismus entwickelte sich im 19. Jahrhundert zur Religion des Bürgertums. Die Arbeiter
als die soziale Gruppe, die enorm anwuchs, wurde vom Protestantismus nicht erreicht. „Arbeiter“
sind zunächst die jungen Männer, die aus den Dörfern zu den abseits der Städte an Flüssen gelegenen Fabriken ziehen, dort für einige Jahre Geld verdienen, um dann in die Dörfer als Bauern
zurückzukehren. Mit der Gründung des Deutschen Reiches ändert sich die soziale Gruppe: Die
Fabriken ziehen in die Städte (wo auch die Abnehmer leben), die Arbeiter werden dauerhaft in
den Städten ansässig, aber in den Sozialwohnungen und Hinterhöfen. Die Finanzierung der Religion erfolgt durch eine teure Steuer, die der Staat direkt vom Lohn abzieht. Da viele ärmere
Schichten das Geld dringend brauchen, treten sie aus der Kirche aus.
3. Gleichzeitig verfestigt sich eine Gegnerschaft: Das protestantische Bürgertum ist in Preußen
die staatstragende Klasse. Die Arbeiter werden vom Staat sozial und politisch klein gehalten. In
ihrer politischen Meinungsführerschaft wird die Arbeiterklasse anti-religiös.
4. Vor dem Ersten Weltkrieg (um 1900/1910) kommt es zu einer leichten Erholung vom Jahrhundert-Trend der sog. Säkularisierung, genauer des Schwindens der zahlenden Mitglieder in den
protestantischen Kirchen.13 Eine Untersuchung hat aber ergeben, dass die neuen Mitglieder nur
10
Joachim Radkau: Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens. München 2005, 344 f.
Max Miller; Hans-Georg Soeffner (Hrsg.): Modernität und Barbarei. Soziologische Zeitdiagnose am Ende des 20.
Jahrhunderts. Frankfurt 1996.
12
Clemens Vollnhals: Im Schatten der Stuttgarter Schulderklärung. Die Erblast des Nationalprotestantismus. In:
Manfred Gailus; Hartmut Lehmann (Hrsg.): Nationalprotestantische Mentalitäten. Konturen, Entwicklungslinien
und Umbrüche eines Weltbildes. (MPIG 214) Göttingen 2005, 379-431.
13
Umfassende Darstellung des (von den evangelischen Kirchen erhobenen) Zahlenmaterials zu Mitgliedschaft und
Beteiligung an Gottesdiensten im: Datenatlas zur religiösen Geographie im protestantischen Deutschland. Von der
Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Hg. von LUCIAN HÖLSCHER unter Mitarbeit von TILLMANN
11
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
12
eine Aktivierung innerhalb des bürgerlichen Milieus bedeuten (als Verwandte in den gleichen
Familien), nicht die Erschließung neuer sozialer Schichten.
5. Mit dem Ersten Weltkrieg verliert das nationalprotestantische Milieu seine Vorherrschaft.
Die bürgerliche Klasse löst sich als Klasse auf, es bleibt das Milieu. Die Katholiken und die
Sozialisten hatten sich im Kaiserreich gegen die protestantische Unterdrückung zu schlagkräftigen politischen Parteien mit eindeutiger Identifizierbarkeit zusammengeschlossen. Die staatstragenden Protestanten dagegen hatten nie solch eine Identifikation von politischer Partei und
Milieu nötig gehabt. In der Weimarer Republik kamen Politiker in die Regierung aus Sozialisten,
Katholiken und sogar Juden; die Protestanten schmollten, träumten der Monarchie nach und
lehnten die Republik ab.
6. Unter den Protestanten fand die NSDAP mit ihrem Nationalismus, der Ablehnung von
Republik und Demokratie und den großen Ideen vom „Reich“ ihre erste große Anhängerschaft –
obwohl Hitler und Göbbels für kleinbürgerlich und katholisch standen.
7. Nach 1945 wurde die westdeutsche „Bonner“ Republik deutlich katholischer; die katholische Partei aus „Zentrumspartei“ und der bayerischen katholischen Regionalpartei (Bayerische
Volkspartei) nannte sich nun CDU mit dem regionalen Sonderstatus der CSU, schmückte sich
aber mit einigen Protestanten (Eugen Gerstenmaier). Die Protestanten sammelten sich (nach
deren Godesberger Programm 1959) eher in der SPD. Die eindeutig protestantischen Parteien,
wie die GVP mit dem führenden Laien der Bekennenden Kirche, dem Juristen Gustav Heinemann (nachdem er zunächst die CDU mit ihrem Ahlener Programm mitbegründet hatte), konnten
sich nicht halten.
1.4
Generationen als Gliederungsprinzip der Geschichte des 19. und 20.
Jahrhunderts
S. Graphik S.
1. Gliederungsanker der Geschichte: Das Jahrhundert. Große Persönlichkeiten. Krisen und
Revolution, Klassenkonflikte, Materialismus/Strukturgeschichte. Sozialgeschichte: Generation.14
2. Karl Mannheim: Der Soziologe führt das Paradigma „Generation“ ein.15
3. In den letzten Jahren ist das hermeneutische Paradigma für eine gesellschaftliche Gruppe viel
benutzt worden.16 Generation ersetzt nicht den Begriff der Klasse oder Schicht.
4. Zu unterscheiden ist die (1) Wilhelminische Generation. (2) Die 1883 bis 1898 Geborenen
wurden zur Frontkämpfer-Generation: Mit hohem Prestige waren sie in den Krieg gezogen, von
dort aber desillusioniert von dem Grauen und dem grauen Alltag des Krieges zurückgekehrt, oft
mit einer Verwundung. Die deutsche Wirtschaft, die im Krieg verdient hatte, jetzt aber keine
Abnehmer im verarmten Volk fand, brauchte keine Arbeiter; die waren arbeitslos, hatten keine
Familien gegründet. Das Bürgertum hatte zumeist seine Gelder in staatliche Kriegsanleihen
gesteckt, die nun nicht zurückgezahlt werden konnten. In ihren wertvollen Immobilien der
Gründerzeit war das Leben kärglich geworden. Die aus dem Krieg heimgekehrten Söhne mussten
die Universitätsbildung nachholen. Insgesamt waren die Jahrgänge nicht so massiv reduziert (im
Vergleich zu denen im Zweiten Weltkrieg).
5. Dort aber trafen sie auf die (3) „Kriegsjugend“-Generation, also die nach 1900 Geborenen,
die nicht an die Front gezogen wurden. Überfüllung war die Erfahrung, als die 30-jährigen
BENDIKOWSKI; CLAUDIA ENDERS; MARKUS HOPPE. 4 Bde, Berlin, New York: Walter de Gruyter 2001, Bd. 1:
Norden (xv, 750 S.); Bd. 2: Osten (xxvii, 826 S.); Bd. 3: Süden (xxvii, 724 S.); Bd. 4: Westen (xxvii, 726 S.).
14
Für Wehler 2003, 235 f eine zögerlich aufgenommene Kategorie.
15
Karl Mannheim: Das Problem der Generationen. Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie 7(1928), 157-185; 309330. ND Kurt H. Wolff (Hrsg.): Wissenssoziologie. Neuwied 1964, 509-565. Begriffsgeschichte Manfred Riedel,
HWPh 3(1974), 274-277.
16
Wichtige Methodenanalyse bei Ulrike Jureit; Michael Wildt (Hrsg.: ) Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs. Hamburg: Hamburger Ed. 2005. Zusammenfassend Ulrike Jureit: Generationenforschung. Göttingen 2006.
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
13
Frontkämpfer mit den 18-jährigen Abiturienten gemeinsam in die Universitäten drängten und
sich danach in Konkurrenz auf die wenigen schlecht bezahlten wissenschaftlichen
„Hilfsarbeiter“-Stellen bewarben. Mit „Jugend“ war (seit den 1880er Jahren) ein Schlagwort
ihrer eigenen Revolte gegen die Gründerzeit-Generation jetzt der nächsten Generation
zugekommen, das aber Resignation statt Aufbruch bedeutete. Sie waren die verlorene
Generation (‚lost Generation’ in den USA).
6. Aus beiden verlorenen Generationen bildete sich die Gesellschaft, die die NSDAP dann die
„Bewegung“ nannte:17 An der etablierten Gesellschaft vorbei, die den zwei nachrückenden
Generationen keine Chance eröffnete, in ihre Elite aufzusteigen, öffneten sich plötzlich schnelle
Karriereweg ohne dass man aus einer etablierten Familie, aus begüterten Verhältnissen, aus einer
bestimmten Kirchenzugehörigkeit oder mit Bildung kommen musste. Unter dem Patronat von
Greisen wie Ludendorff oder Hindenburg, mit dem Geld der reich Gebliebenen machten die
Jungen Karriere und bildeten viel jünger als sonst üblich die Eliten des Dritten Reichs.
7. Gerade mal 21 Jahre nach dem Ersten brach die NS-Regierung den Zweiten Krieg los. Ganze
Jahrgänge wurden in rational teils unsinnigen Unternehmen „verheizt“. Vor allem 1942 wurde
aus den unglaublichen Erfolgen der Blitzkriege eine Katastrophe nach der anderen. Von den
Jahrgängen 1920-28 blieben nur ganz wenige Männer übrig.
8. Im Fall des Zweiten Weltkriegs dauerte der zwar nicht viel länger, aber viel mehr (zahlenund altersmäßig) wurden in den Krieg eingezogen, bis hin zum „Volkssturm“. Als Eliten standen
nach dem Krieg nur die zur Verfügung, die nicht an der Front gestorben waren, d. h. vor allem
Partei-Funktionäre; Frauen, die während des Krieges vielfach die Positionen von Männern
ausgefüllt hatten, wurden wieder zurückgestuft. Die Anfangsjahre der Bonner Republik waren
die Zeit der Alten Männer, Adenauer als Musterbeispiel, *1876, der von den Nazis abgesetzte
OB von Köln (1917-1933).
9. Noch kurz zu dem letzten Generationenthema: Mit den Letzten, die den Krieg noch aktiv
erlebt haben, stirbt die Erinnerung aus. Die biologische Lösung der Schuldfrage ist damit aber
nicht vollzogen. Konnte Bundeskanzler Helmut Kohl noch von der „Gnade der späten Geburt“
sprechen, so wurde in Gesellschaft und Wissenschaft das Thema „Erinnerung“ heftig diskutiert.
In der Wissenschaft wurde nach einigen wichtigen Vorreitern erst in der dritten Generation (also
noch nicht in der der Schüler der ersten Nachkriegsgeneration) die aktive Programmatik der
Wissenschaftler für den Nationalsozialismus im Dritten Reich diskutiert. So der Historikertag
1989 in Frankfurt.
10. Um das biologische Gedächtnis in ein soziale Erinnerung zu überführen, plante die Berliner
Republik dann ein zentrales Mahnmal in der Hauptstadt. Dort gibt es schon ein Mahnmal für die
Verfolgten des Nationalsozialismus, genau an dem Ort, an dem die NS ihre Gedenkstätte für die
Gefallenen hatte: Die Neue Wache hatte die DDR-Regierung mit Erde aus allen KZs belegt als
Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus. 1993 ließ Helmut Kohl eine Plastik der
Käthe Kollwitz „Mutter trauert um ihren Sohn“ (Original 1932 für einen Soldatenfriedhof in
Flandern) im Innenraum platzieren.
11. Das Stelenfeld in Berlin nahe dem Reichstag mit einer darunter eingerichteten Dokumentationsstelle hat jetzt die Aufgabe des sozialen Monumentums. Umstritten war die Frage, ob das
eine Gedenkstätte für die Ermordung der Juden oder aller Opfer des NS sein sollte, weil damit
eine Aussage über die Unvergleichbarkeit des Juden-Genozids verbunden ist.18
17
Wehler, Gesellschaftsgeschichte 4, 2003,
Die Debatte Ute Heimrod (Hrsg.): Der Denkmalstreit – das Denkmal? Die Debatte um das „Denkmal für die
ermordeten Juden Europas“. Eine Dokumentation. Berlin: Philo 1999. (1300 S.); Jan-Holger Kirsch: Nationaler
Mythos oder historische Trauer? Der Streit um ein zentrales „Holocaust-Mahnmal“ für die Berliner Republik.
(Beiträge zur Geschichtskultur 25) Köln: Böhlau 2003. http://www.stiftung-denkmal.de.
18
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
14
Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
2 DAS HEILIGE
2.1 Die traditionelle Religion überzeugt nicht mehr
1. In den Ersten Weltkrieg hinein war eine Nationalreligion gegangen: Das Deutsche Reich
von 1871 war ein preußisch-protestantischer Staat. Der deutsche Kaiser war nach dem preußischen Staatskirchenrecht zugleich auch der oberste Bischof der Kirche (Summepiskopat). Die
meisten Werte des Bürgertums Deutschlands waren auch Werte des Protestantismus.19 Man
nennt das auch „Kulturprotestantismus“.20
2. Sozialhistorisch gesehen war der Protestantismus die Religion des staatstragenden Bürgertums. Mit der Gründung der Inneren Mission 1848 entschied sich die Kirche für eine Strategie
gegenüber der Industriellen Revolution: Das Bürgertum war der Gewinner, aus seinen Reihen
stammten die Unternehmer und das Kapital.
3. Die Arbeiter, die die (nicht weniger als das Kapital) notwendige Arbeitskraft stellten, wurden
aus ihren Bindungen in den Dörfern gerissen. In den „Mietskasernen“ wurden zwar massive
Häuser (im Unterschied zu den Notunterkünften der Anfangsjahre) für Familien gebaut. Aber
die Hinterhöfe boten keine Orte für die soziale Entwicklung. Es waren Schlafburgen. Kleine
Gärtchen in „Kolonien“ entlang den Eisenbahn-Einfahrten am Stadtrand boten eine Ahnung von
Eigentum. (Der Nervenarzt Daniel Schreber [1808-1861] hatte die Schrebergärten propagiert.)
4. Die bürgerliche Religion bot denen, die die Maloche des 10-Stunden-Tags nicht mehr leisten
konnten, den Gestrandeten der Industrialisierung mit Almosen der Bürger Hilfe in der Not,
nicht aber ein Programm, die Not dauerhaft zu ändern. Die Alternativen zu entwickeln,
nahmen die Arbeiterführer selbst in die Hand – anti-bürgerlich und atheistisch [s. Vorl. 3].
5. Der Sonntag als arbeitsfreier Tag war vom Kaiser erst 1887 eingeführt worden in der
Erwartung, dass die Arbeiter dann in die Kirche gingen und dort die bürgerlichen Regeln als
religiöse Gebote lernen sollten. Das hielt die Entchristianisierung nicht auf.
6. Es gelang also der Bürgertums-Religion nicht, andere soziale Schichten anzusprechen. Die
leichte Vermehrung der Teilnahme an den Ritualen des Protestantismus in den ersten
anderthalb Jahrzehnten des 20. Jh.s beruhte auf einer Mobilisierung anderer Mitglieder der schon
aktiven bürgerlichen Familien, nicht auf neuen Familien aus der Arbeiterschaft.21
7. Aus dem Krieg heraus ging der Protestantismus, der mit der Nation den Krieg, den Kaiser,
die materielle Grundlage des Bürgertums verloren hatte. Viele der Protestanten blieben in
19
Lucian Hölscher: Frömmigkeit 2005. Eine historische Darstellung der Religion um 1900 hat als Historiker
Thomas Nipperdey. Religion im Umbruch. Deutschland 1870-1918. München 1987 versucht, zuletzt in seiner
Deutsche Geschichte im 19. Jh., Band 1 , München 1990, 428-530; 853-857. Kirchengeschichtlich Kurt Nowak
Christentum 1987. Bemerkenswert bleibt die Darstellung des katholischen Historikers (1936 amtsenthoben) Franz
Schnabel, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, (1929-1937) Band 4 (1937).
20
Ursprünglich ein Schimpfwort, dann als Bezeichnung der Epoche, s. Friedrich Wilhelm Graf: Kulturprotestantismus, in: Archiv für Begriffsgeschichte 28 (1984), 214-268.
21
Seit der Mitte des 19. Jh.s werden bis heute Statistiken geführt, wie viele Menschen in die Gottesdienste kommen,
wie viele an Taufe, Hochzeit, Beerdigung und Abendmahl teilnehmen. Die Daten sind veröffentlicht. Zum
Datenatlas zur religiösen Geographie im protestantischen Deutschland. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum
Zweiten Weltkrieg. Hrsg. von LUCIAN HÖLSCHER. 4 Bde. Berlin, New York: Walter de Gruyter 2001, Rez. Auffarth:
Numen 50 (2003), 481-483. Eine Mikrostudie zu den Statistiken Lucian Hölscher; Ursula Männich-Polenz: Die
Sozialstruktur der Kirchengemeinde Hannovers im 19. Jahrhundert : eine statistische Analyse. in: Jahrbuch der
Gesellschaft für Niedersächsische Kirchengeschichte 88 (1990), 159-211. Für Hannover und das Kirchenbauprogramm um 1900 vgl. Hans Otte: More Churches – more Churchgoers. ##.
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15
scharfer Gegnerschaft zum demokratischen Neuaufbau des Staates, setzten auf die alten Werte
Monarchie, Nation, Volk, Rasse.22
8. Der Katholizismus ging eher gestärkt aus dem Krieg: Er war aus dem Kulturkampf als
kampfbereite Minderheit mit einer starken politischen Vertretung (das Zentrum). Wichtige
Politiker der späten Weimarer Republik waren Katholiken. Zudem behielt der Katholizismus in
den nicht-industrialisierten Gebieten eine starke Basis. Die Binnenmigration der Industriearbeiter
betraf eher protestantische Gebiete; andere wie die polnischen Migranten ins Ruhrgebiet brachten
als „Heimat“ ihre katholische Frömmigkeit mit.
9. Das Christentum der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war angepasst, eine Ethik anständiger
Bürgertugenden. Barocke Sinneslust galt als überzogen; Protestantisch war „das Wort“. Allenfalls Musik bot noch einen sinnlich wahrnehmbaren Unterschied der Religion zum Staat. Staat
und Religion sollten die rationalen Grundlagen der Kultur sein. Das war die Suche nach der
verlorenen Nützlichkeit der (Kirchen-) Religion.23
2.2 Religion – das ist nicht gleich dem bürgerlichen Christentum!
1. Um die Jahrhundertwende entbrannte jenseits der bürgerlichen Nützlichkeit der Religion
eine Debatte über Religion ganz grundsätzlich. Die Religion des guten Menschen Jesus, der
Vorbild für jeden Bürger sein konnte, war für den Alltag gut. Da standen zum einen die „Positiven“ auf dem Standpunkt, Religion sei das, was in der Bibel steht, sei die christliche Kirche.
2. Mit dem guten Menschen Jesus setzte sich in scharfer Kritik Albert Schweitzer auseinander.
Seine Forschungsgeschichte „Die Leben-Jesu-Forschung“ zeigte, dass man mit diesem JesusBild sich weit von der Bibel entfernt hatte. Jesus war ein Apokalyptiker, ein Exorzist, ein Wundertäter. Konsequent müsste man sich von diesem Vorbild ablösen. Und eine neue Reformation
wagen.24 Die „Religion der Zukunft“ war nicht die Religion der Vergangenheit.
3. Ätzend die Kritik des evangelischen Theologieprofessors für orientalische Sprachen an der
Göttinger Universität, Paul de Lagarde. In einer Rede [Ostern 1878] „Die Religion der Zukunft“
wurden die Helden des Protestantismus, Paulus und Luther, als Verräter des Christentums
entlarvt.25 Die Religion der Zukunft müsste sich entschieden von allen jüdischen Herkünften
lösen. Jesus hätte das eindeutig getan, Paulus dagegen führte das Christentum zurück in die
Gesetzlichkeit. Die Religion der Zukunft würde eine Religion des deutschen Volkes, eine
Nationalreligion sein. In ihr sei die germanische Mythologie von Jacob Grimm die Bibel.
4. Das antike Christentum konnte nicht mehr das Vorbild sein. Die religionsgeschichtliche
Schule war der Aufstand der Jungen Theologen an der Göttinger Fakultät, die sich auf Lagarde
beriefen. Mit der Aussage, dass die Geschichten der Bibel eben Mythen seien, wollte sie nicht
wieder zurückkehren zur Geschichte, auch nicht zu einer kritisch bereinigten Geschichte.
Besonders die Geschichten vom Anfang (Schöpfung) und vom Ende der Welt (Apokalypse)
galten als Mythen. Die Entdeckungen des Altorientalisten Friedrich Delitzsch, dass die Sintflut,
dass die Auferstehung usf. alles altorientalische Mythen seien, erregte die wilhelminische
Gesellschaft im Bibel-Babel-Streit (1902/03) [Vorl. 10].
5. Der „liberale Theologe“ Adolf Harnack an der Berliner Universität versuchte in einer
Vorlesung „Das Wesen des Christentums“ im Wintersemester 1899/1900 noch den persönlichen
Gott und die geistige Menschlichkeit zusammenzuhalten, eine innerliche Religion mit einer
feinen anti-jüdischen und anti-katholischen Spitze als Programm für das neue Jahrhundert.
Peter Walkenhorst: Nation – Volk – Rasse. Radikaler Nationalismus im Deutschen Kaiserrreich 1890-1914.
(Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 176) Göttingen 2007. Uwe Puschner 2004.
23
Thomas Ruster: Die verlorene Nützlichkeit der Religion. Katholizismus und Moderne in der Weimarer Republik.
Paderborn 1994.
24
(Zunächst unter dem Titel: Von Reimarus zu Wrede. Tübingen 1906. Geschichte der Leben-Jesu-Forschung.
²1913 Vgl. Gerd Theißen; Annette Merz: Der historische Jesus. Göttingen 1996.
25
Paul de Lagarde: Deutsche Schriften. Göttingen 1885, 51903, 217-247.
22
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16
6. Aber Deutschland war Weltmacht, die Kolonien brachten ganz anderes Wissen über
Religion. Die Völkerkunde zeigte, dass es Religionen ohne Gott gab. Über England erreichte
eine sehr andere Verbindung die europäische Diskussion: nicht Religion und Moral, sondern
Religion und Gewalt gehörten zusammen. Das wurde am Begriff des Opfers breit diskutiert,
begonnen bei William Robertson Smith über James George Frazer zu Sigmund Freud.26
7. Fazit: Religion gründet sich nicht auf Ursprung und Geschichte. Zwei Alternativen
eröffnen sich dazu: (1) Das Erlebnis, eine radikal individuelle Form von Religion, die auf der
Begegnung mit Übermenschen beruht (Vorl. 4), die Mystik. (2) Das Heil und der Lohn für alle
Niederlagen, Kränkungen, Leiden liegt in der Zukunft (Vorl. 3).
2.3 Das Heilige - Rudolf Ottos Weltformel 1917
1. Ein christlicher Theologe, Rudolf Otto, wagte eine provozierende Neubestimmung.27 Die
Verbindung von Staatsfrömmigkeit, Rationalität, Moral, die doch als das Einzigartige am
Protestantismus galt, wird als zweitrangiges Anhängsel nicht geleugnet. Aber entscheidend ist für
Otto das emotionale Erleben: Das Heilige (wie er dann gelehrt ein Wort neu erfindet: das
Numinöse) sei die Religion minus ihrer rationalen Begründung.
2. Es besteht aus zwei Grundempfindungen: (1) zum einen das tremendum: „was einen erzittern
lässt“. (2) Das andere ist das, „was begeistert“, das fascinosum.
3. Im dritten Kriegsjahr erscheint mit dieser revolutionären Neudefinition, was ein Best- und
Long-Seller werden sollte, das schmale Buch von Rudolf Otto Das Heilige 1917. Das Lay-out
mit großzügigem Rand; die Sprache voller Ehrfurcht gebietender Fremdwörter und gewähltem
Stil, Wissenschaft „ohne den Ballast“ der wissenschaftlichen Nachweise. Die liberale Form der
wissenschaftlichen Diskussion mit Zitaten und Fußnoten war Vergangenheit. Jetzt sprach der
Wissenschaftler unwidersprochen weise Sätze. Die Leser staunten und bewunderten.28
4. Der wissenschaftlichen Diskussion schob der Weise einen Riegel vor mit dem berühmten
Verbotsschild auf Seite 8:
Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger
religiöser Erregtheit zu besinnen.
Wer das nicht kann oder solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten,
nicht weiter zu lesen. Denn wer sich zwar auf seine Pubertätsgefühle,
Verdauungsstockungen oder auch Sozialgefühle besinnen kann, auf eigentümlich
religiöse Gefühle aber nicht, mit dem ist es schwierig, Religionspsychologie29 zu
treiben.
5. Das war die Absage an eine kulturwissenschaftliche Bearbeitung von Religion. Religion war
ein eigener Gegenstand (lat. sui generis, das bedeutet etwa: „unvergleichbar“), dem man nur mit
einer speziellen Methodik sich nähern könne. Daraus entwickelten andere die sog. Religionsphänomenologie, die die „Macht“ der Religion als ein unsichtbares, aber real wirkendes
„Fluidum“ versteht und dafür als Analogie den elektrischen Strom heranzog.30
6. Die drei, deren wissenschaftliche Diskussion Otto verpönt, mögen sie Religion ästhetisch,
sozial „oder noch primitiver“ deuten, sind (1) für die Pubertätsgefühle Sigmund Freuds Totem
26
Zum Primitivismus in der Zeit vgl. Thomas Keller; Wolfgang Essbach (Hrsg.): Leben und Geschichte. Anthropologische und ethnologische Diskurse der Zwischenkriegszeit (Übergänge 53) München 2006.
27
Gregory D. Alles: Rudolf Otto 1869-1937. in: Axel Michaels (Hrsg.): Klassiker der Religionswissenschaft.
München 1997, 198-210; 385-389. Carl Heinz Ratschow: R.O.: TRE 25(1995), 559–563.
28
Dok
29
In späteren Auflagen hat Otto den Anspruch ausgeweitet: „mit dem ist es schwierig Religionskunde zu treiben.“
30
Gerardus van der Leeuw: Die do-ut-des-Formenl in der Opfertheorie. Archiv für Religionswissenschaft 20(1920 /
21), 241-253. Vgl. Burkhard Gladigow: Naturwissenschaftliche Modellvorstellungen in der Religionswissenschaft in
der Zeit zwischen den Weltkriegen. In: Hans G. KIPPENBERG; Brigitte LUCHESI (Hrsg): Religionswissenschaft und
Kulturkritik. Beiträge zur Konferenz ,,The History of Religions and Critique of Culture in the Days of Gerardus van
der Leeuw (1890-1950)”. Marburg 1991, 177-192. Ders.: Macht. HrwG 4(1998), 68-77. Ders.: Elektrizität. In:
Christoph Auffarth; Jutta Bernard; Hubert Mohr: Metzler Lexikon Religion, Band 1, 1999 [MLR], 266-268.
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und Tabu 1912/13 erschienen; (2) die Sozialgefühle beziehen sich auf Max Weber und seine
Protestantische Ethik 1904/1905. (3) Verdauungsstockungen dürfte sich auf eine LutherBiographie beziehen: Luther hatte in den Tischgesprächen immer wieder erzählt, wie er an
Obstipationen litt und daher oft stundenlang auf dem „geheimen Gemach“, sprich Klo, saß.
Dabei sei ihm der „Durchbruch des reformatorischen Gedankens“, nämlich die Erlösung durch
Gottes Gnade gekommen. Katholische Luther-Forscher wie Hartmann Grisar (1911/12)31 und
Heinrich Denifle32 erzählten das genüsslich.
2.4 Angst machen und faszinieren: Krieg und Gewalt als „das Heilige“
1. Otto schließt sich in der Definition des Kerns von Religion an Friedrich Daniel Schleiermacher an: Sie ist zuerst Gefühl. Aber da zeigt sich ein gewaltiger Unterschied: Während
Schleiermacher in dem „Gefühl schlechthinniger Abhängigkeit“ das Eins-Sein mit der Natur
empfindet, also einen Pantheismus, der Mensch, Natur und Gott umfasst, versteht Otto das
Kreaturgefühl als den unendlichen Abstand der Menschen von dem übermächtigen, tyrannischen
Gott. Im Schlusskapitel gibt es dazu eine vage Möglichkeit der mystischen Vereinigung von
Verehrer und Verehrtem. Diese schwankt zwischen einer Christologie und einer Mystik.
2. Eine vergleichbare Seligkeit erfasst den unendlich kleinen Menschen, als er endlich dem
Kaiser, einer übermächtigen und unnahbaren Machtgestalt, begegnet, wie das Heinrich Mann in
seinem Roman „Der Untertan“ (1918) gestaltet hat,33 viele Erlebnisberichte über die Begegnung
mit Hitler werden ähnlich erzählt.
3. Über den Umweg des ethnologischen Begriffs der „Macht (orenda)“ wird Macht sakralisiert: „In den Vorhof der Religion tritt die ‚Macht’ erst dann, wenn sich die Idee des Zaubers des
‚Magischen’ des ‚Übernatürlichen’ kurzum wiederum des ‚Ganz-andere’ in sie hineingesetzt
hat.“34 Also Macht wird sakralisiert. Das übrigens umgekehrt, als Frazer oder Assmann das
gezeigt haben: Religion wird mit den Attributen der politischen Macht ausgestattet.35
4. Otto erzählte als Schlüsselerlebnis zu seinem Buch Das Heilige, wie ihn 1911 auf einer
seiner von anderen gesponserten Weltreise in einer schmutzigen kleinen Synagoge in Marokko
eine religiöse Erregung erfasste, als nämlich dort das dreifache qadosch gesungen wurde. Sofort
erinnerte er sich an den gleichen liturgischen Ruf in der russischen Kirche, in der griechischen
Kirche. Aber bei nahem gesehen ist das nicht gerade eine besondere Erfahrung. Sie erklärt zum
anderen nicht, warum Otto das Neutrum verwendet (wo doch der von ihm erinnerte liturgische
Ruf „Heilig, Heilig, Heilig ist der Herr Zebaoth; alle Lande sind seiner Ehre voll“ sich auf Gott
als den einzig Heiligen bezieht.
5. Die Verwendung des Neutrums Das Heilige ist vielmehr eine liberal-theologische Entpersonalisierung, wo doch Gott gerade noch als das Entscheidende sein Wille und Geist zugesprochen
worden war. Mit der neuen Weltformel konnte alles für „das Heilige“ erklärt werden, wenn man
nur ergriffen worden war. Das hat vor allem Mircea Eliade getan.
6. Die französische Schule der L’année sociologique ging für die Beschreibung du sacré so
weit, dass sie den Krieg als „das schwarze Fest“ benannte.36
7. Angesichts der Dominanz der Technik im Krieg beschrieb Ernst Jünger seinen geradezu
Rausch an der Technik in seinem Kriegsbuch „In Stahlgewittern“ als solch ein Gefühl des
Heiligen.
31
Luther. 3 Bde, Freiburg: Herder 1911-1912
Luther und Luthertum in der ersten Entwickelung / quellenmäßig dargestellt. 2 Bde, 1904-1909. 2
ErgänzungsBde.; frz. Übersetzung, 4 Bde, 1910-1914.
33
Der Roman hat eine ungewöhnlich lange Werdezeit, meist werden die ersten Arbeiten daran noch vor dem
Weltkrieg angenommen.
34
Otto, Das Heilige 1917, 143.
35
Jan Assmann: Herrschaft und Heil. Politische Theologie in Altägypten, Israel und Europa. München: Hanser
2000.
36
Roger Caillois: Der Mensch und das Heilige. München 1988. L’homme et le sacré (1939; das Schwarze Fest in
der Ausgabe 1950).
32
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Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
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3 DAS DRITTE REICH
3.1 Das Tausendjährige Reich und das Dritte Reich
1. Vergleicht man die Epochen der französischen Geschichte, so wird da gezählt von der ersten
Republik bis zur fünften. Das Dritte Reich lässt sich auch so zählen:
2. Das Erste Kaiserreich dauerte über 1000 Jahre, von Karl dem Großen bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1806 mit seinen Höhepunkten bei Karl dem Großen, bei Otto dem
Großen und bei den beiden Stauferkaisern Friedrich Barbarossa und Friedrich II. Dieses erste
Reich nannte sich auch „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“.37 Darin steckt eine
Übertragung der Heilsgeschichte in die Geschichte (Abschnitt 3.2).
3. Das heißt, die heilsgeschichtlich notwendige, gottgewollte Rolle des „letzten Reiches“ aus
der Prophezeiung wurde auf das deutsche Kaisertum übertragen. Aber es endete schmächlich.
4. In der Auflösung durch Napoleon habe sich aber die deutsche Nation aufgebäumt und nach
zwei Generationen das Zweite Kaiserreich geschaffen, 1871 den preußisch-deutschen Nationalstaat. „Heiliges evangelisches Reich Deutscher Nation“ nennt es der protestantische Pastor am
Kaiserhof in Berlin Adolf Stoecker [s. Vorl. 10].38
5. Aber schon sehr schnell begriff sich das zweite Reich als eine Zeit des Übergangs. Erst das
Dritte Reich würde die Kraft haben, die Schwäche und schließlich die Niederlage des zweiten
Reiches wettzumachen.
6. Namengebend war das Buch des Schriftstellers („konservative Revolution“) Möller van den
Bruck: Das Dritte Reich (1931), das allerdings wenig von der religiösen Erwartung spiegelt.39
7. Zugleich wurden damit verbunden die Erwartungen an das Tausendjährige Reich. In der
Offenbarung des Johannes (Apokalypse) wird die Endschlacht geschildert, in der der Böse (Babel, der Drache, das Biest mit dem Namen 666, der Teufel) es unternimmt, die Welt zu beherrschen. Der Engel Michael besiegt den Satan und kettet ihn in der Hölle fest. Mit dem Engel
Michael identifizierten sich die Deutschen gerne; nur dass der Deutsche Michel zur Karikatur
der Schlafmütze wurde, der den richtigen Augenblick zum Handeln verpasst hatte.40 Kaiser Wilhelm suchte das zu korrigieren mit einem Bild für die Preußische Botschaft in Rom.41 Abb. 3.1
Christoph Auffarth: Apokalyptisches Mittelalter: Das Dritte Reich – des Geistes/der Gewalt. In: Bernd U. Schipper; Georg Plasger (Hrsg.): Apokalyptik und kein Ende? (Biblisch-theologische Schwerpunkte 29) Göttingen 2007,
117-129. Grundlegende Bearbeitung Klaus Koch: Europa, Rom und der Kaiser vor dem Hintergrund von zwei Jahrtausenden Rezeption des Buches Daniel. (Berichte aus den Sitzungen der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, Hamburg ; 15,1) Göttingen 1997. Ders.; Mariano Delgado; Volker Leppin (Hrsg.): Europa, Tausendjähriges Reich und Neue Welt. Zwei Jahrtausende Geschichte und Utopie in der Rezeption des Danielbuches.
(Studien zur christlichen Religions- und Kulturgeschichte 1) Freiburg, Schweiz; Göttingen 2003. - Zur Selbstbezeichnung Heiliges Reich/Sacrum Imperium ab etwa 1150 s. Eckhard Müller-Mertens: Römisches Reich im Besitz
der Deutschen, der König an Stelle des Augustus. Recherche zur Frage: Seit wann wird das mittelalterlich-frühneuzeitliche Reich von den Zeitgenossen als römisch und deutsch begriffen? Historische Zeitschrift 282(2006), 1-58.
38
Klaus Schreiner: Friedrich Barbarossa - Herr der Welt, Zeuge der Wahrheit. Die Verkörperung nationaler Macht
und Herrlichkeit, in: Die Zeit der Staufer, Band 5. Stuttgart 1979, 521-579.
39
Nicht präzise zum Thema sind Jost Hermand: Der alte Traum vom neuen Reich. ## Frankfurt 1988. Burchard
Brentjes: Der Mythos vom Dritten Reich. ## Hannover 1997.
40
Ottfried Neubecker: Der Deutsche Michel. Zur Geschichte und Legende des Deutschen Michel. München 1980.
41
Christoph Auffarth: Ein Hirt und keine Herde. Zivilreligion zu Neujahr 1900. in: ders.; Jörg Rüpke (Hrsg.):
Ἐπιτομὴ τῆς Ἑλλάδος. Studien zur römischen Religion in Antike und Neuzeit für Hubert Cancik und Hildegard
Cancik-Lindemaier. (Potsdamer Altertumswissenschaftliche Beiträge 6) Stuttgart 2002, 203-223.
37
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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8. Nach Michaels Sieg in der Endschlacht beginnt eine Tausendjährige Herrschaft Christi mit
seinen Auserwählten auf der Erde. Das chiliastische Endreich (chiliastisch von griechisch χίλια
ἔτη „tausend“ Jahre) ist ein irdisches Reich, noch nicht das „Himmelreich“. Die Kritik der
Gleichsetzung von NS-Drittes Reich mit dem Endreich argumentiert oft mit dem Fehlen von
Transzendenz [Vorl. 8]. Das apokalyptische Tausendjährige Reich aber ist innerweltlich.
3.2 Das Erste und das Dritte Reich: Die Fehler des Mittelalters überwinden!
1. Im Propheten Daniel (Daniel 2 und Daniel 7) gibt es das Bild von der Abfolge der vier
Weltreiche: Dem König des ersten, gerade im Untergang begriffenen babylonischen Reiches,
Nebukadnezar träumt (Daniel 2, 31-47), er habe einen Koloss gesehen mit einem goldenen
Haupt, silberner Brust und Armen, Körper und Hüften aus Bronze, und Beine und Füße aus
Eisen bzw. Ton. Der Koloss auf tönernen Füßen. Nur kurz danach geht der erste Schritt der
Prophezeiung in Erfüllung: „Belsazar ward in selbiger Nacht/ von seinen Leuten umgebracht.“42
Das Buch Daniel ist (in Wirklichkeit nicht schon zur Zeit des Nebukadnezar um 550 prophezeit,
sondern) ein Widerstandstext gegen die Seleukidenherrschaft um 160 v.Chr. Zwei der
vorausgesagten Ereignisse sind schon eingetreten (Untergang des babylonischen Weltreichs,
Untergang des Perserreichs durch Alexander den Großen und seine Nachfolger, die Seleukiden).
Die Prophezeiungen ex eventu sind Garantie dafür, dass die Prophezeiung für das dritte der
Weltreiche stimmen wird und unmittelbar bevorsteht. Übrig bleibt das vierte und letzte, das muss
das (in der Zeit im östlichen Mittelmeer sich Autorität schaffende) Römische Reich sein. Das
heißt, in der Rekonstruktion der Geschichte Gottes mit seinem Volk sind ganz profane, nichtjüdische politische Reiche in Gottes Plan enthalten.
2. Das Römische Reich aber, war es nicht auch schon untergegangen? In dem berühmten und
viel gelesenen „Kampf um Rom“ hatte der nationalistische Geschichtsprofessor Felix Dahn das
so gedeutet, dass die jungen Völker die überzivilisierten, dekadenten Völker verdrängen, weil sie
über die bessere Rasse verfügen.43 Das ist eine alternative Heilsgeschichte, wie sie die RasseNationalisten entwarfen. 1918 diagnostizierte Oswald Spengler einen Verlauf der Weltgeschichte, der ebenso umstürzend zu den alten Paradigmata war wie er eine faszinierende Gegengeschichte entwarf: Der Erste Weltkrieg war der Höhepunkt des Untergangs des Abendlandes.
3. Für die Heilsgeschichte mit der Erwartung des Weltendes stellte sich für die Menschen des
Mittelalters die Frage: War die Heilsgeschichte zu Ende und müssen wir in kurzem die
Apokalypse erwarten? Nach dem Tode Karls des Großen und dem Zerfall seines „Römischen“
Reiches stellt eine Königin diese Frage an den Abt Adso von Montier-en-Der. Dieser antwortet
mit einer neuen Prophezeiung.44 Dem Antichrist, der schon geboren sei, stelle sich ein Anti-AntiChrist entgegen, der „Endkaiser“. Der Antichrist wird zwar für dreieinhalb Jahre die Erde
unterwerfen (eine sehr kurze Frist, in der er eine „teuflische/jüdische Hast“ an den Tag legen
muss),45 aber der Endkaiser wird in einer Endschlacht ihn besiegen. Er zieht in Jerusalem ein,
wird gekrönt, legt dann aber die Krone am Fuße des Ölbergs ab, damit sie der zum Gericht
wiederkehrende Christus bekommt. Die Prophezeiung vom Endkaiser stammte aus einer
Apokalpyse, die ein griechisch-syrischer Mönch mit dem Pseudonym Methodios geschrieben
hatte um 692, als die Muslime gerade Jerusalem erobert hatten.46 Im Westen ist sie unter dem
Namen cumäische Sibylle bekannt. In einem kleinen Drama Ludus de Antichristo, in der Kirche
Das Gedicht von Heinrich Heine: „Die Mitternacht kroch näher schon; in stiller Ruh lag Babylon. ... “
Stuttgart 1876. Zu Dahn Hans Rudolf Wahl: Die Religion des deutschen Nationalismus. Eine mentalitätsgeschichtliche Studie zur Literatur des Kaiserreichs: Felix Dahn, Ernst von Wildenbruch, Walter Flex. (Neue Bremer
Beiträge 12) Heidelberg: Winter 2002.
44
Ados Dervensis: De ortu et tempore Antichristi. CCCM 45. ed Daniel Verhelst. Turnhout 1976. Dazu Christoph
Auffarth: Irdische Wege 2002 .
45
= 42 Monate Apk 11, 2. Dazu Ernst Benz: Akzeleration der Zeit als geschichtliches und heilsgeschichtliches
Problem. AAWMz GS 1977, 2 . Mainz 1977.
46
Pseudo-Methodios syrische Ausgabe und deutsche Übersetzung von G. J. Reinink. Leuven 1993. Hannes
Möhring: Der Weltkaiser der Endzeit. Stuttgart 2000.
42
43
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20
aufzuführen, hat das ein mittelalterlicher Autor gestaltet.47 Im Dritten Reich wurde das Stück
mehrfach aufgeführt.
4. Auch dieser Endkaiser war schon geboren, er war bei seiner ersten Schlacht sogar umgekommen, aber von Gott in einen Berg entführt, wartete er, bis er als der dritte Friedrich die
Endschlacht anführen würde. Im Kaiserreich errichtete man für ihn das Kyffhäuser-Denkmal
(1890-96). Dabei ist der mittelalterliche Kaiser Barbarossa dem Reiterstandbild Wilhelms II.
typologisch zugeordnet. Das zweite Reich wollte das Mittelalter verbessert wiederholen. Kaiser
Wilhelm stellte sich und seine Orientpolitik (Reise nach Jerusalem 1898) als Wiederholung und
Vollendung des Kreuzzuges dar, bei dem Barbarossa auf halbem Wege ertrunken war. Eine
Karikatur in der satirischen Zeitschrift Simplicissimus führte zu einen Prozess wegen Majestätsbeleidigung.48 Abb. 3.4
5. Im Dritten Reich gibt es zwar deutlich die Aufnahme des mittelalterlichen Vorbildes. Es steht
damit in Kontinuität mit dem Kaiserreich 1870-1918. Aber die Anbindung ist mit einer Antithese
verbunden: Wir haben das Mittelalter überwunden. Die Fehler werden wir nicht wiederholen.
Den Russlandfeldzug „Unternehmen Barbarossa“ zu nennen bedeutete: Die mittelalterlichen
Kaiser haben den Fehler begangen, immer nur nach dem Süden zu ziehen, um dort ihr Reich
aufzubauen. Wir neuen Barbarossas finden das Land zur Ausdehnung im Osten.
3.3 Das Reich der Zukunft
1. Dazu kommt aber noch eine eschatologische Komponente: Das Dritte Reich in dem DreiSchritt ist ein klassisches Muster der Einteilung der Weltgeschichte. Gewöhnlich wurde so
geteilt:
Altes Testament
Neues Testament
Himmelreich
Gott Vater
Gott Sohn
Gott Heiliger Geist
Zeit des alten Israel
Zeit des neuen Israel
Drittes Reich des
Geistes
 Petrus
 Paulus
 Johannes
2. Mit Joachim von Fiore stellte sich aber eine andere alternative Deutung. Der Abt aus Kalabrien prophezeite eine fundamentale Wendung der Weltgeschichte, wenn seine Mönche die
ideale Gemeinschaft der Apokalypse verwirklichen würden in dem „Dritten Reich“. Seine
Prophetie hatte im Spätmittelalter eine durchschlagende Bedeutung.49
3. Im 19. Jahrhundert erfuhr die Idee vom Dritten Reich eine neue Wendung. In Kenntnis der
Prophezeiung Joachims von Fiore wurde es Symbol einer nicht-kirchlichen, aber religiös besetzten Idee der Befürworter der Religion der Zukunft in einem Reich des Geistes.50
3.4 „Es lebe das geheime Deutschland!“
1. Bei ungenauem Hinsehen fällt der Unterschied nicht auf, aber eine wichtige Gruppe des
Widerstandes, die Menschen um die Brüder Graf von Stauffenberg, zielte auf das geheime oder
heimliche Deutschland: Sie gehören zum Geistesadel des „George-Kreises“.51
2. Als nach dem gescheiterten Attentatsversuch vom 20. Juli 1944 Claus Graf von Stauffenberg erschossen wurde, da rief er noch: „Es lebe das geheime Deutschland!“52
47
Ludus de Antichristo. Eine zweisprachige Ausgabe, hg. von Rolf Engelsing bei Reclam, Stuttgart 1968 u.ö. Große
Ausgabe von Gisela Vollmann-Profe, 2 Bde, Lauterburg 1981.
48
Simplicissimus Herbst 1898/Heft 31. Auffarth, Irdische Wege 2002, 235 f.
49
Marjorie Reeves: The influence of prophecy in the later Middle Ages. A study in Joachimism. Oxford1969.
50
Warwick Gould; Marjorie Reeves: Joachim of Fiore and the myth of the eternal evangel in the nineteenth and
twentieth centuries. Oxford ²2001.
51
Manfred Riedel: Geheimes Deutschland, Stefan George und die Brüder Stauffenberg. Köln (u. a.) 2006. Zu den
Bünden und „Kreisen“ in der Weimarer Republik Manfred Bauschulte, Religionsbahnhöfe der Weimarer Republik.
Marburg 2007.
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3. Das lässt sich verstehen als die Losung einer äußerst elitären Gruppe um den Dichter Stefan
George. Ihnen war die kleinbürgerliche Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten zuwider.
Indirekt hatte das der Anglistikstudent Joseph Goebbels bereits erfahren, als er bei dem
Georgianer Germanistik-Professor Friedrich Gundolf in Heidelberg mit dem Antrag auf eine
Doktorarbeit eine Abfuhr erhielt.53
4. Einer der interessantesten Köpfe dieses Kreises war der Mittelalter-Historiker Ernst [Hartwig] Kantorowicz 1895-1963. Berühmt wurde er mit seiner Biographie über einen mittelalterlichen Messias, Herrscher, Wissenschaftler, den man schon im Mittelalter als ‚Staunen der Welt’
stupor mundi bewunderte: den Stauferkaiser Friedrich der Zweite.54 Heldenverehrung,
Begeisterung für Machtmenschen! Das Buch fand begeisterte Leser, darunter auch Hitler. 55 Es
stieß auf empörte Ablehnung bei den Historiker-Kollegen , die ihm Mythenschau vorwarfen,
Bewunderung für einen Ausnahmemenschen ohne die kritische Distanz eines Wissenschaftlers.
Vier Jahre später lieferte er einen ganzen Band mit den wissenschaftlichen Nachweisen nach, die
seine Exzellenz in der Geschichtswissenschaft nachwiesen.
5. 1919 war seine Familie aus Posen, nun eine Stadt im neu gegründeten Nationalstaat Polen,
nach Berlin umgezogen und hatte die Fabrik für ordentlich viel Geld verkaufen können. Der 24jährige Frontkämpfer Ernst ging zum Studieren nach Heidelberg, promovierte in Nationalökonomie mit einer Diss. über muslimische Handwerkerbünde. Schnell wurde er zum Star im Heidelberger George-Kreis, fand Zugang zum Meister. Hoch gebildet, sprachlich exzellent, atmete
die Habilitation den Geist des George-Kreises, eben der Friedrich der Zweite.
6. EHK bekam die Professur an der (noch jungen, städtischen) Universität Frankfurt. Das
Gesetz zur Reinhaltung des Berufsbeamtentums traf den jüdischen Wissenschaftler noch nicht,
war er als Frontkämpfer ausgenommen. Im WiSe begann er seine Vorlesung über das „Interregnum“, d.h. die kaiserlose Zeit mit einer Stunde über „Das heimliche Deutschland“.56 Zwei
Wochen später musste er die Vorlesung abbrechen.
7. Er musste fliehen, 1938 nach England, dann in die USA, wo er mit Kusshand aufgenommen
wurde. Doch auch dort verlor er noch einmal aus politischen Gründen seine gut bezahlte Stelle,
weil er den Eid in der Hexenjagd auf Kommunisten unter der McCarthy-Regierung nicht leisten
wollte. Doch fand er in dem berühmten Institute for Advanced Studies in Princeton die Ausstattung und Ruhe für seine Studien zur Monarchie – in Nachbarschaft mit einem anderen Monarchieforscher, Andreas Alföldi.
8. Das Beispiel ist wichtig, weil man daran zeigen kann: Einerseits sieht es aus wie purer NS.
Friedrich, der große Tatmensch, angefeindet von vielen, bewundert von noch mehr, schafft das
ideale Reich in einer Verbindung eines weit vorausschauenden „modernen“ Staates mit einer
weitreichenden Vision. Kompetenz und Charisma, Politik und religiöse Verehrung gehen eine
ideale Verbindung ein. So sieht es auch Erich Voeglin in seinem Buch Die Politischen
Religionen (1938).57 – Auf der anderen Seite bildet sich aus den Teilnehmern des George-Kreises
Ein Augenzeuge verstand „Es lebe unser heiliges Deutschland“. Zur Quellenkritik Joachim Fest, Staatsstreich,
1994, 280. Riedel, Geheimes Deutschland 2006, 5.
53
Fried, Einleitung 1998, 15, A. 45.
54
Kaiser Friedrich der Zweite. (Werke aus dem Kreis der Blätter für die Kunst. Geschichtliche Reihe) Berlin: Bondi
1927. Die Buchgestaltung machte ein großzügig gedrucktes edel gebundenes Buch daraus. Zur Reaktion die
Sammlung von Rezensionen Gunther Wolf (Hrsg.): Stupor mundi. (WdF 101) Darmstadt 1966.
55
Picker, Tischgespräche 1963, 69. Wissenschaftsgeschichtlich vorzüglich Johannes Fried: Eineitung zu: E.H.K.:
Götter in Uniform. Studien zur Entwicklung des mittelalterlichen Königtums. Stuttgart 1998, 7-45.
56
Fried, Einleitung 1998, 31. Erst zum 100. Geburtstag veröffentlicht, nachdem die Freunde strikt abgelehnt hatten.
Eckhart Grünewald (ed.) in: Robert L. Besnon; Johannes Fried (Hrsg.): Ernst Kantorowicz, Stuttgart 1997, 77-93.
57
Erich [später im Exil in Harvard: Eric) Voegelin: Die politischen Religionen. (Schriftenreihe „Ausblicke“) im
Exil-Verlag Bermann-Fischer, Stockholm 1939, 38. „Die Endstufe einer vergeistigten Polisreligion ist (bei Thomas
von Aquin) in sich vollendet. ... Es ist nicht nur eine Frage der geschichtlichen Situation, wann sich die
Staatsinstitution von ihrer Unterordnung unter die Feudalkirche trennt und selbst die sakralen Gehalte an sich zieht.
Friedrich II. hatte das getan. Nach der Eroberung Jerusalems und der Selbsterhöhung zum Messsiaskönig spricht der
52
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22
mit ihrer Verehrung für den charismatischen Tatmenschen der Widerstand gegen Hitler vom 20.
Juli.
Kaiser als Autokrator, als heidnischer Gottmensch. ... Die erste innerweltliche politische Religion auf dem Boden
der christlichen Ekklesia war entstanden.“
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Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
4 MESSIAS UND FÜHRER
4.1 Hitler als Messias? Sprachgebrauch
1. Zunächst erscheint es ganz widersinnig, wenn ein jüdisches Ideal auf den expliziten Antisemiten Hitler angewendet wird. Aber der Begriff des Messias war in der Zeit weit verbreitet,
andere, mit ähnlichen religiösen Vorstellungen mehr oder weniger verknüpfte Begriffe stehen
dem nahe, wie „Retter“, „Heiland“. Ihm hat zu entsprechen der „Glaube“.58
2. Der Gruß „Heil Hitler“ beruht auf einer längeren Vorgeschichte, der „Heil“ zu dem
deutschen Gruß schlechthin erklärte, die religiöse Bedeutung war schon verblasst; gerade in der
Öffentlichkeit wurde ihn zu verweigern als Gegnerschaft zum NS denunziert. Alle öffentlichen
Personen sahen sich gezwungen ihn zu benutzen.
3. Demgegenüber wurde immer gerne hervorgehoben, Hitler selbst habe die Heilstitel nicht
auf sich selbst angewendet, sondern sie seien von Anhängern oder von den in seinem Aufstieg
mit getragenen Führungsriege an ihn herangetragen worden, insbesondere von Joseph
Goebbels.59 Die religiöse Deutung Hitlers wäre dann nicht Selbstverständnis, sondern an ihn
herangetragen. Das ist sicher zu differenzieren [Vorl. 7].
4. Ein sehr nützliches Nachschlagewerk ist das Vokabular des NS (1998),60 um den Sprachgebrauch zu verifizieren. Dort ist festgehalten: In den halb-offiziellen Sprachwörterbüchern Duden
vor dem NS, die 11. Auflage 1934, die 121941 die neuen Wörter und die gestrichene Wörter. Dort
sind auch Belege festgehalten, wie dies im normalen Sprachgebrauch akzeptiert oder nicht
übernommen wird.
5. Dabei ist interessant beispielsweise, dass das „Dritte Reich“ 1941 wieder ausgetragen wurde,
weil der zensierte Sprachgebrauch nun das Wort „Großdeutsches Reich“ vorschrieb (SprachNorm). Aus den Belegen wird deutlich, dass Hitlers PR-Abteilung die Stilisierung als einen
Außermenschlichen betrieb, er selbst diese Rolle auch vor allem in der Vor-Regierungs-Phase
(„Kampfzeit“) und in den ersten Regierungsjahren übernahm, dann aber die Rationalität der
Macht herausheben wollte und die Mystik des Reiches zurückdrängen.
4.2
Lauft nicht den Rattenfängern hinterher!
Eine Rede Max Webers und die Messiasse der Weimarer Zeit
1. Max Weber wurde aufgefordert, vor den verunsicherten Studenten der eine Rede „Wissenschaft als Beruf“ zu halten.61 Im vierten Kriegswinter am 7. Nov. 1917 verwahrt der sich gegen
die überall aufstehenden Propheten, Heilsprediger. Er warnt die Studenten der Münchner
Universität (Freistudentischer Bund), die nach Leben, Erfahrung und einem Führer lechzen:
2. „Der Prophet und der Demagoge gehören nicht auf den Katheder.“ (S. 15). „Kommilitonen
und Kommilitoninnen! Sie kommen mit diesen Ansprüchen an unsere Führerqualitäten in die
Vorlesungen zu uns und sagen sich vorher nicht: dass von hundert Professoren mindestens
58
Schmitz-Berning, Vokabular (1998), 274-277.
Claus Ekkehard Bärsch: Die politische Religion des NS. Die religiöse Dimension der NS-Ideologie in den
Schriften von Dietrich Eckart; Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Adolf Hitler. München 1998. Schreiner
Messianismus 2003, 38.
60
Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des NS. Berlin; New York 1998.
61
Neu hg. von Wolfgang Schluchter in der MWG/MWS I 1992/1994, 71-111/1-23; hier die Zitate aus MWS.
59
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neunundneunzig nicht nur keine football-Meister im Leben, sondern überhaupt nicht ‚Führer’
in Angelegenheiten der Lebensführung zu sein in Anspruch nehmen und nehmen dürfen“ (S. 18)
3. Man sollte bei all solchen markigen Worten Webers immer bedenken, dass Weber auch das
Gegenteil erfahren hat und nicht ausschließt: Lange war er ein Verehrer von Leo Tolstoj, von
dem er sich in dieser Rede betont, überbetont absetzt.62
4. „Der Prophet, nach dem sich so viele unserer jüngsten Generation so sehnen, ist eben nicht
da. [...] Es kann, glaube ich, gerade dem inneren Interesse eines wirklich religiös ‚musikalischen’
Menschen63 nun und nimmermehr damit gedient sein, wenn ihm und anderen die Grundtatsache,
dass er in einer gottfremden, prophetenlosen Zeit zu leben das Schicksal hat, durch ein Surrogat,
wie es alle Kathederprophetien sind, verhüllt wird.“ (S. 21) Wer Glauben im Hörsaal predigen
wolle, der müsse die Rationalität abgeben und das Opfer des Intellekts (sacrificium intellectus)
opfern. „Innerhalb der Räume des Hörsaals gilt nun einmal keine andere Tugend als eben:
schlichte intellektuelle Rechtschaffenheit. Sie aber gebietet uns, festzustellen, dass heute für alle
jenen vielen, die auf neue Propheten und Heilande harren, die Lage die gleiche ist, wie sie aus
jenem schönen, unter die Jesaja-Orakel [Jesaja 21 11 f] aufgenommenen edomitischen Wächterlied klingt. ‚Es kommt ein Ruf aus Seir in Edom: Wächter wie lange noch die Nacht? Der
Wächter spricht: Es kommt der Morgen, aber noch ist Nacht. Wenn ihr fragen wollt, kommt ein
ander Mal wieder.’ Das Volk dem das gesagt wurde, hat gefragt und geharrt durch mehr als zwei
Jahrtausende, und wir kennen sein erschütterndes Schicksal. Daraus wollen wir die Lehre ziehen:
dass es mit dem Sehnen und Harren allein nicht getan ist, und es anders machen: an unsere
Arbeit gehen und der ‚Forderung des Tages’ gerecht werden – menschlich wie beruflich. Das
ist aber schlicht und einfach, wenn jeder den Dämon findet und ihm gehorcht, der seines Lebens
Fäden hält.“ (S. 23)
5. Das Jesaja-Zitat verweist auf das Volk, das immer nur gewartet hat. Es meint die Juden.
Dabei hat die Messias-Idee unter den Juden gerade eine doppelte Wendung erfahren: Zum einen
entsteht eine politische Gruppe, die einen nationalen Staat für die Juden in Israel fordert, also
eine eigene Herrschaft fordert, der Zionismus. Der erste zionistische Kongress in Basel (1897)
ruft diese Forderung aus. Dabei ist „Zion“ kein religiöses Symbol, sondern ein geographisches.
Zum andern verabschieden sich die Juden mehr und mehr von der Messias-Idee als einer
Erwartung eines von außen kommenden Erlösers.64 Der Stuhl des Messias ist und bleibt leer, so
das Bild; auf ihm regiert das Gesetz (Verfassung). Der Messias ist das ganze jüdische Volk!65
6. Das zweite ist Webers Lösung für die Arbeit des Wissenschaftlers: „Die wissenschaftliche
Arbeit ist eingespannt in den Ablauf des Fortschritts. [...] Jeder von uns dagegen in der
Wissenschaft weiß, dass das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das
Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit in der Wissenschaft: jede ‚wissenschaftliche Erfüllung’
bedeutet ‚neue Fragen’ und will ‚überboten’ werden und veralten.“66
7. Dann auch das: Schon sehr früh hatte Max Weber das Gefühl, dass die Gegenwart in einem
„Stahlharten Gehäuse“ gefangen sei.67 Die Moderne droht in der Bürokratie zu ersticken. Dem
Wort „Herrschaft durch die Verwaltung“ vermochte er immerhin abzugewinnen, dass preußische
Beamte integer und Fachleute waren. Aber es fehlte s. E. die politische Gestaltung. Sein Ruf
62
Radkau, Max Weber 2005, #. Weber, Wissenschaft als Beruf S. 10.
Gegenüber dem Anspruch von Rudolf Otto [oben Vorl. 2.3, 6.] hatte sich Weber als „religiös unmusikalisch“
verstanden.
64
Martin Buber: Das Kommende. [nur] Band 1: Das Königtum Gottes. Berlin 1932. Ernst Bloch: Erst etwa 1960
dann die Auseinandersetzung um den Messias zwischen Gershom [Gerhard] Scholem und Ernst Bloch Prinzip
Hoffnung , ob der Messias eine leidende Gestalt oder aber eine revolutionäre sei.
Christoph Lienkamp: Messianische Ursprungsdialektik. Die Bedeutung Walter Benjamins für Theologie und
Religionsphilosophie. Frankfurt am Main 1998.
65
Heinrich Graetz, s. Klaus Schreiner: Messianismus (wie Anm. 80) 2003, 12-18, hier 11.
66
MWS I/17, 8.
67
Max Weber: Der Geist des Protestantismus. 1904//05, hier (Ausgabe von Klaus Lichtblau S. ###). Danach viele
weiter Belege in den Schriften Zur Politik im Weltkrieg, s. Register!
63
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nach „Führern“ unterschied sich so von anderen Erwartungen, dass er nicht Kriegshelden,
Charismatikern oder Propheten das Regieren überlassen wollte, sondern aus der Mitte der für die
Verwaltung ausgebildeten Fachleute solch ein politischer Gestalter hervorgehen müsste.68 Abb.
4.3 Kränkungen des Alltags und Durst auf Leben
1. Gegen was Weber sich in Andeutungen richtet, sind vielfältige Bewegungen, die man unter
der Sammelbezeichnung der „Lebensreformbewegung“ zusammenfasst.69 Dabei beruft sich
Weber in seiner Rede immer wieder auf den, der die entscheidenden Stichworte für die „Lebensphilosophie“ gegeben hat: Friedrich Nietzsche.70 Gegen die Öde der Massenstädte, gegen die
trostlose Industrialisierung und die Aufteilung der Arbeit in Handgriffe, deren Endprodukt keiner
mehr stolz als seines in die Hand nehmen kann (Chaplin hat das 1936 in „Moderne Zeiten“ clownesk dargestellt), versuchen viele Modellprojekte, diese Entwicklung wieder zu durchbrechen:
2. Eine Vielzahl von Gemeinschaftsprojekten vor und nach dem Ersten Weltkrieg wurden gegründet, meist nur von kurzfristiger Lebensdauer. Es anders zu machen als die bürgerliche
Gesellschaft.71 Dazu gehören: Genossenschafts-, Siedlungs-, Bodenreform, Kleidungs-,
Schrebergarten-, Wohnungsreform, Gartenstadtbewegung; Freikörperkultur (FKK), Heimatschutz, Vegetarismus, Antialkoholismus, Naturheilunde, alternative Landwirtschaft,
Reformpädagogik, Tierschutz, Naturschutz.
3. Ende des 19. Jh.s entwickelt sich eine massive Urbanisierung in Deutschland. Im Unterscheid
zu der ersten Phase der Industrialisierung, die noch an Energie aus Flussströmung gebunden war,
zieht die Industrie jetzt zu den Abnehmern in die Städte. Arbeiterviertel entstehen, „Hinterhöfe“
sind die Mietskasernen, die in der zweiten, dritten Reihe hinter der Straße stehen mit einem
kleinen Innenhof, auf dem die Kinder spielen wollen, aber dafür gar keinen Platz haben. Mehr
noch aber als die Arbeiter, die nach dem elend langen Arbeitstag eher in die Kneipe fliehen, sind
es die Jungen aus den Bürgerfamilien. So begründet Hans Blüher72 die Bewegung des
„Wandervogels“ unter Gymnasiasten aus Berlin-Steglitz.73 Solche Projekte sind etwa Der Monte
Verità in Ascona,74 die Anthroposophen-Siedlung Goetheanum in Dornach bei Basel, die
Kibbuz-Bewegung.
4. Die („grüne“) Schriftstellerin Gudrun Pausewang hat in einem autobiographischen Bericht
von der Phase ihres Lebens berichtet, als ihre Eltern ein Leben in der neuen Form probierten. Sie
kauften sich dafür die Rosinkawiese, einen Acker im Tschechischen, ohne eine Ahnung von
Ackerbau zu haben. Das Experiment musste schief gehen. Solche Experimente kann man
überall sehen, oft mit religiösem Einschlag75 oder auch betont atheistisch-sozialistisch, viele auch
scharf nationalistisch.76
68
Zur Politik im Weltkrieg, hg. von Wolfgang J. Mommsen. MWG/MWS I 15 (1984/88), 450-506/212-248.
Zur Ausstellung in einer der berühmten Reformsiedlungen, der Mathildenhöhe bei Darmstadt, der Katalog Die
Lebensreform. Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und ##, hg. von Kai Buchholz u. a. 2 Bde, Darmstadt 2001.
70
Die Bedeutung Nietzsches für Weber hat vor allem Wilhelm Hennis (gegen v. a. Wolfgang Schluchter, der die
Rationalität Webers als zentrale Fragestellung ansieht) herausgearbeitet. Max Webers Fragestellung. Studien zur
Biographie des Werks. Tübingen 1987; ders.: Max Webers Wissenschaft vom Menschen. Neue Studien zur Biographie des Werks. Tübingen 1996. Weiter die Arbeiten von Detlev Peukert.. Zu Nietzsche religionswissenschaftlich
Hubert Cancik: Nietzsches Antike. Vorlesung. Stuttgart; Weimar 1995 (²2000).
71
August Nitschke; Gerhard A. Ritter; Detlev J. K. Peukert; Rüdiger vom Bruch: Jahrhundertwende. Der Aufbruch
in die Moderne 1880-1930. 2 Bde, Reinbek 1990.
72
Dazu Ulrike Brunotte: Zwischen Eros und Krieg. Männerbund und Ritual in der Moderne. (Kleine kulturwissenschaftliche Bibliothek 70) Berlin 2004.
73
Hubert Cancik: Jugendbewegung und klassische Antike, in: Urgeschichten der Moderne. Die Antike im 20.
Jahrhundert, hg. v. Bernd Seidensticker und Martin Vöhler, Stuttgart/Weimar 2001, 114-135.
74
Hubert Mohr: Ascona MLR 1(1999), 95-98.
75
Einige Experimente und Bewegungen sind vorzüglich beschrieben bei Ulrich Linse: Barfüßige Propheten. Erlöser
der zwanziger Jahre. Berlin 1983.
76
Theodor Fritsch, der die Gartenstadt 1896 propagierte, war zugleich der führende Antisemit im Kaiserreich [s.
Vorl. 10]. Dirk Schubert: Die Gartenstadtidee zwischen reaktionärer Ideologie und pragmatischer Umsetzung.
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5. Daneben gibt es auch Versuche der Versöhnung von urbanisierter Moderne und Naturerfahrung. Dazu gehören etwa die „Gartenstädte“ als städtische Siedlungen mit je einem ordentlichen
Stück Nutzgarten: Eden in Berlin-Oranienburg; Hellerau bei Dresden; Mathildenhöhe bei Darmstadt; Stuttgart-Degerloch. Die Bodenreformbewegung von Adolf Damaschke versuchte eine
politische Umsetzung der Refeudalisierung der „entwurzelten“ Arbeitsmigranten. Der NS hat das
dann in der „Bindung des Landwirts an die Scholle“ forciert. Da das nicht in einem dicht besiedelten Deutschland möglich schien, verband sich das mit dem Programm der Eroberungskriege
des „Raums ohne Volk“ (Osteuropa) für „das Volk ohne Raum“ (Roman von Hans Grimm
1926).
4.4 Reich und Führer: Der Messias als Gewaltmensch
1. Die Figur des Messias hat durch ihre Applikation auf Christus und die Christologie eine
grundlegende Veränderung erfahren, die auch für das religiöse Verständnis der Figur des Führers
wichtig ist.
2. Denn der Messias ist als irdischer Herrscher zu denken mit dem Auftrag, (1) die Fremdherrschaft zu beenden, (2) die Gewinner der Fremdherrschaft in den eigenen Reihen zu entmachten,
(3) Gerechtigkeit für alle „Brüder“ zu schaffen. Aber der Messias ist nicht die endgültige
Erlösung, sondern er ist Vorbereiter der endgültigen Theokratie, der Herrschaft Gottes. 77 –
Vergleichbar ist in der jüngsten Religionsgeschichte das Selbstverständnis des Ajatolla Chomeini
in der Iranischen Revolution 1979, der nicht selbst der 13. Imam in der Zwölfer-Schia zu sein
beanspruchte, sondern Vorbereiter sein wollte.
3. Nur im Christentum ist durch die Christologie eine andere Soteriologie mit dem Namen des
Messias78 verbunden. Der Vorbereiter bereitet sich selbst vor. Aber das Ganze ist im Christentum
in die Transzendenz verlegt, so dass auch schon der Tod Christi und seine Auferstehung in die
Transzendenz auch die Erlösung aus ihren irdischen Notwendigkeiten in das Himmelreich
verlegen. Die „frohe Botschaft“, die Erlösung, ist, da zitiert Jesus (Matth. 11, 5) ein Wort des
alttestamentlichen Propheten Jesaja 35, 5 f; 61, 1: „Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die
Aussätzigen werden rein. Die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird das
Euangelion verkündet (Befreiung aus der Gefangenschaft).“
4. In seiner Landsberger Haft streifte Hitler 1923 seine „Johannesnatur“ ab. Er verstand sich als
der kommende Führer Deutschlands, der entschlossen ist, eine „wahrhaft germanische Demokratie“ zu errichten und für die Geltung christlicher Werte zu kämpfen.79
5. Hitler selbst wollte sich als GröFAZ verstehen.80
4.5 Christus Imperator
1. Die Einführung des Festes Christkönig 1925: am letzten Sonntag im Oktober.81
Theodor Fritschs völkischer Version der Gartenstadt. (Dortmunder Beiträge zur Raumplanung 117) Dortmund
2004.vgl. Puschner (wie Anm. 158), 155-165.
77
Anna Maria Schwemer: Gott als König. Und seine Königsherrschaft in den Sabbatliedern aus Qumran. In: Martin
Hengel; AMS (Hrsg.): Königsherrschaft Gottes und himmlischer Kult. (WUNT 55) Tübingen 1991, 45-118. Zu
Theokratie s. den Problemaufriss Auffarth, KWR (2006).
78
„Messias“ ist erst in der Auseinandersetzung mit dem Judentum in der Kreuzzugszeit für das Christentum
reklamiert worden
79
Schreiner Messianismus 2003, 30.
80
Klaus Schreiner: Führertum, Rasse, Reich. Wissenschaft von der Geschichte nach der nationalsozialistischen
Machtergreifung, in: Peter Lundgreen (Hg.): Wissenschaft im Dritten Reich. Frankfurt 1985, 163-252. Ders.: „Wann
kommt der Retter Deutschlands?“ Formen und Funktionen von politischem Messianismus in der Weimarer
Republik. Saeculum 49(1998), 107-160. Ders.: Messianismus. Bedeutungs- und Funktionswandel eines
heilsgeschichtlichen Denk- und Handlungsmusters. In: Klaus Hildebrand (Hrsg.): Zwischen Politik und Religion.
Studien zur Entstehung, Existenz und Wirkung des Totalitarismus. München: Oldenburg 2003, 1-44.
81
Hubert Cancik: Christus Imperator. Zum Gebrauch militärischer Titulaturen im römischen Herrscherkult und im
Christentum, In: Heinrich von Stietencron (Hrsg.): Der Name Gottes. Düsseldorf 1975, 112-130.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007
5 GEHORSAM UND VOLKSGEMEINSCHAFT
5.1 „Der Vater“: Jochen Kleppers Roman
1. Der Schriftsteller Jochen Klepper (22. 3. 1903 in Beuthen - 11. 12. 1942 in Berlin) veröffentlichte 1937 den Roman Der Vater. Der Roman des Soldatenkönigs.82 Das Buch wurde zu einem
Bestseller, den auch NS-Vordere gerne lasen und lobten.
2. Klepper war einerseits ein protestantischer Autor der preußischen Tradition. Seine
preußisch-lutherische Einstellung hätte ihn wohl nicht zum – hilflosen – Gegner des NS werden
lassen, aber da der Pfarrerssohn eine Jüdin geheiratet hatte, stand er auf der Seite der Gegner des
NS. Als die Flucht seiner Tochter misslang, ging er 1942 mit Frau und Tochter in den Tod.
3. Der Roman schildert den Vater des berühmten aufgeklärten preußischen Königs Friedrich II.,
Friedrich Wilhelm I., den „Soldatenkönig“ (1688-1740). Der Vater verlangt von seinem Sohn
tyrannisch, dass er gehorche. Er muss der Hinrichtung seines Freundes zuschauen, der – genauso
wie Friedrich selber – versucht hatte, sich durch Flucht nach England, in die Freiheit, der Pflicht
zu seinem Volk zu entziehen. Der Vater selbst ist grüblerisch-fromm und versteht sich als der
Sohn eines noch größeren Vaters, nämlich Gottes. Der verlangt Härte gegen sich selbst, die
dann auch die Härte gegenüber der Frau, dem Sohn, den Soldaten, seinem Volk abverlangt.
4. Von dem schwer kranken Soldatenkönig gab Klepper einen Band mit Selbstzeugnissen
heraus, in tormentis pinxit: „unter Schmerzen gemalt“, die den bisweilen künstlerisch sich
beschäftigenden, ständig leidenden König und seine pietistischen Freunde aufzeigen, der doch
einen Krieg nach dem anderen führt. Der preußische Militarismus wird ohne Ambivalenz als
gottgewollt gezeigt.
5. Jochen Klepper verstand die Aufgabe des christlichen Dichters als „Werkzeug göttlicher
Verkündigung“. Er ist der Dichter einer Reihe von Kirchenliedern, die im Evangelischen
Gesangbuch in die evangelische Liturgie zur regelmäßigen sozialen Erinnerung eingefügt sind:
EG 16 Die Nacht ist vorgedrungen, 50 Du Kind zu dieser heilgen Zeit, 64 Der Du die Zeit in
Händen hältst, 208 Gott Vater, Du hast Deinen Namen, 239 Freuet Euch im Herrn allewege! ,
379 Gott wohnt in einem Lichte, 380 Ja, ich will Euch tragen bis zum Alter hin, 452 Er weckt
mich alle Morgen. Sie atmen alle das Kreaturgefühl [s. Vorl. 2.4, 1] eines ohnmächtig wartenden
sündigen Menschen, dem Gott die Erlösung versprochen hat.
6. Jochen Kleppers Werk ist in seinem Grundton pessimistisch auf die Menschen als Sünder hin
ausgerichtet, die sich nicht durch eigene Kraft aus dem Elend reißen können. Einzig der allmächtige, aber auch schwer durchschaubare Gott gibt den Halt, nicht zu verzweifeln.
5.2 Aus Familienvätern Massenmörder
1. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, hat Harald Welzer an einem Fall
untersucht:83 Am 1. Oktober 1941 forderte die deutsche Besatzunng die Juden von Kiew auf, sich
zu sammeln, um in einer „Umsiedlungsaktion“ einen neuen Wohnort zugewiesen zu bekommen,
in Wirklichkeit um sie zu töten. Es meldeten sich viel mehr als angenommen: Am Ende hatte
das Polzeibataillon 101 insgesamt 33 771 Frauen, Männer und Kinder getötet.
82
Stuttgart DVA 1937, ca. 600 S. Rita Thalmann: Jochen Klepper. Ein Leben zwischen Idyllen und Katastrophen.
München 1977. http://www.bautz.de/bbkl/k/Klepper.shtml
83
Harald Welzer: Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. Frankfurt am Main: S. Fischer 2005 (=
Frankfurt: Büchergilde 2006). Die Fragestellung ist sozialpsychologisch, beruht aber auf Historikern.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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2. Das Polizeibataillon bestand aus rund 500 Männern, als Ordnungskräfte hinter der Front
waren sie schon etwas älter, deutlich über 30 und zumeist Familienväter. Ihr Kommandeur Major
Trapp war ein älterer Herr. Er hatte in seiner Ansprache betont, dass „Wir“ eine schwierige und
alle sehr an die Nieren gehende Aufgabe zu erfüllen hätten. Deshalb stellte er allen frei, sich an
der Aktion zu beteiligen. Aber nur ganz wenige, allenfalls 2%, nahmen nicht teil.
3. Dass die „Umsiedlungsaktion“ nur ein Tarnname war, wussten die Befehlshaber. Hitler hatte
gleich zu Beginn des Unternehmens „Barbarossa“ den Befehl ausgegeben, dass es sich um einen
Vernichtungsfeldzug handle. Denn es gab gar keine Orte, wohin die Juden umgesiedelt werden
konnten und sollten. Es gab keine genauen Ausführungsbestimmungen, nur dass es um die
Erschießung ging, war klar. Damit war das ein rechtswidriger Befehl.84 Der Befehlshaber galt als
leutseliger Kommandeur, der sich vor seine Männer stellte. Wenn er von einem so schwierigen
Befehl sprach, dann forderte er die Solidarität seiner Männer heraus.
4. Gleichzeitig verwies er auf Frauen und Kinder zu Hause, die „Wir“, die Väter, zu schützen
hätten. Die „Sie“, die Juden, waren unbewaffnet, ganze Familien, sie leisteten keinen Widerstand. Sie trotzdem als bedrohende Feinde zu sehen, gab es keinen Anlass. Die Befehlsgeber
versuchten immer zu suggerieren, dass es eine zuvorkommende Strafe sei, mit der eine Bedrohung des eigenen Volkes unterbunden wird.
5. Das setzt (1) eine Vorstellung über die Bedrohung voraus, die ohne Waffen und Gewalt
wirkt, und (2) ein arbeitsteiliges Zusammenwirken bei dem Verbrechen, die jeden mit verantwortlich macht, seine Arbeit an der ihm zugewiesenen Stelle auszuführen.
6. Die angebliche Bedrohung durch eine am Krieg gar nicht beteiligte soziale Gruppe, die von
Soldaten vernichtet wird – im Windschatten des Krieges:85 Die Juden seien eine Gefahr für das
Blut, indem sie den „Körper“ des Volkes bedrohen als Seuche/Epidemie, als Ungeziefer, durch
Rassemischung. Zusätzlich wird eine andere Verbindung immer neu wiederholt. In dem
Fotoalbum, das ein SS-Brigadeführer über die Erstürmung und Vernichtung des Warschauer
Ghettos zusammengestellt hat, geradezu liebevoll, als seien es Urlaubsfotos der Familie (der
Stroop-Bericht),86 werden immer „Juden und Terroristen“ in einer festen Verbindung genannt.
7. Der Massenmord aber wird in Arbeitsteilung ausgeführt, bei dem die Kameraden Hand in
Hand arbeiten; jeder an seinem Platz, jeder mit seiner Aufgabe, die andere vor- oder nachbereiten. Eine Gruppe holt die Juden aus ihren Häusern, andere registrieren sie, andere teilen sie in
Gruppen auf, andere fahren sie im Lastwagen in den Wald, andere haben dort eine riesige Grube
ausgehoben, andere halten Schaulustige fern, andere kochen das Mittagessen für die Soldaten,
andere ... Und schließlich eine Gruppe, die die unangenehmste Aufgabe übernommen hat und
damit die sensibleren Kameraden nicht belastet, die die Juden erschießen. Ein Männerbund, der
sich gegenseitig Dienste tut. Und so gemeinsam einen Massenmord verübt, ohne Schuld, eben
gehorsam.
84
Welzer 2005, 100 verweist auf Manfred Messerschmidt, der darin eine Verletzung des § 47 des Militärgesetzbuches sieht, dass verbrecherischen Befehlen keine Folge geleistet werden dürfe.
85
Dies hat vor allem die „Wehrmachtausstellung“ erstmals in aller Deutlichkeit herausgestellt: »Verbrechen der
Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941—1944« des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Der
Katalog, hg. von Hannes Heer unter diesem Titel Hamburg 1995, wesentlich überarbeitet ²2002; zuletzt wurde die
Ausstellung 2004 gezeigt. Empörte Gegner der Ausstellung warfen den Verantwortlichen Fehler vor, teils berechtigt,
aber die aufgedeckte Täterschaft konnte nicht bestritten werden. Auch das Aufzeigen von „Verbrechen an der
Wehrmacht“ konnte die Schuld nicht überdecken. Eine Bremer Tagung von Thiele. Christian Hartmann: Verbrechen
der Wehrmacht. Bilanz einer Debatte.
86
Faksimile [Jürgen Stroop]: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr“ Stroop-Bericht. Mit Vorw.
aus den Jahren 1960 u. 1976 von Andrzej Wirth. - Darmstadt (Sammlung Luchterhand 171) 1976. Himmler hatte die
Erstürmung am 19. April 1943 angeordnet, um dem Führer am nächsten Tag zum Geburtstag ein Geschenk zu
machen. Die schwer bewaffneten Soldaten brauchten aber einen Monat, um den Widerstand zu brechen.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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5.3 Ansteckungsängste
1. Der zweite Komplex einer Bedrohungsangst betrifft die der körperlichen Ansteckung und
eine geradezu religiöse Reinheitssorge. Religionswissenschaftlich ist für die Bestimmung von
Eigen und Fremd eine typische Form, dass definiert wird, was „rein“ und was „unrein“ ist.87 Die
Bewahrung und notfalls die Wiederherstellung des „reinen Ursprungs“ ist (1) eine der Utopien
in Religionen. Besonders durch die Reformation ist die Idee „zurück zur Urkirche!“, „zurück
zum Evangelium!“ zum Programm geworden.
2. Einer der bedeutendsten Ideengeber für die protestantische Identität war um 1800 Johann
Gottfried Herder. Er machte in seinen Ideen zur Geschichte der Menschheit die Alternative auf:
Zunächst waren die Völker ganz getrennt und jedes Volk entwickelte die seinem eigenen Charakter entsprechende Kultur. Im Hellenismus aber (durch die Eroberungszüge Alexanders des
Großen) überstiegen sie die natürlichen Grenzen, Berge und Flüsse, vermischten die Völker und
Rassen und schufen eine Mischkultur: das römische Imperium, dann die römische Kirche. Die
Reformation hat diese Internationalisierung wieder rückgängig gemacht. Jetzt hat wieder jedes
Volk seine Volksreligion in der eigenen Sprache, die reformierten Landeskirchen. Das Volk ist
der Autor der kleinen Gattungen wie Volkslieder, Volksmärchen, Fabeln, Rätsel, Sprüche.
3. Völlig gegen seine Intention – er plädierte für die Eigenständigkeit der kleinen Völker –
wurde Herder für den Nationalismus vereinnahmt. Der Nationalismus orientiert sich an dem
Ursprungsmodell.88 Das wurde 1819 durch eine Entdeckung historisch verstärkt. Franz Bopp
bewies in seiner indogermanischen Grammatik, dass es einen gemeinsamen Ursprung gab, dem
die Arier in Persien ebenso angehörten wie die Germanen. Sprachgeschichte wird zu einer
Nationalideologie.89 Gegen die Arier stehen die Semiten, der Antisemitismus. Aus dem
biblischen Modell der drei Söhne Noahs, Sem, Ham und Japhet, die als Repräsentanten der drei
Kontinente verstanden wurden, wurde die „wissenschaftliche“ Rassenlehre, verbunden mit der
Durchsetzung der starken, großen, besseren Rasse.
4. In dieser Rassenlehre war die Vermischung mit anderen Rassen die größte Gefahr. An die
Stelle der Vorstellung des Schöpfer-Gottes war bei Darwin die „Zuchtwahl der Natur“ getreten,
d. h. die Natur (als planende Züchterin) sorgt dafür, dass gute Väter und Mütter den Nachwuchs
zeugen, der sich gegen die Schwächeren (Bastarde; Hybride) durchsetzt. Unter den Menschen,
die nicht so vernünftig sind, muss man das durch Regeln und Gesetze erzwingen, um das „Vernegern“ und die „Verjudung“ zu verhindern. Das geschah insbesondere durch das Gesetz zum
Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre (15. 9. 1935 „Nürnberger Gesetze“); gleichzeitig verloren alle Juden das deutsche Bürgerrecht. Der Kommentator wurde später Adenauers
Staatssekretär Hans Globke. Eine Missachtung der Gesetze nannte Hitler „Erbsünde“.90
5. Der Befehl Heinrich Himmlers etwa für die Vernichtung aller jüdischen Einwohner von Warschau lautet: „Für die Niederlegung des Ghettos ist mir ein Gesamtplan vorzulegen. Auf jeden
Fall muß erreicht werden, daß der für 500 000 Untermenschen bisher vorhandene Wohnraum,
der für Deutsche niemals geeignet ist, von der Bildfläche verschwindet und die Millionenstadt
Warschau, die immer ein Herd der Zersetzung und des Aufstandes ist, verkleinert wird.“ Heinrich Himmler, 16. Februar 1943.91 Das Wort „Untermenschen“ ist analog zu Nietzsches Begriff
des Übermenschen gebildet und bezeichnet Juden, Polen, Russen und Kommunisten. Polnische
Juden sind also doppelt negativ.92 In Stroops Ausführungsbericht heißt es dabei „Es wurden 180
Juden, Banditen und Untermenschen vernichtet“ [Zum Begriff „vernichten“ s. Vorl. 10].
87
Mary Douglas: Purity and Danger. London 1966; dt. von Brigitte Luchesi Reinheit und Gefährdung. Eine Studie
zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu. Berlin 1985; stw 712. Frankfurt 1988.
88
Friedrich Wilhelm Graf: Die Nation – von Gott erfunden, in: Gerd Krumeich; Hartmut Lehmann (Hrsg.): „Gott
mit uns“. Nation, Religion und Gewalt im 19. und frühen 20. Jahrhundert. (VMPIG 162) Göttingen 2000, 285-318.
89
Ruth Römer: Sprachwissenschaft und Rassenideologie in Deutschland. München 1985.
90
Schmitz-Berning, Vokabular 204 f. Vgl. s.v. entarten, entjuden, Erbgesundheit, erbkrank, Gegenauslese usf.
91
Leon Poliakov: Das Dritte Reich und die Juden
92
Schmitz-Berning, Vokabular 618-622.
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5.4 Eugenik und Euthanasie
1. Bereits im Kaiserreich sind die Programme für eine Eugenik entwickelt worden.93 Anstatt die
Evolution und die Natur zufällig oder nach Familienkriterien die Auswahl der Ehepartner wirken
zu lassen, war auch denkbar, gesunde Kinder (und künftige Soldaten) zu züchten. Die Zivilisation verhindere das Züchten der besten Menschenrassen. Doch nach dem Vorbild des Zuchtbullen
könnte man Gleiches bei den Menschen machen. Die Nationalsozialisten schufen dafür die
Institutionen, positiv (Lebensborn; Verschärfung des Abtreibungsverbotes § 218) wie negativ.
2. Nach dem „Gesetz für die Verhinderung erbkranken Nachwuchses“ 14. Juli 1933 (RGBl
1933 I, 529) wurden etwa 323 000 Menschen gezwungen, sich sterilisieren zu lassen, wenn ein
Arzt zu der Auffassung kam, dass in der Familie eine bestimmte Krankheit erblich weitergegeben wurde. Dazu gehörten auch Alkoholiker, Kriminelle und Asoziale. Der Mord hieß auch
„Gnadentod“.
3. Das Gegenstück zur Eugenik und der Verhinderung von Vererbung schlechter Gene (die
Sterilisierung) wurde im ersten Kriegsjahr durchgeführt, was die Zahl unnützer Esser minimieren
sollte: die Ermordung „lebensunwerten Lebens“. Bereits 1934 hatte der Reichsärzteführer Dr.
Gerhard Wagner vorgerechnet, dass das „Heer“ der Erbkranken durchzufüttern 1,2 Milliarden
RM jährlich kostete und daher eine nicht zu rechtfertigende Verschwendung bedeutete. Die
Vernichtung, wie er vorschlug, durch Gas, Schusswaffen und „Null-Diät“ (Verhungernlassen)
wurde 5 Jahre später realisiert. Der Führerbefehl wurde auf den 1. September 1939 zurückdatiert:
Gleichzeitig mit dem äußeren Krieg führte das deutsche Volk den inneren Krieg.
4. Evangelische und katholische Heime für Behinderte und Epileptiker mussten ihre Bewohnen
in lebenswerte und unwerte Menschen einteilen. Letztere kamen in die Tötungsanstalten und
wurde unmittelbar getötet. Wenige kamen in Tötungsanstalten, wo sie für die medizinische
Forschung (v.a. Hirnforschung) als Material dienten. Wenige von ihnen wurden sogar therapiert
und entlassen, die meisten aber getötet.94
5. Zunächst wurden Menschen mit Behinderung getötet in einer Aktion, die einen der typischen
Geheimnamen trug, im Bewusstsein des Unrechts: T 4 nach dem Ort, an dem das Verbrechen
ausgedacht und organisiert wurde: (Berlin) Tiergartenstraße 4. Etwa 70 000 Menschen in Behindertenanstalten wurden an fünf Orte verlegt, um dort getötet zu werden. Erst sollte das in einem
Bus geschehen, der die Behinderten beförderte. Aber das CO ‚aus dem Auspuff ins Innere geleitet’ wirkte langsam und qualvoll. So wurde die Vergasung (durch ein Gift gegen Ungeziefer) erfunden. Als ab August 1941 die Aktion nicht mehr zentral organisiert, wohl aber in den einzelnen
Krankenhäusern weiterbetrieben wurde, war die Tötungsform für die Judenvernichtung getestet.
6. Gegen die Zwangssterilisation wurden kaum Proteste erhoben, im Gegenteil. Die Nächstenliebe für die nächste Generation fordere als Gottes Gebot die Sterilisation, hatte schon 1931
Friedrich von Bodelschwingh, der Leiter der ‚Stadt’ der Behinderten Bethel, empfohlen.95 Der
NS legalisierte und erzwang das. Gegen die Tötung von behinderten Neugeborenen und vor
allem gegen die der Jugendlichen und Erwachsenen aber war eine Reaktion, ein Widerspruch der
Kirchen zur Euthanasie gefordert, denn viele Behinderteneinrichtungen waren von der Inneren
93
Von einem Vetter Darwins, Francis Galton 1883 eingeführter Begriff. Texte dazu Jochen-Christoph Kaiser; Kurt
Nowak; Michael Schwartz (Hrsg.): Eugenik, Sterilisation, „Euthanasie“. Politische Biologie in Deutschland 18951945. Berlin: Union 1992.
94
Die Ambivalenz der Institutionen für die Euthanasie – vor allem Tötungsanstalten, teils für medizinische Experimente an Lebenden und anatomische Untersuchungen an den Getöteten und die wenigen, die wieder entlassen
wurden – der sehr differenzierte und gut belegte Aufsatz Rolf Königstein: Der lange Schatten der Vergangenheit.
Neue Forschungen zum Krankenmord im NS. In: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 70(2011), 519531.
95
Kurt Nowak (wie Anm. 96) 2002, 239. Er leistete aber Widerstand gegen die Tötung von Behinderten, s. FvB und
Paul Gerhard Braune: Briefwechsel 1933-1945. Hrsg. Jan Cantow; Kerstin Stockhecke. Berlin: Wichern 2011, 167214.
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Mission (der ev. Kirche) geführt.96 Immerhin hat der Vizepräsident der (evangelischen) Inneren
Mission, Pastor Paul Gerhard Braune, ein sehr genau recherchiertes Gutachten (Denkschrift) im
Juli 1940 dem Reichskanzler vorgelegt als Grundlage der Proteste gegen die offizielle Euthanasie.97 Der katholische Bischof von Münster, Graf Galen, sprach in einer Predigt 3. August 1941
sich öffentlich gegen die Aktion aus. Proteste der Eltern in (Grafeneck) Württemberg und in
Bethel machten das Morden in der Öffentlichkeit bekannt. Hitler beendete offiziell am 24.
August die Aktion. Inoffiziell ging sie weiter (“wilde Euthanasie“).
7. Besonders im Bereich der pränatalen Diagnostik („Humangenetik“) hat sich die „Kindereuthanasie“ fortgesetzt, auch nach dem Dritten Reich, freilich nicht an bereits geborenen
Kindern, sondern vor der Geburt.
96
Grundlegend Kurt Nowak: Euthanasie und Sterilisierung im Dritten Reich. Die Konfrontation der evangelischen
und katholischen Kirche mit dem ‚Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses’. [Diss. Leipzig 1971] Halle an
der Saale 1977; ³1984 [parallele Ausgabe Göttingen]. Sowie die Aufsätze dess.: Kirchliche Zeitgeschichte interdisziplinär. Stuttgart 2002, 220-276. Bes. Widerstand, Zustimmung, Hinnahme. Das Verhalten der Bevölkerung zur
Euthanasie [1991], S. 260-276.
97
Die Denkschrift vom 9. Juli 1940 „Betrrifft: Planmäßige Verlegung der Insassen von Heil- und Pflegeanstalten“.
Braune wurde am 12. August von der GeStaPo verhaftet und 11 Wochen im Berliner GeStaPo-Gefängnis gefangen
gehalten. Text Dokument 13 in: ######################, S. 291-299; als PDF im Internet eddywieandsinedi.de/app/download/3365491702/Braune.pdf.
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Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
6 HELDENKULT UND DIE MÄRTYRER (RELIGIO CASTRENSIS)
6.1 Männer, keine Schlappis!
1. Das Männlichkeitsideal bildete sich im Zweiten Kaiserreich heraus. Die kasernierte Nation
pflegte das Bild des militärisch-schneidigen Mannes als Ideal, der um seiner Ehre willen auch
den Tod nicht scheute: vor allem das Duell.98
2. In der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts wurde das Männerbild im Begriff des „Männerbundes“ zu einem kulturwissenschaftlichen Modell. Nachdem ex negativo (durch das Gegenteil)
bereits 1854 der Basler Großbürger Bachofen in seinem „Das Mutterrecht“ gezeigt hatte, dass
die von ihm rekonstruierte Stufe der Gynäkokratie das Gegenteil von Ordnung, Kultur und Staat
sei; mit Frauen an der Spitze also kein Staat zu machen sei,99 versuchte der Bremer Ethnologe
Heinrich Schurtz mit ethnologischem Material zu beweisen, dass Staaten dadurch entstanden
seien, dass sich Männer in Männnerbünden von den Frauen abgesondert haben und durch das
nur unter Männern zirkulierende Wissen Ordnung und Kultur möglich wurden.100
3. Während noch im Ersten Weltkrieg Soldaten mit einem „Schützengrabenkoller“ als krank von
der Front zurückgezogen wurden und in Sanatorien behandelt wurden [oben Vorl. 1.1], wurde
die Nervenüberspannung und folgende -spannungslosigkeit (Neurasthenie) als Simulation einer
Krankheit angesehen, die wahre Männer nie zeigten und die man gewaltsam verhindern musste:
Reiß dich zusammen!101 Härte wird zu einem zentralen Wort: Disziplin.
6.2 Frauen
1. Der Nationalsozialismus war eine Männer-Herrschaft.102
2. Die Erfolge der Emanzipation der Frauen vor 1933 wurden unverzüglich zurückgenommen.
1893 wurde das Gymnasium für Mädchen in D geöffnet. In Bremen gab es eine ganz frühe
Einrichtung: 1859 gründete August Kippenberg die Schule als Lehrerinnenseminar, da er die
Bildung der weiblichen Bevölkerung eröffnen wollte. Am 14. April 1872 erhielt das (spätere)
Kippenberg-Gymnasium die Konzession zur Errichtung einer höheren Töchterschule. Das
Kippenberg-Gymnasium entwickelte sich in den folgenden Jahren zur wohl größten höheren
Mädchenschule ganz Deutschlands. 1882 hatte es bereits mehr als 750 Schülerinnen.
3. 1900 wurden die höheren Schulen gleichgestellt, Frauen konnten in der Regel nur Lehrerin
werden. Das Studium wurde geöffnet, zuerst für Frauenärztinnen und zuerst in Zürich (zu den
ersten gehörten Rosa Luxemburg und Ricarda Huch).
4. Ein Teil des Arbeitslosenwunders bestand darin, dass Frauen aus ihren Arbeitsstellen entlassen wurden. (Die beiden anderen Gründe, dass die NS-Herrschaft die riesigen Arbeitslosenzahlen schnell in Vollbeschäftigung umkehren konnte, waren 1. dass die rigorose Rationali98
Grundlegende Untersuchungen Ute Frevert: Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft. München 1991. Dies.:
Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland. München 2001. Mosse:
99
Johann Jakob Bachofen: Das Mutterrecht. Basel 1861 (wiss. Ausgabe in den GW 2-3, hg. von Karl Meuli, Basel
³1948). – Zur Kritik Hartmut Zinser: Mythos des Mutterrechts. Frankfurt 1981; ND mit Nachwort Münster 1996.
100
Heinrich Schurtz: Altersklassen und Männerbünde. Eine Darstellung der Grundformen der Gesellschaft. Berlin,
Reimer 1902. – In einer Kölner Ausstellung wurde das Thema umfassend zusammengestellt: Gisela Völger; Karin
von Welck (Hg.): Männerbünde – Männerbande. Die Rolle des Mannes im Kulturvergleich. (Ethnologica N.F. 15)
2 Bde, Köln 1990. Ulrike Brunotte: (wie Anm. 75)
101
Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. München 1998, 389-407.
102
Rita Thalmann: Être femme sous le IIIe Reiche 1982; dt. Frausein im Dritten Reich. München 1984; TB 1987.
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sierung der Jahre zuvor gelockert werden konnte; 2. dass der Staat große Bestellungen aufgab;
bes. die Baupolitik (Stichwort Autobahnen); 3. eine Re-Agrarisierung verfolgte; 4. die Zwangspensionierung politischer Gegner Stellen im öffentlichen Dienst frei machte).103
5. Dabei stehen Technik- und Fortschrittsbegeisterung neben rückwärtsgewandter Germanenideologie. Das Beispiel der automobilen Gesellschaft mit dem (nicht eingelösten) Versprechen
eines „Volkswagens“, dem Bau von Autobahnen, die vor allem den Zweck von Aufmarschwegen
für den Krieg hatten, wurde ungebrochen in die Bundesrepublik übernommen, der ADAC mit
seinem Reichsadler und seiner Gliederung in „Gaue“.104 Dass Frauen ein Auto fahren, wurde
aber noch bis 1957 (Gleichstellungsgesetz) von der Erlaubnis ihrer Männer abhängig gemacht.
Die automobile Gesellschaft war männlich.
6. Die Germanen hatten eine ganz andere Einstellung in der Wertschätzung von Frauen. Das
steht in der berühmten Darstellung über die Germanen des Römers Tacitus, Germania. Das war
wissenschaftlich nachgewiesen, die männlichen Historiker aber pflegten ein Bild von der
germanischen Frau, wie es die Romantik entworfen hatte.105
7. Im nationalsozialistischen System war für die Frauen der Mutterdienst vorgesehen.106
Innerhalb der Vorkriegsjahre erhöhte sich die Geburtenrate auf fast 2; immerhin hatten 21,7%
der Familien vier Kinder und mehr; während F und GB nur 1½ aufwiesen, doch die Italienerinnen waren fruchtbarer: 2,36. Schlimm aber war, dass die Polen noch weit darüber lagen,
nämlich bei 3,28; nach dem Malthus-Prinzip würden die Slawen also auf längere Frist die gute
Rasse der Germanen verdrängt haben. Neben materielle Anreize für junge Familien traten Lob
(Mutterkreuz) und Druck.
6.3 Märtyrer: Die frühen Helden der Bewegung in Liturgie und Ritual
1. Für das soziale Gedächtnis, das die NS als eine Art Palimpsest überschreiben wollte, werden
drei Modi eingesetzt: (1) die vorhandenen Feste werden genutzt und mit neuen Inhalten
semantisch umgedeutet. Dazu gehören die Weihnachtslieder, deren christlicher Inhalt entfernt,
die aber weiter gesungen werden;107 (2) die Feste der Nationalen Zivilreligion werden „besetzt“
mit NS-Zeichen; (3) neue, spezifische Feste der Partei werden dazu kreiert. Das sei am Beispiel
des Märtyrerkultes gezeigt.108
2. Horst Wessel ist einer der berühmtesten Märtyrer (= „Blutzeugen“).109 Der älteste Sohn eines
Berliner Pfarrers und Fontkämpfers, 1907 geboren, beginnt 1926 ein Jura-Studium. Eintritt in die
SA und schnelle Karriere. Bruder stirbt, H.W. verliebt sich, vernachlässigt die SA, zieht aus dem
Elternhaus aus und zieht mit einer Prostituierten in ein Zimmer mitten in einem roten
Arbeiterviertel. Der ehemalige Freund der Geliebten, ein Zuhälter, schießt auf ihn, HW stirbt
sechs Wochen später (23. Februar 1930, mit 22 Jahren).
3. Goebbels macht daraus eine Passionsgeschichte „Bis zur bitteren Neige“. Der Held verlässt
das Elternhaus, um den Geringsten unter seinen Brüdern die Botschaft zu predigen. Dazu muss er
mitten unter die Wölfe gehen. Nicht der himmlische Vater, sondern das Vaterland gibt ihm den
103
Die doppelte Seite aller dieser Maßnahmen die frühen Erfolge, die aber nur zu bezahlen waren und Planungen
waren für den Krieg, hat Sebastian Hafner, Anmerkungen zu Hitler (1978) der BRD-Öffentlichkeit erklärt.
104
Erhard Schütz: Der Volkswagen in: Deutsche Erinnerungsorte, Badn 1. München , 352-369¸697 f. Frank Becker:
Autobahnen, Automobilität. Die USA, Italien und Deutschland im Vergleich. In: Wolfgang Hardtwig (Hrsg.):
Politische Kulturgeschichte der Zwischenkriegszeit 1918-1939. Göttingen 2005, 23-59. Henry Ashby Turner:
General Motors und die Nazis. Das Ringen um Opel. Berlin: Econ 2006 [Opel war 1929 von den Amerikanern
übernommen worden; die Wehrmacht kaufte den Opel Blitz].
105
Thalmann, Frausein 1987, 84 f zu den Forschungen von Rogge-Börner.
106
Thalmann, Frausein 1987, 113-.
107
Ingeborg Weber-Kellermann: Weihnachtslieder. München: Goldmann; Mainz: Schott 1982,.
108
Sabine Behrenbeck: Der Kult um die toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole. Vierow
1996. SB arbeitet mit den klassischen (ethnologischen) Ritualtheorien. Vgl. ihren Artikel im MLR 2(1999), 530-538
109
Behrenbeck 1996, 134-148. Goebbels im „Angriff“ 6. 3. 1930.
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Kelch zu trinken, „bis zur [bitteren] Neige“. Er leidet die Verspottung. Der Anklang an hymnische Passionsgesänge ist gewollt. Damit war der Mythos der frühen Helden geboren.
4. Wessels Martyrium wurde bei jeder Aktion der SA in Erinnerung gesungen. Ein Lied, das
Wessel 1927 selbst gedichtet hatte, druckte der Völkische Beobachter nach dessen Tod. Es wurde
zu einem Kampflied, auf Parteiveranstaltungen im Anschluss an die Nationalhymne gesungen.
Horst Wessel hat seinen Text zu einer bekannten Melodie geschrieben, einem Leierkastenlied aus
dem 19. Jahrhundert. Auf diese Melodie wurde das „Königsberg-Lied“ (1918 auf die
Auslieferung des Kreuzers „Königsberg“ an die Alliierten) gedichtet. Nun wurde es erneut mit
einem neuen Text versehen („Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, ... Kameraden, die
Rot-Front erschossen, marschier’n in unsren Reihen mit.“ – Bert Brecht dichtete (wohl) 1933 in
Parodie darauf seinen „Kälbermarsch“, von Hanns Eisler vertont 1943.110
5. Wessel war der erste Märtyrer im „roten“ Berlin; er kam hinzu zu den Münchner „November-Gefallenen“. Beim Putschversuch, als am 8./9. November 1923 die NSDAP die Regierung
in München an sich reißen wollte, aber scheiterte, waren 16 Anhänger von Ludendorff und Hitler
getötet worden (Abb. 6.1). Hitler wiederholte, nun Reichskanzler geworden, jährlich groß inszeniert den Marsch vom Bürgerbräukeller zur Feldherrnhalle.111 (Hitler hatte im Bürgerbräukeller
die dort zu einem Festakt versammelte bayerische Regierung für abgesetzt erklärt, war am Tag
darauf mit seiner SA auf die Straße gegangen, die Putschisten aber wurde tags darauf durch
Polizei nach einen Schusswechsel überwältigt und verhaftet) Die Blutfahne, die Fahne, die 1923
im Zug mitgeführt wurde und die mit dem Blut der Märtyrer getränkt war, wurde zur Reliquie,
von der alle anderen Hakenkreuz-Fahnen sakralisiert wurden (Abb. 6.2). Bei der anschließenden
Vereidigung neuer Rekruten sprach Hitler vom Blut als dem „Taufwasser ... für das Dritte
Reich“.112(Abb. 6.3) Die Feldherrnhalle wurde mit einer Gedenktafel versehen (Abb. 6.4). Wer
in München an der Ostseite der Halle vorbeilief, hatte mit dem Hitler-Gruß die Toten zu ehren;
wer das nicht wollte, lief hinter der Feldhernhalle durch das „Drückeberger-Gäßchen“ auf die
andere Seite. 1935 wurden zwei Hallen für die Sarkophage der Märtyrer weiter westlich auf dem
Königsplatz gebaut; Antike war hier das Vorbild.113 (Abb. 6.4) Hitler ging zunächst alleine in die
Halle, „um innige Zwiesprache mit seinen gefallenen Kameraden zu halten“, bevor geordnet und
würdig das Defilé der „Alten Kämpfer“ und der Parteigenossen folgte.
6. Für Bremen ist noch eine Besonderheit zu nennen: In manchen Siedlungen schien es dringlich, eine Kirche zu bauen.114 Zwei schlichte Kirchen stiftete die Partei als „Dankeskirchen“ den
Pfarreien (HB-Osterholz 1938; Gröpelingen 1937/38),115 eine erhielt den Namen „HorstWessels-Kirche“.
7. Religio castrensis lässt sich eine Form von Religion bezeichnen, die spezifisch für eine Männergesellschaft als Soldaten („im Lager“, lat. castra) deren Eid und Solidarität beschwört und die
110
Brecht, Schweyk im Zweiten Weltkrieg. Gesammelte Werke, Frankfurt 1967, Stücke 5, 1976.
Behrenbeck 1996, 299-312. Zu München als Hauptstadt der Bewegung gibt es vorzügliche Bücher, wie Winfried
Nerdingser (Hrsg.): Ort und Erinnerung. Nationalsozialismus in München. [Architekturmuseum der TU München]
Salzburg; München: Pustet 2006. David Clay Large: Hitlers München. Aufstieg und Fall der Hauptstadt der
Bewegung. München 1998. Brigitte Schütz (Projektleitung): „Hauptstadt der Bewegung“. Ausstellung Münchner
Stadtmuseum]. München,1993. ND Wolfratshausen 2002.
112
Gedenkrede am 8. 11. 1934 (=Domarus 458). Abb. aus Rudolf Herz: Hoffmann & Hitler. Fotografie als Medium
des Führer-Mythos. [Katalog München/DHM] München 1994, 220.
113
Die Antikenmuseen (Glyptothek, Antikensammlung) rechts und links ordneten sich dem Platz zu, der, mit offenen Propyläen auf der einen Seite, die beiden Ehren-Tempel auf der anderen würdig rahmte. Abb. aus Iris
Lauterbach (Hrsg.): Bürokratie und Kult. Das Parteizentrum der NSDAP am Königsplatz in München. Geschichte
und Rezeption. München 1995, S. 20. Um die Brienner Straße (Karolinenring lagen alle Parteigebäude, wie „das
Braune Haus“ Ulrike Grambitter: Das „Parteiviertel“ der NSDAP ibidem 109-118.
114
Sämtliche Bauten in den dreißiger und vierziger Jahren in Bremen sind (aufgrund einer Arbeit von Konrad
Donat) in einem Katalogteil genannt in: Helmut Weihsmann: Bauen unterm Hakenkreuz. Architektur des
Untergangs. Wien 1998, zu Bremen 325-342.
115
Osterholz, Am Hallacker; Göpelingen, Scharmbecker Str.
111
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
35
Symbole des Heeres zu Heilsträgern macht. Ein Begriff aus der antiken Heeresreligion ist zu
einem Grundbegriff in der christlichen Religion geworden: sacramentum, der „Fahneneid“.
6.4 Menschenopfer für die Halbgötter
1. Die Trennung der kirchlichen Religion vom Staat, indem die Republik eine einheitliche
Ordnung in allen Bereichen durchsetzte, führte zu einer eigenen Gestaltung von Festen nationalen Charakters. Während des 19. Jahrhunderts entwickelt sich besonders ein Bereich der
öffentlichen Rituale zu der Nationalreligion: die Kriegerehrung.116
2. Daran kann der NS anschließen, aber mit einem deutlichem Unterschied. Denn der Totenkult
ist (1) nicht für die Gefallenen des Krieges, sondern für die wenigen Toten der Partei, die zu
Märtyrern hochstilisiert werden: Märtyrer für die Zukunft, nicht die Trauer um die vielen Kriegstoten der Vergangenheit. Auch für diese gibt es einen nationalen Ehrentag, der aber im Frühling
und in Berlin. (2) Der zweite Unterschied liegt in dem Kult der Vergeltung, das Töten als ein
Opfern.
3. Das zeigt eines der entscheidendsten Ereignisse des Dritten Reiches vor dem Krieg: die
Reichspogromnacht 1938, am 9. November. Es war ein geplantes Fest. Überall in derselben
Nacht, zu Abschluss des Gedenktages für die NS-Märtyrer, sollte im ganzen Reich ein Feuerkult
rituell entzündet werden, indem sämtliche Gotteshäuser der Juden zerstört wurden. Der konstruierte Feind, „der“ Jude, hatte keinen Ort mehr, seine Religion in der Gemeinschaft zu leben.
4. Der Feuerkult hatte nur auf einen Auslöser gewartet. Der bot sich so: In Paris wurde am 7.
Nov. ein Legationsrat der Botschaft ermordet, Ernst von Rath. Ein jüdischer 17-jähriger Mann,
Herschel Grynszpan, erfährt, dass alle polnischen Juden trotz Aufenthaltsgenehmigung innerhalb
kürzester Zeit verlassen müssen – ohne ihre Habe mitnehmen zu dürfen. Der Täter forderte in der
Botschaft, er wolle einen persönlichen Brief einem der Botschaftsleiter überbringen. Vorgelassen ruft er: „Sie sind ein sale boch. [schmutziger Deutscher] Hier ist das Dokument, im Namen
von 12 000 verfolgten Juden.“ und schießt auf von Rath. Der stirbt kurz darauf.117 (Abb. 6.5).
Grynszpan wurde festgenommen, aber trotz großem Druck auf die Vichy-Regierung nie verurteilt. Vor der Hauptverhandlung hatte er die Strategie entwickelt, die einen Prozess schwierig
machte: er habe mit von Rath eine homosexuelle Beziehung gehabt.
5. Am nächsten Tag wird in der NS-kontrollierten Presse der Fall als Herausforderung an das
deutsche Volk aufgebauscht. Goebbels droht, jetzt müsse es aufhören, dass Juden Ladenbesitzer
oder Hausvermieter seien. Und man müsse das ganze jüdische Volk bestrafen. Noch am gleichen
Tag wurde die SA mobilisiert, um die Synagogen an anderen Orten anzuzünden: Am Abend des
9. November, nach der Feier für die Märtyrer, begann im ganzen Reich organisiert die „Reichskristallnacht“ und wurde noch die beiden nächsten Nächte fortgesetzt, 9.-11. November
1938.118
6. Das Ereignis ist nicht als ein Schritt in einer konsequenten Linie zu verstehen von den Kaufboykotten über die Nürnberger Gesetze, die Synagogenzerstörung bis zum Völkermord. Die
geplante und bürokratisch durchorganisierte Ermordung der Juden ist keine nun dauerhafte Fortsetzung des Pogroms. Aber Stufe um Stufe verschärft, mit wenig Widerstand, wurde die
Vernichtung der Juden planbar.
116
Jeismann/Koselleck, Totenkult, s. Anm. 9.
Hitlers Hoffotograf Heinrich Hoffmann machte daraus ein „Antikommunistisches Plakat“ Abb. in: Abb. aus
Rudolf Herz: Hoffmann & Hitler. Fotografie als Medium des Führer-Mythos. [Katalog München/DHM] München
1994, 54.
118
Franz Maciejewski: Der Novemberpogrom in ritualgeschichtlicher Perspektive. Jahrbuch für
Antisemitismusforschung 15 (2006), 65-84. Rita Thalmann; Emmanuel Feinermann: Die Kristallnacht. Hamburg
(EVA Tb 211) 1993. Einen eigenen Befehl gab es wohl nicht, nur dass man der SA „freie Hand lassen solle“. Die
Polizei erhielt aber den Befehl, nicht einzugreifen, wenn Synagogen angezündet und zerstört würden. S. 83.
117
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B2880
7 DER GLAUBE ADOLF HITLERS UND DIE REICHSPARTEITAGE
7.1 Erste religiöse Sozialisation: Das Wien um 1900
1. Wenn man „Glaube“ verwendet, dann ist das in der Religionswissenschaft meist verpönt,
weil darin ein spezifisch protestantischer Zugang zu Religion zum Ausdruck kommt, der alle äußeren Formen (Rituale) und Vergemeinschaftung von Religion missachtet. In diesem Fall allerdings geht es um die religiöse Einstellung eines politisch überaus Mächtigen, der sich aus
religiöser Tradition und eigenen Vorstellungen den Sinn seines Handelns schuf.119 Und der
muss überaus stark gewesen zu sein, weil er sein Handeln so konsequent und zielgerichtet
werden ließ, einschließlich Weltreichideen und Vernichtung ganzer Völker, und auch seinen
eigenen Tod noch mit Sinn füllte.
2. Allgegenwärtig war der Katholizismus, der auch eine wesentliche Klammer des Herrschaftsgefüges darstellte: Österreich-Ungarn war gerade kein Nationalstaat, sondern ein „Vielvölkerstaat“. Gemeinsam war den beiden herrschenden Nationen weder Sprache noch Nation, dafür
aber die Religion. Und diese war eng mit der Herrschaft verbunden, ein Staatskirchensystem.
Während der Staat im Rechtssystem Religionstoleranz festgeschrieben hatte, war der Antisemitismus allgegenwärtig, und der tatkräftige Modernisierer der Stadt Wien, Bürgermeister Karl
Lueger, gewann seine Wähler durch offenen Antisemitismus. Gleichzeitig war man in Wien
katholisch, bei Kaisers wie bei den einfachen Menschen. Dass die Juden die Gottesmörder
waren, die sich selbst verflucht hatten: „Sein Blut komm über uns und unsere Kinder!“, das
wurde jedes Jahr an Karfreitag in Erinnerung gerufen.
3. In dieser Stadt wuchsen die aus der Provinz eingewanderten Sigmund Freud und Adolf Hitler
auf.120 Freud konnte nur durch sein immenses medizinisches Können und dank der psychischen
Probleme von betuchten Patienten aus der Mittelschicht die Nachteile seines Jude-Seins wettmachen. Hitler kehrte aus dem Krieg zurück und wurde wie viele andere ehemaligen Soldaten
zum Sozialfall, bereit zu radikalen Veränderungen.
4. Zur Ausgrenzung (exkommuniziert) der NS-Mitglieder aus der katholischen Kirche [s. Vorl.
11].
7.2 Die Welt der Science-Fiction: Jörg Lanz von Liebenfels
1. Mit Begeisterung verschlang der arbeitslose Mann im Wohnheim die Serie von Heften des
Jörg Lanz von Liebenfels [Adolf Lanz] „Ostara“.121 Darin beschreibt er eine Welt von rassisch
getrennten Völkern im Kampf, den Lichtgestalten und den boshaft-hässlichen Feinden. (In manchem haben diese konstruierten Welten Ähnlichkeiten mit dem amerikanischen Autor von
Science-Fiction-Romanen während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, der dann zum
In der Theologie und Soziologie wird das distanzierend als „Religiosität“ bezeichnet. Aber das, was die Individuation religiöser Tradition ausmacht und Sinn stiftet für das eigene Handeln, lässt sich durchaus als „Glaube“
bezeichnen. (So war das auch für MLR geplant, s. Christoph Auffarth: Religiosität/Glaube. MLR 3(2000), 188-196.
Für Hitler s. Friedrich Heer: Der Glaube Adolf Hitleres. Anatomie einer politischen Religiosität. Esslingen
(Bechtler) 1968; Tb 1989. Michael Rissmann: Hitlers Gott. Vorsehungsbewusstsein des deutschen Diktators. Zürich:
Pendo 2001. Michael Hesemann: Hitlers Religion. Die fatale Heilslehre des NS. (Pattloch) München 2004.
120
Exzellente Aufsätze zur Kultur zwischen Traditionalismus und Avantgarde Karl Schorske: Das fin de siècle
Wien. (am. New York 1980) Frankfurt 1982. Sozialhistorisch ausgezeichnete Arbeit und Abb.: Brigitte Hamann:
Hitlers Wien. München; Paris 1996; 81998.
121
Hamann, Wien 308-320.
119
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
37
Begründer einer neuen Religion wurde, Ron Hubbard und seiner Scientology): Dualismus, Gut
gegen Böse, seit Jahrtausenden die gleiche Konstellation.
2. Nun muss man aber fragen: Können die Auswirkungen der Herrschaft Hitlers und seiner
Führungsgruppe auf die Phantasien eines Spinners zurückgeführt werden? Oder muss man mit
dem Historiker Hans Mommsen jede religiöse Grundlage des Dritten Reiches ablehnen und die
Aktion als das Zentrum des NS begreifen, der zu einer sinnvollen Begründung nicht in der Lage
gewesen sei?122 Die Antwort muss breiter gesucht werden:
3. Welche religiösen Traditionen haben sich mit und gegen das lateinische Christentum, in den
siamesischen Formen der Konfessionalisierung, in den Institutionen der Wissenschaft, in die die
Theologie mit eingebunden ist, im Atheismus, in der Literatur herausgebildet, die zusammen die
Europäische Religionsgeschichte bilden. In dieser ist man nicht nur Katholik, sondern eben auch
Bürger, Nationalist, Theaterbesucher, klassisch Gebildeter usf.
4. Wenn man nun nach Hitlers Katholizismus fragt, dann nicht, um die enge Verbindung von
Katholizismus und Faschismus anzuklagen und gleichzeitig andere Traditionen freizusprechen.
Aber der Erfolg Hitlers, weil sich die Deutschen – wie das überspitzt Goldhagen formulierte – zu
willigen Vollstreckern machten, beruht darauf, dass in der Tradition auch solche radikalen Dispositionen enthalten waren, insbesondere in den Religionen.
5. Zu der gewöhnlichen Religion kommt bei Hitler und seiner Mannschaft noch ein Weiteres,
was ihr Elite-Bewusstsein weit heraushebt und gleichzeitig immun macht gegen Kritik: die
esoterische Erwähltheit. Dabei geht es auch um Astrologie und Hanussen, vor allem aber um
das Bewusstsein, ein viel tieferes Wissen zu besitzen über das Schicksal der Welt, über die
„Vorsehung“ und den Platz, der für Hitler darin vorgesehen war. Niederlagen waren dann nicht
ein Zwang, die Planungen zu überdenken, etwa Fehler zu sehen und umzuplanen, sondern eher
Bestätigung, durch Prüfungen zum Ziel der Vorsehung voranzuschreiten.123
7.3 In Richard Wagners anti-semitischer und anti-bürgerlicher Welt
1. Bereits 1923, nach dem misslungenen Putschversuch, besucht Hitler zum ersten Mal Bayreuth und es beginnt eine enge Freundschaft des politischen Aufsteigers, Onkel Wolf (=a.h.), mit
der Familie und besonders der Schwiegertochter von Richard und Cosima Wagner, Winifred
Wagner. Sie, eine aus England stammende Waisentochter, die in Berlin in der nationalistischen
Gartenstadt „Eden“ aufgewachsen war, gebar ihrem fast dreißig Jahre älteren Mann Siegfried
Wagner vier Kinder. Nach Siegfrieds Tod (1929) und entsprechend seinem Testament sollte sie
die Festspiele leiten, 1930-1944 (sofern sie nicht neu heiratete).
2. Häufig mit Hitler verabredet, wurden sie doch kein Paar, er aber finanzierte vielfach die Bayreuther Spiele. Ihr Partner wurde Heinz Tietjen, ein Bremer, der die Berliner Staatsoper – obwohl
SPD-nah, doch während des ganzen Dritten Reichs – leitete und mit seinem Know-how die
Grundlage für das „neue“ Bayreuth schuf. Zum 50. Todesjahr Richard Wagners (1813-1883),
kurz nach der Machtergreifung 1933, inszeniert Winifred medienwirksam den „Ring des Nibelungen“.124 Die NSDAP wie die Ludendorffer nutzten die Schauspiele, ihre politischen Programme bei der Gelegenheit dem Bürgertum nahe zu bringen.
3. Bis heute steht an jedem Karfreitag die Szene mit der Entdeckung des Gral auf den Programmen der Klassik-Radiosender. Parsifal hatte die erste Chance verpasst, die heilende Kraft des
Gral zu nutzen, und muss nun in jahrelanger Irrfahrt den Gral erneut suchen. Endlich gelingt ihm
das, es ist Karfreitag, der Gralskelch schließt die Wunden. Das mittelalterliche Epos ist deutlich
122
Bestenfalls enthielte der NS ein pseudo-religiöses Element: Hans Mommsen: Der Nationalsozialismus als
politische Religion. In Hans Maier; Michael Schäfer (Hrsg.): Totalitarismus und Politische Religionen. Konzepte des
Diktaturvergleichs. Band 2, Paderborn 1997, 173-181. Vgl. dagegen Neugebauer-Wölk 2006, <7> f.
123
Monika Neugebauer-Wölk: Esoterik und Neuzeit. Überlegungen zur historischen Tiefenstruktur religiösen
Denkens im NS. In: Zeitenblicke 5 (2006), Nr. 1 (04. 04. 2006) URL:
http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Neugebauerwoelk (20. 2. 2007)
124
Brigitte Hamann: Winifred Wagner oder Hitlers Bayreuth. München; Paris 2002. Vorzügliche Aufbereitung des
umfangreichen Materials; Abbildungen. Es kommt freilich wenig zur Sprache der Inhalt von Wagners Werk.
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38
eine Geschichte rund um das christliche Abendmahl.125 In Wagners Oper ist viel übernommen:
Gral als Ciborum (Gefäße für die Abendmahls-Hostie); gleichzeitig Stein der Weisen (aller
religiösen Traditionen).126 Der Magier Klingsor wird als der Gegner der Gralsritterschaft die neu
eingeführte Zentralfigur neben Parsifal. Er hat den Gralsritter Amfortas verwundet und hofft,
sich des Grals zu bemächtigen mittels schwarzer Magie. Da Parsifal weiß, was er erreichen muss,
nämlich die heilige Lanze zurückzuerobern, versucht Klingsor ihn durch Kundry erotisch zu
verführen. Sie wird als Jüdin mit orientalischer Erotik, aber abgrundtiefer Bosheit gezeichnet.
Aber das versöhnende christliche Heilsmittel (ohne dass es noch den Heiland brauchte) besiegt
das Böse und lädt sogar die Unterlegenen ein zum Heil.
4. Mit dem Stück wollte Richard Wagner einer esoterisch-gnostischen Linie des Christentums
gegen das kirchliche Christentum einen Weiheraum eröffnen, der mehr als das Illusionstheater
nicht Illusion und Fiktion einer Geschichte sein will, sondern Kunstreligion, also Religion im
Medium der Kunst/Musik außerhalb und gegen kirchliche Religion.
5. Die Grals-Geschichte wurde historisch mit den Katharern verknüpft, als denjenigen, die den
Gral und damit die nicht-katholische, die esoterische Form des Christentums bewahrt hätten.
Dazu war schon oben zur Tradition des „Dritten Reiches“ [Vorl. 3.3] etwas zu sagen. Ein
Religionswissenschaftler suchte im besetzten Vichy-Frankreich die Burg Montségur; in
Deutschland wurde sie als Ordensburg der SA nachgebaut: die Wewelsburg (sw von
Paderborn).127
6. Bereits in seiner Wiener Zeit hatte Hitler Wagners Welt in sich aufgesogen. Dazu kamen die
Bücher von Wagners Schwiegersohn, von Houston Stewart Chamberlain, aus dessen „Die
Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ (1899) er die Rassetheorie lernte und entwickelte.128
7.4 „Wir sind jetzt eins“. Reichsparteitage und Hitlers Rhetorik
1. Hitlers erstes und frühes Buch, das er nach seinem Putschversuch in einer – bequemen – Festungshaft schreiben konnte, „Mein Kampf“, spiegelt zwar seine Vorstellungen der frühen Zeit,129
aber wichtiger sind seine Reden auf den Parteitagen. Die sog. Monologe im Führerhauptquartier
sind unzuverlässig (nach der Erinnerung aufgeschrieben); eine vollständige kritische Ausgabe
der Schriften Hitlers ist im Entstehen, aber bisher ist nur die Zeit vor der Regierung herausgegeben.
2. Eine grundlegende Analyse einer Rede auf einem Reichsparteitag hat ein klassischer Philologe und Religionswissenschaftler, Hubert Cancik unternommen.130 Hier sei an dem Beispiel
Umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung der „Stoffgeschichte“ 1938 durch Konrad Burdach: Der Gral. [....]
Forschungen zur Kirchen- und Geistesgeschichte 14) Stuttgart 1938 [ND Darmstadt 1974] (Der 77-jährig 1936
Gestorbene enthielt sich „einer Auseinandersetzung mit den Arbeiten Otto Rahns, Franz Rolf Schröders und von
Suhtschecks“ (S. XXIII). Häretischer Einschlag? So Bayer, Der Gral. 2 Bde, Stuttgart ##.
126
Nicht mehr Opfer, ein Bühnenweihfestspiel Parsifal Peter Hofmann: Richard Wagners Politische Theologie.
Kunst zwischen Revolution und Religion. Paderborn 2003, 233-266.
127
Hesemann: Hitlers Religion 2004, 343-352; Abb.VII f. Die Burg ist allerdings Anfang des 17. Jh.s gebaut, so dass
die Ähnlichkeit der Dreiecksform nicht auf NS-Programm zurückzuführen ist. Zu Otto Rahn: Kreuzzug gegen den
Gral - Freiburg i. Br: Urban 1933.
128
Englischer Adeliger 1855-1927, Naturwissenschaftler, 29-jährig nimmt er seinen Wohnsitz in D; heiratet
Wagners Tochter Eva; nationalistischer Publizist. Die Grundlagen des 19. Jh.s, 2 Bde, München: Bruckmann 1899.
129
1924 (in der Festungshaft nach dem Putschversuch)-1926 verfasst und in zwei Bänden veröffentlicht München:
Eher 1925/1926.Vgl. http://www.polunbi.de/bibliothek/1925-hitler-kampf.html#aus. Hitlers Honorar betrug
insgesamt über 7, 8 Millionen RM. Kommentar Barabara Zehnpfennig: Hitlers Mein Kampf. Eine Interpretation.
München: Fink 2000, ³2006.
130
„Wir sind jetzt eins“. Rhetorik und Mystik in einer Rede Adolf Hitlers (Nürnberg 11. 9. 1936) , in: Günter Kehrer
(Hrsg.): Zur Religionsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. (Forum Religionswissenschaft 2), München
1980, 13-48; wieder in: Hubert Cancik: Antik — Modern. Beiträge zur römischen und deutschen Kulturgeschichte.
hg. v. Richard Faber, Barbara von Reibnitz, Jörg Rüpke, Stuttgart; Weimar 1998, 229-264.
125
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vorgeführt, wie er methodisch vorgeht, um dann das Thema religiöse Rhetorik bei Hitler zu
diskutieren.131
3. Die Reichsparteitage sind unter ästhetischen Gesichtspunkten schon vielfach beschrieben
worden. Die Faszination der Megalomanie, durch „Lichtdome“ noch ins nahezu Unendliche
gesteigert; das Aufgehen in der Masse und damit der Verlust der Individualität (Karow);132 aber
eine strikt geordnete rituell gegliederte und sich bewegende, militärisch disziplinierte Masse.
Gustave Le Bon galt als der Berater für Suggestionsmittel (die Masse sei für rationale Argumentation nicht zugänglich); das wohl Beste zu „Masse und Macht“ hat Elias Canetti beobachtet.133
4. Es ist üblich bei den Intellektuellen, die Irrationalität der Rhetorik pauschal vorab als
unverständlich abzutun, so mit dem Wort „verquast“ oder quasi-religiös. Zumindest kann man
genau beschreiben, welche sprachlichen Mittel der Redner verwendete; und man kann anhand
von Life-Aufnahmen auch hören, welche Worte bei den Zuhörern auf Resonanz stießen.134
5. Zu den verschiedenen Fachsprachen, die Hitler beherrscht, gehören u. a. die der Kunst (sein
Ausbildungs-Beruf)/Architektur, Technik, Militär. Es gehört dazu auch eine bestimmte Form
religiöser Sprache, die den Meister und die Jünger zu einer sich gegenseitig verpflichteten Gemeinschaft auf Leben und Tod macht. Diese Sprachform ähnelt vielfach der im JohannesEvangelium. Da wird immer neu benannt die Gefolgschaft auf der einen, der Führer auf der
anderen Seite; was sie gemeinsam erreicht haben in den vier Jahren; dass die vor ihnen liegenden
Ziele noch Opfer fordern werden. Denn es sind da mächtige Widersacher. Obwohl jeder von
ihnen nur ein kleiner, oft verzagter Mensch ist, macht der Glaube an das deutsche Volk stark.
Und der gipfelt in dem Bewusstsein des Eins-Seins. In dem Parteitag wird das Eins-Sein
aufgeführt (performance): „Wir sind jetzt eins“.135
6. Cancik sammelt alle Begriffe, die aus der christlich-religiösen Sprache stammen, von den
eindeutigen (wie Erbsünde, Wiedergeburt, Gewissensnot, Schlachtbank, Zeichen der Zeit) bis zu
den mehrdeutigen (Schicksal).136 Dazu kommt die formgeschichtliche Nähe zur liturgischen
Sprache:
 Berufungsgeschichte
 Gebet (häufig sogar ein „Amen“)
 Prophetie
 Paränese
 Glaubensbekenntnis in einer festen Formel
Canciks Resultat: Es handelt sich um eine para-christliche Festpredigt.
7. Ein Begriff, den Cancik hier verwendet, ist: Mystik. (1) Einheitsmystik (unio mystica): Im
mystischen Erleben wird zunächst die kenosis, das Leer-Werden, der Verlust des eigenständigen
Ich-Bewusstseins hervorgehoben. Ihr folgt die plerosis, Voll-Werden, indem das Ich verloren
geht, kann nun das Aufgehen, Einswerden in der göttlichen Macht erfolgen: Das „Nichts“ wird
131
Christian Dube: Religiöse Sprache in Reden Adolf Hitlers, analsysiert an Hand ausgewählter Reden aus den
Jahren 1933-1945. Diss Kiel 2004.
132
Markus Urban: Die Konsensfabrik. Funktion und Wahrnehmung der NS-Reichsparteitage, 1933–1941.
Göttingen 2007. 462 S. Yvonne Karow: Deutsches Opfer. Kultische Selbstauslöschung auf den Reichsparteitagen
der NSDAP. Berlin: Akademie 1997. Peter Reichel: Der schöne Schein des Dritten Reiches. Faszination und Gewalt
des Faschismus. München [u.a.] : Hanser 1991. ³1996; wesentlich erweitert Hamburg 2006. Der Film Triumph des
Willens. Reichsparteitag 1934, von Leni Riefenstahl.
133
GleB: Psychologie des foules, 1895. dt. 1909, seit ³1919 im Kröner Verlag, 151982. EC: Masse und Macht.
Hamburg 1960; 302006. Ein weiterer Klassiker der Massenpsychologie Wilhelm Reich.
134
Die Forschung zur Rhetorik Hitlers fasst zusammen Hans-Rainer Beck: Politische Rede als Interaktionsgefüge.
Der Fall Hitler. (Linguistische Arbeiten 436) Tübingen 2001 (= Diss Konstanze 1999) mit einem Schwerpunkt auf
der Adversivität, d.h. Häme, Diffamierung, Drohung. Er kann die Interaktion mit dem Publikum analysieren, weil er
Life-Tondokumente als Grundlage benutzt.
135
Die Reziprozität des Glaubens Hitlers an die Jugend und der Glaube der Jugend an unser Volk, das wiederum
vertreten ist in Hitlers Person, s. Zitat bei Cancik 29. Diese Verweisfunktion ist typisch im Johannes-Evangelium,
wie „Ich und der Vater sind eins“ vgl. Joh 17, 21.
136
Cancik 1980; Tabelle 2.2 bei Dube, 2004, 36-41 mit Kritik an Cancik (keine Kriterien der Auswahl).
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zu „Alles“, das kraftlose zur Allmacht usf. Zentral für die Begrifflichkeit ist (2) eine
Todesmystik, die den eigenen Tod, vor allem aber den Tod des Widersachers sucht, um für das
große Eine ein Opfer zu bringen. (3) Manche wollen auch eine erotische Tiefenbedeutung
sexueller Vereinigung darin erkennen.
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Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
8 KATHOLIZITÄT/POLITISCHE THEOLOGIE:
CARL SCHMITT UND ERIK PETERSON
8.1 Halbherzige Demokratie: Die Weimarer Reichsverfassung
1. Die Weimarer Reichsverfassung war zwar eine Demokratie, aber mit einem Element von
monarchischer Ausnahme-Möglichkeit. Insbesondere der Artikel 48, die Notverordnung,
erlaubte dem Präsidenten zeitweilig diktatorische Vollmachten.137
2. Das alte Staatskirchensystem war 1918 mit der Trennung von Staat und Kirche aufgehoben.
In Bremen etwa, wo bislang der Senat die Aufsicht über die einzelnen Kirchengemeinden ausübte, musste sich die Kirche als Verbund der selbständigen Gemeinden neu organisieren. [Vorl.
12.2] Während Ernst Troeltsch (als Staatssekretär) sich für eine konsequente Trennung der Kirchen vom Staat einsetzte,138 räumte die WRV den Kirchen, jetzt erweitert um die weltanschaulichen Gemeinschaften, außerordentlich weitreichende Privilegien ein wie den kirchlichen Unterricht in den Schulen oder die Kirchensteuer. Das Grundgesetz hat das weitgehend übernommen.139
3. Aus den Erfahrungen des ersten Jahres nach dem Krieg hatten die Verfassungsväter der
WRV den Artikel 48 eingesetzt, der dem Präsidenten außerordentliche diktatorische Vollmachten
einräumte, mittels Notverordnungen eine begrenzte Zeit zu regieren; so lange war das parlamentarische System außer Kraft gesetzt.
4. Hier kommt nun die Person des ganz jungen (mit 33 Jahren Prof.), hoch gelehrten Staatsrechtlers ins Spiel: Carl Schmitt (1888-1985). In Umkehrung der republikanischen Normalform
der Verfassung erklärte er das parlamentarische System zum Staatsnotstand, während der „Ernstfall“, wie ihn die Verfassung für den Ausnahmefall erklärte, der eigentliche Sinn der Politik sei.
5. So erklärte er in Hüter der Verfassung (1931): Um zu verhindern, dass die parlamentarische
Gesetzgebung die Werte der Verfassung durchbreche, müsse der Präsident als „Hüter der Verfassung“ kraft der Notverordnung dies verhindern.140 Das republikanische System komme immer
zu Kompromissen und lähme sich selbst. Daher sei es nötig, dass ein starker Staatsleiter mit
einem durchsetzungsfähigen Staatsapparat eindeutige Entscheidungen treffen können müsse
(Dezisionismus).141 Ziel der Politik ist nicht der Friede und Konsens der Bürger als Souverän des
Staates, sondern der Krieg und dafür die Unterscheidung von Freund und Feind.
6. In seinen vielen eher pamphlethaften Schriften nahm er in gewagten Thesen Stellung zur aktuellen Politik, eingekleidet in gelehrte, aber völlig einseitige historische Erinnerungen an Positionen der katholisch-romantischen Reaktion gegen die Französische Revolution. Insbesondere der
spanische Reaktionär Juan Danoso Cortés (1809-1853) kommt immer wieder vor.
7. Sein Eintreten für eine Diktatur, damit einzigartig unter den Staatsrechtlern der Zeit, machte
ihn zum wissenschaftlichen Gewährsmann, zum Theoretiker der Diktatur. Die NSDAP, als sie
137
Klaus Tanner: Die fromme Verstaatlichung des Gewissens. Zur Auseinandersetzung um die Legitimität der
Weimarer Reichsverfassung in Staatsrechtswissenschaft und Theologie der zwanziger Jahre. (AkiZ.B 15) Göttingen
1989.
138
Troeltsch, Schriften zur Politik und Kulturphilosophie. (KGA 15) 2002, bes. 111-146. Bereits 1907: Die
Trennung von Staat und Kirche, der staatliche Religionsunterricht und die theologischen Fakultäten.
139
WRV 149  GG 7; Sonderregelung für Bremen.
140
Berlin 1931. ND ³1985.
141
Christian von Krockow: Die Entscheidung. Eine Untersuchung über Ernst Jünger, Carl Schmitt, Martin Heidegger. Stuttgart 1958, ND 1990.
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42
zum ersten Mal eine große Regierung verantwortlich übernahm, ernannte Carl Schmitt in den
Beraterkreis der NSDAP-Regierung, den preußischen „Staatsrat“. Mit Persönlichkeiten öffentlicher Anerkennung wollte sie den Ruch der Proleten- und Gewaltpartei ablegen. Zum WiSe
1933 wurde CS zum Professor nach Berlin geholt und so zum „Kronjuristen des Dritten
Reiches“.
8. Die völlige Veränderung des Rechtes des Deutschen Reiches und der Weimarer Republik
mittels des „Richterrechts“, d. h. des Ermessensspielraumes in der Rechtsprechung, beschreibt
Bernd Rüthers: Entartetes Recht.142 Abb. 8.1
8.2 „Katholizität“
1. Für Carl Schmitt gab es eine Machtstruktur, die über einzelne persönliche Machthaber hinaus
(wie etwa Napoléon) über Jahrhunderte hin eine rationale, aber eindeutige Machtbegründung
aufrecht erhalten konnte: das Römische im Katholizismus. Gegen den antirömischen Affekt (den
auch die Germano-Deutschen und Protestanten ja gerne pflegten) stellte er die Struktur des
römischen Katholizismus. Dabei geht es nicht um den Inhalt des Katholizismus, sondern um die
Struktur des Denkens, Entscheidens und Handelns in einer Institution: um die „Form“. 143 Das
entwickelte er später weiter in seiner „Politischen Theologie“,144 ein Begriff von Carl Schmitt.145
2. Später versuchte ein katholischer Staatsrechtler, Erich Vögelin, unter dem Eindruck des
„Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich 1938 eine Unterscheidung einzuführen:
„Politische Religionen“.146 Das tat er parallel zu seiner Übersiedelung zur Harvard University;
sein Buch erschien in der zweiten Auflage im Exil-Verlag von Berman Fischer in Stockholm.
3. Eric J. Voegelin (so die amerikanisierte Namensform) stellte an einem historisches Beispiel
vor, dass prinzipiell Macht sich ableite aus der ungeteilten Macht des einen Gottes. Die monotheistische Revolution des Echnaton habe das zum ersten Mal so klar gesehen. Die Verbindung
von römischer Herrschaft und katholischer (das heißt „umfassend-ungeteilt“) Gottesvorstellung
sei die Gestaltung dieses Zusammenhangs, die das Abendland prägte.
4. In der Neuzeit aber zerbrach die Einheit von politischer Macht-Form und religiöser
Legitimität. Die Neuzeit besitze keine eigene Legitimität.
5. Nach dem Krieg gab es zwei fundamentale Entwürfe, die das Thema wieder aufgriffen, das
Carl Schmitt in seiner Politischen Theologie behauptet hatte: „Alle prägnanten Begriffe der
modernen Staatslehre sind säkularisierte theologische Begriffe. Nicht nur ihrer historischen
Entwicklung nach, weil sie aus der Theologie auf die Staatslehre übertragen wurde, sondern auch
in ihrer systematischen Struktur, deren Erkenntnis notwendig ist für eine soziologische Betrachtung dieser Begriffe.“147 Zum einen stellte Karl Löwith (1897-1973) in Weltgeschichte und
Heilsgeschehen 1949 (als Protestant jüdischer Herkunft) dar, wie die modernen Staatsentwürfe
142
München 1986; ²1989; dtv 1994.
CS: Römischer Katholizismus und politische Form. Hellerau: Hegner 1923; München ²1925 (=Stuttgart 1984).
144
Berlin 1932. Eine zweite Sammlung von Essays erschien 1970. Zu Carl Schmitts politischer Bedeutung im
preußischen „Staatsrat“, einem Gremium, das der NS-Regierung Rat, aber auch gesellschaftliche Reputation geben
sollte, gute Einführung von Dirk Blasius: Carl Schmitt. Preußischer Staatsrat in Hitlers Reich. Göttingen 2001. Man
zählt Schmitt zur „Konservativen Revolution“, s. das Handbuch eines, der sich selbst dazu zählt: Armin Mohler: Die
konservative Revolution in Deutschland 1918 – 1932. Ein Handbuch. Stuttgart 1950, ²1972. 6., völlig überarb. von
Karlheinz Weissmann, Graz: Ares 2005.
145
Zu einem Forschungsprogramm erhob das Thema der katholische Politikwissenschaftler Hans Maier. Der
Zuschnitt führt aber weg von der von CS gesuchten formalen Übereinstimmung von Machtgebilden (Diktatur –
Kirche) hin zu einem Diktaturvergleich (Stalinismus – NS – Faschimsus), der sich fundamental unterscheide von der
katholischen Theologie (d. h. dem Inhalt). – Im Unterschied dazu das religionswissenschaftliche Diskussionsforum,
das in Berlin um Jacob Taubes das Problem an den drei Kernpunkten diskutierte: Religionstheorie und Politische
Theologie, Band 1: Der Fürst dieser Welt. Carl Schmitt und die Folgen (1983, ²1985), Band 2: Gnosis und Politik
(1984), Band 3: Theokratie. (1987), München [u.a.].
146
Die politischen Religionen. (Ausblicke) Stockholm: Berman Fischer 1938; 1939. [Neu] hg. und mit einem
Nachw. vers. von Peter J. Opitz. München: Fink 1993; ²1996.
147
CS: Politische Theologie. Vier Kapitel zur Lehre von der Souveränität. [1] Berlin 1922, ²1934, 43.
143
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43
mit einer Utopie im „Dritten Reich“, die sog. Geschichtsphilosophie, ob Vico, Hegel oder Marx,
alle auf der jüdisch-christlichen Heilsgeschichte fußten und diese nur innerweltlich weiterführten
[oben Vorl. 3].148 In Auseinandersetzung damit entwickelte Hans Blumenberg (studierter katholischer Theologie, der in der Ritter-Schule in Münster sich zum Philosophen entwickelte) ein
Gegenprogamm149 in seinem von breiter historischer Untersuchung untermauerten Riesenwerk
Die Legitimität der Neuzeit.150
8.3
Eschatologischer Vorbehalt und die Figur des Katechon.
Zwei Katholiken aus Überzeugung, nicht aus Tradition
1. Im Winter 1930 begegneten sich zwei Intellektuelle am Ort ihrer Bestimmung: der protestantische Kirchengeschichtler Erik Peterson im Begriff seiner Konversion zum Katholizismus an
Weihnachten 1930151 und Carl Schmitt. In vielen Gesprächen diskutierten die beiden „Römer
aus Überzeugung“ zum Verhältnis von Rom und dem eschatologischen Reich.
2. Beide sahen im römischen Katholizismus die ideale Vereinigung von Religion und Macht mit
zwei Vorbehalten, jeweils einem anderen. Erik Peterson machte den eschatologischen Vorbehalt.152 Das Römische Reich in seiner christianisierten Form antizipiere zwar das Gottesreich,
aber dass der erste Kirchenhistoriker dem Kaiser Constantin die Identifizierung von Imperium
und des Gottesreiches zuschreibe, sei ein Fehler. Die eschatologische Realität könnten die
Christen erfahren allein durch Teilnahme am Gottesdienst und insbesondere am Abendmahl.
Damit sei jede Politische Theologie erledigt.153
3. Carl Schmitt andererseits sah folgenden Vorbehalt: Für ihn macht den Katholizismus nicht
der Inhalt aus, sondern die Transzendenz: dass erst im Jenseits sich zeige, wer recht hat. Ihm geht
es um die Struktur des Katholizismus: Es gibt nur die eine Wahrheit. Diese kommt nicht durch
Parlamente und Kompromisse zustande, sondern ist gegeben und muss so und nicht anders
durchgesetzt werden durch eine staatliche allein bestimmende Macht: diese kann nur eine Diktatur sein. „Die Legende von der Erledigung jeder Politischen Theologie“.154
4. Der eschatologische Vorbehalt war aber ein inhaltliches Problem, das sich nicht einfach in
der „Form“ des Katholizismus lösen ließ. Deshalb entwickelte CS das Konzept des Katechon.
Paulus hatte in einem Brief an die Gemeinde von Saloniki (2 Thess 2, 6 τὸ κατέχον und ὁ
κατέχων „das Aufhaltende/der Aufhaltende“) eine Figur gefunden, die die Eschatologie bzw.
die Apokalypse vorläufig verhindert, „aufhält“. Dies ließ sich mit der Daniel-Weissagung Dan 2
verbinden. Dann ist eine Großmacht die Ordnung – und mag sie noch so schlecht sein, wenn sie
148
1897-1973. Meaning in History. Chicago 1949; dt. Stuttgart 1953. Mit begleitenden Aufsätzen in K. L.:
Sämtliche Schriften, hg. von Bernd Lutz [u.a.], Band 2. Stuttgart 1983.
149
Sehr wichtige (teils autobiographische) Darstellung und Einordnung von Hermann Lübbe: Modernisierungsgewinner. Religion, Geschichtssinn, Direkte Demokratie und Moral. München 2004, 15-95, bes. 80-95.
150
Frankfurt: Suhrkamp 1966. Neuausgabe in 4 Bde, 1973-1982.
151
Barbara Nichtweiß: Erik Peterson. Neue Sicht auf Leben und Werk. Freiburg 1992, ²1994,
152
Kurt Anglet: Der eschatologische Vorbehalt. Eine Denkfigur Erik Petersons. Paderborn 2001. Zwei neue
Arbeiten nehmen den Konflikt nicht wahr: Jörg Ulrich: Politische Eschatologie bei Eusebius von Caesarea? 548560; Hanns Christoph Brennecke: Constantin und die Idee eines Imperium Christianum. In: Friedrich Schweitzer
(Hrsg.): Religion, Politik und Gewalt. (Veröffentlichungen der Wiss. Gesellschaft für Theologie 29) Gütersloh 2006,
561-586.
153
Erik Peterson: Göttliche Monarchie. Theologische Quartalsschrift 112 (1931), 537-564. Kaiser Augustus im
Urteil des antiken Christentums. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Theologie. Hochland 30 (1932/33), Der
Monotheismus als politisches Problem. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Theologie im Imperium Romanum. Leipzig 1935. Christus als Imperator. Catholica 5(1936), 64-72. Zusammengefasst in E. P.: Der Monotheismus
als politisches Problem. Ein Beitrag zur Geschichte der politischen Theologie im Imperium Romanum. Leipzig:
Hegner 1935. [Ges. Werke, hg. von B. Nichtweiß, Würzburg: Echter im Erscheinen].
154
Carl Schmitt: Politische Theologie II. Die Legende von der Erledigung jeder politischen Theologie. Berlin 1970 1984. Abrechnung mit Peterson, bes. im Schlusskapitel „Die legendäre Schlussthese“ 94-108. Abweis des
„Katholischen“ in der Politischen Theologie Jürgen Manemann: Carl Schmitt und die Politische Theologie.
Politischer Anti-Monotheismus. (Münsterische Beiträge zur Theologie 61) Münster 2002, bes.87-201.
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das Chaos aufhält, v. a. den Bürgerkrieg; aber auch den Kommunismus. Eines der
Musterbeispiele ist das byzantinische Reich bis 1453, bis zum Einbruch der Osmanen.
5. Die Unmöglichkeit christlicher Politik wird damit aufgehoben. Der eschatologische Vorbehalt, die Erwartung eines von Gott herbeigeführten Reiches, führe für Christen zu einer
Lähmung vor politischem Handeln. Wenn aber starke Reiche Teil von Gottes Heilshandeln sind,
eben als Katechon, dann müssen sie autoritär das katholische Prinzip durchsetzen.
8.4 Der Schweiger von Plettenberg: Carl Schmitt in der BRD
1. Schmitt hatte schon im NS seine Würdigung als der Kronjurist des Dritten Reiches verloren.
Nach dem Krieg wurde er nicht mehr auf eine Professur berufen, wohl auch weil er sich nicht
dem Entnazifizierungsverfahren stellen (und sich als Gegner der NS-Regierung darstellen)
wollte.
2. Seine Ideen blieben aber Leitideen der politischen Vorstellung, vor allem in der CDU.
Führende Intellektuelle der BRD arbeiteten mit seinen Modellen.155
8.5 Odo Casel und der Präfaschismus in Maria Laach
1. Friedrich Nietzsche hatte über das Christentum das Verdikt gesprochen, die Gleichheit sei
nur der Wunsch von Sklaven, dass niemand mehr sein dürfe als der einfachste Sklave, ein
Aufstand der Sklaven gegen ihre hochmütigen Herren. Demut ist Sklavenmoral; Elite muss sich
erniedrigen auf Sklavenniveau.
2. Demgegenüber verpflichtete sich ein Mönch aus Maria Laach genau zu diesem Vorwurf:
„Ich will Sklave sein!“156 Im Vollzug der katholische Messe wird jeder Teilnehmer GottesDiener.
3. In vielen Arbeiten hat Richard Faber gezeigt, dass im Katholizismus gerade der Zwischenkriegszeit Vorstellungen aufgebaut und gepflegt wurden, die auch in den Reden der Nationalsozialisten grundlegende Positionen darstellen: Das sind die Rom-Idee der Durchsetzung von
großen Werten durch Macht, die Abendland-Ideologie und das Aufgehen des Einzelnen in der
Gemeinschaft.
4. Katholische Vordenker waren die Mönche in der Abtei von Maria Laach, eine der Kommunitäten, die nach der Aufhebung der Klöster von 1806 und der protestantischen
Unterdrückung der katholischen Minderheit im sog. Kulturkampf den neuen, politisch aktiven
Katholizismus repräsentierten und nun auch massive Unterstützung durch den Kaiser erfuhren.
Die zitatreichen Arbeiten von Faber sind jetzt durch eine historische Untersuchung weitgehend
bestätigt worden.157
5. Über die Rolle der Katholischen Kirche im Dritten Reich kann man nur sehr differenziert
eine Bewertung geben. Die konfessionelle Differenzierung Deutschlands (wie sie seit dem
Westfälischen Frieden zementiert war) war sozial noch von hoher Bedeutung. Dass Hitler ein
Katholik war, war allen bewusst. Dass die offizielle Kirche in Distanz zu ihm trat, irritierte ihn
(s. Vorl. 10), machte sein Programm für die Protestanten attraktiv und wurde doch in der
Öffentlichkeit durch wenige katholische Elemente der Herrschaftslegitimation gezeigt. Carl
Schmitt gehört dazu, Maria Laach, Odo Casel. Römische Form und antirömische Bedeutung
standen ambivalent zueinander.
155
Dirk van Laak: Gespräche in der Sicherheit des Schweigens. Carl Schmitt in der politischen Geistesgeschichte
der frühen Bundesrepublik, Berlin 1993; ²2001.
156 Christoph Auffarth: „Licht vom Osten“. Die antiken Mysterienkulte als Vorläufer, Gegenmodell oder
katholisches Gift zum Christentum. Archiv für Religionsgeschichte 8 (2006), 206-226.
157
Marcel Albert: Die Benediktinerabtei Maria Laach und der Nationalsozialismus. (VKZ B 95) Paderborn 2004.
Thomas Ruster: Die verlorene Nützlichkeit der Religion. Katholizismus und Moderne in der Weimarer Republik.
Paderborn u. a. 1994.
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45
Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
9 VÖLKISCHE RELIGION: JAKOB WILHELM HAUER
9.1 Wandervogel und Köngener Bund: Ein Generationenbruch
1. Zu den Jugend- und Reform-Bewegungen [Vorl. 4.3] gehörte der „Bund“ evangelisch-pietistischen Jungmänner im Schwäbischen (südlich von Stuttgart), der Köngener Bund, 1920 von
Jakob Wilhelm Hauer (1881-1962) gegründet.
2. Völkische Bewegung, angesichts der Kleinteiligkeit und Kleinheit der beteiligten organisierten Vereine muss man wohl von Bewegungen sprechen.158 Andererseits ist das Gedankengut
nahe beieinander.
9.2 Vom Pietisten zum Gründer einer neuen Religion
1. Eine Biographie als Selbstbeschreibung hat Jakob Wilhelm Hauer zwei Mal geschrieben,
völlig unterschiedlich: Einmal hat Hauer eine pietistische Auto-Biographie geschrieben. Der
Pietist will Missionar in Indien werden. Ausgebildet als Gipser, ist er ein typischer Bewerber,
kleine Leute müssen erklären, dass sie von Gott zur Heidenmission „berufen“ seien: Bekehrung,
Berufung, Lebensaufgabe. Tatsächlich wird er 1900 in die Basler Mission aufgenommen.159 Dort
erhält er 1900-1906 eine umfassende Ausbildung; die christliche Religion wird dort in Form der
Bibelkunde auf die unmittelbare Umsetzung hin gelehrt, nicht historisch-kritisch.
2. Nach einem Sprachkurs in Edinburgh wird er 1907-1911 nach Indien ausgesandt und leitet
dort eine Schule. Ab 1911 Studium in Oxford, nach Ausbruch des Weltkrieges interniert in GB;
1915 zum Vikariat entlassen, wenn kein Soldat, Studium in Tübingen (Indologie), Promotion.
3. 1921, da ist er vierzigjährig, habilitiert er sich. Das Yoga-Buch gilt noch als eine hohe
wissenschaftliche Leistung. 1925 wird er zum ordentlichen Professor berufen (Marburg,
befreundet mit Rudolf Otto), 1927 erfolgt die Berufung nach Tübingen, zurück an seine alte
Universität auf die Professur für Allgemeine Religionsgeschichte und Indologie.
4. Seit dem Krieg aber will er Religion gestalten. Zuerst ging es ihm um die junge Elite, eine
Gemeinde der Wenigen.160 Mit der Leitung der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Glaubensbewegung aber sieht er seine große Chance, für das Dritte Reich die artgemäße Religion zu
schaffen. In dem Buch Deutsche Gottschau Fragt er rhetorisch „Warum deutscher Glaube? Ist
der Glaube nicht Gut der Menschheit, überschreitet er nicht Volk und Rasse?“161 In Eisenach
wurde uns klar, „daß wir unsere religiöse Haltung abgrenzen mussten gegen eine andere, die wir
als fremd empfanden“. Es ist der Kampf der vorderasiatisch-semitischen und der
indogermanischen Glaubenswelt. „Jesus ist ein Mensch unerhörter Liebes- und Glaubenskraft.
Und ob er rassisch gemischt war oder nicht (die Möglichkeit eines arischen Einschlages kann
158
Uwe Puschner, Walter Schmitz u. Justus H. Ulbricht (Hrsg.): Handbuch zur Völkischen Bewegung 1871-1918.
München: Saur 1999. Uwe Puschner: Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich. Sprache, Rasse,
Religion. Darmstadt 2001 [Habil. FU Berlin].
159
Umfassende Biographie und Bibliographie bei Margarete Dierks, Jakob Wilhelm Hauer 1881-1962. Leben, Werk,
Wirkung, Heidelberg: Lambert Schneider, 1986; Die Biographie ist eine Art Heiligenbiographie, apologetisch;
gleichwohl präzise recherchiert; Bilder. Werner Ustorf: ###.
160
Ulrich Nanko, Die Deutsche Glaubensbewegung. Eine historische und soziologische Untersuchung, Marburg:
Diagonal 1993. Schaul Baumann, Die Deutsche Glaubensbewegung und ihr Gründer Jakob Wilhelm Hauer, 18811962. (Religionswissenschaftliche Reihe 22) Marburg 2005. Aus d. Hebr. übers. von Alma Lessing.
161
Die Gottschau. Grundzüge eines deutschen Glaubens. Stuttgart 1934., 2 Hiroshi Kubota, Religionswissenschaftliche Religiosität und Religionsgründung: Jakob Wilhelm Hauer im Kontext des freien Protestantismus. (Tübinger
Beiträge zur Religionswissenschaft 5) Frankfurt am Main/Berlin/Bern/Wien: Lang, 2005.
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46
nicht unbedingt beiseite geschoben werden), er gehört jedenfalls dem Judentum zu. ... Es ist nicht
richtig, wenn gesagt wird, Jesus habe gegen das Judentum gekämpft. Er hat jedenfalls nach
seiner Meinung gegen ein entartetes Judentum gekämpft.“ (10 f) Die Muster deutscher
Gottschau sind der mittelalterliche Mystiker Meister Eckart und der Nationalistische Philosoph
der Befreiungsbewegung gegen Napoleon Fichte. Semitische Erlösung steht gegen den deutschen
Faustischen Menschen, der aus einer Gottergriffenheit immer strebend sich bemüht. Hauer sah
die Aufgabe der Wissenschaft, eine rassische und geographische (Raumseele) Beschreibung und
Trennung zu geben: Rasse und Glaube.162
5. Hauer verbindet seine Kenntnis der indischen Religion mit der germanisch-deutschen. Dabei
spielt weniger die Vorzeit die entscheidende Rolle, sondern Zitate aus dem deutschen Idealismus:
Herder, Goethe, Schiller, Hölderlin, Fichte.
6. Widerspruch von einem Bremer Pastor, Christel Matthias Schröder.163 Ähnlich kritisch bearbeitet Walter Baetke Das Heilige im Germanischen.164 „Das Wesen der germanischen Religion
wird darum kaum ausreichend getroffen, wenn man sie als eine Macht zur Lebensgewinnung und
Lebensförderung charakterisiert.“ - Unterstützung für die Rekonstruktion der indogermanischen
(indoeuropäischen) Gesellschaft und Religion kam aus Frankreich durch George Dumèzil. In
anderer Weise kooperierten Hauer und C. G. Jung miteinander.165
9.3 Zersplitterte Sekten sammeln sich zur Deutschen Glaubensbewegung
6. Im Juli 1935 hatten sich die zahlreichen zersplitterten Gruppen der religiösen völkischen
Bewegungen, Vereine und Sekten– auf Druck der NSDAP – in Eisenach (also am Fuß der Wartburg, wo Luthers Reformation ihren politischen Ausgang nahm) zu einer Tagung zusammengesetzt, um eine gemeinsame religiöse Formation zu bilden, in der sich die nicht-christlichen
Gläubigen sammeln und organisieren sollten. Mit den Ludendorffern (Gotterkenntnis) wollte
man sich aber nicht verbünden.
7. Hauer stellte aus seinen Erfahrungen mit anderen Religionen gegeneinander: „Die christlichen Kirchen stehen alle auf der Lehre von der Rechfertigung, die im engsten Zusammenhang
mit dem Tode Jesu Christi steht. Wenn nun jemand sagt: nach meiner eigenen Herzenserfahrung
ging die Rechtfertigung nicht über Christus, - wie stellt sich die Kirche dazu?“ Hauer fordert also
aus dem „Erlebnis“ (Otto) einen nicht-christlichen Weg zum Heil.166
8. In erhitzten Diskussionen versuchten die Gründer der verschiedenen Gruppen sich selbst zu
Führern der DG aufzuwerfen. Einig war man sich bald, dass keine Mitglieder christlicher
Kirchen Mitglied in der DG werden konnten. Hauer war noch eingeschrieben in der württembergischen Landeskirche, wurde aber gleichwohl gemeinsam mit Ernst Graf Reventlow zum
„Führer“ gewählt.
9. „Gottgläubig“ wurde 1936 als neue Kategorie auf dem Standesamt eingeführt für diejenigen,
die aus der Kirche ausgetreten sein mussten, aber keine Atheisten sein wollten.167 Nicht-religiöse
Juden aber durften das nicht angeben. Die Partei initiierte eine regelrechte „Kirchenaustrittsbewegung“. Hauer erschien aber den Hardlinern als zu weich und wurde ab 1936 aus der DG
162
JWH: Glaubensgeschichte der Indogermanen, Band 1 [mehr nicht erschienen]: Das religiöse Artbild der
Indogermanen und die Grundtypen der indo-arischen Religion. Stuttgart: Kohlhammer 1937. Horst Junginger, Von
der philologischen zur völkischen Religionswissenschaft. (Contubernium) Stuttgart: Steiner 1999.
163
CMS: Rasse und Religion. Eine rassen- u. religionswissenschaftliche Untersuchung. München: Reinhardt 1937.
Antwort an Hauer. Elsfleth 1938. Christentum und völkische Religiosität. Elsfleth, Bargmann, 1933. – Über CMS
Horst Junginger, „Christel Matthias Schröder (1915-1996) und seine Bedeutung für die deutsche Religionswissenschaft“, in: Zeitschrift für Religionswissenschaft 9, 2001, 235-268.
164
Tübingen 1942. Er untersucht Weih- und Heilig. Kurt Rudolph; Fritz Heinrich, „Walter Baetke (1884-1978)“, in:
ZfR 9, 2001, 169-184.
165
Zu dieser Tradition der Religionswissenschaft s. Hans Thomas Hakl: Der verborgene Geist von Eranos.
Unbekannte Begegnungen von Wissenschaft und Esoterik. Eine alternative Geistesgeschichte des 20. Jh.s. Bretten
2001, 121-156.
166
Hauer 1930, zitiert bei Nanko 1993, 86.
167
Schmitz-Bering, Vokabular 1998, 281-283. Hesemann, Hitlers Religion 2004, 305 f.
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herausgedrängt. Die SS ging eigene Wege völkischer Religion.168 Nach einer Unterredung mit
Hitler im März 1937 erhielt die Deutsche Gotterkenntnis um Erich und Mathilde Ludendorff eine
Anerkennung als Religionsgemeinschaft.
9.4 Religionswissenschaft mit der Last der Religionsphänomenologie
1. Das Ende der Karriere: JWH verliert seinen Lehrstuhl, den er in „Arisches Institut“
umbenannt hatte. Der 63-jährige war ein eindeutiger Fall, in der französischen Zone wurde die
Entnazifizierung wesentlich schärfer gehandhabt. Immerhin erhielt er später doch die Pension.
2. Gerhard Kittel war der andere Tübinger Professor, der (aber 7 Jahre jünger) seine Professur
verlor. Noch einer wäre zu nennen, der Mittelalter-Historiker Heinrich Dannenbauer. Er hatte bei
den Germanen nicht das Führerprinzip gefunden, sondern den Adel als Träger einer Gesellschaft
der Gleichen. Das brachte ihm im NS ein Außenseiterrolle wie auch in der BRD keine
Freunde.169
3. Die „Religionsphänomenologie“ transportierte Machtphantasien der Zwischenkriegszeit als
religiöse absolutistische Macht.
9.5 Germanen als Vorbilder
1. Germanische Wurzeln von Christen überdeckt: Die orientalische Religion gegen die eigene:
Die Religionswissenschaftlerin Sigrid Hunke forderte auch nach dem Zusammenbruch der NSHerrschaft die Rückkehr zu Europas eigener Religion und den Kampf gegen die importierte
Orientalische Religion des Christentums.170
2. Das Osterfest als Fest der germanischen Göttin Ostara.171 Wie schon Paul de Lagarde
gefordert hatte, die Germanische Mythologie (1835)172von Jacob Grimm – einem der Brüder
Grimm – zur Bibel der Deutschen zu machen, so mag das Beispiel der Ostara den Versuch
zeigen, solche schon wissenschaftlich umstrittenen Hypothesen in praktische Religion
umzusetzen.
3. Jacob Grimm hatte, das kommt etwa in der Vorrede zum dritten Band zum Ausdruck, dem
Christentum entgegengesetzt: „Die gründe, mit welchen die kirchenväter und christlichen
autoren, z.b. Arnobius den unsinn des heidenthums in bezug auf götter, tempel, bildseulen und
opfer widerlegen, streiten auch gegen vieles in der catholischen lehre. Auch bloß die weltliche
freude an frühling, blumen und vogelgesang wurde fast so hart wie vielgötterei angegriffen. ...
vom dualismus, der das böse als eine gewalt dem guten entgegenstellt, ist unser heidentum frei,
denn unsere vorfahren und die Griechen schieben das böse auf einzelne untergeordnete götter
oder lassen es bloß in eigenschaften der götter vortreten.“173 Grimm beschrieb also die Religion
„unserer“ Tradition als eine mit der Natur verbundene Religion. Die Kämpfe der Kirchenväter
richten sich teilweise eher gegen den Aberglauben der Katholiken (sagt der protestantische
Professor aus Göttingen/Kassel), nicht gegen die deutschen Rituale, weil die so etwas gar nicht
besaßen. Unverständlich die Polemik der Kirche gegen die Freude an der Natur. Über das
Wolfgang Dierker: Himmlers Glaubenskrieger. Der Sicherheitsdienst der SS und seine Religionspolitik 1933 –
1941. Paderborn 2002.
169
Zur Mediävistik eine aussagekräftige Monographie, v. a. auch zur Aufarbeitung des NS nach 1945: David
Thimme: Percy Ernst Schramm und das Mittelalter. Wandlungen eines Geschichtsbildes. (Schriftenreihe der
Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 75) Göttingen: Vandenhoeck &
Ruprecht, 2006.
170
S. H.: Herkunft und Wirkung fremder Vorbilder auf den deutschen Menschen, Diss. Berlin 1941 bei dem
Psychologen Ludwig Ferdinand Clauß, einem einflussreichen Rassetheoretiker. Allahs Sonne über dem Abendland
wurde ihr bedeutendstes Buch1960. Europas eigene Religion. Der Glaube der Ketzer, Bergisch Gladbach 1983.
Über sie s. Horst Junginger: Sigrid Hunke. Europe's New Religion and its Old Stereotypes. In: Hubert Cancik, Uwe
Puschner (Hrsg.): Antisemitismus, Paganismus, Völkische Religion. Antisemitism, paganism, voelkish religion. Saur,
München 2004, 151-163.
171
Lincke: Ostara. HDA 7, 1935, 1311-1316.
172
Jacob Grimm: Deutsche Mythologie. Band 1,1835, 3e 239-241. 3, 91.
173
Grimm 3, VII-XII; Zitat S. XII.
168
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germanische Frühlingsfest der Ostara – so könnte man den letzten Satz darauf zuspitzen – legte
die Kirche ein Fest von Schuld und Auferstehung, den Sieg des guten Heilands über den/das
Böse und die Schuld der Menschen. Dualismus aber sei dem deutschen Glauben („unserem
Heidenthume“) fremd.
4. Demgegenüber gilt es, das ursprüngliche Naturhafte, das ewig Gültige über das zufällig
historisch Einmalige der historischen Religion wiederzugewinnen. Grimm 1, 241 bildet zunächst
nach etymologischen Regeln aus dem Monatsnamen Ostar-manoth einen Namen einer Göttin (!),
„dessen dienst so feste wurzeln geschlagen hatte, dass die bekehrer den namen duldeten und auf
eins der höchsten christlichen jahresfeste anwandten“. Der Name muss etwas mit Osten zu tun
haben, also mit der aufgehenden Sonne. So kommt er zu der Hypothese einer germanischen
Göttin. Diese kann der mittelalterliche Kirchenmann (Beda) nicht erfunden haben, da er sich ja
sonst eher zu wenig von der Religion der Germanen mitteilt. „Ostara mag also gottheit des
strahlenden morgens, des aufsteigenden lichtes gewesen sein, eine freudige, heilbringende
erscheinung, deren begriff für das auferstehungsfest des christlichen gottes verwandt werden
konnte.“
5. Grimm ist also ein typischer Vertreter der sog. Naturmythologie,174 die in der
Indogermanistik sei Franz Bopps Entdeckung das Interpretationsmodell darstellte. Die reine
Anschauung der Natur wurde in Personifikationen erzählt. Allerdings sind die Mythen eher
missverstandene Naturanschauung und Naturwissenschaft, wie der deutsche Begründer der
Religionswissenschaft in Oxford, Friedrich Max Müller, es formulierte: „Mythen sind
‚Kinderkrankheiten’ der Sprache.“175
6. Ähnliche Beispiele lassen sich für das Weihnachtsfest belegen. Die Kontrafakturen von
Weihnachtsliedern zeigen das:176
7. Im „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ wurden alle Belege gesammelt, die für
den Volksglauben in der Forschung gesammelt worden waren. Das 10-bändige Werk, von den
Schweizer und deutschen Volkskundlern bearbeitet und zwischen 1927 und 1942 veröffentlicht,
ist in vielen Teilen eine Zusammenstellung einer riesigen Kartei aus der Forschung, in anderen
Artikeln aber eine exzellente wissenschaftliche Leistung, die weit über das Bisherige hinaus
kommt.177 kam 1935 zum Schluss: „Wenn schon eine angelsächsische Eostra auf schwachen
Füßen stand, hielt die Forschung erst recht eine deutsche Göttin Ostara für nicht nachweisbar.“
8. Karl wurde zunächst von den Nationalsozialisten als blutiger Missionar des Christentums
verachtet, als „der Sachsenschlächter“, weil er nach den Reichsannalen 782 bei Verden 4500
Führer der Sachsen abschlachten ließ, da sie nicht zum Christentum übertreten und sich damit in
die Herrschaft der Franken eingliedern wollten: 1935 wurde der Sachsenhain mit 4500
Findlingen angelegt und von Heinrich Himmler an der Sonnwendfeier eingeweiht.
9. In der Nähe von Oldenburg ließ der Ministerpräsident (1932 Chef einer Regierung mit NSBeteiligung), dann Reichsstatthalter Carl Röver die Stedinger als Muster völkischer Religion
darstellen. Am 27. Mai (Himmelfahrt) 1234 waren sie durch ein internationales Kreuzfahrerheer
in der Schlacht von Altenesch besiegt worden. 700 Jahre später wurde die damalige Niederlage
durch die NS wettgemacht: der Stedingerturm in Berne (Kreis Oldenburg); die Thingstätte von
Bookholzberg „Stedingsehre“; das Denkmal auf dem Schlachtfeld am linken Weserufer nahe der
Ochtum-Mündung war bereits hundert Jahre zuvor errichtet worden.
174
Ludwig Denecke: Jacob Ludwig Carl Grimm. Lex Märchen 6 (1990), 171-186, bes. 178.
FMM: 1869, wieder in: Karl Kérenyi (Hrsg.): Die Eröffnung des Zugangs zum Mythos. Darmstadt 1967, 127. Zu
ihm Hans-Joachim Klimkeit: FMM in: Axel Michaels (Hrsg.): Klassiker der Religionswissenschaft 1997,
176
Weber-Kellermann:
177
Berlin: De Gruyter 1927-1942. Dazu sehr gut das Vorwort zum Neudruck von Christoph Daxelmüller, Berlin
1987, Band 1, V-XXIV. Ein Nachfolger, der bewusst auf Erzählung und nicht auf Religion/Glaube sich bezieht, ist die
Enzyklopädie des Märchens, Berlin: De Gruyter, ca. 15 Bände: Band 1 (1977)-12 (2007) „Schinder – Sudan“ [ND 16, 1999]. Eine einbändige wissenschaftliche lexikalische Darstellung von Dieter Harmening, Stuttgart: Reclam 2005.
175
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
49
Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
10 ANTISEMITISMUS UND „VERNICHTUNG“
10.1 Der Berliner Antisemitismusstreit 1883
1. Der Berliner Antisemitismusstreit ist eine der Krisen im Anfang des deutschen Nationalstaates, die durch die rasche Modernisierung hervorgerufen wurden. Fast alle sozialen Milieus
[Vorl. 1] empfanden sich als bedroht. Im „Vaterland der Feinde“ wurden vielfach die internen
sozialen Probleme auf einen konstruierten Gegner abgeleitet.178 (wie am Bild gezeigt Abb. 3.1
„Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter!“ die Chinesen)
2. Der politisch aktive Professor Heinrich von Sybel, als Historiker der Reichsgründung hoch
angesehen, vor allem beim Kaiser, löste den Streit aus (zeitgenössisch: „Treitschkestreit“): in
den Preußischen Jahrbüchern 1879 veröffentlichte er einen Aufsatz „Unsere Aussichten“.179
Aus dem nahen Polen kamen Wanderarbeiter, Erntehelfer, Gastarbeiter, Hausangestellte, die für
viel weniger Geld arbeiteten als Deutsche.180 Aus dem allgemeinen Problem des Lohndumpings
machte Treitschke die Judenfrage.
3. Gegen den Nationalisten machte ein anderer Professor Front, der 48er Demokrat und
Althistoriker (Nobelpreisträger) Theodor Mommsen.
4. Zu den entschiedensten Antisemiten gehörte der protestantische Hofprediger Adolf
Stoecker.181 Antisemtische Äußerungen gehörten zum „kulturellen code“ des protestantischen
Milieus (Shulamit Volkov); traditionell antijudaistisch blieb das katholische Milieu.182
5. Theodor Fritsch war ein Meister der Gerichte; 183 er zeigte dauernd angebliche Untaten der
Juden an, und die Gerichte mussten sich damit beschäftigen; darunter nicht wenige Anschuldigungen von Ritualmord.184 Handbuch der Judenfrage. Die wichtigsten Tatsachen zur
Beurteilung des jüdischen Volkes, zuletzt 1944, zuerst 1887.185 Nahrung erhielt die Einstellung
durch die russischen Pogrome in der spätzaristischen Zeit, die in einer üblen Fälschung aus den
1890er Jahren weltbekannt wurde: Die Protokolle der Weisen von Zion.186 Sie ließen sich
Der „Berliner Antisemitismusstreit“ 1879-1881 Eine Kontroverse um die Zugehörigkeit der deutschen Juden zur
Nation. Kommentierte Quellenedition Bearbeitet von Karsten Krieger. 2 Bde, München: Saur 2004. Eine viel
kürzere Auswahl von Walter Boehlich: Der Berliner Antisemitismusstreit. Frankfurt: Insel 1965 (ND 1988).
179
Preußische Jahrbücher 44 (1879), 559-576. Krieger, Antisemitismusstreit 2003, I, 6-16. Boehlich, Antisemitismusstreit 1965, 7-14.
180
Zum Problem der Wanderarbeit in Europa vor der „Globalisierung“, s. Saskia Sassen: Migranten, Siedler,
Flüchtlinge. Von der Massenauswanderung zur Festung Europa. Frankfurt am Main 1997.
181
Günter Brakelmann: Protestantismus und Politik . Werk und Wirkung Adolf Stoeckers. Hamburg 1982. Jetzt als
neues Werk einschließlich von Texten Stoeckers G. B.: Emanzipation und Antisemitismus. Bd. 2.1: Leben und
Wirken Adolf Stoeckers im Kontext seiner Zeit. Bd. 2,2 ; Texte des Parteipolitikers und des Kirchenmannes. Waltrop
2004-. Die Rede Krieger, Antisemitismusstreit 2003, I, 6-16 nicht bei Boehlich, Antisemitismusstreit 1965.
182
Grundlegend zu Antisemitismus in D im 19. Jh. Volkov; Reinhard Rürup; Peter Gay. Wolfgang Benz.
183
Daniel Sander: Völkischer Radikalismus : Theodor Fritsch und die Zeitschrift „Hammer“ 1912–1919. 2003.
184
Johannes T. Groß: Ritualmordbeschuldigungen gegen Juden im Deutschen Kaiserreich 1871-1914. Berlin 2002.
185
49. Aufl., (279. - 330. Tausend) Leipzig: Hammer-Verl. 1944. In der Regel war eine Auflage ein Druck von 1000
Exemplaren. Im rechtsextremen Bremer Faksimile-Verlag wurde ein Nachdruck hergestellt,.- Bis zur 25. Auflage
1893 hieß das Buch Antisemiten-Katechismus. Eine Zusammenstellung des wichtigsten Materials zum Verständnis
der Judenfrage, zuerst 1887.
186
Wolfgang Benz: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Legende von der jüdischen Weltverschwörung.
München 2007. Jeffrey L. Sammons: Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Grundlage des modernen Antisemitismus - eine Fälschung. Text und Kommentar. Göttingen: Wallstein 1998-2001.
178
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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verwenden, um die Pogrome zu rechtfertigen und die sozialistische Oktoberrevolution auf eine
weltweite Verschwörung der Juden zurückzuführen.
6. Alfred Rosenberg verwendete sie 1923 als „Beweis“ jüdischer Weltverschwörung.187
10.2 Vernichtung als „Endlösung“ Apokalyptische Herren der Heilsgeschichte
1. Nach der Erklärung der Wörter mit „End-“ gehören diese in den Bereich des apokalyptischen
Denkens, also auch der Name, der als Euphemismus für den Genozid an den Juden, den Sinti und
Roma, den Homosexuellen und den Zeugen Jehovas, die „Endlösung“.188
2. Er bedeutet nicht die konsequente Durchführung eines einmal gedachten Planes bis zu
seinem Ende (d. h. Ziel). Dies dürfte eine falsche Erwartung an die Macht eines Diktators sein.
Wenn Hitler in „Mein Kampf“ schon einmal schreibt, hätte man „einmal zwölf- oder
fünfzehntausend dieser hebräischen Volksverderber [sc. die marxistischen Führer] ... einmal
unter Giftgas gehalten, dann wären die Millionen Toten an der Front „nicht vergeblich gewesen“,
dann sind das noch nicht die industriellen Tötungsindustrieanlagen, in denen mit dem
Insektenvernichtungsmittel Zyklon B täglich Tausende getötet werden konnten. Vielmehr haben
die NS ausgetestet: Wenn sie wenig Widerstand ernteten, haben sie den Weg erweitert und sind
vorangeschritten.
3. Dazu gehört insbesondere die Frage, die ab 1938 – nach der Zerstörung des wichtigsten
Identifikationsobjektes für deutsche Juden: ihrer Synagogen – von den NS vorangetrieben wurde:
die Juden aus D zu entfernen. Dazu gab es Alternativen zur Ermordung!189 Zunächst schien die
Aussiedlung noch eine Möglichkeit. Hatte bei der Gründung „der jüdischen Nation“ auf dem
zionistischen Kongress 1897 in Basel noch die Frage eine Rolle gespielt, ob nicht das gering
besiedelte Paraguay der Ort für die jüdische Nation sein könnte, bevor sich „Zion“ durchsetzte,
so wurde ernsthaft verhandelt, ob Frankreich die Großinsel Madagaskar vor der Küste Ostafrikas
zur Verfügung stellen könnte.190 Die Aussiedlung nach Osten mit der Musterstadt Lietzmannstadt (poln. Lódz), im Propagandafilm „Der Führer baut den Juden eine Stadt“ dargestellt, erwies
sich in der Realität bald als ein Tötungs-KZ. Ab 1. 1. 1939 musste jeder Jude den „Zusatznamen“
Israel, jede Jüdin den Namen Sara tragen; ab 1. September 1941 den Judenstern (Magen Dauid)
deutlich sichtbar auf jedem Kleidungsstück anbringen.
4. Die Vernichtungspläne und Realisierung geschah im Schatten des Weltkriegs; der Beschluss in der Wannseekonferenz 20. Jan. 1942 zur Ermordung aller Juden wurde im Wesentlichen mündlich geführt, schriftliche Dokumentation wurde vermieden. Der Krieg war ein Vernichtungskrieg nach außen und nach innen; die Vernichtung der Juden Europas wurde zu einem
zentralen Kriegsziel. Ungeschützt, weil nur Staaten Krieg führen, nicht aber Völker ohne Staat,
sahen die Staaten über die Juden hinweg. Für die meisten Staaten waren die Menschen, die
gerade erst zu Juden definiert worden waren, Kriegsgegner! Die USA ließen ein großes Schiff
mit Flüchtlingen wochenlang vor der Ostküste hin und her treiben und gaben dann schließlich
gerade so viel Treibstoff heraus, dass das Schiff wieder nach Deutschland, in den Tod fahren
konnte.191 Die Schweizer nahmen das Geld, aber nur ausnahmsweise Flüchtlinge auf.192
187
A. R.: Die Protokolle der Weisen von Zion und die jüdische Weltpolitik. München Dt. Volksverlag 1923; 51941.
Schmitz-Berning, Vokabular (1998), 174-176.
189
Martin Gilbert: Auschwitz und die Aliierten. [engl 1981] München 1982.
190
Magnus Brechtken: „Madagaskar für die Juden“. Antisemitische Idee und politische Praxis 1885–1945.
München 1997; ²1998. Hans Janssen: Der Madagaskar-Plan. Die beabsichtigte Deportation der europäischen Juden
nach Madagaskar. München 1997.
191
Gilbert, Aliierte 1982, 147-161 zu den verschiedenen Anträgen der Jewish Agency.
192
Aufregung verursachte das Buch von Alfred Wegner: „Das Boot ist voll!“ Die Schweiz und die Flüchtlinge 19331945. Zürich 1967; Tb 1989, der die knallharte Linie des Innenministers aufzeigte, keinen Asylantrag zu bestätigen,
so auch den von einflussreichen Politikern unterstützten Antrag der Tochter von Jochen Klepper. Das Thema der
Schweizer Banken untersuchte die Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg, so die sog.
nachrichtenlosen Konten und die Umwandlung des „Raubgoldes“ (u. a. Gold-Zähne der gefledderten toten Juden) in
Devisen für den Weltkrieg. www.uek.ch .
188
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51
5. Der Genozid des 20. Jahrhunderts stellt sich als eine extreme Konsequenz heraus: Nationalstaat, Nationalismus und „ethnische Säuberung“ gründeten sich auf eine Utopie, die einen
rassistischen Kern enthält: es könne eine Nation geben, die alles Positive in sich vereint, während
die Fremden für das Gegenteil stehen.
6. Dazu kommt eine apokalyptische Vorstellung, die den Dualismus nährt: Nach menschlichem
Ermessen kann man kein Volk vernichten, viele Menschen töten ja. Aber zu Nichts machen, das
ist unmöglich. Nur Gott, der aus dem Nichts schaffen konnte, der kann auch wieder in Nichts
verwandeln. Als Werkzeug der Apokalypse sind seine Diener aufgerufen, das Böse, das
Ansteckende, das Virus, die Bakterien zu vernichten, um Übel abzuwehren vom Volkskörper.
10.3 Jüdisches Selbstverständnis
1. Ein eigenes Thema ist das jüdische Selbstverständnis. Viele der führenden Köpfe beantworteten die Entrechtung und die Aufkündigung der Identität als Deutsche und als Juden mit der
Suche nach der Schuld bei sich selbst. Elias Bickermann schrieb 1937 ein Buch über Juden im
Widerstand – in der Antike! Der Gott der Makkabäer.193 Im Vorwort sagt er zwar: „Die Zielsetzung des Buches ist eine rein historische.“ Aber dann urteilt er über die jüdische Emanzipation
des 19. und 20. Jahrhunderts:
„Die Religionsverfolgungen des Antiochos Epiphanes war weder zufällig noch aus dem Geist
des Heidentums hervorgegangen. Sie ging von den Juden selber aus, und zwar von einer Partei
unter den Juden, die eine Reform des Glaubens der Väter im Sinne einer Abkehr vom
Einzigartigkeitsglauben erstrebte, ohne dass sie dadurch den Gott der Väter ganz verlassen und
Zion untreu werden wollte. Dieser Richtung gehörten die führenden Schichten des Volkes an,
wahrscheinlich seine Mehrheit. Die Standfestigkeit der Märtyrer, der Mut der Makkabäer waren
es, die dem Judentum und somit der Menschheit den Monotheismus erhalten und das Volk zum
Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zurückgeführt haben.
Die Geschichte bestätigt somit die Theodizee. Nicht von außen, sondern von innen kommt das
Unglück, aber auch die Rettung, deren Voraussetzung die Umkehr ist.“
2. Wenn man diesen „rein historischen“ Satz auf das Judentum der Gegenwart überträgt, kann
man folgende Aussagen erkennen: (1) An dem Unglück sind im tieferen Sinne nicht die anderen
schuld, sondern die Juden selbst. (2) Und zwar die Partei derer, die zwar das Judentum nicht völlig aufgaben, ja sogar an Zion festhielten [Zionismus], (3) aber daneben sich dem Nicht-Jüdischen öffneten [die Emanzipation]. (4) Die gegenwärtige Katastrophe ist Gottes Antwort durch
das geschichtliche Handeln anderer im Auftrag Gottes. [Das ist die Deutung der Geschichte
durch die Exilspropheten] (5) Deshalb ist jetzt eine Umkehr/Bekehrung notwendig. (6) Dank des
(passiven) Widerstandes (und wenn das den Tod kosten sollte) kann das Judentum zum Glauben
der Väter zurückkehren. (7) Monotheismus ist aber zugleich ein Segen für die ganze Menschheit.
3. Die Deutung nach dem Zweiten Weltkrieg ringt um ein Verstehen des alles Menschliche auf
den Kopf stellenden Handelns. Als einen Versuch, dieses Verbrechen nie wieder als legales
Handeln möglich zu machen, stellten die Vereinten Nationen (UN) am 10. Dezember 1948 einen
Katalog auf von Rechten, die jeder Mensch besitzt, weil sie/er existiert: die Menschenrechte.
4. Die Diskussion über das Asylrecht war dabei besonders wichtig. „Jeder Mensch besitzt das
Recht auf Asyl“ sollte es heißen. Das wurde im letzten Augenblick noch umgekehrt: Die Staaten
besitzen das Recht, Asyl zu gewähren. Im kurz darauf (Mai 1949) erlassenen Grundgesetz der
BRD wurde in Artikel 16 das weitgehende Recht so formuliert: „Politisch Verfolgte genießen
Asylrecht.“ Angesichts der Verbrechen der NS wurde in der Rechtsprechung eine großzügige
Auslegung verfolgt, was „politische Verfolgung“ heißt. Aber wären die Juden auf der Flucht nun
alle aufgenommen worden? Etwas überzogen kritisierte Helmut Quaritsch: hier hätten die Väter
193
E. B.: Der Gott der Makkabäer. Im Jüdischen Verlag Schocken, Berlin 1937. Das Zitat S. 8. Zum Verlag s.
Saskia Schreuder: Der Schocken-Verlag/Berlin. Jüdische Selbstbehauptung in Deutschland 1931–1938. Berlin 1994.
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des Grundgesetzes, die politisch verfolgt waren, sich ein Privileg für politische Agitation
geschaffen.
5. Wie aber sollte man den Untergang des Europäischen Judentums verstehen: Wie konnte Gott
das zulassen? War die Vernichtung derer, die an ihn glaubten, nicht auch eine Vernichtung
Gottes? Elie Wiesel, ein Überlebender, versuchte eine Antwort. Unter den Opferarten gibt es
solche, bei denen die Opfernden ein Stück abbekommen, um damit eine Freudenmahlzeit zu
halten. Eine Opferart aber teilt nichts den Menschen zu, sondern lässt das Opfertier ganz zu Gott
emporsteigen: den Holokaust (Ganzopfer, Rauchopfer) Leviticus 7.194 So ließ sich mit einem
religiösen Terminus behaupten, dass die Toten zu Gott emporgestiegen seien. – Allerdings
erwies sich dieses Begreifen als problematisch: Wie sollte ein Mord ein heiliger Akt sein? Waren
die Täter dann auf einmal Priester? Wiesel zog den Begriff (Ende der 60er Jahre) zurück; stattdessen verständigten sich die Juden auf den Begriff „Katastrophe“, verbunden mit dem
bestimmten Artikel ha-schoa „die Katastrophe schlechthin“; christlich dagegen war der Begriff
Holocaust schon so populär geworden, dass er in Amerika den Mord benennt. Besonders die
amerikanische Fernsehserie Holocaust verankerte den Begriff dauerhaft.195
10.4 Christen jüdischer Herkunft oder getaufte Juden
1. Ein Problem, das für den Antisemitismus und das Dritte Reich nicht unbedingt zentral war.
Aber wenigstens an dieser Stelle hätte es den Protest der Kirchen hervorrufen müssen: die Definition eines kleineren, aber nicht unbeträchtlichen Teils der Kirchenmitglieder als „Juden“.196
Entsprechend dem Entzug des Bürgerrechts von Deutschen, die nun plötzlich zu Fremden definiert wurden, wurden gleichzeitig Christen zu Juden, die religiös zum Christentum übergetreten
waren. Per Gesetz hoben die NS die Taufe auf. Abb. 10.2 Innerhalb der Kirche gab es eine
willige Umsetzung dieser Umkehrung der religiös gebotenen Ordnung. Vielfach wurden Christen
jüdischer Herkunft nicht mehr zum Abendmahl zugelassen.
2. Eine große Ausnahme war die Predigt des württembergischen Pfarrers Julius von Jan, als er
in seiner Bußtagspredigt am 16. Nov. 1938 anprangerte, dass das eine Verbrechen in Paris (die
Ermordung von Radts) nicht die vielen Verbrechen rechtfertige, die in der Pogromnacht von
Staats wegen verübt wurden.197
3. Die evangelischen Landeskirchen, soweit sie nicht den DC zugehörten, verständigten sich
nur darauf, ein halboffizielles Hilfsbüro einzurichten, das v. a. den ChristInnen in Mischehen
brieflich Seelsorge geben sollte. Pastor Heinrich Grüber wurde von der Bekennenden Kirche
beauftragt; Januar 1939 war das Büro eingerichtet. Das geschah gleichzeitig zu den DCLandeskirchen, die die evangelischen „Nicht-Arier“ ausschlossen. Grüber wurde 1940 verhaftet.
Das Büro arbeitete weiter. Es ging nur darum, das Leben eher erträglich zu machen; an den
Strukturen wurde nichts zu ändern versucht.
4. Diese Diskriminierung setzte sich aber nach dem Krieg fort! Beispiele aus Bremen hat jüngst
ein Arbeitskreis gesammelt.198 Als die BEK im Herbst 1945 ein „Sühneopfer“ ausrief, um die
Synagoge wieder aufzubauen zu helfen, wehrte sich Pastor Friedrich Denkhaus. Es sei
tatsächlich Unrecht geschehen, als am 10. November 1938 die Synagogen zerstört wurden. Aber
den Juden das Gotteshaus aufbauen helfen, die Luther zu Recht „Schulen des Teufels“ genannt
habe, wo die Leugner des Messias Gottesdienste feiern. Die Juden heute seien nicht mehr der
Hilfe und der Liebe bedürftig. Wer helfe, Synagogen wieder aufzubauen, helfe „dem jüdischen
194
Hebräisch cola, Griechisch hólon + kaustós ganz verbrannt.
Vierteilige Serie 1978. Berühmt dann der Film mit Zeitzeugen Schoa von Claude Lanzmann 1985. Schindlers
Liste (1993 Steven Spielberg). Doch schon sehr früh das deutsche Drama Die Mörder sind unter uns von Wolfgang
Staudte, 1946.
196
Siegfried Hermle: Evangelische Kirche und Judentum – Stationen nach 1945. (AkiZ B 16) Göttingen 1990.
197
Hermle, Judentum 1990, 30.
198
Lebensgeschichten. Schicksale Bremer Christen jüdischer Abstammung nach 1933. Hospitium Ecclesiae 23
(2006).
195
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Mitmenschen nicht zur Seligkeit, sondern zur Verdammnis“. Es seien vielmehr die ehemaligen
Parteigenossen, die jetzt der Liebe bedürften.199
199
Hermle, Judentum 1990, 291-296.
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11 KONKORDAT UND „DER PAPST, DER SCHWIEG“: KATHOLIKEN
11.1 Straße der Versöhnung: der Durchbruch in Rom – Kein Vorbild!
1. In einem seiner Monologe hat Hitler sich beglückwünscht, dass er dem Schicksal des Duce
(Benito Mussolini, der „Führer“) in Italien entgangen sei. Das aber nicht freiwillig.
2. Mussolini und seine fascisti waren bereits früher (18. 10. 1922) zur Diktatur aufgestiegen.
Durch ein Konkordat wurde eine Abgrenzung zwischen Staat und Kirche möglich, die auf
beiden Seiten Zugeständnisse und Höflichkeiten verlangte. Zeichen der Öffnung wurde der
Durchbruch einer Straße mitten durch ein verwinkeltes Wohngebiet, die nun als breiter Prachtboulevard den Weg von der Stadt über den Tiber direkt zur Peterskirche öffnete: die Via della
conciliazione „Straße der Versöhnung“. Das Konkordat erlaubte es, den Staat ganz laizistisch zu
führen, während die (katholische) Kirche nun völlig parteiisch eigene Universitäten einrichten
und zur Politik Stellung nehmen konnte.
3. Später kommentierte Hitler: „Es ist gut, daß ich die Geistlichen nicht hineingelassen habe in
die Partei. Am 21. März 1933 – Potsdam – war die Frage: Kirche oder nicht Kirche? Ich hatte
den Staat gegen den Fluch der beiden Konfessionen erobert. Wenn ich damals angefangen
hätte, mich der Kirche zu bedienen — wir sind an die Gräber gegangen, während die Männer des
Staates in der Kirche waren —, so würde ich heute das Schicksal des Duce teilen.“200
4. Das beschreibt aber nicht das ganze Problem. Die Unterschrift zum deutschen Konkordat war
eine der ersten Taten, die Hitler vollzog. Der Nuntius des Vatikan in Deutschland war Eugenio
Pacelli, der gleiche, der dann 1939 zum Papst Pius XII. gewählt wurde.201
11.2 Drohung und Versprechen: Illusion und Widerstand
1. Die Äußerungen Hitlers und seiner Partei waren ebenso drohend wie versprechend gegenüber
den christlichen Kirchen. Die christlichen Kirchen reagierten teils ablehnend bis erschrocken,
teils begrüßten sie begeistert die Chance, sich gemeinsam mit „der Bewegung“ eine Machtposition vorbei am etablierten Gefüge zu erobern und die Institution zu revolutionieren.202
2. In seinem Programm „Mein Kampf“ hatte Hitler erst den Juden die Vernichtung angedroht,
anschließend müssten die christlichen Kirchen bekämpft und vernichtet werden.203 Im
Parteiprogramm der NSDAP (24.2.1920) stand im Artikel 24, zu fordern sei: „Die Freiheit aller
religiösen Bekenntnisse im Staat, soweit sie nicht dessen Bestand gefährden oder gegen das
Sittlichkeits- oder Moralgefühl der germanischen Rasse verstoßen. Die Partei als solche vertritt
den Standpunkt eines positiven Christentums, ohne sich konfessionell an ein bestimmtes
Bekenntnis zu binden.“ Doku 5.1:
200
In seinen Tischgesprächen, die Henry Picker aus dem Gedächtnis notierte (datiert 13. 12. 41).
Eingehende Biographie des antijudaistischen Umfelds seiner Sozialisation bei John Cornwell: Pius XII. Der
Papst, der geschwiegen hat. [London 1999] München 1999; Tb München 2001. Dazu David I. Kertzer: Die Päpste
gegen die Juden. Der Vatikan und die Entstehung des modernen Antisemitismus. Berlin 2001.
202
Klaus Scholder: Die Kirchen und das Dritte Reich. Band 1: Vorgeschichte und Zeit der Illusionen 1918-1934.
Frankfurt; Berlin 1977 (TB 1986). Band 2, 1985. Bd. 3, (Gerhard Besier) 1985. Der erste Band beruht auf der Diss.
Leonore Siegele-Wenschkewitz: 1974. Dort ist zum ersten Mal eine Monographie ganz auf Archivalien aufgebaut.
203
Hitler, Mein Kampf, 396-400. Zehnpfennig, Kommentar prüfen!!
201
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3. Nach dem Regierungsantritt hält Hitler am 21. März 1933, dem „Tag von Potsdam“ eine
Anspreche zur Eröffnung, zwei Tage später seine Regierungserklärung.204 Der Tag begann mit
zwei konfessionellen Gottesdiensten in St. Nikolai und in der katholischen Pfarrkirche. Hitler
und die katholischen Mitglieder der Regierung sind von der Eucharistie ausgeschlossen (jedenfalls befürchten sie das). Die Hoffnung, der sudetendeutsche Abt und NS-Anhänger Albanus
Schachleiter aus Feilnbach würde ihnen eine Privatmesse spenden,205 zerschlug das Verbot des
Bischofs an diesen, Messen zu lesen. Hitler und Goebbels gingen stattdessen auf den Berliner
Friedhof, um die Märtyrer-Kameraden auf dem Luisenstädtischen Friedhof zu besuchen.206 Dann
war der Reichstag versammelt in der Potsdamer Garnisonskirche (das Reichstagsgebäude war ja
kurz zuvor durch Brandstiftung unbenutzbar geworden). Hitler sprach weder vom Altar noch von
der Kanzel, sondern von einem Rednerpult aus die Regierungserklärung. In dieser werden beiden
Kirchen die verfassungsmäßigen Rechte garantiert. Abb 11.1-3
4. Aber wenige Tage später in einem seiner berüchtigten Monologe vor seinen Getreuen spann
er Unveröffentlichtes, da drohte er den Kirchen: „Mit den Konfessionen, ob nun diese oder jene:
das ist alles gleich. Das hat keine Zukunft mehr. Für die Deutschen jedenfalls nicht. Der Faschismus mag in Gottes Namen seinen Frieden mit der Kirche machen. Ich werde das auch tun.
Warum nicht? Das wird mich nicht abhalten, mit Stumpf und Stiel, mit allen seinen Wurzeln und
Fasern das Christentum in Deutschland auszurotten.“ – Hier ist allerdings die Quelle zu beachten.
Doku207
5. Typisch für die Politik der Nationalsozialisten erweist sich hier, offiziell die bestehende
Ordnung oft zu bestätigen, im politischen Kleinkrieg vor Ort aber eine Schikane nach der
anderen zu setzen.
11.3 Ein Freiraum für die Kirche – bezahlt mit ihrer Entpolitisierung: Das
Konkordat 1933 und die Zustimmung zum Ermächtigungsgesetz
1. Dem vorausgegangen war der Abschluss des Konkordates. Es wurde unterzeichnet am 20.
Juli 1933 zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Deutschen Reichspräsidenten.
2. Die Autonomie der Kirche für die inneren Angelegenheiten wird erstaunlich weit garantiert:
„freies Besetzungsrecht für alle Kirchenämter“ (Art. 14). „Orden unterliegen in der Seelsorge,
Unterricht, Krankenpflege und karitativer Arbeit ... und Verwaltung ihres Vermögens staatlicherseits keiner besonderen Beschränkung“. (Art. 15)
3. Der Amtseid: „Vor Gott und den heiligen Evangelien schwöre und verspreche ich, so wie es
einem Bischof geziemt, dem Deutschen Reiche und dem Lande ... Treue. Ich schwöre und verspreche, die verfassungsgemäß gebildete Regierung zu achten und von meinem Klerus achten zu
lassen. In der pflichtgemäßen Sorge um das Wohl und das Interesse des deutschen Staatswesens
werde ich in Ausübung des mir übertragenen geistlichen Amtes jeden Schaden zu verhüten
trachten, der es bedrohen könnte.“ (Art. 16)
4. Katholische Bildung: Die katholisch-theologischen Fakultäten an den staatlichen Hochschulen bleiben erhalten. (Art. 19) – Der katholische Religionsunterricht in den Volksschulen,
Berufsschulen und höheren Lehranstalten ist ordentliches Lehrfach und wird in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der katholischen Kirche erteilt.“ (Art. 21)
5. Verbot der politischen Betätigung: An Sonntagen und den gebotenen Feiertagen wird im
Anschluss an den Hauptgottesdienst .... ein Gebet für das Wohlergehen des Deutschen Reiches
204
Scholder, Kirchen 1, 285-299; Hartmut Fritz: Otto Dibelius. Ein Kirchenmann in der Zeit zwischen Monarchie
und Diktatur. (AkiZ B 27) Göttingen 1998, 384-434. Die Predigt s. Dok 5.1205
1861-1937, Abt in Prag, verlor mit der Gründung der tschechischen Republik sein Amt und wurde ausgewiesen.
Der klosterlose Abt war dem bayerischen Klerus zuwider. Frühe Freundschaft mit Hitler. Am Tag von Potsdam
werden SA-Leute zu einem Fackelzug für ihn nach Feilnbach gefahren, „Treue um Treue“, Völkischer Beobachter
25./26. März 1933. (Nicolaisen I, S. 25) Die NSDAP bereitete ihm ein Staatsbegräbnis.
206
Völkischer Beobachter 22. 3. 1933 (Doku 5.2)
207
Hermann Rauschning, Gespräche mit Hitler. Zürich-Wien-New York 1940, 50ff. = Q 14 aus: Georg Kretschmar: Dokumente
zur Kirchenpolitik des Dritten Reiches, Band 1: Das Jahr 1933, bearbeitet von Carsten Nicolaisen. München: Kaiser 1971, 31-34.
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und Volkes eingelegt.“ (Art. 30) – Diejenigen katholischen Organisationen und Verbände, die
ausschließlich religiösen, rein kulturellen und caritativen Zwecken dienen und als solche der
kirchlichen Behörde unterstellt sind, werden in ihren Einrichtungen und in ihrer Tätigkeit
geschützt. Diejenigen katholischen Organisationen, die außer religiösen, kulturellen, oder
caritativen Zwecken auch anderen, darunter auch sozialen oder berufsständigen Aufgaben
dienen, sollen, unbeschadet etwaigen Einordnung in staatliche Verbände (Art. 31) Der Heilige
Stuhl erlässt Bestimmungen, die für die Geistlichen und Ordensleute die Mitgliedschaft in
politischen Parteien und die Tätigkeit für solche Parteien ausschließen.“ Damit war allerdings
auch der Beitritt zur NSDAP erschwert.
6. Das war eine wesentliche Verbesserung des Rechtsstatus der katholischen Kirche. Der
päpstliche Nuntius in Deutschand, Eugenio Pacelli wurde zu Eile getrieben („Pistole auf die
Brust gesetzt“), tat das aber gerne. Umstritten bleibt, ob die Zustimmung der Zentrumspartei zum
Ermächtigungsgesetz wenige Tage zuvor mit dem Beginn der Konkordatsverhandlungen erkauft
wurden.208
7. Vielen in der Partei war diese Autonomie zuwider. Der Kreuzstreit im Oldenburgischen
zeigt einen Übergriff (Kruzifixe aus den Schulen entfernen), der die Solidarität der Katholiken
bes. im Bistum Münster (mit einem der letzten adeligen Bischöfe, Graf Galen) stärkte.209
8. Vier Jahre später setzte der todkranke Papst Pius XI. ein deutliches Zeichen, indem er die
Schikanen der NS in einem Weltrundschreiben am 14. März 1937 (auf Deutsch; keine offizielle
lateinische Version, wie sonst immer in Enzykliken) benannte „Mit brennender Sorge“
(Flagranti Cura). Eugenio Pacelli, der dann als Papst Pius XII. Nachfolger wurde, hat als
Kardinalstaatssekretär dieses Rundschreiben wesentlich mitgestaltet.210
9. Nachdem die deutschen Bischöfe versucht hatten, die Verstöße gegen das Konkordat durch
Protestbriefe an die Behörden zu verhindern, sie aber nicht einmal Antworten erhielten, gab die
Enzyklika einen Rückhalt und eine Öffentlichkeit. Sie wurde als mutig angesehen, gibt einige
Schlagwörter an die Hand, bleibt aber zurückhaltend in den konkreten Einzelheiten.211 Schuld an
den Vertragsverletzungen seien Strömungen, deren Ziel ein Vernichtungskampf [gegen die
Kirche] sei (5). Den verantwortlichen Lenkern der Geschicke Eures Landes seien die Folgen des
Gewährenlassens oder gar aus der Begünstigung immer wieder vorgehalten worden (6). Nach
dem Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Matth 13, 25) hat der homo inimicus Unkraut
unter den Weizen gesät. Getadelt wird der pantheistische oder angeblich germanisch-vorchristliche Schicksalsglaube (10 f), Rasse dürfe nicht zum obersten Wert aller, auch der religiösen
Werte gemacht werden (12). Die Schaffung einer [protestantischen] Staatskirche sei gegen
Christi Auftrag zu einer Weltkirche (25). Religiöse Grundbegriffe dürften nicht umgedeutet
werden, wie Unsterblichkeit, Glaube, Demut, Gnade (26-33). Aus dem Aufruf, das Naturrecht
anzuerkennen, lesen manche das Eintreten für die Menschenrechte heraus. Es geht aber nur um
das eine Recht des gläubigen Menschen, seinen Glauben zu bekennen (36). Das Schreiben
wurde von allen Kanzeln verlesen, ohne dass die NS das vorher rechtzeitig unterbinden konnten.
Der politische Erfolg war gering, aber die unmittelbare Bedrohung von Geistlichen durch ein
Gerichtsverfahren ging zurück (die Sittlichkeitsverbrechensvorwürfe und die Devisenvergehen).
11.4 Der Retter von Rom, der Schweiger zu Auschwitz
1. Am 2. März 1939 wurde Pacelli zum Papst Pius XII. gewählt. Sein Vorgänger hatte eine
Enzyklika ausarbeiten lassen, die das Unrecht gegen die Juden verurteilte.212 Allerdings scheint
208
Scholder I (wie Anm 202) Seite ##; Mehlhausen 58. Dagegen Volk (wie Anm. 211), 354-360, hier 354 f.
Dokumentiert in Kay Dohnke: Nationalsozialismus in Norddeutschland. Ein Atlas. Hamburg 2001.
210
Der Volltext ist zu finden unter http://www.vatican.va/holy_father/pius_xi/encyclicals/documents/hf_pxi_enc_14031937_mit-brennender-sorge_ge.html. Im Folgenden die Nummern der Absätze in Klammern
211
Ludwig Volk: Die Enzyklika „mit brennender Sorge“ [1969] in: L.V.: Katholische Kirche und Nationalsozialismus. Mainz 1987, 34-55.
212
Georges Passelecq; Bernard Suchecky: Die unterschlagene Enzyklika. Der Vatikan und die Judenverfolgung.
[Frz.## ] München: Hanser 1997. Dominik Burkard: Häresie und Mythus des 20. Jahrhunderts. Rosenbergs
209
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57
der verstorbene Papst auch eher nur ein Konzept für eine Enzyklika für die Schublade gewollt zu
haben. Der neue Papst ließ sie nicht veröffentlichen.213
2. Die Verbindung zwischen Bolschwistischer (=atheistischer) Revolution in Russland und
ihren jüdischen Anführern galt als ausgemacht. Seit am Ende des 1. Weltkrieges (1917) Maria im
portugiesischen Fatima zur Re-Christianisierung Russlands aufgerufen hatte, war das bei den
Katholiken des „Abendlandes“ die Parole.214
3. Als am 16. Oktober 1943 die jüdischen Einwohner von Rom verhaftet und am 18. in Viehwaggons 1035 Menschen deportiert wurden, bestürmte u. a. Ernst von Weizsäcker den Papst,
lautstark zu protestieren. Es gab nur ein Schreiben des Bischofs Alois Hudal, der forderte, die
Razzien unverzüglich einzustellen, sonst sei zu befürchten, dass der Papst öffentlich Stellung
nehmen werde und damit die deutschfeindliche Propaganda Nahrung bekäme.215 Die
Verhaftungen gingen weiter; viele (wie viele?) der römischen Juden fanden Unterschlupf in den
extraterritorialen Einrichtungen des Vatikans in Rom und Umgebung. Der laute Protest, hinter
dem die weltweite Kirche stand, unterblieb, obwohl der Papst über alles genau und sofort
unterrichtet war. Seine Sorge, die antifaschistischen Widerständler könnten die Herrschaft
übernehmen, war stärker.
4. Als Johannes Paul II. 1998 ein Reuebekenntnis zur Schuld der Kirchen veröffentlichte, hielt
er gleichwohl an der Unterscheidung des religiösen Antijudaismus vom rassistischen Antisemitismus fest. Der letztere sei atheistisch-neuheidnisch. Weiter hat er keine Bemerkung zu einer
bestimmten Person gemacht, etwa zu seinem Vorgänger Pius XII. In der Verkündigungsbulle
Incarnationis mysterium am 20. November 1998 hat er verlauten lassen: „Man muss jedoch eingestehen, dass die Geschichte auch viele Ereignisse verzeichnet, die ein Antizeugnis gegenüber
dem Christentum darstellen. Wegen jenes Bandes, das uns im mystischen Leib Christi mit einander vereint, tragen wir alle die Last der Irrtümer und der Schuld derer, die uns vorangegangen
sind, auch wenn wir keine persönliche Verantwortung dafür haben und nicht den Richterspruch
Gottes, der allein die Herzen kennt, ersetzen wollen. Aber auch wir haben als Söhne und Töchter
der Kirche gesündigt, und es wurde der Braut Christi verwehrt, in ihrer ganzen Schönheit zu
erstrahlen ...“ Erneuert hat er das mea culpa am 12. März 2000. Insgesamt bleibt das Problem,
inwieweit die Päpste selbst judenfeindlich/antisemitisch eingestellt waren. Die offiziellen
Dokumente, die der Vatikan dieser Zeit veröffentlichte, prangerten die Entrechtung und Tötung
Unschuldiger öffentlich an, allerdings nannten sie nie offen die Juden.216
11.5 Karfreitag: Das Ritual der Judenfeindschaft
1. Karfreitag ist das klassische Ritual der Judenfeindschaft. Der Evangelist Matthäus lässt die
jüdische Menge eine Selbstverfluchung herausschreien nach dem „Kreuziget ihn!“, das „Sein
Blut komm über uns und unsere Kinder!“ (Matth. 27, 25).217 In den Passionsspielen und
Oratorien wurde das Vergangene jährlich neu in die Gegenwart geholt und erneuert.
nationalsozialistische Weltanschauung vor dem Tribunal der Römischen Inquisition. (Römische Inquisition und
Indexkongregation 5) Paderborn 2005, 232-238.
213
Text bei Anton Rauscher: Wider den Rassismus. Paderborn 2001.
214
Zur Verbindung von Marien-Visionen und (katholischen) Diktaturen s. Nicholas Perry; Loreto Echeverría: Under
the heel of Mary. London: Routledge1988.
215
Cornwell, Pius XII (wie Anm. 201) 1999, 405-450.
216
Beispiele Denzinger Enchiridion 3782-86 (sehr allgemein gegen Diktaturen); 3790 gegen Euthanasie. – Zur
Kritik an den oben Anm. 201 genannten kritischen Büchern Burkard 2005 (Anm. 212), 17-23. Katholischer Antisemitismus Urs Altermatt: Katholizismus und Antisemitismus. Mentalitäten, Kontinuitäten, Ambivalenzen. Zur
Kulturgeschichte der Schweiz 1918-1945. Frauenfeld 1999. Olaf Blaschke: Katholischer Antisemitismus im 19.
Jahrhundert. Ursachen und Traditionen im internationalen Vergleich. Zürich: Orell Füssl, 2000. Ders.: Die
„Reichspogromnacht“ und die Haltung von katholischer Bevölkerung und Kirche. Mentalitätsgeschichte als
Schlüssel zu einem neuen Verständnis? In: ZRGG 52(2000.), 47-74. Thomas Brechenmacher: Der Vatikan und die
Juden. Geschichte einer unheiligen Beziehung vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. München: Beck 2005.
217
Norbert Kampling: Das Blut Christi und die Juden. Mt 27,25 bei den lateinischsprachigen christlichen Autoren
bis zu Leo dem Großen. (Neutestamentliche Abhandlungen N.F. 16) Münster 1984.
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2. An dem Tag wird an vielen Orten, besonders in der katholisch-mediterranen Welt, eine
Prozession durchgeführt, in der das Kreuz durch die Stadt getragen wird, darunter auch mitten
durch jüdische Wohnviertel.
3. An Karfreitag wurde das folgende Gebet gesprochen:
Oremus et pro perfidis Judaeis, ut Deus et
Lasset uns auch beten für die treulosen Juden:
Dominus noster auferat velamen de cordibus
Gott, unser Herr, möge den Schleier von ihren
eorum, ut et ipsi cognoscant Jesus Christum
Herzen wegnehmen,218 auf dass auch sie
Dominum nostrum.
unseren Herrn Jesus Christus erkennen.
Hier folgte im Messbuch die Anmerkung: „Hier unterlässt der Diakon die Aufforderung zur
Kniebeuge, um nicht das Andenken an die Schmach zu erneuern, mit der die Juden um diese
Stunde den Heiland durch Kniebeugen verhöhnten.“
Omnipotens sempiterne Deus, qui etiam
Allmächtiger ewiger Gott, du schließest sogar
judaicam perfidiam a tua misericordia non
die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht
repellis, exaudi preces nostras, quas pro illius aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verpopuli obcæcatione deferimus, ut agnita
blendung jenes Volkes vor dich bringen:
veritatis tuæ luce, quæ Christus est, a suis
Möchten sie das Licht deiner Wahrheit, weltenebris eruantur. Per eundem Dominum
ches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis
nostrum.
entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn.
4. Diese Fassung des Gebets war in dem katholischen Messbuch (Missale Romanum) enthalten,
das nach einem Dekret des Konzils von Trient 1570 herausgegeben wurde. Erst in dem vom
Papst Johannes XXIII. beigewohnten Karfreitagsgebet um 1959 wurden die Wörter perfidis und
judaicam perfidiam nicht ausgesprochen. 1962 wurden diese Wörter aus den Messbüchern
gestrichen. Abb. 11, 4-6
5. Das Wort perfidia kann zweierlei bedeuten: einmal einfach „Ungläubige“, allerdings schärfer
als infideles (Gegensatz: christfideles). Die zweite Bedeutung ist „treulosig, wortbrüchig“.
6. Bereits 1928 forderte eine einflussreiche italienische Gruppe von Priestern, die amici Israel,
eine Revision. Letztlich wurde das abgewiesen.219 Die 1969 reformierte katholische Liturgie der
„oratio universalis“ verwendet folgende Bitte:
„Oremus et pro Iudaeis; ut Deus et Dominus
noster faciem suam super eos illuminare
dignetur; ut et ipsi agnoscant omnium
Redemptorem, Iesum Christum Dominum
nostrum.
[Oremus. Flectamus genua. – Levate.]
Omnipotens sempiterne Deus, qui promissiones
tuas Abrahae et semini eius contulisti:
Ecclesiae tuae preces clementer exaudi; ut
populus acquisitionis antiquae ad Redemptionis
mereatur plenitudinem pervenire. Per Dominum
nostrum. [Omnes: R.] Amen.“
„Lasset uns auch beten für die Juden. Unser
Gott und Herr lasse über sie leuchten sein
Angesicht, damit auch sie erkennen den Erlöser
aller Menschen, unsern Herrn Jesus Christus.
[Lasset uns beten. Beuget die Knie. – Erhebet
euch.]
Allmächtiger ewiger Gott, dem Abraham und
seiner Nachkommenschaft hast du deine
Verheißungen gegeben; erhöre in Güte die
Bitten deiner Kirche; und jenes Volk, das du in
alter Zeit angenommen als eigen, lass gelangen
zur Fülle des Heils: Durch unsern Herrn. [Alle
antworten:] Amen.“
2008 hat Papst Benedikt nicht nur die alte Liturgie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil
wieder zu verwenden erlaubt, sondern auch die Karfreitagsbitte wieder als Bekehrung zur Kirche
(nicht: zu Christus) formuliert.220
218
Das ist Zitat aus Paulus 2 Kor 3, 12-18 in Verbindung mit dem Geheimnis, dass alle Juden sich bekehren werden,
Römer 11, 25-32.
219
Hubert Wolf: „Pro perfidis Judaeis“. Die Amici Israel und ihr Antrag auf eine Reform der Karfreitagsfürbitte für
die Juden (1928). Oder Bemerkungen zum Thema katholische Kirche und Antisemitismus, in: Historische Zeitschrift
279 (2004), 611–658.
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Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
12 DEUTSCHE CHRISTEN
12.1 Eine Reichskirche oder die Vielfalt der Landeskirchen?
1. Eine Chance schien sich von außen zu eröffnen: 1871 war die deutsche Kleinstaaterei in dem
von Preußen dominierten deutschen Nationalstaat aufgegangen. Die evangelischen Landeskirchen aber hatten ihre alte Form behalten, wie sie im Westfälischen Frieden festgelegt worden
war. Mit der „Preußischen Union der evangelischen Kirchen“ allerdings waren die alten
Landeskirchen in Kirchenprovinzen unter der Leitung des Preußischen (Berliner) Landesbischofs
aus ihrer Autonomie in die Preußische Union als Superintendenturen subordiniert worden. Die
Chance bestand jetzt darin, dass der nationalen Einigung nach 60 Jahren die eine National-Kirche
folgen werde. Eine Verfassung wurde ausgearbeitet.
2. Der Reichsbischof, ein Lutheraner, würde befugt sein (Artikel 6) „durch Vermittlung der
Landeskirchen oder in dringenden Fällen unmittelbar bindende Weisungen zu erteilen“.221 Ein
geistliches Ministerium unter seiner Leitung würde die Exekutive bilden, eine Deutsche Nationalsynode als Vertretung der Landeskirchen würde mitwirken bei der Bestellung der Kirchenleitung und der Gesetzgebung. D. h. eine sehr starke Exekutive würde die formal weiterbestehenden und in einer Synode vertretenen Landeskirchen nur noch beratend berücksichtigen.
3. In der Preußischen Kirche gab es eine Besonderheit: das Summepiskopat.222 Als der Kurfürst von Brandenburg zum Calvinismus übertrat und später auch katholische Gebiete beherrschte, konnte er im Interesse des Absolutismus nicht drei kirchliche Bischöfe oder Kirchenleitungen zulassen. So fasste er sie staatlich darin zusammen, dass der Kurfürst, später preußischer
König, dann deutscher Kaiser (auf dem Gebiet Preußens) der oberste Bischof summus episcopus
sei. Das war die schärfste Form des Lutherischen Landeskirchenregiments, wie es seit dem
Augsburger Religionsfrieden 1555 und durchgesetzt 1648 in dem Prinzip cuius regio eius religio
gültig war: wem das Land gehörte, der bestimmte auch die Religion der Landeskinder.
4. Eigentlich noch schärfer war die Situation in Bremen, wo die einzelnen Gemeinden je autonom durch einen Laien, den „Bauherrn“, geführt einen Pastor anstellten und entließen. Aufsicht
aber führte der politische Senat der Hansestadt in einem Kircheministerium. Erst nach dem
Ersten Weltkrieg organisierten sich die Gemeinden in einem Verbund (Verfassung 1924), dem
ein Laie als Präsident vorsteht; ein Theologe ohne Weisungsbefugnis für die anderen Pastoren ist
„Schriftführer“ und vertritt als theologischer Repräsentant die Bremische Evangelische Kirche
BEK nach außen. Auch hier sah ein junger Pastor seine Chance: Heinz Wiedemann sollte, so
eine starke Gruppe von DC, das Führerprinzip in Bremen einführen. Besonders der lutherische
Dom im ansonsten calvinistischen Bremen war die Hochburg der DC.223
5. Hitler sah eine Zeit lang in den Protestanten die Chance, eine starke Institution mit eigenen
Leuten besetzen zu können. Der pietistisch erzogene, in Ostpreußen stationierte Militärseelsorger
220
Sehr gut das Material vorgestellt in der Seite http://de.wikipedia.org/wiki/Karfreitagsfürbitte_für_die_Juden
Horst Kater: Die Deutsche Evangelische Kirche in den Jahren 1933 und 1934. Eine Rechts- und Verfassungsgeschichtliche Untersuchung zu Gründung und Zerfall einer Kirche im nationalsozialistischen Staat. (Arbeiten zur
Geschichte des Kirchenkampfs 24) Göttingen 1970; Text des Verfassungsentwurfs vom 1. 6. 1933 und die weiteren
Versionen S. 194-213.
222
Johannes Heckel: [1924] Das blinde undeutliche Wort „Kirche“. Köln [u. a.] 1964, 371-386.
223
Reijo Heinonen: Anpassung und Identität: Theologie und Kirchenpolitik der Bremer Deutschen Christen 1933 –
1945. (Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte B 5) Göttingen 1978.
221
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60
Ludwig Müller sollte als getreuer Gefolgsmann Reichsbischof werden.224 Einen völlig
unbekannten wollten aber die versammelten Vertreter der Landeskirchen nicht. So baten einige
den weithin bekannten Fritz von Bodelschwingh (der Jüngere) sich als Kandidat zur Verfügung
zu stellen. Er war der Enkel des Gründers der Anstalten in Bethel, einer der führenden politischen Köpfe im Wilhelminischen Deutschland. Hitler persönlich intervenierte und verhinderte
dessen Einsetzung. Er stützte den ihm hörigen Müller. Da die Wahl am 27. Mai 33 ohne
Absprache mit dem Staat durchgeführt worden war, sprach die NS-Regierung von Rechtsbruch.
Sie setzte einen Reichskommissar Alfred Jäger ein, der nun gewaltsam die Angliederung an die
Reichskirche durchführte, wo sie nicht im Konsens schon erreicht war.
6. Mit sehr kurzer Vorbereitungszeit beraumte die Regierung eine Kirchenwahl an. Neben der
Kirchenbewegung DC gab es die gemäßigteren Jungreformatoren und die ‚Glaubensbewegung
DC’ (oder Thüringer). Bei dieser Wahl erreichten die Deutschen Christen eine Zustimmung von
durchschnittlich 75%. Diese letzteren trieben die Sache auf die Spitze und provozierten damit
die Spaltung in Befürworter des NS und einen Widerstand aus einer staatskritischen Position.
7. Auch in der NS Regierung gab es ein eigenes Reichskirchenministerium, bekleidet von
Hanns Kerrl (1887-1941). Der Jurist setzte sich ein, die ev. Kirchen einzubinden in eine
Staatskirche. Ende 1936 gewannen die anti-christlichen Chefideologen Rosenberg, Bormann und
Himmler die Oberhand.
8. Katastrophal für das Ansehen wirkte eine Veranstaltung der DC, das sog. Desaster vom
Sportpalast, am 13. November 1934:225 Die Kundgebung war auf den Reformationstag bzw.
auf Luthers Geburtstag geplant; mit diesem symbolträchtigen Datum sollte ausgesprochen
werden: Es geht um die Zweite Reformation. Angesichts des Versagens der Theologen würde
jetzt das christliche Volk sich in die Bewegung einreihen im Schulterschluss der Christen mit den
Nationalsozialisten. Nach Joachim Hossenfelder sprach vor den 20 000 Zuhörern der Gauobmann der DC, Studiendirektor Dr. Reinhold Krause: Die Volkskirche ersetze die Pastorenkirche. „Wenn wir NS uns schämen, eine Krawatte vom Juden zu kaufen, dann müssten wir uns
erst recht schämen, irgendetwas, das zu unserer Seele spricht, das innerste Religiöse, vom Juden
anzunehmen.“ Nötig sei „die Befreiung von allem Undeutschen im Gottesdienst und im Bekenntnismäßigen. Befreiung vom Alten Testament mit seiner jüdischen Lohnmoral, von diesen Viehhändler- und Zuhältergeschichten.“ Weiter solle man sich zurückhalten vor einer „übertriebenen
Herausstellung des Gekreuzigten“. Denn nicht knechtische, sondern stolze Menschen brauche
das Dritte Reich. Dann könne man verstehen, „wie eng sich dann die Verwandtschaft des
nordischen Geistes mit dem heldischen Jesusgeist zeigt. Es wird dann offenbar werden, dass die
Vollendung der Reformation Martin Luthers der endgültige Sieg des nordischen Geistes über
orientalischen Materialismus bedeutet. Heil!“ Riesiger Jubel.
9. Doch diese Rede, die Kernaussagen des Christentums verdrehte und verriet, wurde zum
Fanal für die Kirchenleitungen. Der Pfarrernotbund (Bodelschwingh, Barth, Niemöller, Jacobi)
setzte dem Reichsbischof ein Ultimatum: Der Reibi möge seine Schirmherrschaft über die DC
niederlegen; Bischof Hossenfelder müsse sofort zurücktreten; Pfarrer und Kirchenälteste müssten
auf ihr Amtsgelübde erneut verpflichtet werden. Wenn der Reichsbischof das nicht bis 20 Uhr
geleistet habe, komme es morgen zur Kirchenspaltung. Martin Niemöller nahm die Dinge in die
Hand; das Ergebnis war die Gründung der Bekennenden Kirche.
10. Die Kundgebung im Sportpalast hatte deutlich gemacht, dass die DC die Bibel als Grundlage
des Christentums aufgaben und als neue Offenbarung die einmalige Chance ansahen, die Gott in
Hitler geschenkt habe. Damit mussten sich die Christen entscheiden. Dass mit diesem Tag die
Zustimmung zu den DC einen Absturz erlitten hätte, kann man aber nicht sehen. Sie setzten sich
an vielen, gerade den entscheidenden Stellen fest.226
224
Thomas Martin Schneider: Reichsbischof Ludwig Müller. Eine Untersuchung zu Leben, Werk und Persönlichkeit.
(Arbeiten zur kirchlichen Zeitgeschichte : Reihe B 19) Göttingen 1993.
225
Scholder, Band 1, 701-742. Zitate S.
226
Manfred Gailus: 1933 als protestantisches Erlebnis. GuG 29(2003), 481-511, hier 493 mit Anm. 53..
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12.2 Volksmission
1. Für die evangelischen Kirchen erschien die neue nationale Herrschaft als „die Stunde der
Kirche“.227 Die lange erwartete Chance. Nicht mehr die Enttäuschung des verarmten Bürgertums
zu pflegen, nicht mehr als protestantischen Kirche ihrer staatstragenden Funktion nachjammern,
sondern als christliche Bewegung in die nationale (so verkürzt statt nationalsozialistisch-rechtsradikale) Bewegung sich einzubinden.
2. Aus der bürgerlichen Kirche sollte eine Volkskirche werden; dabei war der neue Unterton für
Volk als Nation Programm. Die Volks-Mission sollte die Entfremdeten der Kirche wieder zurück
bringen. Dafür schien es sinnvoll, dass Pastoren selbst sich der NS Bewegung eingliederten, v.a.
in die SA und SS eintreten sollten.228 Walter Grundmann forderte in seinem Aufsatz „Volksmission in der neuen Stunde von Kirche und Volk“229
3. Aufsehende Bilder und Berichte sprachen von Massentaufen und Massenhochzeiten, vielfach
die Vereinigung von christlichen und NS-Fahnen.230
4. Auch die Reichskirchenregierung (Reichsbischof Müller) machte sich das Programm zu
eigen. Die Volksmission sei ‚der wichtigste Frontabschnitt im Kampf der Kirche um die deutsche
Seele’.231 Dabei suchte man besonders die Verbindung zu den Kämpfern des Dritten Reichs, zu
SA, zur Hitlerjugend. Aber oft wollten diese keine Pfarrer in ihren Versammlungen hören.
5. Die Struktur der Deutschen Christen umfasste insgesamt etwa 600 000 Christen, das waren
nicht einmal 2% der Evangelischen in Deutschland. Die Zahl der dort organisierten 6000
Pastoren war zwar gemessen an der Gesamtzahl des DC nicht sehr hoch, aber gemessen an der
Zahl von 18 000 Pastoren in Deutschland ein Drittel von diesen.232 Das heißt: Die DC besetzte
dank der Kirchenwahl von 1933 nicht nur die Leitungsfunktion in 25 von 28 Landeskirchen – nur
die drei „intakten“ (Bayern, Württemberg, Hannover) blieben ohne DC-Mehrheit – sondern auch
viele Gemeindepastorate. Die Idee von der Beseitigung der Pastorenkirche entspricht zwar der
antiklerikalen Einstellung vieler NS-Anhänger, aber in der Realität wurden viele Gemeinden von
den Pastoren bestimmt.
12.3 Eine neue Reformation
1. Ein berühmtes Diktum der NS (Alfred Rosenberg) besagte: „Christentum ist Judentum für
Nicht-Juden“.
2. Das „Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche
Leben“ wurde Mai 1939 am Fuß der Wartburg gegründet, finanziert von 11 Landeskirchen. 233
Eines der ersten Projekte war, Luthers Neues Testament noch einmal zu übersetzen, allerdings
das, was der Reformator damals versäumt hatte, nachgeholt: die jüdischen Elemente entfernt.
3. Direktor wurde Walter Grundmann, 1906-1976.234 Bereits 30-jährig wurde er Professor an
der Universität in Jena, Professor für Neues Testament und Völkische Theologie.
227
Zur Erwartung des rechten Zeitpunkts des Aufbruchs in der Weimarer Zeit (Kairos) s. Alf Christophersen:
Kairos. Protestantische Zeitdeutungskämpfe in der Weimarer Republik. Tübingen: Mohr Siebeck 2008.
228
Die „Stunde der Volksmission“ Johannes Müller-Schwefe in: Das evangelische Deutschland. 8. Oktober 1933,
359f.; ebenda 15. Oktiober 1933, 369f.: Der Geist von 1789 ist damit überwunden.
229
Pastoralblätter 75(1933), 14-:
230
Siegfried Hermle: Zum Aufstieg der Deutschen Christen. Das Zauberwort “Volksmission“ 1933. Zeitschrift für
Kichengeschichte 108 (1997), 309-341. Der Aufsatz leidet etwas darunter, dass zeitgenössische und autobiographische Rückblicke nicht klar getrennt sind.
231
Amtsblatt der Evangelischen Landeskirche in Württemberg 26, 1934, Nr. 18, 221.
232
Die Zahl beruht auf einer Schätzung von Doris L. Bergen: Die „Deutschen Christen“ 1933-1945. GuG 29, 2003,
542-574, hier 556 A. 51. Dieselbe
233
Peter von der Osten-Sacken (Hrsg.): Das mißbrauchte Evangelium. Studien zu Theologie und Praxis der
Thüringer Deutschen Christen. (Studien zu Kirche und Israel 20) Berlin: Inst. Kirche und Judentum 2002. Leonore
Siegele-Wenschkewitz (Hrsg. in): Christliche Antijudaismus und Antisemitismus. Theologische und kirchliche
Programme Deutscher Christen. Frankfurt 1994. Susannah Heschel: The Aryan Jesus. Christian Theologians and
the Bible in Nazi Germany. Princeton 2008
234
Christoph Schmitt, BKKL 26 (2006), 536-544 http://www.bautz.de/bbkl/g/grundmann_w.shtml.
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62
4. Einige theologischen Fakultäten versuchten, sich intakt zu halten: Sie hielten die jungen
Partei-Wissenschaftler fern, indem sie wissenschaftliche Unfähigkeit behaupteten. Besonders in
der praktischen Theologie aber war das nicht leicht. So war auch in Jena die Fakultät schon ganz
früh mit einem Nazi aufgebrochen worden, Meyer-Erlach. Der holte den jungen Grundmann, der
bei Gerhard Kittel in Tübingen promoviert hatte, nach Jena und sorgte für den Zusatz „Völkische
Theologie“. Grundmann war als Historiker und Exeget vorzüglich und hätte auch ohne Parteibuch bald eine Professur bekommen. Aber er war überzeugter Nationalsozialist und Antisemit.
(Übrigens dann in der DDR IM der Stasi)
5. Sein Lehrer Gerhard Kittel war der bedeutendste Neutestamentler in Deutschland: Sein
Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament besaß bald jeder evangelische Theologe. Es
erschien von 1933 bis 1976, die ersten vier Bände während der NS-Zeit.235 Einerseits nahm das
ThWNT den „spätjüdischen“236 Sprachgebrauch auf. Kittel war ein großer Experte auf dem
Gebiet des Judentums; sein Vater war der Alttestamentler Rudolf Kittel. GK selbst gab die
Mischnah heraus und leitete das Tübinger Institutum Iudaicum.
6. Das Wörterbuch stellte neben das spätjüdische Äquivalent nicht die griechische Sprache aus
der Region und die alltägliche Sprache der Zeit, wie sie in den Papyri zu finden war, sondern das
Griechisch der klassischen Literatur (die rund 500 Jahre älter war). Das Griechisch des Christentums sei, so ließ sich mit diesem so vorausgewählten Material zeigen, eine neue Sprache für
eine neue Religion; verschieden vom Hebräischen, anders als das Griechische. – Das Programm
von Adolf Deissmann, die Papyri und Inschriften bewiesen, dass das Christentum aus der Mitte
des (jüdischen!) Volkes heraus emporgewachsen war, stand gegen das Modell der Stifterreligion,
in der ein Genie die neue Religion durch eine neue Sprache erfand – gegen die VolksReligion.237
7. Kittel war eines der Aushängeschilder der etablierten Professoren, die sich der „neuen Wissenschaft“ zur Verfügung stellten.238 Er wurde nach dem Ende der NS-Herrschaft als einer der
wenigen Professoren seines Amtes enthoben (wie Jakob Hauer [Vorl. 9] ein 60-jähriger).
8. Ein Weg zu einem heiligen Text „ohne jüdische Einflüsse“ führte über das JohannesEvangelium. Sein Evangelist schärft in einem Dualismus die Gegnerschaft von Jesus mit seinen
Anhängern und den Juden als Vertreter des Reichs der Finsternis. Grundmann und seine
Mitarbeiter im Eisenacher Institut reinigten den Text, Emanuel Hirsch schuf eine Ausgabe zum
Lesen in Gottesdienst und Andacht. Auch für Rudolf Bultmann war es das Zentrum seines
existenzialen Denkens.
9. Die Protestanten der Zweiten Reformation entwickelten gerne das Geschichtsschema, das das
katholisch, reformierte durch ein drittes Zeitalter ablösen sah, das Johanneische:
235
Zur Wissenschaftsgeschichte des Wörterbuchs der neutestamentlichen Sprache s. Christoph Auffarth: Ein
Gesamtbild der antiken Kultur. Adolf Erman und das Berliner Modell einer Kulturwissenschaft der Antike um die
Jahrhundertwende 1900. In: Bernd U. Schipper (Hrsg.): Ägyptologie als Wissenschaft. Adolf Erman (1854-1927) in
seiner Zeit. Berlin; New York 2006, 396-433. Zu Kittel: Leonore Siegele-Wenschkewitz: Neutestamentliche Wissenschaft vor der Judenfrage: Gerhard Kittels theologische Arbeit im Wandel deutscher Geschichte. (THE 208)
München 1980.
236
Spätjüdisch ist ein polemisches Wort unter den evangelischen Theologen: Im Unterschied zu der Religion Israels
beginnt nach dem babylonischen Exil 587-532 das Judentum des Gesetzes und der Schrift („Esra der Schreiber“)
statt des lebendigen prophetischen Wortes. Spätjudentum ist die Epoche der „Rabbinen“, die mit den Zeitgenossen
Jesu beginnt. Danach endet das Judentum, das zeitgenössische Judentum wäre demnach nur noch eine Mumie.
237
Vorzügliche Wissenschaftsgeschichte Karlheinz Müller: Das Judentum in der religionsgeschichtlichen Arbeit am
Neuen Testament. Eine kritische Rückschau auf die Entwicklung einer Methodik bis zu den Qumranfunden.
(Judentum und Umwelt 6) Frankfurt a.M. [u. a.]: Lang 1983.
238
Hans Heiber: Walter Frank und sein Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschland, 1966, 413-478. 626635. Robert P. Ericksen: Theologen unter Hitler. Das Bündnis zwischen evangelischer Dogmatik und NS. München
1986, 47-114. Grundlegend für eine nicht-richtende Theologie-Geschichte Leonore Siegele-Wenschkewitz: Neutestamentliche Wissenschaft vor der Judenfrage. Gerhard Kittels theologische Arbeit im Wandel deutscher
Geschichte (TEH 208) München 1980.
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
Petrus
Paulus
Johannes
63
Katholische Kirche (Papst)
Reformationskirchen
Kirche der Zukunft
12.4 Das Alte Testament als Heilige Schrift der Christen?
1. 1921 veröffentlichte der einflussreichste Theologe des Kaiserreichs, Adolf von Harnack, ein
Buch über den berühmtesten Antijudaisten unter den antiken Christen: über Marcion. Das Buch
beginnt mit dem rhetorisch ausgezeichneten Satz (S. IX; wiederholt S. 248 f):239
Das Alte Testament im 2. Jahrhundert zu verwerfen, war ein Fehler,
den die große Kirche mit Recht abgelehnt hat;
es im 16. Jahrhundert beizubehalten, war ein Schicksal,
dem sich die Reformatoren noch nicht zu entziehen vermochten;
es aber im 19. Jahrhundert als eine kanonische Urkunde im Protestantismus noch zu
conservieren, ist die Folge einer religiösen und kirchlichen Lähmung.240
2. Bereits als 19-Jähriger hatte Harnack die „Preisaufgabe“ der Dorpater Universität gewonnen
mit einer ersten Fassung,241 aber erst als 70-Jähriger wagte er das Buch zu veröffentlichen.
3. Mit Juden hatte der Wissenschaftskoordinator täglich zu tun. Harnack war der liberale „Hoftheologe“. Kaiser Wilhelms II. auf der Seite eines streitbaren „liberalen“ Christentums und war
als solcher nach Berlin berufen worden. In der Familie des Kaisers bestanden aber die Frauen auf
einem „positiven“ Christentum. Eine praktizierte Frömmigkeit, die nicht historisch relativiert sei.
Ihr „Hoftheologe“ war der Hofprediger und bekennende Antisemit Adolf Stoecker.242 Erst der
Untergang von kulturellen Konventionen in der Ur-Katastrophe des 20. Jahrhunderts, dem Ersten
Weltkrieg, beseitigte eine Schwelle.
4. Eine antijüdische Spitze hatte schon die Vortragsreihe des Assyriologen (Altorientalisten)
Friedrich Delitzsch gehabt, die dieser unter dem Titel Babel-Bibel vor dem Kaiser und einem
großen Publikum in der Berliner Singakademie vortrug. Alles was in der Bibel des AT und des
NT stand, sei schon in Babel erzählt worden, besonders die Sintflut-Erzählung, aber auch der
sterbende und wieder auferstehende Gott. Die Thesen wurden ungeheuer populär, bis hin zu
239
Adolf von Harnack: Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche. (Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur 45 - III 15)
Leipzig: Hinrichs 1921; ²1924. Ders.: Neue Studien zu Marcion, (TU 44,4) Leipzig 1923. ND Darmstadt: wissenschaftliche Buchgesellschaft; Berlin: Akademie [der DDR] 1960; 1985; 1996. Franz. Übersetzung Marcion:
L'évangile du Dieu étranger. Traduit par B. Lauret, Paris 2003.
240
Adolf Harnack 1851 aus dem Baltikum; sein Vater schon berühmter Theologie-Professor in Erlangen (Neulutherttum). 28-jährig schon Ordinarius; mit 37 Jahren 1887 Professor in Berlin. Wird zum engsten Berater in
Wissenschaftsdingen des Wissenschaftsministers Friedrich Althoff und damit des Kaisers, 1905 Direktor der
Preußischen Staats-Bibliothek, der Akademie, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (später: Max-Planck-Gesellschaft).
1914 geadelt. Präsident des liberalen Protestantismus im Evangelisch-sozialen Kongress 1903-1912. Gründer der
„Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft“, der späteren Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG.
241
Diese wurde veröffentlicht Adolf Harnack: Marcion. Der moderne Gläubige des 2. Jahrhunderts, der erste
Reformator. Die Dorpater Preisschrift (1870). Hrsg. Friedemann Steck. Berlin [u. a.]: de Gruyter, 2003. Dazu der
Briefwechsel mit dem Antisemiten Chamberlain: Wolfram Kinzig: Harnack, Marcion und das Judentum. Nebst
einer kommentierten Edition des Briefwechsels Adolf von Harnacks mit Houston Stewart Chamberlain. (Arbeiten
zur Kirchen- und Theologiegeschichte 13) Leipzig: EVA 2004.
242
Günter Brakelmann; Manuela vom Brocke: Emanzipation und Antisemitismus. Leben und Wirken Adolf
Stoeckers im Kontext seiner Zeit. Band 1 [m.n.e.]. Band 2, Teil 1: Adolf Stoecker als Antisemit . Teil 2: Texte des
Parteipolitikers und Kirchenmannes. (Schriften der Hans-Ehrenberg-Gesellschaft 10) Waltrop: Spenner 2004. Hans
Engelmann: Kirche am Abgrund. Adolf Stoecker und seine antijüdische Bewegung. (Studien zu jüdischem Volk und
christlicher Gemeinde 5) Berlin 1984.
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
64
Musicals und Romanen.243 Auch dieser hatte nach dem Krieg seine Thesen noch einmal
ungeschminkt der Öffentlichkeit übergeben unter dem scharfen Titel Die große Täuschung.244
5. Harnack konnte in der anschließenden Kontroverse, ob das AT noch die Heilige Schrift der
Christen sei, immer als Autorität zitiert werden.
6. Aber die NS wussten ihren Kampf gegen die „jüdische“ Bibel mit Strafen zu bewehren. Der
große Verlag, der in Deutschland die Luther-Bibel vertrieb, die Württembergische Bibelanstalt,245 verlor das Privileg, keine Steuern zahlen zu müssen, weil sie nicht allein christlicher
Erbauung diente, wenn sie weiter das Alte Testament in die Bibel druckte.246
7. Der nächste Versuch bestand darin, aus Jesus einen Arier zu machen. Emanuel Hirsch berief
sich für seine Thesen „nach aller Regel wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeit ist Jesus nichtjüdischen Bluts gewesen“; die beiden Stammbäume seien „Geschichtsfälschungen“,247 für diese Thesen also beruft sich Hirsch auf Adolf Schlatter.248 Übrigens hat ein Nichttheologe, der geistige
Vater der Bremer Böttcherstraße, Hermann Wirth, ebenfalls das arische Christentum behauptet
und für eine „Germanisierung des Christentums“ im Sinne Wagners geworben.249
8. Das NS-Blatt Der Stürmer veröffentlichte 1936 in seinen Nummern 36 und 37 Artikel, die
die Tora zu einem „Machwerk und Machtinstrument entarteten Judentums“ machten. Während
Emanuel Hirsch das AT gegen die christliche Lehre ausspielte,250 versuchten viele Theologen,
das AT zu retten, weil es vor dem Auftreten Jesu bereits auf den Messias verweise.251 Somit wird
das AT auf das reduziert, was man an christlichem Gehalt darin finden wollte.252
Zeitschrift: Deutsche Theologie. Monatsschrift für die deutsche evangelische Kirche. Stuttgart:
Kohlhammer 1933-1943.
Die Zeitschrift der Deutschen Glaubensbewegung, hg. von Hauer, Fahrenkrog, Bergmann,
Günther, Reventlow, Wirth u. a. redigiert von Herbert Grabert.
Deutscher Glaube. Zeitschrift für arteigene Lebensgestaltung, Weltanschauung und Frömmigkeit
in den germanischen Ländern. - Karlsruhe: Boltze, dann Stuttgart: Hirschfeld [Erläuterung der
Redaktion der Zeitschrift: „kein jüdischer Verlag!“], dann Kohlhammer 1934-1944, Vorgänger:
Nordischer Glaube.
Vorträge Sohn eines „positiven“ Neutestamentlers Franz D. Reinhard G. Lehmann: Friedrich Delitzsch und der
Babel-Bibel-Streit. (OBO 133) Freiburg/Schweiz; Göttingen 1994. Klaus Johanning: Der Bibel-Babel-Streit. Eine
forschungsgeschichtliche Studie. (EHS 23: 343) Frankfurt am Main [u. a.]: Lang 1988.
244
Die große Täuschung. Kritische Betrachtungen zu den alttestamentlichen Berichten über Israels Eindringen in
Kanaan ... ; Teil I und II. Stuttgart: DVA 1920/21; NA Lorch : Rohm, 1934. Babel und Bibel Vortrag 1, 1902; 2,
1903.
245
Im Prinzip hatte jede Landeskirche ihre Bibelanstalt, die aber in einem Konzentrationsprozess an die großen
Landeskirchen übergingen. Die Württembergische ist der zentrale Bibel-Verlag der EKD geworden.
246
Carsten Nicolaisen: Die Auseinandersetzungen um das Alte Testament im Kirchenkampf 1933–1945. Hamburg
1966, 139-148.
247
Emanuel Hirsch: Das Wesen des Christentums. Weimar. Verlag der Deutschen Christen 1938, 158-165. Der
Urgroßvater hatte nach Hegesipp (bei Epiphanius haer. 78,7 Holl) den griechischen Namen Panthera. - Alfred
Burgsmüller: Der am ha-'areş zur Zeit Jesu. [Göttingen ?] 1951.
248
Ein berühmter, altfrommer Neutestamentler in Tübingen in der Geschichte Israels 1925, 132 ff. Zu seiner
Stellung zum Judentum, bes. in seiner Broschüre „Wird der Jude über uns siegen?“ 1935. Leonore SiegeleWenschkewitz: in: LSW (Hg.): Christlicher Antijudaismus und Antisemitismus. Theologische und Kirchliche
Programme Deutscher Christen. Frankfurt 1994, 95-110. Zu Schlatter als Gewährsmann der Bremer Deutschen
Christen und seine Aussagen über seinen Schüler Grundmann Heinonen 1978, 154249
Hermann Wirth: Aufgang der Menschheit. Jena: Diederichs 1928, 146. Arn Strohmeyer: Parsifal in Bremen.
Richard Wagner, Ludwig Roselius und die Böttcherstraße. Weimar 2002, 111-177, bes. 145.
250
E.H.: Das Alte Testament und die Predigt des Evangeliums. Tübingen: Mohr 1936. Wieder in GW 32, 2006.
251
Vor allem Wilhelm Eduard Vischer (1895-1988): Das Christuszeugnis des AT. Band 1: Das Gesetz. München
1934; Band 2,1: Die früheren Propheten, 1943; Band 2,2 (posthum noch das Heft: Jeremia. Bethel 1985). 1935
entließ ihn die KiHo Bethel; er wurde Pfarrer in Basel.
252
Beispiele aus der praktischen Arbeit, v. a, ob in der Kinderkirche das AT verwendet werden sollte, s. Lindemann,
Typisch jüdisch (wie Anm. 306) 1998, 751-758; 759-773.
243
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
65
Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
13 DIALEKTISCHE THEOLOGIE UND BEKENNENDE KIRCHE
13.1 Die Institution intakt halten!
1. Lange lebte die evangelische Kirchengeschichte von dem Stolz getragen, dass im „Kirchenkampf“ die Bekennende Kirche (BK) den Widerstand gegen Hitler als Institution und dank
klarer und eindeutiger Werte gegen den NS durchgehalten habe.253 Die maßgebliche Kirchengeschichte (Scholder/Besier) beruht ganz auf der Position der BK/Barthianer, versteht sich als die
Weiterführung der „guten“ Tradition in Abgrenzung zu den christlichen Kollaborateuren mit dem
NS, den „Deutschen Christen“.
2. Dabei vergaß man gerne nicht nur die DC, sondern auch Anpassungen, Lavieren, Fehler der
BK und die fehlende Solidarität in und außerhalb der Institution, etwa den Antijudaismus.254
3. Die theologischen Fakultäten versuchten sich von NS-Wissenschaftlern rein zu halten, hielten
aber auch Distanz zur Bekennenden Kirche. Diese verbanden sie mit dem Schreckgespenst Karl
Barth. Dieser war aufgrund seines revolutionären Buches über den Römerbrief 1920, das er als
Pfarrer geschrieben hatte, auf die (den Reformierten vorbehaltene) Professur in Göttingen, dann
Münster und Bonn berufen worden; weil er als Beamter den Eid auf den Führer nur mit dem
Zusatz leisten wollte, ausgewiesen, und lehrte ab 1936 in Basel. Barth äußerte sich laut und
eindeutig, bisweilen grob, weil er als Schweizer keine Kompromisse machen brauchte: Ein
Bollwerk gegen Barth!255
4. Diese Kontinuitätsbehauptung erweist sich aber als Schutzbehauptung, wenn man sieht, wie
viele eindeutig deutsch-christliche Mitglieder in allen Fakultäten, dazu oft noch in der Funktion
des Dekans, die nächste Pastorengeneration ausbildeten, prüften und die Kirchenleitungen
berieten, wie etwa die Göttinger Fakultät mit ihrem Dekan Emanuel Hirsch.256 Die Reinheitsthese oder die Behauptung, die Landeskirche/ die Fakultät sei intakt geblieben, repetiert die
„Persilscheine“ der Entnazifizierung, die die alten Eliten in die leitenden Funktionen wieder
einsetzten, nachdem ihnen von Freunden gegenseitig „Unbedenklichkeit“ bescheinigt worden
war oder dass sie nur „Mitläufer“ gewesen seien.
13.2 Bollwerk gegen Barth
1. Das Gegenstück zu der Bekennenden Kirche mit dem Schweizer Reformierten257 Karl Barth
als Sprachrohr war die Luther-Renaissance nach dem Ersten Weltkrieg. Das Reformationsjubilä253
Die Selbstbeschreibungen der Fakultäten arbeiten erst allmählich in der dritten Generation die NS-Zeit auf, noch
kaum die Kontinuitäten, s. die ernüchternde Bilanz bei Leonore Siegele-Wenschkewitz in: Hermann Düringer; Karin
Weintz (Hrsg.): L. S.-W. Persönlichkeit und Wirksamkeit. Frankfurt 2000, 170-183.
254
Bezeichnend ist, dass eine Dissertation Hamburg 1970 erst bald 20 Jahre später als Buch veröffentlicht werden
konnte, in dem nachgewiesen ist, dass die BK die NS-Rassenpolitik nicht nur nicht bestritt, sondern teils sogar
theologisch rechtfertigte, Wolfgang Gerlach: Als die Zeugen schweigen. Bekennende Kirche und die Juden. SKI 10.
Berlin 1988, ²1993.
255
So explizit in Heidelberg, s. Leonore Siegele-Wenschkewitz: Die [evangelisch] theologische Fakultät im Dritten
Reich: „Bollwerk gegen Basel“. In: Wilhelm Doerr (Hrsg.): Semper apertus. 600 Jahre Ruprecht-Karls-Universität
Heidelberg 1386-1986. Band 3. Heidelberg 1985, 504-543.
256
Zur Zusammensetzung s. Inge Mager: Göttinger Theologische Promotionen 1933-1945. in Siegele-Wenschkewitz/Nicolaisen Theologische Fakultäten 1993, 347-360. L. S.-W.:
257
„Reformiert“ heißt: die Schweizer Reformation mit Ulrich Zwingli und Johannes Calvin als bekanntesten Köpfen
wurde getragen von der Gleichberechtigung aller Bürger (vor allem in den Städten); in Deutschland konnte sie nur in
wenigen Ländern Fuß fassen (Pfalz, Preußen, Bremen); einige Fakultäten hielten eigens – neben den lutherischen –
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
66
um 1917 hatte eine vom Kulturprotestantismus des Kaiserreichs sich absetzende Besinnung auf
Luther initiiert.258
2. Anerkannte Autorität, auch durch die Berufung an die preußische Elite-Universität geadelt,
und Ältester war der Kirchenhistoriker Karl Holl 1866-1926, der gerade 60-jährig starb. Seine
Antrittsvorlesung auf dem Lehrstuhl Adolf von Harnacks behandelte „Urchristentum und Religionsgeschichte“ (1924) unter der Forderung neuer „Reformationen“.
3. Die konservativ-lutherische (altfränkische) theologische Fakultät in Erlangen (nahe
Nürnberg, also im protestantischen Teil des ansonsten katholischen Bayern) mit Paul Althaus.259
4. Der wohl wichtigste und außerhalb des NS in der Theologie als intellektuelle Größe hoch
anerkannte Wortführer wurde Emanuel Hirsch, ebenfalls ein Schüler von Karl Holl. Der hatte
mit der Aufklärung eine tiefgreifende „Umformungskrise“ festgestellt,260 die ein neues Fundament für die christliche Theologie erfordere. Nach Kant und Hegel konnte man nicht mehr lutherische Theologie treiben. Das war ähnlich radikal wie Karl Barths Dialektische Theologie (in
Göttingen hatten sie eine Zeit lang als Konkurrenten unterrichtet),261 kam aber zu einem anderen
Ziel, einer deutschen Reformation. Andere Schüler: Hanns Rückert; Heinrich Bornkamm.
5. Auf die enorme Bedeutung von Emanuel Hirsch (1888-1972) als dem Theologen, der die
nationalsozialistische Ideologie vollständig bejahte und in christliche Theologie umsetzte (Volksnomos), kann hier nur verwiesen werden [s. noch Vorl. 12].262 Auf der anderen Seite betonte
Karl Barth als Reformierter „die Königsherrschaft Gottes“, die in direkter Konkurrenz zur politischen Herrschaft stand und nicht, wie die Lutheraner, eine Trennung in politische Herrschaft
und ein geistliches Reich empfahl, das nicht von dieser Welt ist. Luthers Zwei-Reiche-Lehre
wurde mit Berufung auf Römer 13 „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn
hat“, gegenüber jeder Regierung Gehorsam predigte. Allerdings hatten die gleichen zuvor gegen
die Regierung der Weimarer Republik vorgeworfen, so ReiBi Müller am Bußtag 1930, „dass die
heutigen Machthaber in Preußen weder deutsch noch preußisch denken oder fühlen“.263
13.3 Barth und Barmen
1. Nach dem Skandal der völkischen Entgleisung der Deutschen Christen im Berliner Sportpalast 13. November 1933 drängte die Gruppe um Barth/Niemöller/Bodelschwingh auf eine eindeutige und radikale Unterscheidung. So bildete sich aus dem zuvor schon gegen die feindlichen
reformierte Lehrstühle, auf die Barth auch berufen wurde (Göttingen, Bonn), bevor er nach Basel ging. – Barth
bekam seinen Ruf auf den Lehrstuhl für reformierte Theologie in Göttingen, obwohl er weder promoviert noch
habilitiert war.
258
Heinrich Assel: Der andere Aufbruch. Die Lutherrenaissance – Ursprünge, Aporien und Wege: Karl Holl,
Emanuel Hirsch, Rudolf Hermann 1910-1935. (FsöTh 72) Göttingen 1994.
259
Berndt Hamm: Die Erlanger Fakultät. In: ###. Stuttgart 1990. zu Althaus s. Ericksen (wie Anm. 238), 115-166.
260
Als unvollendete Aufgabe hat das aufgegriffen Falk Wagner: Metamorphosen des modernen Protestantismus.
Tübingen 1999, 8-12. Emanuel Hirsch: Die Umformung des christlichen Denkens in der Neuzeit. Ein Lesebuch.
Tübingen 1938. Später in Form einer Theologiegeschichte Geschichte der neueren evangelischen Theologie im
Zusammenhang mit den allgemeinen Bewegungen des europäischen Denkens. 5 Bde, Gütersloh 1949-1954.
261
Wolfgang Trillhaas: Der Einbruch der Dialektischen Theologie in Göttingen und Emanuel Hirsch. In: Bernd
Moeller (Hrsg.): Theologie in Göttingen. (Göttinger Universitätsschriften A 1) Göttingen 1987, 362-379. Ericksen
(wie Anm. 238), 167-267. Assel 1994 (wie Anm. 258), ##.
262
Scharf, mit den nötigen Zitaten: Jendris Alwast: Thelogie im Dienste des NS.[ ... ] Emanuel Hirsch. In: SiegeleWenschkewitz/Nicolaisen (Hrsg.): Theologische Fakultäten 1993, 199-222; die Bedeutung Hirschs nach 1945 (er
wurde vorzeitig pensioniert, weil „erblindeet“, schreibt danach die 5 Bände 1949-1953 Geschichte der neueren ev.
Theologie im Zusammenhang mit den allgemeinen Bewegungen des europäischen Geistes) wird meist untertrieben.
1998 beginnt eine Ausgabe der Gesammelten Werke, hg. von Hans Martin Müller. Notker Slenczka: Das thelogische
Programm der „Deutschen Christen“ im 3. Reich. Historische Überlegungen mit aktueller Abzweckung. In: N.S.:
Der Tod Gottes und das Leben der Menschen. Göttingen V&R 2003, 163-180.
263
Schneider, Müller 1993, 77.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
67
Übernahmen der Landeskirchen in eine NS-geführte Reichskirche gerichteten „Pfarrer-Notbund“
die Bekenntnisbewegung mit ihren Bruderräten.264
2. Im traditionell pietistisch-erweckten Bergischen Land, in Barmen (seit 1929 mit Elberfeld
zusammengeschlossen zu „Wuppertal“), fand die 2. Bekenntnis-Synode statt und beschloss ein
gemeinsames Bekenntnis der lutherischen und reformierten (-calvinistischen) mit den sechs
Thesen in einer Theologischen Erklärung, einer Begründung, warum das jetzt sein müsse, und
einer Erklärung über die juristische Festlegung der deutschen Kirchen im Föderalismus-Prinzip
(Landeskirchen, keine Reichskirche).265 Von den Landeskirchen waren vertreten nur der bayerische (Hans Meiser)266 und der württembergische (Theophil Wurm)267 Landesbischof. Sonst galt
noch die Hannoversche Landeskirche als „intakt“ (Landesbischof Maharens). In allen übrigen
gab es nur Bruderräte im Widerstand zu den jeweiligen Landesbischöfen, die sich nach und unter
Berufung auf die Barmer Erklärung bildeten.
3. Die Thesen atmen die Eindeutigkeit Barths, der zusammen mit Hans Asmussen, Beckmann,
Putz, Obendiek den Text abschließend formulierte. Die Thesen, in einem Flugblatt gedruckt,
zitieren jeweils erst ein, zwei Bibelsprüche, dann eine kurze positive Behauptung; die dann in
dem dritten Absatz mündet: „Wir verwerfen die falsche Lehre, ...“ gegen eine Zielsetzung der
deutsch-christlichen Theologie.
4. Zunächst betonen sie, was auf der Verfassungssynode erreicht worden war: die evangelische
Kirche in Deutschland bleibt eine Föderation von Landeskirchen. Dies wird auf der vierten Seite
noch juristisch erklärt.
5. „Wir verwerfen die falsche Lehre, als gebe es Bereiche des Lebens, in denen wir nicht Jesus
Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären, Bereiche, in denen wir nicht der Rechtfertigung und Heilung durch ihn bedürften.“ (These 2) Das richtete sich gegen den „deutsch-christlichen“ Satz „Wir sehen in der recht verstandenen Inneren Mission das lebendige Tat-Christentum. ... Wir wissen etwas von der christlichen Pflicht und Liebe den Hilflosen gegenüber, wir
fordern aber auch Schutz des Volkes vor den Untüchtigen und Minderwertigen. Die Innere
Mission darf keinesfalls zur Entartung unseres Volkes beitragen.“268 Das richtete sich gegen
Behinderteneinrichtungen und liest sich als Befürwortung von Sterilisation und Euthanasie.
6. Oder These 4 verwarf „die falsche Lehre, als könne und dürfe sich die Kirche ... mit Herrschaftsbefugnissen ausgestattete Führer geben oder geben lassen.“ Das richtete sich gegen den
Reichsbischof, der Weisungsbefugnis haben sollte. Er befürwortete allerdings auch, wie schon
These 3 sagt, „Die christliche Kirche ist eine Gemeinde von Brüdern“, eine Gesellschaftsordnung
der Kirche, die eher Gleichberechtigung der reformierten (am Modell der Bürgergemeinde) entstandenen Kirchenordnung denn episkopale Struktur befürwortete. Kurzformel war die reformierte Lehre von der „Königsherrschaft Gottes“.
7. Diese Kurzformel nimmt zwar in Teilen das monarchische Konzept auf, das mit dem Christkönigfest, der Begeisterung für die Einzigartigen, für den charismatischen Führer schon Thema
war. Andrerseits stellt sie die politische Ordnung weniger unter einen eschatologischen Vorbehalt (wie Peterson/Schmitt), sondern das Kriterium der Werte Gottes für jede Politik. Die Lehre
„Bruder“ war die geläufige Bezeichnung der Pastoren untereinander (wie „Kollege“ oder „Genosse“), zuweilen
distanzierter als „Amtsbruder“. Die zweite Barmer These verwirft eine Kirchenhierarchie.
265
Beste Ausgabe von Alfred Burgsmüller; Rudolf Weth: Die Barmer Theologische Erklärung. Einführung und
Dokumentation. Neukirchen-Vluyn ( 61998. Hier ist dokumentiert, mit welchen Aussagen der DC sich die jeweilige
These auseinandersetzt. Entstehungsgeschichte: Carsten Nicolaisen: Der Weg nach Barmen. Die Entstehungsgeschichte der Theologischen Erklärung von 1934. Neukirchen-Vluyn 1985. – Wilhelm Hüffmeier, Martin Stöhr
(Hrsg.): Barmer Theologische Erklärung 1934–1984. Geschichte – Wirkung – Defizite. (Unio und Confessio 10)
[Vorträge des Barmen-Symposiums in Arnoldshain, 9. bis 11. April 1983], Bielefeld 1984.
266
Zu ihm entspann sich 2008 eine Debatte über seine positiven Äußerungen zu einzelnen Maßnahmen des NSStaates.
267
Zu Wurm gibt es eine vorbildliche Dokumentation, hg. von Gerhard Schäfer: Landesbischof D. Wurm und der
nationalsozialistische Staat. 1940 - 1945. Eine Dokumentation. Stuttgart 1968.
268
Richtlinien der DC vom 25. Mai 1934, Regel 8.
264
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sei zu „verwerfen, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die
einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der
Kirche erfüllen“. Und umgekehrt: Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne sich die
Kirche über ihren besonderen Auftrag hinaus staatliche Art, staatliche Aufgaben und staatliche
Würde aneignen und damit selbst zu einem Organ des Staates werden.“ (These 5)
8. Der Verweis, dass von Gott die Ziele gesetzt seien, steht gegen die falsche Lehre, wie sie die
DC ausgesprochen hatten: „Als Kirche Jesu Christi hat die DEK vornehmlich die Aufgabe, dem
deutschen Menschen, der von Gott als Deutscher geschaffen ist, das Evangelium von Jesus
Christus zu verkündigen.“ (Richtlinien 21. 12. 1933 Nr. 6). Oder KR Leutheuser hat sich am Tag
der DC in Saalfeld am 30. 8. 1933 gar dazu verstiegen: „Christus ist zu uns gekommen durch
Adolf Hitler.“269
13.4 Entmythologisierung – Das Programm 1941 und die Diskussion nach dem
Kriege
1. Der Programmaufsatz zur „Entmythologisierung“ von Rudolf Bultmann erschien gleichzeitig mit seinem umfangreichen Kommentar zum Johannes-Evangelium 1941.270 Der „Mythos“ als
Chiffre (1) für den NS (Rosenbergs Buch271) und (2) der Mythos als Chiffre für das veraltete, nur
noch historische Christentum, mehr noch, das Jüdische im Christentum.
2. Darin stellt Bultmann fest, dass man die Bibel (und es geht ihm um das NT) nicht als ein
Buch von heute lesen könne; dazwischen steht ein historischer Graben: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen moderne medizinische und klinische
Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben. Und wer meint, es für seine Person tun zu können, muß sich klar machen, daß er,
wenn er das für die Haltung des christlichen Glaubens erklärt, damit die christliche Verkündigung in der Gegenwart unverständlich und unmöglich macht.“272
3. An die Stelle des historischen Ereignisses (das historisch gesehen zum Tod Jesu am Kreuz
führte) tritt das, was Bultmann das „Christusgeschehen“ nennt. Die sog. „Auferstehung“ Jesu –
dass ein toter Mensch wieder lebendig wird – ist ein mythisches Ereignis, das nur in der antiken
Weltsicht begründet ist. „Auferstehung“ muss aus der antiken Mythologie übersetzt werden in
die moderne Weltsicht: Bultmann nennt das die „Existenziale Interpretation“. Das heißt,
Bultmann flüchtet nicht in die Aussage, dass der Glaube hier an die Stelle von historischen
Tatsachen treten müsse, weil es dieses Wunder nur ein einziges Mal gegeben habe, indem Gott in
diesem Fall die Naturgesetze außer Kraft setzte. Denn nach antikem Mythos-Verständnis tut er
das dauernd. Andere Wunder kann/muss man nicht glauben, dieses aber sei die Glaubenstatsache
schlechthin.273
4. Die existenziale Interpretation dagegen sieht in der mythischen Erzählung von der „Auferstehung“, von der Jungfrauengeburt usw. die existenziale, d. h. mich heute genauso fundamental
angehende Ansprache Gottes an mich wie einen Menschen in der Antike: Aller Mythos, alle
Predigt ist nur „Ausdruck für die Tatsache, dass Jesus Christus der ist und bleibt, in dem Gott
entscheidend an der Welt gehandelt hat“. „Christus, der Gekreuzigte und Auferstandene,
269
Zit. Burgsmüller/ Werth, 41
Neues Testament und Mythologie. Das Problem der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung.
München 1941. Vollständige Ausgabe, hrsg. von Eberhard Jüngel. München 1985. ND in: H.-W. Bartsch (Hg.):
Kerygma und Mythos, Band 1. 1948. Stark gekürzt, mit einer Einführung und den Gegenthesen von Julius
Schniewind in: Bertold Klappert (Hrsg.): Diskussion um Kreuz und Auferstehung. Wuppertal 1967, 57-72.
271
Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe
unserer Zeit. München: Hoheneichen 1930.
272
R. B.: Neues Testament und Mythologie, 1941, 18.
273
Bultmann lässt sich nicht auf die erzählende Struktur des antiken Mythos ein, sondern setzt ihn mit magischem
Denken gleich. Dagegen zeigt Jonathan Z. Smith: Good News is no News. Gospels and aretalogy. In: JZS: Map is
not Territory. Leiden 1978 = Chicago 1993, 190-207, dass Wundererzählungen der Antike schon immer den Zweifel
mit erzählen. Wunder sind auch in der Antike nicht selbstverständlicher Ausfluss eines antiken Weltbildes.
270
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
69
begegnet uns im Worte der Verkündigung, nirgends anders. Eben der Glaube an dieses Wort ist
in Wahrheit der Osterglaube.“274
5. Auferstanden ist also nicht dieser historische jüdische Mensch Jesus. Auferstanden ist der
(nicht-jüdische) Christus. Und zwar in eine andere Wirklichkeit, nämlich als Geglaubter „auferstanden in das Kerygma“ (Predigt). „Der verstehende Glaube an das Wort der Verkündigung ist
der echte Osterglaube; er ist der Glaube, dass das verkündigende Wort legitimiertes Gotteswort
ist. Das Osterereignis als die Auferstehung Christ ist kein historisches Ereignis; als historisches
Ereignis ist nur der Osterglaube der ersten Jünger fassbar.“
6. Exegetisch legte Bultmann seine Erkenntnisse nieder in einem Kommentar zum JohannesEvangelium.275 Dabei kam ihm die Besonderheiten dieses Evangeliums entgegen. Zum einen der
scharfe Ton gegen „die Juden“.276 Zu dem Wort in Joh 4, 22 bei „Das Heil kommt von den Juden
her“ erklärt er „V 22 ist ganz oder teilweise eine Glosse277 der Redaktion. Das ὅτι ἡ σωτηρία
ἐκ τῶν Ἰουδαίων ἐστίν ist bei Joh. unmöglich ...; schon 1, 11 zeigte, daß der Evglist die Juden
nicht als das Eigentums- oder als Heilsvolk ansieht. Und es ist trotz 4, 9 schwer verständlich, daß
der joh. Jesus, der sich von den Juden ständig distanziert (...) jenen Satz gesprochen haben
soll.“278 Ähnlich athetierten279 die Grundmann-Leute diesen „späteren judenfreundlichen Zusatz“
oder verstehen ihn als geographische Angabe „aus (dem Land) der Juden“.280
7. Als Grundbegriff zieht er aus dem Joh. Ev. das Wort Krisis. Das Wort bedeutete im NT meist
„das Gericht“ im Sinne des Jüngsten oder Endgerichts.281 Bultmann schreibt dem Evangelisten
zu, dass er als Einziger die mythologische Umschreibung der leiblichen Auferstehung durchbrochen habe. Nur Joh 5, 20 „formuliert den Offenbarungsgedanken in der Sprache des Mythos“,
nämlich in die Zukunft projiziert.282 Sonst aber ist die Eschatologie im Joh immer präsentisch.
Die Krisis entscheidet sich in der Entscheidung für oder gegen Gott. Wer sich für Gott entscheidet, ist bereits durch das Gericht hindurch gegangen. Das war Bultmanns existenziale Interpretation. – Krisis war ein Leitwort der kulturellen Veränderungen um 1900, so etwa die „Krise des
Historismus“.283
8. Nach dem Krieg wurde die Provokation erst richtig wahrgenommen. Die meisten liberalen
Protestanten befürworteten die Weiterentwicklung des Christentums weg von den Geschichten
der Bibel und damit eine neue Reformation, während die BK in der Abgrenzung gegen den NS
sich auf die Bibel berief. Bultmann hatte sich mehrfach entschlossen gegen den NS ausgesprochen (wie das Marburger Gutachten gegen den Arier-Paragraphen 1933). Jetzt votierte er für
die Liberalen und verstörte seinen früheren Freund Karl Barth.
9. Die Empörung gegen die liberale Interpretation sammelte sich nach dem Krieg unter den
gleichen Parolen wie in den kirchlichen Parteien für oder gegen den NS: „Kein andres Evangelium“, der „Gemeindetag unter dem Wort“, wurden nun die Schlagworte der Evangelikalen. Sie
274
[bei Klappert 1967], 71. Dort auch das folgende Zitat.
R. B.: Das Evangelium des Johannes. KEK 2. Göttingen 1941. (Alle späteren Auflagen sind praktisch
unverändert nachgedruckt. Änderungen gab RB in einem 1957 beigefügten Ergänzungsheft.)
276
Die neuere Forschung versucht, die antijüdischen Worte als innerjüdische Kritik zu bewerten. Zuletzt der große
Kommentar von Klaus Wengst: Das Johannesevangelium. (Theologischer Kommentar zum Neuen Testament 4)
Stuttgart 2000-2001.
277
Griechisch Glosse (mit langem O!) bedeutet eine Erklärung, die wohl ursprünglich am Rande geschrieben war
und dann (weil ein Abschreiber oder Redakteur es als irrtümlich vergessenen Text verstand) in den Text eingefügt
wurde.
278
Bultmann, Kommentar, 139 A. 6.
279
athetieren „wegsetzen“ ist terminus technicus für das Löschen eines Wortes aus einem in einer Handschrift
überlieferten Text durch den modernen Herausgeber.
280
Bultmann ergänzt im Ergänzungsheft (1957), zur Stelle: s. auch W. Grundmann, Jesus der Galiläer und das
Judentum 1940, 229 ff.
281
EWNT #####
282
Paul Hoffmann erklärt die Differenz von Kapitel 5 zum übrigen Joh als verschiedene Gemeinden, die das tradiert
hätten.
283
Auffarth, Irdische Wege 2002, #####
275
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70
erreichten (bes. nach der 68er-Politisierung) auf Dauer in einigen Landeskirchen und zum Teil in
der EKD Doppelstrukturen. Etwa neben dem offiziellen Evangelischen Pressedienst (epd) ein
evangelikales Gegenstück (idea), neben dem „Stift“ ein evangelikales Studienhaus für Studierende, neben den Missionen, die eher auf Entwicklungshilfe setzen, verkündende Missionen; mit
der Akkreditierung hat nun auch eine eigene evangelikale Universität den gleichen Status wie die
staatlichen theologischen Fakultäten.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, 2007, Do 15-17 Uhr
Raum GW2 B 2880
14 POLITISCHE RELIGION
14.1 Ambivalenzen
1. Ist der Nationalsozialismus eine Religion? Zu dieser Frage gibt es ebenso negative Urteile
wie bejahende. Bislang haben aber noch kaum Religionswissenschaftler die Frage gestellt, die
eine beschreibende Definition von Religion als Kriterium anwenden können. Am weitesten ist
die Fragestellung für die „Völkische Religion“ gekommen.284
2. Ein gewichtiger Grund liegt darin, dass unterschiedliche Akteure des NS
 eine scharf atheistische Linie verfolgten, die zwar Feiern, kultische Gestaltung einplanten,
aber in einem völkischen Glauben eine anti-christliche Stoßrichtung verfolgten. Damit
stellte sich diese „Weltanschauung“, eine nicht-theistische Religion in Konkurrenz zum
Christentum, teilweise um es zu verdrängen, der Konkurrenz.
 Denn andere suchten über die vorhandenen Kirchen und ihre Institutionen eine schon
vorhandene religiöse Struktur als Unterstützerin zu gewinnen. Wo diese sich aber
verweigerten, erfolgte auch unter Zwang die Aufnahme in die Völkische Bewegung:
Besonders die Jugendgruppen der Kirchen wurden zwangsweise integriert in die
Jugendverbände der Partei.
 Dazu kommt, dass auch Paganismus und Atheismus eine Religion darstellen kann, in der
der „Glaube“ an die Naturwissenschaft oder die Nicht-Existenz Gottes ebenso
unanfechtbar sein muss wie in einer theistischen Religion „Gott“.285
3. Das heißt, die gerne benutzte Frontstellung – hier Religion und dort Anti-Religion, dort
totaler Staat, hier Widerstand dagegen wird der modernen Religionsgeschichte nicht gerecht und
dient nur der Verteidigung der institutionalisierten Religionen (Kirchen) und der Verweigerung
der Verantwortung an den Taten der Deutschen.
14.2 Religion als normativer Begriff
1. Der Blick auf die Frage, ob der NS als eine Religion angesehen werden kann, wird vielfach
aus der normativen Perspektive vorgenommen.
2. Schon während des Dritten Reiches und wiederholt nach der Niederlage kam die große
Erzählung auf, der NS sei die katastrophale Konsequenz von Aufklärung, Religionskritik und
Atheismus. Das Neuheidentum (wie die Deutschgläubigen genannt wurden) sei die Spitze der
Säkularisierung und des Atheismus.286 Dahinter steht (1) eine theistische Norm von christlicher
Religion287 und (2) die implizite Vorannahme, dass jede Gesellschaft nur eine Religion haben
könne. Wenn eine neue Religion auftritt, dann verdrängt sie die traditionelle.
284
Zwei Tagungen gemeinsam mit israelischen Wissenschaftlern. Hubert Cancik; Uwe Puschner (Hrsg.): Antisemitismus, Paganismus, Völkische Religion. München: Saur, 2004. Dissertationen der Tübinger Schule der RW:
Horst Junginger; Ulrich Nanko; Shaul Baumann.
285
Annette Wittkau-Horgby: Materialismus. Entstehung und Wirkung in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts.
Göttingen 1998.
286
Walter Künneth: Der große Abfall. Eine geschichtstheologische Untersuchung der Begegnung zwischen
Nationalsozialismus und Christentum. Hamburg: Wittig 1947; ²1948. in einer wissenschaftlichen Darstellung wieder
zu finden bei Karla Poewe: New religions and the Nazis. New York, NY: Routledge 2006.
287
Wie etwa der Streit um Bultmanns „Entmythologisierung“ zeigt (s. [Vorl. 13.5]) und die um Emauel Hirsch
behauptete „Umformungskrise“ der evangelischen Theologie seit der Aufklärung (oben bei Anm. 260).
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72
3. Wenn man aber der völkischen Religion einen gewissen Anteil an religiösen Formen und
Geltungsansprüchen zumisst, dann kommt man zu dem Ergebnis, der NS sei Pseudo-Religion,
Ersatz-Religion, Religionsersatz.288 Das unterstellt, dass Menschen ein religiöses Bedürfnis
haben und dieses sei getäuscht und missbraucht worden, indem sich die Partei, der Staat diese
Ansprüche angemaßt und so Religion missbraucht habe. Diese normativen Unterstellungen sind
keine religionswissenschaftlich brauchbaren Begriffe. Auch Hockerts stimmt dem Begriff Hubert
Canciks zu,289 von einer Völkischen Religion zu sprechen, nicht von „brauner Ersatzreligion“,
denn „es wurde keine Religion ersetzt, sondern politisierte Religion gebraucht“.290
4. „Weltanschauung“ ist ein Begriff, der teilweise als Gegen-, teilweise als Überbegriff für
Sinnstiftungs- und religiöse Orientierungssysteme verwendet wird. In der Weimarer Verfassung
wurde er betont neben Religion gesetzt und bezeichnet dann nicht-theistische Sinnsysteme, wie
die Arbeiterbewegung (Marxismus), Monisten, Atheismus-Verbände, Anthroposophen, die
unterschiedlichen Formen der Lebensreform u. ä. Andererseits haben sich aber beispielsweise
katholische Theologen bewusst den Namen „christliche Weltanschauung“ gegeben, um in direkte
Auseinandersetzung zu gehen mit den anderen Weltanschauungen, darunter besonders Romano
Guardini.291
5. In den 50er Jahren und besonders in der 68er-Revolution diskutierte man das Konzept der
Ideologie und deren Durchsetzung als Manipulation. Dann ist die alte These vom Priestertrug,
d. h. in dem klaren Bewusstsein, dass sie eine Lüge verbreiten, behalten die Wissenden (Priester)
das Geheimnis unter sich.292 (Der Vatikan hält den DaVinci-Code unter Verschluss; er verhindert
die Herausgabe der Qumran-Rollen). Die religiöse Verkleidung (oder die Religion per se) ist
eine Ideologie, die nur dazu benutzt wird, um die Realität bewusst zu unterschlagen. Dafür gibt
es die Technik der Manipulation.293
6. Zu den wichtigsten Versuchen, das Problem mit einem brauchbaren Namen zu benennen, der
die religiösen Anteile ebenso wir ihre Funktion im politischen Bereich umfasst, gehört die
Politische Religion. Der Begriff wird in der Regel mit einem Büchlein dieses Namens, das der
konservative Wiener Politikwissenschaftler Eric Voegelin 1938 veröffentlichte, d. h. unmittelbar
als der NS-Staat Österreich anschloss.294 Auf der anderen Seite nennt man in der Regel den
französischen Politikwissenschaftler Raymond Aron. Voegelin hatte rechtzeitig in den USA eine
Professur angenommen; das Buch schrieb er als Abrechnung mit dem NS.
7. Voegelins Büchlein ist ein Schnelldurchgang durch die Weltgeschichte, der sich mit dem
Problem des Verhältnisses von politschem Herrschaftsanspruch und Religion auseinandersetzt.
Höhepunkt seiner Argumentation ist auf der einen Seite die perfekte Passung von Religion und
288
So besonders der Historiker Hans Mommsen: Der Nationalsozialismus als säkulare Religion. In: Gerhard Besier
(Hrsg.): Zwischen „nationaler Revolution“ und militärischer Aggression: Transformationen in Kirche und
Gesellschaft während der konsolidierten NS-Gewaltherrschaft (1934–1939). Schriften des Historischen Kollegs;
Kolloquien 48) München: Oldenbourg 2001, 43-63.
289
Hubert Cancik: „Neuheiden“ und totaler Staat. Völkische Religion am Ende der Weimarer Republik. In: H. C.
(Hrsg.): Religions- und Geistesgeschichte der Weimarer Republik. Düsseldorf 1981, 176-212.
290
Hockerts (wie Anm. 296), 53.
291
Guardini lehrte als einzelner katholischer Theologe (d. h. ohne den Zusammenhalt einer Fakultät) an der Berliner
Universität Religionsphilosophie und Christliche Weltanschauung 1923 bis zur Zwangsemeritierung durch die NS
1939; nach dem Krieg seit 1948 in München ebenfalls in der Philosophischen Fakultät. Hans Maier ließ sich das
gleiche Lehrgebiet übertragen. Der Begriff findet sich zuerst bei Immanuel Kant in der Kritik der Urteilskraft 1790
(I, 2 § 26), dann bei Schleiermacher und Goethe. S. Konrad Stock u. a. TRE 35 (2003), S. 536-611.
292
Ovid ars amatoria ##: Expedit esse deos et, ut expedit, esse putemus! „Die Existenz von Göttern ist nützlich und
damit sie nütze, müssen wir glauben, dass es sie gebe.“ pia fraus „frommer Betrug“, weil Religion den
Zusammenhalt in der Gesellschaft herstelle. Wilfried Stroh: „Expedit esse deos“. In: E. u. W. Stroh (Hrsg.): Von
Kanzel und Katheder. Festschr. Hans Stroh. München 1978, 67-72; nachgedruckt in W.S.: Apocrypha, Stuttgart
2000,181-183.
293
Klaus Vondung: Magie und Manipulation. Ideologischer Kult und politische Religion des Nationalsozialismus.
Göttingen: Vandenhoeck, Ruprecht 1971.
294
Erich Vögelin, Wien 1938. Im selben Jahr eine Ausgabe im Exilverlag von Berman Fischer, Stockholm. Dort
nennt er sich schon, seinem Exil in den USA angepasst, Eric Voegelin, Stockholm 1938.
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73
Herrschaft im Mittelalter, während auf der anderen Seite in der Moderne die normale Stellung
herrschaftslose Religion und religionslose Herrschaft darstellt.295
8. Diese Gegenüberstellung – ähnlich, aber nur fürs Mittelalter, hat das Alois Dempf in seinem
Buch Sacrum Imperium dargestellt – wird bei Voegelin erweitert um das Beispiel Ägyptens mit
dem Monotheismus Echnatons und eben den modernen Beispielen von Politischer Religion.
9. Kritik an dem Begriff der Politischen Religion äußert Hans Günter Hockerts.296 Er hält das
Substantiv Religion für zu stark, denn das Verhältnis sei doch eher umgekehrt.
10. An Voegelin schließt an (und wurde in einem größeren Forschungsprojekt untersucht) Hans
Maier,297 der Säkularisierung und fortschreitenden Atheismus kulminieren sieht in NS-Diktatur
und Stalinismus. Beide seien Politische Religionen.298
11.
In diesem Zusammenhang wird folgende Typologie vorgeschlagen:299
Politische Religion
Theokratie
Caesaropapismus
Feindliche –
laizistische – Trennung
von Staat und Kirche
Politisierte Religion
Freundliche Trennung
von Staat und Kirche
12. Schließlich muss noch eine Variante genannt werden: die Religion des NS sei die chiliastische Version der christlichen Apokalyptik. Da das „Tausendjährige Reich“ ein innerweltliches
Reich darstellt, wäre das in unmittelbarer Tradition des Christentums einzuordnen. Freilich übersieht das die völkisch-nationale Vorgeschichte der Religion der Zukunft und die lange Geschichte der Ablehnung des Chiliasmus in der christlichen Orthodoxie [Vorl. 3.3].300
14.3 Politische Theologie und Katholizismus
1. Maier behauptet einen fundamentalen Abstand zu jeder Tradition aus den Religionen,
insbesondere ist seine Argumentation eine fundamentale Verweigerung, die Nähe des Katholizismus zum NS zu akzeptieren. Besonders die Arbeiten von Richard Faber zur AbendlandIdeologie, zum Maria Laacher Reformorden, zu Odo Casel usf. sind Maier gänzlich inakzeptabel.
295
Michael Ley; Heinrich Neisser; Gilbert Weiss (Hrsg.): Politische Religion? Politik, Religion und Anthropologie
im Werk von Eric Voegelin. München 2003.
296
Hans Günter Hockerts: War der Nationalsozialismus eine politische Religion? Über Chancen und Grenzen eines
Erklärungsmodells. In: Klaus Hildebrand (Hrsg.): Zwischen Politik und Religion. Studien zur Entstehung, Existenz
und Wirkung des Totalitarismus. (Schriften des Historischen Kollegs; Kolloquien 59) München 2003, 45-71.
297
Katholischer Politikwissenschaftler, Bayerischer Kultusminister, danach Prof. für Religionsphilosophie und
katholische Weltanschauung an der LMU München.
298
Hans Maier: Konzepte des Diktaturvergleichs: „Totalitarismus“ und „politische Religion“, in: H. M. (Hrsg.):
„Totalitarismus“ und „Politische Religionen“. [Band 1] 1996, 233-250. Englische Ausgabe, Band 1, London 2004.
Band II: . 1997. Band 3: Deutungsgeschichte und Theorie. (Politik- und Kommunikationswissenschaftliche
Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft 21). Paderborn 2003. Hans Maier (Hrsg.): Wege in die Gewalt. Die
modernen politischen Religionen. Frankfurt am Main : Fischer-TB 2000. Hans Maier: Das Doppelgesicht des
Religiösen. Religion, Gewalt, Politik. (Herder Spektrum 5468) Freiburg 2004. Hans Maier: Politische Religionen.
(Gesammelte Schriften 2) München 2007 (448 S.)
299
Schema von Juan Linz in: Hans Maier: Totalitarismus 1, 1996, 53.
300
So besonders Michael Ley und Hans Joachim Schoeps:
SoSe 2007
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
74
2. Diese Schwarz-Weiß-Optik wurde in der Diskussionsgruppe um Jacob Taubes an drei
zentralen Begriffen der Religionsgeschichte diskutiert, die gerade für die Moderne von
Bedeutung sind: Politische Theologie, Gnosis und Theokratie.301
3. Aus der Kontroverse entstand die Debatte um die „Legitimität der Neuzeit“, die kurz nach
dem Krieg geführt wurde und die die Behauptung von Carl Schmitt aufgreift, alle modernen
politischen Begriffe seien säkularisierte theologische Begriffe [oben Vorl. 8.2].302
4. Sehr wichtig die Einordnung bei Hermann Lübbe: Modernisierungsgewinner, 2005.
5. Hier wird der von Carl Schmitt 1932 eingeführte Begriff der Politischen Theologie inhaltlich
diskutiert und nicht korporativ-institutionell abgegrenzt.303
6. Wichtig jetzt die Debatte, ausgelöst durch das Buch von Richard Steigmann-Gall:„The Holy
Reich. Nazi Conceptions of Christianity 1919-1945. Cambridge 2003 (2004; 2005).
http://jch.sagepub.com/content/vol42/issue1/; http://jch.sagepub.com/content/vol42/issue2/.
14.4 Europäische Religionsgeschichte
1. Um den Nationalsozialismus einordnen zu können in eine Religionsgeschichte, bedarf es
einer grundsätzlichen Neubewertung und eines breiten, beschreibenden Religionsbegriffs. Dies
ist jetzt eröffnet mit dem Konzept der „Europäischen Religionsgeschichte“, wie sie programmatisch Burkhard Gladigow 1995 entworfen hat.304
2. Entscheidend und spezifisch für Europa sei, so Gladigow, dass ab einer bestimmten Zeit
(etwa: seit der Entstehung der Stadtkultur im 12. Jh.) auf engem Raum mehrere Religionen oder
andere Sinnstiftungssysteme gleichzeitig auftreten und miteinander konkurrieren. Das sind die
„mitlaufenden Alternativen“.
3. Für die Moderne ist entscheidend, dass sich verschiedene Teilbereiche der Gesellschaft und
der Kultur „ausdifferenzieren“ (Niklas Luhmann) und je verschiedene oberste Werte und Sinnsysteme ausbilden können. Das Individuum muss diese Teilsysteme wieder zusammensetzen und
Prioritäten setzen, die aber in unterschiedlichen
4. Holistische Konzepte bieten in der „Unübersichtlichkeit der Moderne“ (Jürgen Habermas)
ein Angebot unter dem Anspruch, alles wieder unter ein gemeinsames Sinnsystem zusammenführen zu können. Solch ein holistisches Konzept bot der frühe Nationalsozialismus, der alle
Zersplitterung der Gesellschaft, das Auseinandertreten von nationalem Anspruch und
Wirklichkeit der Niederlage, ökonomischer Absturz und Suche nach einem Arbeitsplatz, von
religiöser Gemeinschaft und materialistischer Infragestellung von Religion auflöste in dem
Versprechen des Dritten Reiches. Holistischen Konzepten hing gerade Hitler mit seinem
Esoterischen Erwählungsbewusstsein an.305 In Verbindung mit der Administration der Gewalt,
die immer mehr an die Stelle der Faszination des Anfangs trat, wurde daraus der Totalitarismus:
eine Herrschaftsform, deren Akzeptanz auf einer langen Vorgeschichte in der Nationalidee und
einer noch längeren in der christlich(-jüdischen) Religionsgeschichte beruhte.
301
Jacob Taubes (Hrsg.) Religionstheologie und Politische Theologie. 3 Bde, München 1983-1987.
S.o. Anm. 145-147.
303
Wenig problembewusst zu dieser Debatte Armin Adam: Politische Theologie. Eine kleine Geschichte. (Theophil
12) Zürich 2006, eine eher allgemeine, theologiegeschichtliche Arbeit zum Verhältnis von Politik und Christentum.
302
304
Burkhard Gladigow: Europäische Religionsgeschichte. in: Hans G. KIPPENBERG; Brigitte LUCHESI (Hrsg.):
Lokale Religionsgeschichte. Marburg: Diagonal 1995, 21-42 [wieder in:] B. G.: Religionswissenschaft als Kulturwissenschaft. Hg. von Christoph Auffarth und Jörg Rüpke. (Religionswissenschaft heute 1) Stuttgart [u. a.] 2005,
289-301. B. G.: Europäische Religionsgeschichte seit der Renaissance, in: Europäische Religionsgeschichte der
Neuzeit. Profile und Perspektiven, Hg. von Monika Neugebauer-Wölk. zeitenblicke 5, 2006, Nr.1.
(http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Gladigow [20. 2. 2007]). B. G.: „Europäische Religionsgeschichte“, in:
Enzyklopädie der Neuzeit 3(2006), ##. Christoph Auffarth: ERG. MLR 1(1999),
305
Neugebauer-Wölk (wie Anm. 123)
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75
15 GENERATIONEN
Demokr.
Revolution
Deutsches
Reich
Erster
Weltkrieg
1848
1871
14/18
Wirtschaftswunder
Befreiungskriege
1812
Drittes Reich
Französische
Revolution
1789
68er
Revolution
Ende
des
Kalten
Kriegs
1933 /45
68er Generation
Gnade der späten
Geburt
Weiße Jg.
im Krieg verheizt
KriegsjugendGen
Frontkämpfer
Wilhelminische
G
Gründerzeit
48er Demokraten
Befreiungskriege
1780
1800
1820
1840
1860
1880
1900
1920
1940
1960
1980
2000
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
77
Bibliographie
15.1 Bremen im NS
Heinonen 1978. Reji Heinonen: Anpassung und Identität. Theologie und Kirchenpolitik der
Deutschen Christen 1933-1945. (AKiZ. B 5) Göttingen 1978.
Meyer-Zollitsch 1985. Almuth Meyer-Zollitsch: Nationalsozialismus und evangelische
Kirche in Bremen. (Veröffentlichungen aus dem Staatsarchiv der Freien Hansestadt
Bremen 51) Bremen: Selbstverl. des Staatsarchivs 1985 [Diss Freiburg 1984]. 388 S.
Ihssen 1983. Uwe Ihssen: Anpassung und Widerstand. Evangelische Kirche im 3. Reich –
Was haben wir gelernt? ; Beiträge anlässlich der Ausstellung „Evangelische Kirche
zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ im April 1983 in Bremen. Bremen 1983.
Stoevesandt 1961. Karl Stoevesandt: Bekennende Gemeinden und deutschgläubige Bischofsdiktatur. Geschichte des Kirchenkampfes in Bremen 1933 – 1945. (Arbeiten zur
Geschichte des Kirchenkampfes ; 10) Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1961.
15.2 Eric (Erich) Voegelin
Werke
Rasse und Staat. Tübingen: Mohr 1936.
Der autoritäre Staat. Ein Versuch über das österreichische Staatsproblem. Wien 1936; [ND]
1997.
Die politischen Religionen. Stockholm: Berman Fischer 1938; 1939. [Neu] Hrsg. und mit
einem Nachw. vers. von Peter J. Opitz. München: Fink 1993; ²1996.
Order and History. 1: Israel and Revelation. 2: The world of the Polis. 3: Plato and Aristotle.
4: The ecumenic age. 5: In search of order. Baton: Louisiana State UP 1956-1987; dt.
Ordnung und Geschichte. 10 Bände, München 2005.
Hitler und die Deutschen. Hg. von Manfred Henningsen. München: Fink 2006. [Vorlesung in
München SoSe 1964. E.V. ]
Über Voegelin
Henkel 1998. Michael Henkel: Eric Voegelin – zur Einführung. Hamburg: Junius 1998.
Ley 2003. Politische Religion? Politik, Religion und Anthropologie im Werk von Eric
Voegelin. München : Fink, 2003.
Peter J. Opitz: Eric Voegelins Politische Religionen : Kontexte und Kontinuitäten. München:
Eric-Voegelin-Archiv 2006.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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Noch einzarbeiten
NS-„Liturgie“ Werner Reichelt: Das braune Evangelium. Hitler und die NS-Liturgie.
Wuppertal: Hammer 1990. Nicht klar genug unterschieden, viele Zitate aus sekundärer
Quelle.
Vorlesung 5.4: Bodelschwingh. Der von Hitler als Organisator der Euthanasie eingesetzte
Medizinprofessor Brandt sagte am 19. 7. 1947 beim Nürnberger Prozess: „Pastor v.
Bodelschwingh ist der einzige ernsthafte Warner gewesen, der mir persönlich bekannt
wurde.“ Die Anstaltsleitung reicht ohne Erfolg ein Gnadengesuch für Brandt ein. Er wird zum
Tode verurteilt und hingerichtet.
Vorlesung 7: Zur religiösen Deutung des Reichsparteitagsgeländes, die Kunsthistorikerin
Esther Gajek. (vgl. Faber, Weihnacht).
Vorlesung 10
Saul Friedländer:
Briefwechsel mit Martin Broszat (1988) zu dem methodischen Problem, ob ein Jude mit der
Erinnerung eines Saul Friedländer (geb. 1932. Flucht nach Vichy-Frankreich, dort überlebte
er in einem katholischen Internat, Eltern werden verraten, verhaftet und in Auschwitz getötet)
objektive Geschichte schreiben könnte. Das Dritte Reich und die Juden. Band 1: Die Jahre
der Verfolgung von 1933-1939. München: Beck 1988. Band 2: Die Jahre der Vernichtung
1939-1945. München 2006. Friedenspreis der Deutschen Buchhandels 2007. DIE ZEIT 21.
Juni 2007, 8.
Zum Büro Grüber: Kaum Unterstützung durch die Kirchen, sondern von der Inneren Mission
finanziert. Das RKM verlangt die offizielle Einsetzung durch die Kirchenleitungen, was aber
nicht passiert.306 Die Arbeit wird daraufhin von der Partei behindert.
Das kathol. Gegenstück Raphael Verein.
Belege aus Hannover: Gerhard Lindemann: „Typisch jüdisch“. Die Stellung der Ev.-luth. Landeskirche
Hannovers zu Antijudaismus, Judenfeindschaft und Antisemitismus 1919 - 1949. (Schriftenreihe der Gesellschaft
für Deutschlandforschung 63) Berlin 1998, 555-558
306
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Das Dritte Reich – Eine Religionsgeschichte 1918-1968
Vorlesung mit Christoph Auffarth
SoSe 2007, Do 10-12
Raum
THEMEN FÜR REFERATE:
1. Musik-Religion
s.o. zur Ästhetisierung der Religion/Sakralisierung der Ästhetik, Vorlesung #:





Die Ordination von Frauen in das Amt der Pfarrerin ist ein lange umkämpfter
Prozess. Während es Krieges, als viele Pfarrer zum Kriegsdienst eingezogen wurden,
versahen Frauen die Aufgaben eines Gemeindepfarrers. Aber erst 1968 ordinierte als
erst Landeskirche die Württembergische Frauen ins ordentliche Pfarramt (und nicht
nur zur Vikarin bzw. Hilfspredigerin mit Verlust der Rechte bei Heirat).
Die Programmschrift von Rudolf Bultmann zur Entmythologisierung erschien 1941.
Stellen Sie diese Schrift in den Kontext des Streits um den Mythos (Der Mythus des
20. Jahrhunderts)! Nach dem Krieg erhielt die Schrift einen ganz anderen Charakter.
Beschreiben und bewerten Sie den Streit um den Landesbischof der Bayerischen
Landeskirche 1933-1955, Hans Meiser. Die Dokumente sind zusammengestellt unten
auf der Seite http://lexikon.power-oldie.com/Hans_Meiser_(Bischof). Oder zum
Hannoverschen Bischof August Maharens s. Hauke Maharens: A.M im Wandel der
kirchlichen Zeitgeschichtsforschung. In: Jahrbuch der Gesellschaft für
Niedersächsische Kirchengeschichte 106(2008), 155-178.
Auschwitz, im heutigen Polen gelegen, wurde als Erinnerungsort zum Jüdischen
Memorialort schlechthin. Die anti-deutsche Ausrichtung wurde im kommunistischen
Polen ganz positiv geachtet. Bei der Ablösung aus der kommunistischen Herrschaft
beanspruchten polnische Christen, dass auch Priester dort getötet wurden. Die
Aufstellung des riesigen Papstkreuzes und dann von rund 250 kleinen Kreuzen führte
zu einem Streit, inwieweit die Mörder nicht auch Christen waren und ob der Tod
vergleichbar sei mit dem Genozid an den Juden. Vgl. Geneviève Zubrzycki: The
Broken Monolith: The Catholic Church and the „War of Crosses“ at Auschwitz 199899. in: Michael Geyer; Hartmut Lehmann: Religion und Nation; Nation und Religion.
Beiträge zur einer unbewältigten Geschichte, Göttingen: Wallstein 2004, 176-204
Die Rede von Papst Benedikt in Auschwitz :
www.vatican.va/.../speeches/2006/may/documents/hf_benxvi_spe_20060528_auschwitz-birkenau_ge.html - 17k . – Dazu im Vergleich die Rede
des polnischen Papstes Johannes Paul II.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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16 TEXTE UND BILDER
Zur Vorlesung 3
16.1 Der Traum des Nebukadnezar: Daniel 2, 30-47
30
Dieses Geheimnis wurde mir enthüllt, nicht durch eine Weisheit, die ich vor allen anderen
Lebenden voraus hätte, sondern nur, damit du, König, die Deutung erfährst und die Gedanken
deines Herzens verstehst. 31Du, König, hattest eine Vision: Du sahst ein gewaltiges Standbild.
Es war groß und von außergewöhnlichem Glanz; es stand vor dir und war furchtbar anzusehen. 32 An diesem Standbild war das Haupt aus reinem Gold; Brust und Arme waren aus
Silber, der Körper und die Hüften aus Bronze. 33Die Beine waren aus Eisen, die Füße aber
zum Teil aus Eisen, zum Teil aus Ton. 34Du sahst, wie ohne Zutun von Menschenhand sich
ein Stein von einem Berg löste, gegen die eisernen und tönernen Füße des Standbildes schlug
und sie zermalmte. 35Da wurden Eisen und Ton, Bronze, Silber und Gold mit einemmal zu
Staub. Sie wurden wie Spreu auf dem Dreschplatz im Sommer. Der Wind trug sie fort, und
keine Spur war mehr von ihnen zu finden. Der Stein aber, der das Standbild getroffen hatte,
wurde zu einem großen Berg und erfüllte die ganze Erde.
36
Das war der Traum. Nun wollen wir dem König sagen, was er bedeutet. 37 Du, König, bist
der König der Könige; dir hat der Gott des Himmels Herrschaft und Macht, Stärke und Ruhm
verliehen.38 Und in der ganzen bewohnten Welt hat er die Menschen, die Tiere auf dem Feld
und die Vögel am Himmel in deine Hand gegeben; dich hat er zum Herrscher über sie alle gemacht: Du bist das goldene Haupt. 39Nach dir kommt ein anderes Reich, geringer als deines;
dann ein drittes Reich, von Bronze, das die ganze Erde beherrschen wird.40 Ein viertes endlich
wird hart wie Eisen sein; Eisen zerschlägt und zermalmt ja alles; und
wie Eisen alles zerschmettert, so wird dieses Reich alle anderen zerschlagen und
zerschmettern. 41 Die Füße und Zehen waren, wie du gesehen hast, teils aus Töpferton, teils
aus Eisen; das bedeutet: Das Reich wird geteilt sein; es wird aber etwas von der Härte des
Eisens haben, darum hast du das Eisen mit Ton vermischt gesehen. 42 Dass aber die Zehen
teils aus Eisen, teils aus Ton waren, bedeutet: Zum Teil wird das Reich hart sein, zum Teil
brüchig. 43 Wenn du das Eisen mit Ton vermischt gesehen hast, so heißt das: Sie werden sich
zwar durch Heiraten miteinander verbinden; doch das eine wird nicht am anderen haften, wie
sich Eisen nicht mit Ton verbindet. 44 Zur Zeit jener Könige wird aber der Gott des Himmels
ein Reich errichten, das in Ewigkeit nicht untergeht; dieses 3im(33) Reich wird er keinem
anderen Volk überlassen. Es wird alle jene Reiche zermalmen und endgültig vernichten; es
selbst aber wird in alle Ewigkeit bestehen. 45Du hast ja gesehen, daß ohne Zutun von
Menschenhand ein Stein vom Berg losbrach und Eisen, Bronze und Ton, Silber und Gold
zermalmte. Der große Gott hat den König wissen lassen, was dereinst geschehen wird. Der
Traum ist sicher und die Deutung zuverlässig.
46
Da warf sich König Nebukadnezar auf sein Gesicht nieder, huldigte Daniel und befahl, man
sollte ihm Opfer und Weihrauch darbringen. 47 Und der König sagte zu Daniel: Es ist wahr:
Euer Gott ist der Gott der Götter und der Herr der Könige, und er kann Geheimnisse
offenbaren; nur deshalb konntest du dieses Geheimnis enthüllen.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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Die vier Reiche307
Haupt aus Gold:
Babylonier
Brust und Arme aus Silber:
Perser (Meder und Perser)
Körper aus Bronze:
Seleukiden (Nachfolger
Alexanders des Großen)
Beine aus Eisen stehen auf
tönernen Füßen:
Römisches Reich
307
[Text und Kommentar aus der Einheitsübersetzung der Bibel]
Die erste der Allegorien des Daniel, die die Aufeinanderfolge der großen geschichtlichen Reiche
(Neubabylonier, Meder und Perser, Griechen als Erben des asiatischen Reiches Alexanders) – hier entsprechend
den alten Spekulationen über die Weltalter dargestellt durch Metalle von abnehmendem Wert – und schließlich
die Ankunft des messianischen Reiches beschreiben. Alle irdischen Reiche brechen zusammen, um einem neuen
Reich Platz zu machen, einem ewigen, weil es auf Gott gegründet ist: das Himmelreich, vgl. Mt 4 l7+. Jesus, der
sich selbst als Menschensohn bezeichnet, vgl. Dan 7i3+ und Mt 820+, wendet auf sich auch das Bild vom zuerst
verworfenen Eckstein aus PS 11822 an, vgl. Mt 2142-44; Lk 20 17-18. Ferner das Bild vom Grundstein aus Jes 2816
mit einer deutlichen Anspielung auf den Stein, der sich vom Berg löst und denjenigen zerschmettert, auf den er
fällt, hier v. 34.44-45.
234 ohne Zutun von Menschenhand Wörtlich: „nicht durch Hände", vgl. Jes 318.
237 Die Macht Nebukadnezars kommt von Gott und nicht von der Göttlichkeit, die er für sich selbst in
Anspruch nimmt, vgl. 3; Jdt 3s; 62;
117.
24l und Zehen Einschub im aramäischen Text; von BJ mit G weggelassen, vgl. v. 33. Ebenso korrigiert BJ in v.
42
: „die Zehen“ (im Aramäischen wörtlich: „die Zehen der Füße") in: „die Füße“.
243 durch Heiraten miteinander verbinden Wahrscheinlich Anspielung auf die Heiraten zwischen Seleukiden
und Ptolemäern, durch die aber die Einheit unter den Nachfolgern Alexanders nicht wirklich gesichert werden
konnte. Im Gegensatz dazu steht die Gottesherrschaft nicht „auf tönernen Füßen“.
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16.2 Barbarossa
Karikatur von Thomas Theodor Heine
(1867-1948) im Simplicissimus Heft 31 Jahrgang 3, 1898
zur Palästinareise Wilhelms II.
Palästina:
Gottfried von Bouillon: 'Lach' nicht so dreckig, Barbarossa!
Unsere Kreuzzüge hatten doch eigentlich auch keinen Zweck.'
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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Zur Vorlesung 4
Jochen Klepper (1936 ?)
DER KÖNIG
I
Deine Augen werden den König sehen in seiner Schöne; du wirst das Land erweitert
sehen, daß sich dein Herz sehr verwundern wird und sagen: Wo sind nun die Schreiber? Wo sind die Vögte? Wo sind die, so die Türme zählten? Jesaja 33, 17. 18
Herr, laß uns wieder einen König sehen,
bevor die Welt die Könige vergißt.
Denn sonst vermögen wir nicht zu verstehen,
nach welchem Maß man deine Ordnung mißt.
Die Völker haben wider dich gemeutert.
Die Fürsten flohen deines Auftrags Last.
Nun aber hat sie langes Leid geläutert,
und dein Gesetz wird wiederum erfaßt.
Noch leben Königssöhne bei den Vätern
und wissen um Versäumnis und um Schuld
der Kronenträger. Wandle du zu Tätern
des Königswerks die Söhne in Geduld.
Der neue König wird sich nur erheben.
wenn er als Büßer dir zu Füßen lag.
Er pocht nicht mehr auf Recht nur auf Vergeben
und ohne Fahnen dämmert ihm sein Tag.
Noch gibt es Söhne, welche Kronen sahen
als Wirklichkeit und nicht als altes Bild.
Wann läßt du dir die Söhne wieder nahen?
Wann machst du sie zum Königtum gewillt?
Herr, wenn die neuen Könige wieder kommen,
wird nirgends ein Geschrei noch Drängen sein.
Nur Glocken werden läuten, und die Frommen
führen den König mit Gebeten ein.
II
Fromm und wahrhaftig sein behütet den König, und sein Thron besteht durch
Frömmigkeit. Sprüche 20, 28
Bald wird sich das Jahrtausend wieder neigen,
und Gottes neue Stunde bricht herein.
Wird dann der König seinen Thron besteigen
und deine Ordnung bei den Völkern sein?
Daß sie im guten Wahne noch vernichtet,
das ist die ärgste Wirrnis dieser Welt.
Nun muß der kommen, der dein Kreuz aufrichtet
und dieses Zeichen über alle stellt.
Denn wie sie jetzt auf das Jahrtausend warten,
erfüllt die Stillen in dem Land mit Angst,
weil sie zu lange auf den König harrten,
der nur das Reich sucht, das du, Herr, verlangst.
.
Die Völker stehen ganz erstarrt in Waffen,
und der gilt viel, der neuen Tod erdenkt.
Auch wenn sie Sicheln zu den Schwertern schaffen,
bleibt dennoch nur der Untergang verhängt.
Die Welt in Waffen ist gar sehr entkräftet,
und mancher sieht den Trug in ihrer Macht.
Vom König, der den Blick aufs Kreuz geheftet,
von keinem sonst, wird Hilfe uns gebracht.
III
Nur wer das Kreuz sieht, hat von fern verstanden
die Heiligkeit im irdischen Gericht.
Wenn Könige dein Golgatha nicht fanden,
so fanden sie auch ihre Throne nicht.
Viele suchen das Angesicht eines Fürsten; aber eines jeglichen Gericht kommt vom
Herrn. Sprüche 29, 26
Kein König wird ein Reich des Glücks erzwingen,
und Friede wird uns nimmermehr beschert.
Niemand wird das Verlorne wiederbringen,
und dein gelobtes Land bleibt uns verwehrt.
Der König sendet wieder nach Propheten;
denn aller Menschenrat hat jäh versagt.
Was noch geschieht, ersteht nur aus Gebeten.
Dein Wort wird Maß. Dein Wille wird erfragt.
Der König wird das Reich der Ruße suchen,
ein Richter unter göttlichem Gericht.
Die Starken, Stolzen werden ihn verfluchen.
Er fürchtet nur dein leuchtendes Gesicht.
Die Völker waren frevelhaft vermessen,
bevor der König als ein Büßer kam.
Herr, wirst du es uns noch einmal vergessen,
was deinen Zorn erregte, unsre Scham?
Die Krone wird ihm bittren Schmerz bereiten.
Die Dornenkrone raubt ihr allen Schein,
und der Gekrönte neigt sich dem Geweihten.
Die Throne werden wieder Gleichnis sein.
Wo Kreuze sind, hast du dich, Gott, gebunden.
Den Fahnen und den Kränzen bist du fern.
Wo Buße ist, dort bist du schon gefunden,
und über solchem Lande steht dein Stern.
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
IV
Es ist Gottes Ehre, eine Sache verbergen; aber der Könige Ehre ist's, eine Sache
erforschen. Der Himmel ist hoch und die Erde tief; aber der Könige Herz ist
unerforschlich. Sprüche 25, 2.3
Noch niemals nanntest du uns Menschen Zeiten,
und deine Stunde blieb stets unbekannt.
Du selbst mußt uns erst völlig dir bereiten,
und kühnen Augen bleibst du abgewandt.
Wir ließen dich — und heißen gottverlassen,
und nun ergreift uns namenlose Angst;
denn jetzt beginnen wir es zu erfassen,
wie früh du schon um unsere Rückkehr rangst.
Die Ehrfurcht sieht auf die Jahrtausendwende,
ob sie der Welt die Könige beschert.
Die Sehnsucht streckt zum Morgen schon die Hände,
als wäre deine Gabe schon gewährt.
Gott, laß uns deiner Ordnung nicht entrinnen.
Bekenne dich doch noch zu unserer Zeit.
Laß uns am späten Abend noch beginnen.
Die große Stunde ist uns noch zu weit.
Vergib es, daß wir immer wieder fragen.
Vergib dem, der sich schwer bescheiden kann.
Wir leben nur in Stunden und in Tagen
und drängen stets dich Ewigen mit dem »Wann?«.
Noch leben Söhne fürstlicher Geschlechter,
die du als Ordner unter uns gesandt.
Laß uns nicht ohne Mahner, ohne Wächter;
gib Könige und Propheten allem Land.
Zur Vorlesung 6
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Religionsgeschichte des Dritten Reiches
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1. Es ist für uns eine Zeit angekommen,
es ist für uns eine große Gnad'.
Unser Heiland Jesu Christ,
der für uns Mensch geworden ist.
2. In der Krippe muß er liegen,
und wenn's der härteste Felsen war':
Zwischen Ochs' und Eselein
liegst du, armes Jesulein.
3. Drei König' kamen, ihn zu suchen,
der Stern führt' sie nach Bethlehem.
Kron' und Zepter legten sie ab,
brachten ihm ihre reiche Gab'.
1. Es ist für uns eine Zeit angekommen,
die bringt uns eine große Freud'.
Übers schneebeglänzte Feld
wanderen wir durch die weiße weite Welt.
2. Es schlafen Bächlein und See unterm Eise, es
träumt der Wald einen tiefen Traum. Durch den
Schnee, der leise fällt wandern wir durch die
weite, weiße Welt.
3. Vom hohen Himmel ein leuchtendes
Schweigen/ erfüllt die Herzen mit Seligkeit.
Unterm sternbeglänzten Zelt
wandern wir durch die weite, weiße Welt.
Karolisserheft, hg. von Alfred Stern, S. 20
Deutsche Kriegsweihnacht , hg. vom Hauptkulturamt der NSDAP in der Reichspropagandaleitung.
München 1942, 57.
Als Beispiel für die Kontrafakturmethoden der Nazi-Liedermacher seien 2 Liedfassungen nebeneinandergestellt: das eine ein einfaches Umzugsliedchen aus dem Kanton Luzern in der Schweiz; - das
andere entkleidet von allem christlichen Bezug, die »Gnad« in »Freud« verwandelt und den Krippentext mit dem Weg der Könige in eine frostige Wanderung durch die weiße Winterwelt – ein Text, den
man sogleich vergißt. Er stammt von Paul Hermann mit der Bemerkung Weise altes Sterndreherlied,
eine gerade noch akzeptable Herkunftsangabe.
Ingeborg Weber-Kellermann, Weihnachtslieder (1982), 318 f.
Zur Vorlesung 5
Zur Vorlesung 8
Carl Schmitt: Römischer Katholizismus und politische Form. Hellerau: Hegner 1923. Zitate
hier aus München: Theatiner Verlag ²1925 (= Stuttgart 1984).
S. 23 || ... Hier, im ökonomischen Denken, liegt ein wesentlicher Gegensatz der heutigen Zeit
gegen die politische Idee des Katholizismus.
Denn dieser Idee widerspricht alles, was das ökonomische Denken als seine Sachlichkeit und
Ehrlichkeit und seine Rationalität empfindet. Der Rationalismus der römischen Kirche erfaßt
moralisch die psychologische und soziologische Natur des Menschen und betrifft nicht, wie
Industrie und Technik, die Beherrschung und Nutzbarmachung der Materie. Die Kirche hat
ihre besondere Rationalität. Man kennt den Ausspruch von Renan: toute victoire de Rome est
une victoire de la raison. Im Kampfe mit sektiererischem Fanatismus war sie immer auf der
Seite des gesunden Menschenverstandes, im ganzen Mittelalter unterdrückte sie, wie Duhem
schön gezeigt hat, Aberglauben und Zauberei. Selbst Max Weber stellt fest, daß der römische
Rationalismus in ihr weiterlebt, daß sie dionysische Rauschkulte. Ekstase und Untergehn in
der Kontemplation großartig zu überwinden wußte. Dieser Rationalismus liegt im
Institutionellen und ist wesentlich juristisch; seine große Leistung besteht darin, daß er das
Priestertum zu einem Amte macht, aber auch das wieder in einer besonderen Art. Der Papst
ist nicht der Prophet, sondern der || 24 || Stellvertreter Christi. Alle fanatische Wildheit eines
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zügellosen Prophetentums wird durch eine solche Formierung fern gehalten. Dadurch, daß das
Amt vom Charisma unabhängig gemacht ist, erhält der Priester eine Würde, die von seiner
konkreten Person ganz zu abstrahieren scheint. Trotzdem ist er nicht der Funktionär und
Kommissar des republikanischen Denkens und seine Würde nicht unpersönlich wie die des
modernen Beamten, sondern sein Amt geht, in ununterbrochener Kette, auf den persönlichen
Auftrag und die Person Christi zurück. Das ist wohl die erstaunlichste complexio
opposilorum. In solchen Distinktionen liegt die rationale Schöpferkraft und zugleich die
Humanität des Katholizismus. Sie bleibt im Menschlich-Geistigen; ohne das irrationale
Dunkel der menschlichen Seele ans Licht zu zerren, gibt sie ihm eine Richtung. Sie gibt nicht,
wie der ökonomisch-technische Rationalismus, Rezepte zur Manipulation der Materie.
S. 53 || Daß sie [sc. die katholische Kirche] Christus nicht als einen Privatmann und das
Christentum nicht als Privatsache und reine Innerlichkeit auffaßt, sondern zu einer sichtbaren
Institution gestaltet, das ist der große Verrat, den || S. 54 || man der römischen Kirche zum
Vorwurf macht. Rudolf Sohm glaubte den Sündenfall im Juristischen zu erkennen; andere
sahen ihn, großartiger und tiefer, im Willen zur Weltherrschaft. Die Kirche wird jeder
weltumfassende Imperialismus, wenn er sein Ziel erreicht, der Welt den Frieden bringen, aber
darin erblickt eine formenfeindliche Angst den Sieg des Teufels. Dostojewskis Großinquisitor
bekennt, den Versuchungen des Satans gefolgt zu sein, in vollem Bewußtsein, weil er weiß,
daß der Mensch von Natur böse und niedrig ist, ein feiger Rebell, der eines Herren bedarf,
und weil nur der römische Priester den Mut findet, die ganze Verdammnis auf sich zu nehmen, die zu solcher Macht gehört. Hier hat Dostojewski mit großer Gewalt seinen eigenen,
potentiellen Atheismus in die römische Kirche projiziert. Für seinen im Grunde
anarchistischen – und das ist immer atheistischen – Instinkt war jede Macht etwas Böses und
Unmenschliches. Im Rahmen des Zeitlichen ist die Versuchung zum Bösen, die in jeder
Macht liegt, gewiß ewig, und nur in Gott ist der Gegensatz von Macht und Güte restlos
aufgehoben; dem Gegensatz aber durch die Ablehnung jeder irdischen Macht entgehen zu
wollen, wäre die schlimmste Unmenschlichkeit. Eine dunkle, weitverbreitete Stimmung || S.
55 || empfindet die institutionelle Kälte des Katholizismus als böse und Dostojewskis
gestaltlose Weite als wahres Christentum. Das ist so flach, wie alles was in Stimmung und
Empfinden befangen bleibt und sieht nicht einmal, wie unchristlich die Vorstellung ist, daß
Christus zwischen seinem Erdendasein und seiner glorreichen Wiederkunft am jüngsten Tage
noch ein oder mehrere Male, sozusagen experimentierend, unter den Menschen erscheinen
könnte. Mit mehr Konzision als Dostojewski und trotzdem unendlich weiter im Horizont hat
der Geist eines französischen Katholiken ein Bild gefunden, das die ganze Spannung des
Antagonismus umfaßt und zugleich (durch die Formulierung einer gegen die Gerechtigkeit
Gottes gerichteten Appellation) die Gerechtigkeit dialektisch zum Äußersten treibt, indem es
mit den Formen Gericht und Appellation die juridische Kategorie wahrt – eine unerhörte
Szene vom jüngsten Tag, die zu schildern Ernest Hello den Mut hatte: wenn das Urteil des
Weltenrichters ergangen ist, wird ein Verdammter, von Verbrechen bedeckt, stehen bleiben
und zum Entsetzen des Weltalls dem Richter sagen: j'en ap-pelle. »Bei diesem Wort
erlöschen die Sterne.« Nach der Idee des jüngsten Gerichtes ist doch sein Spruch unendlich
definitiv effroyablement sans || 56 || appel. An wen appellierst du von meinem Gericht? fragt
der Richter Jesus Christus, und in eine furchtbare Stille antwortet der Verdammte: j’en
appelle de ta justice à ta gloire.
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Abbildungsverzeichnis
(Dateien abgelegt in: Eigene Bilder „Drittes Reich“)
1.1
1.2
3.1
3.2
3.3
3.4
3.5
4.1
6.1
6.2
6.3
6.4
6.5
6.6
5.1
5.2
5.3
5.4
5.5
5.6
7.1
7.2
308
Generationen s. oben S. 67.
##
Kaiser Wilhelm (Entwurf 30. 4. 1895, ausgeführt vom Hofmaler Hermann Knackfuß,
gedruckt 16. 11. 1895 in der Leipziger Illustirten): „Völker Europas, wahret Eure
heiligsten Güter!“ (1895).
Felsrelief aus Ivriz (südöstl. Anatolien) aus der 2. Hälfte des 8. Jh. v. Chr. ANEP 527
= Keel AOAT ²1977, 293.
Kyffhäuser – die Bararossa-Grotte (1896).
Der Kyffhäuser-Denkmal-Turm mit dem Reiterstandbild Wilhelms I. (1896).
Barbarossa und der neue Kreuzzug Wilhelms II. Karikatur aus dem „Simplicissimus“
Jg. 3(1898), gezeichnet von Th.Th. Heine.
Richard Oelze (1900–1981) Ölbild „Erwartung“ 1935–36, 81.6 x 100.6 cm im The
Museum of Modern Art, New York.
Heraus aus den Bücherstuben. In der von Theodor Fritsch hg. Zeitschrift Hammer Nr.
150, 1908, S. 556.
„Es lebe Deutschland!“ Gemälde von K Stauber vor 1933 (?). Horst Möller u. a.: Die
tödliche Utopie. [Katalog Obersalzberg] München ³2001, 29.
Bild aus dem Stroop-Bericht: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau
mehr“ (Text vollständig engl.übersetzt http://www.holocausthistory.org/works/stroop-report/htm/intro000.htm . Der Soldat rechts ist Josef
Blösche; der Junge wohl Tsvi Nussbaum.308 .
„Der Vater der Juden ist der Teufel“, Franken 1935. Aus Michael Hesemann, Hitlers
Religion, 2004, Bildtafel xxiii (Holocaust Museum, Washington).
Die Nürnberger Gesetze, Vererbungstafel. DHM Berlin, 1935.
„Entartete Musik“ (Negermusik). Umschlag der „Abrechnung“ des Staatsrats Dr. Hans
Severus Ziegler, 1939. DHM Berlin. Abb. aus Die tödliche Utopie 2001, S. 138.
Die 16 Gefallenen des Hitlerputsches 1923 (Postkarte) und das Mahnmal an der
Feldherrnhalle.
Die Blutfahne von 1923. (Postkarte)
München, Feldherrnhalle (heutiger Zustand). Auf den Bronzetafeln an der hinteren
Wand sind heute Tafeln des Gedenkens an die Märtyrer des Widerstands angebracht.
Die Bronzetafel der NS-Märtyrer war auf der (linken) Ostseite aufgerichtet.
Vereidigung von Rekruten vor der Feldherrnhalle, Odeonsplatz in München, am 9.
Nov. 1935. Foto von Heinrich Hoffmann, aus: Herz, Hoffmann & Hitler, 1994, 220.
Die Ehrentempel für die Märtyrer der Partei. München. Luftbild Königsplatz von W,
1937. Aus: Bürokratie und Kult, 1995, S. 20.
Hitlers Hoffotograf Heinrich Hoffmann machte daraus ein „Antikommunistisches
Plakat“. Abb. aus Rudolf Herz: Hoffmann & Hitler. Fotografie als Medium des
Führer-Mythos. [Katalog München/DHM] München 1994, 54.
Postkarte vom Reichsparteitagsgelände in Nürnberg, von Albert Speer 1938.
Postkarte vom Reichsparteitagsgelände in Nürnberg: das Zeppelinfeld. Herz:
Hoffmann und Hitler,
Erläuterungen zu dem Bild unter
http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.deathcamps.org/occupation/pic/biggun01a.jpg&imgrefurl=ht
tp://www.deathcamps.org/occupation/gunpoint_de.html&h=551&w=800&sz=96&hl=de&start=12&um=1&tbni
d=ApHE9-awVJt3TM:&tbnh=98&tbnw=143&prev=/images%3Fq%3DStroopBericht%2BWarschauer%2BGhetto%26svnum%3D100%26um%3D1%26hl%3Dde%26sa%3DN
SoSe 2007
7.3
7.4
8.1
9.1
10.1
10.2
11.1
11.2
11.3
11.4
11.5
12.1
12.2
Religionsgeschichte des Dritten Reiches
88
Reichsparteitag 1936, „Licht-Dom“
Kalender traditionell-religiös, national und parteibezogen.
Das alte Rechtssystem wird hingerichtet: Lager für Referendare, Jüterbog August
1933. (Umschlag Bernd Rüthers: Entartetes Recht. München 1986, ²1989; dtv 1994.
Alle Abbildungen aus Jens Schmeyers: Die Stedinger Bauernkriege. Lemwerder 2004,
S. 187-252.
DC-Pastor Herbert Werner Fischer zeigt seinen Kollegen Gustav Greiffenhagen an
beim Bremer Bürgermeister, SA Böhmcker. Aus: Röhm/Thierfelder: Juden, Christen,
Deutsche, 4/1. Stuttgart 2004, 85.
Getaufte Juden – Karikatur aus dem „Stürmer“ aus: Röhm/Thierfelder: Kreuz und
Hakenkreuz, 76.
Tag von Potsdam 21. März 1933 Herz, Hoffmann & Hitler, 206.
Tag von Potsdam Fotomontage ibidem 207.
Hitlers Ansprache (Foto Hoffmann) Die tödliche Utopie,
Die Binde vor den Augen: Ecclesia und Synagoge, Straßburger Münster. Gesamt:
Rekonstruktion Auffarth 2002, 180.
Ecclesia/Synagoge am Straßburger Münster ca. 1140/50.
Karte der Landeskirchen und Bistümer in Deutschland
Hitler gehört die ev. Kirche – Karikatur norweg. Zeitung Juni 1933, aus:
Röhm/Thierfelder: Kreuz und Hakenkreuz, 38, vgl. die Fotomontage 11.2!
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