Didaktik der Berufliche Aus

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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
„Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung“ – Hanno Hortsch
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Einführung in die Didaktik
Didaktik = Theorie/Lehre vom Unterricht und vom Unterrichten (das Objekt = der Prozess
der
Herausbildung
beruflicher
Handlungskompetenz;
Gegenstand
sind
die
Gesetzmäßigkeiten der Gestaltung des Prozesses der Entwicklung beruflicher
Handlungskompetenz an den verschiedenen Lernorten aus berufs- und/oder fachübergreifender
Sicht)
Sokrates = erste „bezahlte“ Lehrer
Veränderung des Unterrichts aufgrund veränderter Umstände
Erziehung = Vorbild + Liebe + Konsequenz
Allgemeine Didaktik beschäftigt sich mit den Aufgaben der Schule, mit Zielen/Inhalten des
Unterrichts, mit Systematik der Schulfächer und dem Zusammenhang verschiedener
Fachwissenschaften; beschreibt allgemeine Methodik, mit denen Unterrichtsziele erreicht
werden sollen
Aufgaben der Fachdidaktik = prüfen, ob allgemeindid. Modelle/Methoden auf fachspezifische
Inhalte anwendbar sind; Fachmethodik steht immer im Begründungszusammenhang: a)
wissenschaftlicher Gegenstand des Unterrichts und dessen gesellschaftliche Funktion, b) stützt sich
auf Bedingungen des Unterrichts mit Bedürfnissen/Interessen der Schüler
Rousseau – Emilie: Pestalozzi – Wie Gertrud ihre Kinder lehrte; Salzmann – Ameisen- und Krebsbüchlein
Did. Grundauffassungen  did. Konzept (handlungsorientierter Unterricht)  did. Prinzipien  methodisch-did.
Elemente
 äußere Gestaltung + Organisationsformen
 innere Strukturierung (did. Fkt. und Erkenntniswege)
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2.1
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2.2
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Didaktische Grundauffassungen der Gegenwart
Normative Didaktik
es gibt Normen, von denen alles abgeleitet wird, bis hin zum Unterrichten = oberste
vorpädagogische Sinn-Normen über das menschliche Leben, die Natur des Menschen etc., die
auf Erziehungsziele, Unterrichtsinhalte ausgelegt und weiter zu Methoden und Erziehungsformen
differenziert werden (z.B. Persönlichkeitsbild des Sozialismus) = eine in sich geschlossene
Deduktionskette die aussagt, wie die „Wirklichkeit“ Unterricht sein sollte
ist eine Idealvorstellung, für die in freien demokratischen Strukturen kein Platz ist
Bildungstheoretische Didaktik
Ende des 19. Jahrhunderts bildet sich die Pädagogik als eigenständige Disziplin aus der
Geisteswissenschaft heraus
Der Ausgangspunkt für die ~ soll die Erziehungswirklichkeit sein = der Versuch, über die
Aufklärung eine Abkehr von der normativen Did. zu erreichen, allerdings steht Lerntheorie im
Vordergrund, Bildungsinhalte werden fast außen vor gelassen
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
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Schwäche: Da aber keine Berücksichtigung von ökonomischen, politischen und sozialen
Interessen erfolgt und somit zeitadäquate Zusammenhänge von Unterricht und
gesellschaftlichen Lebensformen nicht erschlossen werden können, ist diese ~ nur von
begrenztem praktikablen Nutzen, d.h. es erfolgt immer noch eine Orientierung auf die Theorie der
Bildungsinhalte und des Lehrplans
Stärke: ungeeignete Unterrichtsinhalte werden begründet ausgegrenzt; Es erfolgt der Versuch,
die Lebens- und Schulwirklichkeit zu erforschen, um daraus Prinzipien (Gesetzmäßigkeiten
für bildungswirksamen Unterricht) zu entwickeln: zentraler Bezugspunkt ist die Begegnung des
Menschen mit Kulturgütern (KLAFKI: Welchen Gegenwarts-, Zukunftsbedeutung, Sachstruktur, exemplarische Bedeutung und
Zugänglichkeit hat der betreffende Inhalt im geistigen Leben der Kinder?)
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2.3
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2.4
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Bildung = Gesamtauftrag, der die dynamische Gesamtverfassung bezeichnet, zu der der Mensch
sich durch Aneignung, Motivation etc. stufenweise durcharbeitet und die er dann in einem Prozess
der Integration seiner Erfahrung produktiv ausbauen und bewahren soll, daraus folgt:
 Unterrichtsinhalte müssen sich zur Selbstverwirklichung, zur Herausbildung von
Mündigkeit der Lerner eignen
 Berufliche Bildung sollte nicht allein unter dem Aspekt der Verwertungsmgl. In der
beruflichen Praxis gesehen werden
Autoren der ~: KLAFKI, KRAMP, SPRANGER
Informationstheoretische Didaktik – Regelkreismodell
Entstand mit der Entwicklung der Kybernetik Ende der 60er Jahre; Hauptvertreter Frank Cube
Gegenstand ist die Berechnung, Steuerung und Messung des Lernprozesses = fortgeschrittene
Form des programmierten Unterrichts
Versuch, die technischen Wissenschaften auf den individuellen und sozialen Bereich anzuwenden,
um so die Bedingungen der Lernprozesse verfügbar zu machen
Regelkreiselemente (Ist-Soll-Wert; Stellgröße) werden auf den Unterricht übertragen
Stärken: qualitative Explosion der Medien (programmierter Unterricht) und ‚zwangsweise‘
Optimierung von Methoden (erstmals mathematische Ansätze in der Pädagogik)
Schwächen: es wird ein durchschnittlicher Lerner angenommen; das Regelkreismodell ist
funktional nicht personal, d.h. die Person spielt keine Rolle (Differenz wird festgestellt und mgl.
abgestellt, austausch- und ersetzbar), aber der Mensch reagiert spontan, sprunghaft, d.h. es liegen
keine kontinuierlichen, gleichbleibenden Faktoren vor; das Lernziel liegt außerhalb des
Regelkreises, Lernen und Lehren sind aber zielgerichtete Vorgänge und implizieren immer ein
Zielproblem; soziale Interaktionen gelten als Störgrößen; inhaltliche Aspekte werden fast
vollständig vernachlässigt; Lehrer nur ‚Informationsdarbieter‘ – Schüler nur ‚Abnehmer‘
Lerntheoretische Didaktik
Gegenstandsfeld ist das did. Handeln in Vorbereitung, Durchführung und Kontrolle des
Unterrichts
Ziel = Implikation von inhaltlichen und methodischen Erscheinungen
Steht im Gegensatz zur bildungstheoretischen Did. – Lernen, nicht die Bildung, steht im
Mittelpunkt = Theorie des Lernens (Prozess der Theoriebildung ist Gegenstand did. Ausbildung)
Planungsebenen im langfristigen und kurzfristigen Sinne
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
a) Berliner Model - HEIMANN = Entscheidungsmodell (1962) (langfristige Strukturplanung,
kurzfristige ~, Verlaufsplanung)
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Strukturanalyse: Die Grundstrukturen des Unterrichts lassen sich über Bedingung- und
Entscheidungfelder beschreiben:
Bedingungsfelder
Anthropogene Voraussetzungen (Folgen)
(Voraussetzungen, die auf Mensch
bezogen sind – Anlangen des Ln/Lh)
Sozio-kulturelle Voraussetzungen (Folgen)
(Klassenfrequenz – Sozialstruktur,
Ausstattung der Räume)
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Entscheidungsfelder
Intentionalität (päd. Absichten, die in Unterricht
einzubringen/verwirklichen sind – Wissen, W, K)
Thematik (zu vermittelnder/gelernter Stoff)
Methodik (Verfahrensweise zur UnterrichtStrukturierung = Weg zum Ziel)
Medienwahl (Stoff ist immer an ein Medium gekoppelt, um es erfahrbar zu machen)
zentrale Entscheidungsfelder: Intension und Thematik
Unterrichtsanalyse erfolgt von den Entscheidungsfeldern aus
Unterrichtsplanung erfolgt ausgehend von Bedingungsfeldern zu den Entscheidungsfeldern
drei Dimensionen von Intention (kommen im Unterricht immer vermischt vor):
 pragmatisch-dynamisch (auf das Handeln gerichtete, auf das Wollen der Schüler
bezogene päd. Absichten)
 kognitiv-affektiv (auf das Denken bezogene päd. Absichten)
 pathisch-affektiv (auf das Fühlen bezogene päd. Absichten)
b) Hamburger Modell - SCHULZ = Handlungsmodell
- greift Berliner Modell auf und entwickelt es weiter (keine großen Unterschiede)
Unterrichtsziele
(Intensionen, Themen)
Erfolgskontrolle
(Selbstkontrolle der Schüler)
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Ausgangslage
(der Lerner, Lehrer)
Vermittlungsvariablen
(wie Methoden, Medien, schulorganisatorische Hilfen)
= Kernstück der Unterrichtsplanung; im Mittelpunkt stehen 4 Felder, die die 6 Entscheidungs- und
Bedingungsfelder der Strukturanalyse aufnehmen
Ziele und Inhalte werden zusammengefasst, denn Ziele sind ohne Inhalte nicht realisierbar
4 Planungsebenen: Perspektivplanung (Auseinandersetzung mit Rahmenplänen, institutionale und
individuelle Bedingungen des Unterrichts), Umrissplanung (Vorbereitung für Unterrichtsreihe),
Prozessplanung (Abfolge der Unterrichtsschritte, Kommunikations- und Arbeitsformen
festlegen), Planungskorrektur (Planungsbeteiligung der Schüler)
Nachteile: Kontrollierbarkeit, Primat der Medien;
Vorteile: inhaltliche und methodische Aspekte finden gleichermaßen Beachtung; erste Didaktik,
die Lehren und Lernen einschließt; beinhaltet die wesentlichen Elemente, die für den Unterricht
bedeutsam sind; sind gut zur Strukturierung, aber in der täglichen Anwendung muss jeder sein
eigenes Modell finden; Aufnahme kritischen Denkens; Engagement an Problemen benachteiligter
Schüler; Lehrer-Schüler-Didaktik – Lehrer und Schüler interagieren bei Planung
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
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Prinzipien der Unterrichtsplanung:
 Interpendenz (Zwischenabhängigkeit zw. Entscheidungsfeldern = widerspruchsfreie, sich
gegenseitig bedingende Wechselwirkung aller Momente im Unterricht; d.h. alle
didaktischen Entscheidungen müssen mit situativen Bedingungen abgestimmt werden)
 Variabilität (absichtsvolles Bereitstellen von alternativen Lern- und Lehrwegen/-mgl. im
Unterricht – Der Unterrichtsplan wird erst unter Mitsteuerung der Schüler fertig; SCHULZ)
 Kontrollierbarkeit (Erfolg soll angemessen mit wissenschaftlichen Verfahren kontrolliert
werden, aber Objektivität = Trugschluss!; hier: Überprüfen der eigenen Vorbereitung und
die des tatsächlichen Unterrichtsverlaufes durch den Lh = Überprüfung des Lehr- nicht des
Lernerfolgs der Ln)
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Anlass zur Entwicklung des Berliner Modells war ein Entschluss des Berliner Abgeordnetenhauses zur Reform der
Lehrerausbildung 1958
Im Vordergrund des Interesses stand die Situation der Lehrer. Ihnen sollte ein didaktisches Modell an die Hand
gegeben werden, dass Ihnen ermöglicht, den Unterricht rational und erfolgreich zu gestalten. Ziel der Lehrerausbildung
müsse die Theoriebildung an sich sein, so dass die Lehrer in die Lage versetzt werden, eigene Theorien zu entwickeln
und deren Zustandekommen zu verstehen.
Die Bildungstheoretischen Systeme lehnt Heimann ab. Sie bieten aufgrund Ihres “Stratosphärendenkens” keine
Hilfestellung für den Lehrer, sind zu weit vom Schulalltag entfernt, was zu einer unüberwindbaren Kluft zwischen
Theorie und Praxis führte.
Lerntheoretische Didaktik bietet im Gegensatz zur Bildungstheoretischen Didaktik drei Qualitäten: ist schlicht und
deshalb für den Praktiker nachvollziehbar; ist wertneutral (beschränkt sich nicht auf bestimmte Verfahrensweisen und
Normen); ist umfassend, da sie sich nicht nur Inhaltsfragen beschränkt
Grundlegende Annahme für das Berliner Modell ist, dass jeder Unterricht, trotz seiner Einmaligkeit, über “formal
konstant bleibende, inhaltlich variable Elementar- Strukturen” verfügt. Heimann macht sechs solcher
Unterrichtsmomente aus, die er wiederum in Entscheidungs- und Bedingungsfelder unterteilt.
Medien sind “alle Unterrichtsmittel, deren sich Lh und Ln bedienen, um sich über Intentionen, Themen und Verfahren
des Unterrichts zu verständigen
Inderdependenzhypothese besagt, dass die Strukturelemente des Unterrichts in einem wechselseitigen
Abhängigkeitsverhältnis zueinander stehen. Diese gegenseitigen Interdependenzen sind vom Lehrer bei der
Unterrichtsplanung zu berücksichtigen, d.h. stimmig in Einklang zu bringen.
Das Berliner Modell war Grundlage für die Weiterentwicklung einer Vielzahl weiterer didaktischer Modelle, die sich
allerdings überwiegend als Mischformen verschiedener didaktischer Ansätze erwiesen, in die die Strukturelemente des
Berliner Modells immer wieder mit einfließen. Lediglich Schulz, der als früherer Mitarbeiter Heimanns kontinuierlich
an dem Berliner Modell weiter arbeitet, gelang die Entwicklung eines eigenen didaktischen Ansatzes, dem Hamburger
Model. Dieses unterscheidet sich in zwei Punkten wesentlich vom Berliner Modell. Erstens das Strukturmodell wurde
zu einem Handlungsmodell entwickelt und zweitens war das ist das von Schulz entwickelte Handlungsmodell auch zur
langfristigen Planung geeignet.
Hamburger Modell: Zielsetzung ist die Entwicklung eines allgemeinen didaktischen Modells, das den Lehrern hilft,
besser in das unterrichtliche Geschehen einzugreifen und ihnen ermöglicht, verantwortungsvoller und effizienter zu
den Bedingungen ihres Handelns Stellung zu nehmen = das pädagogische Handeln zu professionalisieren. Er
versucht weiterhin, die Bedingungen, unter denen unterrichtet wird aufzudecken und gibt somit die
Voraussetzungen an, unter denen seinen Modell anwendbar ist. Auch stellt er sein Modell unter ein Leitmotiv, eine
allgemeine Zielsetzung des pädagogischen Handelns, der Emanzipation des Schülers
Berliner Modell (Struktur- und Entscheidungsmodell); Hamburger Modell (Handlungsmodell); Leitmotiv Wertfreiheit
der Didaktik/Emanzipatorischer Unterricht; Lehrerzentrierung/Lehrer - und Schülerzentrierung; Modell zur Analyse
und Planung/vorwiegend Planung; Planungshorizont kurzfristig/langfristig; keine konkrete Handlungsanleitung des
Lehrers
Die Lehrtheoretische Didaktik ist durch ihr weites Gegenstandsfeld sowie ihrer Offenheit gekennzeichnet. Sie richtet
sich nicht an einer bestimmten Ideologie oder Lerntheorie aus. Sie stellt lediglich einen allgemeinen Rahmen, ein
Ordnungsgerüst dar, dass für jede Art von Unterricht anwendbar ist. Darüber hinaus ist sie aufgrund ihrer hohen
Allgemeinheit in der Lage, sich neuen Entwicklungen zu öffnen. Die Lerntheoretische Didaktik ist durch ein
besonderen Praxisbezug ausgeprägt. Sie kann als Instrument des Lehrenden verstanden werden, dass ihn bei seiner
täglichen Arbeit unterstützen soll. Sie setzt sich mit den Zielfragen, den Wegfragen (Methoden des Unterrichts) sowie
den Bedingungen auseinander, unter denen die Modelle anzuwenden sind. Sie bildet somit ein Paket hilfreicher
Vorgehensweisen und Instrumente zur Strukturierung des Unterrichtes. Die Lerntheoretische Didaktik ermuntert
zur ständigen Reflexion über Unterricht im weitesten Sinne. Sie fordert den Lehrer ständig auf, sich sein eigenes
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Handeln bewusst zu machen. Sich von eigenen Ideologien und Standpunkten zu distanzieren. Auch fordert sie zur
ständigen Auseinandersetzung mit der umgebenden Gesellschaft auf. Beim Berliner Modell im Rahmen der ständigen
Normenkritik, die vom Lehrer auszuüben und zu hinterfragen ist und beim Hamburger Modell durch die bewusste
Auseinandersetzung mit der Gesellschaft im Rahmen der Erziehung der Lernenden zu emanzipierten Menschen. Die
Lehrtheoretische Didaktik liefert keine konkreten Handlungsanleitungen für den Lehrer. Sie liefert ihm auch keine
Kriterien, die ihm sagen, wann welche Entscheidungen richtig oder falsch sind. Dies ist ein gravierender
Schwachpunkt der vorgestellten Modelle. Auch trifft sie keine Aussagen über guten oder schlechten Unterricht. Sie
sagt letzten Endes nur aus, das Unterricht dann vorliegt, wenn alle Elemente in ein sinniges Gefüge gebracht werden.
Qualitativ hochwertiger Unterricht ist damit nicht zwangsläufig gewährleistet. Des weiteren muss berücksichtigt
werden, dass die lerntheoretische Didaktik nicht definiert, was Lernen ist und wie es funktioniert. Zwar wird immer
wieder auf die Ergebnisse der lernpsychologischen Forschungen verwiesen; aber wie diese in das Modell mit
einzubringen sind, wird nicht erörtert.
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1. Erörtern Sie didaktische Überlegungen und Absichten, die hinter dem Begriff „Entfaltung der
Persönlichkeit des Lernenden“ stehen
2. Welche praktischen Konsequenzen ergeben sich aus dem lerntheoretischen Didaktikansatz für die
Vorbereitung des Unterrichts?
3. Erörtern Sie die Feststellung: Der Lernende ist im Unterricht Objekt und Subjekt zugleich.
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Das Wesen des beruflichen Aus- und Weiterbildungsprozesses aus didaktischer Sicht
- Ausgangsüberlegungen (Komplexität des Unterrichts):
 beruflicher Aus- und WB-Prozess hat bezüglich seines Wesens und seines Verhaltens
einen dualen Charakter (strukturelle o/u funktionelle Verknüpfungen – chaotische
Systeme)
 das bedeutet für den Aus- und WB-Prozess, dass eine dynamische Aufeinanderfolge von
Zuständen seiner Systeme deterministisch (wenn, dann), stochastisch (wenn, dann mit
dieser Wahrscheinlichkeit) und chaotisch (etwas, was nicht erklärbar ist) ist
 wenn Beschreibungsversuche des Prozesses vorgenommen werden, müssen sowohl die auf
ihn wirkenden äußeren Bedingungen als auch die im Prozess wirkenden Bedingungen
beschrieben werden (rückgekoppeltes System)
Das didaktische Grundverhältnis (das klassische did. Dreieck Lh – Ln – Stoff eignet sich nicht mehr)
Lehrer S 
Lehren 
(‚Chef‘ mit Lehrkonzept)
Lernender O
Lernender S  Lernen

Aneignungsgegenstand O
(aktiv, selbstbestimmt)
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Der Lh als Subjekt geht zum Ln dem Objekt eine Beziehung ein, die mit der Tätigkeit Lehren
bezeichnet werden kann. Zweck dieser Beziehung ist der Aufbau einer Beziehung des Ln zum
AG; wiederum eine S-O-Relation – Tätigkeit kann als Lernen charakterisiert werden.
Das didaktische Grundverhältnis verdeutlicht den Sinn der Lehrtätigkeit und damit die Funktion
des Lehrers. Das Schaffen von solchen Bedingungen, die das Zustandekommen der zweiten SO-Relation erlauben, ist die Aufgabe des Lehrers bei der Gestaltung von Unterricht.
Auf dem didaktische Grundverhältnis basierend lässt sich ein handlungstheoretisch begründetes
Funktionsmodell vom Unterrichtsprozess konstruieren.
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Tätigkeit als Rückkopplungsvorgang
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„Wenn du etwas erreichen willst, musst du etwas tun!“, d.h. nur durch Tätigkeit Veränderung mgl.
Ausgangspunkt ist der Mensch mit seinen Bedürfnissen (Antrieb, Motivation für bewusste
Handlung)  Tätigkeit (aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt und sich selbst zur
Bedürfnissbefriedigung)  Resultat der Tätigkeit (neue Bedürfnisse)
Persönlichkeitsentwicklung kommt durch Tätigsein (bewusste Auseinandersetzung des Menschen
mit seiner Umwelt und mit sich selbst zum Zweck der Befriedigung seiner Bedürfnisse) zustande.
Tätigkeit wird realisiert durch Handlungen. Deshalb scheint es sinnvoll, in einem
Funktionsmodell Handlungen des Ln abzubilden.
Vereinfachtes Modell vom Unterricht
Lehrer initiiert indem er orientiert, reguliert und kontrolliert
Zustand des Ln zum Zeitpunkt to
charakterisiert durch
* Wissens-, Könnens- und
Wollensdisposition (heterogen)
* andere innere Bedingungen
(physiologische Besonderheiten,
Hormonen Steuerung,
energetische Ressourcen)
Lernhandlung
Kompensationshandlung
Zustand des Ln zum Zeitpunkt t1
charakterisiert durch veränderte
* Wissens-, Könnens- und
Wollensdisposition
* andere innere Bedingungen
sehr vielfältige, äußere Bedingungen
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Im Blickfeld steht neben der Lern-, die Kompensationshandlung
Kompensationshandlung = unbeabsichtigte neg. und pos. Handlungen; dieser Variabilität sollte
Raum gelassen werden, d.h. sollten eingeplant werden, da sie für die Entwicklung des Einzelnen
z.T. bedeutsamer als vorgegebene Muster sind = Einbringungsmgl. des Ln; ist immer eine
Reaktion aus dem Zusammenwirken von inneren und äußeren Bedingungen einschließlich der
Wirkungen sowie Bedingungen, die der Lehrer erzeugt oder schafft.
Eine geäußerte Handlung, die durchaus ein Lernergebnis hervorbringt (auf einem anderen Weg als
durch den Lehrer vorbedacht). Für diese Handlungen sollte ein Handlungsspielraum durch den
Lh geschaffen werden, denn erst dadurch kann der Ln sein eigenes „Ich“ einbringen und
entsprechend seiner Lerngewohnheiten oder seines kognitiven Stils handeln.
Von Bedeutung ist Gleichberechtigung und Zuwendung, Achtung des Menschen („Für jeden habe
ich mir ein kleines Sibirien ausgedacht“ – Lichtenberg)
Für die Motivation und die Ausbildung der beruflichen Handlungskompetenz ist ein vernünftiges
Maß zwischen vom Lh geplanter Lernhandlung und für den Ln bereitgestellten
Handlungsspielräumen förderlich.
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Philosophische
Grundpositionen
Päd., psychologiche
Gesetzmäßigkeiten
Soziologische
Erkenntnisse
Pädagogische Intensionen, Ziele
Inhalte
Methoden, Org.formen
Ln-Lh-Verständnis
Lehrerpersönlichkeit
Päd. Regime
mat. Bedingungen
aktuelle gesell.
Ereignisse
Aneignungs- bzw. Vermittlungsprozess
mit Interaktionen Lh-Ln und Ln-Ln
Herausbildung beruflicher Handlungskompetenz konstituiert sich in Wissen, Könne, Wollen
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Qualifikation = auf bestimmte berufliche Tätigkeit ausgerichtete Disposition (Zueinanderstellung)
von Persönlichkeitseigenschaften
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Unterrichtsprozess im weiten Sinne mit Pädagogischer Intension Herausbildung beruflicher
Handlungskompetenz:
- Persönlichkeitseigenschaften = psychische Qualitäten, wie Kenntnisse, Einsichten, Fertig- und
Fähigkeiten, Haltungen, Überzeugungen, Einstellungen etc.
- Aneignungsgegenstände (AG):
 deskriptive (beschreibende), wie Begriffe, Aussagen, Theorien, Hypothesen
 regulative (steuernde), wie Regeln, Methoden, Algorithmen (Schrittfolge), Prinzipien
(Grundsätze)
 normative, wie Normen, Gebote, Befehle
- Polyfunktionale Fähigkeitsdispositionen rekonstruieren und konstruieren Funktionen der
Persönlichkeitseigenschaften in der Tätigkeit
- Funktionen der Tätigkeitseigenschaften in der Tätigkeit:
 Wissen = informative Voraussetzung für berufliches Handeln
 Können = subjektive Möglichkeit für berufliches Handeln
 Wollen = subjektive Notwendigkeit für berufliches Handeln
- Äußerungsformen: Leistung als Resultat des Verhaltens auf Grund beruflicher
Handlungskompetenz mit sozialer, fachlicher, methodischer Komponente
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Einteilung der Schlüsselqualifikationen nach MERTENS (1974):
 Basisqualifikationen (Qualifikationen höherer Ordnung, die den vertikalen Transfer
ermöglichen – logisches, konstruktives und kreatives Denken)
 Horizontalqualifikationen (erlauben schnellen Zugriff auf gespeichertes Wissen –
Informiertheit über/verarbeiten von Informationen)
 Breitenelemente (treten an vielen Arbeitsplätzen als Anforderungen auf – Kenntnisse der
Messtechnik, Arbeitsschutz, Maschinenwartung)
 Vintage-Faktoren
(Fähigkeiten
zur
Beseitigung
generationsspezifischer
Bildungsdifferenzen – verschiedene Bildungsbiographien; „Mitgehen mit den Anderen,
verstehen wollen ...“)
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
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Berufliche Handlungskompetenz = das Vermögen, potentiell handeln zu können (Qualifikation),
weil die Notwendigkeit (Zuständigkeit) in Bezug auf berufliche Handlungen erkannt, gesehen
wird. Es ist offensichtlich, dass neben dem erforderlichen Wissen und Können für berufliche
Handlungen die Bereitschaft, das Wollen zum Handeln Voraussetzungen für berufliche
Handlungskompetenz sind.
Komponenten beruflicher Handlungskompetenz:
 sachliche Komponente (informative Voraussetzung für die berufliche Handlung)
 methodische Komponente (subjektive Möglichkeit für die Handlung und
Informationssuche)
 soziale Komponente (bringt die subjektive Notwendigkeit für die Handlung hervor;
schließt das Werten sozialer Beziehungen ein)
-
-
berufliche Handlungskompetenz nach BADER: Fach-, Human- und Sozialkompetenz jeweils
einschließlich Methodenkompetenz (Kompetenzausbildung ist nicht teilbar, aber die
Kompetenzen)
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Der Inhalt berufliche Handlungskompetenz, wird durch den Charakter der Arbeit an den AN und
der für den Beruf notwendigen Sozialisation (im beruflichen/gesellschaftlichen Leben) bestimmt.
Aus dem Inhalt der beruflichen Handlungskompetenz wird die did. Intension und die
didaktische Funktion (mit dem methodischen Vorgehen) abgeleitet. Darin finden auch
philosophische Grundphilosophien, päd. und psychologische Gesetzmäßigkeiten sowie
soziologische Erkenntnisse Eingang. Das methodische Vorgehen wird allerdings auch aus der
beruflichen Handlungskompetenz selbst (den Produktionsfeldern) abgeleitet. Das bedeutet, dass
im deutschsprachigen Raum nicht nur für ein Modul qualifiziert wird, sondern auch darüber
hinaus.
Bildungsrelevante Komponenten von modernen Produktions- und Dienstleistungsstrukturen (in
der Wirkung beobachtbar):
- prozesskettenorientierte Organisation statt funktionaler Hierarchien
- Kunden- statt Produktorientierung (Phaton bei VW, „Atmosphäre“ durch Kundenpflege
- Projekt- und Budgetverantwortung statt hierarchisch strukturiertem Aufgabenmanagement
- Team- bzw. Gruppenarbeit statt Einzelarbeit
- Vollständige Tätigkeiten statt Verrichtungen
- Selbststeuerung statt standardisierte Vorgaben
- Beteiligung statt Fremdbestimmung
- Kontinuierliche Verbesserung statt Hoffnung auf Innovationen
Komponenten der Entwicklung beruflicher Handlungskompetenz (Prozesse):
Wissenserwerb
(Konstruktion)

Wissensfunktionalisierung
(Rekonstruktion)

Wissensanwendung
(Transformation)
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Seminar 1 – Handlungstheoretisch begründete Gestaltung beruflichen Unterrichts
1.
Beweisen Sie die Hypothese, dass sich handlungstheoretisch begründete/orientierte
Unterrichtsgestaltung an den Bedürfnissen der Ln orientiert (Bedürfnis – Motiv – Handlung)
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
2.
Erläutern Sie an Beispielen, wie Sie einen vollständigen Aneignungsprozess im Unterricht
sichern.
3. Welche Komponenten machen „berufliche Handlungskompetenz“ aus? Erläutern Sie daraus
entstehende Konsequenzen für die Unterrichtsgestaltung
4. Widerlegen Sie die Hypothese, dass im Unterricht zw. Lh und Ln ein S-S- Verhältnis besteht
5. Worin besteht die Komplexität des Unterrichtsprozesses? Diskutieren Sie Konsequenzen aus der
Komplexität für die Planung bzw. Vorbereitung von Unterricht
6. Diskutieren Sie die Beziehungen zwischen geplanter Lernhandlung und Kompensationshandlung
7. Erörtern Sie den Begriff Aneignungsgegenstand
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Schlussfolgerungen:
- der Lernende wirkt aktiv, zielgerichtet, zukunftsbezogen und kreativ auf den Unterricht ein und
gestaltet ihn mit
- der Lernende versucht, handelnd eigene/gesetzte Ziele eigenständig und mit anderen zu erreichen
- die Handlungen von Lh und Ln sind ebenso komplex wie die auf den Prozess der beruflichen Ausund WB wirkenden äußeren Bedingungen. Die Stabilität des Prozesses wird durch Ordnung und
Chaos gleichermaßen aufrecht erhalten
- Ordnungsprinzip: Unterricht vollzieht sich auf Grundlage des Handelns von Lh und Ln. Der
Lehrer initiiert Handlungen, indem er ordnet, reguliert und kontrolliert
- Ein handlungstheoretisch begründeter Unterricht ist u.a. durch ff. Relationen zu kennzeichnen:
Zweck/Ziel-Mittel-Inhalt - Lehr- und Lernorganisation - Interaktion
- Der Antrieb für die Durchführung von Lernhandlungen besteht in dem Widerspruch
zwischen den ständig steigenden Anforderungen an den Ln, initiiert durch den Lh, und dem
gegenwärtigen Stand des Ln hinsichtlich seines Wissens, Könnens und Wollens.
Kennzeichen handlungstheoretisch begründeten Unterrichts (habU):
- Konzept (keine Methode) für die Gestaltung des Lernprozesses. Ist offen im Rahmen der
individuellen und sozialkulturellen Bedingungen für alle Gestaltungsmgl. Des organisierten
Lernprozesses
- Stellt den Ln in den Mittelpunkt des Unterrichts, der weitgehend selbstbestimmt, aktiv und
reflexiv seinen Lernprozess gestaltet und eigenständig Entscheidungen zu Alternativen in den
Handlungszielen, -wegen und –mitteln treffen kann
- Überwiegend durch selbstgesteuertes und selbstbestimmtes Lernen charakterisiert, bei dem der
Lh als Partner des Ln Lernhilfe gewährt. Er initiiert Lernhandlungen.
- Bedeutet das Schaffen von Lernbedingungen, die eine absichtsvolle Beziehung des Ln mit dem
AG ermöglichen
- Zielt auf Herausbildung der fachlichen, methodischen und sozialen Komponente beruflicher
Handlungskompetenz, d.h. berufliche Handlungsfähigkeit zum Zwecke der aktiven Bewältigung
beruflicher Lebenssituationen unter Abwägung eigenen Interessen mit denen im sozialen Umfeld.
- Ist auf das Handeln des Ln im organisierten Lernprozess und auf das Handeln außerhalb dieses
Prozesses im beruflichen und privaten Leben gleichermaßen gerichtet (zwei Handlungsebenen)
- Ist ganzheitliches Lernen in der Einheit von kognitiven, emotional-volitiven und
psychomotorischen Lernprozessen. Darin ergänzen sich individuelle und kollektive
Lernaktivitäten. deskriptive, regulative und normative AG werden in der Vielfalt ihrer natürlichen
Funktionen angeboten und dabei werden möglichst viele Sinne angesprochen
- Erfordert für das Gestalten des Lernprozesses das Beachten der Grundstruktur menschlichen
Handelns (vollständige Handlung): Orientierung, Ausführung und Kontrolle
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
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Folgt in erster Linie der inneren Logik des Lernens und in zweiter Linie den Strukturen der
zugrunde liegenden Fachdisziplin. Er ist fächerübergreifend.
Setzt an die Stelle breitangelegten, aber oberflächlichen Lernens die vertiefte Auseinandersetzung
mit exemplarischen, für das Handeln des Ln grundlegenden AG. Die so gewonnenen
Erkenntnisse sollen auf ähnliche Situationen übertragen werden können.
Erfordert institutionelle und organisatorische Rahmenbedingungen, die für die Ln
Handlungsspielräume und Flexibilität in der unterrichtlichen Arbeitsweise und in der
Fächerzuordnung ermöglichen.
Handlungsorientierter Unterricht:
- Wird das Welt-, Gesellschafts- und Menschenbild – was hinter diesem Konzept steht –
akzeptiert? Dazugehörige unterrichtliche Inzenierungsmuster sind: Werkstatt, Expedition, Theater
- Traditionell handlungsarmer Unterricht soll durch die Aufnahme bestimmter Elemente und
Handlungsmuster der anderen Lernorte aufgewertet werden
- Planungsraster: Zwei Strukturlinien (Lehrziele – Lehrverpflichtungen und Interessen des Lh;
Handlungsziele – Lernvoraussetzungen und Interessen des Ln) treffen bei der Festlegung der
gewünschten Handlungsprodukte (veröffentlichungsfähige materielle/geistige Ergebnisse der
Unterrichtsarbeit) aufeinander. Handlungsorientierter Unterricht endet mit der Auswertungsphase.
(Arbeitsthema – Vorbereitungsphase (Lehr- und Lernziele) – Einstiegsphase (handlungsbezogener
Unterrichtseinstieg, Vereinbarung von Handlungsergebnissen) – Erarbeitungsphase – Auswertung)
Pädagogische Begründung handlungsorientierten Unterrichts (Unterrichtsform Projektunterricht):
- ~ = Antwort auf den tiefgreifenden Wandel in der Aneignung von Kultur in einer Lebenswelt,
- drei Begründungsebenen:
 sozialisationstheoretisch (Entsinnlichung und Abstraktion bestimmen die Erfahrungsmgl.
Stärker als früher, d.h. Schule der Gegenwart ist von diesem Schwund kontinuierlicher
Erfahrungen mit Menschen, Dingen, des Gebrauchtwerdens etc. direkt betroffen; ~ ist der
notwendige Versuch, tätige Aneignung von Kultur in Form von pädagogisch
organisierten Handlungsprozessen zu unterstützen und dient dem Aufbau
umfassender Handlungskompetenz; Schwerpunkt: unmittelbare Sinnerfahrung von
Handlungsvollzügen, ihrer Nützlichkeit etc., Chance liegt in einer Sinnstiftung durch
Gegenwartserfüllung. Betonung der sozial-kommunikativen Ebene unter Einbezug
funktionalisierter, moderner Informationstechnologien; Handelnd handeln lernen)
 anthropologisch-lernpsychologisch (Mensch wird in einer dialektischen Person-UmweltBeziehung gesehen, denn im Begriff der Handlung verschränken sich Person und Umwelt;
„Denken geht aus dem Tun hervor und wirkt als Handlungsregulation auf dieses
zurück“; Konsequenz: im handlungsorientierten Unterricht steht nicht die Aufbereitung
des Wissensstoffes im Mittelpunkt, sondern die Organisation von Handlungen, die Denken
zur „Metatätigkeit“ des Tuns werden lassen)
 didaktisch-methodisch (handlungsorientierter Unterricht strebt genetisches und
entdeckendes Lernen an; Prinzip des exemplarischen Lernens, wobei prozesshafter
Gestaltung den Vorrang gegeben wird; zeichnet sich aus durch: Offenheit bezüglich der
Ziele, Inhalte, Methoden; Individualisierung und Differenzierung der Lernprozesse;
Raum für sinnlich-unmittelbares Tätigsein; Selbststeuerung der Schüler; LehrerKooperationen)
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
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Didaktische Prinzipien des beruflichen Aus- und Weiterbildungsprozesses
Didaktische Prinzipien:
- Grundsätze (systematisierte Handlungen) für die Gestaltung des Unterrichts, basierend auf
gesetzesartigen Zusammenhängen und systematisierten Erfahrungen
- eröffnen Denk- und Handlungsräume für den Lehrer
- gültig für alle Formen des beruflichen Unterrichts
- deskriptive Fkt. - bilden Begründungszusammenhänge der Gestaltung beruflichen Unterrichts ab
- regulative Funktion - wirken auf Orientierung, Ausführung und Kontrolle von
Lehrerhandlungen ohne sie zu bestimmen
Didaktische Regeln:
- spezielle regulative in das Einzelne gehende Hinweise für die Verwirklichung und richtige
Handhabung der didaktischen Prinzipien (lassen sich aus den Prinzipien aufstellen)
- beziehen sich auf konkrete Situationen
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Seminar 2 – Didaktische Prinzipien
1. Erläutern Sie die Bedeutung did. Prinzipien für das pädagogische Handeln des Lehrers
2. Welcher Unterschied besteht zwischen didaktischer Regel und didaktischem Prinzip?
3. Begründen Sie die Aussage: Anschaulichkeit ist eine Eigenschaft von subjektiven Abbildern!
(abhängig von eigenen Voraussetzungen)
4. Welche Möglichkeiten bieten sich dem Lehrer, AG im Unterricht zu veranschaulichen?
5. Mit welchen did. Regeln lässt sich das didaktische Prinzip der Fasslichkeit umsetzen?
6. Erläutern Sie an Beispielen die Möglichkeiten der did. Vereinfachung nach Hering!
7. Erläutern Sie den Zusammenhang zwischen dem did. Prinzip der Aktivität und Selbständigkeit und
der Foerderung nach handlungstheoretisch/-orientiertem Unterricht!
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4.1
Prinzip der Fasslichkeit
Fasslich unterrichten heißt, Lernbedingungen für den Ln so zu gestalten, dass er sich die AG, die
für ihn schwierig sind, mit zumutbarer Mühe aneignen kann (abhängig vom konkreten,
individuellen, altersgemäßen Fassungsvermögen)
Didaktische Regeln zum leichteren Handhaben des Prinzips:
 vom Bekannten zum Unbekannten
 vom Einfachen zum Komplizierten
 vom Allgemeinen zum Besonderen
 vom Leichten zum Schwierigen
Hauptsatz der didaktischen Vereinfachung nach HERING:
„Didaktische Vereinfachung einer wissenschaftlichen Aussage ist der Übergang von einer (in die
besonderen Merkmale des Gegenstandes) differenzierten Aussage zu einer allgemeinen Aussage
(gleichen Gültigkeitsumfanges über den gleichen Gegenstand unter gleichem Aspekt)“
11
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Kriterium der Zulässigkeit: Die Rückkehr von der didaktisch vereinfachten Aussage zur
differenzierten Aussage (in die besonderen Merkmale des Gegenstandes) muss widerspruchsfrei
möglich sein (d.h. während der gesamten Ausbildung muss neu Gelerntes mit Altem verträglich sein)
-
-
jedes Thema kann knapp, zeitsparend und fasslich, aber dennoch wissenschaftlich
einwandfrei und anschaulich behandelt werden
da jede vereinfachte Aussage noch wissenschaftlich zulässig sein muss, ergibt sich eine Grenze
für die didaktische Vereinfachung (wissenschaftliche Veränderungen sind nicht zulässig)
im Schwierigkeitsgrad unterschiedlich wissenschaftliche Aussagen über den gleichen
Gegenstand der Erkenntnis sind unterrichtspraktisch notwendig (gleichzeitige Forderung nach
Wissenschaftlichkeit und Fasslichkeit)
abhängig von den jeweiligen pädagogischen Umständen, werden verschiedene Stufen der
Vereinfachung benötigt = didaktische Vereinfachungsreihe (Bsp.: mit der Verringerung von
Begriffsmerkmalen muss der Begriffsumfang erweitert werden, d.h. wir gelangen zum allgemeinen Begriff, aber
Gültigkeitsumfang bleibt gleich)
-
-
die vereinfachte Aussage enthält das Allgemeinste der in Teilaussagen gegliederten
Ausgangsaussage, ist aber nicht noch allgemeiner als die Ausgangsaussage, d.h. ist keine
Vereinfachungsleiter, denn der Gültigkeitsumfang bleibt erhalten (reine Ausschnittsbildung =
keine Vereinfachung!)
Möglichkeiten der Vereinfachung: Verringerung der Menge und Vereinfachung des Stoffes (kleinere
Stoffportionen, Verzicht auf Details, Verringerung der Fremdworte, Erarbeitung abstrakten Stoffes am konkreten Bsp.)
-
-
-
-
Die Erfassung des neuen Stoffes wird stark von der Einbettung in bereits erworbene Kenntnisse
und Fähigkeiten beeinflusst
Fasslichkeit kann durch die Wahl und Kombination seiner Vermittlungsformen erhöht werden
Klares, verständliches Darlegen und eindeutige Frage- und Aufgabenstellungen
Lh gilt als Transformator, der unterschiedliche Schwierigkeitsgrade jeweils anpassen kann
Es gibt keinen „zu wissenschaftlichen“ Unterricht, denn stoffliche Entlastung ist kein Nachlassen
der Wissenschaftlichkeit
Didaktische Vereinfachung wissenschaftlicher Aussagen reicht weit in den Anfang aller
Unterweisungen hinein – es gibt keine Stufen der Wissenschaftlichkeit, aber der
Vereinfachung, der Fasslichkeit
ohne Niveauangabe des Themas im Lehrplan kann der Lh in bestimmten Maße die Stufe wählen,
die er als Unterrichtsergebnis ansteuern will, d.h. bei richtiger Deutung des Lehrplans, kann das
Problem der Stofffülle gelöst werden (Denken in Vereinfachungsreihen – gute Sachkenntnis
Voraussetzung)
bei der Vereinfachung darf der Gegenstand/Aspekt nicht gewechselt werden
Wichtig: Die allgemeinen und wesentlichen Aussagen über einen Gegenstand müssen sehr
anschaulich aus Konkretem erkenntnisprozessgerecht abgeleitet und nicht fertig übermittelt
werden (darin liegt die Gefahr des Formalismus und nicht in der allgemeinen Aussage)
Mit zunehmender Vereinfachung ist eine Aussage weniger geeignet, eine differenzierte Praxis
differenziert und daher begründet zu beherrschen – Der Grad der Vereinfachung ist von den aus
der Produktionspraxis abgeleiteten Anforderungen an die Ausbildung mitbestimmt
Sätze über didaktische Vereinfachung wissenschaftlicher Aussagen:
a) Tilgung untergeordneter Aussagen (Vereinfachung durch den Übergang zu einer Aussage, die
das Allgemeine von mehreren Teilaussagen ausdrückt und dabei trotzdem das Differenzierte
umfasst)
b) Indizierte Tilgung von nebengeordneten Teilaussagen (Vereinfachung erfolgt durch den
Übergang zu einer Aussage, die das Allgemeine von einigen Teilaussagen übereinstimmenden
Bestandteilen enthält, mit dem Hinweis, dass weitere Teilaussagen vorhanden sind; meist Kalk)
12
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
c) Indizierte Verallgemeinerung (Vereinfachung durch den Übergang zu einer Aussage, die das
Allgemeine von Teilaufgaben zu einer allgemeineren Aussage bringt mit dem Hinweis, dass das
Vorhandensein bestimmter einschränkender Merkmale auf den Umfang der Ausgangsaussage
eingeengt wird; bestimmte Stoffe, i.d.R. Kalk)
4.2
-
-
-
-
Prinzip der Anschaulichkeit
Anschaulichkeit ist eine Eigenschaft von subjektiven Abbildern
AG können gegenständlicher (selbständig erlebte, aufgesuchte, demonstrierte Wirklichkeit),
vergegenständlicher (Modelle, bildliche Darstellungen, Schemata) oder begrifflich abstrakter
(mündliche/schriftliche Darstellung von AG) Natur sein – mit steigendem Abstraktionsgrad
Ein AG führt dann zu anschaulichen Abbildern, wenn das Anzueignende einen bildhaften
Charakter hat, Assoziationen zu bereits Angeeignetem erlaubt oder das Verbale aus solchen
Elementen besteht, die dem Ln vertraut sind
Kann erreicht werden, wenn mit den AG praktisch-gegenständlich gehandelt wird, diese durch
Anschauen gedanklich erfasst werden, an vergegenständlichten AG gehandelt oder mit
sprachlich-begrifflichen AG gearbeitet wird
Ausgelöste Wahrnehmungen/Vorstellungen müssen Ausgangspunkte von Denkprozessen
werden, erst dann ist das Prinzip der ~ ausreichend beachtet worden
Mithilfe von Sinnesorganen erfasst der Mensch das unmittelbar Gegebene und verallgemeinert es
bis zu einem gewissen Grade
Das Ergebnis der Erkenntnis = wissenschaftlich-konkrete
Anschauung = psychischer Vorgang, in dem durch aufmerksames Wahrnehmen und
abstrahierendes Denken, von etwas anschaulich Gemachten, Besitz ergriffen wird
In der Anschauung ist die Vielfältigkeit der Erscheinungen bereits geordnet, Unwesentliches
zurückgedrängt und Wesentliches im Blickfeld
__________________________________________________________________________________
Herausbildung von Selbständigkeit im Handeln durch Rekursion (Zonentheorie Wygotski)
-
-
-
-
Entwicklung des Menschen = Entwicklung der Selbständigkeit einer Handlung (Entwicklung
verläuft nicht linear, sondern sprunghaft; d.h. die Fähigkeitsentwicklung lässt sich als Prozess
darstellen, der in Etappen/Niveaus verläuft)
Um von dem Niveau der aktuellen Entwicklung (Umfang selbständig ausführbarer Handlungen
– n. Niveau), zu einem höheren Niveau der aktuellen Entwicklung ((n+1). Niveau) zu
gelangen, bedarf der Ln (innerhalb der Zone der nächsten Entwicklung – Beschreiben
dominierender Unterschiede) bei mindestens einer Handlung die Unterstützung durch den Lh
(initiiert Handlungen des Ln, indem er orientiert, reguliert, kontrolliert – die Handlungen des Ln
sind durch die Verlaufsqualität „Aktivität“ gekennzeichnet) – eine Stufe besteht aus
Lernhandlung und Handlung
Die Handlung, die durch die jeweilige Entwicklung ausgelöst werden soll, muss als Ziel formuliert
werden
Da die n-te Niveaustufe stets alle Handlungen der zurückliegenden Niveaustufen beinhaltet, erfolgt
die Entwicklung von der n-ten zur (n+1)-ten Niveaustufe über die ständige Ausführung von
Handlungen im Sinne eines rekursiven Prozesses, der Entwicklung hervorruft
Überprüfbar sind zum einen Resultate aus Handlungen der Ln und zum anderen
Verlaufsqualitäten der Handlungen (Maß für die Tauglichkeit des Gestaltungskonzeptes)
13
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Aktivität = Persönlichkeitseigenschaft des Ln, die seine Absicht zum Handeln, das entsprechend den
vorhandenen Bedingungen noch nicht vorliegt, ausdrückt und auf Veränderung seiner
Persönlichkeitseigenschaften gerichtet ist. Kann immer nur in Bezug auf eine Handlung gesehen
werden und ist in Bezug auf verschiedene Handlungen unterschiedlich stark bei den Ln ausgeprägt.
* innere Seite:
* äußere Seite:
- kognitive Ebene (Empfindung, Wahrnehmung, Denken, Gedächtnis)
- emotional-volitive Ebene (Emotion, Wille, Charakter)
- sensomotorische Ebene
Selbständigkeit im Lernen ist die Fähigkeit, Lernhandlungen weitgehend unabhängig von
unterstützenden Hinweisen, Ratschlägen des Lh oder störender Einflüsse auszuwählen und zu
realisieren.
Niveaustufen mit ansteigenden Anforderungen an den Ln zur Befähigung zum selbständigen
Lernen (Verlagerung der Phasen (Orientierung, Lösung, Kontrolle), d.h. die Ausbildung von Aktivität
und Selbständigkeit, in den Verantwortungsbereich des Ln):
Stufe 1:
- einfache Aufgabe – heraus gearbeitet wird Wesentliches hinsichtlich der Struktur der Aufgabenlösung
- Lsg./Kontrolle erfolgt bei ständiger Anleitung des Lh
- Überwiegend Regulierung, Kontrolle
Stufe 2:
- einfache Aufgaben; vom Ln erfolgt Finden des Lösungsweges unter Anleitung; Lösung unter Anleitung des Lh und
die teilweise selbständige Kontrolle der Resultate mit dem Lh
- Regulierung, Kontrolle = überwiegend Lh-Funktion
Stufe 3:
- Einfache, problemhafte Aufgabe; vom Ln erfolgt eigenes Finden des Lösungsweges und selbständiges Aufgabenlösen
- Selbständige Kontrolle des Resultates
- Lh-Funktion: Regulierung, Orientierung
Stufe 4:
- Problem als Fall, Situation
- Problem erkennen, Aufgabenstellung finden, Lösungsweg konzipieren und Probelösungen
- Kontrolle des Resultates und eventuelle Bewertung
- Orientierung = überwiegende Lh-Funktion
Hinweise zur Herausbildung von Aktivität und Selbständigkeit:
- Dem Ln die Arbeit, dem Lh die Führung
- Lernen so organisieren, dass es der Erhaltung/Erweiterung des „Selbstseins“ des Ln dient
- Planen der Lernaktivität mit und für dem Ln
- Ausbildung vorrangig durch Selbsttätigkeit des Ln. Ln sollte deshalb die im Lernziel formulierten
Handlungen selbst vollziehen, denn Vormachen ist kein Ersatz für selbständige Lernaktivität.
- Konstruieren von Lernaufgaben, die dem Ln die Mgl. zum selbständigen, aktiven Lernen geben.
Problemorientiertes Lernen
- Lernen, bei dem Problemerkennungs- und Problemlösungsstrukturen die tragenden Momente sind
- Für den Ln liegt ein Problem vor, wenn er mit einer für ihn neuartigen Situation konfrontiert wird
und die Mittel und Wege zur Beherrschung dieser Situation ihm unbekannt sind oder von ihm nicht
auf die Situation übertragen werden können
- Funktionen des Problems: Gegenstand der Aneignung + Auslöser produktiver Denkprozesse,
die Problemlösefähigkeiten erzeugen können
- Zielt vorrangig auf die Herausbildung der methodischen Komponente der beruflichen
Handlungskompetenz
14
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
-
-
5
5.1
Schrittfolge: Konfrontation mit der Schwierigkeit – Ab- und Eingrenzung der Schwierigkeit –
Formulierung des Problems (Transformation in äußere Sprache) – Aufstellung von Vermutungen
über Lösungen (Hypothesen) – Verbalisierung/Visualisierung des Defizits bei der Lösung des
Problems – Lösungsentwicklung – Lösungsprüfung
Funktion des Lh = Initiator der Denkprozesse
oftmals können nicht alle Schritte im Unterricht ausgeführt werden; so wenig wie mgl. Zeit-,
Leistungsdruck und Restriktionen
Didaktische Elemente des beruflichen Aus- und Weiterbildungsprozesses
Organisationsformen des beruflichen Aus- und Weiterbildungsprozesses
Unterrichtsmethoden (Methode = „Weg nach ...“) sind die Formen und Verfahren, in und mit denen
sich Lh und Ln die sie umgebende natürliche und gesellschaftliche Wirklichkeit unter institutionellen
Rahmenbedingungen aneignen, Formen und Verfahren, mit denen Lh und Ln den Unterricht
inszenieren (d.h. Handlungsorientierung für den Lh mit dem Ziel, den Ln zu Handeln zu bringen) . (Das methodische
Handeln des Lh steht in dem unaufhebbaren Widerspruch, die Ln mit Gewalt zur Selbständigkeit führen zu wollen. Das
methodische Handeln der Ln lebt von dem Widerspruch, selbständig handeln zu wollen, aber doch auf die Hilfe des
Lehrers angewiesen zu sein.) oder: Mit Unterrichtsmethode bezeichnen wir ein System von
Handlungsorientierungen des Lh zur Initiirung von Lerntätigkeiten mit dem Zweck der Ausprägung
von Persönlichkeitseigenschaften.
Unterrichtsmethodisches im weiten Sinne:
Aspekt
Bezeichnung
Beispiel
Organisationsform der Lehrtätigkeit
OF des Lehrens, Unterrichtsform
Lehrvortrag, Unterrichtsgespräch
Organisationsform der Lerntätigkeit
OF des Lernens, Kooperations- Sozialform Frontal- und Gruppenlernen
Eingesetzte gegenständliche Mittel
Unterrichts-,Lehr- und Lernmittel
Lehrbuch, Demonstrationsversuch
Strukturierung des U. nach Teilaufgaben
did. Fkt., Phasen des U., Formalstufen
Vorber. auf Arb. am neuen Stoff
Aktivierung der Lerntätigkeit
erläuternd-illustrativ, problemhaft
Struktur des vom Ln zu beschreitenden
Erkenntnisweges
Unterrichtsmethoden i.e.S.
deduktiv-induktiv, analytisch-syn.
Struktur von Lerntätigkeit
meth. Großform, komplexe U.methode
Projektmethode
Unterrichtsmethoden nach Erkenntniswegstrukturen (Kategorienpaar zur Kennzeichnung):
-
analytisch (Ganzes – Teil) und synthetisch (Teil – Ganzes)
deduktiv (Allgemeines – Einzelnes) und induktiv (Einzelnes – Allgemeines)
deduktiv² (Gewinnen von wahren Aussagen durch wahrheitserbliche bzw. nicht~ Schlüsse) und reduktiv
genetisch (Unvollkommenes – Vollkommenes)
historisch (logisches – historisches)
(Zweck – Mittel); (Ursache – Wirkung); (Struktur – Funktion)
15
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Bsp.: Analytisches Vorgehen im Unterricht: Faktisches oder gedankliches Zergliedern eines AG zum Zwecke der
Bestimmung seiner unter einem Aspekt wesentlichen Bestandteile, Merkmale o.ä.
Handlungsorientierungen:
-
Führe den Gegenstand als Ganzheit ein
Verdeutliche die anzuwendenden Ordnungsaspekte, wie Fkt., Bauteile, Energie etc.
Zergliedere die Gesamtheit entsprechend dem gewählten Aspekt
Stelle die Bedeutung der Teile innerhalb der Gesamtheit und innerhalb des Einzelobjektes heraus
Unterscheide zwischen für den Zweck wesentlichen und unwesentlichen Merkmalen/Bestandteilen
Untersuche den Zusammenhang der wesentlichen Merkmale/Bestandteile
Füge zur Gesamtheit zusammen
Verdeutliche die gewonnenen Erkenntnisse über die Gesamtheit
a) induktive Unterrichtsmethode (Einzelnes  Allgemeines)
- Analysieren mehrerer Sachverhalte, von denen angenommen wird, dass ihnen eine gemeinsame
Gesetzmäßigkeit zugrunde liegt
- Herausstellen von gleichen oder ähnlichen Merkmalen bei allen Sachverhalten. Zwischen den
Merkmalen eines Sachverhaltes bestehen wesentliche Zusammenhänge
- Formulieren der Erkenntnis, dass bei allen untersuchten Sachverhalten jeweils das eine
Merkmal wegen des anderen existiert
- Übertragen der Erkenntnis auf alle Sachverhalte vom gleichen Typ unter gleichen
Bedingungen, d.h. Verallgemeinern der Beziehungen zwischen den Merkmalen durch
Induktionsschluss
Bsp.: Mischoperationen als Lockerungsverfahren: Lockerung in Backwaren durch Gase (Teig: Gashalter und Gas);
Kneten = bringt Stärke- und Eiweißteilchen des Mehls mit Flüssigkeit in Verbindung – Quellung –
Gashalterherstellung; Hefezellen werden mit dem vergärbaren Zucker vermengt Nahrung für Hefezellen –
Gaseinbringung; Wirken, Rühren, Schlagen = intensives Mischen und Entmischen zur Strukturhomogenisierung;
Belüftung der Hefe; Verallgemeinerung: Gashalterherstellung und Gaseinbringung lassen sich im zeitlichen Verlauf
nicht trennen. Es sind nur Verfahren mgl., bei denen sich beide Prozesse gegenseitig nicht stören  einfache
Lockerungsverfahren)
b) deduktive Unterrichtsmethode mit gleichbleibenden Allgemeinheitsgrad
- Analysieren eines Problems/Aufgabe und Bestimmen des Ziels der Problem-/Aufgabenlösung
- Aufstellen von Prämissen, von denen mindestens eine sachbezogen sein muss
- Schrittweises Verknüpfen der Prämissen in Richtung Problem-/Aufgabenlösung
- Formulieren des letzten Schlusssatzes (Konklusion), Vergleich mit dem gestellten Ziel
- Experimentell-anschauliches Bekräftigen des abstrakten Ergebnisses
Bsp.: frischer Beton hat durch die Bildung von Kalziumhydroxid einen pH-Wert von 13. CO2 bildet mit Wasser
Kohlensäure, die mit dem Kalziumhydroxid zu Kalziumcarbonat reagiert (pH-Wert 8,3). Deshalb hat alter Beton an
der Oberfläche einen pH-Wert < 9 und die Bewehrung nahe der Oberfläche kann rosten.
c) progressiv-reduktive Unterrichtsmethode
- als Anfangsbedingungen liegen vor: eine Hypothese über das Wesen, die Ursache, den Grund
eines Sachverhaltes
- Analysieren des Charakters der Hypothese
- Ziehen von Folgerungen aus der Hypothese, die in der Realität prüfbar sind (Beobachtung)
- Stimmen die Folgerungen mit der Realität überein, dann kann die Hypothese als
wahrscheinlich wahr gelten, andernfalls ist sie sicher falsch
Bsp.: Amperesche Molekularstromhypothese: Durch Ausrichtung der Elektronenbahnen in den Eisenatomen entsteht
ein gerichteter Elektronenstrom, der den Magnetismus in Molekularmagneten hervorruft. Prüfung der Hypothese:
16
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Wenn Hypothese wahr, dann muss durch Aufheben des Ordnungszustandes der Elektronenbahnen das mag. Feld des
Stabmagneten verschwinden oder sich stark reduzieren. Ausglühen führt zum Verlust, Schlagen verringert den
Magnetismus. Hypothese bestätigt.
d) regressiv-reduktive Unterrichtsmethode
- Analysieren eines gegebenen Sachverhaltes, der (als Erscheinung) ein den Ln noch unbekanntes
Wesen hat oder der (als Wirkung) auf eine den Ln noch unbekannte Ursache zurückzuführen ist.
Bestimmen des Erkenntnisziels
- Herausstellen derjenigen Merkmale des Sachverhalts, von denen angenommen wird, dass sie für
die Erkenntnisfindung bedeutsam sind
- Zuordnen des Sachverhalts zu bereits bekannten und erklärten Erscheinungen, kausalen
Beziehungen, Gesetzmäßigkeiten
- Aufstellen einer Hypothese über das Wesen, die Ursache, den Grund des Sachverhalts
- Erklären des Sachverhalts mittels der Hypothese
Bsp.: Carbonatisierung des Beton (Warum rosten Bewehrungen am Rand der Betonoberfäche mit dem pH-Wert von 13,
wenn eigentlich ein Rosten bei einem pH-Wert > 9 nicht möglich ist? Hypothese: Durch Umwelteinflüsse sind der pH-Wert
an der Betonoberfläche. Hypothesenprüfung und –bestätigung)
Didaktisch-methodische Gestaltung des beruflichen Unterrichts (Form und Inhalt = Einheit):
a) äußere Seite – Organisationsformen
 des beruflichen Unterrichts – Exkursion, Hausaufgaben, Praktikum, Übung, Prüfung
 des beruflichen Lernens – basierend auf dem didaktischen Grundverständnis;
Unterrichtsgespräche und -diskussion, Konsultation, Lehrvortrag,
 des beruflichen Lehrens – Frontal-, Partner-, Einzel-, Gruppen-, Abteilungslernen
b) innere Seite – Innere Strukturierung
 didaktische Funktionen
 methodisches Vorgehen
__________________________________________________________________________________
Seminar 3 – Didaktisch-methodische Gestaltungselemente – Organisationsformen
Organisationsformen des beruflichen Lernens
a) Frontallernen:
Merkmale:
- Lh wendet sich allen Ln zu
- gemeinsames Vorgehen unter Leitung des Lh
- Lh vereinigt Interaktion auf sich
Vorteile:
- Allgemeine Orientierungsgrundlage gleichzeitig möglich
- Günstig bei Einführung in ein neues Stoffgebiet
- Wird die Kommunikation und Interaktionsprozess durch den Lh initiiert
- gut geeignet, um sachliche Zusammenhänge, Probleme und Fragestellungen aus Sicht des
Lehrers darzustellen (Einsatz als Orientierungsgrundlage zur Darstellung eines neuen
Wissensgebietes, Sicherung von Arbeitsergebnissen, Überprüfung des Leistungsstandes)
- für den Lh: ~ wird von engagierten Lehrern als befriedigend und sinnvoll erlebt, weil er
direkte Rückmeldungen des eigenen Lehrerfolges liefert
Nachteile:
- nicht geeignet, die Selbständigkeit des Denkens, Fühlens und Handelns des Ln zu entfalten
(erzieht fast zwangsläufig zur Passivität und Anpassung, zum Ruhe-, Ordnungs- und
Disziplinwahren - konservativ, lehrerzentriert)
17
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
-
ungünstig, wenn Wissens- und Problemstruktur begriffen und nachvollzogen werden soll
vermeintlich die effektivste Form der Stoffvermittlung, tatsächlich aber nur eine geeignete
Form der Darstellung von Sach-, Sinn- und Problemzusammenhängen
Selbstdisziplin wird nicht erlernt, erleichtert nur die oberflächliche Disziplinierung der
Schüler und kommt somit der Laborierung von Symptomen gleich
Ritualisierung des Unterrichts erleichtert (schaffen kalkulierbare Verhaltenserwartungen
und sichern die schulischen „Machtverhältnisse“)
Eigene Denkstrukturen könne verkümmern
Keine Sozialkompetenz
b) Einzellernen:
Merkmale:
Vorteile:
Nachteile:
c) Gruppenlernen: Merkmale:
- zu Beginn direkte Leistung durch den Lh
- zeitweiliges Zurücktreten des Lh
- Ln arbeiten für sich
- zur Kontrollhandlung wieder direkte Führung durch Lh
- ermöglicht individuelle Problem- und Aufgabenlösung
- hohe Verantwortung
- Selbständigkeit
- kein Informationsaustausch zwischen den Ln
- keine Kommunikation und Interaktion
- der Lh ist nicht in der Lage einzelne Ln zu kontrollieren, nur das
gesamte System
- Ln in Gruppen gegliedert
- Lh initiiert
- Gruppe trägt Verantwortung für die Lsg. der Lernaufgabe
Vorteile:
- Ist geeignet, die Selbständigkeit, Kreativität und Solidarität untereinander zu fördern
- es können sich mehr Ln aktiv und ohne Scheu am Unterrichtsprozess beteiligen
- das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe entwickelt und festigt sich
- relativ selbständiges Arbeiten möglich (AA und geeignete Voraussetzungen notwendig)
- Neugierde kann ausgelebt, Lernumwege betreten werden
- Erlaubt dem Lh die Ln individuell zu beobachten (Rückmeldung)
- anfänglicher Mehraufwand bei der Erarbeitung von Sach-, Sinn- und
Problemzusammenhängen, dieses „mehr Zeit“ zahlt sich allerdings langfristig in Form von
Methodenkompetenz aus
- lernen Kritik aufzunehmen
Nachteile:
- Lh muss lernen, Moderator des gemeinsamen Lernprozesses zu werden und die Ln „loslassen“
- höherer Vor- und Nachbereitungsaufwand für den Lh
- risikoreicher als Frontalunterricht
- Schwierigkeiten, wenn institutionell-organisatorische und personelle Rahmenbedingungen die
Umsetzung erschweren
- zeitaufwendiger
- Leistungsbewertung problematisch
- Aufgaben lassen keinen entwickelnden Spielraum
- Einige Ln nehmen die Aufgabe nicht ernst
d) Partnerlernen:
Merkmale:
- zwei Ln arbeiten direkt zusammen
- sonst wie Gruppenlernen
18
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Vorteile:
Nachteile:
e) Lernen in Abt.:
Merkmale:
Vorteile:
Nachteile:
- fördert Kommunikation und Kooperation
- Leistungsniveau der Partner sollte annähernd gleich sein
- wenig zeitaufwendig
- individuelle Arbeitsgeschwindigkeit möglich
- schlechtes Ergebnis wenn zu heterogene Voraussetzungen der Ln
- zu viele Gruppen die ihr Ergebnis präsentieren wollen
- Lh gliedert Ln in Abteilungen
- Lh wendet sich abwechselnd den verschiedenen Abt. zu
- Differenzierung in verschiedene Zielgruppen möglich
- schwierig zu kontrollieren
- zeitaufwendig
- unruhig
Begründen Sie die These: Gruppenlernen bereitet den Ln zweckmäßig auf die Arbeitsanforderungen in
modernen Produktions- und Dienstleistungsstrukturen vor. (Verantwortungsbewusstsein)
Seminar 4 – Organisationsformen des beruflichen Lehrens
Lehrervortrag (Einsatzfelder):
- bei neuen Inhalten, wenn Vorkenntnisse des Ln zu gering, Selbsterarbeitung zu kompliziert ist
- der Inhalt eine relativ hohe Anzahl von Fakten aufweist
- eine Zusammenfassung gegeben werden soll
- der Ln mit Techniken/Methoden des Ln vertraut gemacht werden soll
- es um besonders emotionale Wirkungen geht
- Gefahr des fließenden Übergangs vom Vortragen zum Diskutieren
Regeln zum Einsatz eines Lehrervortrages
- Die Qualität eines Lehrervortrages kann man daran erkennen, was wie angekommen ist
- Um die beabsichtigte Wirkung zu erzielen, muss Inhalt + Gestaltung auf die Ln zugeschnitten sein
 gründliche Vorbereitung (mgl. freie Rede in überschaubaren Sätzen, gedanklich geordnet)
 Zweck muss dem Ln verständlich sein (klar formuliertes Thema mit Gliederung und
knapper Zusammenfassung; thematische Verknüpfung verdeutlichen)
 nicht zu lang, Kerngedanken in Hauptsätze; keine zu große Weitschweifigkeit/Dichte
 Wesentliche Aussagen am Satzanfang oder Satzende plazieren
 Lebendig, anregend, humorvoll - Vermeidung sprachlicher Klischees, Modewörter;
sparsamer Umgang mit Fremdwörtern
 Blickkontakt zu Ln suchen
 Bewusster Einsatz sprecherischer Mittel (laut – leise, nüchtern – engagiert)
 Gezielter und maßvoller Einsatz von Körpersprache (Mimik, Gestik)
 Wie soll die Ergebnisssicherung gestaltet werden?
Kriterien zur Bewertung von Lehrervorträgen:
- Angemessenheit (Voraussetzungen der Ln angemessen, Gegenstand verständlich formuliert?)
- Funktion (kommunikative Absicht, lässt der Lh Fragen entstehen, können Ln diese äußern?)
- Verknüpfung (Anschluss ersichtlich, wird Verknüpfung deutlich?)
19
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
-
-
Geschlossenheit (wird dem Ln das Ziel deutlich, gibt es einen Orientierungsrahmen, wird im Ln
subjektive Bedeutsamkeit bewirkt, ist gedankliche Struktur nachvollziehbar und durch Medien
unterstützt?)
Gestaltung (freie Rede; Blickkontakt, dialogischer Charakter wirksam, war Darbietung vom
Einsatz sprachlicher Mittel her wirksam, sprecherische Mittel zweckmäßig eingesetzt, die
Körpersprache angemessen eingesetzt?)
Unterrichtsgespräch:
- Gespräch, das zum Zwecke des Lehrens und Lernens veranstaltet wird, i.d.R. mit definierten
Anfang, erkennbarem Ende und einer inneren Zielgerichtetheit
- Gesprächspartner haben gleiche Rechte und Pflichten – dialogische Struktur
- Zielt auf vernünftige, diskursive Verständigung zwischen Lh und Ln
- Grundrhythmus: Gesprächsgegenstand wird bestimmt – Gespräch nimmt seinen Lauf –
Gesprächsergebnisse werden zusammengefasst, gesichert
- Je nach Funktion im Unterricht und Ausmaß der Lehrerlenkung – verschiedene Gesprächsformen:
 Unterhaltung (lockerste Form, verläuft weder zielstrebig noch planmäßig, hat
ausgleichende Funktionen zu erfüllen, dient der Entwicklung/Pflege des sozialen Klimas)
 Schülergespräch (Lehrer nimmt sich zurück und lässt Schülern freien Raum)
 Diskussion, Streitgespräch (stark verregelte Gespräche zur Erörterung umstrittener
konsensbedürftiger Fragen)
 Gelenktes Unterrichtsgespräch = Lehrgespräch (Lh gibt Inhalt und Ziel vor, zwingt Schüler
durch regelmäßige Zwischen- und Rückfragen zum Nachvollziehen des Gedankenganges;
Einklink-, Rückmelde-, Steuer-, Übungs- und Vorbereitungsfunktion = ein
unökonomisches, unehrliches, die Herrschaftsverhältnisse im Unterricht verschleierndes
Handlungsmuster; der Lh schafft im Gespräch keine von den Ln in
Selbsttätigkeit/Selbständigkeit zu besetzenden Handlungsspielräume, sondern Spielwiesen
für Probe-Denken; Gründliches und dauerhaftes Lernen ist im ~ kaum möglich, weil es
schwer ist, derart vermittelte Unterrichtsinhalte emotional positiv zu besetzen – schnell
erarbeitet und schnell vergessen!)
 Fragend-entwickeltes Gespräch ( Lh entwickelt durch geschickte Nutzung der
Vorkenntnisse der Ln einen Sach-, Sinn- und Problemzusammenhang)
 Prüfungsgespräch (Form der Leistungskontrolle, Lehrerlenkung hoch)
Kriterien für die Bewertung von Unterrichtsgesprächen
- Angemessenheit (ist der Einsatz dem Thema und den Voraussetzungen der Ln angemessen?)
- Funktion (wecken von Aufmerksamkeit, Erzeugen von Problembewusstsein, Erarbeitung neuer
Erkenntnisse, Ergebnisssicherung)
- Geschlossenheit (Gesprächsfaden und Struktur erkennbar?)
- Denkmuster (konvergent – Anwendung von Bekanntem auf neue Situationen; divergent – Aufbau
neuer Sach- und Sinnzusammenhänge)
- Didaktische Anforderungen (offene, geschlossene Fragen; Schrotschussfragen; Ballonfragen –
Testfragen zum Erkunden neuer Lernlandschaften; Vermeidung von Fehlformen – Ketten-,
Suggestiv- und Echofragen)
- Fragetechnik (wie wurden Aufforderungen an Ln gerichtet; hatte der Lh Geduld beim Zuhören von
Antworten; welche helfenden Impulse gab der Lh dem Ln? Frage-Antwort-Kette; Alternative
Verzweigung (bei ja zur nächsten Information); Frage-Gegenfrage-Kette; Frage-(Antwort+Frage)(Antwort+Frage); Impulsgeleitetes Gespräch (Frage oder Stellungnahme – Auseinandersetzung mit
Gehörtem, Beantwortung oder Stellungnahme, neuer Impuls – Auseinandersetzung ...)
- Subjektkontrolle (wie geht der Lh auf Antworten ein, Fördert oder gängelt er das Frageverhalten?)
20
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
-
bezüglich der Organisationsformen des Lehrens und Lernens wird davon ausgegangen, dass die
Ausgewogenheit ihrer Anwendung die Qualität eines guten Unterrichts charakterisiert
__________________________________________________________________________________
5.2
Didaktische Zwecke und didaktische Funktionen
Der didaktische Zweck ist die Intention (= Absicht, eine Änderung des inneren oder äußeren
Zustandes des Ln zu erreichen – resultiert aus dem didaktischen Grundverhältnis), mit der ein Lh
Lernhandlungen initiiert.
Ziel = ein(e) in der Gegenwart geplante, für die Zukunft erstrebenswerter Zustand/Situation (in der
beruflichen Aus- und Weiterbildung sind die Zustände i.d.R. selbständig auszuführende Handlungen
des Ln); Mögliche Funktionen des Zieles: Orientierung/Strukturierung, Antrieb, Kontrolle
Das didaktische Ziel ist die mit einer Lernhandlung geplante Veränderung einer(s) erstrebenswerten
Situation/Zustandes des Ln in Hinblick auf seine Persönlichkeitsentwicklung (Ziel des Ln –
vorweggenommenes Resultat seiner auszuführenden Lernhandlung, Ergebnis liegt vor; Ziel des Lh –
vorweggenommenes Resultat seiner Lehrhandlung; Ln löst Aufgabe)
Didaktische Funktionen
- Eine Handlung ist laut Erkenntnistheorie nur dann bleibend, wenn sie vollständig ist:
a) Orientierungshandlung: Orientieren auf die auszuführende Handlung durch:
- Bereitstellen eines Musters der Handlung/des Handlungszieles (Fertig-, keine
Fähigkeiten werden erreicht!)
- Wie oben und Hinweise zur Ausführung der Handlung
- Analysieren von Problemen und Erarbeitung eines strukturellen Abbildes von
auszuführenden Handlungen
- Reaktivieren von zur Handlung erforderlichem Wissen, Können und Wollen
- Entscheiden für eine Handlung
b) eigentliche Handlung: Ausführen der Handlung
c) Kontrollhandlung: Kontrolle und Bewertung der Handlung und des Ergebnisses
-
Strukturierung des Unterrichts über didaktische Funktionen, (Unterrichtszeit hat nichts mit
didaktischen Funktionen zu tun!) aber variabel in der Wahl der Funktionen
Die didaktische Hauptfunktionen sind in ihrer Reihenfolge vorgegeben - linear, nicht
veränderbar, starr
die didaktischen Nebenfunktionen sind Abschnitte im Unterricht, die von der Situation bestimmt
werden und Flexibilität zulassen
21
Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Bezeichnung der did. Funktionen
didaktischer Zweck
Phasen Lernhandlung
Einstieg (Praxisbeispiel), Einstimmung
den Ln für die LernOrientierung
(Ansprechen des Gefühls), Reaktivierung
handlung aufschließen
(Hausaufgaben, Exkursion); Handlungsorientierung (Bereitstellen eines Handlungsmusters), Handlungsentscheidung
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Erstaneignung (Reaktivierungseinheit Tafel,
den Stoff für den Ln
Handlung
Informeller Überblick, einführendes
aufschließen
Unterrichtsgespräch, Arbeit am neuen Stoff)
---------------------------------------------------------------------------------------------Festigung, Vertiefung, Konsolidierung durch:
Lernergebnisse für den Ln
Anwenden, Wiederholen, Üben, Systematisieren, besser verfügbar machen
Verallgemeinern, Konkretisieren, Lösen und
Erfüllen von Aufgaben,
---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------Kontrolle, Bewertung
Kenntnis über den erKontrolle
Reichten Erfolg für Ln/Lh
Lehrplan – Berufliche Schule
- ist die geordnete Zusammenfassung von Lerninhalten, die während eines Zeitraumes über
Unterricht, Schulung oder Ausbildung von Lernenden angeeignet oder verarbeitet werden soll(en)
(nach BLANKERTZ)
- Ableitung der Inhalte aus den Anforderungen aus dem beruflichen Handlungsfeld der Ln
- Unterscheidung: a) Lehrpläne für die beruflichen Schulen (Erarbeitung von landestypischen ~ auf
Grundlage der KMK-Rahmenlehrpläne); b) Ausbildungsordnungen mit Ausbildungsrahmenplan
- Zwei Aufbaumodelle: a) matrixartiger Aufbau mit Grundlage in der Lernzieltaxonomie; b)
T-förmiger Aufbau (Lernzielformulierung für ein Stoffgebiet)
- Lehrplan = Verwaltungsvorschrift mit verbindlichen (Lernziele, -inhalte) und
unverbindlichen (Hinweise zur didaktisch-methodischen Arbeit) Anteilen
Zielarten (nach Gültigkeitsumfang)
- Abstraktionsarten eines Lernziels:
 Richtziel (Schulart) – Erarbeitung weltanschaulicher Grundlagen für die Lernzielerstellung
 Grobziel (Lehrplan) – Lernziel mit mittlerem Abstraktionsgrad – Grobplanung
 Feinziel (Unterricht) - Feinplanung
Taxonomie von Lernzielen (Ordnungssystem, das den Ordnungsaspekten einer Wissenschaft genügt;
zur Klassifizierung von Grobzielen)
Leitprinzipien nach BLOOM: - Widerspiegelung beobachtbaren, unterschiedlichen Schülerverhaltens
- Taxonomie soll logisch korrekt sein – überschneidungsfrei
- soll sich nur mit Verhaltensänderungen befassen, die durch Lernen
beeinflussbar sind
- soll ein deskriptives (beschreibendes) System sein
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Bsp.: Taxationsstufe/-feld im kognitiven Bereich: Wissen – Verstehen – Anwenden – Analyse – Synthese – Bewertung. Eine
Stufe beinhaltet immer die vorherige Stufe.
Mindestanforderungen an die Zielformulierungen:
- projektierte Endverhalten muss so beschrieben sein, dass es beobachtbar ist
- müssen Bedingungen angegeben sein, unter denen das Endverhalten gezeigt werden sollte
- der Kontrollmaßstab (Quantität der Verlaufsqualität der Lernhandlung) muss angegeben sein
Ein Lernziel bezeichnen wir als operationalisiert, wenn auf Unterricht bezogen jeder in jeder Situation
und zu jeder Zeit die Angabe des Lernziels in gleicher Weise versteht.
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Arbeit an und mit Projekten
Historisches:
- Projektgedanke resultiert aus den Produktionsstrukturen Anfang des 20. Jh. (Zunft – Gesellenstück)
- Heimprojekte in landwirtschaftlichen Kursen (STEVENSON); Entwicklung ist aus arbeitspädagogischer Sicht
hervorgegangen, wurde in Theoriezusammenhang gebracht (Progressive education); DEWEY – wurde nicht als
Unterrichtsmethode, sondern als Unterrichtsorganisationsprinzip verstanden („Kreativ sein, um progressiv zu sein ...“)
- Reformpädagogen berufen sich später auf amerikanische Ansätze, dann Verschwinden der Unterrichtsmethode auf
Grund „teurer“ Ausbildung
- Projektgedanke in D in den 60er Jahren wieder entdeckt (aber nur als singuläres Einzelteil)
Vorbemerkungen:
1. Es ist zu unterscheiden zwischen der Arbeit an und mit Projekten und dem Projekt selbst.
Unterscheidung an/mit Projekten aus did. Sicht:
 AaP, die den Ablauf einer geschlossenen Ausbildungseinheit bestimmt
 AaP, die eine besondere Stellung in der Ausbildung hat (Projektwoche)
 AaP, die als singuläres methodisches Element und zur Strukturierung eines
Unterrichtsabschnittes dient
2. Ein Projekt ist ein realisierbares Vorhaben, das im Unterricht eine Mittelfunktion bei der
Aneignung hat. Die Realisierung des Projektes hat für den Ln Problemcharakter und erzeugt
(generiert) AG.
3. Die Arbeit an und mit Projekten ist ein gestalterisches, damit didaktisches und methodisches
Problem, das von Lh und Ln gemeinsam gelöst werden sollte.
Merkmale der Arbeit an Projekten aus did. Sicht (Real- statt Nominaldefinition):
-
Projekt (Vorhaben) ist vorhanden
AaP weist Problemlösungsstrukturen auf
Problem lässt mindestens zwei Lösungen zu
AaP orientiert sich an den Erfahrungen und Interessen der Ln
AaP ist durch eine vollständige Lernhandlung gekennzeichnet
AaP erfolgt in größeren oder kleineren Gruppen, aber auch einzeln
AaP ist fach- und berufsfeldübergreifend
AaP ist polyinstrumental (AG) und methodenpluralistisch (an Verfahren)
AaP ist vorrangig durch Selbstorganisation und –verantwortung geprägt
Das vergegenständlichte Projekt hat einem objektiven (verwertbares Produkt) oder subjektiven
(was entsteht muss neu sein) Gebrauchswert für den Ln
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Unterschied zum handlungsorientierten Unterricht? Letzteres ist ein Konzept und keine Methode, aber trotzdem stimmen
Merkmale in einigen Punkten überein.
Ablauf eines Projektes:
1. Kriterien für die Auseinandersetzung mit der Projektinitiative (Ausgangspunkte)
- Interessen der Ln (Lebensraum)
- Bildungswert des Projektes (Lehrplan)
- Realisierbarkeit
- Gebrauchswert des Produktes
2. Projektskizze enthält Angaben zum zeitlichen Umfang, Produkt und groben Arbeitsgebieten
3. Projektplan:
- Auflistung aller Tätigkeiten
- Tätigkeiten werden auf Gruppen/Personen verteilt
- Zeitplan für die einzelnen Tätigkeiten wird aufgestellt
- Qualifizierungsziele (Wissen, Fähig-, und Fertigkeiten)
Nicht das angestrebte Produkt ist das übergeordnete Ziel, sondern die Qualifizierung der Ln
4. Projektdurchführung
5. Beendigung des Projektes mit ev. Projektbericht
- bewusster Abschluss (Fertigstellung eines Produktes)
- Rückkopplung zur Projektinitiative (Vergleich Entstand mit Ausgangspunkt, Fehleranalyse,
Aufzeigen von Schwächen und Stärken)
- Auslaufenlassen des Projektes, wenn Qualifikationen schon vorher erreicht wurden
In Verlauf eingeschoben:
 Fixpunkte (fachspezifische Methoden gehen um Teil verloren, durch das Auflösen der
Fächerstruktur, allerdings müssen methodische Elemente erhalten bleiben;
Zusammenfassen von Gruppen bei besonders wichtigen Punkten)
 Metainteraktion (Interaktion über etwas ... zw. Lh und Ln)
Ein Abschluss ist nach allen Phasen möglich, aber aus Zeit- und Motivationsgründen nicht förderlich.
Mindestvoraussetzungen für die Arbeit an und mit Projekten
Lehrer
Lernender
- Kenntnisse über das Berufsfeld des Ln (betriebliche Praxis)
- Beherrschen bestimmter Arbeitstechniken (Kom.)
- Bereitschaft/Neugier auf Lernprozesse, deren Ursprung bei Ln liegt - Fähigkeiten (Wesentliches aus Texten erkennen)
- Interesse am gemeinsamen Problemlösen
- Beherrschen kommunikativer Grundfertigkeiten
- Interesse an fachübergreifenden Problemen
(Protokollieren, mündl. Wiedergeben, Begründen)
Überbetriebliche Ausbildungseinrichtung
- Anforderungen, die aus technischen Innovationen resultieren, kann häufig in kleineren
betrieblichen Einrichtungen aus den unterschiedlichsten Gründen nicht nachgekommen werden
- Erforderlich, die betriebliche Ausbildung durch eine überbetriebliche zu ergänzen – Ln werden in
spezialisierten Tätigkeitsfeldern ausgebildet
- Ausbildung erfolgt nach dem Ausbildungsordnungen, Ausbildungsrahmenplänen
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Didaktik der beruflichen Aus- und Weiterbildung
Außerbetriebliche Ausbildung
- werden Jugendliche aufgenommen, die keinen betrieblichen Ausbildungsplatz erhalten haben
- anstelle des Betriebes tritt als Vertragspartner eine öffentlich-rechtliche oder gemeinnützige
Organisation ein, in deren Werkstatteinrichtungen der praktische Teil der Ausbildung erfolgt
__________________________________________________________________________________
Seminar 7 – Übung Unterrichtsmethoden
1. Konzipieren Sie unter Nutzung eines Erkenntnisweges einen Unterrichtsentwurf. Stellen Sie Ihren
Unterrichtsentwurf dar!
2. Bewerten Sie die Tauglichkeit der dargestellten Unterrichtsentwürfe unter Berücksichtigung der
angenommenen Ausgangsvoraussetzungen!
__________________________________________________________________________________
Merkmale einer Bewertungssituation im Unterricht
1.
2.
3.
4.
5.
Objektivierbarkeit der Aufgabenstellung und damit des Handlungsergebnisses
Bezug auf einen Schwierigkeitsmaßstab bzw. „Kraftaufwand“
Möglichkeit des Gelingens oder Misslingens einer Handlung
Subjektiv verbindliche „Maßstäbe“ für die Bewertung
Abhängigkeit (Urheberschaft) der Leistung vom Handelnden
Bewertung im Unterricht umfasst:
-
die Ermittlung einer Lernleistung unter Berücksichtigung ihres Zustandekommens
den Vergleich der ermittelten Leistungen mit einem festgelegten Maßstab
die Fixierung eines Urteils
die Äußerung des Urteils
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