Mutismus

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Mutismus
Mutistische Kinder sind keine Seltenheit. Und dennoch ist Mutismus ein Phänomen, das für so manch indirekt
Betroffene kaum nachvollziehbar ist. Stefanie Preisl, Musiktherapeutin (Univ.) vom aks, hat schon viele mutistische
Kinder betreut.
Was versteht man unter „Mutismus“?
Preisl: Um Mutismus handelt es sich, wenn jemand, der sprechen kann, sich über einen längeren Zeitraum hinweg in
bestimmten Situationen nicht äußert. Das nennt man dann (s)elektiven (auswählenden) Mutismus. Beim selteneren totalen
Mutismus spricht jemand, der reden könnte, überhaupt nicht.
Gibt es auch andere Merkmale?
Preisl: Jeder Mutist ist anders. Im Extremfall wirken die Personen völlig versteinert, zeigen keine Mimik, ihre Bewegungen
sind verlangsamt, sie können auch nicht nonverbal kommunizieren, d. h. sie teilen ihrer Umgebung weder Zustimmung (z.B.
Nicken) noch Ablehnung (z.B. Kopfschütteln) noch Auswahl (z.B. auf etwas Deuten) mit. Sie sind körperlich anwesend, ohne
sich selbst zu zeigen.
Und wie sieht das Verhalten aus in Situationen, in denen er spricht?
Preisl: Das ist meist zu Hause so. Dort wirkt das Kind völlig unauffällig, d.h. es spricht, bewegt sich, handelt wie andere Kinder
auch. Teilweise verhalten sich mutistische Kinder in ihrer Familie sogar auffallend lebhaft.
Kann man sagen, mutistische Kinder haben zwei Gesichter?
Preisl: Ja, irgendwie schon. Sie sind ja einerseits völlig in sich zurückgezogen, in anderer Umgebung dagegen wirken sie fast
übermütig. Und eben dieses Phänomen ist für den Außenstehenden wie für die Familie schwer nachvollziehbar.
In welchen Bereichen ist Mutismus besonders auffällig?
Preisl: In den Bereichen, in denen unsere Gesellschaft kaum ohne Sprache auskommt, z.B. in der Schule. Spätestens hier
kommen die Eltern in Bedrängnis. Ihre Kinder, die ja durch ihre „Stummheit“ hervorragende Beobachter sind und das in der
Schule vermittelte Wissen oft gut aufnehmen können, erscheinen der unwissenden Lehrperson als stumm, dumm, stur und
sogar schulunfähig. Was nützen da die Aussagen der Eltern, ihr Kind sei zu Hause völlig normal?!
Was ist die Ursache von Mutismus?
Preisl: Es gibt keine eindeutige Ursache von Mutismus. Manchmal kann etwas im Leben eines Kindes ein Auslöser sein, was
für einen anderen nebensächlich ist.
Gibt es Auslöser, die gehäuft als mögliche Ursache eines Mutismus vorkommen?
Preisl: Ja. Manche Kinder haben z. B. sprachliche Schwierigkeiten. Andere betroffene Kinder wachsen in einer Familie auf,
die sich nach außen hin sehr stark abgrenzt. Oder die Beziehung von einem Elternteil zum Kind ist zu eng. In seltenen Fällen
hütet das Kind ein „Familiengeheimnis“.
Kann den Betroffenen geholfen werden?
Preisl: Ja. Das Wichtigste ist es, die Person ernst zu nehmen. Und das Zweitwichtigste ist es, den Menschen, die mit dem
Mustisten zu tun haben, einen förderlichen Umgang mit dem Mutisten nahe zu bringen. Für einen Mutisten ist es z.B. wichtig,
dass er nicht gedrängt und dass ihm Zeit gegeben wird. So kann er Vertrauen aufbauen und seine Blockade lösen. Je mehr
ich dränge, desto mehr verschließt sich der Mutist.
Darf er dann tun und lassen, was er möchte?
Preisl: Nein. Er braucht genauso Grenzen wie jedes andere Kind. Wenn ein Kind z.B. beginnt, aggressives Verhalten zu
zeigen, muss ihm Einhalt geboten werden. Man darf es aber nicht nötigen, z.B. jemandem die Hand zu geben.
Welche Therapien sind sinnvoll?
Preisl: Alle Therapien, die ohne gesprochene Sprache Kommunikation ermöglichen. Dazu gehören z.B. Musiktherapie,
Maltherapie, Tanz-/Bewegungstherapie. Hier kann der Mutist über das wertschätzende Verhalten des Therapeuten Vertrauen
aufbauen, sich ohne Worte ausdrücken lernen und über die Rückmeldung (z.B. die Musik) des Therapeuten erleben, dass
das, was er in seiner Musik, in Bildern, in Bewegung „sagt“, ganz viel wert ist. Und damit wird das Kind in seinem Selbstwert
gestärkt, und die Blockade kann vorsichtig abgebaut werden.
Ist Mutismus heilbar?
Preisl: Ja. Dies ist jedoch oft ein langer Weg. Da ein solch konsequentes Schweigen für das Kind irgendwann einmal wichtig
geworden ist, wird es dieses Verhalten auch nicht von heute auf morgen aufgeben.
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