Sozialfall! Was ist das genau?
Was ist ein Sozialfall in der heutigen Zeit? Was ist der Gegenstand der
Sozialen Arbeit? Im folgenden Artikel werden verschiedene, aktuelle
Gegenstandstheorien von Theoretikerinnen und Theoretikern der Sozialen
Arbeit aufgezeigt und verglichen.
In der Medienlandschaft Schweiz wurde in letzter Zeit viel über die Sozialhilfe und vor allem
Sozialhilfebetrügerinnen und Sozialhilfebetrügern berichtet. Immer wieder hört man das Wort
„Sozialfall“. Aber was ist eigentlich ein Sozialfall? Nach Duden ist ein Sozialfall eine Person, welche
auf Sozialhilfe angewiesen ist. Dabei ist ein Individuum gemeint, welches nicht mehr ein selbständiges
Leben führen kann und deswegen Unterstützung des Staates benötigt. Früher war der Gegenstand
der Sozialen Arbeit meist das Bekämpfen der absoluten Armut. Aber mit dem heutigen
fortgeschrittenen Sozialstaat und dem Wohlstand der herrscht, ist der Gegenstand sehr viel komplexer
geworden und es wird, da die absolute Armut in der westlichen Welt nicht mehr vorhanden ist, vor
allem die relative Armut bekämpft.
In diesem Artikel geht es um die Frage, wie ein Sozialfall von den Theoretiker und Theoretikerinnen
der Sozialen Arbeit beschrieben wird. Dazu wird ein genauer Blick in die Gegenstandstheorie von Lutz
Rössner und Silvia Staub-Bernasconi geworfen um die Theorien aufzuzeigen und zu vergleichen.
Dabei gilt die Definition, dass ein Sozialfall eine Person ist, welche nicht nur wirtschaftliche Sozialhilfe
bezieht, sondern allgemein die Hilfe eines Sozialarbeiters, einer Sozialarbeiterin in Anspruch nimmt.
Sozialisiert oder dissozialisiert - Theorie von Lutz Rössner
Lutz Rössner (1998) sieht die Soziale Arbeit als spezifizierte Erziehungswissenschaft. Wobei mit
korrigierenden Massnahmen in den Sozialisationsprozess eines Menschen Einfluss genommen wird.
(S.)
Dies wiederspiegelt sich auch in seiner Gegenstandstheorie. Nach Rössner (1973) ist die Gesellschaft
eine Vielzahl von sozialen Gruppen, welche jede einzeln eine Verhaltensnorm haben. Die
übergeordnete Verhaltensnorm, welche von allen sozialen Gruppen eingehalten wird, bezeichnet
Rössner als Normenpluralität.
Eine soziale Gruppe gehört zur Gesellschaft, sofern sie von den anderen Gruppen toleriert wird. Eine
Einzelperson einer solchen sozialen Gruppe verhält sich sozialisiert, wenn er die Verhaltensnorm der
Gruppe einhält. Allerdings hat nicht jedes Mitglied einer sozialen Gruppe die gleichen Normen in allen
Bereichen. Da jede Person anders ist, scheitert die vollständige Symmetrie und jeder Mensch ist
daher asymmetrisch sozialisiert. Soziale Gruppen tolerieren aber nur ein gewisses Grad an
Abweichung der Norm. Wenn diese Asymmetrie-Toleranz-Grenze überschritten wird, gilt diese Person
als dissozialisiert. (S.)
Demzufolge ist ein „Sozialfall“ nach Rössner (1973) ein Individuum, welches von einer
diagnostizierenden Instanz als nicht „normal“ und daher abweichend von der Normenpluralität
bezeichnet wird. Dabei wird von einer Gefährdung der Dissozialisation gesprochen. Dies bedeutet,
dass bei dieser Person die Sozialisation, also das Lernen der Werte und Normen in einer Gesellschaft,
fehlgeschlagen ist. Falls bei einem Individuum dissoziales Verhalten diagnostiziert wird oder die
Gefahr besteht, dass es zu einer Dissozialisation kommen könnte, wird er als Gefährdeter bezeichnet.
Zusätzlich ist man gefährdet, wenn man befürchten muss, dass Umstände die „normale“ Entwicklung
des Körper und des Geistes eines Individuums gefährden könnte. Was als „normal“ bezeichnet wird,
definiert die diagnostizierende Instanz. Dabei zählt die Norm als die allgemeine, institutionalisierte
Ordnung, welche vorschreibt, wer zur Gesellschaft gehört. Wie bereits erwähnt ist dabei entscheidend,
ob das Verhalten eines Individuums oder einer Gruppe von der Gesellschaft toleriert wird oder nicht.
Falls ein dissoziales Verhalten festgestellt wird, werden Sanktionen gesprochen, um das Individuum
zu normalisieren. (S.).
Rössner bezieht sich sehr auf den Vergleich mit einem „normalen“ Individuum. Bei dieser Theorie
spielen die individuellen Bedürfnisse nahezu keine Rolle. Aus welchem Grund ein Individuum ein
dissoziales Verhalten zeigt, ob aus Bosheit oder zur Existenzsicherung spielt bei Rössners Theorie
keine Rolle. Ganz anders sieht dies bei der Theorie von Silvia Staub-Bernasconi aus.
Soziale Probleme - Theorie von Silvia Staub- Bernasconi
Bei der Gegenstandstheorie von Staub-Bernasconi spielt der Begriff „Soziale Probleme“ eine wichtige
Rolle. Werner Thole (2010) sagt dazu, dass Silvia Staub-Bernasconi der Meinung ist, dass der
Gegenstand der Sozialen Arbeit soziale Probleme seien. Sie unterscheidet drei verschiedene Arten
von Sozialen Problemen (3. Paradigmas):
1. Beim individuumzentrierten Paradigma sind Selbstverwirklichungs- und
Selbstbehinderungsprobleme von Individuen, daher Leiden von Menschen, welche auf nicht
erfüllbare Wünsche und Bedürfnisse zurückzuführen sind das Problem. Dies ist eine
individuelle Angelegenheit.
2. Das zweite Paradigma ist das soziozentrierte Paradigma. Hier werden Probleme, welche
durch Versagen der Sozialisation ausgelöst werden, zugeordnet. Dazu gehören
Pflichterfüllungen gegenüber der Gesellschaft sowie Akzeptieren und Einhalten der Werte und
Normen einer Gesellschaft. Bei Verstoss droht der Ausschluss aus sozialen Systemen.
3. Das dritte und letzte Paradigma der sozialen Probleme ist das Systemische. Hier wird
wiederum zwischen Individuen und Problemen im Rahmen der sozialen Interaktionsfelder und
Systemen unterschieden. Bei einem einzelnen Menschen können sich durch seine
gesellschaftliche Position Barrieren auf tun, die ihm verunmöglichen, seine persönlichen
Bedürfnisse zu befriedigen. Einige Beispiele dazu:
 Bildungs,- und Einkommensniveau
 Fehlende Infrastruktur
 Fehlende Kompetenzen
 Soziale Isolation, fehlende soziale Beziehungen
 Problematische Selbst-, Fremd und Gesellschaftsbilder (Rassismus, Stereotypen,
Sexismus)
Bei Problemen im Zusammenhang mit sozialen Interaktionsfeldern oder Systemen geht es
zum Beispiel um:



Fehlende Gegenseitigkeit im sozialen Austausch
Nicht gerechte Ressourcenverteilungs-, Arbeitsteilungs- oder Sanktionsregeln
Kulturelle Kolonisierung
Soziale Probleme werden vielfach von Individuen nicht als Probleme anerkannt, sie sehen sie als
Fremdverschuldung oder Schicksal an. (S.)
Als Sozialfall bezeichnet Staub-Bernasconi (2007) somit einen Menschen, welcher in mehreren
Lebensbereichen an den Rand der Gesellschaft gerät. Das heisst, dass er keine Möglichkeit sieht,
seine Bedürfnisse zu befriedigen. Dies verunmöglicht oder zumindest erschwert das Wohlbefinden
des Menschen. (S.)
Dabei spielen nicht nur individuelle Probleme eine Rolle, sondern auch Systeme innerhalb der
Gesellschaft, welche eine Person an den Rand der Gesellschaft drängt. Denn nach Staub-Bernasconi
(1995) können soziale Mechanismen, wie zum Beispiel die illegitime Herrschaft, eine ungleiche
Ressourcenverteilung erschaffen. (S.)
Nach Staub-Bernasconi (1995) gibt es eine Rangierung der Sozialfälle in der Gesellschaft. Dabei ist
von der Klientenpyramide die Rede, in welcher die Adressatinnen und Adressaten nach ihrer
gesellschaftlichen Position geordnet sind. Gemäss gesamtgesellschaftlichen Kriterien besteht die
oberste Kategorie aus kranken, alten, pflegebedürftigen und behinderten Menschen. Alleinerziehende
gehören zur Mittelschicht. Verbrecher (je nach Art des Delikts), Suchtkranke oder Obdachlose
gehören dabei zur Unterschicht. Bei Migranten spielt die regionale oder nationale Herkunft eine
grosse Bedeutung.
Den Klienten der Oberschicht steht durch die höhere Toleranz in der Bevölkerung und Politik mehr
Geld zur Verfügung als den Klienten der Unterschicht. Insbesondere durch Spenden, welche bei
Klienten aus der Unterschicht fast nicht gesammelt werden können, aber auch durch gesprochene
Gelder des Staates. (S.)
Vergleich der beiden Theorien
Staub-Bernasconi setzt im Vergleich zu Rössner den Schwerpunkt auf den einzelnen Menschen und
dessen Bedürfnisse und nicht auf den Vergleich mit anderen Menschen in der Gesellschaft. Sie räumt
dabei den individuellen Bedürfnissen einen hohen Stellenwert ein. Auch für die Gesellschaft. Denn es
können nach Staub-Bernasconi Konflikte entstehen, wenn die Bedürfnisse von Individuen nicht
befriedigt werden können, weil Normen und Gesetze der Gesellschaft dies verbietet. (2002)
Ebenfalls erwähnt sie wie Rössner den Vergleich mit einer Norm. Den Ausschluss aus sozialen
Systemen können nach Staub-Bernasconi (1973) durch eine Abweichung der Norm-, Werte- oder
Sinnvorgaben führen. (S.)
Beide erwähnen die Norm oder ein „normales“ Verhalten. Auffallend ist, dass nach der Theorie von
Rössner viel mehr davon ausgegangen wird, das zur Lösung des Problems das Individuum oder
einzelne soziale Gruppen verändert werden müssen und nicht Missstände in der Gesellschaft. StaubBernasconi (2005) sagt dagegen, dass nicht nur Individuen die Adressatinne und Adressaten der
Sozialen Arbeit sind, sondern, falls es ein Teil des Problems ist, auch soziale Systeme. (S.)
Fazit
Abschliessend ist zu sagen, dass die beiden Theorien sehr viele Parallelen aufweisen, aber der
Schwerpunkt doch ganz anders gesetzt ist. Es zeigt zudem, dass die Gegenstandsbestimmung der
Sozialen Arbeit sich stark mit der Entwicklung in der Gesellschaft (staatliche Entscheide, Wohlstand,
Migrationswellen) verändert.
Literatur- und Quellverzeichnis

Rössner, Lutz. (1975). Theorie der Sozialen Arbeit, Ein Entwurf. München / Basel: Ernst
Reinhardt Verlag.

Rössner, Lutz (1998). Entwurf einer Theorie der Sozialarbeit. Neuwied: Hermann Luchterhand
Verlag.

Engelke,Ernst; Borrmann,Stefan & Spatscheck, Christian (2009). Theorien der Sozialen Arbeit.
Eine Einführung (5. Auflage). Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag.

Duden. Online Wörterbuch. Gefunden am 04.Juni. 2011 unter http://www.duden.de

Staub- Bernasconi, Silvia (2007). Systemtheorie, soziale Probleme und Soziale Arbeit: lokal,
national, international oder: vom Ende der Bescheidenheit. Bern- Stuttgart- Wien: Haupt
Verlag.

Thole Werner (2010). Grundriss Soziale Arbeit. Ein einführendes Handbuch. 3. Auflage
Wiesbaden: Springer Fachmedien

Thiersch, Hans. (2005). Lebensweltorientierte Soziale Arbeit. Aufgaben der Praxis im sozialen
Wandel (6. Auflage) Weinheim und München: Juventa.
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