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Gesellschaft (2009)
I.
Kampf
Der Verteilungskampf fordert jedermanns Subjektivität zu Parteinahme heraus.
Den harten Kern des Problems bildet aber immer noch das von Thomas Malthus klar erkannte und
thematisierte – nur übermäßig vereinfachte und deshalb falsch berechnete – objektive Problem der
tödlichen Grenzen des natürlichen Wachstums der Menschheit.
Allfällige Gewaltanwendung ist zu rechtfertigen nur als Herausforderung zu persönlicher
Verantwortung, Kommunikation und Partizipation. Gandhi forderte den gewaltbereiten Gegner durch
persönlichen gewaltlosen Widerstand heraus. Wenn man, wie er, unter persönlichem Einsatz seinem
Gegner die Anerkennung einer Rechtfertigung versagt, so ist das für beide Seiten zwischenmenschlich frustrierend. In diesem Sinne glaubte Gandhi an die Ansprechbarkeit, die Menschlichkeit des
Menschen. Das ist die idealistische Komponente im moralischen Chaos.
Exponentielles Wachstum des Lebens bedingt konfligierende Ansprüche, Rechtfertigungen,
Religionskriege.
Es geht zugleich um Gene und Meme, unüberschaubar kompliziert; hier müssen Vereinfachungen
her. Und es gibt eine (schwach geordnete) Menge vorgefertigter, vererbter und überlieferter
Vereinfachungen, um deren Geltung gestritten wird.
Die Gesellschaft ist ein Spiel, in welchem nicht nur um „Auszahlungen“, sondern auch um die
Spielregeln selbst, die Moral, gespielt wird.
Durch Symbolisierung und Artikulation werden idiosynkratische und gemeinsame Wünsche einer
Verwirklichung näher gebracht. Das braucht Zeit.
Gewalt – zur schnellen Verwirklichung kontroverser Wünsche – setzt der Freiheit, auf die die
Wahrheit für ihr Einigungwerk angewiesen ist, der Kultur, durch naturwüchsige Barbarei eine
Grenze. Sie blockiert kommunikative Artikulation und ist nur als Provisorium zu rechtfertigen.
Friede unter den Menschen ist labil, Friedensordnungen sind auf Sand gebaut.
Es kommt aufs rechte Maß an. Aber genau darum geht der (oft maßlos werdende) Kampf.
Jemand kann jemandem, oder auch allen, böse sein. Aber „das Böse“ gibt es nicht.
Es wäre lehrreich, mehr vom Innenleben, dem Menschenbild, dem Selbstbild und dem Weltbild der
großen Tyrannen zu wissen. Sie haben den Erfolg vielleicht auch deshalb, weil sie anerkennen, was
unsereins nicht sehen will.
Narzißtische* Wut nimmt Gefahr und Selbstschädigung in Kauf. Das ist evolutionär vorteilhaft:
Warnung vor Beleidigung, d.i. vor Beeinträchtigung autoregulativen Potentials. Der Beleidigte ist
nachtragend; die Gefahr seiner irrationalen Rachsucht schützt warnend auch ihn als Einzelnen.
Der sog. Kriegsgott Ares, ist, wie der Name (Ἄρης) sagt, eigentlich "der Geist des Fluchs, der
Rache, des Blutgerichts", er "geht auf in der Ekstase des Blutvergiessens", als Olympier unter den
Olympiern verhaßt, wird Ares überwunden durch Athene, "die Göttin des echten, des sinnvollen
Heldentums" (W.F. OTTO). (Vgl. Jeanne d’Arc, la pucelle, die Jungfrau von Orléans !)
Ares ist (wie Eros) ein Attraktor*. Man kann aktiv auf sein "Bassin" zu steuern und dann passiv
weiter hineinrutschen: Leidenschaft setzt Kräfte frei durch Verengung des Gesichtskreises und
entsprechende Enthemmungen.
Document1, 15.5.16
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Krieg zielt in einer spannungsvollen, komplexen Situation auf eine einfache dominante Struktur.
(Sie zu stabilisieren, bedarf es, nach des Generalfeldmarschalls V. MOLTKE Warnung, weiterer dreißig
Jahre.)
Edler Kampf ist ritualisierter Kampf, ein Regelspiel.
Der wirkliche Kampf ist sehr selten ein edler Kampf. Meist ist es Kampf zugleich um die Regeln;
chaotisch, am Rande (und immer wieder jenseits) der selbstverständlichen Regeln, ein zerstörerischer, minimal auch schöpferischer Prozeß.
Das Leben verlangt: "Nimm deine Chance wahr", andern ihre Chancen zu schmälen!
Die eigenen Lebenschancen sind, wegen der Vieldimensionalität und Komplexität schon der sozialen
Umwelt, kaum berechenbar. Das gilt umso mehr von den Chancen anderer, und das nebelt mir meine
Rücksichtslosigkeit ein. Mit einiger Sicherheit kann man aber doch für die nächsten Schritte von
Verminderung und Erhöhung der Chancen sprechen.
Mit Konkurrenten, die man nicht unterdrücken kann, muß man sich verbünden. So wachsen in der
Gesellschaft Machtblöcke bis zu einem Grad von Ausbeutung der Rechtsgemeinschaft, der das
Vertrauen zerstört, das alle Kooperation (und Ausbeutungsmöglichkeit) trägt. Intern entstehen
dieselben Probleme.
Gesamtgesellschaftliches Mißtrauen kann vor monolithischem Macht-Zusammenschluß schützen.
Eine wachsame Opposition gegenüber den Mächtigsten genießt normalerweise latente, aber
gelegentlich aktiv werdende, allgemeine Sympathien ("schweigende Mehrheit").
Da auch eine starke Opposition ihre eigenen Machtinteressen verfolgt, ist die Gesellschaft daran
interessiert, daß auch diese wirksam kontrolliert wird. Es differenzieren sich also noch weitere Kräfte
aus, ein unkontrollierbarer Wildwuchs kleiner und kleinster kritischer Elemente, um die Ausbeutung
(immer mit Verspätung) wenigstens in Grenzen halten.
Macht erhöht die Sicherheit. Allgemeiner Machtkampf erhöht die Unsicherheit, d.h. das
Sicherheitsbedürfnis – ein Teufelskreis.
Die "Friedensordnung" des "nackten Affen" (DESMOND MORRIS) ist: Stellungskrieg um die
Friedensordnung.
Der Kampf ums Dasein umgibt das Dasein, prägt das Dasein; aber das Dasein ist normalerweise
(wie auch immer gefährdeter) Friede. Im Chaos gibt es Zonen zeitweiliger relativer Ruhe.
Man hält sich allerdings zufrieden dadurch, daß man – am liebsten ahnungslos – anderen Streß
verursacht.
Kränken gehört zur intraspezifischen Konkurrenz.
Kränkungen, die aus einer Inkompatibilität stammen, können nicht durch Entschuldigungen
gutgemacht werden, weil Wiederholungen zu befürchten sind.
Man muß sich zusammenraufen und die Beziehung klären – oder auf Distanz gehen.
In der Öffentlichkeit blickt man hierzuland möglichst unpersönlich, unempfindlich, unansprechbar,
unverletzlich, götzenhaft alle Ansprüche abwehrend, aus der Wäsche. Wer kann, stilisiert sich als
Idealtyp, dessen Allgemeingültigkeitsanspruch er, persönlich tretend, zu vertreten entschlossen ist,
gerüstet für einen undeklarierten, deprimierenden, kalten Krieg aller gegen alle ums Dasein. Der
"verallgemeinerte Andere"* ist Feind. Die persönliche Frustration dahinter ist in der Öffentlichkeit
tabu, ist Privatsache. Die Basis ist traditionellerweise Familie und Verein.
Neckereien dienen zunächst der Erkundung; sodann sind sie ein kreatives Gewinnspiel. Was
darüber hinausgeht, ist Kampf.
Ständiges Gezänk ist der normale Preis des Friedens. Man darf es müde werden – lebensmüde.
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Zwischen allen Individuen und allen sozialen Gruppen ist – in mit und unter aller Kooperation –
mindestens ein Bißchen (mehr oder weniger schmutziger) Krieg der Normalfall.
Daß das Leben nicht Kampf sein solle, ist eine gute Kampfparole.
Gewaltverhinderung ist, ceteris paribus, zunächst einmal Begünstigung von Hinterlist, Verschiebung des Kampfs und der Verwüstungen von der genetischen* auf die memetische* Ebene.
Das Ja zum Kampf kann schnell gefährlich werden, das Nein langsam.
Bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein sahen Ehrenmänner einander als potentielle Todfeinde. Man
hatte duellieren gelernt, Säbel, Degen, Pistole. Der Kriegerstand genoß hohes Prestige.
Jeder Mensch ist jedes anderen potentieller Konkurrent. Aber heute erschießt man den anderen nicht;
man drängt ihn wirtschaftlich von der Straße ab in den Graben.
Das Leben ist Kampf; das menschliche Leben ist ein Kampf für Illusionen.
Betrachtung entdeckt Liebe im Feind. Aber der Kampf duldet keine Betrachtung.
Ökologisch und territorial sind die Grenzen des Wachstums allgemein anerkannt. Wirtschaftlich
und sozial hingegen ist der in Verteilungskämpfe führende Aufstiegsdrang allgemein anerkannt.
Völkermord wird immer belastender. Aber die Dummen, die Armen und die Alten werden lautlos
über den Rand gedrängt werden. Ihre Lage ist hoffnungslos, deshalb ist hier auch keine effiziente
Selbstorganisation zu erwarten. Die Jüngeren aus den beiden ersten Gruppen sind als Desperados
immerhin für Rebellionen zu mobilisieren.
Unter Tieren (und Tarifparteien) muß ritualisierte Drohung realisierbar bleiben, um Drohung zu
bleiben. Hundertprozentig sicher ritualisierte Drohungen funktionieren nicht mehr.
Daß man an irgend etwas leidet, gehört in die normale Kompossibilität*. Wenn man überhaupt
Koexistenz relativ selbständiger Wesen will, will man Kampf. Die Kehrseite normaler, mehr oder
weniger erfreulicher Interaktion ist Leiden – irgendwo zwischen vollkommener Harmonie und
tödlicher Verletzung.
„Mit Bajonetten kann man alles machen; nur setzen kann man sich nicht darauf“ (Napoleon).
Gewalt markiert den Rand einer Sicherheitszone.
Die Basis bestmöglicher kollektiver Sicherheit bilden wohlbegründetes Wohlwollen und
Gewaltbereitschaft.
Moralische Kompromisse sind Kompromisse zwischen Prinzipien, unbefriedigende, harte,
manchmal blutige Entscheidungen in einem chaotischen Grenzbereich.
In diesem Chaos spürt man die Gefahr, sich selbst zu verlieren.
Der Segen, mit dem der Schöpfer den Menschen ins Leben schickt (Gen 1,28), hat den Sinn einer
Vollendung der Schöpfung durch segensreiche Herrschaft. Die Schöpfung ist komplex, die
bewohnbare Erde als Lebensraum ist herrschaftlich strukturiert.
Wir sollen auch sozial nach unserem besten Wissen (alles ist kompliziert, wir werden irren) mit
bestem Gewissen für segensreiche Herrschaftsverhältnisse kämpfen und dem Fluch gegebenenfalls
leidensbereit tätig entgegentreten.
Kampflust gehört zur Naturausstattung. Wir sollen sie segensreich einsetzen.
Konkurrieren darf ich nicht, wenn ich weiß, daß es segensreicher ist, wenn der andere gewinnt. Sich
unterwerfen aber darf man nur, wenn man das für sozial zuträglicher hält als Kampf.
Der Gute erkennt und anerkennt den Besseren, der ihn besiegt hat, kritisch, wachsam, bereit zu
neuem Kampf, aber neidlos.
Es siegt aber nicht immer der Bessere. Der Gute muß das Gute (unter eigenen und fremden Opfern)
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durchsetzen. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (Erich Kästner). Das reale Gute kann nur
tragisch schön sein.
Man muß kämpfen und verletzen, ohne doch sicher sein zu können, daß es die gute Sache gewesen
sein wird, wofür man gekämpft hat.
Gemeinhin soll man kompromißbereit sein. Das ist jedesmal eine symbolische Selbstpreisgabe, ein
Ehrverzicht, dem nicht immer so viel Ehre widerfährt, wie ihm gebührt.
Manchmal aber kann man vorerst keine Kompromisse machen, ohne sich verloren zu geben, ohne
sicheren Ehrverlust.
Der Weltgeist gleicht einem spielenden Jungen1, sagte Heraklit. Das Leben im ganzen ist zwecklos,
aber sinnvoll. Darum gilt es ernst.
Ernst* ist eine zuversichtlich, vorsichtig umsichtige Leidens-, Arbeits- und Kampfbereitschaft.
Man soll nicht das Gefühl dafür verlieren, daß man das eigene Leben verlebt. Ernst ist Balance über
dem Abgrund.
Unernst (Spielen) wiederum kann davor bewahren, daß man sein Leben mit tierischem Ernst
verspielt. Unser Leben ist ein Kampfspiel in der Arena der menschlichen Beschränktheiten. Deshalb
soll der Mensch sich im Kampf nicht verbiestern.
Kämpfenkönnen und Verlierenkönnen: das ist die Freiheit dessen, der das Leben liebt, im Ernst
mitspielt.
Doppelschichtigkeit der sozialen Beziehungen ist Gebot der Humanität: Machtkampf und
Solidarität (Identifikation, recognition).
„Schau, wie ich leichthin allen Anforderungen des Lebens unserer Art genüge!“, ruft der
Zaunkönig. Der Gesang ist objektiv Werbung, Rivalität, Kampf, subjektiv vielleicht wirklich Spiel.
Über kurz oder lang ist durch die Dynamik des Lebens jeder gezwungen, was er selber braucht,
direkt oder indirekt einem andern wegzunehmen.
Das kleine Kind tut dies mit Selbstverständlichkeit. Es wächst mit der gleichen Selbstverständlichkeit
in Kooperationsformen hinein.
Kreativität erweitert, per definitionem unvorhersehbar, den gemeinsamen Spielraum und lindert den
Konkurrenzdruck, aber nur für eine begrenzte Zeit. Immer wieder entsteht deshalb an den sozialen
Fronten eine moralisch und rechtlich chaotische Situation.
Essen ist archaisch sozial ambivalent – wie Sex. (Hochzeit wird gefeiert; zum Sex zieht man sich
zurück.) Bis heute haben sich in Tischsitten archaische Tabus bei uns erhalten: Zu Beginn
gemeinsamen Essens hält man sich zurück. Sozial disruptive Gier droht. Bevor man selber anfängt zu
essen, sollte man sich umsehen, ob alle wohl versehen sind. Man bringt einander sogar rituell gute
Wünsche zum Ausdruck. Der Beginn eines gemeinsamen Essen und Trinkens ist ein festlicher
Moment.
Das Leben ist ein äußerst unwahrscheinliches – im Kosmos entsprechend seltenes – Zufallsphänomen. Harmonie ist nur lokal* stabil. Krieg und Revolution gehören deshalb zur Gesellschaft wie der
Zerfall zum Individuum.
Die verschiedenen Individuen kommen zu inkompatiblen lebensnotwendigen Vereinfachungen.
Alle Vorstellungen von Friedensordnung werden ständig gröblich verletzt. Mitleid wird schöpferisch, Keim von neuer Friedensordnung.
1Αἰὼν
παῖς ἐστι παίζων. Manfred Eigen hat diesen Ansatz in seiner Forschung zur Selbstorganisation der
Materie und zur Evolution des Lebens weiterverfolgt.
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Sich-Durchsetzen und Sich-Vermehren gefährdet die soziale Ordnung. Zur Legitimation bedarf es
göttlichen Befehls und göttlicher Mitverantwortung.
Um knappe Güter wird gekämpft. Prestige (darunter auch: Menschenwürde und Bürgerrecht) regelt
den Machtkampf um die knappen Güter.
Die menschliche Gewaltbereitschaft ist eine ständige Bedrohung; aber sie schreitet fast nur im
Kollektiv zur Tat (Krieg, Polizei). Sie ist sozial domestiziert. Aber auch als bloße Möglichkeit prägt
sie die soziale Wirklichkeit. Mehr oder weniger profitieren fast alle davon. Das erhält das System.
Jeder an seinem Ort trägt es mit. So ist jeder mitverantwortlich.
Die Geschichte ist ein Kampf der Vereinfachungen.
Mit Hetze breitet einer seine eigenen Aggressionen aus. In Ideologien stabilisiert er sie. Im Licht
einer befriedigenden Ideologie geht man ganz sachlich zu Werke.
Haßprediger, Kriegshetzer wachsen auf wachsenden Frustrationen. Mit Vorteil rufen sie latente
Wünsche ins Bewußtsein. Sie setzen sich für ein radikal (dualistisch) vereinfachtes Gesellschaftsmodell ein: „Wir Guten gegen die Bösen“. Nach diesem Modell organisieren sich ihre Gläubigen mit
ihren Aggressionen – kraft der Ökonomie der sozialen Spannkraft – mental um und koordinieren sich,
hoffend auf befriedigende Spannungsabfuhr in Systemzusammenbrüchen der sozialen Realität.
Solche ins Chaos führende Selbstverstärkung ist der – manchmal kreative – Rhythmus von
Naturprozessen.
II.
Kooperation
Versöhung durch Fußball zwischen zwei Bevölkerungsgruppen in einem nordost-indischen
Gliedstaat (Nagaland, ehemals Kopfjäger), die sich über der Strategiewahl zur nationalen
Emazipation verfeindet haben: die Friedensaktivisten gegen eine gemischte Mannschaft aus den
verfeindeten Lagern!
Die erste soziale Reaktion auf einen Lebensraum knapper Ressourcen ist Konkurrenz. Die zweite ist
Kooperation. Die primäre Konkurrenz ist additiv, und zwar ein Konstant-Summen-Spiel* (der Vorteil
des einen ist der Nachteil des anderen). Bei Kooperation dagegen kann die Summe dessen, was der
eine und was der andere bekommt, größer werden. Deshalb ist sie für das Ergebnis oft wichtiger als
die Konkurrenz.
Mit Kooperation verwandte Strategien des Lebendigen im fundamentalen Konkurrenzkampf um
Lebens-Chancen sind Liebe und Verstehen. Sie sind kleine Koordinationen im großen Verbrauch von
Ordnung, marginaler Rückfluß im wirbelnden* Strom des ausbeutenden Lebens.
Humanität ist eine besonders im christlichen Abendland kulturell ausgebaute Naturausstattung:
kooperationswillige Identifikation im Gen-Pool, in instabilem Gleichgewicht mit Konkurrenzverhalten.
Unter den Begriffen Libido und Aggression wird – in spezieller Hinsicht – über Kooperation und
Konkurrenz geredet.
Die verständigen Ideen des Menschen überschießen die Möglichkeiten des Einzelnen, so wünscht er
sich Kooperation, so entstehen unter günstigen Umständen sog. Unternehmen. Sie schaffen neue
Expansionsräume.
Kooperation ist lokal eine Alternative zu Konkurrenz. Sie stärkt jedoch auch den etwas Übervorteilten für seine Konkurrenz mit Nichtkooperiernden.
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Die soziale Unübersichtlichkeit gebietet Mißtrauen. Sie wird durch die manipulative Information
der professionalisierten Werbung global verstärkt. Profit hat seinen Preis. Mißtrauen bremst die
Kooperation – und also die Entwicklung.
Entweder Kampf oder Innovation, lautet immer wieder die Frage des Überlebens in der Gesellschaft.
Die Friedenspflicht fordert zur Erweiterung des Lebensraums die Kreativität heraus. (Der in die
Gläubigen ausgegossene Schöpfergeist gehört als Bedingung zur gebotenen Liebe.)
Handel – Übervorteilung – Drohung – Gewalt bilden ein Kontinuum. Die Dynamik ist chaotisch.
Je mehr Menschen, desto (weit überproportional) größere Koordinationsprobleme. Auch das schafft
Arbeitsplätze.
Jedes koordinierte Handeln, auch barbarisches, enthält kulturelle Werte, – die in letzterem Falle
auch bessere Unternehmen ermöglichen könnten.
Koordination stärkt; der Erfolg ist die Bestätigung. Die Koordination ist für den Erfolg wichtiger als
der Wahrheitsgehalt der Repräsentanz, auf die man sich da pragmatisch geeinigt hat. Gemeinsamer
Wahn hat nützliche Ordnungsfunktion.
Es ist eigentlich ein Wunder, wie viel Konkurrenz in Kooperation transformiert werden kann, wie
viel frustrierende Koordination und Recht von einer überwältigenden Mehrheit bejaht und
mitgetragen wird. Es ist kulturverstärkte Natur.
Mit Selbstverständlichkeit hilft man einander gern ein wenig, auf schlechtem Wege nicht
auszurutschen und liegen zu bleiben, – aber selbstverständlich begrenzt durch die Verantwortung für
das eigene Fortkommen.
Konfliktfreie Komplementarität zwischen dynamischen Systemen wurde von den Alten als
„Schöpfungswunder“ empfunden, etwa die Harmonie eines lebendigen Körpers. Harmonische
Ergänzung ist, als energetisches Minimum, ein Attraktor der Entwicklung.
Je wichtiger für die Zuchtwahl die Kooperationsfähigkeit wurde, desto unwichtiger wurden die
körperlichen Qualitäten des Individuums.
Kommunikation stellt symbolische Kopien von Ideen her.
Die kollektive Energieersparnis durch geordnete Verfahren legitimiert Entscheidungen. Dieser
energetisch begründete Formalismus legitimiert sogar Dezisionismus und Willkür. Im Extremfall des
Krieges geht es um Tod und Leben; alle Symbolik wird, mit Emotion, Gewalt, Irreführung und Lüge,
hierauf bezogen. Feindschaft zerstört gemeinsame Symbolik; diese wird chaotisch.
Rücksichtslosigkeit beruht oft auf echter Stumpfsinnigkeit.
Man ist von einander abhängig. Die Zusammenarbeit aber läßt zu wünschen übrig. Man muss
seinen Mitmenschen ihre weitgehende Determiniertheit zugute halten; auf dieser Basis kann man sich
dann doch auch an ihren kleinen Integrationsleistungen freuen.
Man erwartet zu viel von seinesgleichen; man hält sie für freier, als sie sind, für die wünschenswerte
Bereicherung durch Integration.
Aber wenn man zu gut von den Menschen gedacht hat, man wird böse. Oft übt man, wohlmeinend in
gemeinsamem Interesse, Druck aus, bedrückenderweise ohne den gewünschten Erfolg. Das Subjekt
muss resignieren, sich an (fremde und eigene) Determiniertheit anpassen; es muss innerlich umbauen.
Dann kann es mit neuen, vielleicht bescheideneren Ideen Erfolg haben.
Die menschliche Gesellschaft braucht Glauben an Gerechtigkeit und Moral für stabile Kooperation.
Jede Glaubensstärkung ist willkommen, kultiviert opfermütiger Idealismus wird geschätzt.
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Der Egoist sitzt, weil er nur kraft Kooperation Macht hat, auch nach Darwin, nicht per definitionem
am längeren Hebel. Er braucht Bundesgenossen, und er muss Feindschaften fürchten. Er sowohl wie
die andern muss möglichst umfassend wahrnehmen und verstehen. Alle Macht ist durch (mehr oder
weniger breites und tiefes) Einverständnis konstituiert.
Auch von dieser Erfahrung ist durch den Selektionsprozeß viel in den Kulturen (und vermutlich auch
genetisch etwas) festgehalten. Der höchst komplexe, stark chaotische, kaum voraussehbare
Naturprozeß der Symbolik sichert weder dem Altruisten, noch dem Egoisten den Sieg zu.
Die Subjekte sind einander genetische und memetische Umwelt. Im (für unser Verstehen)
chaotischen Weltgetriebe stabilisieren ungefähre Kooperationen zeitweise kleinere Identitäten in
größeren – spannungsvoll und konfliktiv.
Auch menschliche Koordinationen entstehen durch zufällige Anstöße, meist durch Ideen, memetische
Anregungen von außen, Traditionsstücke. Ganz neue Eingebungen sind sehr selten. Auch
moralisches Wertgefühl wird mithilfe äußerer Vorgaben entwickelt. Verwandtes Verwendbares,
„Väter“ und „Brüder“ sind wichtig.
Aber soziale Werte sind zunächst und zumeist „Angebote“ in dem Sinne, daß sie der Nachfrage nach
integrierenden Forderungen entsprechen! Die genuin religiösen Herrschaftansprüche von
Wertvorstellungen werden durch die Kultur symbolisch verwoben und dadurch gestärkt; dabei wird
ihr religiöser Charakter abgeschwächt.
Eine Kultur der Bescheidenheit kann mittelfristig einen wohltemperierten Frieden erhalten. Unter
dem Druck der exponentiellen Wachstumsstruktur des Lebens aber bleibt auch ein auf Bescheidenheit gegründeter Friede prekär.
Ein Kollektiv braucht eine gemeinsame Existenzsymbolik und gemeinsam erlebte Emotionen und
Feiern, wo sich jeder mit seiner Symbolik und Emotion einbringen kann und Teilnahme findet: Im
Zentrum festliche, laute und stille Freudensymbolik; aber auch gemeinsame Trauersymbolik und
auch die laute Aggressionssymbolik (Gebrüll, Geschrei und Schlachtgetümmel), Beispiele:
Nationalhymne, Trauerfeier und Fußball-Nachspiel.
Auch der Gottesdienst soll festlich sein.
III.
Die Gesellschaft
Die Globalisierung verunsichert die etablierten Kulturen und Subkulturen. Mancherorts muß in
chaotischen Verhältnissen, von Grund (nämlich kleinsten und kurzlebigen sozialen Einheiten) auf,
neu nach analogen Kompromissbereitschaften in weiteren Einheiten gesucht werden, um wieder
tragfähige Ordnungen zu konstituieren.
Wir können die gesellschaftliche Entwicklung, wie jede „Evolution“, nur sehr beschränkt
vorhersehen. Jeder hat viele (und immer auch neue) Methoden und Methodenkombinationen, um
seine Macht auszuweiten; und deren Effizienz ist kontextabhängig. Darum ist es unmöglich, ein
Regelwerk zu etablieren, das zuverlässig schlechte Kandidaten hindert, zu Macht zu kommen. Man
kann höchstens (durch schnelles Eingreifen, Gesetze und Verfassungsänderungen) kurz- und
mittelfristige Vorkehrungen treffen. Demokratie kann entarten; Volkswahl ist manipulierbar.
Demokratie stellte schon immer hohe Anforderungen an den Bürger. Es gibt in der Gesellschaft viel
mehr praktikables Wissen als der einzelne im Kopf haben kann. Das Mißverhältnis ist nun aber
überwältigend geworden. Der Mensch muß die Selbstorganisation der Spezies erleiden wie einen
Naturprozeß und versucht, zu retten, was zu retten ist.
Die von den Menschen abgesonderte Entropie schlägt sich bereits am Rande der Gesellschaft als
Elend, Verwahrlosung und Kriminalität nieder.
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Geht es lange gut, neigt ein Volk zu Selbstsicherheit; geht es immer besser, neigt es zu Übermut;
geht es lange besonders oder zunehmend schlecht, neigt es zu Räuberei. Am bekömmlichsten wäre
ein immer rechtzeitiger Wechsel.
Die Menschheit ist den Schleimpilzen ähnlicher als ihrem veröffentlichten Selbstbild.
Das System Menschheit ist äußerst fern vom thermodynamischen Gleichgewicht. Die Elemente der
soziologischen Statistik verhalten sich im Kleinen wie im Großen frustrierend unvorhersehbar. Jeder
weiß es: Die Geschichte verläuft chaotisch. Alle soziologischen Berechnungen und längerfristigen
wirtschaftlichen Voraussagen werden von den tatsächlichen Abläufen immer wieder über den Haufen
geworfen.
Die Natur ist eine Rabenmutter. Die Gesellschaft ist eine animalisch wohlwollende, aber ziemlich
verständnislose und unaufmerksame Mutter. Das belastet und prägt auch die einzelnen Mütter. Die
Individuen haben ihren Lebensgeschichten entsprechende Sozialisationsschäden.
Das menschliche Leben ist auf wechselseitige Vergebung angewiesen.
Stereotypen im soziologischen Sinn sind das Material, aus dem Gesellschaftstruktur gemacht ist.
Sie sind nötig wie die Knochen in unserem Leibe.
Emotionalität als lebendige Präsenz schafft soziale Identifikation und Abgrenzungen; gesteigert,
verwandelt sie stabile Systeme in explosive Aggregate.
Rationalität ermöglicht stabile transitive* Begriffsverknüpfungen zwischen Systemen und dadurch
Aufbau stabiler komplexer symbolischer, also auch sozialer Strukturen.
Vielleicht ist eine praktisch hinreichend zuverlässige Kooperation in unübersehbaren Kollektiven
nur auf dem Boden von hochattraktiven gemeinsamen Illusionen möglich.
Historische Bildung hat abnehmend praktischen, sie hat am ehesten kritischen Wert.
Bildung überhaupt ist letztlich Bescheidenheit2. "Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang."
Kulturen steilen sich auf. Die Zeit der Weltkriege war dann eine Kettenreaktion von Zusammenbrüchen. So etwas geschieht immer wieder und macht die Rede vom kulturellen Fortschritt problematisch.
Genau genommen, ändert sich der Zustand eines System durch jede Bewegung eines der Elemente;
Überschreitung konkreter Grenzen (anschaulich: das Eindringen eines kritischen Elements durch die
Haut oder die Kleidung, Zimmer-, Haustür, Landes-, Bündnisgrenzen), aber auch abstrakter kritischer
Werte, ändert das System qualitativ und es muß künstlich durch starke Kräfte geregelt werden, um
unübersehbare Konsequenzen zu verhüten. Länder werden eingebettet in ein Verbundsystem
internationaler Kultur mit juristischen und polizeilichen Teilsystemen. Auch die Stabilität des
Verbundsystems aber hat ihre Grenzen. (Unanschauliches Beispiel: Vertrauenskrise, die zum
Bankenkrach führt.)
Institutionalisierte Kultur ist ein bedenkliches Symptom einer Zivilisation. Kultur sollte nicht
isoliert, in allerlei Kunstgegenstände abgedrängt werden, sondern im gesamten Leben herrschen.
Kultur ist Lebensstil. Kultur besteht nicht in der Produktion von Kulturgütern. Es geht in der Kultur
um den Übergang zwischen dem Unaustauschbaren und dem Austauschbaren. Der Markt lebt vom
Tausch, deshalb ist der Kulturmarkt der Übergang von der Kultur in die Barbarei.
2
In der Etymologie von "Bescheidenheit" fließen die Bedeutungen zweier verschiedener Wurzeln
zusammen: "Bescheidwissen" und "Genüge am Zugeteilten", zusammen.
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Man muß, um der gemeinsamen Sprache willen, dem selbst entsprechen, was man als allgemeingültig sagt. Sonst unterhöhlt man die Sprache; die Gesellschaft wird zur Heuchelgemeinschaft, brüchig.
Soziale Mobilität bringt Spannung zwischen die (biographisch geprägten) Individuen und die
Gesellschaft.
Ein großes Gemeinschaftswerk stärkt den Glauben an das Gute im Menschen, – wie ein Tempel
wirken soll.
Kleidungsmarken, Computersoftware, Weltfirma stiften instabile Zugehörigkeitsgruppen, ErsatzHeimaten in der mobilen Gesellschaft.
Es gibt zwar eine (topologische) "Überdeckung" der Menschheit durch die sozialen Integrationsprojekte der Einzelnen. Diese jedoch sind untereinander nicht widerspruchsfrei. So schaffen sie nicht nur
Kooperation, sondern auch Konkurrenz.
Autoritäre Regimes schaffen eine Gesellschaft der uniformierten Lüge.
In Demokratien herrscht eine Konkurrenz von Lügengesellschaften mit Freiraum dazwischen für
öffentliche Besinnung auf die Wahrheit.
Danken ist die einfachste Form von Rechtspflege.
Ferner: Schuld zugeben, um den Geschädigten wenigstens durch Anerkennung seiner Gefühlsreaktionen zu entschädigen.
Schuld wirklich gutmachen, wäre oft ruinös; darum ist es sozial heute unrealistisch; gleichwohl ist es
ein reales Gefühlsproblem. Der Gläubiger muß sich die Ehre geben, auf gewisse berechtigte
Ansprüche zu verzichten.
Ähnlichkeit der Mem*-Systeme verschieder Menschen (Glaubensbruderschaft) bedeutet
Verwandtschaft der Selbstsymbole, Loyalitäten, Identifikation im Suchen der eigenen Wahrheit. Das
"egoistische Mem*" nimmt die Natur in seinen Dienst.
Wenn man auf einer Ebene keine hinreichende Chance sieht, mit Wahrheit mehr Gutes als Böses zu
bewirken, muß man manchmal sein Gewissen belasten und die Macht der Lüge verstärken durch
Heucheln, jedoch sofort darauf sinnen, auf anderer Ebene die Macht der Lüge zu bekämpfen, und
später suchen, die Wahrheit zu sagen, ohne ein Unglück anzurichten.
Die Solidarität, die ein Mensch als solcher genießt, ist breit, aber seicht wie das Wasser am
Nordseestrand. Die Anziehungskraft des Mondes, eine Brise kann unabsehbare Flächen trockenlegen.
Je mehr Menschen es gibt, desto dünner wird die Decke. Und je größer die Machtmittel der
unberechenbaren Menschen werden, desto stärker werden die Brisen.
Wie für den Einzelnen, gilt auch für das Kollektiv: Das Prestige ist Funktion nicht nur der Macht,
sondern auch der Moral.
Verbrechen der Ehrenmänner werden erleichtert durch willige Mittelspersonen. Die Schuldgefühle
werden durch deren Anzahl geteilt.
Die Interessengruppen (die Nächsten, Verwandte, Freunde und Kollegen) können als Evolutionsinseln fungieren, wo neue Ideen im Kommunikationsprozeß sich verdichten und ausgestalten können.
Diese Gruppen erwarten dann, daß sich ihre Ideen in der Gesellschaft – vielleicht auch nur minoritär
– durchsetzen.
Es gibt eine stabile minoritäre Chance für friedfertige Strategien (J. Maynard Smith).
Die Gesellschaft verlangt ihre Heiligen; so wird sie, um ihrer selbst willen, denen, die danach
aussehen, auch Überlebenshilfe gewähren.
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Das funktioniert natürlich nur durch einen komplizierten Mechanismus, wo die nötigen Einzelnen
einen Profit für ihre eigenen egoistischen Gene* und Meme* erwarten.
Im Chaos ist jeder virtuell gleich wichtig. In vereinfachten Umständen konzentriert sich die
Wichtigkeit bei wenigen.
Ärger und Stress bedeuten nicht nur Energieverlust, sondern sind, etwa bei Divergenz zwischen
Ideologie und Wirklichkeit, unverzichtbar, – wie die Reibung in der Mechanik bei der Übertragung
kinetischer Energie.
Im sozialen Getriebe ist Reibungskupplung unentbehrlich. Sie wirkt durch Abnutzung. Aber sie
mindert die Bruchgefahr.
Wenn Lüge und Unrecht so überhand nehmen, daß auch genügend Mächtige mehr Verlust als
Gewinn davon haben, wird – nach einer Phase des Energieverlusts durch allerlei Reibung und
Diskussion – ernsthaft versucht, etwas dagegen zu tun.
Werden die Bezugssysteme unübersichtlich, so steigt der Bedarf nach Vereinfachungen.
Ideologische Komplexitätsreduktion führt zu explosiver Freisetzung der in Kulturform gebundenen
Energien.
Supersysteme stabilisieren, aber verzerren auch, ihre Subsysteme.
Individualismus betont die Wichtigkeit der lokalen Prozesse auf der Systemoberfläche des Genpools.
Kultur ist das Ziel der Erziehung. Selbstbeherrschung ist die Grundlage für Freiheit statt
Fremdbestimmung, also für autonome Entwicklung. Erziehung bietet zumutbare Formen an.
Es ist ein alter, immer noch verbreiteter Fehler, über soziale Probleme nachzudenken als ob die
Gesellschaft aus lauter Einzelkämpfern bestünde. Er hat die Suggestivkraft des Einfachen. Schon bei
den Schimpansen aber sind soziale Intelligenz und Koalitionen wichtiger als die Kraft des Einzelnen.
So entstehen in der menschlichen Gesellschaft auf jeder Ebene der Gruppenbildung neue, immer
wieder andere Subjekte, Mächte und Interessen – mit ihren handlungsorganisierenden Ideologien.
Das macht die Aufgabe der Sozialwissenschaften fast hoffnungslos kompliziert.
"Ein Ding mit einander gedreht" zu haben, schweißt zusammen. Das gilt auch für die Oberschicht
im Einzelnen, im Besonderen und im Ganzen.
Die Gesellschaft braucht für ihre Autoregulation Kommunikation; und für diese braucht sie
Stereotypen. Für die Anpassung an die Außenwelt braucht sie Wahrheit.
Der alltägliche Kommunikationsfluß sorgt für Aneignung der aktuellen Stereotypen. Marginale
(stereotypiert: Philosophen, Dichter, Propheten, Forscher) leisten, als Sensoren der Gesellschaft,
gründlichere Revision.
Zu viele davon kann die Gesellschaft sich ohne Gefahr der Desintegration nicht leisten. Deshalb wird
ideologische Marginalität zunächst negativ sanktioniert.
Hier herrscht eine Selektion, für die es keine befriedigenden Kriterien geben kann und bei der der
Zufall eine enorme Rolle spielt. Was sich da durchsetzt, wird dann (besonders postmortalisch)
gefeiert.
Die Ethik der nationalen Fußball-Mannschaft hat Vorbildfunktion.
Das Leben ist für eine Verlustquote ausgelegt, über deren Höhe der gesunde Einzelne sich
Illusionen macht zum Vorteil des Gen-pools. Die Gesellschaft bestärkt ihn deshalb darin. Sie ehrt
Mut prinzipiell.
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Kontakte mit zu vielen Menschen werden zwangsläufig oberflächlich und partiell. Schwerpunktkontakte sind für die Persönlichkeitsbildung wichtig; hier wächst belastbare Treue. Von hier aus
werden die partiellen Kontakte beleuchtet – und zwar etwas schmerzlich. Man bedauert dann, wenn
man abbrechen muß. Das ist ermüdend, aber erträglich. Wer es zu oft leisten muß allerdings, leidet
Schaden (bis zum Extrem des Burn out in den Dienstleistungen).
Ein glattes, schmerzloses, den Abbrechenden nicht anstrengendes Abbrechen ist für den andern leicht
verletzend.
Ihre Gesellschaft muß den Menschen Opfer wert sein. Sie braucht Engagement; dieses braucht
Perspektiven, und diese brauchen Symbole.
Das Gesellschaftsideal der Solidargemeinschaft ist noch lebendig; aber die heterogen zusammengewachsene internationale Gesellschaft, die hier auch legal operierende Asozialität und die
Makrokriminalität schwächen es.
Krieg aller gegen alle, Chaos herrscht global, aber mit lokalen Stabilisierungsmechanismen. Jede
Subgruppe und jede Supergruppe will intern Frieden; gruppeninterne Ausscheidungskämpfe stehen
unter aufmerksamer Beobachtung und sind stark ritualisiert.
Die optimale Größe naturwüchsiger sozialer Einheiten liegt bei 150 Personen (DETLEV PLOOG,
1997). Darüber hinaus bedarf es artifizieller Strukturen, die mit wachsender Größe nur – immer
unzuverlässiger – konsensual und rational zu kontrollieren sind. Emotionale Bindung gilt nicht mehr
direkt den realen Mitgliedern, sondern ist durch besondere Symbole und Symbolfiguren vermittelt.
Das elementare menschliche Mitgefühl, das den Gen-pool beieinander hält, ist leicht lenkbar und
ablenkbar. Fünf Millionen Juden konnten in Europa zur Vernichtung abgeholt werden, und kaum
jemand erinnert sich, etwas gemerkt zu haben. Es bedurfte eines Führers, vieler gern Verführter und
im Übrigen der Abgelenkten (Pflichtmenschen, Tierfreunde).
Hitler wirkt gekränkt, maßlos rachsüchtig. Er war der willkommene ablenkende Führer eines
gekränkten Volks.
Die Menschheit ist eine Schicksalsgemeinschaft von Einzigen.
Wir räumen einander nur bedingt einen Stabilitätsbereich ein.
Der Herdentrieb hat seine individualistische Rationalität, zu Lasten der Herde!
Starke Gefühle begehren Gemeinschaft.
Für jeden wird etwas immer wichtiger allein dadurch, daß es von immer mehr Leuten wichtig
genommen wird. Es ist nicht jedermanns Sache, diesen Faktor bei der eigenen Einschätzung wieder
in Abzug zu bringen.
Je nach der bunt zufälligen Interessenlage in der vieldimensionalen Gesellschaft wächst plötzlich
um irgend ein reales Problem herum eine Symbolik, die dann ein Stück Welt umorganisiert.
Traditionelle Gesellschaften sind Sprach-, Symbol- und Glaubensgemeinschaften. Instrumentelle
Effizienz hat diese totale Einbettung des Einzelnen aufgebrochen. Es gibt nur noch partielle
Gemeinschaften, die oberflächlicheren Formen von Kooperation und Geselligkeit neben den (nun
auch partiell gewordenen) religiösen Gemeinschaften. Das Individuum ist prinzipiell vereinzelt.
Vor hier aus ist die moderne Gesellschaft konzipiert. Regressive Happenings, von harmlosen
Gruppen-marathons bis zum „Ein Volk, ein Reich ein Führer“ des „Dritten Reichs“ zeigen, wie
unbefriedigend auch die moderne Gesellschaft ist.
Der kleinfamiliäre Egoismus ist genetisch naheliegend.
Schon bei vielen Tieren aber wird die genetische Selbstvorsorge effizienter mit Hilfe von
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komplizierteren Gruppenstrukturen geleistet. Es gibt kollektive Nachwuchs-Fürsorge.
Vermutlich verliert die kollektive Kooperation für das individuelle Gen auf kurze Sicht an
Selektionswert, wenn die Art in ihrem Biotop dominant geworden ist, wie der Mensch, und
extraspezifische Bedrohungen an Bedeutung verloren haben. Der Egoismus wird verwandtschaftlich
enger. Die innere Reibung in der Art wächst. Das jeden bedrängende Bevölkerungswachstum wird
katastrophenträchtiger.
In der menschlichen Entwicklung ist die Memetik* wichtiger als die Genetik. Die genetische
Selbstvorsorge ist in verschiedenen menschlichen Gesellschaften sehr verschieden institutionell
ausdifferenziert. In modernen Gesellschaften ist der Einzelne zu engerem Egoismus befreit dadurch,
daß solche Aufgaben weitgehend an den Staat delegiert sind.
Höchste Fachkompetenz wird für den beruflichen Aufstieg immer wichtiger. Man erreicht sie durch
Konzentration der Kräfte. Das bedeutet, daß immer mehr Leute mit verengtem Horizont das Wetter
machen.
In Peking ist man im unmittelbaren persönlichen Verkehr liebenswürdig. Im Straßenverkehr,
vermittels Fahrrad oder Auto, ist man rücksichtslos. Auch Abfall wirft man bedenkenlos hinter sich.
Masse Mensch ist fast Natur. Ihre Gesetze sind, formell oder informell zu Stande gekommen, fast
unmenschlich primitiv.
Fußgängermasse ist je lokal virtuell menschlich.
Um in den Genuß fremden Altruismus’ zu kommen, müssen (in der Mechanik der alten Sozialstrukturen) Kinder gut erzogen sein; d.h. sie sollten ihrerseits den Eindruck von einer Art Fürsorglichkeit
vermitteln. Allzu modern direkt egoistische Eltern allerdings können solche Erziehung nicht leisten.
Das wenigste von dem, was sie machen und denken, befriedigt die Menschen. Jeder aber trägt ein
Modell des Friedens in sich, für das er arbeitet. So kann einer am anderen Freude haben.
Die soziale Ordnung (Pythagoras und Plato als Wortführer) verlangt im Grunde den Glauben an das
Kosmos-Paradigma: daß die Welt im Grunde gut sei. Solchen Glauben wünscht man sich; er kann
aber, angesichts aller Gekreuzigten, nur je und je ein Geschenk Gottes sein.
Migration und Akkulturation schafft multiple, zerrissene, in breiten Grenzbereichen chaotische
Persönlichkeiten. Diese haben in der heutigen hochmobilen Weltgesellschaft eine paradigmatische
Integrationsaufgabe!
Was wir Menschlichkeit nennen, spielt interindividuell.
Kollektive bilden den gröblich vereinfachend wahrgenommenen Rahmen. Die Vereinfachung ist für
die praktische Koordination unverzichtbar. Die Vergröberung muß menschlich irgendwie
verständlich sein. Handlungsorientierte Kollektive sind deshalb primär monarchisch organisiert,
wobei der Monarch die strukturierende Befehlsmacht hat. Wer sich mit ihm identifiziert, hat ein
brauchbar orientierendes Bild vom Kollektiv.
Anonyme Kollektive werden durch abstrakte Regelwerke wie Recht und Ökonomie organisiert. Sie
sind von Menschen gemacht, um durch Koordination Kräfte zu sparen; sie werden aber als eher
unmenschlich empfunden. "Im Namen des Gesetzes" darf viel Unmenschlichkeit geschehen. Und
umgekehrt: Den armen Staat zu betrügen, ist weniger anstößig als arme Privatpersonen zu betrügen.
Für persönlichen Erfolg ist wichtig der Wille zu großem persönlichem Erfolg. Wem anderes
wichtiger scheint, der ist sozial im Nachteil.
Wenn Pluralismus heute Voraussetzung kollektiver Existenz ist, was wird aus der persönlichen
Identität derer, die keine umfassende soziale Einheit als Resonanzkörper mehr haben? Man empfindet
sich, im Kampf ums Dasein, als vereinzelt. Man sucht soziale Resonanz für die Affekte,
Begeisterungen und Aggressionen, die das Sinn-Erleben stärken. Dafür bedarf es der Kondensations-
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kerne: Idole und Feindbilder, Großtaten und virtuelle Angriffsziele. All dieses bieten KampfsportMassenveranstaltungen. Man hat das im Niedergang Roms und im späten Byzanz gehabt.
Wenn man sich in der Welt hoffnungslos verloren fühlt, sucht man in sich selbst Orientierungshilfe
– man besinnt sich. Wenn man auch in sich selbst nichts von Bedeutung findet, wird man Mitläufer,
ein sog. „Massenmensch“.
Man ist verpflichtet, sich selbst treu zu bleiben. Die Pflicht, sich anzupassen, ist deshalb eine
Verpflichtung zu einer sozialen Kreativität, die zugleich die Persönlichkeit weiterentwickelt.
Solidarität erhöht die Wandlungsfähigkeit der Gesellschaft.
In der Außenpolitik kommt das Grundproblem der Ethik am deutlichsten ans Licht: Hier kommt es
fast nur noch auf den Erfolg an. Das ist, nach Piaget und Kohlberg, die primitivste Moral. Die
entsprechende soziale Situation ist chaotisch. Piaget versteht geistige Entwicklung als Folge von
Äquilibrationsprozessen, auf dem Wege zum Kantischen Idealismus.
Wäre auch die Gesellschaft ein geschlossenes System auf dem Wege zum Gleichgewicht, so wäre das
realistisch. Aber allein schon der Generationswechsel ist eine Störungsquelle. Die gesellschaftliche
Wirklichkeit ist ein chaotischer Prozeß.
Moral aber muß eine evolutionär (mindestens minoritär) stabile Strategie sein. Insofern muß sie dem
Leben dienen.
Man mag dieses so geistig verstehen, wie man will. Trotz all seiner internen Bedürfnisse, dient der
Geist doch auch dem Leib. Auch ein moralischer Idealismus kann immer nur lokal wirklichkeitsfeindlich sein. Auch er weist keinen Weg aus dem gesellschaftlichen Chaos.
Auch der Staat ist bestenfalls ein mildes, mit vereinten Kräften je und je knapp beherrschbares Chaos.
Die Automatisierung des Tötens im Ersten Weltkrieg war weltanschaulich epochemachend; die
Ideologie folgte den Produktionsverhältnissen.
Nietzsche hatte den Geist des Abendlandes, aus dem dieses Morden erwuchs, als Nihilismus
diagnostiziert. Nach diesem Krieg erkannte sich der Patient in dieser Diagnose. Kultivierten
Menschen verschlug es die Sprache. Unreife Intelligenzbestien wurden zu Wortführern und führten
praktisch die Konsequenzmacherei konsequent ad absurdum und zum zweiten Weltkrieg – eine rein
praktische Kritik der Vernunft.
Die Vernunft hat Bescheidenheit lernen müssen und entwickelt sich in diesem Sinne weiter.
KARL OTTO HONDRICH (Frankfurt) stellt (NZZint, 20. Januar 2001, S. 50) fünf "Prinzipien",
"moralische Grundgesetze des Zusammenlebens", heraus, – interessant als Versuch, mit je einem
Paar von Gegensätzen die wesentlichen Dimensionen des normativen Chaos zu identifizieren:
1. "Reziprozität", beschränkt durch Vergebung und Mildtätigkeit,
2. "Präferenz" für das Vertraute, Familiäre, Nationale, beschränkt durch Gastrecht,
3. kollektive "Identität", vom Prinzip der Individualität aufgebrochen,
4. "Tabu", das das Eigenste und Heiligste der Berührung und der Einsicht entzieht, gegenüber dem
Prinzip der Aufklärung,
5. "Schicksalhaftigkeit" – gegenüber "vita activa", Gestaltung der Zukunft aus der Herkunft.
Ebenda führt er die Überlegenheit von Marktwirtschaft, Demokratie und nationaler Kultur darauf
zurück, daß sie "Mechanismen des kollektiven Lernens über Versuch und Irrtum" sind. Überraschende und anregende Zusammenstellungen!
Die Trägheit kultureller Normen ist ein wichtiger Schutz vor individuellen und kollektiven
Kurzschlüssen.
Warum bringt unsere Gesellschaft ihr Alten, Siechen, Sozialfälle und Kriminellen nicht um?
Überblickbare Nützlichkeit ist eben doch nur ein nachgeordneter Gesichtspunkt im menschlichen
Sozialverhalten. Man hat hier ein numinoses Gefühl von Frevel, das sich bisher evolutionär bewährt
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zu haben scheint.
Ferner hat die Wohlstandsgesellschaft an ihnen ein Memento der Conditio humana. Zwar nimmt
kaum jemand zur Kenntnis, was die Unglücklichen in ihrer besonderen Situation gelernt haben. Aber
schon der Gedanke an solche aussichtslosen Existenzformen als eigene Möglichkeiten macht
bescheiden und ein Bißchen menschlicher.
Die dem durchschnittlichen Einzelnen zukommende Wertschätzung hängt auch direkt ab von dem
Größenverhältnis der Gesellschaft zu ihren Ressourcen.
Über die Verteilung der gesellschaftlich bedingten Lebensmöglichkeiten auf der Erde besteht kein
globalgesellschaftlicher Konsens. Das natürliche Zusammenspiel der Mächtigen erhält einen
explosiven Zustand aufrecht. Das geht gut, bis der nächste Volktribun, durch einen Gedankenfunken
ins Pulverfaß, die akkumulierte potentielle in kinetische Energie umsetzt. (Seine revolutionären Ideen
werden seine Ermordnung ein gutes Stück weit überleben.)
Schon Plato erkannte: Stabile Verhältnisse verderben sich selbst.
Für freie Entwicklung von Ideen und unverwechselbarer Individualität ist Kleinstaaterei ein Vorteil;
wie auch für die Evolution der biologischen Arten Inseln3 vorteilhaft sind, auf denen sich, aus
schwachen Anfängen, starkes Neues entwickeln kann. Die Streubreite von originellen Ansätzen und
modischen Debatten, aus denen doch einige weiter tragen, ist größer.
Große Flächenstaaten wie Russland oder China sind von Natur rückständig. (Amerika verdankt seine
Fortschrittlichkeit den europäischen Immigrationen.) Höherer Konformismus ist die Regel.
Entwicklung von Individualität stellt hier höhere Anforderungen. Es bleibt eher bei vielen kleinen
menschlichen Regungen einerseits und ganz seltenen großen Würfen, die aus langer, schweigender
Meditation erwachsen sind, anderseits.
Fundament von Gemeinde, Ehe, Gesellschaft, Freundschaft ist eine „kollektive Subjektivität“.
Ein sozialer Prozess ist Handeln von reflektierenden Subjekten, somit unauslosbar rekursiv und
kreativ. Äquilibrationen und Stabilitäten sind sehr voraussetzungsvoll.
Abstrakte soziologische Systeme sind zwar zeitweilig erhellende, niedrigdimensionale Modelle. Sie
sind aber, globalisiert, zu makrosoziologischen Theorien extrapolierend aufgeblasen, durch
übermäßige Verzerrung für längerfristige Prognosen unbrauchbar.
Gesellschaften sind Symbolgemeinschaften, also auf Halbwahrheiten gegründet. Deshalb gibt es
Gesellschaften nur im Plural – und keine Solidargemeinschaft ohne Desolidarisierung!
Die Desolidarisierungen und der Umgang mit diesen definieren eine Kultur.
Wir sind Mitmenschen. Nur bei Einschränkung der Optik (zB medizinisch, psychologisch, ethisch)
erscheinen wir als Einzelne. (Solche Einschränkung ermöglicht, manches besser zu sehen und
einfacher sozial zu handhaben.) Wir sind gehalten, einander moralisch zu halten.
Bei der Menschenwürde denkt man heute nicht, wie Cicero, daran, die Chancen zur Zusammenarbeit optimal zu nutzen, sondern an mitmenschliche Identifikation. Der andere soll so tabu sein wie ich
selbst, – kein relativer, sondern ein absoluter Wert.
3
Auch eine bessere Variante ist anfangs durch die natürlichen Zufallsschwankungen im
Lebensraum gefährdet. Die Paarungs-Chancen der neuen Variante sind in kleineren Populationen
höher.
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Alle streben nach „dem Guten“. Und da gehören die andern ja irgendwie dazu. Aber jeder versteht
etwas anderes darunter (und das bedeutet Kampf aller gegen alle). Allerdings doch nicht etwas ganz
anderes! Und hier knüpfen Hoffnung und Kommunikation an.
Der Plural ist eine trügerische Vereinfachung! Die Elemente des Kollektivs sind dadurch zählbar,
daß sie verschieden sind; von der konkreten Verschiedenheit aber wird hiermit abgesehen!
Das macht die Soziologie unzuverlässig; denn ihr Problem ist der Umgang mit der hochdimensionalen Verschiedenheit der unberechenbar vielfach organisiert mit einander interagierenden Menschen.
(Die Physik hat es einfacher, weil die problematische Verschiedenheit der kleinsten Einheiten, je
nach Fragestellung, praktisch meist gleichgültig sein darf.
Jede menschliche Gesellschaft produziert Randexistenzen und Kriminelle und exkommuniziert
diese.
Dieses Modell liegt auch der Apokalyptik zugrunde: Nach diesem Äon (Augustin: schon vor diesem
Äon prädestiniert) lebt die Gottesgemeinschaft im Himmel und die Exkommunizierten in der Hölle.
Wie gehen wir mit den Kriminellen um? – : Angstvoll! Sie sind gefährlich!
Die Gesellschaft sollte, schuldbewusst mutig, mit jedem Kriminellen nach bestem Wissen und
Vermögen in dynamischem Kontakt bleiben.
Eine starke Gesellschaft ist eine starke Glaubensgemeinschaft.
Geld „regiert“ die Welt. Maschinen muß man „bedienen“. Ist das wörtlich zu verstehen? – Dasein
ist Mit-Sein; jeder Mensch lebt in wechselseitiger Abhängigkeit von seiner Umwelt. Jedes Ding in
seiner Umwelt hat seine Möglichkeiten und seine Tendenzen, die die Organisation auch anderer
Dinge beeinflussen. Man kann deshalb von Dingen als gesellschaftlichen Subjekten sprechen (Bruno
Latour). Und, je nach den Kräfteverhältnissen, wird die Geschichte dadurch einfacher verständlich.
IV.
Sitte
Klatsch, mediales und parlamentarisches Palaver entwickeln die Sprache weiter. Sie produzieren
das (teils harte, teils weichere) Faktum verbindlicher Sitte, kollektiver Evidenz, sozialer Wahrheit.
Ein Mensch ist eine Ordnung und braucht Ordnung. Reale Ordnungen haben ihre Dynamik,
Attraktoren/Ideale und reale Störungen. Ordnungen können einander stören. Die Kooperation ist
chaotisch. Leben ist struggle for life, immer wieder gewalttätig und mörderisch4.
Jeder Mensch hat seine Vorstellung von Ordnung und deren Dynamik, ihr entspricht seine Ethik und
Moral. Der neuzeitlich beschleunigte gesellschaftliche Wandel macht opferbereite globale
Kooperation zu einem hohen sozialen Wert und bricht zunehmend die alten kollektiven Selbstverständlichkeiten auf; jeder muß seine persönliche Form suchen und zu einem stabilen Selbstbild
finden. Gewalttätigkeit ist im Selbstbild des Menschen zunehmend5 eine quälende Komponente
geworden.
Im Kampf der Ordnungen steht auch das Selbstbild der Akteure auf dem Spiel. Der Kampf ist
Kommunikation; jeder spiegelt den andern. Je schlechter Gewalttätigkeit ins Selbstbild der Menschen
paßt, desto wichtiger ist die Arbeit an einer gemeinmenschlich überzeugenden Sprache6.
In traditionellen Gesellschaften galt: Quod licet Iovi non licet bovi. Seit „jeder Soldat den
Marschallstab im Tornister trägt“ (Napoleon), sind die Top dogs jedermanns Vorbild; das bedeutet
konkret: maßlose Habgier und Machtgier als soziale Norm! Die Oberschicht trägt in einer nie
dagewesenen Breite Verantwortung für die ganze Kultur. „Noblesse oblige“, schrieb P. M. G. DUC DE
4 Daran erinnern uns, schon vor Darwin, Paulus (Röm 13, 1-5) und Luther (Zwei-Reiche-Lehre).
5 Von Jesus bis Gandhi. (Siehe dazu die Analysen des Juristen DIETER CONRAD, Gandhi ..., 2006.)
6 Gandhi: Satyagraha = Festhalten an der Wahrheit. Seine Aktionen wollten zu Verantwortung nötigen.
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LÉVIS 1808.
Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken. Nachtrag: Jetzt, Oktober 2008, halten sich nicht mehr nur
Marxisten die Nase zu.
Die vielen kleinen Zuversichtlichkeiten und Gutwilligkeiten der verschiedensten Leute – ja, in all
ihrer Borniertheit! – laden ein zum Mitmachen mit eigener Borniertheit.
Die resignierte, globale „Weisheit“ hat eine hoffnungsvolle lokale Pointe: „Hier und jetzt
wohlwollend teilnehmen!“
Ist die Menschheit massa perditionis, ein Müllhaufen. So kann doch der schöpferische Blick der
Liebe Wunder tun, recycling: Wo Müll zu Müll paßt, kann aus zweimal Müll ein Brauchbares
werden.
Alles steht dem ratenden Abwägen zur Disposition, auch alle Werte und Normen.
Ein sozialer Wert ist ein einfach symbolisierter kollektiver Wunsch. Eine soziale Norm ist ein
einfach symbolisiertes kollektives Verbot. Beide verdanken ihre soziale Brauchbarkeit ihrer
Einfachheit, und umgekehrt hält der soziale Gebrauch sie einfach.
Am Anfang des Menschenlebens war die intrauterine Harmonie. Es folgen die (teils spannungsvollen) Ausdifferenzierungen der Harmonie zu einem Sozialraum der Freude am Leben – in MutterKind-Beziehung, Kleinfamilie, Klein- und Großgruppen mit je ihren Normen. In diesen Bezugsrahmen sind die meisten Menschen bereit, sich selbst einzuschränken, wenn alle andern die betreffenden
Normen auch einhalten. (Deshalb bedroht jede Normabweichung schon als solche die betreffende
Gruppe, und die Gruppe droht mit Sanktionen.) Normalerweise ist solche Normalität Glück – in
kritischen Momenten ist sie das orientierende Ideal. (Das Über-Ich geht auf Bedrohungen zurück.)
Die Gesellschaft will von jedem Einzelnen ein Ja zum Leben. Notfalls verabfolgt sie ihm Gott als
Droge7.
Mobilität bedroht das Ethos.
Ἦθος = (eigtl.: Wohnstatt ~ Biotop) Ge-„wohn“-heit (dieses deutsche Wort aber hat nichts mit
„Wohnen“ zu tun!) ~ Stabilität, Integration, Vertrautheit.
Ähnlich: „Pflicht“ ist Ge-„pflog“-enheit, ein soziales εἶδος, Gestalt/bonne forme, nur in diesem Sinne
ideal, erhaben, hehr (KANT).
V.
Der soziale Horizont der Ethik
Man muß zweischichtig aktiv sein: sowohl lokal sein Bestes tun wie auch dessen bewusst werden,
dass auch das Beste nur Symbol ist und nur lokal Bedeutung hat.
Die Leibniz’sche Kompossibilität ist Grundlage für alle Beurteilung von Wirklichem.
„Das Gute“ ist abstrakt, aber seelisch konkret.
Philanthropie und Misanthropie sind zwei zusammengehörige Dummheiten. Die gegenwärtige
„westliche“ öffentliche Moral ist eine Philanthropie, die durch ihren Radikalismus ihr Gegenteil
hervorruft.
In großen Kooperationen fühlt man sich sicherer. Sie verlangen aber starke Stereotypierungen.
Philanthropie ist ein sehr weitgehend konsensfähiges Stereotyp. Moralische Stereotypen aber
verführen zu Heuchelei.
7
MARX (1843/44): „Opium des Volks“ (Zur Kritik der Hegel’schen Rechtsphilosophie, Einleitung).
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Die Weltbevölkerung wächst bedrohlich. Die Weltgesellschaft wünscht aber weltweit wenigstens
gesicherte Grundversorgung für Pflanzen, Tiere und Menschen („Bewahrung der Schöpfung“).
Wachstum ist dem Subjekt angenehm. Und die meisten Völker (und Glaubensgemeinschaften)
wünschen sich Wachstum.
Das unstrittig gemeinsam beabsichtigte sustainable development ist ein nur mittelfristig sinnvoller
Begriff. Jede Entwicklung verzerrt Proportionen (zB Oberfläche und Volumen eines wachsenden
Körpers) und ist deshalb unberechenbar und endlich.
Man bastelt gemeinsam an Bewertungen, sinngebenden Zielen. Tabuiert, werden sie Fetische
gefährlichen Aberglaubens.
Das christliche Abendland ist soziologisch eine moralische Diskussionsgemeinschaft.
Gott lässt, auch durch uns, die Evolution arbeiten. Man soll sich, Schritt für Schritt, an Gottes Rat
halten und sich nicht über jeden Kampf und Verschleiß extra ärgern.
VI.
Institution
Schule formt Menschen um durch Information. Allgemeine Schulpflicht uniformiert die Menschheit
und unterwirft dieser die Erde.
Wachsende Institutionsscheu und Institutionalisierung von Nicht-Institutionalisierung (etwa in
Form von Projektgruppen und zeitlichen Limitierungen der Organisation bereits in der Konstitution)
sind eine junge Erscheinung.
Neues Gutes kann sich auch aus eigner Kraft durchsetzen und institutionalisieren. Aber es bedeutet
eine große Erleichterung, wenn es sich auf eine bestehende Institution aufpfropfen kann!
Institutionen können ihre Stärke beweisen, erhalten und vermehren, indem sie sich wandeln. Nicht
beliebige, aber erstaunliche Wandlungsfähigkeit kann ausdrücklich in die Corporate Identity
integriert werden.
Auf symbolstarke alte Institutionen wie die Kirchen kann sich symbiotisch gutes und schlechtes
Neues setzen, wenn es nur eine gewisse partielle Ähnlichkeit hat mit dem Substrat.
Institutionen werden Selbstzweck. Trotzdem bedeuten sie für die Gesellschaft eine kräftesparende
Komplexitätsreduktion; gewisse bewährte Dinge laufen in solcher Form von selber. Aber auch das
lang Bewährte kann unter (von ihm mitbewirkten) veränderten Umständen seine Funktion ändern.
Dann erst wird die Institution problematisch.
VII. Persönliche Beziehungen
Man bleibt, wegen der eigenen Beschränktheit, dem Marginalen Solidarität (ἀγάπη) schuldig und
kann nur hoffen und vielleich für ihn beten, daß er selbst freundliches Verständnis für unfreundliche
Verständnislosigkeit entwickelt.
Gegen die Masse der Artgenossen, die man fürchtet, braucht man Freunde und "Nächste".
Unter je bestimmten Umständen kann jeder Mensch erfreulich sein.
Das Miterleben mit anderen stärkt beide Seiten; es trainiert den einen und stützt den anderen.
"Ausdruck der Selbstachtung" ist für menschliches Handeln die zentrale Kategorie. Alles Handeln
ist als Ausdruck der Selbstachtung wichtig, als Erhebung eines sozialen Anspruchs, den es sozial zu
integrieren, also zu modifizieren und präzisieren gilt, menschlich, kreativ, kooperativ, in
gegenseitigem persönlichem Respekt.
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Traumhaft egozentrischer Ausdruck der Selbstachtung ist unkommunikativ, nicht zu Kooperation
einladend, sondern begeisterte Unterwerfung erwartend, unverschämt.
Es gilt, den Anderen Stärkung ihrer Selbstachtung als Gegengabe für ihre nötige Anpassung zu
bieten. Normales Handeln lädt zum irgendwie Mitmachen ein.
Antwort auf Unverschämtheit (a) akut: "Ich suche nach einem Ausdruck meiner Selbstachtung, der
dir ermöglicht, deine Selbstachtung in einer Weise zum Ausdruck zu bringen, die meine
Selbstachtung weniger in Frage stellt", (b) langfristig: "Wie könnte ein stabiles System umfassenden
gegenseitigen Respekts zwischen uns entstehen?"
Wenn Menschen zu leicht einander ausweichen können, droht ein Bildungsfaktor auszufallen. Zu
viel Freiheit verführt zu einer Unverbindlichkeit, die das (persönliche oder gegenständliche) Objekt
nicht mehr als Spiegel des eigenen Selbst ernstnimmt.
Jeder braucht zur Entwicklung und Stärkung seiner eigenen Menschlichkeit persönliche Zuwendung
von ein paar Individuen als Modellen für die Nacharbeit an eigenen Schwachstellen. Modelle kann
man heute massenhaft vervielfältigen. Der Restbedarf an vermittelnder freundschaftlicher und
väterlicher Zuwendung ist nicht leicht zu befriedigen und kostet den in Anspruch Genommenen
Kraft, – die er selten voll erübrigt .
Der geduldig Zuhörende hält den Spielraum für Integrationsvorgänge offen.
Wir müssen der Toten gedenken, die den vor uns liegenden Weg der gern gemiedenen, gemeinsamen Wahrheit markieren; um mit den Lebenden zutiefst solidarisch leben zu können.
Zusammensein will ausschwingen, die Schwingung wird aber überlagert. Beim Wiedersehen
kommt die überlagerte Schwingung wieder ins Spiel.
VIII. Liebe
Narzißmus und Objektliebe laufen weitgehend nebeneinander her. Selbstobjekt und Objekt
koinzidieren im Ereignis der Liebe; Liebe wird fruchtbar.
Barmherzigkeit hat Evidenz.
Liebe ist personal. Man begehrt oder wünscht „etwas“; man liebt „jemanden“. Wenn man „etwas
liebt“, so ist dieses, als etwas Persönliches, persönlich verantwortlich verstanden. Vgl. GOETHEs
Gedicht Gefunden mit seinem Heideröslein.
Die Gesellschaft ist ein Problem von Liebe und Angst.
Die „erogenen“ Zonen (oral, anal, genital) sind besonders empfindliche, verletzliche Kontaktzonen.
Die zuletzt in Führung gehenden werden verhüllt; die Scham schützt vor der Chaotik von Begehren
und Angst. Die Verhüllung umspielt, dämpft und integriert diese sozial.
Der Trieb, die alte Natur, infiltriert die Phantasie und das Denken. Das Ich braucht Hilfe vom
Überich oder von der Gruppe, um das unter Kontrolle zu halten.
Das Schöne belebt; es aktiviert von innen heraus.
Liebe verdient man sich nicht. Sie ist ein durch eine Person übermitteltes Gottesgeschenk.
Das Begehren hat Objekt- und Zielvorstellungen, aber diese sind nur in pathologischen Fällen starr.
Sie repräsentieren, mehr oder weniger flexibel, ein Zusammenpassen, Zusammenwachsen, Teilhaben
an lustvoller, hoffnungsvoller Harmonie.
Lebendige persönliche Identität ist bedingt mischungsbereit; bereit, sich an die Geschichte der
Liebe zu wagen.
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Der Intimität als Lebensaufgabe des jungen Erwachsenen muß nach E.H.ERIKSON eine entwicklungsfähige Identitätsbildung des Adoleszenten vorausgehen. Denn Liebe führt konkret immer wieder
in Selbstentfremdung und Selbstveränderung.
Eine Sublimation der solchem Bewußtsein entsprechenden Trauer ist der Humor.
Auch Interesse und Verantwortung sind Liebe zum Leben.
Ich darf mein Leben – und soll das Leben – lieben.
Wenn ich das Leben liebe, kann ich auch sterben wollen.
Der Einzelne muß seine Spezies lieben, um hoffnungsvoll sterben zu können.
Die romantisch hochgejubelte Liebe machte das Liebesobjekt zum Erlösergott, nachdem die
Aufklärung den christlichen Gott wieder zum Gesetzgeber gemacht hatte.
Der normale Weg in die Zukunft ist das Geschlecht.
Lust „will tiefe, tiefe Ewigkeit“ (NIETZSCHE), prosaisch ausführlicher vielleicht besser: Lust hat eine
passive Erlebnisqualität des Zeitlosen, Ewigen; aktiv aber erstrebt sie Zukunft. (Diese ging für
NIETZSCHE in der ewigen Wiederkehr des Gleichen unter.)
Die Subsysteme der Liebe sind nicht fest mit einander verbunden. Für den Fortbestand des
menschlichen Lebens im Zentrum stehen die Fortplanzung, die menschliche Solidarität und ein
elementares Verstehen alles Lebendigen.
„Es ist alles eitel“, sagt desillusioniert, aber liebevoll der Prediger. Bescheidene Liebe hat genug
daran. Alles ist ihr Gottes persönliche Gabe. Sie findet Sinn darin.
Liebe macht Sinn. Mit der Liebe verlöscht der Sinn – und die Hoffnung und der Wunsch nach
Hoffnung.
Der soziale Druck auf den Einzelnen in Richtung einer angemessenen Kinderzahl ist erheblich. Die
normative Kinderzahl ist freilich kulturell sehr variabel.
Sexuelle Lust ist zunächst nicht nach dem Geschlecht des Objekts differenziert und verschiebt sich
relativ leicht – bis hin zu sozial wertvoller Sublimation. Zölibat und Homosexualität8 kommen auch
bei vielen Tierarten vor. Sie sind also sicher nicht nur memetisch zu erklären. Sie sind genetisch
suboptimal, keine direkt, aber doch eine oft auf dem Umwege über die Nächstverwandtschaft
funktionale Strategie.
Meme verhalten sich zunächst symbiotisch zum Gen, sie werden dann dominant und auch
parasitär9. Speziell können sie, wie schon biologische Parasiten10, zu eigenen Gunsten ihren
Wirtsorganismus "kastrieren". In diesen Zusammenhang gehört der Zölibat. Er ist eine evolutionär*
minoritär stabile Strategie. Die Entlastung von biologischer Brutpflege setzt frei für ideelle Aktivität,
die alle Chancen hat, biologische Nachkommen anderer durch Verbindung mit deren Memen für sich
einzunehmen.
Wir sollen die Welt schöpferisch lieben. Dafür ist sie gut. Liebe hat einen schöpferischen Blick.
Wir müssen immer schauen, daß unsere Liebe nicht dadurch verkümmert, daß sie etwa nichts mehr
wahrnimmt, woran sie sich halten könnte.
8
VOLKER SOMMER, Wider die Natur? Homosexualität und Evolution, 1990
9 JOHN BALL,
10
Memes as Replicators, in: Ethology and Sociobiology, 5 (1984), Ss. 145-161.
MARIO BAUDOIN, Host castration as a parasitic strategy, in: Evolution, 29 (1975), S. 335.
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Liebe ist (zunächst naiv, später umsichtig) allumfassend, aber will fokussieren. Wilhelm Busch
stellt zwar fest: „Im Durchschnitt ist man kummervoll und weiß nicht, was man machen soll.“ Was er
gemacht hat aber, zeugt von fokussierter liebevoller Arbeit.
Frau und Mann passen nur sehr ungefähr zusammen. Das ist im einzelnen unökonomisch, hat aber
die gottgegebene (1.Mose 11) Bremswirkung einer Sprachenverwirrung und für die Species vielleicht
den Vorteil einer natürlichen Geburtenkontrolle.
Viele Frauen brauchen Männer, die es vertragen, daß sie sie auch hassen. Viele Männer brauchen
Frauen, die es vertragen, daß sie sie auch verachten.
Wer selbst nicht mehr genug liebt, und nicht genug Liebe erfährt, um weiter leben zu wollen, kann
doch Freude am Anblick oder Nachricht von Liebe haben, – Liebe unter Menschen, Liebe zu Tieren,
zur Natur oder auch Liebe eines Menschen zu seiner Sache.
Liebe ist im Grunde zuversichtlich, ein Wunder anzusehen, belebend.
Die wenige Liebe rührt ans Herz; sie ist deshalb in aller Stille ein stärkerer Eindruck als die viele
Lieblosigkeit.
Liebesglück im Chaos: „Ich höre aus der Gottheit nächt’ger Ferne die Quellen des Geschicks
melodisch rauschen.“ (MÖRIKE, Peregrina)
Lust, teilzunehmen und teilzugeben, ist körperlich in den "erogenen Zonen" konzentriert.
Bei der Unterscheidung von Selbstliebe (im engen oder auch im diffus sozial erweiterten Sinne) und
"Objektliebe" kann es sich im Normalfall nur um Akzentverschiedenheit handeln.
Kinder soll man nur machen, wenn man ihnen Zuversicht mit auf den Weg geben kann.
In der Liebe transzendiert der Machtwille sich selbst. Selbstentfaltung führt zum Fortpflanzungswunsch in allen Dimensionen des Lebens, führt also in interessierte Teilnahme am anderen,
Autonomieverzicht und Todesbereitschaft. Zu mehr als schöpferischer Liebe sind wir nicht fähig.
Liebe ist die individualisierte Aufhebung des sterblichen Individuums im größeren Ganzen. Sie
zerstört nicht, sondern übermittelt Individualität. Die Angst kann darin untergehen.
Die Sexualität ist dem Ich mit gutem Grund unheimlich. Durch sie wird der Sterbliche nolens
volens in den abenteuerlichen Dienst der Gattung abgeführt.
Eros motiviert zur Zusammenarbeit und er braucht Entsprechung.
Aber auch die Involution des Individuums gehört zum Zusammenleben, und Abschied vollendet die
Zusammenarbeit.
Liebe idealisiert hoffnungsvoll ungefähr richtig.
Die menschliche Gesellschaft ist ein überkomplexes, sich ständig veränderndes Geflecht von teils
synergetischen, teils antagonistischen, dynamischen Beziehungen.
Das christliche Liebesgebot bezieht sich auf den so verflochtenen „Nächsten“, und insofern auf das
ganze Geflecht! Sonst wäre der gute Rat Gottes dümmer, als die Polizei erlaubt.
IX.
Gruppen
Großfamilientag, Gottesdienst, Kirchentag sind „Wir-“feiern, Selbstbestätigung im Kollektiv. Das
Zusammenkommen ist Wallfahrt, das Zusammensein ist Heiligtum.
Der Einzelne kann in mehreren Kollektiven als Mitglied Bestätigung erfahren. Als Einzelner lebt er
dann in solchen ans Herz gewachsenen Bezügen weiter.
Man braucht Kooperation zum Überleben; und man braucht eine Subkultur, die sich auf ein Schema
geeinigt hat, zur Kooperation.
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Man braucht aber dann noch weitere Subkulturen, um den Verzerrungen durch einen Schematismus
nicht hilflos ausgeliefert zu sein.
Im Quälen aus Heteronomie hat Stanley Milgram* die Anpassungsbereitschaft des Menschen, seine
Unsicherheit im eigenen Urteil gezeigt.
All dies beschämt den Individualismus. Es handelt sich um langbewährte Selektionsvorteile der
Gruppe: Es hilft, Krieg zu organisieren.
Je größer ein System, desto dümmer (beschränkter), wenn es nicht in frei kooperierende Einheiten
gegliedert wird.
Identifizierbare Gruppen-Sprache beruhigt. Die Oberflächenspannung des Systems, die sich Zuund Abgängen widersetzt, wird durch Identitätsangst erhöht.
Verwandtschaft hat ihre diffuse, zufällige, tief verbindende Symbolik.
Jedes emphatische Wir impliziert als Projekt: „Wir sind besser!“ – gegebenenfalls: „...die besseren
Büßer.“
Der Mensch braucht nicht nur ein paar kollektive Identitäten als Rückhalt, sondern eine integrierte
kollektive Identität als sein fundamentales „Wir“.
Zeitweise – und notfalls länger – kann ein innerer Erfahrungsschatz von guter Gemeinschaft, kritisch
benutzt, solchen Rückhalt bieten. Aber in einem realen Wir lebt sichs bequemer, stirbt sichs leichter.
Wir können nicht an uns selbst genug haben. Das Kind hält sich im Wir auch um den Preis der
Falschheit und der Bildung eines false self (Winnicott).
Teilhabe an Religion ist wie Tätowierung, sie stiftet und stärkt eine kollektive Identität, die die
immer prekäre Existenzsymbolik des Individuums stützt.
Ohne Teilhabe an kollektiver Identität mit ihren Selbstverständlichkeiten kann ein Mensch kaum
psychisch gesund bleiben.
Das Kollektiv kann wohl auch phantasiert sein (zB die Ahnen oder die ecclesia invisibilis); notfalls
reicht Gott als Identitätspartner*; es kommt darauf an, ob dieses ideale Kollektiv auf reale
Gemeinschaft ausgerichtet und für dahingehende Öffnung hinreichend belastungs- und anpassungsfähig ist.
Im Warenhaus der modernen Welt läuft man Gefahr, sich selbst zu verlieren; man kann sich auf
irgendetwas einlassen nur im Schutz einer beständigeren Subkultur. Starr abgesichert aber, werden
lebensnotwendige Subkulturen zu schwärmerischen Zirkeln.
Man erhöht das Gemeinschaftsgefühl, indem man gemeinsam einen Unsinn macht – einen
Gottesdienst, ein Fest, eine Fête, einen Vandalenakt.
Das homiletische „Wir“ ist ähnlich unbestimmt wie die mathematische „Umgebung“.
Der Mensch ist Gruppenmitglied: nur bedingt ein einzelner, aber auch nur bedingt durch seine
Gruppen bestimmt. Er ist auf Kommunikation und Teilhabe an den Symboliken seiner Gruppen
angewiesen. Die Ungenauigkeit der Symbolik einer Gruppe entspricht der Ungenauigkeit der
Gruppenidentifikation.
Das Ungefähr der Gemeinsamkeit ist ein Chaos von kleinen Neuansätzen, Raum der Hoffnung.
In der kollektiven Ekstase verschmelzen die Fans eines Fußball-Clubs zu einem Größenselbst mit
magischen Fähigkeiten.
Vgl. die Kriegsbegeisterung des deutschen Gemüts 1914!
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Menschenmassen sind wesentlich instabil, chaotisch. Der einzelne Kopf hat nichts mehr zu sagen.
Die Masse bedarf eines Führers, sowohl um bei einander zu bleiben wie um sie vor sich selbst zu
bewahren. Dieser aber ist in Gefahr, sich von der Erwartung der (auf kleinstem gemeinsamem Nenner
kraftvoll geeinigten) Masse verführen zu lassen; eine rasante Selbstverstärkung droht, die schnell in
einen Zusammenbruch führt.
Man darf „auf den Rummel gehen“, aber soll man sich nicht mitreißen lassen. „Masse“ ist
unstrukturiert. Es gibt aber auch die festliche Menge, in der das Ideal, das festliche Wir und das
festliche Selbst des Einzelnen unterschieden bleibt und strukturieren und differenzieren kann. Sie
lässt das Leben symbolisch „hochleben“ (noch etwas „höher“ leben), – ein Quickborn, in dem man
untertauchen darf.
Allerdings – die Übergänge sind fließend.
X.
Vertrauen
Gegenseitiges Vertrauen hat einen illusionären Hof.
Vertrauen setzt ein Milieu gemeinsamer Illusionen und gemeinsamen (Selbst)-Betrugs-Stils voraus.
Vertrauen ist ein Wagnis; aber Mißtrauen verarmt gewiß.
Kommunikation ist trotz Schwindels sinnvoll.
Überleben ist trotz Schmarotzer möglich.
Vertraue trotz Mißbrauch, – im Zweifelsfall etwas zu viel, nur nicht allzu viel!
Soziale Kultur beruht auf Vertrauensverhältnissen. Diese werden unweigerlich bald von
Schmarotzern ausgenutzt und gestört. Sie muß deshalb schwanken und kann kippen.
Die Praxis des Zusammenlebens korrigiert Vorurteile. Das Vorurteil für die eigene Gruppe
wiederum ist das illusionäre und doch erstaunlich tragfähige Fundament vertrauensvollen und
erfolgreichen Zusammenlebens.
Vertrauensbeziehungen erlauben breitere Kooperation als Zwang und sind deshalb tendentiell
erfolgreicher.
Wer Kinder macht, schafft sich eine natürliche Vertrauensbasis (Selbstobjekte*). Kindliches
Vertrauen tut wohl.
Kinder-haben-Wollen ist ein Ja zur Begrenztheit der eigenen Existenz, ein Akt der Selbstzufriedenheit und konkreten (Selbst-)Vertrauens.
Zur kommunikativen Entwicklung brauchen insbesondere Kinder das Glück vertrauenswürdiger
Beziehungen. Die spätere Belastung durch Vertrauensmißbrauch ist ein Test auf die realistische
Bescheidenheit der Gesunden in ihrem Glück.
Um sein Urvertrauen zu erhalten, muß man es ausüben (ἄσκειν) – aber nicht künstliche Übungen
(„Askese"), sondern Mut im Leben – ohne es zu überlasten, (nach Kohut*: mit "optimaler
Frustration").
Freud als Schönfärber seiner Krankengeschichten; der amerikanische Präsident bestochen vom
chinesischen Militär; Tory-Funktionäre bestochen von einem arabischen Milliardär. Man kann sich
auf nichts verlassen; man kann nur "davon ausgehen, daß ...", wie das moderne Deutsch sagt.
Teufel haben immer ihre Chance. Man täte den Anderen teuflisches Unrecht, würde man
grundsätzlich immer Teufelei erwarten. Menschlichkeit impliziert eine gewisse Gutgläubigkeit,
Großzügigkeit und Opferbereitschaft (wie man sie intraspezifisch ja auch bei Tieren findet).
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Man vertraut, notgedrungen, ungeheuer! Das Vertrauen aber kann, wegen seiner hochkomplexen,
schmalen Erfahrungsbasis, besonders in der Not, schnell großflächig zusammenbrechen. Männiglich
sucht dann Schutz- und Schicksalgemeinschaft; kleinste Evidenzen werden zu entscheidend
orientierenden Symbolen einer verheißungsvoll entlastenden, neuen Einfachheit. Wahn organisiert
und polarisiert die Gesellschaft (katholisch/evangelisch, jüdisch/arisch, serbisch/albanisch usw.).
Der politische Repräsentant soll heute in einer notorisch komplizierten Situation, wo spezifische
Programme selten ohne Schaden eingehalten werden können, seine Wähler persönlich und sachlich
jeweils bestmöglich vertreten. Es kommt letztlich wieder auf das altertümlich holistische*
persönliches Vertrauen an, dessen Begründung man nicht allgemeingültig operationalisieren kann.
(So wird auch das Sex life eines Präsidenten zum Politikum.)
Blindes Vertrauen ist gefährlich. Blindes Mißtrauen ist verheerend.
XI.
Trug
Von Natur ist alle Kommunikation mit Schwindel untermischt. Aber auch der Kampf hiergegen ist
natürlich.
Jede Lüge ist Umweltverschmutzung.
Im Chaos des Betrugs muß jeder betrügen – so umweltschonend wie möglich.
Auch SCHILLER lehrte: "Der Mann muß ... erlisten ..." (Lied von der Glocke).
Große Betrüger sind Menschenkenner. Die Möglichkeit des Beschwindeltwerdens nötigt jeden, die
Natur des denkenden Menschen als ganze im Auge zu behalten.
Political correctness nennt die Dinge nicht mehr bei Namen. Der taktische Gewinn wird bezahlt mit
einem Verlust an kommunikativer Kultur. Heuchelei verzichtet auf die Semantik* als Feld zum
Austrag von Konflikten zwischen den Borniertheiten – zu Gunsten der Pragmatik*, zu Lasten des
Kommunikationswerts der Sprache. Aber, wie Freud sagte, verdrängte Probleme drängen nach: Der
neue sprachliche Ausdruck wird konnotativ* angesteckt.
"Schwindel" heißt ursprünglich: Taumel, sodann: taumelhafte Begeisterung, ein naiv unsolides
Geschäft, eine mit herrlichen Aussichten betörende Rede, endlich: Betrug in bester Stimmung. Die
Grundbedeutung von "Schwindel" ist also: illusionärer Egoismus, der in ein Kooperationsangebot
expandiert.
Wenn man von Kindern sagt, sie schwindeln, so billigt man ihnen ein Übergreifen der Phantasie in
die Realität ohne bewußte Berechnung und böse Absicht zu.
Die Menschen wollen mit einander heile Welt, kosmos*, zur Not wenigstens spielen. Dafür soll der
Einzelne auch schwindeln (und dann die belastende Differenz zwischen Wort und Tatsachen mit
eigenen Kräften zu mindern suchen).
Wer das Schwindeln erschwert, wird als Spielverderber bestraft, – z.B. als komische Figur (Hofnarr)
stereotypiert.
Es gibt verschiedene Kulturen, innerhalb deren spezifischer Schwindel zur anständigen Erziehung
gehört. Außerhalb derselben ist er ekelerregend. Immer aber haben Einzelne auch an der Verlogenheit
ihrer eigenen Kultur schwer gelitten.
Der normale Mensch ist, in grober Optik, ein schmieriges Subjekt, ein Wellenpaket mit „verschmierter“ Identität. (Ich greife einen Ausdruck der Quantenphysik auf.)
Aber auch schon Schleimpilze sind, genau betrachtet, höchst differenzierte Zellgruppen! Polymorph
zum Kampf ums Dasein angepaßt an wechselhafte Umstände. Schlecht faßbar, als Konkurrenten
unangenehm!
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Trug, Übervorteilung durch Fehlinformation ist zwischen Tierarten eine häufige, in der menschlichen Gesellschaft evolutionär* eine minoritär stabile Strategie. Genauer: Der Einzelne hat die besten
Chancen, wenn er – nicht: nie, aber nur selten betrügt. Und der Betrug darf keine „halbe Sache“, er
muß unvorhersehbar und perfekt sein.
Daß man seine Privatsphäre notfalls mit Lüge schützen darf, beruht auf der allgemeinen Anerkennung der Tatsache, daß jeder Probleme hat, in deren Komplikation jeder Fremde noch mehr sich fatal
zu verirren droht als man selbst.
Lügen sind Vereinfachungen im Sinne einer subjektiv empfundenen sozialen Interessenlage.
Angst der Machthaber vor einem Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung begünstigt Heuchelei.
Wie überlebt man seelisch in einem Milieu der Heuchelei? Unter Gewaltherrschaft von Symbolen
wird zuviel an diese assimiliert – in Spannung (die sich in Fehlleistungen und Witz entläd) zur
unterdrückten spontanen Symbolik.
Man muss die Macht anerkennen und die Anerkennung der Macht mit symbolisieren; sapienti sat!
Unter Zwang zur Heuchelei herrscht dumpfe Resignation. Man kann nicht sein Bestes einbringen.
Das Kollektiv und der Einzelne halten einander im Suboptimalen: Alles drückt und klemmt und reibt
und bremst ein Bißchen. Innerhalb der Macht-Elite müssen Rivalitäten zwischen Programmen
ausbrechen – aus Angst vor Kippen der überspannten Zwangsordnung in Chaos.
Im Paradies hat die Schlange Adam mit Wahrheit betrogen. Trug und Lug gehören zur Schöpfungsordnung. In dieser sind wir berufen, jene in Grenzen zu halten. Wahrheitsliebe kann menschlich
überzeugen.
XII. Loyalität
Die Rechtsordnung eines Landes wird von seiner Kultur nur halbherzig getragen. Die Rechtskulturen bestehen aus Subkulturen; die Überschneidungsmenge dieser Symboliken scheint heute
allenthalben abzuschmelzen. Das kostbarste Gut einer Gesellschaft, das Grundsätzliche Vertrauen in
die herrschende Rechtsordnung als – unter den gegebenen Machtverhältnissen – gute Annäherung an
das Ideal der Gerechtigkeit, ist gefährdet. Jeden reifen Menschen ruft seine Menschlichkeit auf,
opferbereit für die deprimierend prekäre Vertrauenswürdigkeit der herrschenden Ordnung zu
kämpfen.
Die zunehmende Ungleichverteilung droht, die Loyalität aller Bürger zu einem Staat zu untergraben, der doch sein Machtmonopol für konsensfähiges Recht einsetzen soll. (Aber je stärker die
Ungleichverteilung, desto weniger kann er dies; denn er ist auf die Kooperation der Privilegierten
angewiesen.)
Mitmenschliche Solidarität hat sich immer erst mit der Aufklärung ausgebreitet. Vorher galten nur
Gruppenloyalitäten.
Wir brauchen Wohlwollen für unser Dasein, Handeln, Reden und Schreiben. Denn all dieses ist
symbolisch und vieldeutig; es wird eindeutig erst im persönlichen Verstehen.
Das Funktionieren der Gesellschaft verlangt ein großes Gesamtaufkommen von überschüssigem
gutem Willen vonseiten der Einzelnen.
Die afrikanischen Sozialstrukturen tragen keine unpersönlichen Artefakte (z.B. Firmen). Artefakte
müssen hier durch Tradition und Mythologie symbolisch fest in die Sozialstruktur eingebunden sein.
Der Betrieb von Artefakten muß hier menschlich direkt so befriedigend sein, daß Versuchungen
durch soziale Vorteile keine Chance haben. Sozialsymbolisch hat der Dienst an unpersönlichen
Artefakten keinen Wert; so ist auch seine Wertschätzung aufgrund von Verstehen, Wissen und
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Gewissen zu schwach entwickelt.
Auch bei uns sind bürokratische Strukturen als "staatliche" aufgebaut worden, abgeleitet vom Hof"staat" eines Monarchen, also personale Beziehungen. Persönliche Loyalität zu unpersönlichen
Artefakten, z.B einer Firma, setzt viel persönlichen Gehalt der Firma voraus; viel Personal- und
Besitzerwechsel untergraben die Loyalität.
XIII. Wirtschaft
Übermäßige Macht verführt den Menschen zu übermütigen Innovationen und zu Luxus. Das
mindert die Vorhersehbarkeit der Entwicklung der Realwirtschaft und erhöht den relativen Wert des
Tauschmittels Geld als Reservemittel. Die Finanzwirtschaft dominiert die Realwirtschaft.
Wegen der wachsenden Ungleichheit der Machtverteilung büßt die Befriedigung der Grundbedürfnisse der Menschenmassen ihre zentrale wirtschaftliche Bedeutung ein. Ob irgendwo eine halbe
Million Menschen verhungert, ist globalwirtschaftlich weniger wichtig als eine halbe Million weniger
verkaufte teure Autos. Die Grundbedürfnisse sind berechenbar. Die darüber hinausgehenden
Bedürfnisse (d.h. die heute wirtschaftlich gewichtigen!) hingegen entwickeln sich, wie aller Luxus,
kaum berechenbar. Auf diesem wackeligen Boden der modernen Realwirtschaft steht die
Finanzwirtschaft. Mit dieser, bricht denn auch die Realwirtschaft schnell ein.
Finanzakrobatik hat die amerikanisch geführte Globalgesellschaft zu naiver Selbstsicherheit,
illusionären Erwartungen, entsprechenden Planungen und zu Fehlinvestitionen verführt. Auf Kosten
der berechtigten Ansprüche ihrer loyalen Mitbüger, hat die Machtelite (Politik sowie Wirtschaft)
wieder einmal verantwortungslos ihr Prestige verspielt. Natürlich!
Geld ist in einem Wirtschaftsraum mobile Macht, Wünsche zu erfüllen, die dem Geld realen11 Wert
verleihen. In einer modernen Wirtschaft sind die Wünsche volatil, nur zeitweise stellen sich
Durchschnittswerte ein. Entsprechend volatil ist der Wert des Geldes.
Geld erleichtert entscheidend Austausch von Wunscherfüllungen, und es ermutigt zu Planungen,
denen gemäß, unter Einsatz von realwirtschaftlichen Werten (Arbeit und Material), Kooperationsstrukturen aufgebaut und Abhängigkeiten geschaffen werden.
Die Finanzakrobaten haben, mit dem Angebot von intransparenten Krediten ohne vertrauenswürdige
(letztlich realwirtschaftliche) Deckung, das breite Publikum ermutigt zur Investition realwirtschaftlicher Werte in Kooperationsstrukturen. (In der Hoffnung auf gutes Einkommen, wurden auf Pump
massenhaft Häuser gebaut, teure Autos gekauft und Fabriken für teure Autos gebaut.) Die im betr.
Wirtschaftsraum selbstverstärkt gewachsenen Hoffnungen, auf die diese Strukturen zugeschnitten
waren, schrumpften dann selbstverstärkt. Mit dem Zusammenbruch der Hoffnungen brachen die
Wünsche zusammen (die Häuser wurden versteigert, Autofakriken werden stillgelegt und Arbeiter
entlassen); die Kooperationsstrukturen (Arbeit etc. für Bezahlung letztlich mit unverantwortbaren
Versprechungen) mitsamt den hier getätigten Investitionen verloren ihren Wert.
Man darf globalgesellschaftlich wichtige Sachen nicht einer Zunft überlassen.
Gleichverteilung der Ressourcen ist nur künstlich aufrecht zu erhalten. Kleine Fluktuationen setzen
ein schnell divergierendes, exponentielles Wachstum in Gang.
Allzu ungleiche Verteilung aber destabilisiert eine moderne Gesellschaft. Eine gleiche Geldmenge ist
den reichen weniger wert als den armen Menschen. So werden jene zu Sozialfällen und diese gehen
nicht angemessen mit ihrer übermäßigen Macht um. Kleine Störungen können da soziales Chaos
auslösen.
Das mächtige Chaos der Wirtschaft "kontrollieren" viele.
11
Auf Geld und Macht beruht gutenteils auch das soziale Ansehen.
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Der zentrale Tauschwert Geld wird immer wichtiger, ein selbstverstärkender Prozeß. Man kann fast
alles kaufen und verkaufen. Immer mehr vieldimensional kontextabhängige Werte werden ohne
Wimpernzucken auf Geldwert abgebildet und eindimensional beziffert.
Allein auf einem wolkigen Konsens12 über solche Abbildungen aber beruht der Wert des Geldes.
Geld ist Tauschwert im Währungsverbund. Preise sind sehr unzuverlässige Wert-Indikatoren, aber
untereinander exakt zuverlässig verrechenbar. Das gibt exakte, aber pseudo-zuverlässige
Vorstellungen von den wirklichen Verhältnissen. Geldwert steht auf sehr wackeligen Füßen.
Der Zwang zur Handelsmobilität aber macht das Geld – trotz seiner wohlbegründeten Unbeständigkeit – zum unverzichtbaren zentralen, gesellschaftlichen Wert.
Der Markt kann der langfristigen Zukunft kaum aktuellen Wert zuerkennen. Entscheidend für die
Weitsicht ist faktisch die jeweilige Kultur (bzw. Barbarei).
Die öffentliche Verarmung auch der Bundesrepublik zwingt auf breiter Front zu Verlagerung der
undankbar gewordenen finanziellen Verantwortung und der Verteilungskämpfe auf die unteren
Ebenen. (Das Wissenschaftsministerium hat kein Geld mehr, – die Fakultäten bekommen Anteil an
der Finanzhoheit!)
Kapitalakkumulation wird nur begrenzt als gerecht empfunden.
Sie ist globalwirtschaftlich investitionsfördernd. Denn der Reiche mag der Wirtschaft Güter entziehen
und er kann seinen Konsum steigern, aber nicht in gleichem Maß wie er sein Kapital vermehren kann.
Egalität dagegen ist global konsumfördernd.
Der Größte hätte die besten Wachstumschancen, wenn nicht in der Wirtschaft jeder zuerst für sich
selbst sorgen müßte. Schmarotzende Substrukturen entstehen; sie zu kontrollieren wird mit der Größe
immer schwieriger und aufwendiger. Auch die Kontrolle muß ja kontrolliert werden. Das drückt den
Exponenten des Wachstums. (Enormes Wachstumspotential freilich, wie es Microsoft mit seinem
technologischen Vorsprung hat, bleibt auch mit dieser wachsenden Schwierigkeit eine Gefahr für den
Markt.)
Ein ganz freier Markt würde wegen der exponentiell wachsenden Ungleichheiten entarten.
Sozioökonomische Krisen drohen; Politik und Recht sind gefordert.
An jede Regulierung des Marktes wiederum paßt sich die Wirtschaft innovativ an. Es ergibt sich ein
schneller „kreativer“ Kreisprozeß, in welchem Entscheidungen, bevor sie theoretisch zureichend
begründet werden könnten, aufgrund von Wissen und Erfahrung ad hoc getroffen werden.
Plötzliche hocheffiziente Koordinationen (zB Microsoft) können dem Gesamtsystem mehr Schaden
als nützen.
Der Krieg ums Geld wird immer intensiver, und zwar desto rücksichtsloser, nicht nur: je größer die
Not, sondern auch je größer das Geld. In der Globalgesellschaft steht die „Schere“ Reich/arm
provokant sichtbar bedrohlich offen.
Je größer die sozialen Systeme werden, desto mehr setzen sich darin als Komplexitätsreduktion
Marktstrukturen durch.
Die Auswahl im Überangebot wird von zunehmend unkontrollierbaren Faktoren abhängig.
Kooperationsangebot: "Komm zu uns! Wir helfen dir, Konkurrenten knappe Ressourcen legal
wegzunehmen." Das ist sogar legitim, wenn du dabei anderen mehr nützt als du nimmst.
12
Das Wort Geld kommt aus derselben Wurzel wie "gelten".
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Die Unternehmen sind wie Söldnerarmeen. Sie führen gegen einander Eroberungskriege. Die
Bevölkerung wird mit Reklame drangsaliert, zwangsrekrutiert und gebrandschatzt. Die Landesherren
sind zunehmend machtlos.
Das "Honorar" ehrt, es hat Symbolwert. Es motiviert. Faulheit ist ein Motivationsdefizit.
Autonomie befreit den einzelnen zu vollem, kreativem Einsatz der eigenen Person. Legitimation
von Macht des einen im Gemeinwesen ermöglicht autonomen Gehorsam des anderen.
Je bedrückender aber und gefährlicher die sozialen Verhältnisse werden, je hilfloser die Vernunft des
einzelnen ist (der wüßte, wie "man" es "eigentlich" besser machen könnte), desto mehr muß das
nackte Machtwort genügen; die offizielle Legitimation von Macht wird zum Accessoire, zu
Progaganda, von niemandem ernstgenommen.
Zwang auszuüben aber ist aufwendig. Erzwungene Kooperation des Untertanen ist weit suboptimal.
Deshalb kann die Wirtschaft in einer Zwangsherrschaft nicht optimal arbeiten.
Das ist bei schlechter Wirtschaftslage ein Teufelskreis. Die Gesellschaft zerfällt in kleine, oft
destruktiv gegen einander arbeitende Interessengruppen.
In unserer schnellebigen Welt ist Profimaximierung immer nur kurzfristig zu sichern. Mittel- und
langfristig bedarf es der Intuition. Diese setzt eine breitere als die ökonomische Optik voraus. Die
Verarbeitung der dann ins Spiel kommenden enormen Informationsvielfalt setzt weitere und
flexiblere Konzepte voraus. Für gute wirklich langfristige Planung müssen diese Assimilationsschemata* unbewußt und spontan kreativ arbeiten. Die Hierarchie geht, zufolge moderner Unternehmensberatung, von unternehmerischer Vision über Phantasiespiel unter Anleitung wertvollen Kulturgutes
bis hinauf zu sog. Spiritualität: Wahrnehmung des chaotischen Lebens der eigenen Selbstsymbolik.
Der langfristige Ausblick kann allein in realistischen Konzepten nicht angemessen artikuliert werden.
Es bedarf da einer so hochkomplex strukturierten, analogiekräftigen Sprache, wie die sog. schöne
Literatur und die Dichtung sie sprechen. Der Realismus muß eine Zeitlang zurückstehen, Er hat das
zweite, das kontrollierende Wort.
Der hochbesteuerte Großverdiener ist sich selten dessen bewußt, daß er es der wohlunterhaltenen
sozialen Struktur verdankt, zu viel Geld verdienen zu können. Der Profitant fühlt sich in der Regel
vom Fiskus beraubt.
Egoismus als Kulturprinzip hat sich nun oft schon gerächt in Weltwirtschaftskrisen, vor deren
Folgen auch die Großen nicht ganz sicher sind, – so oft, daß die herrschende Ordnungsvorstellung
von der segensreichen „unsichtbaren Hand“ über der Egoistengesellschaft brüchig geworden ist. Man
fühlt sich wie ein Ackerbauer am Vulkan.
Die öffentliche Werthierarchie ändert sich. Es kommt nun darauf an, wie sich das in Verhaltensänderungen der Wirtschaftssubjekte transformiert.
Wirtschaftlicher Erfolg scheint dem Währungsgebiet zu schaden. Wertsteigerung der Währung
erschwert den Absatz. Der als Produzent Währungsgeschädigte ist aber als Konsument reichlich
entschädigt. Es bleiben allerdings die Probleme der sozialen Verwerfungen in einem Währungsgebiet: man muß weniger arbeiten; ja man sollte weniger arbeiten, aber die Zukunftssorgen bei
abnehmender Kompetitivität treiben zurück an die Arbeit.
Wirtschaftskrise ist Vertrauenskrise. – Vgl. die Wortbedeutung von Kredit (von lat. credo = ich
glaube). Statt Geldes zirkuliert dann Vorsicht. Die Kooperation, die Hauptquelle des Mehrwerts, ist
beschädigt.
Die Börse handelt mit Erwartungen von Erwartungen.
Der moderne Kapitalmarkt belohnt die Antizipation von Erwartungen, schnelle Anpassung an
entstehende Erwartung von Erwartungen. Jene Anpassung aber verstärkt und bestätigt diese
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Erwartungen – unabhängig von der realwirtschaftlichen Basis. Das bedingt explosive Entwicklungen
und entsprechende Zusammenbrüche. Chaotische Entwicklungen kann auch der Fachmann
bestenfalls kurzfristig voraussagen.
Nach einer Phase selbstverstärkenden wirtschaftlichen Wachstums strebt die abflachende
Wachstumskurve keineswegs einem stabilen Gleichgewicht, sondern, entsprechend den vielfältigen
Wachstums- und Bremsfaktoren, zunächst einer Krise zu, deren Ausmaß und Auswirkungen
offenkundig unberechenbar sind.
Der Markt kann nur künstlich als System isoliert werden; zum freien Spiel der Kräfte gehören nicht
nur die Marktkräfte, sondern auch die Determinanten des Umfeldes, politische, sozialistische und
dirigistische Strömungen (die ihrerseits großenteils Reaktionen auf den Markt sind). In erster Linie
diejenigen wünschen sich freie Märkte, die in diesem System stark sind. Prägen sie das Geschehen zu
ihren immer höheren Gunsten, so verstärken sie die sozialistischen Tendenzen, erhöhen die
Spannungen und unterminieren das Vertrauen in die politischen Verhältnisse, das die Wirtschaft
braucht.
Wettbewerb ist der Konsumentenschutz des Marktes. Aber wo ist der Markt so frei und transparent,
daß dieser Schutz funktioniert?
Die Kreativität der Finanzartisten ist (kurzfristig) so erfolgreich, weil sie das Marktgeschehen
intransparent macht und unbemerkt den „freien“ Markt mit Verbreitung falscher Erwartungen
beherrscht.
Liberalismus bedeutet exponentielles Wachstum der sozialen Unterschiede.
Wer nicht mit aller Kraft an seinem Aufstieg arbeitet, fällt mit der Zeit zurück hinter denjenigen, die
es tun. Diese bringen einen exponentiell wachsenden Anteil am gesamten Wohlstand an sich und
fördern damit den Antiliberalismus.
Es geht immer zugleich um Allgemeines und Besonderes.
Der wirtschaftliche Konkurrenzkampf ist im Ergebnis (für die untersten Verlierer) zwar auch
mörderisch. Aber er ist gewaltfrei (Johan Galtung sprach allerdings von "struktureller Gewalt"),
Reklame statt Kanonen. Wer günstiger anbietet, hat überdies nicht nur Konkurrenten, sondern, unter
den Abnehmern, auch sofort Verbündete.
Marktwirtschaft funktioniert desto eher im öffentlichen Interesse, wie die Marktmacht gleichmäßig
verteilt ist. Der Markt ist aber eine labile Ordnung; er neigt zu exponentieller Entartung.
Klare Verteilung der Aufgaben zwischen Staat und Privat ist unerreichbares Ziel eines Prozesses,
der mild chaotisch verlaufen sollte. Die Konkurrenz ist förderlich für die Dynamik.
Die Kapitalakkumulation überwältigt die soziale Kontrolle der Kreativität verselbständigter
Omnipotenzwünsche, die sich unablässig weitere Organe schaffen. Sie transformiert die Kultur
soweit möglich in einen Geldmarkt. Endlich widersetzt sich die Menschlichkeit chaotisch.
Utopische Omnipotenzphantasien erheben sich. Deren konkretes Fundament wiederum ist die Not der
Massen, grob organisiert durch grobe Symbolik.
Die Vokabeln "Markt" und "Globalisierung" bezeichnen komplizierte, ja intrikate Phänomene,
werden aber im politischen Machtkampf nur symbolisch verstanden, wie religiöse Vokabeln, als im
Wesentlichen klar, und, als Schlagworte der erleuchteten Menschen guten Willens im Kampf gegen
die Dummdreisten, mißbraucht.
Finanzielle Profitmaximierung ist ein natürliches Ziel. Sie kann aber das einzige Ziel sein nur für
eigens dafür eingesetzte Agenturen (Geld ist nur hier ein Selbstzweck). In aller Regel gibt es milde
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bis scharfe Zielkonflikte, die sektoriell verschieden und oft diachronisch aufgelöst werden. Die
Präferenzen sind meist umstritten.
Die Selbstidentifikation der Gesellschaft mit der Abbildung des gesellschaftlichen Lebens auf
Geben und Nehmen von vergleichbaren Wertquanten zwischen Individuen (bzw. dergleichen
Schuldverhältnisse) verführt zu Selbststilisierung in diesem Sinne und verändert die Gesellschaft. Sie
ermöglicht kontrollierbare Planung vieldimensionaler gesellschaftlicher Prozesse, die dann durch
erzwungene Anpassungen realisiert werden können. So dient diese Abbildung der Koordination und
lohnt sich in hochkomplexen Kooperationsleistungen.
Diese koordinative Funktionalität gibt der Geldwirtschaft ihre zentrale soziale Bedeutung. Allein die
Sprache hat eine sozial konstruktive Kraft, die der des Geldes auf die Länge Konkurrenz machen
kann. Destruktiv haben Waffen eine ebenbürtige Gewalt.
Die unüberbotene Funktionalität der Geldwirtschaft zur flexiblen Koordinierung
menschlicher Arbeit in hochkomplexen Kooperationssystemen verleiht dem sog. Kapitalismus, trotz
seiner brutalen Simplifikationen, seine unüberwindliche Evidenz.
Seine immer noch laufende Erfolgswelle wird nicht, wie Marx dachte, in einer großen Wende enden,
aber, infolge einer Reihe weiterer, kleinerer und größerer Katastrophen, gedämpft werden. Der Markt
bleibt, wenngleich ein seit langem wachsendes, doch ein Sub-System der Gesellschaft. Die
Menschlichkeit wird, ihren Selbstwidersprüchen zuliebe, sich nicht ganz auffressen lassen.
Der Nutzen des Marktes für die Lebensqualität des Einzelnen nimmt mit dem Ausmaß des
Reichtums bzw. der Armut exponentiell zu bzw. ab. Das ist natürlich. Und es destabilisiert natürlich
den sozialen Frieden. Neuerdings auch im Weltmaßstab.
Es gibt keine gesellschaftlichen Stände mehr; die Hindernisse sozialer Auf- und Abwärtsmobilität
schmelzen ab. Die öffentlichen Fallnetze können die Angst vor dem sozialen Abstieg in ferne Tiefen
nicht bannen.
Durch die Öffnung der Schere arm/reich lohnt es geschäftlich immer weniger, durch Leistung um
die Armen zu werben. Das Angebot für die Armen wird immer schlechter, das für die Reichen
hingegen wird immer besser.
Wer das meiste Geld hat, hat die größte Macht. Er verknappt den andern das Geld und steigert die
Zinsen. Aus der globalen Ökonomie wird eine Plutonomie.
Der Ökonomisierung und der Verrechtlichung sind in ihrem Milieu chaotische Grenzen gesetzt. Die
Rechtspflege kann nicht umhin, allenthalben das Rechtsgefühl zu verletzen. Die Ökonomie hat offene
Flanken; unversehens werden weltweit werden Banken zu Geldentwertungsmaschinen. Umsichtige
Ökonomie betreibt deshalb, so gut sie kann, Milieupflege. Und das ist mehr als Public Relations und
Marketing.
Die Spieltheorie rechnet mit Egoisten. Sie schiebt die Komplikationen des Menschen aus ihrem
Modell hinaus in die Operationalisierung der „Nutzen“-funktion. Und hier sind, meist mit großer
Selbstverständlichkeit, Voraussetzungen impliziert, die einen prekär engen Geltungsbereich haben,
weil sie in der chaotischen Realität gründen.
Auf Massen von Selbstmord-Attentätern war der ökonomisch denkende Westen nicht gefaßt. Sie
bedeuten jetzt eine Krise für seine Übermacht.
Der Ehrbegriff ist machtpolitisch mißbraucht worden. Der rein soziologische Prestige-Begriff aber
kann ihn nicht ersetzen; denn Ehre betrifft auch die Selbstachtung und die Ehre bei Gott. In einer
inhomogenen Kultur ist Ehre ein strittiger Begriff; in der Anonymität der kapitalistischen Kultur
eines versimpelten Egoismus ist er eine Problemanzeige.
Im imperialistischen Europa florierten Ehrenhändel. Heute versteht der Westen die Massen von
Selbstmordattentätern nicht mehr.
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Die Neue Management-Theorie geht wieder davon aus, dass der Mensch (nicht nur für den
Arbeitgeber) „gute Arbeit“ leisten – also „gut“ sein – will. Damit würde der Egoismus-Begriff des
Ökonomie so erweitert, dass er nichtssagend wird.
Die „wissensbasierte Dienstleistungsgesellschaft“ ist sozial instabil.
Jede Geldwertbestimmung reiner Information ist willkürlich, extrem manipulierbar und unberechenbar.
Wissen (informelles und formelles) ist teuer in der Herstellung. Von formellem Wissen aber ist der
Prototyp dann fast kostenlos kopierbar.
Das informelle Wissen kann man in einer ersten Phase als die Dienstleistung Support verkaufen. Es
hat aber eine abnehmende Halbwertszeit, da Lohnendes schnell formalisiert wird und dann bald
kopierbar ist.
In der Scientific community ist „geistiges Eigentum“ schnell Gemeingut.
Ein echter Marktpreis ist ein selten realisierbares, ideales Konstrukt.
Entdeckung, Erfindung und Entwicklung waren oft sehr teuer; Mitteilung und Kopie hingegen sind
fast beliebig billig; die Preisbildung für Information ist im strikten Sinne chaotisch.
So kann der Preis von Information – im Schutz des allgemeinen Interesses an Rechtssicherheit und
der öffentlichen Gewaltordnung (z.B. durch rechtlichen Kopierschutz) – nur mit großer Willkür
irgendwo zwischen gratis und unbezahlbar festgesetzt werden. (Alter Witz: Panne, MechanikerRechnung: „Schraube: 5 Pfennig, Gewusst wo: 4.95 Mark“.)
Die globalisierten Märkte lassen nationale Spielräume.
Der Weltmarkt hat seine übermächtige Dynamik. Er anonymisiert und vereinzelt die Menschen. Aber
die Welt ist nie „durchökonomisiert“; es kommt auch darauf an, was der einzelne mit dem
erworbenen Geld macht; und das ist kulturbestimmt.
Da alle Kultur Symbolik, ein umfassendes (lockeres) System von Halbwahrheiten ist, da also um der
Wahrheit willen ein Nebeneinander von Kulturen nötig ist, kann eine Weltkultur die alten Kulturen
nicht nur nicht ersetzen; sie ruft vielmehr Gegenkulturen hervor. Die Welt ist chaotisch durchwirkt
von vielerlei, auch minoritär „evolutionär stabilen“ Systemen, Kulturen und kultur-bedingten
Nationalökonomien. Diese sorgen immer wieder für weltwirtschaftlich irrationales Verhalten. Es
besteht ein globalgesellschaftliches Interesse an einer Weltkultur, die die barbarische Weltwirtschaft
ein wenig kultiviert. Diese aber muss aus den Kulturen erwachsen. Politische und ökonomische
Institutionalisierung muss warten, bis dieses Fundament fest geworden ist.
Das Grundproblem hinter den Verteilungskämpfen ist die exponentielle* Vermehrung des
Lebendigen.
Weil das Kapital exponentiell wächst, sind Gleichgewichte in Verteilungskämpfen instabil. Alle
Machtkämpfe sind chaotisch mit Inseln von Ordnung. Moral und Recht dämpfen die unvermeidliche
Chaotik.
Der real existierende Glaube ist heute „Credit“. Dieser steht auf der Erwartung von wertvollen
Leistungen von Unternehmen. Es geht letztlich um Lieferung von Gebrauchswerten; Gebrauchswert
hat Lebenswert.
Es gab Irrglauben und gibt faule (und faulende) Kredite. Die heutige Weltgesellschaft steht auf
dubiosen Krediten. Es ist unheimlich, wie die artifizielle Grundlage der physischen Existenz der
heutigen Menschheit, das Geld, als Glaubensartikel, als Idealisierung des Menschen entlarvt wird.
Der „Steuerwettbewerb“ zwischen den Ländern ist weitgehend ein Wettbewerb in Asozialität.
Der Homo oeconomicus (INGRAM 1888, PARETO 1906) ist eine Abstraktion, negativ definiert durch
In-humanitäten!
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Habgier heißt heute Aufstiegsstreben. Auf einer Zahlenskala läßt sich am leichtesten unterscheiden
zwischen höheren und tieferen Werten; Geld ist der einfachste Indikator für Macht. Und Macht bietet
sich an als der einfachste Indikator für Grandiosität.
Geld ist mobiler als alle andern Wirtschaftsgüter, deshalb optimal für kurzfristiges Kalkül.
Das Kapital und seine Hofschranzen ist heute als Ordnungsmacht stärker als der moderne Staat –
und richtet als Nebenwirkung so viel Unheil an, wie früher die staatliche Gewalt.
Das globale Überangebot kann unter Konkurrenzdruck nur flüchtig gesichtet und längst nicht
ausgewertet werden. Der Konkurrenzdruck im Konsum-Überfluß erzieht zu oberflächlicher
Urteilsbildung; die Transparenz des Marktes geht in der Informationsflut unter.
„Ehre, wem Ehre gebührt!“ Aber es gibt da verschiedene Gebührenordnungen. „Honorar“ ist ein
einfacher, aber grober und unzuverlässiger Indikator für Ehre. Wer verdient wieviel Ehre? Nicht alle
Großverdiener haben große Verdienste. Geld hat weniger mit Prestige als mit Macht zu tun. Der
moderne, chaotische Markt entscheidet darüber.
Geld ist die Bezugsgröße jedes Tauschwertes von Gebrauchsgütern geworden.
Der Marktwert eines Gutes ist ein Durchschnittswert von Bewertungen. Durchschnitt von was?
Bewertungen sind umständebedingt aus vielen Variablen aggregierte Einschätzungen. Kollektiv
rekursive Einschätzungen machen das Marktgeschehen chaotisch.
Globalisierung bedeutet Verlust von Arbeitsplätzen in hochentwickelten – zugunsten von
unterentwickelten Ländern. Arbeitsplätze sind apparative – und deshalb relativ immobile –
Multiplikatoren des Wertes von Arbeitszeit. Geld aber ist höchst mobil und kann die kleinen
Schwankungen zwischen den ortsgebundeneren realen Werten und Arbeitskräften ausnutzen. Als
Käufer billigerer Angebote profitieren auch diejenigen, die als Anbieter zu teuer waren.
Die großen Gewinner der Globalisierung sind die Kapitaleigner. Kapitalakkumulation verstärkt sich
normalerweise exponentiell; und das wachsende Ungleichgewicht führt zwangsläufig zu
Systemzusammenbrüchen. Revolutionen trachten diesen zuvorzukommen, um zu retten und zu
stabilisieren, was zu retten ist. Sie sind von viel Idealismus getragen, richten aber ihrerseits
abschreckend großen Schaden an.
„Wert“ wird gemeinhin als Tauschwert verstanden; damit ist der Begriff im Sinne einer bestimmten
Sozialbeziehung (Handel) geprägt.
Zentral aber ist der Gemütswert, den der Handel zwar nur als Devianz, als „Liebhaberwert“ kennt,
der aber die Basis aller Wertschätzung ist. Sogar der „Gebrauchswert“ der Ökonomie ist davon
abgeleitet, daß man das als solchen Bewertete für etwas Wertgeschätztes brauchen kann.
Geld ist der Wertmaßstab schlechthin geworden, weil die vermehrte und globalisierte Menschheit
immer stärker vom Austausch lebt. Die Lebenskraft des Einzelnen und sein Selbstwertgefühl hängen
von seiner sozialen Macht ab. Das ist jedem „Gemüt“ bewusst; es passt sich an – und verstärkt nolens
volens damit den allgemeinen Anpassungsdruck. Die soziale Spannung steigt. Nicht so sehr Hunger
wie unmenschliche soziale Normen empören. Sogar die den Einzelnen ernst nehmende Religion kann
revolutionär werden.
Der „funktionierende“ Markt ist ein chaotisches Geschehen von meist längeren Wachstumsphasen
und kürzeren Zusammenbrüchen.
XIV. Politik
Die Gesellschaft verlangt vom Einzelnen die Fähigkeit, Konflikte verbal auszutragen und
mehrdimensional so zu strukturieren, daß jedem ein relatives Recht gemeinsam zugebilligt wird; das
ist Konstruktion eines komplexen Symbolsystems.
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Der Politiker manipuliert die Menschen durch Vereinfachung der Probleme. Er lügt nicht. Lügen ist
ein Kunstfehler. Er betrügt, indem er mit der Annehmlichkeit einer verständlichen Darstellung die
wahren Unannehmlichkeiten verdeckt.
Schöne Reden kann man sich machen lassen und einstudieren. Aussagewert hat hier höchstens die
Geschmacksrichtung. Am aussagekräftigsten ist das Verhalten in unvorhergesehehen, unstereotypierten Situationen.
Entscheiden ist Abwägung zwischen Inkommensurablem. Das bedeutet aber nicht die Nacht, in der
alle Katzen grau sind. Hier sind Worte wohlfeil; aber Rechtfertigung ist gefragt!
Wo einfache Kriterien fehlen, sind Fehlurteile häufig. Mehrheitsentscheidungen tendieren auf
Durchschnittswerte; sie können deshalb nur extreme Urteile mäßigen, – was meistens, aber auch nicht
immer, richtig ist.
Machtkoalitionen verlangen Komplexitätsreduktion.
Für eine Ordnung, die Reibung minimieren und Energie einsparen soll, ist eine gemeinsame
symbolische Landschaft von Werten nützlich. Simplifikationen stellen, ob ordnend, ob störend, die
häufigste Form politischer Manipulation dar; sie sind verführerisch.
Macht ist eine soziale Organisation mit kleinen symbolischen Auslösern großer Wirkungen. Störung
der kollektiven Symbolik wird symbolisch, mit Stigmatisierung, bedroht.
Persönliche Beziehungen bedeuten Macht und laden ein zu persönlicher Machtausweitung und
Bereicherung.
Parteienfilz ist demokratisch nur durch den Konkurrenzdruck anderer Parteien aufzubrechen. Wenn
eine partitocrazia etabliert ist, haben neue Parteien eine Chance (Ulivo, gereifte Grüne, vielleicht
sogar eine eines Tages gemauserte PDS).
Verfassungsgrundsätze machen den Staat zu einem "Tendenzbetrieb". Deshalb muß er Verfassungsfeinde nicht einstellen.
Der Mächtige erhöht seine Macht, indem er seinen Machtbereich rechtlich ordnet.
Die Wirtschaft kann rationaler organisiert sein als die Politik; denn für sie ist klar, worum sich alles
dreht. Direkt betroffen sind jeweils relativ wenige. Das Problemfeld ist vergleichsweise eng und klar
strukturiert.
In politische Entscheidungen dagegen fließen viele Bestimmungsgründe mit schwankenden
Präferenzen ein. Es geht um das nicht austauschbare Land, mit dem sehr viele Menschen identifiziert
sind, die auch noch mit allerlei anderem identifiziert sind. Sie sind u.a. mit Ideen identifiziert,
darunter stimmungsrelevante Prognosen auf Zeiträume hinaus, die die – dank der Flüssigkeit des
Geldes viel flüchtigere – Wirtschaft nicht berücksichtigen muß. Die Politik muß weit umsichtiger
vorgehen als die Wirtschaft und kann zeitweise wesentliche wirtschaftliche Interessen vernachlässigen. Das wichtigste Machtmittel der Politik ist die Rhetorik13.
Die rivalisierenden Politiker müssen mehr versprechen als sie halten können. Der Wähler muß
zwischen den Zeilen lesen – natürlich mit vielen Lesefehlern.
Die Sprache einer großen Partei bietet für alles eine Begründung, die einen umsichtigen Zuhörer
durch ihre Einfachheit verblüfft, die auch nicht ganz falsch ist und die ihrerseits mit einer weiteren
13
Hier ist, mit Peter Ptassek, an die Rhetorik des Aristoteles zu erinnern! (Aristoteles sieht das
menschliche Eigeninteresse an Einigkeit als Motor einer guten Rede.)
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Schicht solcher Begründungen unterlegt ist, deren Tragfähigkeit in Frage zu stellen und genauer
erkennen zu wollen, den Gesprächsrahmen etwa einer Vortragsdiskussion sprengen würde.
Dem Hörer das schöne Selbstbild als eines opferbereiten Kämpfers für die höchsten Werte
vermitteln zu können, ist rhetorische, politische Macht.
Demokratie ist eine ständige Belastung der Effizienz, Demokratiemangel brüchige Effizienz.
Institution und Hierarchie sind komplizierter als das Organigramm! Eingreifen muß man am
richtigen Punkt; zunächst aber aufmerksam und geduldig warten – und das Warten artikulieren, um
die Moral aufrecht zu erhalten.
Wenn die divergierenden Wünsche einer Gesellschaft sich nicht mehr zu politischem Willen und
organisiertem Handeln koordinieren lassen, entscheidet der Zufall. Verlockt durch Gewinnchancen
oder bedroht von Einbußen, hofft jeder, die Gegner werden stärker als er selbst den ihnen oder dem
Gemeinwesen drohenden Schaden fürchten, ängstlich oder verantwortungsbewußt sein, und noch
rechtzeitig nachgeben.
Es entsteht eine Nachfrage nach Politikern, die das Widersprüchliche zu realisieren versprechen. Sie
kann man dann für das zu befürchtende Scheitern haftbar machen. Es wird sozusagen ein
Betrugsauftrag ausgeschrieben.
Öffentlichkeit ist grobkörniges Gemenge von Simplifikationen. Für kollektives Handeln ist weitere
Simplifikation nötig. Das bedeutet Verzerrung. Das zwingt zu Heuchelei. Diese empört.
"An meiner Stelle würde sonst ein anderer der Verführung nachgeben!" Da ist ein Fehler im
System! Freilich, es gibt nur fehlerbehaftete soziale Systeme. Man braucht Augenmaß.
Auch die Monarchie ist in der Regel von gesellschaftlichem Konsens getragen. Und auch in der
modernen, in Parteien organisierten Demokratie regieren oft Leute, mit denen über die Hälfte der
Bevölkerung nicht einverstanden ist.
Erzwungene Ordnung verbietet Rückmeldungen, die Kurskorrekturen erfordern könnten. Sie macht
eine Institution blind und starr.
Ohne Perspektive für das Ganze mit eigenenen Geschäften die Allgemeinheit zu gefährden und zum
Gewissenstrost auf die Kreativität anderer zu rechnen, ist eine bei Politikern wohl nicht seltene
Verantwortungslosigkeit.
Herrschaftswissen heute ist die hohe Kunst der vielen kleinen und wenigen großen Unehrlichkeiten,
durch die man auf Kosten anderer so Macht gewinnt, daß das damit gewonnene Prestige den durch
die Unmoral bedingten Prestigeverlust mit Sicherheit überwiegt.
Die Spitzenpolitiker machen ein faszinierendes Theater. Es stellt unser Wir dar, gestaltet es, – wie
ein Zerrspiegel, aber doch wenigstens sichtbar.
Autorität macht Sinn. Sie läßt ein Konzept ahnen. Gemeinde verlangt von ihrem Führer ein (am
besten monotheistisches) Konzept, in dem man sich verorten, bestimmen, organisieren, sammeln,
sinnvoll leben und effizient handeln kann.
Demokratie aber hat, wie der einzelne, Raum für mancherlei Autoritäten und Konzepte. Man fühlt
sich hier nicht letztlich geborgen in einem Kosmos, sondern aufs Spiel eines milden Chaos gesetzt.
Man muß seine Bürgerrechte wahrnehmen.
Es ist erstaunlich, daß trotz dubioser Selektionsmechanismen immer wieder auch anständige Leute
an die Spitze kommen. Betrüger lernen schnell. Aber die Völker lernen heute die anspruchsvolle
Kunst des Mißtrauens offenbar fast ebenso schnell.
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Die hohe soziale Sichtbarkeit, der die Spitzen ausgesetzt sind, – es muß gar nicht erst zu
Enthüllungen kommen! – ist wohl ein wichtiger Filter.
Für Dämpfung katastrophaler Kursschwankungen, für mittel- und langfristige Rationalität hätte die
Politik zu sorgen. Aber auch die Politik ist ein Markt. Und hier hat der einzelne Akteur zunehmend
dann bessere Chancen, wenn er schnelle Erfolge hat und späteren Niedergang riskiert; denn dieser
fällt dann, längere Zeit nach der Entscheidung, nicht mehr so eindeutig ihm zur Last.
Kriegsbündnis-Partner sind im allgemeinen zu schwach motiviert, um sich einem konsistent
handlungsfähigen Regiment so zu unterwerfen, wie das republikanische Rom auf Zeit einen Diktator
einsetzte.
Haß führt zu Maximalleistungen im Kampf.
Für Frieden hingegen ist die solideste Grundlage eine Bevölkerung, die allen Extremen, guten und
bösen, sowohl Emotionen wie Radikalismen und Leistungsaufforderungen, mehrheitlich abhold ist.
Das setzt beim Individuum voraus, daß es sich ernst nimmt und gewillt ist, aus sehr vielen, zT
einander widersprechenden Erfahrungen, im Lande und außerhalb, umsichtig zu lernen, was, bei aller
Unsicherheit, wahrscheinlich das Bessere ist.
Dies wiederum setzt eine Gesellschaft voraus, die die Keime spontaner Teilnahme jedes Einzelnen
am politischen Leben (Interesse, Wachsamkeit sowie gelegentliche Tätigkeit) zu schätzen weiß.
Der demokratische Führer soll weniger entscheiden als tragfähige und aussichtsreiche Kompromisse formulieren und durchsetzen.
Er soll zu Verantwortung gegenüber der Zukunft neigen; aber in diesem Sinne zu arbeiten ist primär
Sache der öffentlichen Meinungsbildung.
Politik lebt von Engagement, Begeisterung und also in der Regel von Illusionen und Betrug. Gute
Politik lebt von glaubwürdigen Illusionen und kleinstmöglichem Betrug.
Die Interessen der Individuen sind komplex, ihre Artikulation ist immer vergröbernd. Sie sind nur
teilweise und nur auf Zeit koordinierbar.
Verzerrte Darstellungen sind deshalb Bedingung der Möglichkeit von Politik. Es kann in der Politik
nich um Wahrheit, sondern nur um Kooperationsfähigkeit gehen. Interesse an Wahrheit kann nicht
direkt die Politik, sondern nur die öffentliche Meinungsbildung bestimmen.
„Macht korrumpiert“ – wieso? Soziale Macht muß einem von der betr. Gesellschaft zugebilligt sein.
Die Einzelnen wollen durch Delegation von Macht vor Schaden behütet und womöglich besser
gestellt werden. Die größeren guten Zwecke berechtigen dann den Ermächtigten zum Einsatz böserer
Mittel. Das weicht seine moralischen Selbstverständlichkeiten auf.
Christlich-humane Einwanderungspolitik im Sinne der veröffentlichten Meinung hat arme Fremde –
und damit mehr Chaos – ins Land gezogen. Das war ein Memento: „Wer sind wir als Menschen?“ Es
hat aber die vorhandene Fremdenfeindlichkeit verstärkt. Die Identifikation mit jenen Menschen in
ihrer Problematik überfordert die meisten.
Tagespolitik muß das in Rechnung stellen; sie darf nicht Krieg gegen Gegebenheiten führen, welche
allenfalls, langfristig, Erziehung ändern kann.
Man muß „sein Gesicht wahren“ können. Dieses Gesicht ist ein sozialer Puffer. Man braucht ihn,
um als einerseits ein idiosynkratisches Lebewesen und anderseits Glied der Gesellschaft hinreichend
verläßlich zu funktionieren. Man darf ihn nicht überlasten.
Insbesondere Machthaber brauchen ihn. Man konzediert, ja verlangt das von ihnen. Es ist ihre
Privatsache, wie sie es wahren. Erst wenn sie ihr Gesicht verlieren, sind sie delegitimiert.
Aber überhaupt jedem, dem man auch nur die geringste Verantwortung übertragen können möchte,
muß man das Recht zubilligen, sein Gesicht zu wahren.
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Die demokratische Kontrolle und freie Presse soll dafür sorgen, daß der Spielraum der Mächtigen
nicht dem Gemeinwesen gefährlich groß wird; aber niemand soll in der Öffentlichkeit nackt
ausgezogen und damit seiner persönlichen Autonomie beraubt werden. Es kann immer nur um
Neudefinition seiner sozialen Kompetenz gehen.
Der Wähler bildet sich sein Urteil nach seinem eigenem, komplizierten Gefühl; darin geht sehr viel
Verschiedenes ein! Die öffentliche Meinung ist viel komplizierter, als die Umfragen zeigen können.
Das politische Wetter machen die wetterwendisch verstärkend versimpelnden Massenmedien.
Die unverzichtbare Stetigkeit kommt in die Politik am ehesten durch seriöse Vorarbeit von
Kommentatoren und glaubhaft wirkende Politiker, in deren Person viel von dem Vielerlei, das das
Urteil des Einzelnen bestimmt, integriert ist. (Es ist natürlich wichtig, daß sie glaubhaft bleiben, so
lange sie an der Macht sind.)
Der große Mann wird als alter Mann endlich etwas pietätlos zur Seite gedrängt. Um Großes zu tun,
hat er nolens volens auch Böses getan. Je länger desto mehr mußte vertuscht werden. Das läßt sich ein
Volk nur begrenzt gefallen.
Bürger von funktionierenden Demokratien sind friedlicher, weil sie (infolge der günstigen
Rahmenbedingungen) in aussichtsreicheren Verhältnissen leben.
Die Regulationsfähigkeit der Massendemokratie hängt ab von der Urteilsfähigkeit der Bürger und
also der Freiheit der öffentlichen Information und Meinungsbildung gegenüber denen, deren Macht
im Interesse der Gesellschaft zu kontrollieren wäre.
Allenthalben ist zu beobachten, daß der Archetyp des Königs die Politik beherrscht. Die
Machthaber müssen väterlich/mütterlich, ruhig und sicher wirken. Sie müssen, wie Väter vor ihren
Kindern, im Sinne des Friedens in der Gruppe "Fünf gerade sein lassen" können. Beschönigende
Rhetorik, Halbwahrheiten und Unehrlichkeiten tun ihrer Ehre keinen Abbruch. Ihre Ehre ist das
nachhaltige Wohl ihres Volkes.
Wer, in allgemein herrschender Unsicherheit, den Eindruck umsichtiger, sicherer Orientierung
macht, wird beachtet. Das ist die Chance für Prediger – und Demagogen.
Kriegsmacht ist billiger und schneller aufzubauen als Wirtschaftsmacht. Aber Napoleon bemerkte:
"Mit Bajonnetten kann man alles machen; nur setzen kann man sich nicht darauf."
In größeren Gesellschaften trägt der einzelne eine kleinere Mitschuld an größeren Untaten und
Untätigkeiten. Der Aufwand für ganz persönliche politische Partizipation steht in einem immer
ungünstigeren Verhältnis zum gesellschaftlichen Ergebnis. Man kommt nur in viel mehr Schritten
zum größeren Ziel; man muss sich in kleinen Gruppen einbringen, die sich in größere Gruppen
einbringen usw.
Richelieu fing an, die öffentliche Meinung medial zu manipulieren. Das ging gut – bis zur
französischen Revolution.
Jede Gemeinschaft braucht – situationsbedingt mehr oder weniger dringend – persönliche
Repräsentanten als wegweisende Wortführer auf ihrem Weg durch die Geschichte. Das kann
monarchisch, es kann oligarchisch institutionalisiert sein.
Papst, Ratsvorsitzender der EKD, Bundespräsident sollen predigen. Sie sind, als personale
Repräsentanten von großen, alten Gemeinschaften, moralische Autoritäten und werden, auch über
deren Grenzen hinaus, gehört.
Der evangelische Pfarrer predigte einst, wie der altkirchliche Bischof, als Repräsentant seiner
Gemeinde, und diese repräsentierte lokal die Menschheit unter dem Wort Gottes.
Die Macht der Hierarchie in den Großkirchen ist heute geschwächt. Die differenzierte Charismatik
wird wieder wichtiger.
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XV. Norm, Staat und Recht
Verwaltung ist kreative Anpassung.
Gewalt unter Menschen ist auf Legitimation angewiesen. Minimalvoraussetzung für die Anerkennung der Unterdrückung einer anerkennenswerten Alternative als legitim ist formaler Konsens über
das Vorliegen einander ausschließender anerkennenswerter Alternativen (Dieter Conrad). Der
inhaltliche Konsens ist per definitionem nicht gegeben. Die Durchsetzung einer Alternative mit
Gewalt unterliegt ständiger prüfender Kritik. Sie muß unter ständig sich ändernden Umständen
begleitet sein von der überzeugenden argumentativen und praktischen Bemühung um Legitimation.
Andernfalls entwickelt sie eine Ideologie, die mit Lug und Trug propagiert werden muß.
Gesellschaft ist im Wesentlichen eine Kooperationsstruktur. Im Recht regelt eine Gesellschaft die
Konkurrenz zwischen Subjekten, die einander nützen und schaden können. Nackte Gewalt und
überhaupt Machtkämpfe verbrauchen gesellschaftliche Ressourcen und destabilisieren die
Gesellschaft.
Stereotypierung von Konflikten (in Präzendenzfällen und Gesetzen) vereinfacht die Bemühung um
Lösungen. Es geht um die energiesparende Regelung von Machtfragen. Jede Rechtsordnung ist ein
evolutionäres Zwischenergebnis. Rechtsordnung stereotypiert Kompromißmöglichkeiten.
Es geht um die reale Gesellschaft mit ihren Machtverhältnissen. Deshalb unterscheidet sich eine
rechtliche Ordnung von der nackten Gewalt nur durch die größere Stabilität der durch sie
geschaffenen Lebensbedingungen.
Menschenrechte stereotypieren einen Konsens bezüglich Menschlichkeit, der Revolution und
Kriminalität der Underdogs minimiert.
Menschenrechte wären Rechte, die zur sozialen Rolle jedes Menschen gehören. Die Definition
„des“ Menschen als konkreten Rechtssubjekts hängt von seiner Macht ab; grundlegend kommt es auf
die gesellschaftliche Ermächtigung des Menschen an, als Mensch etwas zu beanspruchen, – also auf
die Menschlichkeit der Gesellschaft.
Hier geht es um kulturellen Konsens. Die heutige globalisierte Gesellschaft hat bislang nur Ansätze
zu einer globalen Kultur entwickelt.
Solide soziale Grenzen sind Sache der persönlichen Identifikation14, Herzenssache. Für sein
Land/Volk muß man sogar sein Leben einsetzen – der Staat muß sich entsprechend (auch außer
Landes) für seine Bürger einsetzen.
Grenzüberschreitendes Engagement aber ist halbherzig bis feindselig. Kolonien werden ausgebeutet.
Internationale Verträge sind nur selten Herzenssache. Internationale Gemeinschaften greifen nur
halbherzig in innere Probleme eines Landes ein; sie schicken an diese besonders schwierigen
Aufgaben Leute, die nicht in erster Linie nach ihrer Qualifikation ausgewählt sind und die die Lage
denn auch oft nur verschlimmbessern.
Ohne ein handlungsrelevantes Rechtsempfinden der Bürger könnte keine Gesellschaft bestehen;
dieses läßt aber zu wünschen übrig. Da sind Gesetze ein Notbehelf. Sie sind zwangsläufig grobe
Daumenregeln; denn je engmaschiger die Gesetze dem Einzelfall gerecht werden, desto mehr Gesetze
sind nötig – ad infinitum. Die Gesellschaft muß trotzdem für das Gesetz Gehorsam verlangen.
„Selbstjustiz“ – Rache oder Bestechung – ist verboten. Aber de minimis non curat praetor; und
Selbstjustiz im Kleinen ist ein wesentliches Regulativ der Gesellschaft. Im Informellen ist Augenmaß
entscheidend; und als Richter in eigener Sache sieht man die Dinge natürlicherweise parteiisch
„Seid umschlungen, Millionen“, konnte man schon zu Schillers Zeiten nur im High singen; bei Milliarden
von Menschen geht es gar nicht mehr.
14
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verzerrt. Luther hat deshalb auch im Kleinen Selbstjustiz, im Sinne prinzipieller Selbstverleugnung
widerraten.
Die Kultur setzt die Bedrohtheit des Lebens präventiv in Androhung von Sanktionen um.
Moral ist erzieherische, hoffnungsvolle Überlieferung. Moralpredigt muß Lust zum eigenen Leben
machen, Zukunft eröffnen, – nicht Zukunft statt Gegenwart, sondern Zukunft, die jetzt beginnt;
Gegenwart, die Zukunft hat.
Recht muß als ein Symbol der Lebensgemeinschaft überzeugen. Eine Abkoppelung des positiven
Rechts von der Moral schwächt beide und gibt ideologischen Pionierpflanzen, terribles simplificateurs mit dem Totalanspruch ihrer Primitivitäten, eine Chance.
Das primitive Rechtsdenken ist brutal. Die primitive Rechtsordnung ist scharfkantig. Aber so
einfach liegen die menschlichen Dinge nicht.
Das "gesunde Volksempfinden" akzeptiert nur lineare* Zusammenhänge zwischen Wohlergehen
einerseits und Arbeit, Erbe, Begabung anderseits.
Das Rechtsempfinden weiter zu entwickeln ist, in der Tat, Sache der Rhetorik, die ja in Recht und
Politik ihren Ursprung hat. (Sie schließt exaktes Denken ein, muß aber mehr bieten.) Nichtlineare
Zusammenhänge sind oft paradox15. Nichtlinearität muß in ständig aktuellem, kritischem Diskurs
(Resonanz mit bekannten Sprach-Gestalten*) gerechtfertigt und menschlich in Griff genommen
werden.
Als die Menschen noch das Recht vergötzten, konnte nur Gott Unrecht vergeben.
Heute empfinden wir, in christlicher Tradition, Vergebenkönnen als Menschlichkeit.
Die klassische Moral- sowie Rechts-Idee haben ausgedient; das Recht ist, wie die Gesellschaft,
mobilisiert, und es ist professionalisiert, seine moralische Verbindlichkeit ist funktional bedingt.
Konsensuale Artikulation von Gerechtigkeit muß per definitionem angestrebt werden, ist aber
heutzutage unerreichbarer denn je.
Recht, Gerechtigkeit und Gleichheit unter den Menschen sind unscharfe Begriffe. Maßgebend ist
Konsensfähigkeit in der Rechtsgemeinschaft, einem höchst komplexen System. Zustimmung und
Duldung sind nicht immer erreichbar. Der Schutz des Systems erfordert auch Gewalt gegen offenen
und subversiven Widerstand.
Gesellschaftsordnung: möglichst breiter Konsens wird mit (möglichst wenig) Zwang komplementiert. Der Konsens ist natürlich hauptsächlich von den Privilegierten getragen. Aber nicht nur gegen
Unterprivilegierte, sondern auch gegen Mächtige ist Zwang nötig.
Die Rechtsordnung muß entwicklungsfähig sein. Widerstand gegen die Rechtsordnung sollte
moralisch unnötig, unmoralischer Widerstand aussichtslos gemacht werden. Um des sozialen
Friedens willen darf die Gerechtigkeitsdiskussion nicht abbrechen.
Die symbolische Bedeutung sozialer Leistungen ist wichtig.
Als Recht ist am ehesten konsensfähig das (1.) einfachstmögliche, (2.) im einzelnen aber noch
hinreichend befriedigende, (3.) im Sinne langfristiger Stabilität der Gesellschaft vertretbare Bild der
tatsächlichen Machtverhältnisse. Das Gleichheitsideal ist zu berücksichtigen in dem Maß, wie es die
soziale Dynamik mitbestimmt.
Der Staat muß sozialpolitisch zwischen der Skrupellosigkeit der Reichen und derjenigen der Armen
das Gleichgewicht halten, außenpolitisch zwischen den Skrupellosigkeiten der Staaten ausgleichen.
15 JAY FORRESTER hat,
mit seinen Computer-Simulationen gesellschaftlicher und ökologischer Probleme, die
Öffentlichkeit auf das counterintuitive behaviour of systems aufmerksam gemacht.
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Ziel: Eine Zukunft, die man mitverursacht haben möchte. Sustainable development of peace. Oder
doch wenigstens: Eine Zukunft verhüten, die man nicht mit verschuldet haben möchte.
Die gesellschaftliche Ordnung ist brüchig; wir merken manchmal, wie unverdient wir hier
privilegiert und dort bestohlen wurden. Es ist zwar Moderneres, aber nichts Besseres in Sicht.
Soziale Normen sind stereotype Relationengebilde im Chaos, die, im Sinne (wenigstens partikularer) gemeinsamer Handlungsfähigkeit zu handhaben sind.
Am Rand des Skandals, ist Not ein rechtsschöpferisches Phänomen und sind Begriffe wie Notwehr
und Notrecht entstanden. So können "notleidende Kredite" kraft der wirtschaftlichen Interessenverflechtung für rechtlich selbständige Partner Verpflichtungen bedeuten, die eher in den Bereich der
Gnade als in den des Rechts gehören. Das Problem reicht aber tief in die Normalität des Rechts
hinein.
Institutionalisierung ist Stereotypierung. Sie spart die sonst für ständiges Neuaushandeln
verbrauchte Energie ein.
Die überwältigende Mehrheit verzichtet dafür, daß sie vor Gewalttat sicher ist, generell auf eigene
Gewalttätigkeit. Das führt zur Kompromißbildung staatlicher Institutionen, die dies garantieren, wie
das Recht. Institutionen können nicht umhin, immer wieder gegen das moralische Empfinden zu
verstoßen!
Der moralische Freibrief macht Institutionen zu einem gefundenen Fressen für Schmarotzer. Sie
wirtschaften das öffentliche Vertrauen in die Institutionen auf das Minimum herunter.
Institutionsmoral: Ein Professor sagt zu einem Fakultätskollegen: "Die Verwaltung hat sich zu
unsren Gunsten verrechnet. Wir sagen nichts!" Dieses „Wir“ ist eine Institution.
Wiedergutmachung im eigentlichen Wortsinn gibt es nicht. Es gibt aber ewig schmerzenden, labilen
Verzicht des Geschädigten kraft eines Neuanfangs, für welchen eine sog. Wiedergutmachung des
Schuldigen ein Symbol ist.
Gute, wohlbegründete Normen sanktionieren ipso facto! Sie bringen den Ungehorsamen in
Selbstwiderspruch.
In Harmonie verstärken Elemente einander, in Dissonanz schwächen sie einander. Insofern erhöht
Normenkonformität die Erfolgschancen.
Nicht erst die juristische Klärung, sondern auch schon die Reduktion der Komplexität des sozialen
Sachverhalts auf einen rechtlichen kann den Beteiligten selten ganz gerecht werden.
Obrigkeit kann familial-regressiv und funktional verstanden werden. Beides geht bei Paulus (Röm
13) durcheinander, und in unserem konkreten Erleben noch heute.
Es kann nicht mehr verantwortlich regiert werden. Es können nur noch Regelungen ohne Autorität,
mit löcherigen Sanktionen, ausgehandelt werden, die der Unordnung Grenzen ziehen.
Böse Eindrücke bedrohen die Moral und müssen verarbeitet, ins normale Weltbild eingearbeitet,
lokalisiert, sehr bestimmt relativiert, auf Distanz gebracht, durch Wiedergutmachungsperspektiven
kompensiert werden.
Es gibt Verhaltensnormen, deren Wurzeln bis in die animalische Vorgeschichte der Menschheit
hinabreichen. Andere sind historisch uraltes Erbe. Man kann nicht behaupten, daß sie sich besser
bewährt haben als andere denkbare; aber daß sie zu den schwer durchschaubaren Bedingungen der
Entstehung und Entwicklung der heutigen Menschheit gehören.
Man soll sie deshalb im Interesse der Erhaltung unsrer Art nicht bedenkenlos über Bord werfen,
vielmehr, auch unter Opfern, sie zunächst einmal aufrechterhalten. Oft entdeckt man überraschend
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guten Sinn darin. Gewiß, "Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage", aber nicht so oft und nicht so
endgültig, wie es im Augenblick erscheinen mag.
Sitte und Norm sollen kollektiv und individuell energiesparendes Gestalt*-Angebot sein.
Bei lokalen* Abbildungen stimmt gegen den Rand hin alles nicht mehr so ganz (zB Karten im
Atlas)! Das betrifft auch die Abbildungen der Gesellschaft im Rechtssystem. Darunter leiden eben am
meisten die an Rand der Gesellschaft, die "Marginalen".
Direkt, profitiert der Arme mehr von einer guten Rechtsordnung als der Mächtige, wenn die
Rechtswirklichkeit ihr entspricht. Sie schützt ihn vor dessen Willkür. Und von dem sozialen Frieden
profitiert auch der Mächtige.
Demokratie setzt stabile, maßvolle Resignation voraus. Das ist hohe soziale Kultur: Integration
einer großen Menge guter und böser Erfahrungen in der kollektiven Symbolik.
Das Judentum erwartet die "Zeit des Messias". Sie ist Heilszeit – theoretisch eine Quadratur des
Zirkels.
Der Messias repräsentiert darin als menschliche Person den personalen Grundsinn des Rechts als
Billigkeit.
Die Mächtigen haben ein Interesse an einer Ideologie der Rechtsgleichheit. In ihrem Rahmen haben
die legalen Wege findiger Ausbeutung den stärksten Anschein von Legitimität.
Ein Bißchen Macht hat jeder. Nach seinen Kräften ein Bißchen Ausbeuter ist fast jeder (man denke
an den Absentismus der Arbeitnehmer).
Im Dienst der langfristigen gemeinsamen Interessen behindert das Recht Ausbeutung mittlerer
Größenordnung.
Idealerweise schützt die staatliche Gewalt die Schwachen vor den Starken. Dafür muß der Staat
stärker sein als die Starken. Wer aber schützt dann wen vor den Beamten des starken Staats?
Die Stärksten sind die chaotisierenden, anonym flottierenden Kapitalien, die multinationalen
Unternehmen und zunehmend die internationalen gouvernementalen Organisationen. Dem Staat sind
nur noch dürftig auf einander abgestimmte, zeitweilige Kompromisse möglich.
Das Gewaltmonopol des Staates beruht auf Angst vor Gewalt. Es ist meist erträglicher als die in
einer hochorganisierten Gesellschaft besonders gefährliche Gewalt einzelner Gruppen.
Das ungeschriebene Recht auf formales Unrecht, die sich ausbreitende Korruption, macht das
formal geltende Recht zum öffentlichen Betrug. Das Prestige der formalen Autoritäten nimmt
bedrohlich Schaden. Ist der Riß zwischen formellem Recht und Rechtswirklichkeit endlich so groß,
daß der Handlungsbedarf allgemein empfunden wird, dann haben fast alle Akteure Dreck am Stecken
und sind durch das formelle Recht bedroht.
Stabile Verhältnisse sind immer repressiv gegenüber dem Leben (mit seiner exponentiellen
Wachstumstendenz). Fraglich ist nur, wer wen und was unterdrücken soll.
Das oberste israelische Gericht legitimiert Folter. Die Menge der Gesichtspunkte macht eine
befriedigende rechtliche Regelung dieses Problems so unmöglich wie die des Krieges. Es gibt aber
rechtlich total oder auch weniger unbefriedigende Lösungen. Nirgends wird das allgemeine
öffentlich-rechtliche Dilemma der Folter so offen wie in Israel diskutiert.
Identifikation der Einzelnen mit der Gruppe nützt der ganzen Gruppe und ist deshalb Forderung der
Gruppennorm – ein zunächst selbstverstärkender Prozeß. Es nützt aber nicht allen Einzelnen gleich.
Entsprechend differenzieren sich das Fordern und die Identifikation zunehmend.
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Verantwortlichkeit ist eine zur Vereinfachung des geltenden Rechts nötige, sonst schlecht
begründete, schmeichelhafte Zuschreibung.
Mit der steigenden Gewaltkriminalität wird die Gegenwehr eines armen Staats immer gewalttätiger.
Kurzfristig ist Gewalt die billigste Machtausübung.
Urteil über den Einzelnen ist eine nur in Extremfällen zulässige Vereinfachung. Wir sind jeder,
locker aber fest verflochten, ein Stück Menschheit.
Die Rechtsordnung der postmodernen Gesellschaft klingt gut, leidet aber an strukturellem
Vollzugsdefizit.
Alle großen Gebote sind auf ersten, beschränkten Blick, evident; globalisiert werden sie unsinnig.
„Hochtemperatur-Supraleiter vermeiden Reibungsverluste durch Verknotung elektromagnetischer
Wirbelfäden.“ Ist die Ökonomie der sozialen Struktur weniger kompliziert?
Steuerunmoral und Mißwirtschaft der staatlichen Bürokratie verstärken einander so effizient, daß
der notorische Steuervermeider schamlos soziale Verantwortung predigen kann – von den
Hinterziehern zu schweigen.
Evolutionär konkurrieren nicht Einzelne und nicht Kollektive, auch nicht Gene bzw. Allele, sondern
Verdichtungsbereiche, Konzentrationswolken identischer Allele, die sich mit den Diffusionsfeldern
anderer Genome in ihren Rändern vermischen (Norbert Bischof), kins, "Sippen". Analoges gilt für die
Ideenwelt der Meme. Eine Idee kommt nie allein.
Rechtskulturen hängen historisch mit Religionen zusammen. Wo Rechtskulturen (zwei herrschende
oder eine herrschende und eine "zersetzende" subkulturelle) auf einander prallen, wird Religion
wieder öffentlich interessant.
Im Recht geht es darum, was einer vom andern verlangen darf.
Zu den elementaren Verfahren der Komplexitätsreduktion gehört die Definition von Äquivalenzen.
„Recht“ ist das (immer unbefriedigend erfüllte) gesellschaftliche Desiderat konsensfähiger
Äquivalenz-Definitionen im sozialen Chaos. Recht definiert Äquivalenzklassen, notdürftig
konsensfähige Stereotypen; (a) in der primitivsten Form: allgemeine Rechtsgleichheit.
Konkret ist "Gleichheit vor dem Gesetz" bei gleichen Taten ungleicher Täter ungerecht. Bei
Ungleichheit der Rechtssubjekte gilt differenziell: (b) Jedem das (konsensfähige) "Seine" (das nun
nicht mehr das "Gleiche" ist). Das Recht berücksichtigt, im Interesse der Durchsetzbarkeit, die
ungleichen Machtverhältnisse, begünstigt also die Starken.
Proportionalität ist ein Gleichgewichtspunkt16 möglicher Konsensbildung. Sie droht aber, wegen des
zunehmend ungleichen Wachstums, das sie produziert, mit der Zeit das System zu sprengen. Im
Interesse der Konsensfähigkeit begünstigt das Recht deshalb auch, (c) ausgleichend, bestimmte
Stereotypen von Benachteiligten.
Konsensfähigen Kompromissen zwischen den Idealfiguren von Gleichheit, Ausgleich und
Proportionalität aber fehlt die Evidenz eines stabilen Gleichgewichtspunktes.
Von Menschenwürde ist schon bei Cicero die Rede, der sie auf die Vernunft gründet, und die
Menschenrechte wurden von Jefferson ganz unreligiös als Selbstverständlichkeit der Vernunft
eingeführt.
Die Verknüpfung bei Thomas von Aquin der Menschenwürde mit der Gottesebenbildlichkeit war ein
guter Griff, eine sachgemäße Vertiefung des Problems; aber man kann nicht behaupten, daß bei der
Menschenwürde das Christentum Vordenker gewesen sei.
16
Thomas Schellings point of saliency.
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Menschenwürde ist heute aufgrund der mitmenschlichen Identifikation ein zugeschriebener Status.
Wer sie antastet, definiert sich selbst als Unmenschen.
Die gewaltigste soziale Identität des Einzelnen ist die nationale. Sie betrifft das Leben und Sterben.
Der nationale Grundkonsens ist für alles Weitere von tragender Wichtigkeit. Nationale formelle
Entscheidungen müssen deshalb ausgereift sein.
Gerechtigkeit ist soziale Ordnung der Ansprüche. Sie erspart Reibungsverluste, – die allerdings für
einzelne Akteure durch den Gewinn aus Ungerechtigkeit u.U. hätten aufgewogen werden können.
Was in einer Kultur Geltung als „gerecht“ erlangt, hängt von der Einschätzung des erreichbaren
kollektiven Nutzens ab.
Formale Kriterien (Wie Gleichheit, „Jedem das Seine“) sind Grammatik, und können die (historisch
zufällig) leidlich stabilisierte Semantik nicht ersetzen.
Kolumbien lebt hauptsächlich von den mafiosen Gegenkulturen anderer Gesellschaften. Das Volk
wird zwischen zwei Systemen, dem nationalen Glied der offiziellen Staatengemeinschaft und der
internationalen inoffiziellen Gegenkultur, hoffnungslos zerrieben.
Im Islam ist Recht der universale Anspruch Gottes durch den Koran, das Tagebuch eines von seiner
persönlichen wachsenden Rechtssymbolik Begeisterten.
Massenarbeitslosigkeit schwächt die Legitimation des Rechts.
Aktivität ist für die Freunde erfreulich, und sie vermitteln die soziale Wertschätzung persönlich.
Das motiviert auch.
Depression ist unerfreulich, geringgeschätzt, und das ist weiter deprinierend.
Lebenswille, Kinder machen ist geboten. Depression, Selbstmord ist sozial unerwünscht.
Depression verbreitet Defaitismus. Sie ist für ein abgeschlossenes Kollektiv zunächst einmal
evolutionär nachteilig, – „Wehrkraftzersetzung“ hieß das im Dritten Reich. Eine Gruppe erhöht ihre
Lebenschancen, indem sie Depression ausscheidet und verurteilt, dadurch autoaggressive Tendenzen
des Depressiven verstärkt und andere abschreckt.
„Stets wird die Welt in ihren schweren Tagen nach Deinen heil’gen Zehn Geboten fragen“ weissagt
betend DIETRICH BONHOEFFERs Mose. Ja, denn sie sind Regeln ruhiger Zeiten; und solche hat das
Leben auch immer wieder nötig.
Durch kleine systematische Regelverletzungen kommt man voran – zu Lasten der Gesellschaft, die
angewiesen ist auf Toleranz für zufällige Störungen ihres unvermeidlich nur ungefähr gerechten
Regelwerks und diese in ihre sittliche Kultur eingebaut hat.
Der Anstand verbietet systematische Regelverletzungen zu Lasten der sittlichen Kultur, die die
Gesellschaft trägt.
Das moderne Instrumentarium für Störung und Zerstörung ist der Weltgesellschaft so gefährlich,
daß Sicherheit (und also meist: Stabilität, Dämpfung von Ausschlägen und Verlangsamung
struktureller Veränderungen) praktisch oberstes Gebot der Weltpolitik geworden ist. Jede Regierung
hat sich vor der Weltöffentlichkeit durch glaubhafte Bemühung um stabilen Konsens über Prinzipien
und Lagebeurteilung in den verschiedensten Zusammenhängen zu legitimieren. Das wird dadurch
erleichtert, daß Konsensbildung auch eine selbstverstärkende Komponente hat. Der Konsens ist aber
nie einhellig.
Das verlangt eine nie dagewesene Bescheidenheit von den Völkern und dementsprechend ein noch
einmal erhöhtes Potential an „Unbehagen in der Kultur“. Deshalb ist im Interesse der Stabilität große
Toleranz erforderlich.
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Unregierbarkeit der einzelnen Staaten ist heute Folge der weltweit wachsenden sozialen Ungleichheit. Leicht überdurchschnittliche Unverantwortlichkeit lohnt sich wie eh und je.
Eine gute Verfassung ist ein unermeßliches Glück für ein Land.
An sich sind Bewahrung und Veränderung, wie Verteidigung und Angriff, Geiz und Neid, wie
Subjekt und Prädikat, gleichberechtigt.
Umstellungskosten sprechen gegen Veränderung, Anpassungsdruck spricht gegen Bewahrung.
So verteidigen Enkel von heldenhaften Eroberern ihr Land gegen neue Angreifer aus der Steppe.
Das staatliche Gewaltmonopol und der Kampf gegen seinen Mißbrauch sind sehr hohe Opfer wert.
Verantwortungslose Herrschaft verdirbt das Verantwortungsgefühl der Beherrschten. „Der Fisch
fängt am Kopf an zu stinken.“
Die klassischen "stabilen Verhältnisse" – wie lang und wo auch immer es sie gegeben hat – sind
stabilisiert durch Kindersterblichkeit, Export von Arbeitslosigkeit, Galgen, Kloster, Zwangsarbeitshaus (Zuchthaus), Armut und Krankheit. Darüber wacht, im Geist von Röm 13, die patriarchale
Obrigkeit. In „Gottes Reich zur Linken“ herrscht in aller Regel Unrecht, aber wenigstens kleineres
Unrecht als allgemeine Rechtlosigkeit.
Auch die beste Verfassung leidet einmal an Materialermüdung.
Die unantastbare Menschenwürde war einst ein begeisterndes Projekt, das auch Verbesserungen zur
Folge hatte. Diese aber fanden an der Natur eben dieses würdigen Menschen ihre Grenze. Das
Problem hat seine Abgründigkeit gezeigt.
Zu den idealistischen Bekenntnissen gehören nicht nur Schuldbekenntnisse, sondern dann auch
bescheidene Besinnung! Die zutiefst beschämende Relativierung der Idee der Humanität ist aber
immer noch tabuiert. Und das blockiert Fortschritte der Humanität.
„Die Kleinen hängt man, die Großen läßt man laufen.“ Die großen Mächte haben bereits als soziale
Einheiten eine beträchtliche Ordnungsfunktion.
Sie können allerdings auch zu groß sein, um ihre Ordnungsfunktion erfüllen zu können („Rußland ist
groß, der Zar ist weit!“). Es gibt kein unumstrittenes Optimum.
Einfache, niedrig-dimensionale17 Modelle bilden jeweils eine Vorstellung vom Ideal der
Gerechtigkeit. Im Recht geht es dann um Ähnlichkeit der komplexen sozialen Realität mit dem Ideal
des unergründlich hochdimensional begründet urteilenden Gewissens.
Das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Ordnung greift hilfesuchend auch nach der monotheistischen
Tradition.
Im Bann linearer Modelle hat man gemeint, soziale Werte in besonderer Weise jenseitig, in Gottes
Willen, verankern zu müssen. Um die Unmoral auf Null zu drücken, hat man Himmel und Hölle in
Bewegung gesetzt – Begleitvorstellungen der Moral, die wohl nie so wünschenswert waren, wie Plato
meinte.
Die menschliche Rechtswirklichkeit hat besseren Rückhalt in Gottes Bescheidenheit.
Nicht nur früh unglückliche Individuen, sondern ebenso auch lange unterdrückte Völker haben ein
"moralisches Recht", verrückt und asozial zu sein. ("Wer über gewissen Dingen den Verstand nicht
verliert, der hat keinen zu verlieren!" Lessing) Das aber problematisiert jede Rechtspflege.
Höchste moralische Instanz ist für jeden einzelnen sein Gewissen. Dieses aber spricht selten mit
einer Stimme; es ist oft Gespräch, Diskussion oder stumme Ratlosigkeit. Hier reden uralte und neuere
17
Man kann sich jeden relevanten Gesichtspunkt als eine Dimension denken.
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Stereotypen, Selbstbehauptung, vertrauensvoller oder ängstlicher Gehorsam und auch lebendige
Eindrücke mit einander. Dies gilt es, bescheiden entscheidend, durchzustehen. Das ist Souveränität,
Teilhabe an Gottes Einzigkeit.
Normen sind das „Gesicht“ der Gesellschaft, das diese nicht verlieren darf und, bei Strafe totaler
Desintegration, unter allen Umständen wahren muß.
Individualisten reden oft ungenau von „menschenverachtenden“ Herrschaftssystemen. Meist geht es
um die in einer Gesellschaft normative Mißachtung einer Besonderheit der Menschheit: der
besonderen Unberechenbarkeit des Menschen. Voraussetzung ist eine große Angst vor dem
„undefinierten Tier“ (Nietzsche) und entsprechend maßlose Wertschätzung sozialer Ordnung und
tabuierter Gebote.
Die Frage des richtigen Maßes ist ein anthropologisch verwurzeltes Dauerproblem der Moral und je
nach Umständen sehr verschieden zu beantworten. Bei uns dichtete Schiller 1799: „Wenn sich die
Völker selbst befrein, so kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.“ Luthers Angst um Deutschland im
Bauernkrieg hatte die Lutherische Staatstreue zementiert. Er konnte sich auf Paulus und dessen
gegebenenfalls sehr harten Kampf für Ordnung (in der Gemeinde und darüber hinaus) berufen. Die
großen Freiheitspropheten also nahmen das Problem sehr ernst.
Zutrauen zu den kreativen Möglichkeiten der subsystemaren und individuellen Selbstorganisation, ja
absichtliche Lockerung der Kontrolle, ist langsam gewachsen erst mit den (wenngleich opferreichen)
Erfolgen dieser Einstellung in der Neuzeit, zunächst sektoriell in der Wirtschaft einiger Länder, dann
aber entgrenzt und beschleunigt.
In der hochkomplexen hochdynamischen Gesellschaft wird das Rechtsempfinden immer weiter
aufgespalten in geltendes Recht und moralisches Empfinden.
Die abendländische Kultur hat die Menschenwürde und (viel später artikuliert) Menschenrechte mit
der besonderen Vernunft-Natur des Menschen begründet. In diesem Sinne wurde auch die
Gottesebenbildlichkeit verstanden. All dies war anfechtbar, aber erfolgreich. In modernen
Gesellschaften steht mit der Einhaltung der Menschenrechte die Loyalität des je betroffenen Bürgers
gegenüber der Rechtsgemeinschaft auf dem Spiel, die Basis jeder Rechtsordnung.
Man kann Vieles am westlichen Einsatz im Kosovo kritisieren. Aber man wird nie ein Urteil fällen
können. Es war nicht sicher, ob, aufs Ganze gesehen, gute Ergebnisse für die bösen Aktivitäten
sprechen werden; aber auch der Inaktivität drohten böse Folgen. Er war im tiefsten Sinne tragisch.
Die Russen kämpfen in Tschetschenien gegen den weiteren Zerfall ihres Kolonialreiches. Auch der
vorangegangene Zerfall der westlichen Kolonialreiche ging teilweise brutal blutig vor sich und hat
vielerorts Wunden hinterlassen, die sich nicht schließen. Die Staatengemeinschaft ist natürlich
konservativ – allenfalls mit evolutionären Tendenzen. Wo immer möglich, will sie blutige Unruhen
vermeiden. Das nützt den Russen im Augenblick; aber es ist nicht zu erwarten, daß ihnen dies (und
überhaupt der ganze Krieg) auf die Länge nützt (geschweige den Tschetschenen). Und das
delegitimiert die ganze Invasion.
Wo sich die Völker selbst befrein, da kann die Wohlfahrt – trotz Schiller – eher gedeihn; aber man
kann heute wissen: Garantiert ist das nicht, und schon gar nicht für sofort.
Der Glaube an den kosmos ist soziale Pflicht. Gott aber will kritischen Gehorsam gegen die
gesellschaftliche Ordnung.
Demokratie ist nicht solide, solange eine breite Schicht unterprivilegiert gehalten ist und dadurch
ein Menschenrecht auf Kriminalität hat. Weltweit aber ist dieser Hintergrund gegeben.
Im christlichen Zeitalter war Kirche die in der Gesellschaft institutionalisierte Symbolik des
Absoluten. So hat noch ein Goethe sie politisch und pädagogisch gebraucht und verstanden.
Stattdessen gibt es heute auf allen Ebenen, von der Akademiesitzung bis zum Klatsch im
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Treppenhaus, eine polyzentrische „Grundwertediskussion“, ebenfalls immer unbefriedigend, aber
unverzichtbar.
Der Staat ist eine stabile Machtballung mit weniger stabiler Legitimationsballung. Hier ist er auf
kulturelle Ressourcen (und ihre Institutionen) angewiesen, zu denen auch Religion gehört.
Archaische Megalomanie findet sich in frühen Hochkulturen weltweit. Der überproportionale
Erfolg der Koordination einer großen Menge menschlicher Kräfte legitimiert Strukturen, in welchen
die zentralen Figuren übermenschliche Macht bekommen, unverstanden gewaltig wie numinose
Naturmächte. Der Staat, der Souverän sind auf ewig heilig. Sie werden als solche, gegen alle
Anfechtung solchen Glaubens, sinnenfällig symbolisiert durch Prachtbauten, machtvoll entmutigend
für jeden Rebellen.
Utopien können die Moral und dadurch das persönliche Verhalten steuern. So können sie die Kultur
beeinflussen und auf diesem Wege den Markt und sogar das Recht.
Utopische Gesetze aber verderben die Moral.
"Menschenrechte" werden jedem von den Mitmenschen zugebilligt mit der Verpflichtung,
tendentiell verantwortlich zu leben. Verantwortlich seine Kräfte zu entfalten, muß die Gesellschaft
ermöglichen.
Aus der Pflicht des Einzelnen, verantwortlich zu leben, ergibt sich ein Recht des Einzelnen auf ein
menschenwürdiges Leben, und sei es als Sklave. (Hier wäre dann nicht der Praetor, sondern der
Censor zuständig. Paulus „censiert“, besser sei Freiheit.)
Machtverschiebungen betreffen die Rechtswirklichkeit und können die Autorität des (mit
Zeitverzögerung institutionalisierten) Rechts unterhöhlen.
Herrschaft muß sich mit Mehrheitszustimmung begnügen. Sie muß der Kriminalität die Sympathisanten abspenstig machen. Wenn Herrschaft nicht Maß hält, fusionieren Opposition und Kriminalität.
Es gehört zu den Eigentümlichkeiten von Ideen, daß man sie gratis kopieren kann. "Geistiges
Eigentum" ist eine contradictio in adiecto. Das so benannte juristische Stereotyp sollte dafür sorgen,
daß es auch dem Forscher und Erfinder nütze, wenn andere sich zu Nutze machen, was er erarbeitet
hat. Der Erfinder kann zwar nicht seine Erfindung, sein "geistiges Eigentum", aber theoretisch das
Recht verkaufen, sie nutzbringend zu kopieren. Das Patentrecht kann aber mit der durch die Technik
chaotisierten kulturellen Entwicklung nicht Schritt halten. Es verteidigt einerseits für große
Unternehmen unverhältnismäßige Gewinne, die dem Rechtsempfinden der Gesellschaft hohnsprechen. (In diesen Fällen mißachtet der Nutzer das Recht mit gutem Gewissen.) Anderseits sind etwa
Software-Raubkopien zwar Raub geistigen Eigentums, aber in vielen Fällen kann die Rechtspflege
sie kaum verhindern. Hier ersetzen Werbeeinnahmen – oder der Idealismus des Geistesarbeiters – den
Arbeitslohn.
Die meisten älteren Erfindungen kann man sich mit Recht gratis aneignen.
Lehrer, Pianisten, Schauspieler usw. verkaufen ihre eigene Darstellung fremder Ergebnisse.
Ein im Sinne der gemeinsamen Rechtsidee unter veränderten Umständen begangener Bruch des
geltenden Rechts stellt Legislative und Jurisdiktion vor unerwünschte Probleme.
Autoritarismus vergottet und diszipliniert. Als Vereinfachung, spart Autoritarismus Kraft.
Denkverbote sind auf die Länge gefährlicher sind als das verbotene Denken.
Es gibt so viele Menschen, dass jedermann nicht nur sich einschränken lassen, sondern, um seiner
Menschenwürde willen, autonom sein Leben mitgestaltend, sich selbst einschränken muss.
Erfolge des Bösen infizieren die moralische Kultur mit Zynismus. Werden böse Mittel für einen
guten Zweck erwogen, muss die Langsamkeit der Gesundungsprozesse in Rechnung gestellt werden.
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Rechtsfragen müssen oft gewaltsam geregelt werden, weil das positive Recht zufällig ist und nur
ungefähr gerecht.
Positives Recht minimiert zwischenmenschliche Gewalt und Zerstörung, es wird mit der
geringstmöglichen Gewalt erzwungen. In diesem Interesse braucht es freiwillige Unterstützung und
greift auf das Gerechtigkeitsgefühl zurück, das symbolisch flexibel, aber doch nicht beliebig
manipulierbar ist.
Recht ist ein System von Vereinfachungen. Vereinfachungen setzen Ungleiches gleich. Das ist das
Unrecht im Recht.
Gegen die Mächtigen ist das Recht oft nicht durchsetzbar. Sie ziehen sich zurück in ein moralisches
Ghetto mit der Standesethik gegenseitiger moralischer Bestätigung.
Vor der allgemeinen Rechtsgleichheit gab es eine Standesgerichtsbarkeit und Ehrengerichte. Wo eine
umfassendere Rechtsordnung fehlt, müssen, im Interesse des sozialen Friedens, die sozialen
Untereinheiten durch (notfalls formalisierte) Ehrengerichtsbarkeit ihren Beitrag zu einer lebbaren
sozialen Ordnung leisten.
Die Gesamtgesellschaft sanktioniert mit Prestigegewinn bzw.-verlust. Die „Stände“ (Berufsgruppen,
Geschlechter, Altersgruppen, Schulen u.ä.) haben ihr Sozialprestige zu pflegen.
Unsere Kultur schützt einige Tabus durch Gewissensangst sowie Angst vor Zivilisationseinbrüchen.
Man darf sie allenfalls diskutieren; aber keine Diskussion kann die Bestrafung von Tabu-Brüchen
beenden. Die Tabus gehören zu den vielen Grauzonen der Ethik.
Mangelnde Transparenz der Wirtschaft unterminiert die öffentliche Moral.
Die Menschen bilden eine spannungsvolle Gesellschaft. Sowohl die Spannkraft des Individuums
wie die der sozialen Einheiten schwankt. Überdehnte Toleranz führt gesellschaftlich zu Orientierungslosigkeit und von da aus zu fundamentalistischen Evidenz-Kontraktionen, Vereinfachungen mit
mörderischen Intoleranzen.
Mugabe ist in Afrika noch nicht der Schlimmste; und die Außenministerin des Schöpfers von
Guantanamo kann das nicht gut kritisieren. Luther hatte, unbeschadet Rm 1318, seine klare schlechte
Meinung über die Obrigkeiten.
Das Ideal der Demokratie ist der Kompromiß; aber ein guter Kompromiß ist Schluß einer
Informations- und Verständigungsarbeit, zu der dem Normalbürger natürlich die Zeit fehlt. Real
herrscht eine – vom Volk tolerierte – kleine Exekutive der „Mehrheit“. Die Fehlertoleranz ist groß,
aber es gibt eine Ordnung auch für größere Korrekturen. Deshalb ist jede Demokratie zwar nur
begrenzt stabil, aber zäh.
Gewaltherrschaft ist starr und brüchig. Weil größere Korrekturen hier Umsturz bedeuten, ist der
politische Kompromiß hier eine Fehlertoleranz, die das Katastrophale streift.
Man vergleiche die politische vs. religiöse Gemeinschaft mit dem dominanten vs. rezessiven
Erbgut: Kirche als Reserve-polis.
Religion bildet Gemeinschaft. Solche Gemeinschaften bilden, je nach gesellschaftlichen Umständen,
ein sehr differenziertes Kirchenrecht aus. Differenzierte Gesellschaften aber unterscheiden zwischen
Religion und Recht. Religion denkt metaphorisch; Recht ist metonymisch zu denken. Recht hat klar
zu entscheiden; Religion hat existenziell zu bedeuten. So kann, im Zusammenbruch einer politischen
Ordnung, aus ihr neue Ordnung erwachsen.
18
Vgl. Darwin: Jede Regierung ist besser als gar keine.
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Politische und religiöse Gemeinschaft wollen das Gewissen des Individuums zu Zeiten beherrschen
(sacramentum = Fahneneid. Plutarch billigt den Kaiserkult). Man muss sich der Übermacht – nicht
immer, aber meist – mit schlechtem Gewissen, gedemütigt und zunächst ratlos, beugen. In der
Trauerarbeit kann man dann die Situation in eigener Verantwortung neu sehen lernen.
Recht ist, als vereinfachende Repräsentation sozialer Beziehungen, ein Attraktor* im sozialen
System; als energiesparend ist es wohltätig.
Eben in diesem Sinne geht es nicht um summum ius, sondern um Recht als einen, infolge seiner
Realitätsnähe, anziehungskräftigen Attraktor.
„Recht“ ist eine approximative Symbolik. Rechtspflege schafft marginales Unrecht. Wer das Recht
liebt, muss auch dieses bejahen; das marginale Unrecht mag treffen, wen es will. Dies anzuerkennen,
ist Würde.
Aber man lasse sich Einvernehmen etwas kosten und hüte sich, in die steinerne Mühle von
Rechtsstreitigkeiten zu geraten!
Das geltende Recht muß auf dem Rechtsgefühl der Bürger sicher aufruhen. Diese aber urteilen nicht
einstimmig. Das „gesunde Volksempfinden“ ist immer wolkig um einen Durchschnittswert gestreut.
Die (im Interesse von Gleichbehandlung und Rechtssicherheit nötige) Uniformierung des Rechts
durch Gesetze führt im Einzelfall selten direkt zu ganz überzeugenden Entscheidungen. Da ist
persönlich verantwortete Rechtsprechung nötig. Diese aber muß sich im gesetzlichen Rahmen halten,
auch in Fällen, wo dieser kein überzeugendes Urteil erlaubt.
In jedem Fall aber belasten Verstöße gegen geltendes Recht das Subjekt mit einem Legitimationsdefizit. Sie sind tendenziell beschämend. Sie können moralisch sehr einfach sein; in der Regel aber
entspringen sie komplizierteren Situationen, die das Subjekt oft selbst moralisch nicht ganz
durchschaut. Sie bedeuten Rechtfertigungsdruck und bringen oft in Argumentationsnotstand (daher
die alte Institution des Rechtsanwalts).
Das Liebesgebot ist im Abendland idealer Orientierungspunkt einer „menschlicheren“, aber
spannungsvollen und widersprüchlichen Gesellschaft.
Das Leben lehrt jeden die Tragik der Weltordnung: Um größeres Übel zu verhüten, tut man
jemandem (vielleicht sogar heimlich) Unrecht. Man kann das abbüßen durch heimlich getanes,
möglichst gezielt individualisiertes, positives Unrecht (Wohltätigkeit).
Jeder erleidet Unrecht. Deshalb soll jeder wissen, daß Recht nur eine praktikable Substruktur
menschlicher Solidarität ist.
Recht ist immer nur ein (kollektiv brauchbares) Symbol, – ein Mittelwert, dem man (vergröbernd)
verschiedene Fälle „gleich“ setzen kann. Wenn man das missachtet, wird Recht zum Abgott.
Summum ius summa iniuria.
Ein Gesetz ist ein Symbol.
Verfestigungsgrad von Symbolen:
Normative Selbstverständlichkeiten sind Gleichgewichtspunkte. Sie verschieben sich lange langsam,
aber plötzlich schnell.
Recht und Gesetze sind unpersönlich, starr und entwickeln sich unstetig.
Strukturen und Institutionen sind unpersönlich und zäh.
Moral ist persönlich, stabil und entwickelt sich stetig.
Das Kollektiv ist definiert durch Gemeinsamkeit; diese ist sein Grundgesetz – mit der Kraft der
Notwendigkeit des Kollektivs für des einzelnen.
Das Kollektiv spricht Gerechtigkeit zu.
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Das Leben entwickelt menschliche Ordnungen, Gesetze, Institutionen; und für deren Entwicklung
sind Symbole und Glaube richtungweisend.
Synagoge und Kirche sowie die staatstragenden antiken Philosophien verkämpfen sich sicherheitshalber für Ordnung als Assimilationsschema für die doch chaotische Lebenserfahrung. Die Skepsis
wurde bekämpft; denn sie durchzustehen, verlangt Liebeskraft, Aufmerksamkeit19 auf kleine
Unterschiede; die Grobheit, mit der im sozialen Leben zu rechnen ist, führt zu amoralischen
Reaktionen auf die anomische Frustration.
Die Kriminalitätsrate der Unterschichtsjugend zeigt, daß weltweit die Rechtsordnungen nur
andeutungsweise Recht und Ordnung sind.
Menschen schaffen Tatsachen. Institutionalisierung ist ein menschlicher Schöpfungsakt. Da ist
tempus legis angesagt, geordnete Welt, Selbständigkeit in klaren Grenzen, prekär – wie Ein-„weih“ungen und allerlei weiteres Ritual verraten – zwischen Chaos und Ruhe eines Kirchhofs.
Ohne die geplant ordnenden Korrekturen starker demokratisch gewählter Regierungen herrschen
über eine Informationsgesellschaft militärische Gewalt oder wirtschaftliche Macht – auf die Länge
total unberechenbar, wild chaotisch.
Eine ständig frei sich bildende öffentliche Meinung kann einer Regierung helfen, das Chaos zu
mildern, weil sie das Sensorium aller Individuen nutzt für rechtzeitige Anpassung im Interesse aller
Betroffenen.
Der mit positivem Recht herrschende Staat braucht Loyalität. Diese braucht Fundierung in einer
soziablen Existenzsymbolik (civil religion).
Geordnete Umwelt konzentriert die Handlungsoptionen um den aussichtsreichsten Weg, die
Rationalität beschränkt hier die Handlungsfreiheit. Gezielte Umweltzerstörung (Aggression) eröffnet
nicht unbedingt bessere, aber neue Möglichkeiten und schafft Raum für Autonomie- und
Allmachtsgefühle.
Viele amerikanische Kriegs-Heimkehrer machen nach langer Zeit zuhaus Selbstmord. Die normale
Gesellschaft hat sie in den Krieg geschickt, wo ihnen die normalen Selbstverständlichkeiten
genommen wurden. Zurück in den Grenzen der Normalität, sind sie, mit den Grenzerfahrungen
(deren obsedierende Erinnerung sie selbst quält und die Umwelt bedroht) unintegrierbare Fremdlinge.
Psychologische Fachkräfte sollen irgendwie die Integration erschaffen; sie können nur basteln!
XVI. Geschichte
Serbien in der Erniedrigung bezog aus seiner Literatur eine historisch begründete, grandiose
Identität jenseits der herrschenden Umstände – wie die Juden aus der Bibel. Als die realen Schranken
fielen, brach das Imaginäre ins Diesseits ein. Ähnliches hat die Ludendorff’sche Glorifizierung der
geschlagenen Macht über die Deutschen gebracht.
In jedem Leben liegt Gutes unter Trümmern begraben, das zu vergessen Selbstverlust war. Es kann,
unerkannt, zu neuem Leben erwachen.
Die Welt wandelt sich im Wechsel von Entwicklungen und Zusammenbrüchen. Das ganze
Geschehen „Entwicklung“ zu nennen, ist irreführend.
Am Anfang war die Symbolbildung. Das Gute wurde geschichtlich.
Die Gegenwart ist, ohne persönlichen Einsatz, schlecht, auf dem Abstieg. Personal verstanden, ist sie
Einladung zur Mitverantwortung für die Zukunft.
19
Leuchtendes Beispiel: Montaigne!
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In gespannten Situationen suchen die Einzelnen Rücksicherung auch in Koalitionsmöglichkeiten,
Gemeinschaften. Dafür bieten sich alte Koalitionen an. Gemeinsame Wurzeln stärken die Einheit von
Kollektiven. Abstammung und religiöse Verwurzelung sind existenzsymbolische Identitäten. Darüber
hinaus manifestieren sie sich in vielen geringfügigen Unterschieden. Auch diese werden in
gespannten Situationen plötzlich wichtig.
Die Deutschen 1945 waren korrumpiert und sind, durch die Besatzungsmächte am Zügel gehalten,
moralisch bescheidener geworden, – oft freilich, mit den veralteten unbescheidenen Forderungen
sprachlich hilflos, darüber hinaus zaghaft (z.B mit ihrer antiautoritären Erziehung).
Man fragt sich: "Wie habe ich (Spießgeselle), wie hätte ich (Erbe) mich bewährt? Was darf ich von
Menschen erwarten und fordern, was dürfen sie von mir erwarten und fordern?“ Jeder Idealismus
wird relativiert; jede Rechtschaffenheit ist objektiv radikal verunsichert.
So sind die kollektiven Verbrechen den Deutschen zum Segen geworden. Etwas Frömmigkeit ist in
die Säkularität diffundiert.
Eine Wissenschaft von den Nationalcharakteren muß fragen: „Was hat dieses Volk durch seine
Geschichte über Mensch und Welt gelernt?“ Dazu gehört die Frage: „Was haben seine Nachbarn ihm,
absichtlich oder unabsichtlich, beigebracht?“
„Rasse“ – oder wie immer man das natürliche Substrat fassen mag – , ist immer schon längst
überformt durch die menschliche Interaktionsgeschichte.
Heimkehr: Unglaublich, daß ich die Vergangenheit, die mir jetzt, zurück am alten Ort, so
bedeutungsvoll wiedererscheint, einmal auch so platt gelebt habe wie jetzt die Gegenwart!
Was ist Eutin, was ist Lübeck? – : Für den Augenblick ist das schnell beantwortet; aber für zwei
Augenblicke im Abstand von 50 Jahren? – : „Eine Portion zäher Masse, ein Stück Geschichte!“
Geschichte ist ein Kontinuum.
Alle historische Bildung hat Europa nicht an grotesker Verkennung der Gegenwart und den
Weltkriegen gehindert.
Die Geisteswissenschaften als das institutionalisierte kollektive Gedächtnis sind wohlgelitten; als
kritisches Erinnern sind sie eine ungeliebte, mehr schlecht als recht erfüllte Pflicht.
Als die menschliche Geschichte in Fahrt kam, entstand auch das Bedürfnis, wenigstens symbolisch
festzuhalten: Bild und Schrift.
Eine Gesellschaft ist, wie ein Individuum, ohne Gedächtnis gefährdet. Aber auch das Vergessen ist
lebenswichtig („... dann badet ihn im Tau aus Lethes Flut;“ Faust II, 4629).
Außergewöhnliche Welten, wie die des Widerstandes gegen Hitler oder die des Urchristentums,
sind mit unserer Normalität kaum vermittelbar. Sie gehören aber zu unserem kulturellen Erbe und
müssen, gegen den gefährlichen Übermut unserer Normalität, schlecht und recht präsentiert gehalten
werden.
Ein „Umschlag von Quantität in Qualität“ kann lautlos geschehen und allzu lang unbemerkt
bleiben.
Jakob Burckhardt empfiehlt, in der Geschichte nicht Identität, sondern Kontinuität zu erwarten.
Diese ist darstellbar als eine Kette von lokalen Struktur-Identitäten. (Vgl. die „analytische
Fortsetzung“ in der Funkionentheorie.)
Die Intentionen der abgebrochenen Leben unserer Toten und unserer Opfer strukturieren den
Zusammenhang, aus dem wir Leben. Wenn wir ihrer nicht gedenken, verflacht unser Selbstverständnis und wir gehen tölpelhaft mit unserm Erbe um.
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Die Ideologiekultur war absolutistische Rationalität, Übergang zwischen Traditions-Autoritarismus
zum rationalen Relativismus.
Die prinzipielle Relativität der Standpunkte hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu
Dezisionismus mit dummer Selbstmythologisierung verführt. Diese Konserquenzmacherei musste in
Barbarei und Katastrophe enden.
Große Ereignisse unterliegen, bei zeitlichem Abstand, entweder der Einebnung, oder selektiver
Mythologisierung. Nur im Kunstwerk können sie in historischer Zufälligkeit ihre Bedeutung wieder
erlangen.
XVII. Ungleichheit
Die Gesellschaft braucht Macht-Akkumulation zwecks Effizienzsteigerung; Machtakkumulation
aber steigt exponentiell, katastrophenschwanger. Die menschliche Evolution hat einen Ausweg
gefunden: Großzügige Wohltätigkeit (persönlicher Macht-Verzicht) wird ad personam (nicht weiter
verkäuflich) mit Prestige honoriert; unangemessene Macht- und Habgier wird mit Verachtung
entgolten. Wohltätigkeit ist deshalb memetisch und genetisch eine evolutionär stabile Strategie.
Prestige macht sich dann für die Kinder wieder in Macht in andern Lebensbereichen bezahlt.
Darüber hinaus ist zu hoffen, daß in den Höhenlagen der heutigen Möglichkeiten der Machthunger
sich dem Sättigungspunkt des Grotesken nähert, und die öffentliche Wertschätzung sozialer
Verantwortung, kraft Transparenz, auch für den Egoismus weiter an Wert gewinnt.
Reine Machtakkumulation wird schon jetzt möglichst geheim gehalten und, wo das nicht mehr
möglich ist, gern mit billiger, photogener Wohltätigkeit als ein pudendum verschleiert. Der primitive
Machtmensch muß fürchten, erkannt zu werden, heucheln und endlich, zur Wahrung seiner
Selbstachtung, Lügengespinste glauben.
Die verschiedenen Kulturen und Subkulturen ermächtigen (mit aktivem Einsatz) die verschiedenen
Rechtssubjekte zu sehr verschiedenen Ansprüchen.
Die Gründe für diese Ermächtigungen sind sehr verschieden. Die Angst vor Kriminalität und Revolte
der Deklassierten bekommt immer mehr Gewicht, je größer deren Störpotential wird.
Die Verhandlungsmasse der Machtlosen im Streit um ihr Recht, mit der so etwas wie ein
stereotypiertes Minimalbürgerrecht erkämpft werden kann, ist ihre Macht, die Ordnung zu stören.
Stolz ist die subjektive Seite von sozialem Prestige.
Prestige ist mit Macht im mittleren Bereich eng korreliert; aber übermäßige Macht wird nicht
übermäßig geschätzt, und tiefe Armut gebietet Respekt.
Epochemachend war ROUSSEAUs Traktat von 1755. Die soziale "Ungleichheit unter den Menschen"
ist und bleibt eine offene Wunde. Man mag sie hier oder dort reduzieren; sie wächst schnell zu
häßlicher Größe in allen Dimensionen nach. In dieser Grundsituation ist Kultur und Kommunikation
gefragt.
Das "organisierte Verbrechen" ist – bei allem Profit seiner Unternehmer – meist auch eine
Hilfsorganisation für Marginalisierte, ganze Völker! Die anständige Gesellschaft wehrt sich (wie
Amerika gegen Kolumbien) rechtlich, polizeilich und notfalls militärisch gegen diese Form von
Lastenausgleich.
Drogen haben einen Markt; weil die Anbieter Sympathisanten haben. Diese Szene kann man
bekämpfen. Aber das hinter dem Drogenhandel stehende Massenelend kann man, wie die Menschen
(in Amerika sowie in Kolumbien und anderswo) sind, nicht beheben.
Basis der sozialen Ordnung ist nicht eine faktische Gleichheit, sondern die Symbolik eines
gemeinsamen ideologischen Bodens, die die faktische Ungleichheit legitimiert.
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Gerecht ist: im Rahmen der vorgegebenen Tatsachen stabil, leidlich konsensual, irgendwie egalitär.
So ist gerechte Ungleichverteilung möglich.
Bettler? Man guckt weg. Das ist Sünde! In der Tat, "wir mangeln des Ruhms, den wir vor Gott
haben sollten" (Rm 3,23). Man hat kein gutes Wort. Das ist scheußlich.
Man soll nicht immer, aber immer wieder sich an die Elenden erinnern.
Die Privilegierten erleichtern sich den Glauben an ihre Vorrechte, die Auserwähltheit der „Elite“20,
durch symbolische verdienstliche Werke und ein tragisches Mitgefühl.
In der Kastengesellschaft ermöglichte eine Reinkarnationslehre sozialen Frieden, in der Feudalgesellschaft die christliche Jenseitshoffnung. Das Jenseits hat zwar wieder Konjunktur, aber nicht mehr
die gesamtgesellschaftlich stabilisierende Kraft einer Ideologie.
Bei der unvermeidlichen Nicht-Entwicklung menschlichen Potentials (hauptsächlich durch Hunger)
gilt es, Menschlichkeit zu bewähren, obwohl der Satte den Hungrigen und auch der Hungrige den
Satten nur mit besonderer Anstregung verstehen kann. Zur Wahrung von Hoffnung (Repräsentation
der winzigen, aber realen unvorhersehbaren Chancen eines hochkomplexen Systems für jeden
Einzelnen) und Geduld seitens der underdogs bedarf es einer lebendigen verbindenden Sprache. Sie
bezieht ihre Verbindlichkeit aus der Opferbereitschaft seitens der topdogs.
Explizit müßte man sich selbst sehr klar zu machen versuchen, warum man für die Armen nicht
mehr tut, als man tut. Man braucht dazu vielleicht das Gespräch mit einem Armen.
Die Hauptverantwortung für eine ehrlich konsensfähige Sprache in der Gesellschaft trägt jedenfalls
die Oberschicht.
Die Hackordnung ist der erste und letzte soziale Bezugsrahmen der Selbstachtung des Individuums;
die Eindimensionalität bietet aber keinen Raum für Kreativität. Für diese ist am meisten Spielraum,
wo die Ressourcenknappheit nicht als bedrohlich erlebt wird. (Die Kultur eines Milieus ist
ökonomisch bestimmt, aber nicht ökonomisch determiniert.)
Man sollte eine Arbeitsgemeinschaft für private Wohltätigkeit gründen als Non-profit-Center für
Lastenausgleich durch Direkt-Vermittlung von vielen kleinen Investitionen in sozialen Frieden. Diese
ändern nichts an der allgemeinen Weltlage, aber sie würden glaubwürdige Zeichen menschlicher
Solidarität setzen, die für Einzelne die Weltlage ändern.
Konkret ist Macht immer brüchig legitimiert. Kaum irgend jemand kommt zu Macht allein wegen
seiner Eignung für den erwarteten Dienst an der Gesellschaft. In aller Regel gäbe es Geeignetere. Um
der erwünschten Stabilität willen aber muß der Amtsinhaber das Amt behalten. Das Legitimationsdefizit muß in öffentlichem Interesse mit Halbwahrheiten und Schwindel gedeckt werden; der Apostel
Paulus (Röm 13) und der neutestamentliche Geschichtsschreiber Lukas gehen darin sogar recht weit!
Durch das Rauschmittel Schmeichelei läßt die Oberschicht sich vergiften. (Sie weiß, daß geheuchelt
wird, aber glaubt Schmeicheleien eben doch gar zu gern.) Das geht nicht immer so glimpflich wie bei
dem Fabeldichter JEAN DE LA FONTAINE21 ( † 1695); es kann auch in einer französischen Revolution
gegen eine Monarchie enden, die von La Fontaine nicht gelernt hatte.
Gewiß, die Reichen jagen auch einander die Beute ab; aber darauf beschränken sie sich nicht. In der
Oberschicht herrscht Konkurrenz auf Kosten der Ärmeren.
20
Vom lat. eligere.
tout flatteur vit aux dépens de celui qui l'écoute, jeder Schmeichler lebt auf die Kosten dessen,
der ihn hört (Der Fuchs und der Rabe).
21...
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Die Schwächsten sind die schwach organisierte Masse. Sie brauchen Anwälte.
Aber was für Typen übernehmen diese Aufgabe? Wie formt sie den Menschen? Und wie schnell
werden ihnen unlautere Motive untergeschoben! Wer setzt sich dem aus?
Auch bedingungsloser Idealismus hat seine gefährlichen Schattenseiten. Aber für die Menschlichkeit
noch gefährlicher ist es, wenn sich niemand ernsthaft der Elenden annimmt.
Je mehr Arme, je weniger Reiche, desto größere Verantwortung fällt auf den einzelnen Reichen.
Auch konsensuale Herrschaft verlangt von ihren Untertanen nicht nur funktionale Opfer, sondern
auch die Übung symbolischer Opfer. (Schon die Selbstbeherrschung verlangt das!)
Demütigung des Beherrschten gehört zur Herrschaft. Sie dient der Identifikationsabwehr zwischen
den Schichten. Indem sie die sozialen Schichten rituell auseinander hält, entlastet sie die Gesellschaft
von ständigem Kampf um die Hackordnung.
Bettel ist ein chaotisches Grenzphänomen zwischen Arm und Reich: Beide Seiten schämen sich
individuell – für einen Übelstand, den sie im Ganzen nicht zu verantworten haben, den sie aber, jeder
an seinem kleinen Teil, mittragen.
Auch Herrschaftsvirtuosität ist oft eine Fachidiotie.
Auf die Länge ist nicht wichtig, wie einer zur Macht kommt, sondern wie er auf den Legitimationsdruck reagieren wird.
Befehlsketten sind Spezialfälle der von ROUSSEAU verklagten inégalité parmi les hommes, der
sozialen Ungleichheit.
Befehlsketten brechen, wie Salami-Taktik, kriminelle Asozialität in unscheinbare Stücke und
unterlaufen moralische Hemmungen. Am Ende ist die Menschlichkeit abgetragen; es herrscht die
blinde Natur.
Eine "recht und billig" bemessene Reichtumssteuer wäre eine gute Idee. Sie soll der allgemeinen,
durch die aggravierte Nichtlinearität der wirtschaftlichen Mechanismen bedingten Demoralisierung
gegensteuern. Die Konkurrenz der Standorte bedingt aber, daß der Reichtum einer Reichtumssteuer
ausweichen kann.
Umso mehr muß im öffentlichen Bewußtsein lebendig bleiben, daß die Extremwerte in Armut und
Reichtum, sowohl zu den Anstrengungen wie zu den effektiven Leistungen in keinem Verhältnis
stehen. Unverdienter Reichtum müßte, im Interesse einer stabilen Rechtskultur, durch extrafiskale,
besondere Leistungen (Stiftungen) für die Gesellschaft – und zwar nicht peanuts – , öffentlich
legitimiert werden.
Das ist eine Frage der öffentlichen Moral bzw. der moralischen Resignation.
Man muß ungerechte Vorteile schnell ausnutzen. Sie haben oft sekundäre Vorteile zur Folge, die
erhalten bleiben, nachdem man zurückgegeben hat, was man geraubt hat.
„Hierarchie“ meint ursprünglich22: Weitergeben von empfangenem göttlichen Segen an Untergeordnete. Der Begriff diente ursprünglich der Legitimation des realen Bischofsamts. Diese Lehre von
der himmlischen und der kirchlichen Hierarchie war von Anfang an Ideologie. Im allgemeinen
Sprachgebrauch ist die reale Machtstruktur der Sinn des Begriffs Hierarchie geblieben. Er erinnert
aber daran, daß Macht und Legitimation zusammengehören.
Umwälzungen bereiten sich durch Delegitimation vor. Hier ist der blinde Fleck der Starken,
einerseits Kraftersparnis durch Komplexitätsreduktion, anderseits ihr Schwachpunkt.
Das Ja zu einem Sieg des Schlechten ist mir erst erlaubt, wenn ich nichts mehr dagegen tun kann.
22
D.h. beim Pseudo-Dionysius Areopagita.
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Statistisches Naturgesetz in einer dynamischen Gesellschaft (exponentielles* Wachstum): Once you
get behind you stay behind, fällst du zurück, bleibst du zurück. Man erstrebt überdies eine
Machtposition in einer mächtigen Gruppe. Das führt zu exponentiellen* Entwicklungen und
Zusammenbrüchen. Das System ist chaotisch.
Das Gesetz exponentiellen* Wachstums ist das Grundgesetz der kapitalistischen Ausbeutung:
Vorsprung vergrößert sich. Es ist aber mehrfach dafür gesorgt, daß die Bäume nicht in den Himmel
wachsen; und auch die logistische* Wachstumskurve enthält einen exponentiellen Faktor, der ins
Chaos führen kann.
Bescheidenheit als Statussymbol der Wohlsituierten könnte auf die Länge zwar nicht viel zur
Linderung der Not, aber Entscheidendes zur Entgiftung der Kultur beitragen.
Der Glückliche ist dem Unglücklichen zur Entschädigung einen erfreulichen Anblick schuldig.
Die Abhängigkeit des Erfolges von der Leistung ist, wegen Multiplikation von Folgen des Erfolgs
mit der Leistung, nichtlinear*. Die naive soziale Wertschätzung aber schätzt das Verdienst aus dem
sozialen Erfolg linear, beurteilt also den Erfolgreichen zu verdienstlich, den Erfolglosen zu schlecht.
Ideologien müssen einfach sein, um sich durchzusetzen. Der menschliche Verstand konstruiert
zunächst linear. Wer im gesellschaftlichen Naturprozeß hochgekommen ist, legitimiert sich
ideologisch am wirksamsten mit linearen Modellen („Je ... desto ...“). Natürliche Zusammenhänge
sind aber in der Regel nichtlinear.
Die Qualität jeder Machtelite, die Funktionstüchtigkeit jeder Institution und das Verantwortungsgefühl in jeder Oberschicht tendiert hinab auf ein Niveau, wo sie Revolution fürchten muß23
Selbstreinigung ist zu erwarten nur unter starkem öffentlichem Druck.
Der Selbstmordterrorismus der Palästinenser und der Al Kaida wächst auf dem Boden kollektiver
Kränkung.
Der unbeachtet Unrecht Leidende haßt die geschäftig mit sich zufriedene, im Vorbeigehen achtlos
aufmunternde, gedankenlos mahnende Gesellschaft. Und das ist massenweise der Fall. Die
Gesellschaft trägt ein unheimliches Zerstörungspotential in sich. Es taucht an die Oberfläche der
Öffentlichkeit auf als Vandalismus junger Männer mit beschämenden Zukunftsaussichten in einer
Welt voller Versprechungen.
Daß es auch Profitanten in der Unterschicht gibt, die ihr Unternehmen und den Wohlfahrtsstaat
ausbeuten, ändert nicht die Ausbeutungs-Grundstruktur.
Ausbeutung seitens des Reichen ist ein größeres Vergehen als die seitens des Armen. Schon der
Streitwert ist erheblich höher.
Die Mächtigsten legitimieren sich manchmal echt als Beschützer der Ärmsten.
Dem Elendsmilieu gegenüber, ist unser Mitgefühl von Abscheu überlagert und überwältigt, aber
nicht ausgelöscht. Es bleibt ein soziales Schuldgefühl als Tonus der Menschlichkeit.
Die ganze Gesellschaft ist daran interessiert, daß niemand sich ein Leben in Ehren durch
Unrechttun erkaufen muß. (Vgl. Spr 30,9).
Nicht Korruption der Führungsschicht und organisiertes Verbrechen, sondern deren Abwesenheit
wäre erklärungsbedürftig.
23
Auf diese Vermutung bin ich gekommen durch: LAWRENCE J. PETER & R. HULL, The Peter-Principle
(1969): Jeder wird befördert, bis er sein level of incompetence erreicht hat.
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Wenn es unausweichlich hart auf hart geht, im Kampf um lebensnotwendige Ressourcen, heißt die
Alternative zu Vernichtung: Unterdrückung. Versklavung schützt Leben.
Recht ist nicht ein Vertrag zwischen Gleichen, sondern immer schon ein Vertrag zwischen
Ungleichen. Den Schwächsten rettet es ihr Leben; die meisten profitieren von der Vermeidung von
Reibungsverlusten; die Mächtigsten profitieren am meisten.
Was kauft man sich fürs überschüssige Geld? Wenn die Mächtigen sich mit Macht immer noch
mehr Macht kaufen (zur Verbesserung der Lebenschancen der eigenen Familie im gesamtgesellschaftlich immer unübersichtlicher werdenden Konkurrenzkampf), so muß endlich Macht wieder
einmal zum negativen Prestigewert werden. Sie bekommen mit einer Gegenmacht von Ressentiments
zu tun, geraten immer tiefer in Legitimationsnöte. Sie brauchen mehr Schwindel (Public-RelationsPflege) und Gewalt (Polizei oder Selbstjustiz, Militär). Marx sah den globalen finalen Bürgerkrieg
kommen. So einfach wurde es nicht. Die Grunddynamik, die ihn beschäftigte, ist aber noch aktiv.
Lebenswertes und lebensunwertes Leben bilden ein Kontinuum.
Menschen sind sozial desto wertvoller, je besser sie das Chaos beherrschen helfen. Irre, Strafgefangene, Greise, Arme, Ausländer werden deshalb tendentiell als minderwertig behandelt. Man läßt die
Untersten als Wertlose leben, bis sie „von selber“ sterben. Der so christliche Berlusconi will einen
Menschen gar länger als 17 Jahre im Wachkoma erhalten.
Die gequälten Untersten bilden in der Kultur wohl so etwas wie das rezessive biologische Erbgut, das
die Natur nützlich gefunden hat. Aber auch sonst erhebt sich die Kultur ja über die Natur. Die
verschiedenen Kulturen haben verschiedene feste Regeln, nach denen sie ihre Individuen sterben
lassen. Hier wäre zunächst Gesprächskultur erforderlich; stattdessen wird hier tabuiert.
Die soziale Rangordnung verteilt Reproduktionschancen ungleich. Auch psychisch: Selbstgefühl
begünstigt Sex und Kreativität; Depression reduziert das. (Das deprimierende innere Chaos, das oft
der Kreation einer neuen Idee vorausgeht, ist von dieser sozialen Bedrücktheit zu unterscheiden.)
Es ist eine Schande, der Oberschicht eines unsozialen Landes zuzugehören. Es ist eine Ehre, der
Oberschicht eines sozialen Landes anzugehören. In der Weltgesellschaft ist es zunehmend eine
Schande, einem Land der internationalen Oberschicht anzugehören. Diese schmarotzt von der Moral
anderer.
Durch die Ideologie von der Gerechtigkeit der Gesellschaftsordnung, die die höheren Schichten mit
heiligem Eifer verfechten, werden die Zurückbleibenden entehrt; und durch ihre Scham wird die
bestehende Ordnung – vorläufig –stabilisiert (S.NECKEL).
Die realisierbaren sozialen Gutmachungen werden nie genügen. Es geht nicht ohne Ressentiments
ab. Man muß trotzdem tun, was man kann, – nicht um diese mundtot zu machen, sondern um sie
klein zu halten.
Die Gesellschaft kann nicht umhin, die jeweils unterste Schicht in ein Elend zu drücken, in dem
Hunger und Krankheit das Leben verkürzen und wenig Chance für den Nachwuchs bleibt.
Es ist geboten, Macht zu respektieren, den Geehrten zu ehren.
Es ist ein Gebot der Klugkeit, dem Mächtigen auch ungeschuldete Freude zu bereiten, die man Macht
hat, ihm auch wieder zu entziehen; um ihn zu motivieren, seinerseits sich sozialer zu verhalten, als er
muß.
Es ist eine Freude, Autorität anerkennen zu können und zu ehren.
Es ist verboten, dem Mächtigen zu schmeicheln, weil es ihn zum Schaden der Allgemeinheit verdirbt.
Im Wissen um das Elend anderer kann der Bescheidene sich doch des eigenen Wohlstands freuen,
am bequemsten aber der Dummdreiste.
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Das Leben in den Simplifikationen der Machtelite ist komfortabel, aber wenn einer nicht aufpaßt,
bezahlt er es mit seiner Seele.
Die Mächtigen sind froh über redlich-verläßliche Unterschicht, aber lassen sichs möglichst wenig
kosten.
"Große" Familien gehen oft auf einen reichen Ahn zurück. Er hat den Willen zur Familie und diese
hat von ihm die Mittel für angenehme und nützliche Kommunikation. Später wird die Macht durch
Legende legitimiert.
Die Oberschicht ist immer Vorbild, aber selten ein begrüßenswertes. Schein und Sein klaffen hier
besonders aus einander.
Wichtig für das soziale Klima sind die Fragen: Wer läßt wen lieber wie sehr leiden, als auf was zu
verzichten?
Man hat die Wahl zwischen mehr Gewalt-Kriminalität (USA) und teurerem Sozialstaat (Europa).
Verschwendung knapper Ressourcen ist empörend.
Sie ist Reichen eher möglich. Unter Umständen aber ist Ungleichverteilung ökologisch sparsamer als
Gleichverteilung.
Man hat gesagt, es gebe überall zwei Parteien, die Geiz- und die Neid-Partei. Die Kulturschaffenden häufen sich bei letzterer. Liegt das an der Kultur?
Es war einmal ein gern gesehener, glücklicher Mensch. Er geriet in Not, verheimlichte, enttäuschte,
blieb schuldig, vereinsamte, wurde krank, arm, notdürftig versorgt, und starb, in bald verblassender
Erinnerung vergessen. Kannten Sie ihn nicht auch?
Der größte Leidensdruck liegt auf den am wenigsten Gebrauchten.
Andrew Carnegie (1835-1919): "Wer reich stirbt, stirbt unehrenhaft."
Die traditionelle Arbeitsgesellschaft verschwindet. Die Arbeitsplatzvernichtung durch effizienzsteigernde Strukturreformen in der Erwerbsarbeit delegitimiert den Wert der Arbeit als Verteilungsschlüssel für die knappen Güter.
Die Legitimität des Kapitals ist ebenfalls schwach. Chaotische Verteilungskämpfe stehen an.
Die Gefährdung der Konsensfähigkeit der schiefen Verteilung der Güter gefährdet in erster Linie
die Massen.
Das legendäre patriarchalische Verantwortungsgefühl in konservativen Gesellschaften war familiäre
Interessenwahrung.
Beamtenfamilien tradieren Interesse am Staat und insofern am Gemeinwohl.
Den Unglücklichen macht seine soziale Situation tendentiell physisch krank und sie ist kränkend.
Den Protest soll der Betroffene verschlucken; er schont seine Gesundheit, indem er ihn – mehr oder
weniger sozialverträglich – ideologisch oder religiös, symbolisch verarbeitet. Das Aggressionspotential wird verschoben.
Wer sozial Glück hatte, sollte destruktive und kränkende Protest-Äußerungen (im Medium der
gemeinsamen Umwelt oder direkt ad personam) von Unglücklichen bescheiden verstehen und
persönlich durch Übernahme von dann nötigen niedrigen, demütigenden Aufräumungs- und
Reinigungsarbeiten (im übertragenen und im wörtlichen Sinne) als im Grunde berechtigt anerkennen.
Die Instabilitäten zwischen Recht, Sitte, Mitgefühl und Frömmigkeit bedingen Konflikte und
Reibungen. Sie sind nicht wegzurationalisieren.
Kaskaden gestufter Teilnahme zwischen den Schichten sind für die Gesellschaft wesentlich.
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Jeder zusätzliche Konsum belastet die Umwelt. Höherer Lebensstandard ist deshalb – wie tiefster –
in aller Regel auch größerer Verschmutzer der Umwelt.
Man kommt zu Macht, indem man sich mächtigen Koalitionen anschließt. Als Bezugsrahmen ist für
den einzelnen Akteur seine Koalition der Gesamtgesellschaft vorgeordnet. Das bedeutet, daß der
globalgesellschaftliche Wert der Koalition durch die Eigeninteressen der Akteure weiter
heruntergewirtschaftet werden kann, während die entsprechende gesamtgesellschaftliche Reaktion
sich erst noch vorbereitet. Meist sind es die Hauptverantwortlichen, die dann am ehesten ihr Schäflein
ins Trockene bringen können. Machtelite ist ein zähes Phänomen.
Die Vertiefung der Welterkenntnis durch solche Einsichten ist den Wenigsten eine hinreichende
Genugtuung, um nüchtern zu bleiben; Rachephantasien nehmen Zuflucht ins Jenseits und funken von
dort immer wieder ins Diesseits hinein.
In allgemeiner Bedrängnis sucht der Hunger Opfer. Es gibt reichlich Anhaltspunkte zur Stigmatisierung von Minoritäten. Minoritäten bilden an sich noch keinen Konfliktstoff. Immer wieder aber
kommt es durch Verkettung von Zufällen zu Komplexitätszusammenbrüchen im symbolischen
Chaos, zu Wahnbildungen, in deren Namen die Mehrheit die Minorität überfallen darf.
Mundus vult decipi – die Welt will betrogen sein. Die moderne Demokratie leidet darunter,
besonders im Wahlkampf.
Es ist eigentlich ein seelsorgerliches Problem: Wenigen geht es gut, vielen geht es nicht gut. Wie
sollen die Verlierer im sozialen Verteilungskampf einer sich als egalitär erklärenden Gesellschaft ihre
Niederlage mit Würde tragen?
Eine beliebte Möglichkeit bilden personalisierte Schuldzuweisungen.
Eine weitere ist, ungebrochen hoffnungsvoll weiter zu kämpfen. Hier sind die großen Wahlversprechungen willkommen.
Ferner sind verschiedene Formen von Resignation möglich – von edelster Philosophie (die
„Seelsorge“ im ältesten Sinne!), "Liebe zur Weisheit", Wille, Mut und Kraft zur Wahrheit – bis ins
andere Extrem: Tabak-, Alkoholmißbrauch, Verwahrlosung.
Die Sprache von Herrschaftsverhältnissen ist grob stereotypierend. Mitdenken der Untergebenen
liegt im Gesamtinteresse, aber für die Herrschenden ist es eine unkontrollierbare Quelle möglicher
Kritik. Die Unterworfenen passen sich an und entwickeln den „Autoritarismus der Unterschicht“.
Man hat eine numinose Angst vor dem Fluch der Armen. „Gott hört das Geschrei der Armen“, gibt
ihnen eine geheimnisvolle Macht und Würde.
Bettel ist von Bettler und Angebetteltem zu respektieren als aufreibendes Schicksal. Die TeilIdentifikation beim Hineindenken in den Armen vertieft die Selbsterkenntnis. Von daher bemessen
wir die Fürsorge.
Begegnung zwischen Arm und Reich verlangt von beiden Seiten Mut.
Die Arbeitswelt als ganze gehorcht dem Peter principle. Sie organisiert sich so lange immer
ökonomischer, bis genügend entscheidende Subjekte ihr level of incompetence dadurch erreicht
haben, daß sie ihre ganze Aufmerksamkeit darauf konzentriert haben, in die entscheidenden
Positionen zu kommen und sich darin zu halten.
Ungebildete werden eher strategische Entscheidungen treffen, die (nicht für sich selbst und
vielleicht nicht so sehr für die Firma wie gesamtgesellschaftlich) fatal sind.
Das Gefühl dafür fehlt nicht. Der Top manager muß sich heute meist vor ebenfalls Ungebildeten, mit
Bildungsklischees (Buch gelesen, Museum besucht ...) als gebildet zu präsentieren wissen.
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Es geschieht immer häufiger: Der besitzstandswahrende, seßhafte Europäer, in die Arbeitslosigkeit
gestoßen, soll auf deutlich tieferem Niveau noch einmal neu anfangen. Das ist besonders bitter, so
lange dies, im Licht der älteren Normen, beschämend gefunden wird.
Arbeitsplätze haben heute weniger mit Arbeit zu tun; wesentlich ist der Platz, die (lebensnotwendig
gewordene) Vervielfachung der Effizienz des Arbeitens.
Machtakkumulation, die größer ist als die für das beherrschte Gebiet erforderliche Kompetenz,
bedeutet ein erhöhtes Risiko für die Beherrschten und endlich für das gesamte System. Wenn legale
Gewalt (Staat) und soziale, insbesondere wirtschaftliche Macht mit einander verschmelzen, wachsen
die Anforderungen an die Machthaber, und ihre Fähigkeiten drohen hinter diesen zurückzubleiben;
denn die Lage bleibt stabil, so lange ihre Fähigkeiten noch zu ihrer Machterhaltung genügen.
Leidende Massen gönnen einer Elite das Bessere nur im Namen einer hehren gemeinsamen
Aufgabe, deren Lösung Führung verlangt, – am Besten in kollektiver Einzigkeit.
So funktioniert Rußland: Die extrem ungleiche Verteilung der Güter stärkt im Volk das Bedürfnis
nach Glaubensgemeinschaft; und diese relativiert die sozialen Unterschiede.
In China fürchtet die Machtelite die Falun Gong, weil sie eine Alternative zur staatstragenden
Glaubensgemeinschaft darstellt. Die Privilegien kommen in Gefahr.
Égalité, das Schlagwort der französischen Revolution, hatte in seinem Lebenszusammenhang
seinen guten Sinn. Als Attraktor der sozialen Symbolik hat Gleichheit bleibende Bedeutung.
Gleichheit vor dem Gesetz ist eine Überforderung schon der Legislative. Als absolute Forderung ist
sogar Chancengleichheit Unsinn.
Parteilichkeit für die Glücklichen ist natürlich. Parteilichkeit für die Unglücklichen wurde als
Christenpflicht ausgegeben. Sie schafft aber neue, unlösbare Probleme. Gefordert hingegen ist eine
aufmerksame, gegebenenfalls aktive Anteilnahme.
Die Unglücklichen können glücklich sein durch Freude am hoffnungsvollen Glück anderer. (Das ist
kein überzogenes Christentum, sondern hat seine Vorformen schon im Tierreich.)
Die Glücklichen können das begünstigen durch tätige Dankbarkeit. Bauen sie aber auf dem
gegebenen sozialen Fundament nur ihr individuelles und familiäres Glück aus, so ist das kein
hoffnungsvolles Glück mehr, sondern besorglicher Raubbau.
Je größer die Ungleichheit, desto schwächer ist das Recht legitimiert. Es ruht schließlich nur noch
auf der zivilen Friedensdividende.
Diese kann angesichts der Bürgerkriegsländer freilich kaum jemand unterschätzen; aber es genügen
breite Unzufriedenheit und ein paar talentierte Revoluzzer, um eine Katastrophe ins Rollen zu
bringen.
Bürgerliche Freiheit gibt es nur unter instabilen Bedingungen; sie muß ständig durch viele
Interventionen opferbereiter Einzelner aufrechterhalten werden.
Spannungslose Ausgeglichenheit wäre der Tod. Spannung (und Drohung) gehört zum (sozialen)
Fließgleichgewicht.
Schon Mitgefühl und Hilfsversuche trösten!
Der Übermut der Machtelite ist verheerend vorbildlich.
Die Reichen mußten früher, unter Einsatz des eigenen Leibs und Lebens, ihren Reichtum gegen
Gewalt Armer und anderer Reicher mit Waffengewalt verteidigen. Heute kommen sie in
prosperierenden Ländern mit erhöhten Steuern davon und klagen darüber.
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Die Ungleichheit unter den Menschen ist naturgegeben; aber die Gleichgültigkeit dagegen ist ein
Skandal.
Technologie, insbesondere Waffentechnologie erhöht die Ungleichheit unter den Menschen.
Man wünscht sich Verwöhnung. Reichtum verwöhnt. Die ihm entsprechenden Denkgewohnheiten
und Verblendungen werden zur zweiten Natur. Es entsteht eine sich selbst stabilisierende PseudoSpecies (Adel, Kaste). Deren Erhaltungsbedingungen sind unabhängig von den Entstehungsbedingungen.
Das Bevölkerungs- und das Produktivitätswachstum zusammen schaffen wachsende soziale
Ungleichheit der Lebensqualität: Die gut bezahlten Arbeitsplätze mit hoher Produktivität werden
knapp; von den persönlichen Dienstleistungen können nur die spezialisiertesten (Ärzte, Rechsanwälte, Firmenberater mit Beziehungen) gut bezahlt werden. Die MARX’sche „Reservearmee“ der
Arbeitskräfte wächst; die Reallöhne fallen.
Unter notorisch instabilen Lebensbedingungen setzt solide soziale Friedfertigkeit der unterprivilegierten Massen bei diesen eine Weisheit voraus, die man nicht von ihnen erwarten kann.
Alle Kombinationen sind neue, ihrerseits kombinierbare Entitäten. Die Machtmittel der meisten
Menschen sind gewaltig gestiegen.
Die menschliche Intelligenz vergrößert ständig die Arena, legt die Latte für den Konkurrenzkampf
aber auch immer höher. Was wird aus den Dümmeren und weniger Informierten? Sie können, von
Demagogen primitiv organisiert, beängstigend viel – immer mehr, vielleicht alles – kaputt machen!
Frustrierte suchen Objekte legitimer Empörung.
„Obszöner“ Reichtum ist, dem Wortsinn nach: elementar menschlich ekelhaft, physisch abstoßend,
unanständige Aufreizung zu tätlichen Eingriffen (Mitmachen oder Verhindern), eine Revolte gegen
die Kultur. Es handelt sich ja aber nicht um physische Ausscheidungen, die entsprechenden
Körperteile, deren Exhibition, Anspielungen darauf oder Nennung; sondern in dieser Metapher bildet
sich eine Übersprungsreaktion ab. Dieser Reichtum wird als eine Bedrohung der Grundlagen des
menschlichen Zusammenlebens in großem Maßstab erlebt und ruft Empörung mit körperlichen
Reflexen hervor.
Der soziale Friede ist gefährdet!
Legitimationsdefizit erhöht den Bedarf an Leibwächtern.
Schon in naturwüchsigen sozialen Gruppen ist die Macht ungleich verteilt. Die Ungleichverteilung
steigt absolut mit der Gruppengröße. Die Technik steilt die Ungleichheit dann besonders auf.
Ungleichverteilung der knappen Güter empört kulturspezifisch. Kultur kann ein Entgleisen der
Instabilität verhüten.
Auch vom Transfer zugunsten der Armen profitieren am meisten Reiche. Unter dem zwangsläufigen Systemzusammenbruch der Struktur leiden dann wieder die Ärmsten am meisten.
Die Entwicklungsgesetze des Lebens führen zwangsläufig zu der aller Gerechtigkeit spottenden,
chaotischen Verteilung der knappen Güter.
Die Personalisierung dieses Problems setzt Horizontverengung voraus, hat aber kulturbedingt
Reaktionen zur Folge, die lokal das Chaos durch Rechtspflege mildern.
Sich dem Stärkeren ergeben soll man, wenn man damit das anvertraute Gut, das man weitergeben
soll, besser schützt.
Auch die Forderung nach gleichen Chancen für gleiche Intelligenz und Bildung ist nur in einem
verengten Horizont gerecht.
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Dummheit, Faulheit, Verantwortungslosigkeit, Armut, Aussichtslosigkeit und Unzufriedenheit
treten auch isoliert auf, hängen aber mit einander zusammen. Das ist ein Potential kleinerer
(krimineller) und größerer (revolutionärer) Katastrophen, das mit der Hochtechnologie und der
Ungleichverteilung der knappen Güter wächst.
Der gesellschaftliche Wandel als neue Normalität läßt nicht erwarten, daß sich eine stabile
Ungleichheit und wieder ein Feudalismus einspielen wird, wo fast jeder nach seinem Stande leidlich
zufrieden leben könnte. Zwischen Geiz und Neid gibt es immer weniger ein stabiles Gleichgewicht.
Das allgemeine Interesse an stabilen Verhältnissen verträgt erhebliche Dysfunktionalität der
Führungsschicht.
Die Geselligkeit der Oberschicht in ihren „großen Häusern“ und Schlössern diente und dient dem
Machterhalt.
XVIII.Arbeit
Nicht einfach Arbeit, sondern wesentlich werterhöhend sozial organisierte Arbeit, entgolten in
öffentlich anerkanntem Wert (Geld), in fester Stellung verleiht sozialen Status.
Ein gut bezahlter Arbeitsplatz will erkämpft sein, und zwar nicht nur durch Qualifikation und
Leistung. Man muß in den Mächtigen die Erwartung wecken, daß man der Ausweitung ihrer Macht
besonders nützlich sein werde.
Sind die Arbeitnehmer selbst Eigentümer eines großen Betriebs, altert dieser so sympathische
Betrieb zusammen mit dem Personal. Trennung von Kapital und Arbeit flexibilisiert den Betrieb.
Die Wirtschaftsführer appellieren an den Staat, die Arbeitsmoral zu heben. Die Gewerkschaften
appellieren, er solle die Ausbeutung bändigen. Der Staat muß zwischen unzufriedenen vielen Armen
und unzufriedenen wenigen Reichen lavieren.
Der Computer ist Sklavenersatz und führt in dem Maß zu Arbeitslosigkeit, wie Arbeit Routine war.
Der Wert des Menschen für den Menschen liegt zum großen Teil in der Zusammenarbeit. Feste
Arbeitsverhältnisse stabilisieren den gesellschaftlichen Wert und die Identität eines Menschen.
Die Mittelstands-Arbeitswelt verliert gegenwärtig Terrain an gegliederte Größt-Organisationen
einerseits und an die Kleinstformen der Parallelwirtschaft (Schwarzarbeit und Tausch) andrerseits.
Die sieben Artes liberales (Grammatica, Rhetorica, Dialectica; Arithmetica, Geometria,
Astronomia, Musica), die Lehre erfordernden Kompetenzen, die den freien Bürger und seine Kinder
zieren, betrafen symbolisches Material – verglichen mit dem (körperliche Anstrengung verlangenden)
Handwerk: einen „Frei“-raum.
Wenigstens Freizeit muß, nach der Selbstentfremdung durch die Lohnarbeit, Raum geben, wo die
Individualität willkommen ist, zu Selbstfindung in freier Betätigung.
Als "unterbezahlt" wird empfunden auch Bezahlung nach Marktwert der Arbeit, wenn dieser,
infolge neuerlicher Verzerrung, unterhalb des kulturell jedermann zugebilligten subjektiven Wertes
der Zeit eines Menschen liegt.
Der Betrieb ist eine Kooperationsstruktur, die gegenüber den Eigenschaften der Mitarbeiter sehr
stabil ist.
Entfremdete Arbeit muß bezahlt werden. Persönlicher Einsatz kann nicht dinglich/finanziell
abgegolten, bezahlt werden, ihm gebührt Dank und Ehre. Der Empfänger kann sich durch ein
„Honorar“ erkenntlich zeigen.
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Der moderne Arbeitsplatz ist ein Geschenk unserer Kulturgeschichte. Er adelt hoch und – noblesse
oblige – verpflichtet höher als je.
Hetze gebietet, um gewisser Dinge willen alle anderen Dinge achtlos zu behandeln. Das führt zu
Raubbau an sich selbst und an den Dingen und ist nur in Not erlaubt.
Ruhige Arbeit hingegen macht den Menschen mit der Eigenart der Dinge vertraut.
Kompetenz muß ständig erneuert werden. Auf dem Höchststand sie möglichst pausenlos
einzusetzen, bringt den höchsten Gewinn.
Deshalb hat man die Überarbeiteten neben den Arbeitslosen, deren Chancen ohne gute Fortbildung
weiter sinken.
Das Erleiden entfremdender Arbeit ist eine für die Reifung des Selbst unabdingbare Erfahrung.
Die aufgesteilte Verteilung der Befähigungen durch die moderne Technologie hat zur Folge
gehäufte Überarbeitung auf der einen und Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite der Bevölkerung.
Umsicht bei der Arbeit setzt Identifikation mit dem Betriebsziel voraus. Sonst wird nur maschinenhaft work to rule geleistet, und das ist für den Arbeiter entwürdigend und für den Betrieb gefährlich.
Im Zeitalter der Technik kann man weniger ungelernte und auch immer weniger gut geschulte
Arbeitskräfte brauchen.
XIX. Arbeitslosigkeit
Früher konnten die wenigen Menschen weniger machen. Gemessen an den Bedürfnissen der
Menschen und der Knappheit der Güter, gab es also schon damals zu viele Menschen. Aber die
Arbeit des einen war dem andern etwas wert. In dieser Welt hatte die klassische Arbeitsmoral („Wer
nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, 2Thess 3,10) ihren Ort.
Seit der industriellen Revolution aber haben die Menschen teure Produktionsmittel entwickelt, die
wertvoller sind als die (unschwer ersetzbare) unqualifizierte Arbeitskraft, und sie haben sich enorm
vermehrt. Die Nachfrage nach höher qualifizierten Arbeitskräften ist nicht stark genug, um
hinreichende Ausbildung zu finanzieren. Ausweislich der Arbeitslosigkeit gibt es zu viele
wirtschaftlich wertlose Menschen. Von leuchtenden Ausnahmen abgesehen, ist heute ein Mensch den
andern weniger wert.
Unterprivilegierung kränkt.
Kränkung betrifft die ganze Person; sie wird archaisch durch Tötung des Beleidigers gesühnt. Diese
bringt dem Mörder den Triumph der Genugtuung.
In unserer heutigen Kultur ist Arbeitslosigkeit entehrend und deshalb (!) Massenarbeitslosigkeit hoch
gefährlich.
Die Empörung der Entehrten gegen das Establishment pflegt sich ideologisch, nationalistisch und
religiös, zu verkleiden.
Keine Evolution ohne Revolutionen; große gesellschaftliche Prozesse sind nicht kontrollierbar. Auch
vom Establishment her möchte man Blutvergießen und Zerstörung verhüten.
Das Marx’sche Ressentiment ist respektabel, die Sublimation seiner Aggression in wissenschaftlicher Arbeit höchst respektabel. Er hat enorm viel – Schlimmes – bewirkt. Ohne seine Leistung wäre
die Geschichte anders schlimm gelaufen.
Jedenfalls ist man seinem Gefühl, seiner Moral und seinen heute, nach anderthalb Jahrhunderten,
wieder zur Diskussion stehenden Thesen Respekt schuldig.
Durch Frustration ihres Gestaltungswillens, ihrer eigenen Aktivität, werden expansiv geltungsbedürftige junge Männer, als im sozialen Konkurrenzsystem hoffnungslos überflüssig, gedemütigt. Von
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der Außenwelt werden sie nicht hinreichend positiv anerkannt.
Der arbeitslosen Reservearmee liegen passive Angst, Selbstmitleid und Depression nahe. Sie aber
wollen solche Gefühle in sich möglichst nicht aufkommen lassen, sondern in aktive Aggressivität
verkehren.
Sie finden sich an Treffpunkten ihres Milieus und schließen sich zunächst wechselnden Kleingruppen
an und organisieren sich dann fester in großen Wir-Gruppen. Die Gruppe steht unter hoher
aggressiver Spannung und ist eine spröde Einheit. Sie ist – auch um den Preis schwerer Selbstschädigung – glücklich in öffentlich wichtig genommenen, ausdrucksstarken Taten. Sie beschäftigt immer
wieder die Polizei und wird wenigstens in den kleinen Meldungen der Lokalzeitung offentlich
bemerkt. Mit kaum einer denkbaren sozial wertvollen Tätigkeit haben sie eine Chance, in nützlicher
Frist so wichtig genommen zu werden. Selbstzerstörung ist nicht Ziel, wird aber für eine Erhöhung
des Selbstgefühls in Kauf genommen. ("Nehmen sie den Leib, Gut Ehr Kind und Weib, laß fahren
dahin.") Haß und Angst breiten sich aus.
Wer kann, wird Diktator. Diktatoren organisieren die Gruppen. Die Unorganisierten stehen schutzlos
zwischen den Fronten.
Großtaten wie Reichsautobahn bauen verfangen nicht mehr. Sie werden kränkenderweise heute von
gut eingesetzten, anspruchsvollen Maschinen mit persönlichem Einsatz von nur ganz wenigen
Menschen, ebenso gut gemacht.
Der gestern noch normale Mensch ist im Zeitalter der Robotik ein veraltetes Modell.
Angesichts der Wichtigkeit der Arbeit in der Ordnung unsres Zusammenlebens ist man, um der
Legitimität dieser Ordnung willen, verpflichtet, Arbeit Suchenden zu helfen.
Beim heutigen Stand der Technik nützen Lohnsenkungen den Arbeitgebern deutlich mehr als den
Arbeitslosen.
Der Grenznutzen der Kooperation unter den Menschen in Form organisierter Arbeit ist in manchen
Bereichen unseres politisch-ökonomischen Systems wieder unter die Grenzkosten gesunken. Die
Wochenarbeitszeit wird verkürzt, die Schattenwirtschaft floriert.
Es gibt aber auch Grenzrisiken. Mit jedem weiteren "Arbeitslosen" wächst das Chaos.
Die durchschnittlichen Kapitalerträge sind ebenso unverdient gestiegen, wie der Stundenlohn
moderner Arbeitsstellen.
Immer mehr Menschen, die daran nicht teilhaben, sollen es zufrieden sein, wenn dieses Glück anderer
ihnen als verdient präsentiert wird.
Punktuell richtig eingesetzter Unanstand lohnt heute deutlich mehr als Anstand.
Die Arbeitslosen entwickeln eigene Kulturen. Später mögen aus diesem Milieu sogar Impulse in die
gesamtgesellschaftliche Kultur ausgehen.
Einkommen wird öffentlich verehrt, Arbeitslosigkeit verachtet – von photogenen Ausnahmen
abgesehen. Beides muß durch Aufklärung entmythologisiert werden!
Der Grenznutzen der Arbeitskraft ist weithin durch die Technik unter das Überlebensminimum
gesunken. Gewerkschaftlicher und nationaler Protektionismus verdecken das.
Die Ärmsten sind für den zentralen, monetarisierten Markt so wertlos, daß rein marktwirtschaftlich
kein Grund besteht, für sie auch nur so viel auszugeben, daß sie davon überleben können.
Arbeitsplatzsuche zermürbt; man kämpft aus einer schwachen Position. Das ist die Kehrseite des
survival of the fittest, – selbstverstärkte Elimination der Schwachen, der sich aber die menschliche
Solidarität widersetzt.
Der demoralisierte Arbeitslose ist einer, der sich für seine Person mit Dauerarbeitslosigkeit, also
einer sozial sehr schwachen Position, abgefunden hat.
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Leben ohne Arbeitseinkommen war ein mönchisches Programm. Man wollte da, sozial stellvertretend, in Auseinandersetzung mit dem Geist der Gesellschaft, den inneren Menschen kultivieren. Das
ist für wenige Einzelne und kleine Gruppen ein hoffnungsvolles, für die meisten aber pathogenes
Programm. Schon früh bedurfte die Grenze zwischen Mönchtum und Verwahrlosung besonderer
Aufmerksamkeit.
Arbeitslosigkeit ist der Beruf der Zukunft. Die Zahl derjenigen Arbeitslosen wächst, die sich mit
diesem Status abfinden. Angesichts der offiziellen Ratlosigkeit/Verlogenheit sollte man die spontanen
Strukturierungen hier mit Interesse beachten. Vielleicht wäre da etwas zu lernen.
Arbeit, Geld und soziale Anerkennung sind durch eine alte, von den Wohlsituierten gestützte
Symbolik stärker verkoppelt, als es der heutigen Wirtschaftsstruktur entspricht.
Die Wirtschaft ist kompliziert geworden. Man kann ihre Dynamik nicht mehr voraussehen.
Fehlinvestitionen jeder Größenordnung werden zahlreich. Der Einzelne investiert in seine berufliche
Qualifiktion, und plötzlich ist diese nicht mehr gefragt. Qualifizierte Arbeit ist ehrenvoll; minder
qualifizierte Arbeit entehrt. Wer sie annimmt, riskiert, sich auf dem Arbeitsmarkt für seinen
eigentlichen Beruf zu disqualifizieren.
Von jedem verlangt die Einfügung in geordnete Arbeitsverhältnisse Opfer; und hier wacht die
soziale Kontrolle über ein erstaunlich undifferenziert egalitäres Gesetz. Man geht davon aus: Der
Arbeitslose ist faul, er verlangt keine Opfer von sich; und wir sollen für ihn opfern!
Aber Faulheit ist ein Aspekt von Depression; und Depression ist oft normale Reaktion auf
deprimierende Umstände.
Von Arbeitslosigkeit spricht man, wo Zusammenarbeit keine institutionalisierte Form hat. Eine
Arbeitsstelle verleiht dem Leben die übliche Legitimation.
Arbeitslosigkeit ist herkömmlicherweise ein Makel. Aber es gibt immer weniger, weil immer
effizientere, Arbeitsplätze. Und so zerfällt die undifferenzierte, uralte Legitimationsbasis: Am
untersten Ende der Skala steigt der Prestigewert der Arbeit (notabene bei sinkendem Lohn); der
Arbeitslose aber bleibt sozioökonomisch wertlos – ungeachtet seiner Moral! Für die Entwicklung und
Aufrechterhaltung der Moral jedoch ist die soziale Anerkennung wesentlich! Diese unklare Situation
moralisch durchzustehen verlangt deshalb außergewöhnliche Reserven.
Die einst wohlbegründete Prestigeordnung ist noch nicht ersetzt, aber relativiert. Dies ist keine Zeit
für Urteilsfreudigkeit, sondern für Bescheidenheit.
Die mit einander fröhlich saufenden Arbeitslosen „lassen gut sein“, so lang sie nichts Besseres tun
können.
Der Unterschicht sind viele, an sich legitime Lebensoptionen verwehrt. Fernsehen und Alkohol
bieten heute vital wichtige Räume der geistigen Freiheit gegenüber der Realität. Typische
Unterschichtsreligionen verheißen Teilhabe an der Herrlichkeit der Gottheit. Diese ist, im Maße der
empfundenen Unterdrücktheit, autoritär, als Herrschaft vorgestellt.
Die Bibel ist reich an Herrlichkeitsvorstellungen. Je größer die reale Not, desto realistischer werden
sie verstanden.
Eine Solidargemeinschaft, in die auch die manifest Nutzlosen eingebunden sind, ist menschlich
kompletter, eine Schule des Lebensernstes. Hier ist Gelegenheit, über den „Nutzen“ des ganzen
menschlichen Lebens nachzudenken.
Was man „Arbeitslosigkeit“ nennt, ist ein Aspekt der extremen ökonomischen Ungleichheit der
Arbeitsplätze, nämlich Mangel an Plätzen, wo der Marktwert der Arbeitszeit durch die Faktoren
Kompetenz, Ausstattung und wirtschaftliche Verflechtung erhöht wird.
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So lange Arbeit als Maßstab für die legitime Verteilung der knappen Güter nicht ersetzt ist, bedingt
Arbeitslosigkeit soziale Spannung.
XX. Armut
Man läßt Obdach- und Arbeitslose durchs Alkohol-Loch ins frühe Grab rutschen.
Für den Armen sieht schon das Alte Testament gelegentlich Alkohol vor (Wein), "damit er seines
Elends vergesse" – und möglichst im Rausch sterbe (Spr 31, 6f.). Das Neue Testament (Eph 5, 18)
empfiehlt stattdessen den Heiligen Geist.
Ein Erfrorener unter der Brücke ist dem normalen Ehrenmann nicht gleichgültig. Ein Minimum
mitmenschlicher Identifikation bleibt immer (und liegt ja auch dem Sadismus zugrunde).
Die Armen sind Zeugen, was vom geltenden Recht zu halten ist. Auch die Etablierten sind Zeugen,
aber auch nicht unbefangene Richter.
Der Bettler flößt dem Bürger Angst ein vor berechtigtem Neid.
Er repräsentiert eine fremde, bedrohliche Welt. Man wünscht dieser eine Ideologie der Zufriedenheit.
Das aber ist wohl nur in Ordensgemeinschaften möglich. Ein stabiles traditionelles Armutsmilieu
kann eine vergleichbare Funktion entwickeln. Aber derartiges wird heute durch die Verführung der
Medien unterminiert.
Wo Armut herrscht, erstickt und ertrinkt der Mensch tendentiell in seinem eigenen Dreck, für
Mensch und Umwelt ungesund. Sie ist für alle potentiell infektiös und natürlicherweise ekelhaft und
bedrückend.
Manche Slums werden physisch saniert. Die psycho-soziale Sanierung gelingt selten; das sanierte
Slum bleibt eine Brutstätte der Kriminalität, Reduit des Ressentiments im schmutzigen Krieg gegen
die marginalisierende, von Weißkragen-Kriminalität durchzogene, allzu chaotische soziale Ordnung.
Die erste normale Reaktion des Armen, dessen redliche Bemühungen nicht honoriert werden, ist
Empörung. (Wohl deswegen hat man ein Bißchen Angst vor ihm.) Diese zu verarbeiten in Weisheit
etc. ist allemal eine Leistung von ihm, für die man sehr dankbar sein, die man aber nicht verlangen
kann.
Wem es gut geht, der schmarotzt an der Moral der Armen, die keine zumutbare Arbeit finden, wenn
er verlangt, daß sie trotzdem nicht kriminell werden sollen. Sie sollen, um des Friedens im Lande
willen, moralisch mehr leisten als er! Es ist Pflicht des Bessergestellten, sich die brüchige
Legitimation seines Wohlstandes so klar zu machen, daß es jederzeit bewußtseinfähig ist (was Freud
"das Vorbewußte" nannte). In diesem Sinne soll er leben und handeln, reden und schweigen.
Er ist dem Armen ein Bemühen um mitmenschliche Verständigung inmitten des sozialen Chaos
schuldig; wenn möglich explizit, sonst symbolisch. Substantiell impliziert das ein Schuldbekenntnis
und Bitte um Vergebung – vielleicht aus Takt gerade nicht auszusprechen. (An dieser Stelle wird mir
am ehesten deutlich, was Sündersein und was Vergebungsbedürftigkeit ist.) Man kommt nicht
darüber hinaus, das Problem chaotisch zu leben, immer nur sozusagen von der Hand in den Mund.
In einer Zivilisation wie der unsrigen, wo nicht jeder Arbeitswillige eine zumutbare Arbeit finden
kann, muß man Geld geben, wenn man angebettelt wird; eine symbolische Anerkennung des Bettlers
als Mitmenschen. Wieviel? Wem? Das hängt von der Gesamtsituation in der Straße ab. Sollte man
immer ein paar 50-Pf.-Stücke in der Manteltasche haben? – : Nein; das wäre gerade ein Symbol
menschlicher Achtlosigkeit.
Auch die strukturellen sozialpolitischen Bemühungen um sozialen Ausgleich bleiben natürlich, am
Gleichheitsideal gemessen, symbolisch. Aber sie sind, über den Hilfswert hinaus, als aussagekräftige
Symbolhandlungen wichtig.
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In Notzeiten, wo die soziale Ordnung versagt, muß man das (von der Reformation abgeschaffte)
"Handwerk" des Bettlers, wieder ehren; wie man im 18. Jh. anfing, die bis anhin "unehrlichen
Gewerbe" zu respektieren, die, ohne bürgerliche Zunft-"ehre", doch gesellschaftlich gebraucht
wurden. Man muß Bettlern – wenn auch (mit schmerzend schlechtem Gewissen) dem einen zu viel
(unsere Pflicht wird von Schlawinern ausgebeutet), anderen zu wenig – geben. Die biblische Weisheit
warnt vor dem Fluch des Armen, den man vergeblich betteln läßt (zB Spr 28, 27). Wichtig ist die
symbolische Mitteilung mitmenschlichen Respekts – auch den Schlawinern gegenüber. Es geht dabei
direkt um die eigene Menschlichkeit.
Die meisten Armen müssen neben hoffärtigen Reichen arm sein, ohne auf Änderung hoffen zu
können. Gebührt ihre Unehre nicht eigentlich dem, der ihnen diesen irdischen Platz geschaffen hat,
und jedem, der das gutheißt; und sollte Gott nicht sie ehren? Denn die Realität ehrt diese Menschen
zu wenig. Man möchte sie freisprechen zu schöpferischer Aktivität, ebenso zu emanzipatorischer Tat
wie zu äußerer Passivität und innerer aufstörender Produktivität, – sei es der Welt zum Heil, sei es der
Welt zum Gericht.
Organisierte Kriminalität hat desto bessere Lebensbedingungen, je mehr Elenden als Alternative zur
Hehlerei nur der Weg tiefer ins Elend bleibt.
Man will auch etwas fürs Gemeinwohl tun und hat dabei bestimmte Vorstellungen und Ziele. Nur
ein Teil der Wohltätigkeit aber erreicht diese Ziele. Das gilt schon für die Einzelhilfe von Mensch zu
Mensch; und es gilt umso mehr für organisierte Hilfe. Gute Organisation hat ihren Preis. Die Grenzen
zwischen unvermeidlichem und vermeidbarem Verwaltungsaufwand sind fließend.
Die Konkurrenz von staatlicher, kirchlicher und privat organisierter sozialer Arbeit muß für Disziplin
sorgen.
In der Not darf man lügen; so gelten Notleidende für ehrlos.
Wer dem Notleidenden nahe kommt, ist in Pflicht genommen.
Die ökonomisch dringende Einschränkung der technisch möglichen Gesundheitsleistungen bedeutet
einen öffentlichen Bankrott der herrschenden humanitären Ideologie. Sie wird deshalb ordentlich
diskutiert werden erst, nachdem sie sich ungeordnet, als skandalös dysfunktionale Qualitätsminderung, von selbst durchgesetzt hat.
Nothilfeleistung lohnt sich durch elementares Sinnerleben.
Von großer Not wendet man sich ab. Aber wo es an Nahrung, Kleidung, Obdach und Heizung fehlt,
kann man meist etwas lindern, und persönliche Zuwendung, sowohl gegenseitig wie von freiwilligen
Helfern (auch Überbringern von Sachspenden) muß nicht fehlen und dürfte nie fehlen.
Die Ärmsten können nur unter einander einen marginalen Handel pflegen von Leistungen und
Waren ohne Wert am zentralen Markt.
Der Non-profit-Sektor umfaßt einseitige Wohltätigkeit sowie gegenseitige, einen naturgemäß
kleinen Tauschhandel.
Die Masse wird von den höheren Schichten mäßig aber regelmäßig ausgebeutet. Sie lebt gefährdet,
in Angst und Stress. (Man redet viel vom gestreßten Manager, aber zu wenig vom stärker gestreßten
Arbeiter oder Arbeitslosen.) Für die gesundheitlich wünschenswerte Existenzsicherheit braucht man
sozialen Status und für Anpassung und Umstellung auf andere Verhältnisse disponibles Geld.
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Marginale (Alte, Jugendliche, Arme) denken anders – für die Behinderten hat es schon Lichtenberg,
der behinderte Pfarrerssohn, bemerkt –, vielfach ernster als die oberflächlichen Gedanken der
schnellen Mitläufer im rat race. Das ist ein gesellschaftliches Reservoir alternativer Gedanken, das in
Notzeiten interessant wird.
Die Innenansicht des Elends ist, dank einer spontanen Aneignung der bedrängenden Umwelt (wie
der Luft bei der Atmung) durch das Subjekt, oft nicht so schlimm wie die Außenansicht.
Ich hasse es, angebettelt zu werden. Ich fühle mich genötigt. Die Prägnanz der Szene ist zwingend
(die „zwei Hemden“ der Bergpredigt, der Hl. Martin), partiell evident und beirrend. Ich weiß ja nicht,
ob eine unabwendbare Not vorliegt. Liegt keine Not vor, so riskiere ich, Trug zu belohnen. Liegt Not
vor, so riskiere ich, zu wenig zu geben.
Ich gebe also reichlich; aber ohne die von Goethe (Faust II, 5300) angemahnte Anmut, vielmehr
beleidigend unmutig. "Zu essen sollst du haben; aber nicht betteln!" Ich muß in einer meinem
Charakter, meinen Fähigkeiten und Möglichkeiten angemessener Weise für die Armen etwas tun, um
dem Armen mit Anmut etwas geben zu können.
Von der Not anderer wegdenken ist schuldhaft, - auch wenn man nichts machen könnte. Sich
versagen ist Versagen, – ein Riß in der gemeinsamen und in der eigenen Menschlichkeit. Es muß
Bescheidenheit zur Folge haben. Sonst muß es Ressentiment erregen.
Der Arme repräsentiert die Transzendenz. Sein Fluch ist gefährlich.
XXI. Religion
Der Pfarrer war bei uns lange, neben der Obrigkeit und dem Richter, etwa das, was im Alten Rom
der Censor neben dem Praetor war.
Jede Moral ist ein Integrationsentwurf; sie nimmt Frieden und Heil symbolisch vorweg. Die
obersten Moralbegriffe müssen die größten Lebensbereiche integrieren; sie sind (implizit oder
explizit) religiös. Da es in der Religion um nichts Geringeres als Frieden, Heil und Zusammenlebenkönnen geht, ist lebendige Religion immer mehr oder weniger missionarisch und intolerant. Primitive
Religion ist starr; höhere religiöse Kultur besteht aber nicht in symbolischer Unverbindlichkeit,
sondern in weiterentwickelter sozialer Spannkraft und Tragfähigkeit ihrer Symbolik.
Die Trennung von Staat und Kirche war zunächst die Ersetzung der Religion durch Nationalismus.
(Die Nation darf jeden Mann zum Einsatz seines Lebens im Krieg einziehen.) Im Gefolge Platos,
erfand Rousseau für den vernünftigen Staat die vernünftige religion civile. Die Konstitution des
Nationalstaats führte zu einem kalten Krieg zwischen Staat und Kirche. Auch der Nationalismus
mußte als Heilslehre sich erst ad absurdum führen, bevor die Skepsis echter Säkularität möglich war.
Man wächst in eine überkommene Religion durch praxis pietatis hinein kraft Rollenidentifikation.
Religion hat sich als anpassungsfähiger, überraschend dauerhafter, gewaltiger sozialer Machtfaktor
erwiesen. Keine neuere Existenzsymbolik hat sie ersetzen können. Die andern Mächte, Politik und
Kapital, suchen deshalb hier Kooperation.
Die in den Religionen liegende Hoffnung macht sie, nach Sarkozy, politisch wertvoll.
Sie machen aus verletztem Narzißmus distinkte, handlungsorientierende kollektive Identität.
Taktvolle Einbettung in säkulare Gesellschaft kann kollektive Destruktivität bändigen. Der Einzelne
will ja Frieden zwischen Sakralem (Schutzraum für Unintegriertes) und Profanem.
Religion trägt den Einzelnen bei sozialem Engagement über persönlichen Verzicht hinweg.
Buddhismus, Synagoge, Christentum, Islam, schätzen Barmherzigkeit und Opferbereitschaft. Diese
Tugenden sind symbolische Blicke auf dem Grund der eigenen Existenz.
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XXII. Beschleunigter Wandel
Aufs Ganze gesehen, ist die Kulturgeschichte eine Geschichte beschleunigten Wandels. Deshalb ist
die Klage über den zeitgenössischen Sittenverfall zwar uralt, aber damit nicht widerlegt.
Je fluktuierender Symbolik und Sprache werden, desto wichtiger wird, als überindividuelle Basis
persönlicher Ansprüche, wieder die nächste Verwandtschaft.
Um einen Menschen zu verstehen, muß man sein Beziehungsfeld kennen. Mit je mehr Menschen
man zu tun hat, desto mehr entwickelt sich Pseudovertraulichkeit und breitet sich aus, während
wirkliche Vertrautheit sich auf einen immer kleineren Kreis einengt.
Die anthropogenen Veränderungen unserer Welt beschleunigen sich. Die Tradition alter
Erfahrungen bietet immer weniger verläßliche Orientierungshilfe für Handeln und Verstehen. Das
zunehmend Komplizierte muß handhabbar vereinfacht werden. Der Einzelne muß sich eilig von
andern erstellter Schemata bedienen und selbst vereinfachen. Für die Griffigkeit wird mit so viel
Mißgriffen bezahlt, daß Fehlertoleranz, (ihrerseits fehlerhafte) automatische Fehlermeldung und korrektur immer wichtiger werden. So wächst ein unabschätzbares Gefahrenpotential.
123000 Patentanmeldungen in einem Jahr (1998) in Deutschland! – Der auf allen lastende
Innovationsdruck in Äußerlichkeiten wird zu inneren Veränderungen des Menschen führen.
Modernisierung ist raumzeitliche Zuspitzung von Ordnung, ein sich beschleunigender Transformationsprozeß unterwegs auf die Müllhalde.
Weltbevölkerungsexplosion mal Anspruchsexplosion – apokalyptische Aussischten! Es gilt nicht,
die Menschheit vor dem Untergang zu retten, sondern das tätige Mitleid bis dahin zu erhalten (Mt 24,
12).
Lebenslanges Lernen ist eigentlich ein selbstverständliches Bedürfnis. Indem man mit der Welt
immer vertrauter wird, entwickelt man sich selbst. Das ist, was man Bildung nennt.
Die Nötigung, für die Konkurrenzfähigkeit im Erwerbsleben immer wieder neue Techniken zu
lernen, ist das Gegenteil. In der sog. Fort- und Weiterbildung hetzt man hinter Aktualitäten her. Diese
ökonomische Schmalspurigkeit bildet sich im Schulsystem ab, das dem Erwerb marktgängiger
Kompetenzen dient. Hierzu motiviert Hoffnung auf Erfolg (in der Regel aufgrund früherer
Lernerfolge).
Wo diese Hoffnung zu Wünschen übrig läßt – d.h. bei den Massen – ist lebenslanges Lernen
selbstverständlich kein Bedürfnis. Bildung der Massen bleibt deren freier Benutzung des
massenmedialen Angebots überlassen.
Wenn der Einzelne zu wenig von guten „inneren Objekten“* gehalten ist, bleibt er stärker auf
äußere angewiesen. Für das Gedeihen der inneren Objekte ist eine gewisse Stabilität der Verhältnisse
nötig. Stabilität nun findet sich immer weniger in konkreten und immer mehr in abstrakten Dingen.
So lange aber er lebt, bleibt der Mensch, mit vielen seiner Bedürfnisse, konkret. Wir werden deshalb
intellektuell immer selbständiger, aber menschlich immer unselbständiger.
Kurzlebige kollektive Existenzsymbole drängen zunehmend die dauerhaften zur Seite.
Totalitarismen sterben endlich daran, daß auch deren Profitanten auf menschliche Sprache
angewiesen bleiben. Sie selbst (oder wenigstens ihre Erben) wollen ja schließlich nicht nur Macht
haben, sie wollen menschlich leben und frei mit einander reden und denken können. Lügen aber
haben – zwar leider keine kurzen, aber doch auch nicht so lange Beine, wie die Gewaltherrscher es
gern sähen.
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Der beschleunigte Fortschritt besteht in der frisch-fröhlichen Benutzung von Ergebnissen
ungeachtet deren Vorarbeiten. Er führt beschleunigt in neue Probleme.
Menschenzüchtung wurde, weniger gezielt, schon immer betrieben. Die jetzt sich abzeichnende
verspricht steileren Aufstieg und schrofferen Absturz der Menschheit.
Komprimierte Information in künstlichen, hochgradigen Metasprachen ist wichtig geworden. Die
diesen zugrunde liegende Geschichte ist nur noch rudimentär bekannt. Der Realitätsbezug der
Information, immer voraussetzungsvoll, wird dadurch weitgehend unkontrollierbar.
Das historische Wissen war bislang kollektive Mythologie der Gebildeten; jetzt ist es massenhaft
individuelle Bastelarbeit. Man denkt sozial angepaßt, aber heute weiß man: Niemand weiß so recht,
worüber. Man fährt, "ohne Bremse, ohne Licht", zusammen durchs Dunkle. Allen wird dabei
unbehaglich; desahlb fahren wir immer schneller; alle geben Gas.
Früher hatte man zu viele Kinder und behandelte sie schlecht. Heute hat man zu viele Alte und
behandelt diese schlecht.
Soziologie artikuliert, in stabilisierender Absicht – gegebenenfalls um suboptimale Stabilitäten zu
überwinden – , wissenschaftlich unser vielfältiges, prekäres „Wir“.
Verstehend, betrachtet sie das Wirkliche als eín Mögliches unter anderen. Abstrakt verfremdend,
provoziert sie neue Ideen.
Schöpferische Bescheidenheit kann hoffen. Aber oft fehlt uns die Kraft dafür. Religiöse Tradition
will dazu den Weg weisen.
Schnell rentierende Investitionen (Berufsbildung statt Bildung für den Einzelnen, wissenschaftliche
Entdeckung und Besetzung neuer Gebiete für die eigene Gesellschaft) sind im Konkurrenzkampf der
globalisierten Menschheit entscheidend – oft auf Kosten der Nachhaltigkeit.
XXIII.Gegenwart und Ausblick
Die Klage über die Gegenwart ist eine alte, ja klassische Literaturgattung. Da man über die Zukunft
und auch über die Vergangenheit, ja sogar über die Gegenwart, immer zu wenig weiß, kann die
Behauptung gegenwärtigen Niedergangs immer nur auf Beobachtungen beruhen, deren Wichtigkeit
niemand objektiv beurteilen kann.
Sie hat hauptsächlich den pragmatischen Wert einer besorgten, mehr oder weniger ausführlich
begründeten und spezifizierten, allgemeinen Mahnung.
Immer häufiger verlangen wirtschaftliche Rücksichten vom Einzelnen Wechsel und Trennung.
Prinzipiell befristete Beziehungen werden aber nur wenig differenziert und haben innere Verödung
zur Folge. Psychologisches Wissen auf dieser Basis ist makaber.
Die Sozialkontakte der Schüler sind stressig, die Gefühle entsprechend undifferenziert. So auch ihre
Sprache. Im Bereich leicht nachprüfbarer Kurzinformationen hingegen findet Entwicklung statt.
Beispiel: Technologie.
Die Feinheiten der Sprache richtig zu benutzen, lohnt nicht. Es liest ja niemand mehr genau, und
niemand hört genau zu. Wir haben zu viel Sprache vor Augen und um die Ohren. Die menschliche
Kommunikation wird grobschlächtig.
Der kollektive Zeichenvorrat ist unermeßlich, aber der Vorrat an sowohl persönlich bedeutungsvollen wie auch für andere zuverlässig verständlichen Zeichen ist geschrumpft und primitiv. Wir sind
dumm dran. Die geforderte quantitative Kommunikationsleistung hat die Sprache als Persönlichkeitsausdruck abgenutzt. Als Zeichensystem verselbständigt sie sich immer weiter gegenüber der Person;
die Metaphorik hat sich zugunsten der Metonymik* zurückgezogen.
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Man kennt sich kaum. Differenziertes zwischenmenschliches Verstehen verlangt vom Einzelnen in
nie dagewesem Maße Kombinationsleistungen und Kreativität in der jeweiligen Situation. Die Gefahr
von Mißverständnissen und Täuschung ist damit gewachsen. Man muß vorsichtiger und glatt sein.
Nicht mehr nur das einzelne Leben, sondern die ganze, von der Technik getragene, vorangejagte
Welt von heute wird nicht mehr nur von Randgruppen, sondern allgemein als Provisorium erlebt und,
Gewesenes in Fetzen bewahrend und Gewünschtes schnell probierend, auf Abbruch gestaltet.
Die ökologische Weltuntergangserwartung schwankt. Aber die globalen Probleme haben alle
Ideologien angefressen. Nicht die klassische Unmoral, sondern eine allgemeine radikale
Orientierungskrise greift um sich. "Rette sich, wer kann!" Die einen retten sich in Oberflächlichkeit
("Lasset uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot" und dergleichen), die andern in makabren
Fundamentalismus.
Die klassische Erziehung war intolerant gegen Lügen und Betrug. Semantische Unwahrheit durfte
nicht gesagt werden. Man durfte nur mit semantischer Wahrheit pragmatisch irreführen. Dieser Moral
bequemte sich sogar der orakelnde Gott an. Wahrheit wurde, als objektive Richtigkeit, von der
personalen Kommunikation unterschieden, der persönlichen Verantwortlichkeit entzogen und
neutralisiert. Objektivität war höchstrangiger sozialer Wert. So bewährte der Mensch auch sein Selbst
als objektive harte Tatsache. Er konnte sein Ehrenwort geben. Mit Lüge gab man seine Ehre, seine
Identität preis. Der Ehrlose war ein niemand. Ehre war nicht nur eine soziale, sondern ebenso eine
psychologische Tatsache. Um seine Ehre kämpfte man deshalb unter Einsatz des Lebens.
Das hat sich geändert. Der Übergang zum dritten nachchristlichen Jahrtausend ist das Ende einer
Kultur der Persönlichkeit. Ehre ist ein altmodisches Konzept. Der postmoderne Mensch ist
Pragmatiker. Er hat eine ästhetische, ironische Distanz zur Moral. Um sich und seinen Kindern
Lebenschancen zu sichern, braucht man weniger denn je eine lebenslange Identität, stattdessen
Genüge an mittelfristigen Projekten und strahlende Zuversicht im Chaos eines bösartigen
Konkurrenzkampfs ohne verbindliche moralische Konventionen.
Man muß im Wandel der Umstände fast täglich neu die eigene Richtung überprüfen.
Wir müssen ständig zielstrebig geschäftig sein, lernen, uns Bildungsgüter aneignen, um nicht
überrundet zu werden. Das Ergebnis ist Unbildung. Als Inkompetenz der Machtelite wird sie immer
gefährlicher.
Handlungsrelevant sind vor allem Aktualitäten und höchstens mittelfristige Perspektiven.
Auf lange Sicht empfiehlt es sich noch, viele inhaltslose Beziehungen lebendig zu halten für
eventuelle gegenseitige kleine Hilfestellungen. Im übrigen sind die langfristigen Perspektiven
röhrenförmig unrealistisch und dürfen nicht maßgebend werden.
Zu Besinnung, nicht in Verantwortung vor anderen, sondern vor dem eigensten Gewissen und
Geschmack, ermutigt sog. schöne Literatur. Sie wird wiederentdeckt.
Aber es bedarf einer weiteren moralischen Stütze: Da ist die Managerschulung, die versichert, daß die
Lektüre dem langfristigen Geschäftserfolg zugute kommen werde. Und da ist das Lesekränzchen, wo
man seinen Platz behaupten muß. Und damit ist die rare Hauptsache doch wieder preisgegeben.
Verantwortungsträger (Ärzte, Politiker) greifen immer häufiger zu Psychopharmaka. Gefährlich!
Die Ideologie, die in der Doppeldeutigkeit des Wortes "Verdienst" erscheint, war in der guten alten
Zeit nicht so falsch; sie ist auch heute nicht ganz falsch; aber als Vorurteil wirkt sie heute sozial
verheerend.
Schwindel ist schon ein Naturphänomen. Er ist aber viel mehr ein Kulturphänomen. Das Zeitalter
der Kommunikation ist die große Zeit des Schwindels.
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Der Einzelne steht der sozialen Normalität ambivalent gegenüber:
In traditionellen Gesellschaften galt das Übliche als das Verbindliche, mores (die Sitten), als
moralisch. Die Ungereimtheiten konnten das Paradigma "Kosmos, schöne Ordnung mit gerechtem
Ausgleich im Jenseits" zweifelhaft machen, aber nicht umstürzen. Seit nicht mehr Stabilität, sondern
Wandel das soziale Grundmuster ist, kann die Tradition nicht mehr normativ sein.
Die Eigendynamik der Selbstideologisierung der jeweils neuen Normalität läuft immer kraftvoller auf
Katastrophen zu. Demgegenüber müßte der Einzelne sich selbst ein Urteil bilden und danach handeln.
Die Verantwortung des Einzelnen – und damit seine Überforderung – sind gestiegen.
Heute erstarkt stattdessen – neben der immer hilfloser wirkenden Weltverantwortungsdiskussion –
der Fundamentalismus, eine kommunikationsunwillige Festungsmentalität, welche unbedenklich
aufgegriffene Normen vergötzt – eine gemeingefährliche Verantwortungskultur.
Sicherheit verlangte einen unvorstellbaren Grad weltweiter Solidarität.
In Kontexten, wo man sich nicht auskennt, wird man am ehesten betrogen. Und man gerät immer
häufiger in einen Kontext, wo man sich nicht auskennt.
Je komplizierter und unübersichtlicher die Welt wird, desto kürzerfristige Optimierung ist
längerfristig lohnend, desto eher lohnt sich verantwortungsloses Verhalten.
Der Rand der Ordnung ist chaotisch. In einer sich schnell entwickelnden Gesellschaft leben die
meisten jeweils im chaotischen Grenzbereich zwischen einer (kaum etablierten) alten und einer (sich
gerade etablierenden) neuen "Ordnung".
Eine Vielfalt der Lebenschancen bedeutet Freiheit für den Einzelnen. Am meisten können sich die
Starken davon versprechen. Zu viel Freiheit jedoch bedingt Unübersichtlichkeit, Unsicherheit, Gefahr
für die Schwächeren und ein entsprechend wachsendes Bedürfnis nach mächtiger Vereinfachung, –
die Szene für ruinösen Populismus.
Kapital ist noch beweglicher geworden. Es sind eigentlich ja nur Ansprüche (auf Sachwerte oder
Rückzahlung von Schulden, letztlich an eine Notenbank), die letztlich durch staatliche Gewalt
durchsetzbar sein müssen. Grundsätzlich sitzen also die rechtsetzenden Staaten am längeren Hebel.
Aber das zwischenstaatliche Recht ist schwach und Rechtspflege ist langsam, white collar crime ist
flink. Kapitalbewegungen können viel zerstören.
Mit dem Wachstum der Menschheit wird die Auseinandersetzung mit einander, also die Gesellschaft, immer wichtiger gegenüber der Auseinandersetzung mit der außermenschlichen Wirklichkeit
(vor allem gegenüber der von Marx thematisierte Arbeit).
Die sinkende individuelle Moral ist Folge der Anonymität in der mobilen Massengesellschaft: Man
kann sich nicht mehr so leicht einen guten oder einen schlechten Namen machen; der "Ruf" verhallt.
Besonders die jungen Erwachsenen sind gejagt von der Angst, etwas zu verpassen24, weil sie mit
der globalen Innovationsflut mithalten müssen.
Das heutige Kampfgetümmel der anonymen weltweiten Konkurrenz läßt die alte "goldene Mitte"
zwischen Wachstum und Niedergang, den soliden Erhalt, kaum noch zu. So wird Expansion zum
Überlebensgebot aller Wirtschaftssubjekte. Eine globale Explosion ist im Gang! Wachstum als
Existenzsicherung ist ein wesentlicher Lebensinhalt.
Da hierfür Geld zentral wichtig ist und immer nötiger wird, so wird der Narzißmus immer kahler, und
das Grundmuster der Gesellschaft immer barbarischer. Auch Kultur wird funktionalisiert. Definierte
Kulturgüter dienen als Aushängeschild.
24
Studie der British-American Tobacco, 1999.
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Das Alte Ägypten, scheint es25, hat das weltgestaltende verantwortliche Subjekt konzipiert und im
Königtum institutionalisiert. Dieses Ideal hatte eine große Geschichte. In der Postmoderne geht es
wieder unter.
Wegen der wachsenden Masse des kollektiven Wissens wird der Inhalt der sog. Allgemeinbildung
immer zufälliger. Der Einzelne muß sich immer entschiedener mit einer handgestrickten kulturellen
Integration begnügen.
Die Normen sind in Fluß. Das bedeutet Wirbel*, viel Reibungsverlust, weniger Kooperation.
Kleinere soziale Einheiten aber und weitgespannte, dünne Kooperationsnetze bilden sich auch neu.
In der postmodernen Unübersichtlichkeit der Verhältnisse meldet sich der Einzelne prinzipiell aus
aller Mitverantwortung ab, in expliziter Übernahme primär der Verantwortung fürs eigene Wohl
("Erlebnisgesellschaft"). Im Selbsterleben aber stößt er doch wieder auf die ererbten Rudimente des
sozialen Gewissens als einen Faktor seines Wohlbefindens.
Mitverantwortung wächst und schrumpft mit der Mitwirkung. Diese nimmt, wie die Lautstärke,
etwa in der dritten Potenz mit der sozialen Entfernung ab.
Das System wächst; der Anteil, den das unmittelbare Wirkungsfeld des Einzelnen bildet, wird immer
kleiner. Dank der Chaotik der Gesellschaft bleibt ihm in der veränderten Welt eine kleinere Chance,
Größeres mitzubewirken.
"Weltverantwortung", die ethisch-religiöse Parole der sechziger und siebziger Jahre, ist soziologisiert. Es geht heute um weltpolitische Klugkeit im Interesse an quasi-stabilen, lebbaren Verhältnissen.
Kranksein wird aus ökologischen, biologischen und demographischen Gründen wieder der
Normalfall werden. Medizin bleibt eine Wachstumsbranche.
Sowohl der Einzelne ist globalgesellschaftlich entwertet, wie auch die Globalgesellschaft für die
meisten einen stärker negativen Wert bekommen hat.
Stabile Individualität ist Luxus geworden. Aber der Druck, sich speziell auszuzeichnen, wächst.
Ausbeutung der Öffentlichkeit ist Kavaliersdelikt.
Der Mensch hat heute größere Wahlfreiheit – vor allem in einer Unzahl von Belanglosigkeiten.
Bestenfalls ein winziger Teil der menschlichen Erbgänge kann in der Veränderung des Erbgutes
schritthalten mit der zu erwartenden anthropogenen Umweltveränderung. Die Überzahl wird Opfer
der Entwicklung.
Man muß heute so viel vergeblich für sich werben, daß man deprimiert zurückbleibt. Es höhlt die
kommunikative Aktivität aus, schwächt das Zutrauen und infolgedessen die Kooperation. Es
demoralisiert.
Zufriedenheit (wie, Mitte 19. Jh., bei den armen Eltern des frommen Schweden CARL LARSSON26,
wo der Vater mit allem Glück und Unglück zufrieden und die Mutter untertänig war) stirbt ab in einer
Welt, wo von jedem verlangt wird, daß er den aktuellen "Fortschritt" und die allgemeine Unrast mit
voranträgt.
Kindergarten bedeutet Mietmütter und äußerlich plötzlich aufgedrückte Zwangsgemeinschaft mit
meist viel zu vielen fremden Kindern. (Man denke an das Problem schon nur eínes neuen
Geschwisters!) Das ist eine harte Vorschule für eine Gesellschaft der oberflächlichen Kontakte.
25
Siehe JAN ASSMANN, Ma´at. Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten, München
1990.
26
Das Haus in der Sonne, 1909.
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In der allgemeinen Vereinzelung lastet der Entscheidungszwang mit dem selbstgewählten
ernsthaften Partner besonders schwer auf der Jugend. Unendliche "Beziehungskisten" waren die
Folge – bis zur Etablierung der Lebensabschnittspartnerschaft.
Man lernt oberflächlichen, stark fatalistischen Optimismus im Umgang mit der Informatik.
Wir leben heute in enorm vermehrter Kommunikation durch sinnliche Wahrnehmung von
kontrolliert illusionärer Realität. Wir leben immer mehr virtuell* lokalisiert. Telephon, Auto,
Fernsehen haben das angebahnt. Die reale Nachbarschaft ist abstrakt geworden.
Man lebt heute mehr zeitlich als örtlich bestimmt, abstrakter.
Die Kombinatorik* über den heutigen Lebensmöglichkeiten des Einzelnen führt ins Astronomische
und läßt die Menschen explosionsartig in unzählige Richtungen auseinanderfahren. (Ein Sforzato auf
Heideggers "Geworfenheit".) Die verbleibende Gemeinsamkeit ist frustrierend. Ein Kreisprozeß.
Neue Apokalypse: Nicht das Ende der Menschheit oder des Lebens steht zu erwarten, sondern
zunächst: der Übergang zur nächsten Menschheit.
In einer modernen, stark chaotischen Gesellschaft ist große Toleranz für viel Mißerfolg Sache der
regulären Kultur.
Nur in stabilen Verhältnissen hat Bescheidenheit eine faire Chance. Heute hat man nicht bescheiden
zu sein, sondern nur bei bestimmten Gelegenheiten trägt man, wie einen schwarzen Anzug,
Bescheidenheit und Solidarität.
Die Diversifizierung hat die Vermehrung der Menschheit ermöglicht. Das hochgepeitschte Ich aber
sehnt sich zurück ins Wir. Die Hypermobilität behindert die Bildung tragfähiger Gruppen.
Vermassung und größere Systemzusammenbrüche drohen.
Situations- und zweckgebunden, bindet man sich unvermindert, wenn auch lockerer, an einander.
Auch diese neuen, enger realitätsbezogenen Zusammenschlüsse können für das Selbstgefühl hoch
befriedigend sein. Sie feiern sich selbst und ihre Aktivität, z.T. unter religiöser Symbolik.
Die Wissenschaften machen uns böse Zukunftsaussichten. Wir müssen eine Kultur entwickeln,
damit liebenswert zu leben.
Die Globalisierung bewirkt Fragmentierung lokaler Gesellschaften.
Die Religion der Egozentrik ist auch eine Reaktion auf die Entfremdung in der kühlen Gesellschaft.
Der postmoderne Mensch hat den Glauben des modernen Menschen an die menschliche
Urteilsfähigkeit verloren.
Man hat keine Zeit zu eigener Besinnung. Man übernimmt in der Hitze des Gefechts ständig neue
Begriffe zunehmend aus der spezialisierten Produktion anderer.
Die heutige Sprache ist schnell zusammengestückte, spitz kalkulierte Konsumware.
Früher machte einen ein reiches Innenleben zu einem wertvollen Menschen. Andere Individuen
gewannen immer deutlichere Gestalt darin. Er lebte mit ihnen und trauerte um ihren Verlust. Sie
waren wichtig für seine eigene innere Gestalt und seine eigensten Möglichkeiten.
Heute gewinnt und verliert man so viele Bekanntschaften, daß solche Menschlichkeit psychisch nicht
mehr zu leisten ist. Man muß bis ins hohe Alter hinein zu sozialen Umstellungen fähig sein, die man
sich kurz vorher noch nicht einmal vorstellen konnte.
Besinnung wird gesellschaftlich delegiert an eine machtlose Minderheit. Für Wahrnehmung
öffentlicher Interessen bezahlt man den Staat.
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Totale Delegation von Besinnung und Verantwortung fürs Gemeinswohl aber ist wie Kolonnenfahren
ohne Sicherheitsabstand. Die Massenkarambolage ist programmiert.
In der hochdifferenzierten, hochmobilen modernen Gesellschaft wird die Urform des In-der-WeltSeins, primitivste, undifferenzierte Togetherness zum Ausgleich immer nötiger.
Durch Krisen wird man älter, und man möchte dabei wenigstens reifen. Das ist in vielen Formen
eines der großen Themen in der daheim konsumierten öffentlichen Unterhaltung geworden.
Die Massenmedien verstärken die Massenmoral. Auch moralische Unsicherheit ist respektabel, und
Reifung zu versöhntem Sterbenkönnen ist ein Grundthema.
Die Infragestellung der eigenen Optik durch die des Mitmenschen wird zunehmend in der
Massenkultur thematisiert (Comics etc.).
Der evolutionsbiologische sacro egoismo ist, vom künstlich sakralisierten großen Gemeinwesen
(das Vaterland, an das A. Salandra 1914 bei der Konzeption dieses Begriffs dachte), wieder ins
Familiale zurückgesunken.
Die Reklame zeigt unsere öffentliche Kultur. Sie ist – mitsamt dem sprachlosen Mißbehagen und
der Ironie – ein zentrales Stück der Sprachgeschichte, der wir für unsere Selbstauslegung
überantwortet sind.
Die Idealisierung der Menschlichkeit relativiert sich in dem Maße, wie die Welt vermenscht. Man
war ein Naturphänomen, und, nach einer langen Aufstiegsphase, kommt man wieder bescheiden
dahin zurück.
Bereits die frühe griechische Philosophie erkannte den Zusammenhang zwischen vernünftiger
Wahrnehmung (νοεῖν) und dem, was man Sein nennt.
Die natürlich-mathematische Verständlichkeit von Phänomenen, wie sie das pythagoreische
Quadrivium27 darstellte, wurde, in pythagoreischer Tradition, von Platon essentialisiert. Die
neuzeitliche artifizielle Mathematik und ihre Erfolge in der Naturerklärung blieben noch bis in unser
Jahrhundert hinein, der traditionellen Wesenschau gegenüber, ein Kuriosum.
Erst im Laufe dieses Jahrhunderts (in der Breite des Zeitgeistes wohl erst infolge der virtuellen*
Realität mit ihrer sinnenfällig trügerischen Evidenz) konnte die artifizielle Verständlichkeit das
„natürliche“ Verständnis von Sein in Frage stellen.
Mißtraute man im klassischen Abendland den Trieben, so mißtraut man heute eher zielstrebiger
Vernunft.
Konstruktive, kooperative Lösungen globaler Probleme (eine Forderung der Menschlichkeit)
schieben, wie mit der Schneeschaufel, das biologische Grundproblem des Zusammenlebens vor uns
her und vergrößern es; denn die physische Basis menschlichen Lebens ist nicht beliebig erweiterbar.
Das Überleben der Menschlichkeit, die den Einzelnen, lebend oder sterbend, solidarisch begleitet,
ist wichtiger als das Überleben der Menschheit.
Staat und Kirche werden bei uns als stabil erlebt, – aber emontional entleert. Familie, Nachbarschaft, religiöse Gemeinde, Kommune, Betrieb wiederum bieten Geborgenheit meist nur auf Zeit.
Mit der Zahl der Menschen steigen die Grenzkosten des Lebensunterhalts.
Immer „bessere“, erfolgreichere Meme schaffen den Lebensraum für immer mehr schlechte Meme
und Gene. Nur wenige müssen verstehen; und in deren näherer Umgebung werden die animalischen
Lebensbedingungen vorläufig für alle immer besser.
27
Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie.
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Die Menschheit steht vor einem Selbstorganisationsproblem, dessen Lösung eine veränderte
kollektive Existenzsymbolik voraussetzte. Dafür wiederum muß die jetzt herrschende noch
rechtzeitig gründlichst (wahrscheinlich durch beängstigende Übelstände) diskreditiert werden, auch
für Machtzentren (die reichen Länder, die großen Firmen, die Superreichen).
Gegen unsere Existenzsymbolik hat sich die der islamischen Selbstmordkommandos erhoben.
Irgendwo zwischen unserem Individualismus und jenem Opfermut müßte sich eine überzeugende
(und deshalb belastbare) Existenzsymbolik entwickeln.
Individualisierung ist Deregulierung der Kooperation und führt, im ersten Entwicklungsschub, zu
kollektiver Entfesselung von Fähigkeiten, von Wirtschaftswachstum und neuen sozialen
Ungleichheiten. Das bedeutet Zerreißproben für die Kultur.
Die Menge von prinzipiell stabilen, erkennbaren, mitteilbaren Strukturen wächst uns über den Kopf,
– ein wildes intellektuelles Chaos droht.
Die Macht und die Artenvielfalt unserer Instrumente explodiert. Sie überformen die Erdoberfläche
wie zuvor die Pflanzen, die Tiere und die Menschen.
Der „schnelle Wechsel der Realitäten“, von dem man heut reden hört, macht, daß das Reale und das
Leben wieder gespenstisch werden. Das ferne „Jenseits“ von ehedem taucht wieder auf im Diesseits –
als Unheimlichkeit des Diesseits!
Die die Realitäten, die wir erleben, leben immer kürzer. So gesehen, wird man heutzutage früh alt
und erfahren – und könnte schon früh weise geworden sein.
Zahlen sind zunächst eine Reihe von reinen additiven Rekursionsstufen. Es stellt sich dann heraus,
daß sie ein unüberblickbar formenreiches, unendliches System bilden.
Die Rekursion ist das Rückgrat der Geschichte. KANT machte auf den Zusammenhang zwischen Zeit
und Zahl aufmerksam.
Zahlen, reine "Form", Verfahrensschritte, sehen ab von dem Gehalt an äußerer Realität und sind
deshalb, sowohl interindividuell wie bezüglich der Gegenstände, extrem allgemein verwendbar. Sie
bilden deshalb den (immer größer und wichtiger werdenden) harten Kern der die Gesellschaft
strukturierenden Symbolik.
Aufmerksamkeit (Publizität) genießt heut hohe Aufmerksamkeit, – ein selbsttragender, aber
manipulierbarer Prozeß, der an jedem beliebigen Kondensationskern ansetzen kann.
Der Fortschritt der Wissenschaft banalisiert unsere Lebenswelt. Die Wissenschaft selbst ist das neue
Naturwunder. Es übersteigt jedes einzelnen Wissenschaftlers Verstand bei weitem. Aber nur
Wissenschaftler können dies wissen – funktionale Äquivalente der früheren Priester28.
So lebt man denn heute verunsichert in einer banalen Rätselhaftigkeit.
Die Extreme Arm und Reich driften immer schneller aus einander. Für jeden einzelnen wird die
kurzfristige ökonomische Rationalität obligatorisch. Das treibt aber natürlich auf kollektive
Katastrophen zu. Das ahnt jeder und lebt auf diesem unheimlichen Hintergrund, je nach mittelfristigen Aussichten, wohlorganisiert oder in den Tag hinein.
Und, mangels langfristiger Perspektive, wird Irrationalismus und Interesse an religiösen Überlieferungen ganz unverbindlich wieder gesellschaftsfähig.
Wenn die allgemeine Unsicherheit öffentlich beunruhigt, schlägt die Stunde des Dezisionismus und
einer beruhigenden Gleichschaltung, die einem beliebigen Inhalt die Weihe eines ab omnibus
creditum verpassen kann und will.
Schon Goethe schrieb: „Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat Religion.“ (Zahme Xenien,
Buch 9.)
28
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Die alten, reichen Symbolsysteme stabilisierten das Individuum – erst Religionen, sodann
Philosophien, ecclesiolae, Ideologien und Parteien.
An ihre Stelle getreten sind kurzlebige Aktionsgemeinschaften einerseits und ein Bewusstsein
globaler Schicksalsgemeinschaft, das nur schwach verhaltensrelevant werden kann, anderseits. Die
Existenzsymbolik der meisten modernen Menschen ist inkohärent, haltlos, modisch; die Identität
entsprechend schwach, das Verhalten unzuverlässig. Lebensabschnittspartnerschaft sowie Geld und
wenige, aber erfolgreiche eigene Kinder, als Offenheit für alle Möglichkeiten, sind charakteristische
zentrale Werte.
Für den Aufbau einer Weltgesellschaft ist das kein vertrauenerweckendes Material.
Die wirtschaftlich erzwungene Globalisierung bedeutet für die Gesellschaften eine kulturelle
Überforderung.
Werbung verbraucht Symbolik und Kultur; so schwächt sie die Moral, die die Gesellschaft
belastungsfähig zusammenhält.
Proletarisierung der Massenmedien durch Werbung ist Folge öffentlicher Armut und bedeutet
Niedergang der Landeskultur.
Die weltweit zum Rattenwettlauf verschärfte Konkurrenz belohnt kurzfristige Kalküle und wirkt
deshalb barbarisierend und längerfristig gemeingefährlich.
Erschreckend große Übelstände gehören zur Gesellschafts-„ordnung“. Nur selten hat man die Kraft,
sie ins Auge zu fassen. „Werft ihn hinaus, er bricht mir das Herz!“
Die „Stützen der Gesellschaft“ konsumieren Ordnung; sie „grasen über den Haag“ und treiben, bei
wechselseitiger Selbstbestätigung, Raubbau an eben der öffentlichen Moral, die sie schützt. So
servieren Eliten – und ganze Gesellschaften! – sich selbst ab.
Auch im globalisierten Kapitalismus gilt: Noblesse oblige (zuerst belegt bei Pierre Marc Gaston
Duc de Lévis, 1764-1830) und: „Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken.“
Eine Standesethik der Mächtigen findet in einer hochmobilen Gesellschaft keine Zeit, sich zu
etablieren.
Auch die Professionalisierung der Geldvermehrung ist von Fachidiotie bedroht – mit den nun
bekannten Folgen.
Die Menschen sind Kooperations-Weltmeister; und gerade dadurch ist diese Spezies sich selbst zur
größten Gefahr geworden. Die Macht der Menschen wächst exponentiell. (Ihre Vermehrung ist nur
ein Teil dieser Entwicklung.) So etwas endet zunächst, in welchen Modalitäten auch immer,
katastrophal.
Erst bei sehr vielen verschiedenen, aber ähnlichen Versuchen (wie im Generationswechsel mit seinen
Mutanten oder in der Konkurrenz vieler Gesellschaften) können sich in einigen Proben rettende
Bremsen entwickeln.
Das zunehmende Zusammenwachsen der menschlichen Gesellschaften zu einer Weltgesellschaft aber
hat dem Lernen durch Versuch und Irrtum ein Ende gesetzt; der gegenwärtig laufende ist der letzte
Versuch dieser Menschheit.
Apokalyptisches Lebensgefühl ist wieder realistisch. Die hemmungslose Selbstbereicherung der
Reichen für sich und die eigenen Nachkommen mag einer realistischen Zukunftsangst entspringen.
Solche Vorsorge erhöht aber die kollektive Gefahr.
Wenn es, nach dem Gefühl der meisten Menschen, zu viele Menschen geben wird, ist eine nie da
gewesene Toleranz für Massensterben und Massentötungen zu erwarten.
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Die Ausbreitung der Atomrüstung droht mit massenhaften genetischen Schäden, aus denen
bestenfalls eine sehr andere, primitivere, resistente Lebenswelt mit kurzlebigeren Individuen
hervorgehen wird.
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XXIV.Inhalt
I.
Kampf
1
II.
Kooperation
5
III.
Die Gesellschaft
7
IV.
Sitte
15
V.
Der soziale Horizont der Ethik
16
VI.
Institution
17
VII.
Persönliche Beziehungen
17
VIII.
Liebe
18
IX.
Gruppen
20
X.
Vertrauen
22
XI.
Trug
23
XII.
Loyalität
24
XIII.
Wirtschaft
25
XIV.
Politik
31
XV.
Norm, Staat und Recht
36
XVI.
Geschichte
47
XVII.
Ungleichheit
49
XVIII.
Arbeit
58
XIX.
Arbeitslosigkeit
59
XX.
Armut
62
XXI.
Religion
64
XXII.
Beschleunigter Wandel
65
XXIII.
Gegenwart und Ausblick
66
XXIV.
Inhalt
75
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