Leseprobe

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Mara Trevek
Liebe unerwünscht!
Eine Mara-Lovestory
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„Ich weiß nicht ...“, sagte Herr Bender nun schon zum wiederholten Male. „Vielleicht
sollten doch wir lieber den anderen nehmen.“ Dabei blätterte er durch den Prospekt, der
vor ihm auf dem Tisch lag, ohne wirklich hineinzusehen.
„Du meinst den schwarzen Wagen, den wir uns gestern in dem anderen Autohaus
angesehen haben?“
„Ja. Der war auch nicht schlecht.“
Frank Holländer unterdrückte einen Seufzer. Sehr entscheidungsfreudig war dieser
Kunde wahrhaftig nicht.
Ganz anders seine Frau. „Ich bin für diesen hier.“ Dabei lächelte sie Frank an.
„Und warum?“, wollte Herr Bender wissen.
„Er gefällt mir einfach besser.“ Sie suchte Franks Blick. Er wusste, was sie ihm
damit bedeuten wollte. Er sollte sich freuen, dass er in ihr eine Verbündete hatte. Und
dass er es nur ihr verdankte, wenn das Geschäft zustande kam. Offenbar hatte der andere
Autoverkäufer weitaus weniger Eindruck auf sie gemacht. Frank konnte das nur recht
sein!
„Aber der schwarze Wagen ist billiger. Dafür hat dieser mehr PS“, bemerkte Herr
Bender immer noch unentschlossen.
„Wir haben dieses Modell auch als Tageswagen da“, mischte Frank sich ein. „Der
käme natürlich eine ganze Ecke günstiger.“
„Welche Farbe hat er denn?“
Eine typische Frauenfrage. Herr Bender warf Frank einen entschuldigenden Blick zu
und der lächelte nachsichtig. „Er ist dunkelblau“, antwortete er.
„Dunkelblau!“, rief Frau Bender aus. „Das finde ich schön! Unser erstes Auto war
blau.“
„Möchten Sie sich den Wagen noch mal ansehen?“, schlug Frank vor.
„Gern!“ Schon sprang sie auf. Ihr Mann hatte gar keine andere Wahl, als zu folgen.
Während sie eifrig neben ihm herlief, plapperte sie unablässig auf ihn ein. „Mein Mann
möchte ja lieber ein etwas größeres Auto. Aber ich nicht. Je kleiner, desto leichter das
Einparken. Einparken ist nämlich nicht meine Stärke.“ Sie kicherte. „Und die
Parkbuchten in den Parkhäusern sind immer so eng. Dadurch habe ich mir schon mehrere
Schrammen und Beulen in den Kotflügeln geholt. Mein Mann rastet jedes Mal aus, wenn
es wieder passiert ist.“
Frank nickte verständnisvoll. Gleichzeitig dachte er: „Frauen und Autos – diese
Kundin bedient wirklich jedes Klischee! Bestimmt erzählt sie gleich, dass sie nicht gern
Auto fährt.“
Er hatte sich nicht getäuscht.
„Mein Mann fährt gern Auto“, fuhr sie fort. „Ich nicht. Ich bin froh, wenn ich
Beifahrerin sein kann und höchstens auf den Weg achten muss.“
„Wie gut, dass es GPS gibt“, bemerkte Herr Bender trocken. „Sonst wären wir arm
dran.“
Sie lachte. „Mein Mann hat recht. Auf ein Navi ist mehr Verlass als auf mich.“
„Auf ein solches Gerät sollte man sich auch nicht blind verlassen“, warf Frank ein.
„Ich habe schon des Öfteren gelesen, dass Autos in Bäche gefahren und in Gräben
gelandet sind, weil die Fahrer in der Dunkelheit nicht erkennen konnten, dass die Straße,
die das Navi angegeben hatte, gar nicht existierte.“
Mit diesen Worten sowie mit seinem jungenhaften Grinsen hatte er Frau Benders
Herz endgültig gewonnen. Sie strahlte ihn an, während ihr Mann prüfend um das
dunkelblaue Auto herumging.
„Möchten Sie eine Probefahrt machen?“
„Aber sicher! Sie kommen doch mit?“ Frau Bender saß schon auf dem Beifahrersitz.
„Wenn Sie es wünschen.“ Frank hatte sich schon vorher so was gedacht und die
Fahrzeugpapiere gleich mitgenommen. Am liebsten hätte er aufgestöhnt, als er hinten
einstieg. Er hoffte dringend, dass sie wenigstens während der Fahrt ihren Mund halten
würde.
Aber weit gefehlt. Frau Bender war offenbar eine schreckliche Nervensäge. „Fahr
etwas langsamer.“ – „Siehst du die rote Ampel?“ – „Achtung, Fußgänger!“ So ging es
pausenlos.
„Wenn ich ihr Mann wäre, würde ich verrückt“, dachte Frank. „Warum gibt es bloß
so wenige Frauen, die einem nicht auf den Keks gehen?“
Frau Bender ahnte natürlich nichts von seinen unfreundlichen Gedanken. Zufrieden
beobachtete sie, wie ihr Mann nach der Probefahrt den Kaufvertrag unterschrieb, und
schüttelte Frank zum Abschied lang und herzlich die Hand.
Der begleitete das Ehepaar zum Ausgang und blickte ihnen nach. Stefan Meiers, sein
Mitarbeiter und Freund seit Kindertagen, gesellte sich zu ihm. „Na, Juniorchef, hast du
wieder mal deinen Charme versprüht?“, scherzte er. „Die Frau war ja ganz hin und weg
von dir.“
„Ich habe überhaupt nichts versprüht“, gab Frank mürrisch zurück. „Ich war bloß
höflich.“
Stefan knuffte ihn in die Seite. „Mach dir nichts vor, Alter. Ob du es willst oder
nicht, du bist der Traum aller Omas, Mütter, Schwiegermütter und Tanten. Nicht zuletzt
aller Töchter, Nichten und Enkelinnen. Charmant zu sein, das ist deine Natur. Du merkst
es selbst schon gar nicht mehr.“
„Ich wünschte, ich könnte es abstellen.“ Frank seufzte. „Es ist so lästig, wenn alle
Frauen auf dich abfahren.“
„Lästig? Dein Problem möchte ich haben! Außerdem ist es gut fürs Geschäft.“
„Zugegeben, bei Kundinnen ist es ganz nützlich. Abgesehen davon finde ich es
langweilig und öde, wenn alle immer sofort auf dich fliegen. Wo bleiben da die
Herausforderung, der Nervenkitzel, das ganze Spiel? Aber am schlimmsten ist, dass viele
Frauen wie Kletten sind. Man wird sie einfach nicht mehr los.“
„Ich würde sofort mit dir tauschen.“
Frank blickte seinen Freund an: mittelgroß, nicht dick und nicht dünn, Haare, die
weder braun noch blond waren, helle Augen, eine Brille mit breitem, dunklem Hornrand
in einem blassen Gesicht. Ein richtiger Durchschnittstyp. „Ich würde ebenfalls sofort mit
dir tauschen“, gab er zurück.
Stefan riss verwundert die Augen auf. „Was? Spinnst du? Als guter Freund müsste
ich dir dringend davon abraten!“
„Doch, wirklich! Ich beneide dich“, erwiderte Frank. „Du hast eine feste Beziehung.
Wie lange bist du jetzt schon mit Silvia zusammen?“
„Ungefähr fünf Jahre.“
„Fünf Jahre“, wiederholte Frank sehnsuchtsvoll. „Du Glücklicher hast die Richtige
gefunden. Und ich suche und suche und finde niemanden, der zu mir passt!“
Stefan grinste. „Ich würde es anders ausdrücken: Du suchst nicht, du wirst
gefunden.“
Frank verzog das Gesicht. „Aber leider nicht von der Richtigen.“
Stefan wurde ernst. „Mensch, Frank! Wir sind beide erst neunundzwanzig! In
unserem Leben kann noch eine Menge passieren!“
„Ja, das ist wahr. Trotzdem bin ich oft entmutigt. Ich glaube, die Frau, die mir
gefällt, muss erst noch gebacken werden.“
Ein Telefon schrillte.
„Ich geh ran“, rief Stefan. „Wir reden in der Mittagspause weiter.“
***
Frank und Stefan verbrachten ihre Mittagspause gern in einem Café wenige Meter
von dem Autohaus entfernt, das Franks Vater gehörte. Es war ein warmer, sonniger Tag,
und die beiden jungen Männer saßen auf der Terrasse und tranken einen Espresso.
„Ich habe noch mal über dein Problem nachgedacht, falls man es überhaupt als
solches bezeichnen kann“, begann Stefan das Gespräch. „Die Schwierigkeit liegt
eindeutig darin, dass du anders bist, als du wirkst.“ Zustimmung heischend blickte er
Frank an.
„Das musst du mir genauer erklären.“
Stefan lehnte sich zurück. „Wenn man dich so ansieht mit deinen braunen Locken
und deinem Grinsen, glaubt man, du würdest gern ausgehen, flirten, du wärst kein Kind
von Traurigkeit. Aber in Wirklichkeit ...“ Er brach ab.
„In Wirklichkeit?“, hakte Frank nach. „Willst du mir jetzt unterjubeln, ich wäre ein
spießiger Langweiler?“
„So weit würde ich nicht gehen. Aber du musst zugeben, dein Hobby ist nicht gerade
kommunikativ.“
„Was soll das heißen? Du sprichst in Rätseln.“
„Na ja, Malen und Zeichnen, das sind Tätigkeiten, die man überwiegend allein
ausführt. Abgesehen davon bist du gern zu Hause, liebst es gemütlich ...“
„Wenn ich die richtige Begleitung hätte, würde ich bestimmt auch gern ausgehen“,
unterbrach ihn Frank.
Stefan lachte. „Und wohin, wenn ich fragen darf? In eine Kunstausstellung oder ins
Museum. Stimmt’s?“
„Ja. Auch dahin. Was stört dich daran?“
„Mich persönlich stört das überhaupt nicht. Jeder soll machen, was er will. Aber
wenn die Frauen ahnen würden, was für eine Tranfunzel du in Wirklichkeit bist ...“
„Tranfunzel?“, fiel Frank ihm ins Wort. „Das finde ich reichlich übertrieben. Ich
habe absolut nichts dagegen, ab und zu mal ins Kino oder Restaurant zu gehen. Von mir
aus sogar in eine Disko.“
Stefan feixte. „Aber höchstens auf eine Ü30-Party, stimmt’s?“
Frank runzelte die Stirn: „Ich bin immerhin Ende zwanzig. Das eine Jahr macht
keinen Unterschied.“
„Ärgere dich nicht“, versuchte Stefan ihn zu besänftigen. „Probier einfach mal den
Trick aus, den ich mir überlegt habe: Wenn eine Frau was von dir will, du aber nicht von
ihr, lädst du sie zu einer kulturellen Veranstaltung ein. Du sollst sehen: Die rennt weg, so
schnell sie ihre Füße tragen.“
„Ich weiß nicht ...“
„Du könntest die Probe aufs Exempel gleich machen“, fiel Stefan ihm ins Wort. „Das
Mädchen da drüben zum Beispiel beobachtet dich schon die ganze Zeit.“
Frank wandte halb den Kopf. Am Nebentisch saß eine junge Frau mit übertrieben
roten Haaren und einer großen Sonnenbrille. Jetzt nahm sie die Sonnenbrille ab und
lächelte ihn mit blitzend weißen Zähnen an.
Frank lächelte automatisch zurück.
„Die finde ich nicht übel“. Stefan lächelte sie ebenfalls an, aber das Mädchen hatte
nur Augen für Frank.
„Du gehst zum Schein auf ihre Anmache ein“, fuhr Stefan fort. „Und dann – wamm!
– kommt der Schock: die Sonderausstellung im Stadtmuseum. Da wolltest du doch heute
Abend hin. Glaub mir: Damit schlägst du so sie sofort in die Flucht.“
„Na hör mal! Es wird sicher auch Frauen geben, die gern Ausstellungen besuchen ...“
„Rede hier nicht lange rum. Tu einfach, was ich dir gesagt habe. Ich geh schon mal
zurück ins Geschäft. Und hinterher erzählst du mir, ob es geklappt hat.“
„Meinetwegen.“ Frank stand auf. „Eher gibst du bestimmt keine Ruhe.“ Langsam
ging er zum Nachbartisch hinüber. Er merkte, wie die Blicke der Rothaarigen ihn maßen,
und er konnte sich denken, wie sie ihn einschätzte: nämlich so, wie die meisten anderen
Frauen, wenn sie ihn zum ersten Mal sahen: als ein bisschen draufgängerisch, amüsant,
sportlich ... „Alles falsch“, dachte Frank und hätte beinahe geseufzt. „Ich bin weder ein
Casanova noch ein Witzbold. Und so athletisch, wie ich aussehe, bin ich nun auch wieder
nicht.“
Inzwischen war er an den Tisch herangekommen. Die junge Frau richtete sich auf
und schaute ihn erwartungsvoll an.
„Hi“, sagte Frank. Nicht gerade originell, aber das schien sie nicht zu stören. „Hi“,
erwiderte sie und strahlte ihn an. „Setz dich!“
„Es ist immer so einfach!“, dachte Frank, als er sich niederließ.
„Bist du oft hier?“, fragte sie.
„Manchmal. In der Mittagspause.“
„Aha. Und wo arbeitest du?“
Schon waren sie mitten im Gespräch. Frank fand die Frau ganz sympathisch, mehr
nicht. Aber deswegen war er ja nicht an ihren Tisch gegangen, sondern um Stefans Test
zu machen. Er schaute auf die Uhr. „Ich muss jetzt los“, sagte er. „Hast du vielleicht Lust,
heute Abend mit mir ins Stadtmuseum zu gehen? Die neue Ausstellung mit lokalen
Künstlern wird eröffnet.“
„Ja klar! Gern!“, rief sie begeistert.
Frank horchte auf. „Interessierst du dich für Kunst?“
Sie zögerte einen Moment. „Nein, nicht besonders“, gab sie dann zu. „Aber es ist ja
nie zu spät, mit etwas Neuem anzufangen. Außerdem kommt es immer auf die Begleitung
an.“ Sie blickte ihm vielsagend in die Augen.
„Experiment auf der ganzen Linie gescheitert“, dachte Frank resigniert, während ihm
die Rothaarige ihre Adresse und Telefonnummer aufschrieb. Stefan mit seinen blöden
Einfällen! Dem würde er was erzählen!
***
„Nur wegen dir!“, motzte er seinen Freund an. „Jetzt kann ich sehen, wie ich da
wieder rauskomme.“
„Ruf sie einfach an und erzähle ihr, dir wäre was dazwischengekommen.“
„Das werde ich tun. Und im Übrigen kann ich nur hoffen, ihr nie wieder im Leben zu
begegnen.“
„Du fährst ja bald in Urlaub“, beruhigte Frank ihn. „Und bis dahin verbringen wir
unsere Mittagspausen sicherheitshalber hier. Falls sie dir im Café auflauern sollte ...“
Frank schnaubte durch die Nase. „Idiot!“, murmelte er, dann lief er zum Empfang,
wo eine Kundin auf ihn wartete.
„Sei unbesorgt“, rief Stefan ihm nach. „Ich überlege mir was anderes für dich.“
„Besser nicht!“
Doch Stefan ließ sich nicht davon abhalten. Kurze Zeit später, als Frank mit der
Kundin an ihm vorbeikam, flüsterte er ihm hastig zu: „Mir ist was Gutes eingefallen.“
Kaum dass Frank sich von der Kundin verabschiedet hatte, tauchte er neben ihm auf.
„Hast du Zeit für eine Tasse Kaffee?“
Frank schaute auf die Uhr. „Okay. Zehn Minuten.“
„Also“, begann Stefan, als sie mit ihren Bechern in einer stillen Ecke saßen, „die
Lösung ist ganz einfach.“
„Was du nicht sagst!“, warf Frank ironisch ein.
„Sei still und hör zu! Wenn du willst, dass die Frauen dich in Ruhe lassen, musst du
so tun, als ob du dich nicht für Frauen interessierst.“
„Genau das mache ich doch die ganze Zeit!“
„Nein, du verstehst nicht, was ich meine. Du musst so tun, als ob du schwul wärst.“
Entgeistert starrte Frank seinen Freund an. „Was ist das nun wieder für eine
hirnrissige Idee! Und selbst wenn ich es wollte, ich wüsste beim besten Willen nicht, wie
ich das anstellen sollte.“
„Das ist ganz einfach! Du beachtest Mädchen nicht und guckst nur Männern
hinterher. Was meinst du, wie schnell die Frauen das spitzkriegen!“
„Du spinnst wohl!“, rief Frank aufgebracht. „Erstens schaue ich mir gern eine
hübsche junge Frau an und zweitens – das würde mir gerade noch fehlen, dass ich in
Zukunft auch noch von Männern angemacht werde!“
„Na gut, wenn du nicht willst – dann muss ich mir eben noch was anderes
ausdenken.“
„Auf keinen Fall!“ Frank stellte seinen Becher mit einer heftigen Bewegung ab und
sprang auf. „Dabei kommt nichts Vernünftiges heraus!“ Er wollte zurück in den
Verkaufsraum laufen.
„Und dein Urlaub?“
Stefans Frage ließ ihn abrupt stehen bleiben.
„Willst du tatsächlich ohne wirksame Strategie in den Süden fliegen? Am Strand
liegen, umlagert von Mädchen? Keine ruhige Minute haben am Pool, beim Essen, beim
Zeichnen?“
„Jetzt übertreibst du aber“, widersprach Frank. „Du tust ja gerade so, als ob Frauen
Motten wären und ich das Licht.“
„Na ja, manchmal kommt es mir tatsächlich fast so vor. Du brauchst nur zu grinsen,
und schon schmelzen sie dahin.“
Frank kam ein paar Schritte zurück. „Ich gebe zu ... Im Urlaub würde ich gern mal
allein sein – es sei denn, ich würde meiner Traumfrau begegnen. Aber damit ist ja wohl
kaum zu rechnen. Solch ein Glück hat nicht jeder.“ Sein neidvoller Blick streifte Stefan.
Dessen Augen fingen plötzlich an zu glänzen. Er richtete sich auf. „Ich hab’s!
Wusstest du, dass es in der Altstadt einen Kostümverleih gibt?“
Fast gegen seinen Willen setzte Frank sich wieder hin. Er würde darauf wetten, dass
Stefans Einfall genauso irrwitzig war wie seine anderen Ideen, dennoch war er neugierig
geworden. „Schieß los.“
„Ich muss mich erst erkundigen, ob sie die Verkleidung haben, die du benötigst.“
„Was für eine Verkleidung? Spann mich nicht auf die Folter!“
Stefan machte ein geheimnisvolles Gesicht. „Du musst dich noch gedulden. Ich
erkläre dir alles heute Abend bei einem Bier.“
***
In der Kneipe war wie immer viel los. In einer Ecke fanden Frank und Stefan noch
einen freien Tisch, wo sie sich mehr oder weniger ungestört unterhalten konnten.
„Was darf es sein?“, fragte die Kellnerin mit einem Lächeln, das nur Frank galt.
Der lächelte verbindlich zurück und bestellte zwei Bier.
Die Kellnerin lehnte sich weit über den Tisch, als sie die Gläser vor Frank und Stefan
hinstellte, und gewährte ihnen so einen tiefen Einblick in ihr ausgeschnittenes Top.
„Prost! Kann ich sonst noch was für Sie tun?“
„Nein, danke.“
Mit wiegenden Hüften ging sie davon.
Stefan schüttelte den Kopf. „Wie die Motten das Licht“, murmelte er.
„Wenn ich nur wüsste, woran das liegt!“, sagte Frank. „Ich tue nichts, um sie zu
ermutigen.“
„Meine Schwester ist ja auch ganz begeistert von dir, wie du weißt, und sie meint, es
liegt an deinem Grinsen. Das ist einmalig, sagt sie.“
„Mit anderen Worten, ich sollte besser immer todernst aus der Wäsche gucken.“
„Ich weiß nicht, ob das viel nützen würde. Sie findet nämlich auch deine braunen
Locken hinreißend. Sie möchte in einem fort mit ihren Fingern durchfahren.“
„Vielleicht sollte ich mir eine Glatze rasieren lassen“, brummte Frank.
„Und du müsstest ständig eine verspiegelte Sonnenbrille tragen“, setzte Stefan hinzu.
Meine Schwester sagt, deine dunklen Augen blitzen unwiderstehlich, wenn du lachst.
Außerdem ...“ Stefan nahm einen Schluck. „Außerdem schwärmt sie von deiner Figur:
breite Schultern, schmale Hüften, knackiger Hintern ... Keine Ahnung, ob sie recht damit
hat, ich habe noch nie so genau hingeguckt.“
„Dann bleibt mir nur noch eins: Ich muss mich verhüllen. Vielleicht sollte ich mich
im Urlaub als Beduine verkleiden.“
„Womit wir beim Thema wären“, griff Stefan den Faden auf. „Ich habe mich
erkundigt, und es geht.“
Die Kellnerin kam wieder an ihren Tisch. „Noch ein Bier, die Herren?“, fragte sie
Frank.
„Ja, bitte“, antwortete Stefan.
Frank schaute vor sich auf den Tisch.
„Und als was sollte ich mich deiner Meinung nach im Urlaub verkleiden?“, fragte er,
als sie weitergegangen war. „Nicht, dass ich das ernsthaft vorhätte! Ich will bloß
erfahren, was für einen Wahnwitz du dir nun wieder ausgedacht hast.“
„Du verkleidest dich als katholischer Geistlicher.“
„Was???“
„Schrei jetzt nicht gleich“, setzte Stefan eilig hinzu. „In dem Kostümverleih, von
dem ich heute Mittag sprach, gibt es nämlich alles, was Mönche, Priester und Nonnen so
brauchen.“
„Ich soll im Urlaub als Nonne herumlaufen???“
„Nein. Ich sagte es doch eben: als Priester.“
Die Kellnerin erschien mit dem Bier. „Will hier jemand Priester werden?“,
erkundigte sie sich neugierig.
„Mein Freund.“ Stefan wies mit dem Kinn auf Frank.
„Oh.“ Der Blick, der Frank traf, verriet Mitleid und zugleich Enttäuschung. Ohne
weiteres Wort drehte sie sich um und ging fort.
„Siehst du?“, rief Stefan triumphierend. „Es funktioniert!“
„Aber wie stellst du dir das vor? Soll ich etwa wie eine Fledermaus im schwarzen
Gewand am Strand liegen und mich totschwitzen? Wie ein Riesenrochen durch den
Hotelpool gleiten? Durch die Landschaft wallen, wenn ich spazieren gehe?“
„So schlimm ist es nicht. Ich habe mich sogar bei Pater Cäsar erkundigt. Du weißt,
das ist der Pastor, der meine Mutter ab und zu besucht. Im Urlaub darf ein Priester
normale Kleidung tragen. Du könntest also herumlaufen wie immer. Nur beim Essen im
Hotel trittst du als Priester auf. Übrigens brauchst du kein Mönchsgewand anzuziehen
und keine Soutane, sondern nur einen schwarzen Anzug und ein Hemd mit diesem
schmalen, weißen Kragen. Du weißt schon. Dieses typische weiße Ding, das man vorne
am Hals sieht.“
„Das kann ich nicht machen!“
„Warum nicht? Du musst nichts weiter tun, als diesen Anzug anzuziehen.“
„Wäre das nicht Hochstapelei oder so was?“
„Wieso? Solange du nicht vorhast, an deinem Urlaubsort eine Messe zu lesen oder
jemandem die Beichte abzunehmen ...“
„Trotzdem. Eine solche Maskerade finde ich ziemlich geschmacklos.“
„Da bin ich anderer Meinung. Du machst dem Priesterstand doch alle Ehre: Du siehst
gut aus, benimmst dich ordentlich ...“
Frank schüttelte energisch den Kopf. „Vergiss es!“
Aber Stefan gab nicht auf. „Morgen besorge ich dir das Kostüm. Es schadet ja nichts,
wenn du es einpackst. Dann kannst du dir immer noch überlegen, ob du es benutzen
willst oder nicht.“
***
Aufseufzend streckte Frank sich in der Sonne aus. Der Sand wärmte seinen nackten
Rücken durch das Badelaken hindurch. Er schloss die Augen und begann, ein bisschen zu
dösen. Die typischen Strandgeräusche – spielende Kinder, Gesprächsfetzen, das leise
Rauschen des Meeres – wichen nach und nach an den Rand seines Bewusstseins.
Leichte Unruhe ganz in seiner Nähe holte ihn zurück ins Hier und Jetzt. Er rollte sich
auf die Seite und blinzelte. Zwei Meter von ihm entfernt hatte eine Frau, die nur ein
knappes Bikinihöschen trug, ihr Strandtuch ausgebreitet. Ihre dunkelbraun gebrannte
Haut stand in krassem Gegensatz zu ihren weißblond gefärbten Haaren. „Oh, habe ich Sie
geweckt?“, fragte sie. „Das tut mir leid.“
„Nicht so schlimm.“
Frank grauste es, als er ihr Bauchnabelpiercing sah. Er legte sich wieder auf den
Rücken, faltete die Hände auf der Brust und blickte in den tiefen, wolkenlosen Himmel
hinein. Das Blau war unglaublich intensiv – wie auf einer Kitschpostkarte.
Die Frau setzte sich und wühlte in ihrer Strandtasche herum. „Könnten Sie mir einen
Gefallen tun und mir den Rücken eincremen?“
Widerwillig richtete Frank sich auf. Aber nein sagen mochte er auch nicht.
„Ich habe nämlich eine sehr empfindliche Haut“, behauptete sie und rollte sich auf
den Bauch. „Nur fünf Minuten Sonne reichen, und ich färbe mich krebsrot.“
Anscheinend hatte sie gut für sich gesorgt, denn sie war gleichmäßig am ganzen
Körper gebräunt. Nur am Rand des Bikinihöschens konnte man einen schmalen, weißen
Streifen erkennen. Frank verteilte Sonnenmilch auf ihrem Rücken. Er musste zugeben, es
fühlte sich gut an, die Lotion einzumassieren, und es sah gut aus, wie sich ihre Hüften in
einer fließenden Linie zu einer schlanken Taille verjüngten und ihr Rücken in einen
runden Po überging.
„Fertig“, sagte er.
„Danke.“ Sie setzte sich auf, zog die Beine an und umschlang sie mit den Armen.
„Du bist noch nicht lange hier“, sagte sie mit Blick auf Franks mehr oder weniger
ungebräunten Körper.
„Stimmt“, antwortete er einsilbig.
„Ich wohne im Hotel del Sol“, fuhr sie fort. „Geiles Hotel, ganz nah am Strand, toller
Pool, morgens und abends Riesenbuffet – kann ich nur empfehlen.
„Aha.“ Franks Stimme verriet wenig Interesse. Unter dem Strandlaken holte er ein
Taschenbuch hervor.
Die Frau ließ sich davon nicht abschrecken. „Und in welchem Hotel wohnst du?“,
wollte sie wissen.
„Auch im del Sol.“
„Super! Dann können wir ja heute zusammen zu Abend essen.“
Zum ersten Mal seit seiner Ankunft dachte Frank an den Priesteranzug in seinem
Koffer. „Ja, vielleicht sehen wir uns dann“, antwortete er ausweichend.
„Um wie viel Uhr gehst du essen?“, bohrte sie weiter.
„Das weiß ich noch nicht. Mal sehen. Wie es sich ergibt.“
„Ich gehe immer schon um sieben“, erzählte sie. „Weil ich ständig einen
Riesenhunger habe. Du wirst dich wundern, was für Mengen ich verdrücke ...“
Sicher erwartete sie ein Kompliment über ihre zugegebenermaßen sehr attraktive
Figur, aber Frank nahm den Ball nicht an. „Ich lese jetzt was“, sagte er, drehte sich auf
den Bauch und öffnete sein Buch.
Anscheinend brachte nichts diese Person zum Schweigen. Sie lachte plötzlich so laut
auf, dass Frank zusammenfuhr. „Ist das nicht komisch?“, rief sie. „Da haben wir uns zum
Abendessen verabredet und wissen noch nicht einmal, wie wir heißen.“ Sie streckte ihre
Hand aus. „Mathilde.“
Notgedrungen schüttelte er sie kurz. „Frank Holländer.“
„Was liest du da?“
„Einen Krimi.“
„Ich lese am liebsten Liebesromane“, erzählte sie. „Dabei kann man so schön
träumen ...“
Frank begriff, dass er mit Mathilde als Strandnachbarin nicht wirklich zum Lesen
kommen würde. Er schob sein Buch wieder unter das Strandlaken und stand auf. Ihm
entging nicht, wie Mathildes Blick über seinen Körper glitt.
„Gehst du ins Wasser?“ Sie machte Anstalten, ebenfalls aufzustehen. „Ich komme
mit.“
Frank hatte tatsächlich ins Wasser gehen wollen. Aber die Lust war ihm vergangen.
Er schnappte sich seine Shorts, stieg hinein und streifte das T-Shirt über. „Ich komme
vielleicht später zurück“, behauptete er.
„Soll ich auf deine Sachen aufpassen?“
„Danke, nicht nötig. Die nehme ich mit.“
Während Frank auf das Hotel zueilte, dachte er wieder an den dunklen Anzug. Auf
einmal erschien ihm der Gedanke, das Ding anzuziehen, gar nicht mehr so abwegig.
Aufatmend öffnete er die Tür zu seinem Hotelzimmer und trat ein. Hierhin konnte
ihm diese aufdringliche Mathilde wenigstens nicht folgen. Andererseits war er nicht in
den Urlaub gefahren, um den ganzen Tag in seinem Zimmer zu hocken. Dazu war das
Wetter viel zu schön. Frank beschloss, sich mit seinem Buch an den Pool zu legen.
Aber wirkliche Ruhe fand er dort leider auch nicht. Die Liegestühle waren belegt, im
Wasser wimmelte es von kreischenden Kindern. Doch er hatte Glück und konnte eine
Liege ergattern.
Kaum hatte er sein Buch aufgeklappt, fielen ein paar Wassertropfen auf seine
nackten Beine. Er ließ den Krimi sinken. Ein weibliches Wesen war neben ihm
aufgetaucht, hatte das Badetuch vom Nachbarliegestuhl ergriffen und war
vornübergebeugt dabei, sich das dunkle Haar trocken zu rubbeln. Dabei schaute sie Frank
an und verzog ihre vollen Lippen zu einem Lächeln. Sie hatte gleichmäßige, große und
sehr weiße Zähne. Überhaupt schien sie recht kräftig, aber auf Grund ihrer Körpergröße
wirkte sie nicht dick.
„Wie nett“, sagte sie. „Ich habe Gesellschaft bekommen.“
Frank brummte etwas Undefinierbares.
Sie ließ sie sich auf ihrem Liegestuhl nieder. „Ich heiße Nora“, begann sie und nahm
ihre Sonnenbrille ab.
„Schlafzimmerblick“, schoss es Frank durch den Kopf. Überhaupt war diese junge
Frau die Sinnlichkeit in Person. Er schien nicht der Einzige zu sein, der das bemerkte,
den vielen Blicken nach zu urteilen, die sie auf sich zog.
„Willst du mir nicht verraten, wie du heißt?“ Ihre Stimme klang dunkel und ein
wenig heiser.
„Frank.“
„Hi, Frank. Ich habe dich noch nie hier gesehen.“
„Ich bin erst gestern angekommen.“
„Das habe ich mir gedacht.“ Ein Blick aus den Schlafzimmeraugen. „Du wärst mir
nämlich bestimmt sofort aufgefallen.“
Frank lächelte schief, dann hob er wieder sein Buch vors Gesicht.
Nora war dabei, sich mit einem dunkelroten Lippenstift die Lippen nachzuziehen.
„Super Hotel, findest du nicht?“, sagte sie, während sie Handspiegel und Lippenstift
wieder in einem Schminktäschchen verstaute.
„Mm.“ Frank las weiter.
„Schöne Zimmer.“
„Mm.“
„Ich wohne auf der dritten Etage. Und du?“
„Weiter oben.“
„Ich habe einen Balkon mit Meerblick“, setzte sie hinzu.
„Warum haust du nicht ab, setzt dich auf deinen verdammten Balkon und lässt mich
in Frieden!“ Das hätte Frank am liebsten gezischt, doch er unterdrückte den Impuls.
„Schön“, sagte er.
„Hast du einen Balkon?“
„Ja.“ Frank konnte es nicht verhindern, dass seine Stimme unwillig klang. Mit einem
Knall klappte er sein Buch zu und stand auf. Der Gedanke an seinen stillen Balkon, von
dem aus er weit übers Meer schauen konnte, erschien ihm auf einmal überaus verlockend.
„Gehst du eine Runde schwimmen?“
Frank warf einen Blick auf den Pool, in dem das Wasser vor lauter Leibern geradezu
zu brodeln schien. „Das dürfte schwierig sein“, erwiderte er trocken. „Mehr als ein oder
zwei Züge wären nicht drin.“
„Dann gehst du weg?“
„Ja.“
„Ich hoffe, ich habe dich nicht vertrieben.“
„Keineswegs“, behauptete er und strebte davon.
„He, Frank!“
Er drehte sich um.
„Sollen wir uns zum Abendessen treffen?“
„Ich weiß noch nicht, wann ich zum Essen gehe.“
„Ich esse immer gleich um sieben“, rief sie ihm nach.
Augenblicklich nahm Frank sich vor, seine Abendmahlzeit heute so spät wie möglich
einzunehmen. „Glück im Unglück, dass sie es mir gesagt hat“, dachte er. „Sie kann sich
mit Mathilde zusammentun. Und wenn ich gegen halb neun runtergehe, werden die
beiden hoffentlich schon verschwunden sein.“
Er ließ sich mit seinem Krimi auf dem Balkon nieder. Die Stille gefiel ihm. Die
Balkonbrüstung blendete den Strand aus und sein Blick schweifte weit übers Meer bis
zum Horizont. Er holte sein Handy und simste an Stefan: „Urlauberinnen sind noch
schlimmer als Kundinnen ...“
Umgehend kam die Antwort: „Pack den Anzug aus.“
***
(...)
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