Textvorlage: Auszug aus der Rede *Ihr seid nichts Besonderes* von

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Maturafrage zum Themenbereich Rhetorik von Balassa/Bertel-Kienpointner
Textausschnitt aus der Rede „Ihr seid nichts Besonderes“ von David
McCullough Jr.
Ihr seid nichts Außergewöhnliches. Auch wenn euch eure Fußballpokale etwas
anderes erzählen wollen. Und ganz egal, wie oft eure Mütter wie ein rettungswütiger
Batman hier eingeflogen sind - ihr seid nichts Besonderes. Oh ja, ihr seid gepampert
worden, verhätschelt, umschwärmt, behütet und eingewickelt in Noppenschutzfolie.
Erwachsene, die eigentlich anderes zu tun hatten, haben euch gehalten, geküsst,
gefüttert, euch den Mund abgewischt, den Hintern geputzt, euch angeleitet,
unterrichtet, Nachhilfe gegeben, beraten, zugehört, Mut gemacht. Ihr seid angestupst,
überredet und angefleht worden. Ihr seid gefeiert und hofiert worden. Jetzt habt ihr
die Highschool abgeschlossen, und alle haben wir uns nur wegen euch versammelt:
Stolz und Freude unserer edlen Gemeinschaft, die ihr nun verlässt.
Aber bitte kommt nicht auf die Idee, dass ihr etwas Besonderes seid.
Das seid ihr nicht.
Hier stehen etwa 2000 Absolventen. Im ganzen Land dürften es nicht weniger als 3,2
Millionen sein von mehr als 37.000 Highschools. Das macht 37.000 Abschiedsredner,
37.000 Klassensprecher, 92.000 Chorstimmen, 340.000 Sportskanonen und 2.185.967
Paar Uggs-Stiefel. Selbst wenn einer von euch unter einer Million hervorstechen
würde, dann wären auf unserem Planeten mit seinen 6,8 Milliarden Menschen immer
noch fast 7000 Menschen wie er.
Wenn jeder etwas Besonderes ist, dann ist es niemand mehr. Wenn jeder eine
Auszeichnung bekommt, dann gelten Auszeichnungen nichts mehr. Leider neigen wir
Amerikaner mittlerweile dazu, die Auszeichnungen mehr zu lieben als die Leistung.
Tut, was ihr vorhabt, nur aus dem einzigen Grund: dass ihr es gern macht und es für
wichtig haltet. Macht es euch nicht in der Gleichgültigkeit gemütlich. Schlagt euch
nicht mit Arbeiten herum, an die ihr nicht mehr glauben könnt.
Widersteht den Versuchungen der Gleichgültigkeit, dem trügerischen Glitzern des
Materialismus. Zeigt euch eurer Talente würdig. Und lest, lest die ganze Zeit, lest aus
Prinzip, aus Respekt vor euch selber. Lest, als wäre Lektüre ein menschliches
Grundnahrungsmittel. Entwickelt und schützt euer Gespür für moralische Fragen und
habt genügend Charakterstärke, moralische Grundsätze auch umzusetzen.
Träumt groß. Arbeitet hart.
Träumt groß. Arbeitet hart. Denkt selbstständig. Liebt, was ihr liebt und wen ihr liebt,
mit all eurer Kraft. Und geht dabei bitte mit einem gewissen Sinn für Dringlichkeit
vor, denn die Uhr tickt, und es gibt nicht nur Abschlüsse, sondern auch Abschiede nicht jedes Kapitel eures Lebens wird so freudig zu Ende gehen wie dies an diesem
Nachmittag.
Das erfüllte Leben, das besondere Leben, das wirkliche Leben ist eine Leistung, und
nicht etwas, das einem in den Schoß fällt, weil man ein netter Mensch ist oder weil
Mama es beim Cateringservice bestellt hat.
Die Gründungsväter unserer Nation haben gelitten, um das Recht auf Leben, Freiheit
und Glücksstreben zu erstreiten. Ein Recht, das euch unabweisbar zusteht, und das, so
meine ich, einem nur wenig Zeit lässt, herumzuhängen und auf Youtube Papageien
beim Rollschuhfahren zuzuschauen.
Erklimmt die Berge nicht, um dort eine Flagge zu hissen, sondern wegen der
Herausforderung. Erklimmt die Berge, damit ihr die Welt sehen könnt, nicht damit die
Welt euch sieht. Übt euch in freiem Willen und kreativem, unabhängigem Denken,
und dies nicht aus Eigennutz, sondern weil ihr anderen Gutes tun könnt. Dann werdet
ihr sie entdecken, diese großartige Wahrheit menschlicher Existenz: dass
Selbstlosigkeit das Beste ist, was man für sich tun kann. Die schönsten Freuden des
Lebens kommen nämlich erst mit der Einsicht, dass man nichts Besonderes ist. Weil
es jeder ist.
Herzlichen Glückwunsch. Viel Glück. Macht aus eurem Leben, zu eurem Wohl und
zu unserem, bitte etwas Außerordentliches.
Aus: Kleine Zeitung, 6. 6. 2012
David McCullough Jr. ist der Sohn des Pulitzer-Preisträgers David McCullough, der
als Autor historischer Werke bekannt ist. McCullough Junior ist Englischlehrer an der
noblen Highschool in Wellesley, einem Vorort von Boston (US-Bundesstaat
Massachusetts). Mit seiner Rede, millionenfach auf Youtube angeschaut, ist er auf
dem besten Weg, den Vater an Berühmtheit zu übertreffen.
David McCullough Jr. Ihr seid nichts Besonderes
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Fassen Sie die wesentlichen Aussagen der berühmten Schulabschlussrede „Ihr
seid nichts Besonderes“ von David McCullough Jr. an der Highschool in
Wellesley (Boston) zusammen!
Untersuchen Sie Redesituation und Absicht des Redners!
Analysieren Sie Aufbau, Strategien sowie stilistisch-rhetorische Mittel dieser
Rede!
Zeigen Sie auf, welche Botschaften David McCullough Jr. den jungen
Menschen ins Leben mitgeben möchte, und nehmen Sie aus Ihrer persönlichen
Sicht dazu Stellung!
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