1.2. Immanuel Kant und die Vernunft

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TK1: Aufklärung; itm7; SJ 2015/16
1.2. Immanuel Kant und die Vernunft
Wer ist Immanuel Kant?
Einer der zentralen programmatischen Aufsätze zur Aufklärung stammt vom Philosophen Immanuel Kant. Und auch wenn dieser
Text vielleicht nicht ganz einfach zu lesen ist: inhaltlich bestimmt und beschreibt er wie kaum ein anderer das Menschenbild und
das Gesellschaftsverständnis der Aufklärung.
Doch wer ist Immanuel Kant?
Das äußere Leben Kants ist schnell beschrieben: Er ist - o Wunder - nicht der Sohn eines evangelischen Pfarrers, sondern eines
Handwerkers und wird 1724 in Königsberg - das man im heutigen Deutschland vergebens suchen wird, denn es liegt in Russland
und heißt Kaliningrad - geboren. Kant wächst in Königsberg auf. Er studiert in Königsberg. Er lehrt in Königsberg auf der Uni
Philosophie. Er wird in Königsberg alt. Er stirbt 1804 in Königsberg. Und er wird in Königsberg begraben.
Böse Zungen behaupten, Kant habe Königsberg nur einmal für einen Ausflug in die Umgebung verlassen. Das habe ihn dermaßen
aus dem Konzept gebracht, dass er beschlossen habe, seine täglichen Spaziergänge unwiderruflich auf die Stadt zu beschränken.
Angeblich ist Kant jeden Tag - geweckt von seinem Diener, der auch noch ausgerechnet Lampe heißt - um pünktlich um 5.00 Uhr
aufgestanden und haben den Tag jahrein und jahraus genau gleich abwechselnd mit Essen, Lesen, Schreiben, mit Freunden
Diskutieren, Spazierengehen und Schlafen verbracht. Ansonsten erfährt man über sein Privatleben nichts. Auch von einer Frau
oder einer Familie ist in den Biographien nirgends eine Spur zu finden. Ein etwas komischer Kauz scheint er schon gewesen zu
sein, der Herr Oberstudienrat Kant. Vielleicht hat er das Bild des etwas "verschrobenen Professors" sogar stärker geprägt als 150
Jahre später ein gewisser Herr Einstein.
Heinrich Heine, der Kant übrigens nicht besonders mag, nicht zuletzt, weil er ihm im Leben und im Denken zu verschraubt und zu
verkopft und wohl auch etwas zu vernünftig erscheint, spottet über Kant: Die Lebensgeschichte des Immanuel Kant ist schwer zu
beschreiben. Denn er hatte weder Leben noch Geschichte. Er lebte ein mechanisch-geordentes, fast abstraktes Hagestolzleben in
einem stillen abgelegenen Gässchen zu Königsberg ... Sonderbarer Kontrast zwischen dem äußeren Leben eines Mannes und
seinen zerstörenden, weltzermalmenden Gedanken.
Die Karikatur zeigt den bereits über 80jährigen Kant beim Senfmixen und stammt von einem gewissen Friedrich Hagemann.
ein paar wichtige Ideen ...
Kant gilt als der zentrale Philosoph der deutschen Aufklärung, für manche (vor allem Deutsche) ist er überhaupt der wichtigste
deutsche Philosoph, für einige sogar der wichtigste Philosoph aller Zeiten. (Wir müssen uns diesbezüglich ja zum Glück kein Urteil
bilden)
Fakt ist, dass Kant ein paar ganz wichtige philosophische Fragen durchdacht hat und dabei zu fundamental neuen und radikalen
Antworten gekommen ist, zumindest was seine eigene Zeit anbelangt.
Ein berühmter Satz von Kant lautet "Das Ding an sich ist nicht erkennbar". Damit ist in etwas Folgendes gemeint: Kant glaubt, dass
die Menschen in ihrem Bemühen, sich selbst und die Welt, in der sie leben, zu erkennen, auf eine ganz prinzipielle und
unüberwindbare Grenze stoßen. Wir können die Wirklichkeit aus ganz prinzipiellen Gründen nicht erkennen, zumindest nicht in
einem absoluten Sinn. Denn wir sind immer an die "unsere angeborenen Anschauungsformen" Raum, Zeit und Kausalität
gebunden. In heutiger Sprache würde das wohl heißen, dass unser Gehirn (und unsere Sinnesorgane) uns zwingen, die Welt auf
eine ganz bestimmte Art und Weise zu verstehen. Ob die Welt auch tatsächlich so (also räumlich, zeitlich, kausal) funktioniert,
werden wir nie herausfinden können.
Wichtig ist auch, dass Kant mit seinem Kategorischen Imperativ die Ethik auf eine vernünftige Grundlage stellt. Das heißt, er
glaubt, dass wir ethisch nur das akzeptieren müssen, was mithilfe der Vernunft begreifbar und argumentierbar ist. Wir müssen
nichts Unvernünftiges glauben und befolgen, nur weil eine Autorität (egal ob Priester oder Herrscher oder sonstwer) uns das
abverlangt. Das moralische Gesetz ist nicht in irgendeiner "Autorität", es ist nicht "in Gott", es ist "in uns selbst".
Kant ist ein religiöser Mensch und er begegnet der Religion auch mit Respekt. Aber er macht klar, dass man religiöse
Überzeugungen nicht beweisen könne und auch gar nicht beweisen müsse. Sie liegen jenseits des Vernünftigen und des
vernünftig Argumentierbaren auf der Seite des Glaubens. Und es ist jedem Menschen selbst überlassen, was er glauben möchte
und was nicht. Allerdings glaubt Kant, es sei ein Gebot der praktischen Vernunft, an Gott zu glauben, obwohl die theoretische
Vernunft nicht in der Lage ist, über Gott etwas herauszufinden, nicht einmal ob er existiert.
Und wem das jetzt alles ein bisschen zu kompliziert klingt: In der 8. Klasse wartet das wunderbare Fach Philosophie auf uns.
Auch mit Fragen nach der Gerechtigkeit, nach dem guten Staat, nach der richtigen Erziehung von Kindern und mit vielen anderen
Fragen setzt Kant sich auseinander.
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TK1: Aufklärung; itm7; SJ 2015/16
Immanuel Kant: Was ist Aufklärung? (1784)
Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu
bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am
Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne
Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen
Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.
Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem
sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen, dennoch gerne zeitlebens
unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern
aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich
Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät
beurteilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu
denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für
mich übernehmen. Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze
schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem dass er beschwerlich ist, auch
für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie
gütigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben
und sorgfältig verhüteten, dass diese ruhigen Geschöpfe ja keinen Schritt außer dem
Gängelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften, so zeigen sie ihnen nachher die
Gefahr, die ihnen droht, wenn sie es versuchen allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar
eben so groß nicht, denn sie würden durch einigemal Fallen wohl endlich gehen lernen;
allein ein Beispiel von der Art macht doch schüchtern und schreckt gemeinhin von allen
ferneren Versuchen ab.
...
Zu dieser Aufklärung aber wird nichts erfordert als Freiheit; und zwar die unschädlichste
unter allem, was nur Freiheit heißen mag, nämlich die: von seiner Vernunft in allen Stücken
öffentlichen Gebrauch zu machen. Nun höre ich aber von allen Seiten rufen: räsonniert
[nachdenken, ME] nicht! Der Offizier sagt: räsonniert nicht, sondern exerziert! Der
Finanzrat: räsonniert nicht, sondern bezahlt! Der Geistliche: räsonniert nicht, sondern
glaubt! (Nur ein einziger Herr in der Welt sagt: räsonniert, so viel ihr wollt, und worüber ihr
wollt; aber gehorcht!) Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung
aber ist der Aufklärung hinderlich, welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? - Ich
antworte: der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muss jederzeit frei sein, und der allein
kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen.
Ein Fürst, der es seiner nicht unwürdig findet, zu sagen: dass er es für Pflicht halte, in
Religionsdingen den Menschen nichts vorzuschreiben, sondern ihnen darin volle Freiheit zu
lassen, der also selbst den hochmütigen [hier: ehrenhaft, ME] Namen der Toleranz von sich
ablehnt, ist selbst aufgeklärt und verdient von der dankbaren Welt und Nachwelt als
derjenige gepriesen zu werden, der zuerst das menschliche Geschlecht der Unmündigkeit
wenigstens von Seiten der Regierung entschlug und Jedem frei ließ, sich in allem, was
Gewissensangelegenheit ist, seiner eigenen Vernunft zu bedienen. Unter ihm dürfen
verehrungswürdige Geistliche unbeschadet ihrer Amtspflicht ihre vom angenommenen
Symbol hier oder da abweichenden Urteile und Einsichten in der Qualität der Gelehrten frei
und öffentlich der Welt zur Prüfung darlegen; noch mehr aber jeder andere, der durch keine
Amtspflicht eingeschränkt ist. Dieser Geist der Freiheit breitet sich außerhalb aus, selbst da,
wo er mit äußeren Hindernissen einer sich selbst missverstehenden Regierung zu ringen
hat. Denn es leuchtet dieser doch ein Beispiel vor, dass bei Freiheit für die öffentliche Ruhe
und Einigkeit des gemeinen Wesens nicht das Mindeste zu besorgen sei. Die Menschen
arbeiten sich von selbst nach und nach aus der Rohheit heraus, wenn man nur nicht
absichtlich künstelt, um sie darin zu erhalten.
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TK1: Aufklärung; itm7; SJ 2015/16
Arbeitsaufgaben zu Kant: „Was ist Aufklärung?“
A1: Was behauptet Kant? Markiere die falschen Stellen / Aussagen und versuche sie zu korrigieren
R/F
1.
Aufklärung bedeutet, dass die Menschen ihren eigenen Verstand gebrauchen und nicht mehr
weltlichen und kirchlichen Autoritäten bedingungslos glauben.
2.
Die meisten Menschen sehnen sich danach, endlich selber denken zu können.
3.
Es ist viel bequemer unmündig zu sein und andere für sich denken und entscheiden zu lassen.
4.
Viele Menschen glauben, dass selber zu denken gefährlich sei. Aber das haben ihnen nur die
Autoritäten eingeredet, weil sie so ihre Macht sichern.
5.
Selber zu denken ist etwas Gefährliches. Die Menschen könnten auf dumme Ideen kommen und an
den Autoritäten zweifeln. Deshalb darf man ihnen nicht zuviel Freiheit geben.
6.
In der Öffentlichkeit sollen nur Gebildete ihre Meinung frei äußern können. Denn das, was
ungebildete Menschen sagen, stiftet nur Verwirrung.
7.
Aufklärung heißt vor allem Freiheit, in der Öffentlichkeit seine eigenen Gedanken zu äußern, also
Meinungsfreiheit.
8.
Ein aufgeklärter Fürst mischt sich nicht in Glaubensfragen seiner Untertanen1 ein. Jeder Mensch
hat das Recht, selbst das zu glauben, was er für richtig hält. Alle Religionen und
Glaubensüberzeugungen müssen respektiert werden.
Der aufgeklärte Fürst schafft die Religion ab, denn sie hindert die Menschen am Denken.
9.
J/N
Beleg
10. Der freie und aufgeklärte Mensch wird ein toleranterer und besserer Mensch sein als der unfreie
und in Abhängigkeit gehaltene.
11. Der freie und aufgeklärte Mensch wird ein kalter und egoistischer Mensch sein, der keinen Respekt
vor Gott und seiner Schöpfung mehr hat.
A2: Suche im Text nach Textpassagen, die dir – aus heutiger Sicht! - richtig erscheinen und markiere sie. Suche nach
Textpassagen, wo du Kant widersprechen würdest, und markiere sie mit einer anderen Farbe.
A3: Suche eine Aussage Kants, die dir aus heutiger Sicht noch interessant und diskussionswürdig erscheint und überlege,
a)
b)
c)
ob Kant Recht hat; inwiefern bzw. inwiefern nicht
welche Konsequenzen sich aus der Kantschen Idee ergeben
ob die Kantsche Idee heute Realität geworden ist.
Textaufgaben (Hausübung)
A4: Stell dir vor, Kant würde heute einen Kommentar in einer Zeitung zum Thema Aufklärung / Mündigkeit schreiben. Er verwendet
die heutige Sprache. Er verwendet heutige Beispiele. Das Ziel ist dasselbe, nämlich (vor allem junge) Menschen ….
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zum selbständigen und kritischen Denken aufzufordern.
zum kritischen Hinterfragen von Autoritäten aufzufordern und ihnen zu sagen, sie sollen nicht unkritisch glauben
zu einem freien und selbstverantwortlichen Leben zu ermutigen
Sammle Ideen für diesen Kommentar. Mach ein Konzept / einen Plan (Überschrift = Schlagzeile; Header = Nachrichtenkopf;
Einleitungsteil mit Anliegen, Adressatenbenennung und Generalthese; Hauptteil mit argumentativer Darlegung der Generalthese
durch passende Argumente; appellativer Schluss)
Alternativ kannst du auch eine Meinungsrede zum selben Thema verfassen. Adressaten sollen junge Menschen auf dem Weg ins
Erwachsen-Leben sein. Die Botschaft soll sein: „Habe Mut, selbst zu denken und deinen eigenen Weg zu gehen.“ // Lass dich nicht
von Demagogen verführen. // Lass nicht andere über dein Leben entscheiden.
A5: Reagiere mit einem Leserbrief auf Kants Essay. Diskutiere die Frage, was aus Kants Ideal einer aufgeklärten Gesellschaft
geworden ist. Gehe von einer der folgenden General-Thesen aus: „Wir leben heute in einer aufgeklärten Gesellschaft im Sinne
Kants“  „Wir leben heute nicht in einer aufgeklärten Gesellschaft im Sinne Kants“. Lege deine Position argumentativ dar. Ende
mit einem Appell an die jungen Menschen von heute oder an politisch Verantwortliche von heute oder an ErzieherInnen von heute.
1 Untertan ist eigentlich noch der alte Begriff, der von einem absoluten Herrscher ausgeht. Der neue wäre: Bürger
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