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SWRinfo
Islam in Deutschland
8. Januar 2016
Hakan Turan
Was man heute noch von Biruni lernen kann
Vor ziemlich genau einem Jahrtausend lebte der persische
Universalgelehrte Abu Rahyan Biruni. Er war in zahlreichen Disziplinen
bewandert und produktiv - sei es Astronomie oder Medizin, die
Geschichte der Religionen oder der Völker, Philosophie oder Chemie.
Heute nach 1000 Jahren erscheinen mir seine Haltungen zu Welt,
Gesellschaft und Religion noch immer aktuell, und wir können von ihm
viel Inspiration schöpfen.
Besonders beeindruckend finde ich seine Position zur Vereinbarkeit von
Religion und weltlicher Wissenschaft. So zitiert der gläubige Muslim
Biruni gegen einige wissenschaftsfeindliche Religionsgelehrte seiner Zeit
den Vers 191 der Koransure 3. Darin werden die Muslime beschrieben
als jene, die über die Erschaffung des gesamten Universums
nachdenken. Biruni deutet dies als Hinweis, dass sich Muslime mit allen
Wissenschaften – nicht nur den religiösen – auseinandersetzen sollen,
da sie das Leben des Menschen bereichern. Er plädiert auch dafür,
Meinungen stets nur nach der Qualität der Argumentation und nicht nach
der religiösen Identität ihrer Urheber zu beurteilen. Er begründet dies mit
Sure 39, Vers 18, wo es von den Muslimen heißt, dass sie „auf das Wort
hören und dann dem Besten davon folgen.“
Die großen Philosophen seiner Zeit sind ihm oft zu dogmatisch.
Beispielsweise wenn Avicenna von Aristoteles die Ansicht übernimmt,
dass es im Kosmos nur unsere eine Erde geben könne. Biruni
argumentiert dagegen – und zwar theologisch. Er sagt, dass eine solche
Behauptung die Allmacht des Schöpfers einschränken würde. Heute
würde er mit seiner Idee von der Möglichkeit vieler Welten Recht
bekommen.
Biruni blieb auch in Zeiten der politischen Krise offen und human
gegenüber dem Fremden. Als Mahmud von Ghazna Indien eroberte,
kritisierte Biruni zwar dessen hartes Vorgehen, nutzte aber die
Gelegenheit, die Kultur und Religion der Hindus zu studieren. So lernte
er Sanskrit und befand sich fortan als Muslim in einem intensiven und
respektvollen Austausch mit den brahmanischen Gelehrten. Er
übersetzte naturwissenschaftliche Werke aus dem Arabischen ins
Sanskrit und verfasste zugleich eine heute noch relevante Darstellung
der Kultur des damaligen Indiens.
Biruni zog seinen muslimischen Glauben dem der Brahmanen vor.
Dennoch zollte er ihnen große Achtung. Er versuchte Ursprung und Sinn
der indischen Lehren und Riten verständlich zu machen und zeigte
unbefangen auf, worin die hinduistischen Brahmanen den Muslimen ihrer
Zeit überlegen waren. Birunis Festigkeit in seiner eigenen Religion, seine
Humanität und universale Bildung gaben ihm offensichtlich die nötige
Stärke um dem Fremden in Respekt, Fairness und Neugier
entgegenzutreten und diesem sogar Positives abzugewinnen – all dies
sind Haltungen, von denen wir heute mehr denn je lernen können.
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