Einführung in die Germanistische Linguistik13 – Spracherwerb

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Einführung in die Germanistische Linguistik
Prof. Dr. Wolfgang Wildgen
Einführung in die
Germanistische Linguistik
13. Sitzung
Der Erwerb der Muttersprache
Einführung in die Germanistische Linguistik, 13
Prof. Dr. Wolfgang Wildgen
Die Hauptstadien und -komponenten
• Mit der Ontogenese der Sprachfähigkeit ist jene Entwicklungsphase
gemeint, in der die körperlichen Voraussetzungen einer Lautsprache
geschaffen und diese Fähigkeit, sprachliche Laute zu produzieren,
entwickelt wird. Sie umfasst den Zeitraum zwischen ersten
feststellbaren inter-uterinen Lautäußerungen und Gehörleistungen,
über den Geburtsschrei, die Entwicklung der Schreimuster und die
Reifung der auditiven Wahrnehmung (in den beiden ersten Monaten)
bis zur Lallperiode und der experimentellen Lautphase. Mit dem
Beginn der Anpassung der Laut- und Wortmuster an die Sprache der
Umgebung endet diese Phase, die Sprachfähigkeit ist voll entwickelt
und mit ihr die Fähigkeit zum Sprachlernen, wozu auch die
emotionalen, visuell-motorischen und sozialen Fähigkeiten gehören,
die für das Sprachlernen und den Sprachgebrauch konstitutiv sind.
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Die endogene Entwicklung der
Sprachfähigkeit
Die Hauptaspekte sind:
• die Entwicklung des Mundraumes und seiner Motorik,
• die Atmung, insbesondere der Übergang von der Bauch- zur
Brustatmung,
• das Gehör, das bereits im Mutterleib entwickelt ist und sich in den
ersten beiden Lebensmonaten des Säuglings rasch entfaltet,
• das Gehirn, das sowohl für die Koordination dieser Teilfähigkeiten
wie auch für die Entstehung einer Beziehung zur Wahrnehmung
und Motorik und für das Gedächtnis zentral ist. Eine auffällige
Rolle beim Spracherwerb spielt dabei die Lateralisation des
Gehirns (vgl. Kap 1). Wir wollen die Entwicklung chronologisch
verfolgen:
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Inter-uterine Lautartikulation und Gehör
• Im Uterus sind bereits orale Funktionen beim Kind
entwickelt, es trinkt, lutscht am Daumen und schreit beim
Verlust des Daumens. Diese drei Funktionstypen bilden
allerdings noch eine funktionale Einheit und verstärken
sich gegenseitig.
• „Trinken, Lutschen, Schreien sind orale Funktionen mit
analogem Funktionswert. Ihr gegenseitiger Austausch oder
Ersatz dient der Konstanterhaltung der Funktionen".
• Das Kind ist in der Lage, Herztöne und Darmgeräusche
der Mutter wahrzunehmen.
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Die Geburt
• Die Geburt bedeutet einen radikalen Wechsel sowohl
grundlegender körperlicher Funktionen als auch in der
Außenwelt. (Umstellung der Atmung, der Nahrungsaufnahme,
Luftmilieu statt Flüssigkeitsmilieu.) Der Geburtsschrei aktiviert
gleichzeitig die Lungenatmung und löst die erste Wahrnehmung der eigenen Lautproduktion (im Luftmilieu) aus.
• Im Schrei ist auch der Appell an die Mutter (instinktiv) enthalten und es beginnt mit dem Schrei und der Reaktion der
Pflegeperson (der Mutter) auf den Schrei die soziale
Interaktion. Damit sind Selbstwahrnehmung und sozialer
Wirkungszusammenhang bereits in dieser Startsituation
gegeben. Sie werden im Folgenden funktional und
differenziert in der Art und Weise ihrer Realisierung entfaltet.
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Die nachgeburtliche Entwicklung bis zur Lallphase
Die Schallwahrnehmung entwickelt sich sehr schnell. Bereits nach
sechs Stunden reagiert der Säugling auf Schall. In der zweiten und
dritten Woche reagiert es auf Sprache als spezielles Geräusch, diese
Differenzierung ist bereits in der dritten Woche deutlich ausgeprägt;
der Säugling reagiert auf die Wahrnehmung menschlicher Sprache
durch verstärktes Saugen. Dies zeigt, dass die Sprachwahrnehmung
subjektiv an die instinktive Bewegung der Nahrungsaufnahme
gekoppelt ist. In der weiteren Entwicklung differenziert sich das
Schreien des Kindes in:
• das Hintergrundschreien (etwa wenn der Säugling vier Stunden keine
Nahrung erhalten hat),
• der Schmerzensschreien,
• das Plappern, als Austausch des Wohlgefühls (etwa ab dem dritten
Monat.
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• Die differenzierten Schreie des Säuglings und seine individuelle
Eigenart können von den Müttern identifiziert werden, außerdem
geben sie dem Arzt Auskünfte über die Entwicklung und evtl. Störung
des Kindes. Die Bezugspersonen reagieren allerdings nicht alle gleich
gut, d.h. es gibt Unterschiede der Aufnahmefähigkeit und einen
Lernprozess bei den Bezugspersonen. In Wasz-Hokert, (1981) wurde
anhand von Hauttemperatur-Messungen eine sog. „Risikogruppe" von
Müttern definiert, die auf die Provokation von Hunger- und Schmerzgeschrei geringer reagierte als eine Gruppe normaler Mütter (erhoben
anhand von 600 Erstgebärenden). Eine nicht genügende Reaktion der
Bezugsperson kann zu Störungen des Entwicklungsverlaufs beim
Säugling führen. Eine Mutter kann unter neun Neugeborenen ihr
eigenes am Schreien identifizieren, außerdem zeigten Untersuchungen in Sheffield an Müttern, die zu fünft mit ihren Säuglingen in
einem Raum schliefen, dass meist nur die Mutter des schreienden
Kindes aufwachte. Das Schreien des Kindes ist also sowohl als Appell
als auch als Identifikationssignal eine sehr effektive Kommunikation.
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Eine weitere Funktion gerade (und nur) der vorsprachlichen und
frühen Sprachentwicklung liegt in ihrer Aggressionshemmung
(vgl. Eibl-Eibesfeld, 1981: 519). Hauptstadien dieser
kommunikativen Funktion beim Säugling sind:
• Der Säugling lässt sich durch Streicheln oder Stillen beruhigen
(Neugeborenes).
• Beim Erblicken eines Gesichts hält er kurz inne (1. Monat).
• Beim Ansprechen der Mutter reagiert das Kind durch Fixieren
des Blicks und durch ein flüchtiges Lächeln (Ende des 2.
Monats).
• Das Kind folgt einer sich bewegende Person mit den Augen,
Einsetzen des sog. „sozialen Lächelns" (Ende des 3. Monats).
• Lautes Lachen, wenn das Kind von Erwachsenen geneckt wird
(Ende des 4. Monats).
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• Die Entwicklung des Sprachverstehens und der Sprachproduktion (inklusive Schreien und Laute) ist parallel zur
Entwicklung anderer Verhaltensformen und kann mit diesen
korreliert werden. Für die Diagnose von Entwicklungsstörungen
sind einige Asynchronien aufschlussreich. Hellbrüge und seine
Mitarbeiter haben eine statistische Normalitätstabelle entwickelt, nach der für jedes einzelne Verhalten das Standardalter bestimmt werden kann. Asynchronien der jeweiligen
Altersstufen sind aussagekräftig für Retardierungen und deren
Ursachen. Ich gehe kurz auf das Schema der „Münchener
funktionalen Entwicklungsdiagnostik" ein. Sie unterscheidet
(neben den realen Alter in Jahren) die folgenden Stufen:
• Krabbelalter — Perzeptionsalter — Sitzalter — Sprachalter
• Laufalter — Sprachverständnisalter
• Greifalter — Sozialalter
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Die zur Sprache führende kognitive und
soziale Entwicklung des Kindes
Es gibt zwei extreme Positionen, welche im Forschungsprozess der
Psycholinguistik disqualifiziert wurden und deshalb außerhalb
unserer Betrachtung bleiben:
• Der extreme Nativismus. Die Grammatik (als Universalgrammatik) ist
dem Kinde angeboren und tritt nach Ablauf der körperlichen
(normalen) Reifung schlagartig in Erscheinung. Lernprozesse sind
lediglich Filter, welche nicht zur Umgebungssprache passende
Regeln eliminieren (in einer Art Falsifikationsprozess à la Popper).
• Der extreme Behaviorismus. In Reiz-Reaktions-Situationen „lernen"
Kinder akzeptables Sprachverhalten. Es gibt kein (wissenschaftlich
zugängliches) allgemeines System, d.h. die „black box“ der Kognition
und der Sprachverarbeitung ist uneinsehbar.
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Der Ansatz von Piaget (Genfer Schule)
Piaget hat eine dynamische Sicht auf den Spracherwerb, den er als
Fließgleichgewicht (Äquilibration) von zwei, teilweise konträren
Prozessen ansieht:
• Die Assimilation. Alles Wahrgenommene, Gelernte wird in bereits
vorhandene Schemata oder Operationen integriert. Dabei wird in
erster Linie der Input modifiziert (interpretiert).
• Die Akkomodation. Das System der Schemata und Operationen wird
verändert, wodurch eine bessere Auswertung von Wahrnehmungen
und Lernchancen erreicht wird.
• Das Gleichgewicht (Äquilibration) definiert Entwicklungsstufen, die
allerdings individuell sehr variabel realisiert werden (in verschiedenen
Zeitstufungen). Diese Grundvorstellung ist vielfach kritisiert und
modifiziert worden, bleibt aber als dynamischer Ansatz relevant.
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Die sensomotorische Stufe
•
•
•
Sie dauert bis 1 ½ oder 2 Jahre und enthält eine erste Periode der
Zentrierung auf den eigenen Körper (sieben bis neun Monate) gefolgt von
einer Periode, in der die praktische Intelligenz an den Raum angepasst
wird.
Nach Piaget erwirbt das Kind mit ca. 2 Jahren den Plan des konstanten
Objektes. Eine ganze Reihe von im Anschluss an Piaget durchgeführten
Experimenten zeigt, dass die Objektkonstanz stark von den Objekten und
den Kontexten ihres Auftretens bzw. Verschwindens abhängt. So sucht das
Kind bei Verdunkelung bereit mit 5 bis 7 Monaten nach dem
„verschwundenen Objekt“; ein Verschwinden hinter der Wand wird eher als
Weiterexistenz interpretiert als ein Zudecken (Verschwinden in).
Selbst Erwachsene glauben manchmal, der im Wasser aufgelöste Zucker
habe aufgehört zu existieren. Zusammengefasst heißt dies, es wird nicht
so sehr eine formale Konstanzeigenschaft als vielmehr eine inhalts- und
kontextbezogene Eigenschaft gelernt, die zudem von der Entwicklung des
Gedächtnisses abhängig ist und deren Nachweis außerdem die Fähigkeit
zur zielorientierten Bewegung voraussetzt.
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Die präoperationale Phase
In dieser Phase wird die sogenannte "Vorstellungsintelligenz" weiter
entwickelt. Im Alter von etwa zweieinhalb Jahren bilden sich
sensomotorische Prozesse zu inneren Bildern und zur Sprache
weiter; dabei sind Spiel und Traum wichtige Stadien des Übergangs.
In ihnen wird die Imitation kreativ gestaltet und zur Repräsentation
weiterentwickelt. Piaget sagt in seinem Buch "Nachahmung, Spiel
und Traum" (Piaget, 1969: 273):
"In den großen Linien kann man also sagen, dass sich mit der geistigen
Entwicklung die nachahmende Akkommodation und die spielerische
Assimilation immer enger koordinieren, nachdem sie einmal
differenziert worden sind [...] ; im Symbolspiel liefern die zuvor
nachahmenden Vorstellungsbilder die "Zeichen" und die spielerische
Assimilation die Bedeutungen; im angepassten Denken integriert,
beziehen sich Vorstellungsbild und Assimilation schließlich auf die
gleichen Gegenstände."
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Egozentrismus
• Ein konstitutives Merkmal dieser Phase, der Egozentrismus des
Kindes, war einer breiten Kritik ausgesetzt. Als vorläufiges
Resultat dieser Kritik kann man nur noch von einer Zunahme
der inhaltlichen Dezentralisierung sprechen. Zeil-Fahlbusch
(1983: 34) beschreibt diese Konzeption wie folgt:
• „Von einer Stufe der Zentrierung auf ein Ich, das sich selbst
nicht erkennt, weil Subjektives und Objektives nicht geschieden
sind, führt die allmähliche Dezentrierung des Subjektes zur
doppelten Bewegung der ‘Exteriorisation‘, die auf die
physikalische Objektivität bzw. soziale Reziprozität hinzielt, und
der ‘Interiorisierung‘, die auf die logisch-mathematische
Kohärenz bzw. moralische Autonomie hinzielt.“
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Die konkret-operationale Stufe
• Auf dieser Stufe, welche eine Reihe klassenlogischer
Strukturen (Klassifikation, multiple Klassifikation, Inklusion,
Transitivität) und geometrischer (vorwiegend euklidischer)
Konzepte hervortreten lässt, ist das Lernen offensichtlich je
nach Inhalt und Kontrast der Vergleichsobjekte bzw. je
nach Prägnanz der Eigenschaften sehr unterschiedlich, so
dass die grundlegende Strukturgenese nur als abstrakte
Generalisierung gültig ist. Diese Stufe wird etwa mit sieben
bis acht Jahren erreicht.
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Die formal-operationale Stufe
• Der Heranwachsende (zwischen dem 11. und dem 15.
Lebensjahr) wird fähig, abstrakte Denkoperationen, in denen
Hypothesen und mögliche Konsequenzen ins Auge gefasst
werden, auszuführen. Er nützt dabei die logische
Kombinatorik und das Denken in Proportionen (relativen
Größen und Gewichten). Die Vertrautheit der Inhalte scheint
auch auf dieser Stufe eine wesentliche Determinante zu sein;
außerdem wird diese Stufe selbst von Erwachsenen nur sehr
unvollständig erreicht.
• Insgesamt ergibt die Auseinandersetzung mit dem Werk von
Piaget (besonders seit den 60er Jahren, als seine Arbeiten in
den USA rezipiert wurden) eine revidierte Stufentheorie.
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Zusammenfassung
Die sensomotorische Phase:
- enaktive Repräsentation des Erkennens.
Die unbewusst-situationsgebundene Phase:
ikonische und symbolische Repräsentation von
Wahrnehmungsinhalten,
- enaktive Repräsentation von Prozessstrukturen.
Die bewusste, situationsabgelöste Phase: Es bleibt eine
Beschränkung auf bestimmte Inhalte bestehen.
Die formal-abstrakte Phase:
Inhaltsgebundene, abstrakt-symbolische Repräsentationen
sind in spezifischen Bereichen erreichbar (z.B. in den
mathematisierten Wissenschaften).
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Bruners pragmatische Theorie der
Herausbildung von Sprache
Primär für Bruner ist :
• Die Zielgerichtetheit der kindlichen kognitiven Tätigkeit.
• Der außerordentlich kommunikative und soziale Charakter des
kindlichen Handelns und Sprechens in den ersten eineinhalb Jahren
sowie die Einbettung in eng umgrenzte Situationen der Familie.
• Prinzipiell kann Bruners Hypothese als eine pragmatisch erweiterte
genetische Theorie angesehen werden. Wir wollen kurz die
wichtigsten Züge seines Ansatzes charakterisieren.
• Als Basis der eigentlichen Entwicklung nimmt Bruner instinktive
biologische Prozesse an, wie Saugverhalten, ursprüngliche
Anhänglichkeit gegenüber der Bezugsperson, erste sensorische
Kontakte mit der Welt.
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Bruner unterscheidet drei Phasen
1.
•
•
•
•
•
Das Hinweisen und die Aufmerksamkeitsbewegungen
Die Blickbewegungen von Mutter und Kind durchlaufen nach
Bruner die folgenden Phasen der Koordination:
Die Mutter folgt der Blickbewegung des Kindes.
Das Kind folgt (ab dem 4. Monat) der Blickbewegung der
Erwachsenen.
Die Blickbewegungen von Mutter und Kind sind koordiniert, so
dass eine gemeinsame Fokussierung der Aufmerksamkeit erreicht
wird.
Aus dieser Koordination der Blickbewegungen entwickelt sich die
greifende, die gerichtete und schließlich die hinweisende Geste.
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2. Die verhaltensgemäße Deixis
• Das Kind befreit sich zunehmend von situativen Reizen
und spezifischen Ablaufmustern. Es versucht, ein
feldunabhängiges Bezugssystem zu entwickeln.
• „Wenn das Verhalten immer geschickter werden soll,
muss es sich im zunehmenden Maße von der
unmittelbaren und sequenziellen Regulierung durch
Stimuli der Umwelt befreien. Ich meine, dass diese
‘Freiheit‘ dann erreicht wird, wenn nicht mehr bloße
Reaktionen erfolgen, sondern Lokalisierungen in einem
Bezugssystem gelernt werden.“ (Bruner u.a., 1971: 41)
• Die Orientierung durchläuft folgende Stadien (wobei eine
Diskontinuität möglich aber nicht notwendig ist):
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1. Es wird die Orientierung
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hier
ich
—
—
dort
du
gelernt und benannt.
2. Aus der Koordination der Blickrichtung entsteht die
räumliche und personale Deixis.
3. Im reziproken Spielverhalten wird die Perspektive und
deren Umkehrung (z.B. auch das Geben und Nehmen)
gelernt.
4. Die sprachliche Deixis bildet die Basis für die
semantischen Rollen (Tiefenkasus).
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3. Das Benennen
• In diesem Stadium der Objektfixierung kann das Kind mit
dem Benennen beginnen. Dieses führt in seiner
Ausbauphase zur Prädikation. Sie hat pragmatisch eine
Topic-Comment-Struktur.
• Der „Topic“ setzt die Konstitution von Gegenständen der
gemeinsamen Aufmerksamkeit voraus. Diese können
durch Augenbewegungen (vgl. 1), durch gemeinsames,
koordiniertes Handeln oder durch explizite Deixis
(gestisch, verbal) bestimmt sein.
• Der „Comment“ hat als Basis eine intersubjektive
Anteilnahme am Topic und kann beim Kind durch eine
Rückversicherung, z.B. als Blickkontakt zum
Erwachsenen, als Geplapper oder als verbaler
Kommentar, der an den Partner gerichtet ist, zum
Ausdruck kommen.
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4. Kommunikative Routinen
• Die kommunikativen Routinen, aus denen später Modi,
Sprechakte und Kasusrollen werden, sind für Bruner
ebenfalls im Vorsprachlichen bereits vorgeprägt als:
• Modus des Verlangens (z.B. realisiert im Schreien des
Babys),
• Modus der Aufforderung (Schreien, Pause mit Erwartung
einer Antwort der Mutter),
• Modus des Austausches mit Rollentausch (Geben,
Nehmen, Spielen),
• Modus der Ergänzung. Die Aktivität des Kindes ist an
einer gemeinsamen Aufgabe orientiert; so hält etwa die
Mutter eine Schachtel hin, das Baby füllt sie.
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Die aktive Sprachentwicklung
Die Sprachentwicklung bis zum dritten Lebensjahr
lässt sich in vier Phasen einteilen (zu diesem
Zeitpunkt wird die Verständigungsfähigkeit in der
Muttersprache erreicht):
1. Die Lall- oder Plapperphase.
2. Die Phase der Ein-Wort-Sätze.
3. Die Phase der Mehr-Wort-Sätze.
4. Die Bildung syntaktisch und morphologisch
komplexer Ausdrücke.
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Der perzeptuelle Ausgangspunkt der Lalloder Plapperphase
• Die sehr frühe Sprachwahrnehmung wurde in Eimas (1985)
experimentell untersucht, und wir wollen als Ergänzung der
phänomenologisch leichter nachvollziehbaren Beobachtungen die
Ergebnisse dieser Studie und die dabei angewandten Methoden
näher betrachten. In einer ersten Serie von Experimenten wurde
geprüft, ob die Kleinkinder im Alter von einem und von vier Monaten
Unterschiede zwischen Sprachlauten wahrnehmen. Die
Lautunterscheidung wurde indirekt durch körperliche Reaktion auf
neue Reize gemessen; bei Eimas u.a. (1971) durch die Nuckel-Rate,
d.h. dem Saugdruck auf einen Nuckel und dessen
Frequenzveränderung, bei Lasky u.a. (1975) an der Erhöhung der
Herzfrequenz und von Patricia Kuhl (1983) durch die Kopfbewegung
des Säuglings hin zum Stimulus
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Unterscheidung
zwischen stimmhaft
(BAH) und stimmlos
(PAH)
Die Stimmansatzzeit ist
der mess-Parameter der
Stimmhaftigkeit.
Nichtlineare kategoriale Schwelle der Lautwahrnehmung (vgl. Bild 3 in Eimas
u.a., 1985:79).
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Die Phase der Ein-Wort-Sätze
• Die einzelnen Phasen folgen nicht strikt aufeinander, und es
gibt keine festen Altersstufen, die zwingend zu einer
bestimmten Entwicklungsstufe gehören. Die Untersuchungen
von Stern und Stern (1928) und Miller (1976) legen einen
durchschnittlichen Zeitraum zwischen 1;0 und 1;8 Jahren
nahe. Miller (1976: 132) unterscheidet mit Bloom (1973)
noch zwei Subphasen: in der ersten bildet das Kind im
Zusammenhang des Erwerbs senso-motorischer Schemata
einzelne Äußerungen, die quasi das benützte
Handlungsschema nur übersetzen oder begleiten, in der
zweiten fügt es eine Folge mehrere Ein-Wort-Sätze zu einer
zielgerichteten Sequenz zusammen.
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Die Tochter von Miller, Meike, sagt z.B. im Alter von
1;7 zu ihrer Mutter:
• Mama — (weint)
M.: Was denn?
• Mehr — (quengelnd)
M.: Mehr?
• Auto — (hält ein Spielzeugauto in der Hand)
M.: Auto?
• Auto — (quengelnd, schaut zum Kühlschrank)
M.: Ja, wir haben keine SchokoAutos mehr.
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Die Phase der Zwei-Wort-Sätze
• Der Übergang zwischen den beiden Phasen ist
natürlich fließend; dabei spielen die relationalen
Wörter eine wichtige Rolle. Sie erlauben die
Realisierung grundlegender semantischer
Funktionen, die dann in der Zwei-Wort-Äußerung
als Pivot (Stamm), der durch das relationale Wort
besetzt ist, und Ergänzung (z.B. ein Nomen)
realisiert werden.
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Typische semantische Funktionen,
die in dieser Phase vorkommen
Vorhandensein / Nicht-Vorhandensein / Wieder-Vorhandensein
Handlungsträger und Handlung ; Objekt und Handlung
Besitzer und Besitz
Lokalisierung
Attribution
Grundlegende semantische Funktionen (vgl. Szagun, 1996: 32).
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Die Phase der Mehrwortsätze und
die frühe Grammatikentwicklung
• Die Entwicklungen im Lexikon, in der Satzsemantik und in der
Syntax sind ab der Zwei-Wort-Phase eng verbunden, so dass
man den Spracherwerb eigentlich nicht mehr nach der mittleren
Länge der Äußerungen in Wörtern bestimmen kann, sondern
von Grammatikentwicklung sprechen muss.
• Clahsen (1988) schlägt in Anlehnung an Brown (1983) fünf
Phasen der Grammatikentwicklung (bis ca. 3;5 Jahre) vor. In
der Phase II der frühen Zwei- und Mehrwort-Äußerungen
verfügen die Kinder bereits über die wichtigsten Wortarten. „Als
nominale Elemente kommen Pronomen oder Nomen vor.
Nominalphrasen (NPn) können auch Determinationselemente
(Det) oder attributive Adjektive enthalten.“ (ibidem: 42)
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Beispiele:
• diese tuhl (Dieser Stuhl.)
• meine auto hoch (Mein Auto fährt hoch.)
Es dominieren Inhaltswörter, während Funktionswörter und
Flexionselemente weitgehend fehlen.
Beispiele (ibidem: 43 f.):
• hase lieb (Der Hase ist lieb.)
• schinken aufgessen (Der Purzel hat den Schinken
aufgegessen.)
• boden mitter (Auf dem Boden sind die Schnipsel.)
Für das Verb wird die Endstellung bevorzugt.
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Stufe I: sie entsprecht der der Einwortsätze (siehe oben)
Stufe II: Sie entspricht derjenigen der Zwei- und
Mehrwortsätze. Es werden Inhaltswörter bevorzugt,
Funktionswörter fehlen weitgehend, nominale, adverbiale
und verschiedene verbale Elemente treten auf.
Stufe III: Es treten grammatische Funktionswörter auf,
zusammengesetzte Verben, eine weitgehend korrekte
Verb-Stellung und mit Adverbien erweitere
Satzstrukturen.
Stufe IV: Die Verb-Zweit-Stellung im Hauptsatz wird
beherrscht, Personen- und Numerusformative treten auf
und die Kongruenz von Subjekt und Verb wird gelernt.
Relativ spät tritt die Endung -st beim Vern (Kongruenz mit
der zweiten Person Singular auf (Beispiel: du tust, du
kommst usw).
Stufe V: Mit 3; 5 Jahren
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Fragen zum Spracherwerb
1. Nennen Sie zwei Typen der Erklärung des
Spracherwerbs (-ismen).
2. Welche (zwei) Autoren verbinden Sie mit
Egozentrismus bzw. Interaktion?
3. Nennen Sie drei wichtige Phasen bei der
Entwicklung des Sprechens.
4. Geben Sie Beispiel für die Grammatikentwicklung.
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Bruner, Jerome, 1971. Über kognitive Entwicklung, in: Bruner J., R. Olver und P.
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Clahsen, Harald, 1988. Normale und gestörte Kindersprache. Linguistische
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36
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