Omaiyadisches Christentum

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Volker Popp
Omaiyadisches Christentum
Handelt es sich bei der Darstellung des „Stehenden Kalifen“ auf den
omaiyadischen Kupfermünzen in Wirklichkeit um eine Darstellung Jesu?
Aus einem doppelten Grund habe ich begonnen, an der traditionellen Behauptung zu zweifeln, es handele
sich bei der Darstellung einer stehenden Person auf den arabischen Kupfermünzen aus der Zeit ‘Abd alMaliks (60-85 der Ära “nach den Arabern“ / 682- 705) um eine Darstellung eben dieses Herrschers.
1. Die Darstellung ist nicht zwangsläufig mit der Nennung des Herrschers auf der Münze gekoppelt. Sie findet
sich auch auf anonymen Prägungen.[1]
2.Über die Deutung der Darstellung besteht bis heute keine Einigkeit. Sie wird interpretiert sowohl als
Darstellung des Propheten Muhammad, wie auch des „Stehenden Kalifen“.[2]
Auf Münzen mit dieser Darstellung taucht ein Titel auf, welcher bis jetzt in der Islamwissenschaft als Beweis
für die Existenz eines frühen, islamischen Kalifats angeführt wird: „Khalifat Allah“.[3]
Ob die islamwissenschaftliche Deutung des Kalifentitels als „Stellvertreter Allahs“ zutrifft, ist zu bezweifeln.
Bereits George C. Miles, der amerikanische Altmeister der islamischen Numismatik, hat darauf hingewiesen,
dass die arabischen Münzen mit der Darstellung des „Stehenden Kalifen“ auf die Auseinandersetzung mit
einem byzantinischen Vorbild zurückgehen, den neuen Solidustypen Justinians II. vom Jahr 692 an. Diese
zeigen auf der Vorderseite Jesus in seiner Rolle als „Pantokrator“, auf der Rückseite den stehenden Kaiser mit
Kreuz und einer Inschrift, die den Herrscher als „Servus Christi“ bezeichnet.[4]
Anpassung der Herrschertitel an ein gewandeltes Selbstverständnis.
Selbsterniedrigung als System
Bereits der byzantinische Kaiser Herakleios hatte 629 den Titel „autokrator“, die Nachfolgebezeichnung des
römischen „Imperator“ abgelegt. Was dies für sein Verständnis vom Sinn und Zweck des Erhalts des
„Imperiums“ bedeutet, soll hier nur angedeutet werden. Wenn dieser Vorgang schon nicht auf eine
Selbstauflösung des Rest-Imperiums hindeuten mag, dann zumindest auf eine Anerkennung der Realität. Der
Kaiser erkennt im Angesicht eines epochemachenden Sieges über den iranischen Erbfeind, dass es ein
Zurück zu einem geeinten Ostrom nicht mehr geben wird. Die Zukunft liegt in der Sicht des Weltgeschehens
vor einem christlichen Hintergrund. Byzanz versteht sich nicht mehr als Erbe eines Weltreichs, sonden als das
Auserwählte Volk, umringt von antichristlichen und häretischen Gegnern.[5]
Stattdessen nannte er sich fortan: „pistós en christoi basileús“. Der Titel für Vasallen, „basileús“, wird
verbunden mit dem Glauben an Christus. Nur der Glaube an den Christus befähigt ihn zur Herrschaft,
allerdings nicht mehr als „autokrator“, sondern allein als Vasall des himmlischen Herrschers.
Justinian II. treibt diese Selbsterniedrigung weiter, indem er sich nur noch als „servus Christi“ bezeichnet und
somit im Protokoll sogar die Stellung als abhängiger Herrscher aufgibt. Folgt man der Ansicht von George C.
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Miles, dass es eine aus einem Konkurrenzverhalten geborene Abhängigkeit zwischen der byzantinischen und
arabischen Münzprägung dieser Epoche gegeben hat[6] , dann kann man auch den Titel „Khalifat Allah“ als
ein Zeichen der Selbsterniedrigung deuten.
Diesen Sachverhalt habe ich mit Christoph Luxenberg erörtert. Er schlug vor, den Titel „Khalifat Allah“ als :
„Von Gott beauftragter Vertreter/Sprecher“ im Sinne einer Herrschaft „Dei Gratia“ („von Gottes Gnaden“) zu
deuten und ihn nicht länger im Sinne von „Sprecher für Gott“ zu verstehen. Damit ergibt sich aber auch eine
Herleitung der Herrschaft unmittelbar von Gott, ohne Zwischeninstanzen.
Die Koppelung der Darstellung des sogenannten „Stehenden Kalifen“ mit
der Münzlegende „ Muhammad“
Wie zuvor erwähnt, findet sich auf der Münze mit der angeblichen Abbildung des Kalifen nur gelegentlich eine
Münzlegende mit der Erwähnung seines Namens[7]. Gleichz eitig mit der Darstellung erscheint aber
regelmäßig die Inschrift : „ MHMD“, resp. eine erweitere Formel mit der Nennung des Attributs:
„muhammad(un)“. Bereits früher habe ich mich dahingehend geäußert, dass ich diese Inschrift für eine
Bezeichnung Jesu halte. „MHMD“ ist ein Attribut, welches die spezifische Rolle Jesu als eines „auserwählten“
Menschen charakterisiert. In der Inschrift im Felsendom in Jerusalem wird von ihm als „‘abdallah“
(Gottesknecht) und „muhammad(un)“ (auserwählt im Sinne der syrischen Theologie) gesprochen.[8]
Wenn man es also, wie im vorliegenden Fall, ständig mit einer Koppelung der Münzlegende „MHMD“ +
Zusätzen im Zusammenhang mit der Darstellung des „Stehenden Kalifen“ zu tun hat, der herrschende Kalif
aber nur gelegentlich in den Münzinschriften erwähnt wird, so ist es naheliegend, dass es sich bei der
Abbildung um eine Darstellung Jesu nach einer arabischen Auffassung handelt. Geht man davon aus, dass
man es hier mit einer Darstellung Jesu zu tun hat, dann besteht ein Zusammenhang zwischen der Darstellung
und zu der immer mit ihr auftretenden Münzinschrift: „MHMD“.
Es entspricht auch traditionellen semitischen Vorstellungen, wenn hier „MHMD“ an Stelle von „‘Isa ibn Mariam“
(„Jesus, Sohn der Maria“) steht. Die direkte Nennung des Namens gilt nicht nur im sakralen Raum den
Semiten als unpassend. Als Beispiel kann man hier anführen, daß wir den eigentlichen Namen des höchsten
nabatäischen Gottes nicht kennen. Er wird immer nur als Dusares bezeichnet. Dies ist ein Attribut, welches
auf seine Verbindung mit der Vegetation in Tälern hinweist.[9]
Die Scheu vor der Nennung des höchsten Namen ist aus dem AT bekannt.
So ist es wohl verständlich, dass eine Darstellung Jesu nach einer
arabischen Auffassung die Verwendung eines Attributs der Nennung des
Namens vorzieht. Den arabischen Zeitgenossen war bekannt, dass es sich
um Jesus, den Sohn der Maria, handelte, wenn man von „Muhammad“
sprach.
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Welcher Jesus wird auf den Kupfermünzen der Omaiyaden in Syrien
abgebildet?
Auf den ersten Blick mag es befremden, das Bild eines Bewaffneten für eine Darstellung Jesu zu halten.
Dieser Widerspruch löst sich aber auf, sobald man sich mit der Vorstellung von Jesus als dem Messias im
frühen Islam beschäftigt. Nach Ansicht der Araber hat die Entrückung vom Kreuz Jesus in eine Zwischenwelt
versetzt, wo er darauf wartet, die ihm verbliebenen Aufgaben zu erledigen. Dazu bedarf es des Schwerts.
Die Darstellung Jesu variiert auf den Münzen, je nach Münzstätte. Auf den Münzen von Harran ist er mit
einem Heiligenschein (?) abgebildet, auf den Dinaren ab dem Jahr 74 ist er barhäuptig, seine Schläfenlocken
erinnern aber an jüdische Traditionen wie auch an die byzantinische Jesusbüste auf den Münzen Justinians
II.; auf den Münzen von al-Ruha (Edessa) ist Haupt- und Barthaar nach byzantinischen Vorbildern
ausgearbeitet.[10]
Zum volkstümlichen Verständnis von den Aufgaben Jesu nach seiner Wiederkunft gibt es widersprüchliche
Angaben. Als sicher gilt nur, dass er auf einer Wolke am weißen Tor von Damaskus den Fuß auf die Erde
setzen wird. Diese Erwartungen werden mit Koran 43, 61 verknüpft.
Er wird den Anti-Christ mit der Lanze töten, nach Jerusalem kommen, hinter dem Imam das Gebet verrichten,
gemäß der Scharia, das Schwein töten, die Synagogen und Kirchen in Trümmer legen und alle Christen töten,
die nicht an ihn glauben, sowie das Kreuz zerbrechen Späterer islamischer Ausschmückung zufolge wird er
nach der Wiederkunft noch vierzig Jahre leben, bis der Islam allgemein durchgesetzt ist. Nach seinem Tod
werden ihn die Muslime neben Muhammad, dem Propheten der Araber, in Medina bestatten.[11]
© imprimatur März 2006
Volker Popp ist Orientalist (Islamwissenschaft und Turkologie) und ein Kenner der persischen Sprache. Er lebte jahrzehntelang im
Vorderen Orient (Ostanatolien, Teheran, Beirut) und war im Handel mit islamischen Münzen tätig. In der Beschäftigung mit diesen
Münzen eignete er sich beeindruckende numismatische Kenntnisse an.
[1]Walker II., pp. 22-30. Anonyme Prägungen mit der Darstellung einer stehenden Person finden sich von Iliya Filistin, Harran, Damaskus, Al-Ruha
(Edessa), Sarmin, ‘Amman.
[2]C. Foss, Anomalous Arab-Byzantine Coins – Some Problems and Suggestions. O.N.S. Newsletter, 166, London 2001, p. 7, No. 9.
[3]Walker II. pp. 30-31 Siehe zu dem islamwissenschaftlichen Verständnis dieses Titels: P. Crone, God’s Caliph, Cambridge 1986, pp. 4-23.
[4]C. Morrisson, Catalogue des Monnaies Byzantines de la Bibliothèque Nationale, Paris 1970, I., p. 429. Dort wird auch die Haar- und Barttracht
der Jesusbüste auf der Vorderseite der solidi beschrieben: „barbe courte et cheveux bouclés“. Dies trifft auch bei der arabischen Jesusdarstellung
zu, welche die Islamwissenschaft für eine Darstellung des „Stehenden Kalifen“ hält.
[5]Peter Brown, The World of Late Antiquity AD 150-750, London 1971, p. 174.
[6]George C. Miles, Earliest Arab Gold Coinage, Museum Notes 13, New York 1967, p. 215: „Most important in this connection is the obvious
relationship between the Standing Caliph motif and the solidi of Justinian II portraying the Byzantine emperor standing and holding the cross on
steps. Certainly it was this latter issue which inspired the Standing Caliph type, the Arab response in the ideological and iconographical war
between Byzantium and the Arabs.“.
[7]Walker II., pp. 32-41.
[8]Vgl. in: imprimatur 38, 2005, 16.
[9]John F. Haley, The Religion of the Nabataeans, Leiden 2001, p. 89,90. Diese grünen Dickungen werden später zu der arabischen „hima“.
[10]George C. Miles, Earliest Arab Gold Coinage, a.a.O., p. 216, Fußnote 36: „But his long hair and beard also resemble those of Christ on the
Byzantine coin.“
[11]Handwörterbuch des Islam, Leiden 1942, S. 216.
Postanschrift: imprimatur - nachrichten und kritische meinungen aus der katholischen kirche
Ludwig-Simon-Straße 26; D-54295 Trier
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