Musikverein Regensburg e. V.
Freitag, 22. Januar 2016, 19:30 Uhr, Vielberth-Gebäude der Universität (H 24)
DOVER QUARTET
Joel Link und Bryan Lee, Violine, Milena Pajaro-van de Stadt, Viola, Camden Shaw, Violoncello
Das Dover Quartet gilt als eines der bemerkenswertesten jungen Streichquartette unserer
Tage. Die Musiker, die sich bereits mit 19 Jahren zusammenschlossen, gewannen 2010 den
Fischoff Wettbewerb, wurden beim Internationalen Wettbewerb in London ausgezeichnet
und konnten 2013 den Internationalen Wettbewerb im kanadischen Banff für sich entscheiden. Die Banff-Siegertournee wurde für das Ensemble zu einem phänomenalen Erfolg - in
Berlin, Düsseldorf, Bremen, Nürnberg, Meran und Hamburg waren Presse und Veranstalter
restlos begeistert.
Die Mitglieder des Dover Quartets lernten sich 2008 am Curtis Institute of Music in Philadelphia kennen. Die musikalischen Wurzeln des Quartetts sind in der Tradition des Vermeerund des Guarneri-Quartetts zu finden, aber der jugendliche Enthusiasmus und die musikalische Virtuosität der Gruppe suchen ihresgleichen. Kürzlich schrieb The Strad, dass das Dover Quartet „sich in der jungen Quartettszene längst durch seine außergewöhnliche interpretatorische Reife, seine klangliche Vollkommenheit und sein spannendes Zusammenspiel
hervorhebt.“
Alle Mitglieder des Quartetts sind auch gefragte Solisten und konzertierten bereits mit renommierten Orchestern wie dem Philadelphia Orchestra, Tokyo Philharmonic, Kansas City
Symphony und BBC Concert Orchestra.
In der Spielzeit 2014/15 gab das Dover Quartet über 100 Konzerte in den USA, Kanada und
Südamerika, darunter Gastspiele im Kennedy Center Washington und bei den Schneider
Concerts in New York. Im Sommer 2014 gastierte das junge Ensemble auf Schloss
Esterházy, beim Kultursommer Nordhessen, bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern
sowie bei den Klosterkonzerten Maulbronn. Im März und Mai 2015 debütierte das Ensemble
sehr erfolgreich in der Wigmore Hall London, bei den Dresdner und Schwetzinger Festspielen und begeisterte auf einer Italien-Tournee. Weitere Europatourneen sind für September
2015 sowie für Januar und April 2016 geplant. Einladungen erhielt das Quartett bislang aus
Genf, Bonn, Wolfsburg, Prag, Leipzig, Frankfurt, Berlin, Regensburg, von der Wigmore Hall
London, der Cité de la musique Paris und dem Lucerne Festival.
Das Quartett wird seine ersten beiden CDs beim Label Cedille veröffentlichen. Im September
2016 wird eine Einspielung der Quartette KV 589 und 590 von Mozart sowie eines seiner
Streichquintette erscheinen, im Folgejahr dann eine CD, die Kompositionen von Ullmann,
Schostakowitsch und Weinberg aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gewidmet ist.
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Programm
Antonin Dvořák
1841 – 1904
Streichquartett F-Dur op. 96
„Amerikanisches Quartett“
Allegro ma non troppo
Lento
Molto vivace
Vivace ma non troppo
Mieczyslaw Weinberg
1919 – 1996
Streichquartett Nr. 8 op. 66
in einem Satz
- Pause -
Leos Janácek
1854 – 1928
Streichquartett Nr. 2 „Intime Briefe”
Andante – Con moto – Allegro
Adagio – Vivace
Moderato – Adagio – Allegro
Allegro – Andante – Adagio
Mit freundlicher Unterstützung durch das Kulturreferat der Stadt Regensburg
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Antonin Dvořák: Streichquartett F-Dur op. 96
Als im späteren 19. Jahrhundert in den USA ein bürgerliches Musikleben nach europäischer
Tradition aufgebaut wurde, benötigte man hierzu noch Unterstützung vom alten Kontinent.
So kam es, dass der tschechische Komponist Antonin Dvořák im Jahre 1892 berufen wurde,
am wenige Jahre zuvor gegründeten „National Conservatory of Music“ in New York zu unterrichten. Insgeheim versprach man sich von Dvořák noch mehr: dass er nämlich einen Beitrag
zu einer eigenständigen Kunstmusik der USA leisten sollte. Inwieweit Dvořák dies in seiner
berühmten „Sinfonie aus der Neuen Welt“ gelang, darüber kann man trefflich streiten, kaum
jedoch über den Rang dieses und anderer Werke, die während seiner Jahre in den USA entstanden, darunter auch das Streichquartett in F-Dur op. 96, das deshalb auch als „Amerikanisches Quartett“ apostrophiert wird.
Dieses Werk entstand nicht im Trubel der Großstadt New York, sondern in Dvořáks sommerlichem Refugium, einem kleinen Ort namens Spillville (Iowa), in dem sich tschechischstämmige Bevölkerung angesiedelt hatte. Wie schon in seiner böhmischen Heimat fühlte sich
Dvořák hier inmitten der ländlichen Natur besonders inspiriert, und so ging ihm die Arbeit
leicht von der Hand. Das am 8. Juni 1893 begonnene Werk war bereits am 10. Juni fertig
skizziert, wobei der Autor am Schluss des Entwurfs notierte: „Gott sei’s gedankt. Ich bin zufrieden. Es ist schnell gegangen.“ Die Ausarbeitung der vollständigen Partitur schloss sich
unmittelbar an und war am 25. Juni beendet. Am folgenden 1. Januar 1894 fand in Boston
die Uraufführung durch das „Kneisl-Quartett“ (Frank Kneisl, Otto Roth, Louis Svěcenski, Alwin Schroeder) statt.
Mit der unmittelbar zuvor im Mai 1893 beendeten Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ hat das FDur-Streichquartett manche Züge gemeinsam: das Erscheinen von pentatonischen Motiven,
den Gebrauch der Molltonleiter mit verminderter siebter Stufe sowie die punktierte und synkopierte Rhythmik. Ob dies nun ein spezieller amerikanischer Einfluss ist, genauer gesagt
ein Einfluss von „Indianermusik“, kann nicht mit letzter Gewissheit gesagt werden, denn viele
der genannten Merkmale sind Gemeingut der Folklore in anderen Regionen und Ethnien:
Was in dieser Musik ein „amerikanischer“, was ein „böhmischer“ Ton ist, lässt sich kaum
sauber trennen.
Mit einem rhythmisch markanten Thema eröffnet die Bratsche vor einem TremoloHintergrund der Violinen den Kopfsatz. Ebenso wie dieser Grundgedanke ist das lyrische
Seitenthema ganz aus der pentatonischen, keine Halbtonschritte aufweisenden Skala f – g –
a – c – d entwickelt. Die knappe Durchführung konzentriert sich auf das Anfangsthema und
setzt weniger auf motivische Details als die Arbeit mit einzelnen, harmonisch bunt wechselnden Klangflächen. Ein kleiner Kanon leitet zurück zur leicht veränderten Reprise, die mit einer ruhig entspannten Version der Schlussgruppe und einer aus Motiven des Hauptthemas
gebildeten energischen Coda endet.
In d-Moll steht das folgende „Lento“. Über einer sanft pendelnden Begleitung entwickelt sich
eine weitgeschwungene Kantilene zunächst der ersten Violine, dann des Cellos, bevor sich
beide Instrumente zu gemeinsamem Gesang vereinigen. Vorübergehend hellt sich die Musik
nach D-Dur auf, wenn beide Violinen die melodische Führung übernehmen; den Epilog gestaltet dann das Cello, grundiert von Pizzicati oder Tremoli der übrigen Instrumente.
Fünfteilig ist der anschließende Scherzosatz (Molto vivace) angelegt. Der mit Dvořák bekannte Geiger Josef Jan Kovařík berichtet, dass der Komponist während einer Probe des
-4Quartetts angab, das Anfangsmotiv bei einem Spaziergang durch die Umgebung von Spillville einem Vogel abgelauscht zu haben. Der F-Dur-Hauptteil dieses Satzes wechselt mit zwei
Zwischenabschnitten in f-Moll, in denen der Anfangsgedanke des Scherzos in vergrößerten
Notenwerten als Ostinato durch alle Stimmen wandert und von einer kontrapunktierenden
Gegenmelodie umspielt wird.
Das Finale in Rondoform exponiert zunächst lediglich einen punktierten Rhythmus, bevor
nach 33 Takten erstmals ein abermals pentatonisch geprägtes Hauptthema erscheint. Der
punktiert-synkopierte Rhythmus des Beginns erscheint wieder als Begleitung im nächsten
Abschnitt, der unvermittelt in As-Dur einsetzt. Nach der Wiederholung des Refrains führt ein
choralartiges Zwischenspiel in der Mitte des Satzes zu einem ruhigen a-Moll-Gedanken, der
aber schnell von einer Wiederholung des anfänglichen Wirbels verdrängt wird. In der veränderten Reprise der drei ersten Rondo-Abschnitte wird das Hauptthema bis nach Des-Dur
geführt, während der zweite Gedanke in der Grundtonart F-Dur erscheint. Der Satz endet mit
einer großen Steigerung des Kopfmotivs, die bis in orchestrale Dimensionen führt.
Mieczysław Weinberg: Streichquartett Nr. 8 op. 66
Der 1919 in Warschau geborene Komponist Mieczysław Weinberg gehört zu jenen Künstlern
des 20. Jahrhunderts, deren Wirken stets von politischer Unterdrückung und rassistischer
Verfolgung überschattet wurde. Im Jahre 1939 gelang es ihm nach dem deutschen Überfall
auf Polen, aus seiner Heimat Richtung Osten zu fliehen, während seine Angehörigen sämtlich ermordet wurden. Über die Zwischenstation Minsk führte ihn sein Weg bis ins ferne
Taschkent. Gefördert von Dmitri Schostakowitsch konnte Weinberg schließlich nach Moskau
übersiedeln, wo er bis zu seinem Lebensende im Jahre 1996 wirkte und sich zu einem der
führenden sowjetischen Komponisten entwickelte, wenn auch zu Stalins Zeiten von antisemitischen Strömungen und kulturpolitischen Zwängen bedrängt.
Weinberg, dessen umfangreiches Oeuvre im westeuropäischen Musikleben lange Zeit kaum
beachtet wurde, erlebt in den letzten Jahren eine erstaunliche Wieder- oder vielmehr Erstentdeckung. Einer großen Öffentlichkeit wurde er bekannt, als seine Oper „Die Passagierin“
bei den Bregenzer Festspielen 2010 ihre szenische Uraufführung erlebte, die zu einem sensationellen Erfolg wurde. Dadurch veranlasst gelangte auch Weinbergs „Idiot“ 2013 in Mannheim auf die Bühne, und parallel dazu entwickelte sich das Interesse für Weinbergs umfangreiches Orchester- und Kammermusikschaffen, von dem vieles mittlerweile auf Tonträgern
oder in Noteneditionen zugänglich ist.
Mit seinem anspruchsvollen sechssätzigen sechsten Streichquartett aus dem Jahre 1946
war Weinberg bei den sowjetischen Kulturverantwortlichen angeeckt. Auf einer Tagung des
Zentralkomitees der KPdSU im Januar 1948 fand die sogenannte „Formalismusdebatte“ über
sowjetische Kunst statt. Der Kulturpolitiker Andrei Schdanow definierte dabei, was als „Formalismus“ zu verwerfen sei: die Abwendung der Kunst von der Volkstümlichkeit und vom
Dienst am Volke sowie die Hinwendung zu „den rein individualistischen Empfindungen einer
kleinen Gruppe auserwählter Ästheten“.
Die Anklage des Formalismus richtete sich in dieser Zeit gegen so namhafte sowjetische
Künstler wie Schostakowitsch und Prokofieff, aber auch Weinbergs sechstes Streichquartett
geriet auf die damalige Liste „verbotener Werke“. Es wundert unter diesen Umständen nicht,
dass Weinberg in den folgenden Jahren betont vorsichtig agieren musste und vorüberge-
-5hend die Lust an der Streichquartettkomposition verlor. Erst fast ein Jahrzehnt später entstanden 1957 sein siebtes und 1959 sein achtes Streichquartett, das dem berühmten Borodin-Quartett gewidmet und von diesem im November 1959 in Moskau uraufgeführt wurde.
Das etwa eine Viertelstunde dauernde Werk verläuft einsätzig, wobei die Gesamtform sich
jedoch in deutlich erkennbare Abschnitte gliedert. Ganz introvertiert beginnt die Musik mit
einem langsamen Klangaufbau aus der Tiefe heraus, der sich allmählich melodisch belebt
und mit Intensität auflädt. Dieser Adagio-Abschnitt fungiert als langsame Einleitung zum anschließenden „Poco andante“, das wie ein melancholischer langsamer Marsch wirkt und
schließlich in die lastende Ruhe des anfänglichen Adagios zurückmündet.
Ein rondoartiges Allegretto fügt sich wie ein eigenständiger zweiter Satz an, obwohl sein
leicht geschürztes Hauptthema aus dem „Poco Andante“ abgeleitet ist. Manisch wiederholte
Drehfiguren und aggressive wie burleske Wendungen in den im Tempo beschleunigten späteren Passagen rücken diesen Satz in auffallende Nähe zur Klangsprache Dmitri Schostakowitschs. Diese Entwicklung zur überdrehten Groteske findet ihr Ende, wenn die anfängliche Adagio-Stimmung wiederkehrt, in der die Musik allmählich verlischt.
Leoš Janáček: Streichquartett Nr. 2 „Intime Briefe“
Leoš Janáčeks zwei Streichquartette bilden den Höhepunkt einer experimentellen Richtung
der tschechischen Kammermusik, bei der programmatische und autobiografisch gefärbte
Elemente in die sonst der „absoluten Musik“ zugerechnete Gattung eindringen. Ein diese
Tradition mitbegründendes Werk war Bedřich Smetanas g-Moll-Klaviertrio von 1855 gewesen, eine rührende Elegie auf dessen kurz zuvor verstorbene Tochter. Die programmatischen Möglichkeiten der Kammermusik erforschte Smetana dann in seinem e-MollStreichquartett „Aus meinem Leben“ weiter, wobei zugleich mit der inhaltlichen Orientierung
Form und Tonalität an ihre Grenzen getrieben wurden.
In diese experimentelle Entwicklungslinie, der man ebenso Antonin Dvořáks Dumky-Trio und
Vitěszlav Nováks zweites Streichquartett zurechnen kann, ordnen sich Janáčeks beide Quartette ein. Erste Erfahrungen mit dieser Besetzung hatte Janáček bereits als Student in Wien
gesammelt, wo er drei Sätze eines Streichquartetts komponierte, die jedoch verloren gegangen sind. Erst im Jahre 1923 entstand auf Anregung des „Böhmischen Quartetts“ das vollgültige erste Streichquartett „Kreutzersonate“, das von Tolstois gleichnamiger Novelle inspiriert
ist.
Sein zweites Quartett komponierte Janáček 1928, nachdem er sich von der Erschöpfung
erholt hatte, die ihn nach Vollendung der Oper „Aus einem Totenhause“ überfiel. Das Werk
ist eine sublimierte Darstellung von Janáčeks Altersliebe zu Kamilla Stösslova, die in den
letzten elf Lebensjahren zu seiner Hauptinspirationsquelle wurde. Die Tiefe der Empfindungen, die sich in diesem Werk ausdrücken, wird aus Briefen ersichtlich, die Janáček während
der Komposition an Kamilla schrieb: „Hinter jedem Ton stehst Du, lebendig, heftig, liebevoll.“
Das Werk hätte ursprünglich sogar den Titel „Liebesbriefe“ tragen sollen, der später zum
weniger direkten „Intime Briefe“ abgeändert wurde.
Die Emphase, mit welcher der Komponist seine Neigung in Musik ausdrückte, führte zu dem
Plan, die herkömmliche Streichquartettbesetzung zu verändern und statt der Bratsche eine
„Viola d’amore“ zu verwenden. Doch nach einer privaten Durchspielprobe ließ sich Janáček
-6davon überzeugen, zur herkömmlichen Besetzung zurückzukehren, wohl auch im Hinblick
auf die Verbreitung der Komposition in der Musikpraxis.
Die Idee der Verwendung einer „Viola d’amore“ ist aber noch spürbar, wenn bald nach der
kraftvoll deklamatorischen Eröffnung des ersten Satzes eine schmachtende Melodie erscheint. Der Wechsel dieser beiden gegensätzlichen Charaktere bildet die Basis für den
größten Teil des Kopfsatzes und spielt auch im folgenden Adagio eine Rolle. Dessen Hauptteil wird auf einem weiteren Bratschenthema aufgebaut, das schließlich einem fröhlichen
Presto weicht; darüber lässt Janáček eine Variante der expressiven Bratschenmelodie aus
dem Kopfsatz erscheinen.
Einige zartere Elemente des ersten kehren auch im Mittelteil des dritten Satzes wieder, eingeführt, durchzogen und teilweise begleitet von einem Thema mit dem gleichmäßig sanften
Rhythmus eines Wiegenliedes. Als Finale eine Art Rondosatz, der auf einem übermütigen
Grundthema basiert. Aber Janáček weicht auch hier traditionellen Formkonzepten zugunsten
einer freien Gestaltung aus, und nach teils heftigen, teils schwelgerischen Episoden endet
das Quartett mit einem leidenschaftlichen Höhepunkt voller Überschwang.
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