Auch Insekten halten Winterschlaf (Seiten 22-25)

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Auch
Schädlinge, die im Frühjahr
scheinbar aus dem Nichts
auftauchen, haben ihre
eigene Überwinterungsstrategie. Sie lassen sich mit
geeigneten Massnahmen
bereits im Winter gut in
Schach halten.
Text: Helen Weiss
Florfliege auf der Jagd
nach Blattläusen
Foto: Bildagentur Waldhäusl
J
eder Gartenbesitzer kennt das Phänomen: Kaum herrschen im Frühling
wärmere Temperaturen und brechen
die Knospen auf, bedecken bereits
ganze Kolonien von Läusen die frischen
Blätter und die Setzlinge werden über
Nacht von Schnecken kahl gefressen. Woher all die Tierchen kommen, die sich an
den Lieblingspflanzen gütlich tun, bleibt
meist ein Rätsel. Beschäftigt man sich jedoch etwas mit dem Lebenszyklus der
Insekten, wird schnell klar, dass sie wahre
Überlebenskünstler sind. Grundsätzlich
können alle bei uns heimischen und an die
hiesigen Klimaverhältnisse angepassten
Insekten den Winter problemlos überstehen. Je nach Art sind Insekten als Ei,
Larve oder im adulten Stadium auch gegen
tiefe Temperaturen widerstandsfähig. «Allerdings vertragen sie nasskaltes Wetter
über längere Zeit schlecht», weiss Urs
Streuli, Gartenberater und Gärtner am
Landwirtschaftlichen Zentrum Ebenrain
in Sissach BL. Pilze machen dann den Tierchen zu schaffen, ein starker Befall kann
sie sogar abtöten.
Es gibt keine Schädlinge
Direkte Massnahmen im frühen Frühling
können helfen, schädliche Insekten im
Garten im Schach zu halten. Dabei sollten
Garten NATUR
Insekten halten
Winterschlaf
jedoch nie die hilfreichen Nützlinge vergessen gehen, die ebenfalls überwintern
und die geschützt werden sollten. «Der
Begriff Schädling existiert im biologischen Gartenbau eigentlich nicht», erklärt Streuli. «Vielmehr sollte man von
Nahrungskonkurrenten sprechen.» Denn
in der Natur sind alle Insekten auf ihre
Weise nützlich, wichtig ist vor allem, dass
das Gleichgewicht stimmt und nicht gestört wird.
Das ständige Wechselspiel der RäuberBeute-Beziehung in der Natur erfordert
von den Gärtnern Beobachtungsgabe und
manchmal viel Geduld. «Wir sollten uns
über die ersten Läuse im Frühling freuen,
denn dadurch sind Nützlinge wie Marien|käfer und Florfliegen versorgt und können ihre Population aufbauen», erklärt
Hanspeter Althaus, Gartenberater bei der
schweizerischen Bioorganisation Bioterra
in Zürich.
wichtig, den Garten auch in den kalten
Monaten zu beobachten und allfällige Eigelege oder Larven von Insekten gezielt
einzusammeln», rät Schüpbach. In den
meisten Fällen macht es hingegen wenig
Sinn, bereits im Winter vorbeugend Pflanzenschutzmittel zu sprühen, damit die
Insekten gar nicht erst aus ihrem Winterschlaf erwachen. Es gibt jedoch Massnahmen, die bereits jetzt gegen Nahrungskonkurrenten eingesetzt werden können.
Schnecken
fressen auch im Winter
Schnecken überwintern als Eier oder Tiere
im Boden. Sie sind zwittrig, jedes Tier kann
also Eier legen. Sie vermehren sich jedoch
nur dann übermässig, wenn die Lebensbedingungen für sie stimmen. Die Gartenweg- und Ackerschnecken verbringen im
Gegensatz zu ihren grösseren Verwandten
Die Weisse Fliege: Sie vermehrt sich an warmen Standorten wie in Gewächshäusern
auch im Winter fleissig weiter
Foto: Andermatt Biogarten AG
Garten im Winter beobachten
Damit die weniger erwünschten Insekten nicht überhandnehmen, ist es deshalb neben direkten Massnahmen gegen
Nahrungskonkurrenten genauso wichtig,
Nützlinge in den Garten zu locken (siehe
Box). Durch das Kultivieren oder bereits
nur Tolerieren gewisser meist einheimischer Pflanzenarten können Nützlinge
nachhaltig gefördert werden. «In einem naturnahen Garten geht es vor allem darum,
das Gleichgewicht zu finden», so Daniel
Schüpbach, Produktmanager bei der Andermatt Biogarten AG in Grossdietwil LU.
Zwar herrscht im Winter meist Ruhe –
abgesehen von den Aktivitäten der Wühlmäuse –, doch das Leben der Natur sollte
man trotz allem im Auge behalten. «Es ist
den Hochsommer verborgen in der Erde
und werden mit zunehmender Feuchtigkeit im Herbst wieder aktiv. Sie fressen
selbst bei Temperaturen um den Gefrierpunkt, also auch im Winter. «Da diese
Schnecken nicht sehr mobil und relativ
standorttreu sind, kann man sie leicht entfernen», erklärt Hanspeter Althaus.
Legt man ausgepresste Orangenhälften
aus, nutzen Gartenweg- und Ackerschnecken diese gerne als Unterschlupf
und lassen sich so gut einsammeln.
Schneckeneier überstehen den Winter
meist im Kompost oder unter der Erdoberfläche. Die Eier sind weisslich bis
durchsichtig, glänzend und rund. «Im
Frühjahr können zudem Bretter ausgelegt
werden, um die jungen wie adulten Tiere
besser einsammeln zu können», so Daniel
Schüpbach. Die ruhige Zeit während des
Winters kann genutzt werden, um einen
Schneckenzaun zu installieren.
Natürlich | 2-2007 23
Foto: Siegfried Keller
Blattläuse sind wahre Vermehrungsspezialisten (siehe auch «Natürlich» 4-05):
Die kalte Jahreszeit verbringen sie im Eistadium. Die Läuse, die im Frühling
schlüpfen, sowie ihre Nachkommen sind
in der Lage, das ganze Jahr hindurch
ohne Befruchtung lebende Jungtiere zu
gebären. Ende des Jahrs bilden sich wieder Geschlechtstiere, die Eier ablegen.
Die Vermehrung ist rasant, denn Jungläuse können im Sommer bereits im Alter
von 10 bis 14 Tagen Junge zur Welt bringen. «Bevor die Nützlinge genügend aktiv
werden, ist die Population der Läuse meist
bereits sehr gross», so Daniel Schüpbach.
Als Blattlaus-Liebhaber sind Marienkäfer und deren Larven bekannt: Sie können ab Ende April auf stark befallenen
Pflanzen ausgesetzt werden. Die Marienkäfer-Larven dürfen erst ab einer bestimmten Grösse auf die Blattläuse angesetzt
Foto: René Berner
Blattläuse
vermehren sich ungehemmt
Rosenkäferlarven (rechts) unterscheiden sich gut von den Engerlingen des Maikäfers:
Sie bewegen sich auf dem Rücken vorwärts, sind vielfach im Kompost und in Blumenkistchen zu
finden und sind im Gegensatz zu den Engerlingen keine Schädlinge und deshalb zu schonen
werden, da sie sich sonst nicht gegen die
Ameisen zur Wehr setzen können, die die
Blattlauskolonien pflegen und schützen.
Bietet der Standort ihnen genug Nahrung
und ideale Bedingungen, sind Marienkäfer
relativ standorttreu. Die Eiablagen an den
Trieben – schwarze glänzende Kügelchen
bei den Rosenläusen – können bereits im
Winter von den Pflanzen abgestreift werden. Neben Marienkäfern gehören auch
Schwebe- und Florfliegen sowie Ohrwür-
Nützlinge fördern
Erdkröte
Foto: Bildagentur Waldhäusl
Foto: Thomas Vogel
Starkes Auftreten von Schädlingen und Krankheiten an Pflanzen sind meist auf einen
Mangel oder Überschuss mehrerer Faktoren
wie Klima, Standort, Fruchtwechsel, Sortenwahl, bestmögliche Aussaat- und Pflanzzeit
sowie ausgewogene Bewässerung und
Düngung zurückzuführen. Neben gezüchteten
Rosen und Ziergehölzen sollten stets auch
einheimische oder sogar standortheimische
Pflanzen im Garten Platz haben. Indem sie
Insekten Nahrung, Fortpflanzungsmöglichkeiten und Unterschlupf bieten, erhöhen sie
die natürliche Vielfalt und somit die Stabilität
des Ökosystems «Garten». Doch Nützlinge können nicht nur mit einheimischen Pflanzen wie
Flockenblume, Dost und Pfaffenhütchen in den Garten gelockt werden. Besonders attraktiv
sind auch Wiesenblumen mit offenem Blütenbau wie die Schafgarbe oder Margerite, da deren
Pollen und Nektar auch von kurzrüssligen Schwebefliegen aufgenommen werden können.
Den Nützlingen zuliebe sollte zudem in jedem Garten die traditionelle Trennung zwischen
Blumenrabatte und Gemüsebeet aufgegeben werden. Heil- und Gewürzkräuter, Klatschmohn
und Ringelblumen locken die Nützlinge auch
Blindschleiche
ins Gemüsebeet. «Einheimische Heckensträucher sorgen während des ganzen Vegetationsjahrs für Nektar und Pollen», erklärt dazu
Daniel Schüpbach. Beim Räumen des Gartens
sollte man Unterschlüpfe wie Gras- und Asthaufen für Blindschleichen, Kröten und Frösche
lassen. Diese Tiere sind zwar sehr ortstreu,
verlassen jedoch den Garten, wenn die Lebensbedingungen für sie nicht ideal sind.
24 Natürlich | 2-2007
mer und Schlupfwespen zu den natürlichen Gegenspielern der Blattläuse.
Robuste Schild- und Wollläuse
Diese Läuse schützen sich im Gegensatz
zu Blattläusen mit einem Schild aus
wachsartigen oder wolligen Ausscheidungen vor Feinden und ungünstigen
Witterungseinflüssen. Deshalb stellt ihre
Bekämpfung meist eine Herausforderung
dar. Daniel Schüpbach empfiehlt beim
Befall von Obstgehölzen, Beeren und
Reben eine Austriebsspritzung im Januar
oder Februar, bevor die Blätter treiben,
jedoch nur bei sehr starkem Befall: «Mit
der Winterspritzung auf paraffinölhaltiger
Basis verschliesst man den Läusen und
somit den unter dem Schild liegenden
Eiern die Atemöffnungen.» Doch Achtung: Auch Nützlinge ersticken. Eine
andere Alternative gibt es kaum.
Befallen Schild- oder Wollläuse Zimmerpflanzen, kann der Australische
Marienkäfer und seine Larven eingesetzt
werden. Sie können jedoch nur in geschlossenen Räumen ausgesetzt werden,
da sie Temperaturen von 22 bis 30 Grad
Celsius benötigen und die Gefahr besteht, dass die Käfer wegfliegen.
Weisse Fliege –
Mottenschildlaus
Jene Arten der Weissen Fliege, die sich
vor allem an Kohlgewächsen gütlich tun,
überwintern als adulte Tiere und sind
so lange aktiv, wie sie Nahrung finden
können. «Deshalb ist es wichtig, alle
Kohlpflanzen im Garten bis Ende Januar
zu ernten und auszureissen», erklärt
Urs Streuli. Ohne Nahrung sterben die
saugenden Lästlinge bald. Auch das
Gewächshaus wird gerne als Winterquartier benutzt, wo sich die Weisse Fliege
durch die ganze kalte Jahreszeit fleissig
vermehren kann. «Wenn möglich sollte
Garten NATUR
Lauchminierfliegen
überwintern als Puppen
Maden von Dickmaulrüssler,
Junikäfer und Maikäfer
In den letzten Jahren hat sich die Lauchminierfliege sehr stark ausgebreitet. Ihre
Wirtspflanzen sind, wie der Name schon
sagt, Zwiebelgewächse wie Lauch, Schnittlauch, Knoblauch und Zwiebeln. Die
Lauchminierfliege produziert zwei Generationen pro Jahr: Die ersten Fliegen
schlüpfen im Frühjahr und stechen die
Pflanzen an der Blattspitze an, wobei kleine
silbrige Frasspunkte entstehen. Mit dem
Der nachtaktive Dickmaulrüsslerkäfer hinterlässt an hartlaubigen Pflanzen wie Rhododendron, Rosen und Kirschlorbeer halbrunde Frassspuren. Viel grössere Schäden
richten jedoch seine Larven an, die als Engerlinge im Boden überwintern und an den
Wurzeln nagen. Die Dickmaulrüssler-Larven haben eine Grösse von etwa 1,2 Zentimeter und sind an ihrem braunen Kopf zu
erkennen. Beim Umgraben des Beets im
Foto: René Berner
deshalb das Gewächshaus bis spätestens
Ende Februar komplett ausgeräumt
sein», so Streuli.
Hygiene steht bei der Dezimierung
der Weissen Fliegen an erster Stelle. Das
Gewächshaus sollte vor der weiteren
Benutzung im Frühling offen stehen
gelassen werden, sodass alles durchfrieren kann. In ganzjährig genutzten
Gewächshäusern oder Wintergärten können im Winter Encarsia-Schlupfwespen
eingesetzt werden. Die Nützlinge sind
aber auf eine Temperatur von mindestens
18 Grad Celsius angewiesen.
Legestachel werden die Eier in die Blätter
abgelegt und die daraus schlüpfenden
Larven minieren das Laub. Nach drei
Wochen verpuppen sich die Maden in
der Pflanze und im Herbst schlüpft dann
die zweite Generation. Der Lebenszyklus
beginnt von Neuem, die Puppen überwintern in der Pflanze.
«Um die Ausbreitung zu unterbrechen,
sollte der Lauch bis Ende Februar geerntet werden», sagt Urs Streuli. Zudem
können die Larven auch in den geernteten
und zum Trocknen aufgehängten Zwiebeln
überwintern und bei genügend warmen
Temperaturen ausfliegen. Deshalb ist eine
genaue Kontrolle während der Ernte wichtig: «Die Maden sind mit ihren vier Millimetern Grösse und durch ihre gelb-braune
Färbung gut zu erkennen», erklärt Streuli.
Um den Befall zu reduzieren, können bei
der Pflanzung von Zwiebelgewächsen im
Frühling über die Beete ausgebreitete
Insektenschutznetze helfen. «Bei den
Zwiebeln sollte man die Netze bis Ende
Mai auf dem Beet lassen, beim Lauch von
Mitte Juli bis zum ersten Frost.»
Rosenkäfer: Gilt als Nützling und ist oft auf
Weissdornsträuchern anzutreffen
Foto: Urs Streuli
Die Eier der Rosenläuse sind leicht zu erkennen: Die schwarz glänzenden Kügelchen können
bereits im Winter abgestreift werden, um einen starken Befall im Frühjahr vorzubeugen
Frühling oder bei der Neubepflanzung von
Balkonkistli und Töpfen sollten die Engerlinge unbedingt entfernt werden. Um jedoch wirklich alle Larven zu erwischen,
empfiehlt sich die Ausbringung von Nematoden von Ende April bis Anfang Juni.
Nematoden sind kleine Fadenwürmer und
suchen im Boden aktiv nach Dickmaulrüsslerlarven.
Auch die Engerlinge des Mai- und
Junikäfers können durch den Wurzelfrass während des Winters in Wiesen und
Rasen sowie an Beeren-, Obst- und
Gemüsekulturen grossen Schaden verursachen. Gegen Maikäferlarven könnte
im März der Engerlingspilz «Beauveria»
ausgebracht werden. «Der Pilz wird
auf Gerstenkörnern kultiviert und befällt, wenn er in den Boden eingearbeitet
wird, nur Maikäferlarven», erklärt Daniel
Schüpbach. Da es jedoch nur noch
sehr wenige Maikäfer gibt, sollte man
diesen geringen Schaden in Kauf nehmen, ohne die Engerlinge zu bekämpfen.
Gegen die Larven des Junikäfers befindet sich eine ähnliche, neue Methode
in einem abschliessenden Test- und
Genehmigungsverfahren. Vorsicht: Bei
«Engerlingen» im Kompost handelt es
sich meist um die Larven des Rosenkäfers, die sich auf dem Rücken fortbewegen. Das sind Nützlinge.
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I N FO B OX
Beratungsstellen
• Andermatt Biogarten AG, 6146 Grossdietwil,
Telefon 062 917 50 00, [email protected],
www.biogarten.ch
• Gartenberatung und Informationen zum Kursangebot des Landwirtschaftlichen Zentrums
Ebenrain, 4450 Sissach, Tel. 061 976 21 34,
[email protected], www.ebenrain.ch
• Gartenberatung Bioterra, Tel. 032 621 54 93,
[email protected], www.bioterra.ch
Literatur zum Thema
• Kreuter: «Der Biogarten», BLV Verlag, 2007,
ISBN 3-8354-0198-3, Fr. 42.90
• Schnitzer: «Gärtnern ohne Gift», Böhlau Verlag,
2006, ISBN 3-205-77537-9, Fr. 34.90
• Don: «Genial gärtnern – Biologisch und
naturnah», Verlag Dorling Kindersley, 2004,
ISBN 3-8310-0543-7, Fr. 52.20
• Schmutterer/Huber: «Natürliche Schädlingsbekämpfungsmittel», Ulmer Verlag, 2005,
ISBN 3-8001-4754-0, Fr. 59.90
• Fortmann: «Das grosse Kosmosbuch der
Nützlinge», Kosmos Verlag, 2000,
ISBN 3-440-06588-4, Fr. 45.80
• Kreuter: «Biologischer Pflanzenschutz», BLV
Verlag, 2004, ISBN 3-405-16056-2, Fr. 15.60
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