Wer hilft, wenn die Traurigkeit kommt

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so.
Fotos: cc Martin Gommel/flickr
GESELLSCHAFT
Wer hilft, wenn die Traurigkeit kommt
Ärzte verordnen immer häufiger Psychopharmaka gegen Depressionen – zu schnell, warnen Experten.
VON GABRIELE STIEF
Sonntag, 14. Dezember 2014
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so.Gesellschaft
Wer hilft, wenn die Traurigkeit kommt
A
ls aus der Melancholie die Depression wurde, wurde aus der
Trauer, die keinen Grund kennt, eine Krankheit. Wie fühlt sie
sich an? „Über allem liegt ein Graufilm“, schreibt die österreichische Journalistin Barbara Kaufmann in einem Blog. „Eine schmutzige Milchglasscheibe. Nichts ist klar. Nichts kommt durch. Kein Lachen,
keine Wut. Du bist traurig und das ständig. Ein dumpfer Schmerz.“
Peter Ansari kennt die Krankheit nur als Studienobjekt. Weil viele Bekannte, Freunde und Angehörige unter Depressionen litten, wollte er
wissen, was im Körper geschieht, wenn Menschen keinen Schlaf mehr
finden, unter Schwermut leiden und die Freude am Leben verlieren –
und was man dagegen unternehmen kann. In seiner Doktorarbeit, die
gerade von der Medizinischen Hochschule Hannover beurkundet wurde,
widmet sich der Humanbiologe der Therapiegeschichte der Depression.
Die Arbeit liest sich trotz aller Nüchternheit wie eine Generalabrechnung mit der Pharmaindustrie, die Antidepressiva als Heilsbringer verkauft. „Diese Medikamente haben noch nie die Dauer einer Depression
verkürzt und verhindern keine Suizide“, sagt Ansari. „Aber sie werden
massenweise verkauft und verschrieben.“
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Tatsächlich verzeichnen Studien wie der renommierte Arzneiverordnungs-Report regelmäßig seit mehr als zehn Jahren einen drastischen
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Diese Medikamente haben
noch nie die Dauer einer
Depression verkürzt und
verhindern keine Suizide.
Peter Ansari
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Sonntag, 14. Dezember 2014
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Anstieg der Verordnungen von Antidepressiva. Zeitweilig um 15 Prozent, 2012 immerhin noch um fünf Prozent. Als besonders alarmierend
bewerten Experten den Trend, dass immer mehr junge Menschen mit
diesen Medikamenten behandelt werden. Gerd Schulte-Körne, Kinderund Jugendpsychiater an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, sieht dringenden Handlungsbedarf. Bislang gebe es keine einzige
kontrollierte Studie, die die Wirkung von Psychotherapie oder medikamentöser Therapie bei Kindern unter acht Jahren untersucht habe.
Auch die stationären Behandlungen, die deutlich zunähmen, seien bislang unerforscht.
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Der Höhenflug der Antidepressiva begann mit der Entdeckung von Serotonin in den sechziger Jahren. Der Biologe Peter Ansari räumt mit dem
Märchen auf, dass man das sogenannte Glückshormon Serotonin nur
mit Medikamenten im Gehirn auf Trab bringen muss, um die Schwermut loszuwerden. Kein Forscher konnte bis heute belegen, dass das
von Nervenzellen ausgeschüttete Serotonin Depressionen beeinflusst.
Stattdessen hat man festgestellt, dass manche Depressive sogar einen
höheren Serotonin-Spiegel haben als Gesunde, und zwar ohne Tabletteneinnahme. Das Problem sei, sagt Ansari, dass Antidepressiva zwar
die Stimmung heben, aber bei einem milden Krankheitsverlauf nicht
besser wirkten als ein Placebo.
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Dennoch werden mit diesen Medikamenten gute Geschäfte gemacht.
Dank teurer Werbestrategien der Hersteller und dank skrupelloser Manipulation von Studien. Ansari informiert auf einer neuen Internet-Seite
über Dutzende von Gerichtsurteilen gegen Pharmahersteller, die Nebenwirkungen ihrer Pillen verschwiegen haben.
2009 verurteilte ein US-Gericht Forest Laboratories, eine Tochter des
dänischen Pharmaherstellers Lundbeck, zu einer Strafe von 313 Millionen Dollar, weil die Firma eine „fehlerhafte“ Studie über das Antidepressivum Citalopram an Kinder- und Jugendpsychiater verschickt
hatte. Der Hinweis auf schwere Nebenwirkungen war unterschlagen
worden. Citalopram zählt in Deutschland noch immer zu den am häufigsten verschriebenen Antidepressiva.
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2012 akzeptierte GlaxoSmithKline eine Strafzahlung von drei Milliarden Dollar. In internen klinischen Studien hatte das Unternehmen festgestellt, dass das Antidepressivum Seroxat bei Kindern und Jugendlichen wirkungslos ist und sogar Suizidabsichten verstärkt. Statt das
Medikament zurückzuziehen, wurde eine Agentur beauftragt, einen
geschönten wissenschaftlichen Bericht für eine renommierte US-Zeitschrift für Kinderpsychiatrie zu schreiben. Die Botschaft des Artikels:
Das Mittel ist effizient und sicher.
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Ansari will mit seinem Auftritt im Netz aufrütteln. Er ist damit nicht
allein. Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie warnt vor der
„Medikalisierung“ psychosozialer Probleme. Die Leitlinien zur Behandlung der Depression empfehlen mittlerweile den Einsatz von Antidepressiva nur noch bei schwerem, teilweise auch bei mittelschwerem
Krankheitsverlauf; bei leichten Fällen wird sogar abgeraten. Grund sind
vor allem die Nebenwirkungen und die Erhöhung des Suizidrisikos.
Und die Alternative? Ansari hat bei der Auswertung von Krankenakten festgestellt, dass viele Patienten im Verlauf von Gesprächs- oder
Verhaltenstherapien bereits nach zwei bis sechs Wochen eine Besserung verspüren. Der Arzneiverordnungs-Report verweist auf Studien,
die nachweisen, dass bei leichten Depressionen manchmal Sport und
spezielle Massagen helfen. Letztlich gehe es immer darum, mit dem
Kranken zu reden und den Grund der Probleme zu erkunden – und die
seien nun mal sehr individuell, sagt Ansari.
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Professor Schulte-Körne wünscht sich, dass keine Depression unbehandelt bleibt. Ohne professionelle Hilfe seien die psychosozialen Folgen sehr groß – von massiven Schulproblemen, Konflikten mit Gleichaltrigen bis zum sozialen Rückzug und der Entwicklung einer schweren
Depression. Fast jede vierte depressive Störung, die im Erwachsenen-
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alter diagnostiziert werde, habe bereits im Kindes- und Jugendalter begonnen.
Die Journalistin Barbara Kaufmann schreibt in ihrem Blog auch über
ihren Psychiater, der sie an Richard Branson erinnert. „Du bekommst
Cipralex. Schon wieder. (...) Richard Branson gibt Dir Ixel. Die Cipralex
waren vielleicht die falschen. Man muss sich Zeit geben, sagt er. Es
dauert bis der Spiegel erreicht ist. Du vertraust ihm. Auch wenn die
N
ersten Wochen mühsam sind.“
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