Faktenblatt: Glutamin Mai 2015 Verantwortlich: PD Dr. J. Hübner

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Faktenblatt: Glutamin
Mai 2015 Verantwortlich: PD Dr. J. Hübner, Prof. K. Münstedt, Prof. O. Micke, PD Dr. R. Mücke, Prof. F.J. Prott, Prof. J. Büntzel, Prof. V. Hanf, Dr. C. Stoll Methode/Substanz
Glutamin ist eine essentielle Aminosäure. Glutamin ist ein wesentlicher Nahrungsstoff für die
Enterozyten. In diesem Zusammenhang wurde mehrfach die schützende Wirkung von
Glutamin auf die gastrointestinale Schleimhaut während einer Chemotherapie beschrieben.
Die verwendeten Dosierungen schwanken von 2 g/qm zu 30 g täglich.
Glutamin wird aus dem Darm zu 50-80 % resorbiert. Nach Aufnahme von 0,1 g pro kg
Körpergewicht steigt der Plasmaspiegel um 50 % an. Die de novo-Synthese kann in fast
allen Geweben über das Enzyme Glutamin-Synthetase erfolgen.
Wirksamkeit in Bezug auf den Verlauf der Tumorerkrankung
Keine kontrollierten klinischen Studien.
Wirksamkeit als supportive Therapie
Mucositis In
einem
COCHRANE-Review
zur
Prävention
der
oralen
Mukositis
unter
antitumoraler Therapie wurden die intravenöse Gabe von Glutamin als wirksam
bewertet (Worthington 2011).
In einer randomisierten offenen Studie verminderte die Gabe von Glutamin (10 g in
1000 ml Wasser) im Vergleich zu keiner Therapie die orale Mucositis während einer
adjuvanten Radiatio signifikant (Chattopadhyay 2014).
In einer randomisierten doppelblind placebokontrollierten Studie konnte bei Patienten
mit Kopf-Hals-Tumoren während einer Radiochemotherapie durch die Gabe von
1 Vitamin (10 g 3x/d) die Rate an schwerergradigen Mucositiden signifikant gesenkt
werden (Tsujimoto 2015).
Diarrhoe In 2 randomisierten doppelblind plazebokontrollierten Studien konnte mit einem
oralen Glutaminsupplement (30 g/Tag) keine Verbesserung von Diarrhöen unter
Radiatio oder Radio Chemotherapie des Beckens erreicht werden (Rotovnik 2011).
Eine weitere Arbeitsgruppe berichtet sogar über eine stärkere Enteritis als im
Placeboarm (Vidal-Casariego 2015).
Gewichtsverlust Glutamin wurde in mehreren Studien in Kombination mit Arginin und anderen
Bestandteilen einer so genannten Immunonutrition untersucht. Es ergaben sich in
einigen Studien positive Effekte auf den Gewichtsverlauf bei Patienten mit Kachexie.
In anderen Studien konnte dieser positive Effekt nicht nachgewiesen werden.
Geschmacksstörungen Glutamin hat in einer placebokontrollierten Doppelblindstudie keinen Effekt auf
Geschmacksstörungen gezeigt (Strasser 2008).
Myalgien Glutamin hat in einer placebokontrollierten Studie keinen Effekt auf Mylagien und
Arthralgien nach Paclitaxel gezeigt (Jacobson 2003).
Polyneuropathie In einer Studie konnte mit einer Glutamindosis von 15 g 2x täglich für 7 Tage,
beginnend am Tag der Oxaliplatin-Infusion. die Ausbildung von Grad 3-4
Neuropathie unter Oxaliplatin im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich gesenkt
werden. Auch die Beeinträchtigung im täglichen Leben war deutlich niedriger.
Elektrophysiologische Untersuchungen ergaben keinen Unterschied der Grad 3-4
Neurotoxizität. Im Ansprechen auf die Chemotherapie oder im Überleben zeigte sich
kein signifikanter Unterschied (Wang 2007).
2 In einem systematischen Review wurde für Glutamin keine Wirksamkeit auf die
chemotherapieinduzierte periphere Polyneuropathie gefunden (Schloss 2013).
Interaktionen
Keine klinischen Daten bekannt
Unerwünschte Wirkungen
In einem systematischen Review mit Metaanalyse wurde die Wirkung von Glutamin
auf die Mukositis bei Stammzelltransplantation untersucht. Die Autoren kommen zu
der Schlussfolgerung, dass vielleicht ein Trend hin zu weniger Nebenwirkungen
besteht, dass jedoch bzgl. der subjektiven Symptome kein Unterschied feststellbar
ist. Die Anzahl der Tage mit einer Opiattherapie konnte reduziert werden und ebenso
das Risiko für eine GVHD. Auch klinische Infektionen wurden vermindert. Gleichzeitig
ist in den Studien jedoch das Risiko für ein Rezidiv erhöht (RR=2,91, 95% CI 1,346,29).
Es gab keinen Effekt der Glutamingabe ob oral oder intravenös auf die
Gesamtmortalität im Zusammenhang mit der Transplantation bis Tag 100. (Crowther
2009)
In einem systematischen Review zur Wirkung von Naturstoffen bei oraler Mukositis
kommen die Autoren zu der Schlussfolgerung, dass von der Gabe von intravenösem
Glutamin zur Prävention bei Hochdosischemotherapie abgeraten werden sollte.
(Yarom 2013)
Kontraindikationen
Nicht bekannt.
Literatur
Chattopadhyay
S,
Saha
A,
Azam
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management of oral mucositis in cancer patients. Support Care Cancer.
2013 Jun 14. [Epub ahead of print]
Die Faktenblätter sind nach Kriterien der Evidenzbasierten Medizin erstellt. Angaben
beziehen sich auf klinische Daten, in ausgewählten Fällen werden präklinische Daten
zur Evaluation von Risiken verwendet. Um die Informationen kurz zu präsentieren,
wurde auf eine abgestufte Evidenz zurückgegriffen. Im Falle, dass systematische
Reviews vorliegen, sind deren Ergebnisse dargestellt, ggf. ergänzt um Ergebnisse
aktueller klinischer Studien. Bei den klinischen Studien wurden bis auf wenige
Ausnahmen nur kontrollierte Studien berücksichtigt. Die Recherche erfolgte
systematisch in Medline ohne Begrenzung des Publikationsjahres mit einer
Einschränkung auf Publikationen in Deutsch und Englisch.
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