Somatostatin - Deutsches Ärzteblatt

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DEUTSCHES ÄRZTEBLATT
Aktuelle Medizin
Zur Fortbildung
Somatostatin:
Neurotransmitter, Gewebsfaktor
und Hormon
Ein Peptid im Zentralnervensystem und Gastrointestinaltrakt
Volker Schusdziarra
Aus der Abteilung Innere Medizin I
(Direktor: Professor Dr. med. Dr. h. c. mult. Ernst F. Pfeiffer
Zentrum für Innere Medizin der Universität Ulm
Entdeckung des Somatostatins
Im Jahre 1968 berichtete die Arbeitsgruppe um Krulich et al. über
einen Faktor aus dem Hypothalamus, der die Freisetzung von
Wachstumshormon hemmt. Diese
Beobachtung wurde zufällig gemacht anläßlich der Suche nach
dem hypothalamischen Faktor,
der die Freisetzung des Wachstumshormons stimulieren soll. Ein
Jahr später berichteten Hellman
und Lernmark über eine Substanz
aus den Langerhans'schen Inseln
des Pankreas, welche die Insulinsekretion hemmt. Diese Befunde,
erhoben an zwei voneinander weit
entfernt liegenden Organen, fanden ihre gemeinsame Erklärung
durch die Entdeckung des Somatostatins im Jahre 1972 durch R.
Guillemin am Salk-Institute. Somatostatin wurde aus den Hypothalami von Schafen extrahiert
und seine Aminosäuresequenz
aufgeklärt.
Darstellung 1 zeigt die Struktur
von Somatostatin. Es handelt sich
um ein Peptid, das aus 14 Aminosäuren besteht, und das über eine
Disulfidbrücke zwischen den Ami-
Somatostatin ist ein Peptid,
das im zentralen Nervensystem und auch im MagenDarm-Trakt vorkommt. Es ist
ein wesentlicher regulierender Faktor für Funktionen der
Hypophyse, des Magens und
der Bauchspeicheldrüse. Da
es eine starke hemmende Wirkung auf exokrine
und endokrine Funktionen
ausübt, ergeben sich zahlreiche Ansätze, Somatostatin
therapeutisch anzuwenden.
nosäuren 3 und 14 zu einer
Schleife geformt ist. Nachfolgende Untersuchungen haben ergeben, daß außer diesem Peptid mit
14 Aminosäuren noch ein weiteres Somatostatinmolekül mit 28
Aminosäuren existiert.
Lokalisation von Somatostatin
Somatostatin ist in Nervenzellen
des Zentralnervensystems nachweisbar, hier insbesondere im Hypothalamus und in der Eminentia
mediana, in der die Portalgefäße,
die die Verbindung zwischen Hypothalamus und Hypophysenvorderlappen herstellen, entspringen. Weiterhin findet man somatostatinhaltige Fasern, die in das
limbische System ziehen, und andere wiederum verlaufen zum
Hirnstamm und zum Rückenmark.
Außerdem hat man Somatostatin
neben zahlreichen anderen Peptiden in der Retina nachgewiesen.
Neben der Lokalisation im Zentralnervensystem findet man somatostatinhaltige Neurone auch
im peripheren Nervensystem. So
gelang es, dieses Peptid im Nervus trigeminus sowie im Nervus
vagus und in den Nervi splanchnici nachzuweisen. Außerdem wurde Somatostatin in den Nervenzellen des Plexus myentericus
und Plexus submucosus als Bestandteil der autonomen lnnervation des Gastrointestinaltraktes
nachgewiesen. Diese morphologi3chen Befunde deuten darauf hin,
daß somatostatinhaltige Nervenfasern möglicherweise an der Übertragung von Sinnesreizen sowie
an der Regulation vegetativer
Funktionen beteiligt sind. Im Gastrointestinaltrakt und im Pankreas ist Somatostatin in endokrinen
Ausgabe A 81. Jahrgang Heft 51/52 vom 21. Dezember 1984 (33)
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Somatostatin
Zellen, den sogenannten D-Zellen, lokalisiert. Diese D-Zellen findet man in den Langerhans'schen
Inseln, im Fundus und Antrum des
Magens sowie in verteilter Form
verstreut über den gesamten
Dünn- und Dickdarm.
und
Hypophysenvorderlappen
darstellt, kann so im Zusammenspiel mit dem Releasing-Hormon
für das Wachstumshormon eine
enge Kontrolle durchgeführt werden. Es existiert hier ein direkter
Feedback-Mechanismus, indem
Wachstumshormon die hypothalamische Somatostatinfreisetzung
lektive Wirkung auf bestimmte
Teilfunktionen des Hypophysenvorderlappens ausübt.
Gastrointestinaltrakt
Der Einfluß einer Somatostatininfusion auf die verschiedenen
Funktionen des Magen-Darm-
Wirkungsweise von Somatostatin
Die Lokalisation von Somatostatin
in Neuronen des zentralen und
peripheren Nervensystems sowie
in endokrinen D-Zellen im Gastrointestinaltrakt und Pankreas bedingt die komplexe Wirkungsweise dieses Peptids. Die Freisetzung
aus Nervenendigungen führt zu
einer Funktion als Neurotransmitter oder Neuromodulator und
macht Somatostatin zum Bestandteil des sogenannten peptidergen Nervensystems. Aus den
D-Zellen wird Somatostatin in den
interstitiellen Raum oder in das
Gefäßsystem abgegeben. Die
Freisetzung in den interstitiellen
Raum führt zu einer Diffusion des
Peptids zu benachbarten Zellen,
die in unmittelbarer Umgebung
liegen, und so zu einer lokalen
oder parakrinen Wirkung von Somatostatin. Die Freisetzung in das
Gefäßsystem ist die Voraussetzung für die Funktion als endokrine Substanz und damit klassisches Hormon. Außerdem ist Somatostatin im Lumen des MagenDarm-Traktes sowie im exokrinen
Sekret des Pankreas nachgewiesen worden, so daß eine mögliche
Wirkung von Somatostatin auf andere Zellen des Gastrointestinaltraktes über diesen Weg ebenfalls
denkbar ist*).
Funktion von Somatostatin
Hypophyse
Entsprechend den ursprünglichen Befunden hemmt Somatostatin die Freisetzung von Wachstumshormon. Über die Ausschüttung von Somatostatin aus Neuronen des Hypothalamus in das portalvenöse System, das die Verbindung zwischen Hypothalamus
3810
Darstellung 1: Struktur von Somatostatin
steigert. Weiterhin wird die hypothalamische Somatostatinsekretion durch zahlreiche Neurotransmitter beeinflußt, die somit indirekt ihren Einfluß auf die Sekretion von Wachstumshormon ausüben können.
Somatostatin hemmt außerdem
die Freisetzung von Thyreotropin
(TSH). Im Tierexperiment kann
gezeigt werden, daß die Neutralisation von Somatostatin durch
entsprechende Antikörper zu einem Anstieg nicht nur von Wachstumshormon, sondern auch von
TSH führt. Damit wird deutlich,
daß zwei Peptide der Hypophyse
durch die Sekretion von Somatostatin reguliert werden. Andererseits hat Somatostatin unter physiologischen Bedingungen keinen
Einfluß auf die Freisetzung von
adrenokortikotropem, luteinisierendem und follikelstimulierendem Hormon (ACTH, LH und
FSH). Diese Befunde zeigen, daß
Somatostatin nicht ein genereller
Hemmfaktor ist, sondern eine se-
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Ausgabe A
Traktes sowie des Pankreas ist in
Tabelle 1 dargestellt. Auf Grund
dieser Untersuchungen hemmt
Somatostatin die Motilität des
Darmes sowie praktisch alle endound exokrinen Funktionen von
Magen und Pankreas. Da die DZellen in unmittelbarer Nachbarschaft von säureproduzierenden
Parietalzellen oder Gastrin sezernierenden G-Zellen oder im Pankreas Insulin sezernierenden BZellen lokalisiert sind, liegt die
Vermutung nahe, daß die durch
die Infusion hervorgerufenen Wirkungen des Somatostatins einen
lokalen oder parakrinen Effekt widerspiegeln. Diese Möglichkeit
der parakrinen Wirkungsweise ist
naheliegend, jedoch momentan
nicht experimentell beweisbar auf
Grund der methodischen Probleme, die Hormonkonzentrationen
und die Sekretionsvorgänge im
interstitiellen Raum zu messen. I>
*) Siehe auch Gross, R., Durch Darm und Pankreas verursachte Paraneoplastische Syndrome, Deutsch. Ärztebl. 79, Heft 28 (1982)
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Somatostat in
Andererseits wissen wir, daß Somatostatin in die Zirkulation freigesetzt wird , und es gibt zahlre iche Hinweise dafür, daß Somatostatin neben einer möglichen lokalen oder parakrinen Wirkung
auch als klassisches Hormon über
den Blutkreislauf seine Einflüsse
vermitteln kann. Die Somatostatinkonzentrationen im periphervenösen Plasma steigen nach Einnahme einer Mahlzeit an . Dies
kann tierexperimentell und auch
am Menschen nachgewiesen werden. Die Somatostatinsekretion
aus Magen-Darm-Trakt und Pankreas wird durch zahlreiche Faktoren wie Nahrungsbestandteile, Magensäure, Neurotransmitter, lokale Gewebsfaktoren wie Histamin
und Prostaglandine und andere
intestinale Hormone reguliert.
Diese Daten zeigen , daß die Freisetzung von Somatostatin aus den
O-Zellen einer Vielzahl von Regulationsmechanismen
unterliegt,
welche eine Feinabstimmung der
Somatostatinsekretion
ermöglichen . Weiterhin konnte gezeigt
werden, daß Somatostatininfusionen in physiologischer Dosierung,
das heißt in Mengen , die in etwa
den Anstieg nach Einnahme einer
Mahlzeit imitieren , einen biologischen Effekt auf verschiedene
Funktionen innerhalb des Gastraintestinaltraktes und des Pankreas ausüben . Diese Ergebnisse
sind in Tabelle 2 zusammengefaßt. ln tierexperimentellen Untersuchungen führt die Neutral isation von Somatostatin in der Blutbahn durch Antikörper zu einer
gesteigerten Sekretion gastrointestinaler und pankreatischer Hormone sowie zu einer raschen Aufnahme von Nahrungsbestandteilen wie Fett und Kohlenhydraten
aus dem Darmtrakt in die Blutbahn. Dementsprechend liegt die
Vermutung nahe, daß dem Somatostatin, das aus den O-Zellen des
Magen-Darm-Traktes
und
des
Pankreas in die Blutbahn freigesetzt wird, eine Art Stoßdämpferfunktion zukommt, über die eine
überschießende Reaktion anderer
exo- und endokriner Funktionen
vermieden wird .
Hemmung
gasireintestinaler Funktionen
durch Somatostatin:
.."..
.."..
.."..
.."..
.."..
.."..
.."..
Magensäuresekretion
Magenentleerung
Pepsinsekretion
Darmmotilität
Pankreassekretion
Gallenblasenkontraktion
Absorption von Fett,
Eiweiß und Glukose
..".. Splanchnikusdurchblutung
..".. Gastrin
..".. Sekretin
..".. Motilin
..".. Gastric lnhibitory Peptide
(GIP}
..".. Vasoactive Intestinal
Peptide (VIP)
..".. Neurotensin
..".. Bombesin
..".. Gut-Giukagon
..".. Cholezystokinin (CCK)
.."..Insulin
..".. Glukagon
..".. pankreatisches Polypeptid
Tabelle 1
Die intravenöse Somatostatininfusion in physiologischer
Dosierung hemmt die folgenden Funktionen:
.."..
.."..
.."..
.."..
.."..
.."..
.."..
.."..
Magensäure
Magenmotilität
exokrine Pankreassekretion
Gallenblasenkontraktion
Triglyzerid-, Glukose- und
Xyloseabsorption
Insulinsekretion
Glukagonsekretion
Tabe lle 2
..".. Die physiologische Rolle des
Somatestatins liegt also nicht in
einer totalen Hemmung anderer
Funktionen , sondern vielmehr
darin, eine Feinabstimmung zu
bewirken und so das Maximum
exo- und endokriner Sekretionsvorgänge einzuschränken und
den Übertritt von Nahrungssubstanzen in die Blutbahn zu verzögern. Eine derartige Wirkung trägt
dazu
bei ,
daß
übermäßige
Schwankungen der Konzentration
einzelner Hormone und auch der
Nahrungsbestandteile im Blut vermieden werden .
Somatostatin
als pathogenetischer Faktor
Somatostatin hemmt die Säuresekretion
und
stimuliert die
Schle improduktion des Magens.
Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, daß während einer
intravenösen Infusion von Samatastatin StreBulzera in verschiedenen Tiermodellen vermindert werden . Dieses Ergebnis deutet auf
die Mögl ichkeit hin , daß ein Somatostatinmangel als pathogenetischer Faktor bei der Entstehung
des Ulcus pepticum in Betracht zu
ziehen ist.
Die Zahl der somatostatinproduzierenden O-Zellen ist beim Ulcus
duodeni und Ulcus ventriculi mit
großer Wahrscheinlichkeit nicht
verändert , und auch die Freisatzung von Somatostatin aus Magenschleimhautbiopsien ist bei
Patienten mit Ulcus duodeni nicht
vermindert. Lediglich bei Patienten mit Ulcus ventriculi konnte eine verringerte Somatostatinfreisetzung gefunden werden . Dies
dürfte jedoch die Folge der Subund Hypoazidität bei diesen Patienten sein , da die Magensäure
bekanntermaßen einer der stärksten Stimuli für die Somatostatinsekret ion ist.
Einen weiteren Hinweis auf eine
mögliche pathogenetische Bedeutung des Somatestatins findet
man im Rahmen des Hyperinsul inismus und der Adipositas . ln verschiedenen Tiermodellen , die mit
einer Adipositas und einem Hyperinsulinismus einhergehen, ist
der Somatostatingehalt des Pankreas deutlich vermindert. Ebenso konnte eine verm inderte Freisatzung von Somatostatin nach
Nahrungsaufnahme bei adipösen
Patienten im Vergleich zu normalgewicht igen Probanden gefunden
werden . Da aber andererseits das
Insulin ein starker hemmender
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Somatostatin
Faktor der Somatostatinfreisetzung ist, bleibt die Frage nach Ursache und Wirkung zunächst offen, da sowohl der Hyperinsulinismus eine Verringerung des Somatostatingehaltes und der Freisatzung bewirken könnte , als auch
umgekehrt eine niedrige Somatostatinsekretion den Hyperinsulinismus begünstigen könnte .
Eine eindeutige Zuordnung von
Veränderungen des Somatostatinspiegels zu klinischen Befunden läßt sich nur bei dem Krankheitsbild des SomatostatinomSyndroms durchführen . Bei Patienten mit dieser Krankheit wird
Somatostatin in hohen Mengen
aus einem Tumor, der zumeist im
Pankreas gelegen ist, in die Blutbahn freigesetzt. Die Symptome
sind in Tabelle 3 aufgeführt .
aus diesem Grunde bot sich an ,
Somatostatin in der Therapie der
akuten Pankreatitis einzusetzen.
Die Wirkung von Somatostatin bei
der akuten Pankreatitis w ird derze it in einer Multicenter-Studie
ausgetestet , und es wird sich zeigen müssen , ob die in Einzelfallberichten dargelegten günstigen
Befunde sich hier bestätigen lassen und damit den weiteren Einsatz von Somatostatin bei der akuten Pankreatitis rechtfertigen .
Befunde
bei Somatostatinom-Syndrom:
~
~
Diabetes mellitus
Steatorrhö
~Diarrhö
~
~
Cholezystolithiasis
Anazidität
~exokrine
Somatostatin in der Therapie
Somatostatin ist therapeutisch
überwiegend bei Erkrankungen
des Magen-Darm-Traktes und der
eingesetzt
Bauchspeieheld rüse
worden . Die Reduktion der Magensäuresekretion, die Förderung
der Schleimsekretion und die Reduktion des mesenterialen Blutflusses waren die Gründe, Somatostatin in der Therapie der Ulkusblutung einzusetzen. Neben Einzelfallberichten und unkontrollierten Studien wurde auch in einer
kontrollierten randomisierten Untersuchung ein signifikanter Therapieerfolg des Somatostatins bei
Ulkusblutung nachgewiesen. Verglichen wurde Somatostatin in
dieser Studie mit Cimetidin (Tagamet®), das in wesentlich weniger
Fällen die Blutung zum Stehen
brachte.
Somatostatin in der Prophylaxe
des StreBulkus einzusetzen ist
zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich
nicht gerechtfertigt, da bei den erforderlichen pharmakalogischen
Dosierungen die Nebenwirkungen zu groß sind.
Am Pankreas hemmt Somatostatin die exokrine Sekretion , und
3812
~
Pankreasinsuffizienz
Malabsorption
Tabelle 3
Eine Anwendung des Somatestatins scheint bei verschiedenen
Formen von Fisteln gerechtfertigt
zu sein . So konnten Dünndarmfisteln nach mehrmaligen Laparotomien (enterokutane Fisteln) sowie Pankreasfisteln innerhalb von
Tagen zum Verschluß und zur Abheilung gebracht werden. Inwieweit die Reduktion der Splanchnikusdurchblutung durch Somatostatin bei der Behandlung der
akuten Ösophagusvarizenblutung
eingesetzt werden kann, scheint
auf Grund der vorliegenden Studien fraglich . Untersuchungen an
Leberzirrhotikern zeigen, daß Somatostatin nicht in der Lage ist,
den portalen Druck und die Leberdurchblutung zu vermindern .
Ein therapeutischer Einsatz ist b_ei
Vorliegen gastrointestinaler Tumoren , die endokrin wirksame
Substanzen sezernieren, sinnvoll .
Diese Tumoren, die gut auf die
Gabe von Somatostati n ansprechen , sind in Tabelle 4 zusammengefaßt. Die potente antise-
Antisekretorische Therapie
bei endokrinen Tumoren des Gastrointestinaltraktes
Tumor
Hemmung der Sekretion von
lnsulinom
Glukagonom
Karzinoid
Insulin
Glukagon
Seroton in?
Kallikrein?
Vasoactive Intestinal
Polypeptide (VIP)
Verner-Morrison-Syndrom
(VIPom oder WDHA-Syndrom)
Tabelle 4
Tierexperimentelle U ntersuchu ngen haben jedoch bereits gezeigt,
daß der Zeitpunkt im Verlauf einer
Pankreatitis , zu dem Somatostatin
als therapeutisches Mittel hinzugegeben wird , von größter Bedeutung für die Wirkung ist , das heißt,
er sollte möglichst früh liegen.
Dieses Ergebn is könnte den wirkungsvollen Einsatz bei der Behandlung der menschlichen Pankreatitis begrenzen, da in aller Regel Somatostatin erst gegeben
w ird, wenn der entzündliche Prozeß bereits längere Zeit bestanden hat.
(38) Heft 51 /52 vom 21. Dezember 1984 81 . Jahrgang
Ausgabe A
kretorische Wirkung des Somatostatins beseitigt hier für den Patienten lästige und zum Teil auch
gefährliche Symptome wie HypoFlushDiarrhoen ,
glykämien,
Symptomatik.
Es muß jedoch bedacht werden ,
daß Somatostatin lediglich die
Symptome, nicht aber den Tumor
in seinem Wachstum beeinflußt.
Aus diesem Grund handelt es sich
hier um eine palliative, nicht aber
um eine kurative Therapie. Das
bedeutet, daß Somatostatin in diesen Fällen nur dann zur Anwen-
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Somatostatin
dung gelangen sollte, wenn eine
Operation nicht möglich ist beziehungsweise der Tumor und seine
Metastasen nicht vollständig beseitigt werden können. Außerdem
können präoperative Phasen
überbrückt werden, in denen der
Allgemeinzustand des Patienten
für die Operation deutlich verbessert werden kann.
Ein Nachteil bei der therapeutischen Anwendung des Somatostatins ist seine kurze Halbwertszeit. Dies erfordert eine kontinuierliche intravenöse Applikation des Peptids, um einen ausreichenden therapeutischen Effekt
zu erzielen.
Somatostatin-Analoga sind inzwischen bei Patienten mit Insulinom
oder Vipom und Karzinoid-Syndrom erfolgreich eingesetzt worden, und es gibt inzwischen Somatostatin-Analoga, die zweimal
täglich subkutan appliziert werden können und eine ausreichende Wirkung auf verschiedene endokrine Funktionen ausüben.
Ein abschließendes Urteil hierüber kann jedoch zum jetzigen
Zeitpunkt noch nicht abgegeben
werden, da zwar schon einiges
über die Wirkungen, aber bisher
nur wenig über die Nebenwirkungen dieser Substanzen bekannt
ist. Zusammenfassend kann folgendes gesagt werden:
1. Somatostatin gehört zu den
Peptiden, die dem Zentralnervensystem, dem peripheren Nervensystem und dem endokrinen System des Gastrointestinaltraktes
gemeinsam sind.
6. Der therapeutische Einsatz von
Somatostatin ist bei bestimmten
Indikationen und unter Berückausgeprägten
der
sichtigung
Hemmwirkung an zahlreichen Organen durchaus sinnvoll.
Lite ratu r
2. Somatostatin kann auf Grund
dieser Lokalisation eine Funktion
als Neurotransmitter, lokaler Gewebsfaktor oder Hormon ausüben.
3. Dem hypothalamisch freigesetzten Somatostatin kommt eine
physiologische Bedeutung in der
Regulation einzelner hypophysärer Funktionen (Wachstumshormon und TSH) zu.
4. Aus dem Gastrointestinaltrakt
freigesetztes Somatostatin übt eine Stoßdämpferfunktion bei der
Regulation zahlreicher exo- und
endokriner Funktionen des Magen-Darm-Traktes aus.
5. Eindeutig gesicherte Hinweise
für eine pathogenetische Bedeutung des Somatostatins bei verschiedenen Erkrankungen im Gastrointestinaltrakt und im Stoffwechsel sind bisher nur bei Überproduktion in Form des Somatostatinom-Syndroms gesichert.
(1) Arnold, R.; Lankisch, P. G.: Somatostatin
and the gastrointestinal tract. Clin. in Gastroenterol. 9 (1980) 733-754 — (2 Malfertheiner,
P.; Schusdziarra, V.; Junge, U.: Physiologische
pharmakologische und therapeutische Wirkung von Somatostatin auf den Gastrointestinaltrakt. Internistische Welt (1982) 269-295 —
(3) Pfeiffer, E. F.; Schusdziarra, V.: What can a
clinician extract from the development of somatostatin for therapy? Proceedings 2nd Int.
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Reichlin, S.: Somatostatin. New Engl. J. Med.
309 (1984) 1495-1501 und 1556-1563 — (5)
Schusdziarra, V.: Somatostatin — a regulatory
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— (6) Schusdziarra, V.: Somatostatin — physiological and pathophysiological aspects.
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69-84 — (7) Schusdziarra, V.; Grube, D., Seifert,
H.; Galle, J.; Etzrodt, H.; Beischer, W.; Haferkamp, 0.; Pfeiffer, E. F.: SomatostatinomaSyndrome. Clinical, morphological, metabolic
features and therapeutic aspects. Klin. Wschr.
61 (1983) 681-689.
Anschrift des Verfassers:
Dr. med. Volker Schusdziarra
Klinikum der Universität Ulm
Steinhövelstraße 9
7900 Ulm (Donau)
FÜR SIE GELESEN
Migräneprophylaxe
durch Verapamil
In einem plazebokontrollierten
Doppelblindversuch wurde die
Wirksamkeit von Verapamilhydrochlorid (bei uns z. B. lsoptin® ) zur
Migräneprophylaxe untersucht.
Zwölf Patienten im Alter von 22 bis
60 Jahren erhielten in zwei aufeinanderfolgenden Dreimonatsperioden randomisiert entweder viermal täglich 80 Milligramm Verapamil oder ein Plazebo. Frequenz,
Schwere und Dauer der Migräneattacken wurden durch tägliche
Protokolle und monatliche Fragebögen quantitativ bestimmt. Zehn
der zwölf Patienten hatten unter
der Verapamiltherapie seltener
Migräne. Die Migränehäufigkeit
ging unter Verapamil von 6,7 auf
3,8 Anfälle pro Patient pro Monat
zurück (p< 0,05), bei einer mittleren Abnahme der Häufigkeit der
Migräneanfälle von 49 Prozent.
Auch die Schwere der Attacken
nahm ab; der pro Patient errechnete Kopfschmerzindex fiel im
Mittel von 0,61 auf 0,44. Nach dieser Untersuchung scheint Verapamil, wie die Autoren schließen, ein
wirksames Mittel zur Migräneprophylaxe zu sein. Bis weitere größere Untersuchungen durchgeführt sind, sollte Verapamil zur
Migräneprophyläxe begrenzt werden auf Patienten, die (3-Blocker
entweder nicht vertragen oder
nicht darauf reagieren, auf Patienten mit Migräne und supraventrikulären Tachyarrhythmien sowie
auf Patienten mit Migräne und Angina pectoris. dpe
Solomon, G. D. et al.: Verapamil Prophylaxis of
Migraine, JAMA 250 (1983) 2500-2502, Dr.
Glen D. Solomon, Department of Infernal Medicine, US Air Force Medical Center. Scott
AFB, IL 62225. USA
Ausgabe A 81. Jahrgang Heft 51/52 vom 21. Dezember 1984 (41)
3813
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