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GERHARD ROTH
UMWELT-NEUROLOGIE:
WARUM WIR NICHT TUN, WAS WIR TUN
SOLLTEN
…und wie man das ändern kann
INSTITUT FÜR HIRNFORSCHUNG
UNIVERSITÄT BREMEN
 G. Roth, 2014
AUSGANGSPROBLEM
Die meisten Bundesbürger befürworten ganz generell einen
sorgfältigeren Umgang mit den Energieressourcen, die Ziele des
Klimaschutzes und auch die Energiewende.
Viel weniger Menschen ziehen daraus Folgerungen für ihr eigenes
Verhalten.
Noch weniger Menschen verändern entsprechend ihr Verhalten
nachhaltig und langfristig.
„Je mehr die Leute über die Energiewende sprechen, desto
weniger tun sie etwas“ (de Haan, 2013)
Warum ist dies so?
PROBLEME DES VERSTÄNDNISSES VON
INFORMATIONEN BZW. APPELLEN ZUR ENERGIEWENDE
Die täglichen Informationen zur Begründung der EW, zur Darstellung des Ist-Zustandes und zu den Prognosen, die von unterschiedlichen Stellen (Regierung, Regierungsmitgliedern, Parteien, Wirtschaftsverbänden, Verbraucherverbänden, aber auch Experten)
vermittelt werden, sind oft widersprüchlich.
Es werden jeweils bloße Meinungen als Gewissheiten ausgegeben.
Dies macht ein Verständnis der Problemlage und der eventuellen
Problembehebung schwierig bis unmöglich.
Die Bevölkerung nimmt vor allem wahr, dass die Energiepreise
deutlich steigen und noch stärker steigen werden, aber auch hierfür
führen Regierung und Stromwirtschaft eine lange Liste an Gründen
an, die selbst Experten nicht genau durchblicken.
PROBLEME DER AKZEPTANZ VON
APPELLEN ZUR ENERGIEWENDE
Appelle werden befolgt,
• wenn die Inhalte der Botschaft klar und widerspruchsfrei und die
Informanten bzw. Appellanten glaubwürdig sind. Unglaubwürdig
sind diese dann, wenn sie schnelle Kehrtwendungen in ihren
Botschaften machen bzw. sich nicht an die eigenen Appelle halten.
• wenn die verlangten Veränderungen des Verhaltens mit den bisherigen bewussten und intuitiven Lebenserfahrungen übereinstimmen, also einleuchtend sind (z.B. „Erhaltung der Umwelt und
sorgfältiger Umgang mit Ressourcen sind wichtig“, aber auch
„Sparen lohnt sich für mich“).
• Wenn den Angesprochenen Zeit gegeben wird, die komplexen
Motive sich gegenseitig abarbeiten und Überzeugungen reifen zu
lassen.
GEHIRN, BEWUSSTSEINSWANDEL UND
VERHALTENSÄNDERUNG
Der Blick ins Gehirn zeigt uns, warum Informationen nicht automatisch zu Einsicht führen und Einsicht nicht automatisch zum
Handeln.
Kognitive Informationsverarbeitung findet auf „Ebenen“ des Gehirns
statt, die nicht direkt etwas mit Gefühlen und Absichten zu tun
haben.
Gefühle und Absichten werden nur in Handeln umgesetzt, wenn
zwischen bewussten Motiven auch unbewusste Motive und insbesondere tiefgreifende Persönlichkeitseigenschaften angesprochen
werden.
Dies geschieht auf verschiedenen „Ebenen“ des limbischen
Systems.
Seitenansicht des menschlichen Gehirns
Großhirnrinde
Kleinhirn
Innenansicht
des menschlichen Gehirns
Das limbische
System ist Sitz der
bewussten und
unbewussten
Gefühle und
Motive und damit
unserer Persönlichkeit
Hypothalamus
(nach Spektrum der
Wissenschaft,
verändert)
Limbisches
System
Untere limbische Ebene
Ebene unbewusst wirkender angeborener Reaktionen und Antriebe:
Schlafen-Wachen, Nahrungsaufnahme, Sexualität, Aggression –
Verteidigung – Flucht, Dominanz, Wut usw.
Diese Ebene ist überwiegend genetisch oder durch
vorgeburtliche Einflüsse bedingt und macht unser
Temperament aus. Sie ist durch Erfahrung und
Erziehung kaum zu beeinflussen.
Hierzu gehören grundlegende Persönlichkeitsmerkmale wie Offenheit-Verschlossenheit,
Selbstvertrauen, Kreativität, Vertrauen-Misstrauen, Umgang mit Risiken, Ordnungsliebe,
Zuverlässigkeit, Verantwortungsbewusstsein.
Querschnitt durch das menschliche Gehirn auf Höhe des
Hypothalamus
Großhirnrinde
Hypothalamus
Mittlere limbische Ebene
Ebene der unbewussten emotionalen Konditionierung: Anbindung elementarer Emotionen (Furcht, Freude, Glück, Verachtung,
Ekel, Neugierde, Hoffnung, Enttäuschung und Erwartung) an individuelle Lebensumstände.
Die Amygdala ist auch der Ort unbewusster Wahrnehmung
emotionaler kommunikativer Signale (Blick, Mimik, Gestik,
Körperhaltung, Pheromone).
Diese Ebene macht zusammen mit der
ersten Ebene (Temperament) den Kern
unserer Persönlichkeit aus. Dieser Kern
entwickelt sich in den ersten Lebensjahren
und ist im Jugend- und Erwachsenenalter
nur über starke emotionale oder lang
anhaltende Einwirkungen veränderbar.
Amygdala:
Zentrum für
emotionale
Konditionierung
und das
Erkennen
emotionaler
Signale
Amygdala
(Mandelkern)
Mesolimbisches System
(Substantia nigra,
ventrales tegmentales
Areal, Nucleus
accumbens) :
Nucleus
accumbens
Reaktion auf positive,
neuartige bzw. überraschende Reize
Antrieb durch Versprechen von Belohnung
(Dopamin)
Belohnungssystem
(hirneigene Opioide u.a
aus Hypothalamus)
Ventrales
Tegmentales
Areal
Obere limbische Ebene
Ebene des bewussten emotional-sozialen Lernens: Gewinn- und
Erfolgsstreben, Anerkennung–Ruhm, Freundschaft, Liebe, soziale
Nähe, Hilfsbereitschaft, Moral, Ethik.
Sie entwickelt sich in später Kindheit und Jugend. Sie wird wesentlich
durch sozial-emotionale Erfahrungen beeinflusst. Sie ist entsprechend
nur sozial-emotional veränderbar.
Hier wird zusammen mit den unteren
Ebenen die soziale Relevanz grundlegender sozial relevante Persönlichkeitsmerkmale festgelegt wie Machtstreben,
Dominanz, Empathie, Verfolgung von
Zielen und Kommunikationsbereitschaft .
Funktionale Gliederung der Großhirnrinde
BEWEGUNGSVORSTELLUNGEN
MOTORIK
ANALYSE
PLANUNG
ENTSCHEIDUNG
SOMATOSENSORIK
KÖRPER
RAUM
SYMBOLE
SEHEN
SPRACHE
BEWERTUNG
AUTOBIOGRAPHIE
OBJEKTE
HÖREN GESICHTER
SPRACHE SZENEN
Kognitiv-sprachliche Ebene
Gehirn: Linke Großhirnrinde, bes. Sprachzentren und präfrontaler
Cortex.
Ebene der bewussten sprachlich-rationalen Kommunikation:
Bewusste Handlungsplanung, Erklärung der Welt, Rechtfertigung
des eigenen Verhaltens vor sich selbst und anderen.
Sie entsteht relativ spät und verändert sich ein
Leben lang. Sie verändert sich im Wesentlichen
aufgrund sprachlicher Interaktion.
Hier lernen wir, wie wir uns darstellen sollen,
um voran zu kommen. Abweichungen zwischen
dieser Ebene und den anderen Ebenen führen
zur Diplomatie, zum Opportunismus, zur
Ausrede oder zur Lüge.
Funktionale Gliederung der Großhirnrinde
BEWEGUNGSVORSTELLUNGEN
MOTORIK
ANALYSE
PLANUNG
ENTSCHEIDUNG
SOMATOSENSORIK
KÖRPER
RAUM
SYMBOLE
SEHEN
SPRACHE
BEWERTUNG
AUTOBIOGRAPHIE
OBJEKTE
HÖREN GESICHTER
SPRACHE SZENEN
VIER-EBENEN-MODELL DER PERSÖNLICHKEIT
-
Veränderbarkeit und Verhaltensrelevanz der vier Ebenen
Die untere limbische Ebene (Temperament) hat den stärksten
Einfluss auf unser Verhalten, ist aber am wenigsten veränderbar.
Die mittlere limbische Ebene hat einen ebenfalls großen Einfluss
auf unser Verhalten. Veränderungen auf dieser Ebene sind jedoch
nur schwer zu erreichen, und zwar durch das Ansprechen individuell-emotionaler Motive und langes Einüben.
Die obere limbische, d.h. sozial-emotionale Ebene hat einen
geringeren Verhaltenseinfluss. Sie ist im wesentlichen durch
soziale Interaktion und Kommunikation veränderbar.
Die kognitiv-sprachlich-rationale Ebene hat von sich aus keinen
Einfluss auf unser Verhalten, sondern immer nur in Verbindung mit
den anderen Ebenen.
MASSNAHMEN ZUR VERÄNDERUNG DES
VERHALTENS VON MITMENSCHEN
1. ANORDNUNG UND BEFEHL
„Ab Anfang kommenden Monats treten folgende Änderungen in
Kraft… Wir erwarten, dass sich jeder an diese Anordnung hält,
sonst…“.
Vorteil: Sofortige Wirkung, keinerlei Vorbereitungen nötig.
Nachteil: Einschüchterung aufgrund einer Machtposition, die
immer einschränkend wirkt, nicht kreativ. Veränderungen wirken
nur so lange, wie Drohungen real sind, dann werden sie sofort
wieder eingestellt. Drohungen und Macht wecken bei den meisten
Menschen das Bedürfnis nach Vergeltung.
2. DER APPELL AN VERSTAND UND EINSICHT
„Die Situation erfordert die und die „alternativlosen“ Maßnahmen.
Das wird jeder einsehen, der sich unvoreingenommen mit der
Lage beschäftigt“.
Vorteil: Tatsächliche oder vorgebliche Unausweichlichkeit der
Maßnahmen. Kritiker können als uninformiert oder geistig
beschränkt dargestellt werden.
Nachteil: Der Appell an Verstand, Vernunft und Einsicht allein hat
keinerlei Einfluss auf das Verhalten – es gibt im Gehirn keine
direkten Verbindungen zwischen dem „Sitz“ von Verstand und
Intelligenz und den verhaltenssteuernden Zentren.
3. DER APPELL AN DIE SOLIDARITÄT
(„Druck auf die Tränendrüse“)
„Wir sitzen alle in einem Boot. Veränderungen sind dringend nötig,
jeder muss das Seine dazu beitragen!“
Vorteil: Momentane Emotionalisierung, Solidarisierung, Begeisterung.
Nachteil: Der Effekt ist meist nur vorübergehend und abhängig
von der Solidarität der Anderen und der Glaubwürdigkeit der
Appellanten. Der Addressat fragt sich bewusst oder unbewusst:
Was habe ICH letztlich davon?
Paradox: Solidarität hat nur dann eine lang anhaltende Wirkung,
wenn sie individuelle Vorteile bietet, sonst lässt sie schnell nach.
4. DAS ANSPRECHEN INDIVIDUELLER
EINSTELLUNGEN UND BEDÜRFNISSE
Menschen ändern sich in ihren Einstellungen und ihrem Handeln
nur dann, wenn sie damit bewusst oder unbewusst einen Vorteil
bzw. eine Belohnung verbinden.
Belohnungen könnten materieller Art (Ersparnisse, Prämien,
Vergünstigungen), sozialer Art (Erfolg, Ansehen, Macht) und
intrinsischer Art (Freude am Gelingen, Handeln aus Überzeugung) sein.
Dabei wirkt eine materielle Belohnung am schnellsten, verliert ihre
Wirkung aber auch am schnellsten. Bei der sozialen Belohnung
geht dies etwas langsamer. Nur die intrinsische Belohnung erschöpft sich nicht in ihrer Wirkung.
ZEITLICHE DISKONTIERUNG DER BELOHNUNGSERWARTUNG
Höhere Attraktivität früherer, aber kleiner Belohnung gegenüber späterer,
aber großer Belohnung. Der Verlauf der Diskontierung ist stark persönlichkeitsabhängig, d.h. bei risiko-aversiven Personen fällt sie stärker aus, bei
risiko-freudigen schwächer.
BEHARRUNGSVERMÖGEN
Das größte Hemmnis gegen einen Bewusstseinswandel und eine
Verhaltensänderung bei der Energiewende ist die tief in uns verwurzelte Tendenz zum „Weitermachen wie bisher“.
Das Festhalten an Gewohnheiten wird vom Gehirn durch das
Ausschütten von „Belohnungsstoffen“ verstärkt („liebe Gewohnheiten“). Dies dämpft Änderungs- und Zukunfts-ängste, die gerade
in Deutschland stark verbreitet sind.
Jeder Aufruf zur Verhaltensänderung muss eine Belohnung in
Aussicht stellen, die größer ist, als die Belohnung, die wir durch
das „Weitermachen wie bisher“ erhalten.
Striato-Pallidum
als Zentrum von
Gewohnheiten
Striato-Pallidum
WAS BEDEUTET DAS ALLES FÜR DEN
BEWUSSTSEINS- UND VERHALTENSWANDEL IM
RAHMEN DER ENERGIEWENDE?
BESSERE INFORMATIONSPOLITIK
• Die öffentlichen Informationen, Botschaften und Appelle zum
Klimawandel und zur Energiewende müssen einfach, klar und
widerspruchsfrei sein. Es ist für den Bürger völlig demotivierend,
wenn sich die Hauptakteure, vor allem Regierung und Wirtschaft,
wider-sprechen. Dies muss unter allen Umständen vermieden
werden.
• Besonders wichtig ist dabei die Glaubwürdigkeit der Akteure,
d.h. es muss der Eindruck vermieden werden, die Appelle dienten
nur dem politischen Tagesgeschäft und die vorgeschlagenen
Maßnahmen nur der Erhöhung des eigenen Profits.
BEZUG AUF DEN ALLTAG UND DIE
DENKWEISEN DER BÜRGER
• Informationen und Appelle müssen so formuliert sein, dass ein
durchschnittlicher Bundesbürger damit etwas anfangen kann, d.h.
nicht zu nebulös, nicht zu moralisierend, nicht zu technizistisch,
nicht zu ökonomistisch.
• Der Bürger muss sofort erkennen können: Es geht um mich und
meine Probleme! Von mir wird Umdenken und Anders-Handeln
verlangt, nicht von „den Anderen!“ Kein „man müsste mal…“
• Realismus beim Propagieren materieller Belohnungen. Wenn
materielle Anreize im Vordergrund stehen, folgt unausweichlich die
Enttäuschung (Solarenergie!).
KONKRETE ANLEITUNG ZUM HANDELN
• Vorgehen in kleinen Schritten, denn dies unterläuft die in
Deutschland verbreitete Veränderungsangst. Zwischen
Nahzielen und Fernzielen unterscheiden.
• Vorbilder nennen! „Was der kann, kann ich auch!“ Vorbilder
reduzieren ebenfalls stark die Veränderungsangst.
• Übergang von materiellen Anreizen über soziale Anreize
(öffentliche Anerkennung, Auszeichnungen usw.) zur intrinsischen Belohnung („ich tue das, weil ich verantwortungsvoll
handeln will!“).
• Positive und negative Rückmeldungen in glaubhafter Weise
vermitteln.
ZUSAMMENFASSUNG
• Informationen, auch wenn sie scheinbar klar sind, führen nur
dann zu Einsicht, wenn sie sowohl kognitiv als auch emotional
zu den bisherigen individuellen und sozialen Lebenserfahrungen
eines Menschen passen.
• Einsicht führt nur dann zu verändertem Handeln, wenn sie mit
der bewussten, intuitiven und unbewussten Persön-lichkeit und
den dazu gehörenden Motiven und Zielen eines Menschen
passen.
• Dies benötigt Zeit, d.h. ein „Ruhenlassen“ von Informationen und
Argumenten.
• Druck, klare Argumente und der bloße Appell an die Einsicht
allein haben noch niemanden langfristig geändert!
VIELEN DANK FÜR IHRE
AUFMERKSAMKEIT!
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart
8. Aufl. 2013
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