4) Gefahren durch Musik und Lärm

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 Inhaltsverzeichnis 1) Einleitung – Musik und Lärm .............................................................. 2 2) Musik und körperliche Reaktionen ..................................................... 4 a) Wirkung auf den Biorhythmus – Musik geht nicht nur in die Beine ................. 4 b) Musik als Antrieb – Musik als Entspannung .................................................... 5 3) Musik und Medizin ‐ Musiktherapie: .................................................. 6 a) Geschichte ...................................................................................................... 6 b) Definition: ....................................................................................................... 7 Rezeptive Musiktherapie .................................................................................. 7 Aktive Musiktherapie ....................................................................................... 7 c) Einsatzgebiete ................................................................................................. 8 4) Gefahren durch Musik und Lärm ........................................................ 9 a) Körperliche und organische Schäden ............................................................... 9 b) Psychische und psychosomatische Folgeerscheinungen ................................ 10 c) Gesellschaftspolitische Folgen ....................................................................... 11 d) Musik als Suchtmittel .................................................................................... 12 5) Schlusswort ...................................................................................... 12 6) Literaturverzeichnis………………………………………………………………………..13 1 1)Einleitung – Musik und Lärm „Musik wird oft nicht schön gefunden, weil sie stets mit Lärm verbunden“ Dieses Zitat des berühmten Dichters Wilhelm Busch aus dem letzten Jahrhundert hat bis heute Gültigkeit: Musik ist und bleibt eine subjektive Angelegenheit, sie ist das, was jeweils ein Mensch eben als Musik empfindet. Während für die einen Schönberg mit seiner Zwölftonmusik DIE Kunst schlechthin verkörpert, sind seine Werke für andere eine wirre, schrecklich anzuhörende Aneinanderreihung von Tönen; Der aggressive Punk‐Song, der tausende von Fans zu hysterischen Ausbrüchen bringt, verkörpert für ältere Generationen nichts weiter als reine Ruhestörung und primitive Musik. Auch die Blasmusik kann in diesem Zusammenhang als gutes Beispiel genannt werden: Bei einem Kirtag mag es für den musikbegeisterten Bierseligen eine einzige Freude sein, durchgehend Polka und Märsche dröhnen zu hören, für einen, der zufällig ins Bierzelt gerät, stellt sich jedoch einzig und allein die Frage, in welch seltsam vulgäre Szene er da hineingeraten ist. Wie mit der Musik, so verhält es sich auch mit den Geräuschen und mit Lärm. Nicht alles, was laut ist, muss auch als Lärm empfunden werden, selbst wenn es physikalisch einwandfrei als Lärm zu definieren wäre, weil die Schmerzgrenze von 120 Dezibel eindeutig überschritten wurde. Auch das Empfinden von Lärm hängt von einer subjektiven Einstellung zur Lärmquelle und von der Situation, in der man sich gerade befindet, ab. Die eigene Psyche spielt also eine bedeutende Rolle: Leiseste Geräusche können unglaublich stören, Krach kann als sympathisch erlebt werden. Ein Motorradfahrer, der aus lauter Freude den Motor an seiner Maschine aufdreht, bringt einen Spaziergänger sonntagnachmittags um den Verstand, weil der sich wiederum erholen will. Beim Versuch, Musik und Lärm zu definieren und voneinander abzugrenzen, lassen sich zunächst Töne, Klänge und Geräusche rein physikalisch bestimmen und voneinander unterscheiden: • Der Ton ist ein Schall von sinusförmigem Schwingungsverlauf • Der Klang ist das Zusammenwirken mehrerer, aus derselben Schallquelle stammender einfacher Töne, deren Schwingungen sinusförmig verlaufen • Das Geräusch ist ein Schall, der entsteht, wenn Stärke und Tonhöhe der Schallquelle einem raschen Wechsel unterliegen. Somit kann Musik als das bezeichnet werden, was der Mensch eben als Musik empfindet, Lärm hingegen ist störender Schall und ein unangenehmes Geräusch. 2 Die Wahrnehmung von Musik/Lärm erfolgt auf drei Ebenen des Bewusstseins: 1. Ebene: Unbewusstes Hören: Nur im Unterbewusstsein wird z.B. das Umweltgeräusch, das ständig auf uns einwirkt; erst wenn es fehlt und totale Stille eintritt, bemerken wir es richtig, die plötzliche Stille wirkt drohend, sogar tot. 2. Ebene: Signalhören: Auf dieser Ebene registrieren wir generell alle Geräusche und Klänge, die uns über das informieren, was in unserer Umgebung vorgeht, und uns auch vor Gefahren „warnt“. 3. Ebene: Symbolhören: Durch die Sprache mit anderen Menschen werden auf dieser Stufe Bewusstseinsinhalte vermittelt. Lärm wird bis zu einer gewissen Lautstärke fast ausschließlich aus psychologischen Gründen als solcher wahrgenommen. Erst oberhalb der Grenze von 65 Dezibel sind Reaktionen im Körper festzustellen, die unabhängig von der psychischen Einstellung zur Geräusch‐ bzw. Lärmquelle empfunden werden. Es ist also völlig egal, ob der Lärm in diesem Fall als störend oder unangenehm verspürt wurde oder nicht. Die Veränderungen bei Lärm über dieser Lautstärke wurden sowohl als Schreckreaktion beim Einsetzen als auch während der ganzen Dauer des Lärms und sogar noch darüber hinaus festgestellt. Je stärker und langandauernder der Lärm ist, desto eindeutiger werden die Reaktionen registriert und desto länger dauert die Zeitspanne, die der Körper nach Beendigung des Lärmeinflusses zur Erholung benötigt. Pro Stunde Lärmeinfluss – sei es nun ein lautes Konzert oder eine Fabrikhalle – sind 45 Minuten Erholungsdauer für das Gehör notwendig. Interessant ist hierbei, dass Menschen, die von sich behaupten, sich an gewissen Lärm, z.B. auf Grund ihres Arbeitsumfeldes, gewöhnt haben, zwar subjektiv Recht haben, weil sie das Geräusch nicht als lästig oder störend empfinden, ihr Körper sich jedoch nicht an den Krach anpasst und vollkommen eigenständig reagiert. Somit hat niemand, egal, welche Einstellung er zu bestimmten Lärmquellen hat, auf die negativen Reaktionen seines Körpers auf mehr als 65 Dezibel Einfluss. Ein weiterer Aspekt, der interessant erscheint, ist die Tatsache, dass der Geräuschpegel, dem wir tagtäglich durch Industrie‐ und Verkehrslärm ausgesetzt sind, unser musikalisches Empfinden beeinflusst, der bestimmte Grundton unserer akustischen Umwelt unmittelbaren Einfluss auf unser (musikalisches) Hören hat. 3 2) Musik und körperliche Reaktionen Wenn man sich selbst beobachtet, während man Musik hört, wird man einiges bemerken: Die einen wippen mit den Beinen, trommeln mit den Fingern am Tisch, andere wiederum bewegen sich rhythmisch mit dem ganzen Körper, wiegen ihren Kopf im Takt oder summen die Melodie. Anfang der sechziger Jahre machten Konzerte der Beatles Furore: Die Musik, so simpel und eintönig sie schien, versetzte tausende von Mädchen und Jungen in Ekstase, ließ sie kreischen, ihre Kleider zerfetzen und in Ohnmacht fallen, bis sie von Sanitätern abgeholt werden mussten – „Beatlemania“ wurden dieses Phänomen genannt. Dies ist nur eines von zahlreichen Beispielen dafür, dass der Reiz einer vom Rhythmus beherrschten und in großer Lautstärke vorgetragenen Musik das Publikum unkontrolliert reagieren lässt und den Körper in rauschhafte, ekstatische und hysterische Schwingungen versetzt. Durch Musik ausgelöste Reize sind also imstande, Verhaltensweisen auszulösen, von denen wir kaum etwas ahnen. Besonders der Reiz des Schalls, der uns durch unsere immer offenen und empfangsbereiten Ohren ständig erreichen kann, kann uns in einen Erregungszustand versetzen. Jeder Gehöreindruck führt zu einer gewissen emotionalen Mitreaktion. a) Wirkung auf den Biorhythmus – Musik geht nicht nur in die Beine Egal um welche Musik es sich handelt, die körperlichen Reaktionen sind prinzipiell identisch und hängen nicht von der Art der Musik, sondern von ihrem emotionalen Gehalt ab. Ein gutes Beispiel des Wirkens von Musik auf den Körper stellt die Marschmusik dar: Ein langsamer Marsch unterdrückt die Motorik und staut Spannungen und Lustgefühle aus, während ein schwungvoll dargebotenes Stück Spannungen aufbaut, die dann lustvoll gelöst werden und somit zu einem Gefühl der Ekstase führen. Andere Musikarten bringen Veränderungen des Hautwiderstandes, der Atmung, des Blutdrucks und des Pulsschlags mit sich. Hierbei ist jedoch bedeutend, wie der Betroffene allgemein auf Affekte und Stress reagiert. Auch das Herz wird durch Musik beeinflusst: Mehrere Untersuchungen bestätigten, dass sich Atembewegungen und Atemfrequenz entsprechenden der dargebotenen Musik veränderten. Es wurde außerdem nachgewiesen, dass die Pulsfrequenz mit dem An‐ und Abschwellen eines Trommelwirbels steigt und fällt und Atmung, Blutdruck und Herztätigkeit gleichermaßen betroffen sind. 4 Wie sehr Musik das Vegetativum erfasst, kann man am Beispiel des Dirigenten erkennen: Immer wieder in der Musikgeschichte gab es prominente Musiker, die am Dirigentenpult starben, während sie musikalische Höhepunkte dirigierten. Meistens waren es keine körperlich besonders anstrengende Passagen, es handelte sich vielmehr um besonders emotionsgeladene Stellen in den Musikstücken. Natürlich muss man auch hier wieder beachten, dass das Mitgehen und Mitmachen mit der Musik von der subjektiven Einstellung und Einschätzung der zu bewältigenden Aufgabe abhängt. Menschen, für die Musik „das Leben“ bedeutet, reagieren definitiv anders als jene, die sich kaum dafür interessieren. b) Musik als Antrieb – Musik als Entspannung Durch zahlreiche Tests stellte sich heraus, dass besonders populäre Titel antriebsfördernd wirken. Folgen wären beispielsweise mimische Reaktionen – spezifische Stellungen der Augenbrauen, der Mundwinkel und der Stirnfalten, die als Symptome der Hingebung und Verzückung gesehen werden dürfen ‐, gestische Reaktionen – ebenfalls Ausdruck der Begeisterung und des Engagements ‐ und eine spürbare Intensivierung der Bewegungen beim Tanzen. Auch akustische Verhaltensreaktionen wie vorübergehendes Einstimmen in eine liedhafte Melodie, beispielsweise durch Summen, oder Klatschen und Stampfen wiederum als motorischer Ausdruck großer Begeisterung lassen sich vernehmen. In vielen unterschiedlichen Bereichen des täglichen Lebens wird Musik aber auch eingesetzt, um Entspannung zu bewirken. Musik, die wir uns selbst auswählen, die wir wünschen oder die wir zumindest fremdbestimmt nicht als unangenehm empfinden, hat einen entspannenden Effekt. Ein und dieselben Musikstücke können unter verschieden Umständen sowohl entspannend als auch aufputschend wirken. Schnelle Musik entspannt beispielsweise, wenn die Bereitschaft zum Relaxen oder eine positive Übereinstimmung mit der Spannung der Musik vorliegt; Sie entspannt jedoch nicht, wenn man bereits ausgeruht ist, der Körper erschöpft ist oder die Konzentration auf etwas anderes erforderlich ist. Langsame Musik hingegen führt zu Entspannung, wenn das Bedürfnis nach Ruhe überwiegt und der Betroffene die Ausgeglichenheit der Musik fühlt; Das Gegenteil bewirkt sie jedoch, wenn man erregt ist, das Stück schlecht interpretiert wird oder andere wichtige Informationen wahrgenommen werden. Wiederum sind es also außermusikalische Bedingungen, Umstände und Situationen, die für entspannende oder eben antreibende Wirkung eines bestimmten Musiktypus von Bedeutung sind. 5 Auch bei Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder autogenem Training wird Musik häufig eingesetzt, um Wohlbefinden zu erzeugen. Alle Außenreize sollen gedämpft werden und man soll sich in die ruhige Musik „fallen“ lassen können. Durch die Harmonie zwischen Innen und Außen entstehen Entspannung, innere Ruhe und angenehme Stille. 3) Musik und Medizin ­ Musiktherapie: a) Geschichte Musik wurde schon von jeher als Heilmittel in den verschiedensten Gebieten eingesetzt. Bis an die Ursprünge der Menschheit lässt sich die Tradition der Heilung durch Musik zurückverfolgen. Beispielsweise komponierte die Königstochter in der ersten Hochkultur der Sumerer Beschwörungsgesänge zur Heilung von Kranken. Somit ist die Musik eine der ältesten Heilmethoden überhaupt. Ein weiteres Beispiel wäre die Arbeit des Medizinmannes bei den Indianerstämmen: Mittels immer schneller werdenden Trommel‐Rhythmen der Patient in „Ekstase" gespielt wird. An diesem Punkt angekommen, kommuniziert der Medizinmann mit den Geistern, die nun aus den Patienten sprechen und vertreibt sie. Diese Form der Musikheilung herrschte in mehreren Kulturen, beispielsweise im Orient, vor. Von der Spätantike bis zum Mittelalter herrschte eine etwas andere Meinung über Musik und Medizin vor. Aristoteles sah die Musik als seelenreinigend an: Sie sollte als Katalysator Affektstauungen verhindern. Bereits um 1000 n. Chr. herum war bei Ärzten und Mönchen die Meinung verbreitet, dass der Melancholiker am besten selber singen sollte und, wenn das nicht möglich, Musik hören sollte um seine Depressionen zu mildern. Im Mittelalter wurde Musik erstmals richtig gegen körperliche Beschwerden ein: Da die Meinung vorherrschte, Krankheiten würden durch eine Unregelmäßigkeit der Säfte im Körper entstehen, sollte die Regulierung durch Musik optimiert werden. Auch der Zusammenhang zwischen Puls und Musik wurde bereits im Mittelalter erforscht. Ab 1900 wurde der Schwerpunkt der modernen Musiktherapie mehr auf psychische als auf körperliche Leiden verlegt und ist seitdem eng mit der Entwicklung der Psychotherapie verknüpft. Ihren entscheidenden Aufschwung nahm die Musiktherapie nach dem Zweiten Weltkrieg und weiters nach dem Vietnamkrieg in den USA, um den tausenden „psychisch entgleisten“ Soldaten zu helfen. 6 b) Definition: Laut der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft ist Musiktherapie: • „der gezielte Einsatz von Musik im Rahmen der therapeutischen Beziehung zur Wiederherstellung, Erhaltung und Förderung seelischer, körperlicher und geistiger Gesundheit“ • „eine praxisorientierte Wissenschaftsdisziplin, die in enger Wechselwirkung zu verschiedenen Wissenschaftsbereichen steht, insbesondere der Medizin, den Gesellschaftswissenschaften, der Psychologie, der Musikwissenschaft und der Pädagogik“ • „eine summarische Bezeichnung für unterschiedliche musiktherapeutische Konzeptionen, die ihrem Wesen nach als psychotherapeutische zu charakterisieren sind, in Abgrenzung zu pharmakologischer und physikalischer Therapie“ Innerhalb der Musiktherapie wird zwischen zwei Hauptrichtungen unterschieden: Rezeptive Musiktherapie Die rezeptive Musiktherapie ist die älteste Form der Musiktherapie. Im Gegensatz zur aktiven Form der Musiktherapie beinhaltet die rezeptive Musiktherapie nicht das aktive Musizieren des Patienten. Der Patient nimmt die Musik, entweder vom Therapeuten oder von anderen Medien gespielt, passiv wahr, d.h. ohne Einfluss auf die musikalische Gestalt. Aus diesem Grund wurde die rezeptive Musiktherapie früher als passive Musiktherapie bezeichnet. Dieser Begriff wurde jedoch verändert, da das Rezipieren, also die Aufnahme von Musik, auch als aktiver Vorgang betrachtet werden darf. Besonders die Tatsache, dass Musikhören die Introspektion und die Selbstwahrnehmung erhöhen kann, wird in der rezeptiven Musiktherapie genutzt. Biographisch bedeutsame Musik wird verwendet, um Ressourcen zu aktivieren. Die Wirkung der Musik wird dabei sehr von der Musikpräferenz beeinflusst, die wiederum von musikalischer Biographie, Alter, Sozialstatus, Hörsituation etc. abhängig ist. Aktive Musiktherapie Die Unterscheidung zwischen aktiver und rezeptiver Musiktherapie bezieht sich auf den Aspekt der musikalisch‐gestaltenden Teilnahme des Patienten. 7 In der aktiven Musiktherapie ist der Patient selbst durch Spielen am Instrument aktiv beteiligt. Die Musikinstrumente, mit denen der Patient musikalisch (meist) improvisiert, geben ihm neben der verbalen und nonverbalen eine weitere Ausdrucksmöglichkeit, nämlich die musikalische. Das Instrument wird meist auf die konkrete Therapiesituation abgestimmt, d.h. sie steht im engen Zusammenhang zu aktuellen Themen/der Situation des Patienten. Eine musikalische bzw. instrumentale Vorbildung des Patienten ist nicht nötig, da die musiktherapeutische Musik keinerlei Ansprüche an Fähigkeiten oder Virtuosität stellt. c) Einsatzgebiete Musik wird heute bei einer ganzen Reihe von körperlich‐seelischen Beschwerden zu heilenden oder lindernden Zwecken eingesetzt. Die Einsatzgebiete der Musiktherapeuten sind in kurativen, rehabilitativen und präventiven Bereichen sowie in der Nachsorge. Besonders bei psychisch gestörten, lebensentmutigten Menschen können durch Musik ein emotionaler Zugang, Kontaktfreudigkeit und Kreativität geweckt werden. Die Musiktherapie versucht, über die positive Seite der Musik Einfluss auf die Betroffenen zu erlangen und ihre Heilzwecke zu aktivieren. Einsatzgebiete der Musiktherapie sind: • Rehabilitation hauptsächlich bei neurologischen Erkrankungen (Wachkoma, Multiple Sklerose, Morbus Parkinson und Schlaganfall – eher funktionell orientierte Musiktherapie) • Sonder‐ und Heilpädagogik • Arbeit mit schwer‐ und mehrfachbehinderten Menschen • Arbeit mit entwicklungsverzögerten bzw. –gestörten Kindern • Altenpflegeheimen und Gerontopsychiatrie Einige Beispiele aus der musiktherapeutischen Praxis: • Extremes Stottern kann durch Spielen auf Xylophonen überwunden werden • Medikamentöse und psychotherapeutische Maßnahmen werden durch den Einfluss von Musik sinnvoll ergänzt; durch ihren Einsatz wurde beispielsweise die Hälfte der bei Operationen verwendeten Beruhigungsmittel in Deutschland eingespart • Musik kann in vielen Fällen als Ersatz von Tranquilizern und Psychopharmaka verwendet werden, da sie ähnliche Wirkungen hervorrufen kann 8 4) Gefahren durch Musik und Lärm Vor Lärm gibt es keinen Schutz, man ist dem Schall unbarmherzig ausgeliefert, man kann ihm nicht entrinnen; selbst wenn man sich die Ohren zuhält, scheint es, als würden die Ohren durch die Handrücken wachsen. Schon sehr früh in der Geschichte wurde bekannt, dass Musik zur Qual werden kann, wenn sie in Lärm übergeht. Sie kann manipulieren, ein Mittel der Folter darstellen, stark gesundheitsschädigend sein und im Extremfall sogar zum Tode führen. „Wer den Höchsten schmäht, der soll nicht gehängt werden, sondern Flötenspieler, Trommler und Lärmmacher sollen ihm ohne Pause so lange vorspielen, bis er tot zu Boden sinkt“, lautet ein chinesisches Gesetz aus dem 3. Jh. vor Christus; In der Antike wurde sogar die Todesstrafe manchmal allein durch Trommeln vollzogen. Die Lärmfolter ist ein Instrumentarium, Menschen geringfügig zu machen und sie in den Wahnsinn zu treiben. Die Opfer werden tyrannisiert, ihre Gehirne beeinflusst, ohne dass ihre Körper berührt werden; zurück bleiben zwar äußerlich scheinbar intakte Körper, in denen jedoch gebrochene, zerstörte Seelen wohnen. Lärm kann, als subjektiv störend empfunden, außerdem zu vegetativen Funktionsstörungen führen und krank machen. Die akustische Glocke, der wir tagtäglich ausgesetzt sind, beeinflusst unsere seelischen Zustände erheblich, und diese Beeinflussung hat ihre Auswirkungen auf das ganze Leben, das allgemeine Wohlbefinden, den Umgang mit anderen Menschen, das soziale Verhalten, die Stimmung und die Motivation. Somit sind Musik und vor allem Lärm zu gesellschaftspolitischen Problemen unserer Zeit geworden. a) Körperliche und organische Schäden Laut der WHO ist Lärmschwerhörigkeit die weitverbreitetste Berufskrankheit der Welt und somit ein Massenproblem. Betroffene können nur in eine, ganz ruhigen raum ohne Schwierigkeiten ein Zwiegespräch führen. Sobald mehr Geräusche im Raum sind, wenn z.B. mehrere Personen auf einmal sprechen, hören sie zwar den Lärm, verstehen jedoch nichts. Die dauerhafte Lärmeinwirkung führt zur Erschöpfung der Hörsinneszellen, diese wiederum zu einer anschließenden Schädigung des Ohres, was zu einem Funktionsausfall des Gehörs enden kann 9 Entscheidend für die Entstehung einer bleibenden Schwerhörigkeit ist neben dem Lärmpegel auch die Dauer der Lärmbelastung. Besonders jahrelange Lärmeinwirkung führt zu Hörverlust und Schwerhörigkeit. Lärmhörschäden sind grundsätzlich weder medikamentös noch operativ heilbar; eine einmal zerstörte Hörsinneszelle regeneriert sich nicht mehr und verliert ihre Funktion. Also liegt es jedem selbst in der Hand, sich nicht dauerhaft unkritisch der akustischen Glocke auszusetzen. b) Psychische und psychosomatische Folgeerscheinungen Bei verschiedenen psychologischen Tests wurden zu den Begriffen „Musik“ und „Lärm“ interessante Wortassoziationen genannt: Während Musik als fließend, lebendig, rund, glänzend und freudig betrachtet wird, gilt Lärm als grob, schnell, aufdringlich und krank machend. Musik wirkt somit angenehm, Lärm unangenehm; dementsprechend sehen auch die psychischen und psychosomatischen Folgeerscheinungen aus: Der Ausfall oder eine Beeinträchtigung des unbewussten Hörens oder des Signalhörens führt zu Furcht und einer depressiven Grundstimmung. Die Erschwerung des Symbolhörens wirkt sich auch oftmals schmerzhaft bei der Partnersuche und auf die Rolle als vollwertig, voll akzeptiertes Mitglied einer Gemeinschaft aus. Der Betroffene flüchtet sich in die Introversion und vereinsamt. Oft wird der Hördefekt und das damit verbundene mangelnde Sprachverständnis außerdem als ein Mangel an Intelligenz oder gar als Dummheit ausgelegt, was eine zusätzliche Belastung darstellt. Sowohl der private Weg als auch die berufliche Karriere können darunter leiden, über das Leid wird jedoch, typisch bei psychischen Problemen, nicht gesprochen. Subjektiv als störend empfundener Lärm kann, wie schon erwähnt, einen ungeheuren Einfluss auf das Nervenkostüm ausüben, selbst wenn er nachweislich keine vegetativen Störungen mit sich bringt. Von denen einen als wohltuend empfunden, führt er bei anderen, die ihn als belastend empfinden, zu heftigen Reaktionen: Der Blutdruck steigt an, der Puls beginnt zu jagen, die Arterien verengen sich, der Mund trocknet aus, der Zuckerhaushalt gerät durcheinander und der Betroffene wird aggressiv und leidet an Denkblockaden. Psychische Belästigungen und nervöse Störungen durch ungewollte Lärmberieselung können außerdem zu Nervenkrankheiten, Kreislauferkrankungen, Magen‐ und Darmgeschwüren führen. Wiederum ist hier aber zu bemerken, dass es die subjektive Einstellung zur Geräuschquelle ist, die psychische Belastungen oder Qualen mit sich bringt. Als gutes Beispiel kann hier die Auseinandersetzung mit Neuer Musik genannt werden, die vielfach als dissonant, schräg oder nicht eingängig beschrieben wird. Gerade Musik, mit der man sich nicht identifizieren kann, kann zu psychischer Folter werden. Oft haben 10 gerade Berufsmusiker mit dieser Musikrichtung die größten Probleme, weil sie sie als sinnlos betrachten, die Noten nicht gut ausführbar und gegen das Instrument geschrieben sind und sie die klanglichen Spannungen und die als Krach empfundenen Geräuscheffekte nicht ertragen. Folgen sind vielfach Frustration und Resignation. c) Gesellschaftspolitische Folgen Die akustische Glocke, die uns permanent umgibt, zieht auch einschneidende Veränderungen im gesamten gesellschaftlichen Bereich mit sich. Der Mensch wird durch seine Umwelt bestimmt, und das gilt auch für die gesamte Lärm‐Umwelt und alle Bereiche künstlich produzierten Schalls unseres technischen Zeitalters. Musik unterliegt heute einem weltweiten massenhaften Konsum, der den marktwirtschaftlichen Prinzipien genauso unterworfen ist wie jede andere Ware auch. Somit hat sich auch ihre Wirkungsweise grundlegend verändert: Sie ist Kulturgut und Zwangsbeglücker, zum Hinhören und manchmal auch zum Weghören. Sie wird vermarktet und ist somit den Gesetzen des Marktes unterworfen‐ je anspruchsloser die Musik, umso größer die Umsatzzahlen für Hersteller und Vertreiber. Die Musik verflacht ebenso wie die musikalische Erlebnisfähigkeit des einzelnen. Besonders erwähnenswert ist hier beispielsweise der Schlager: Er manipuliert Gefühle und erweckt bei tausenden Konsumenten das Gefühl einer Lebenshilfe, weil jeder seine ganz besonderen Bedürfnisse und Erwartungen in die Songs projizieren kann. Der Schlager scheint nur für einen bestimmten Einzelnen geschrieben und vertont. Außerdem ist er die meistverwendete Musikgattung für Manipulationsmusik und wird entsprechend oft in der Werbung eingesetzt. Am Beispiel Schlager lässt sich der Vorgang der totalen Funktionalisierung und Auflösung von Musik zu „Umweltschmutz“ klar erkennen. Besonders instrumentelle Musik (Vokalmusik ist in ihrer Aussage schon deutlicher und eignet sich deshalb weniger gut) lässt sich in beliebiger Richtung auslegen und benutzen und dient den verschiedensten Zwecken der Manipulation mit zum Teil gravierenden Folgen für den Menschen: Sie entwickelt Glücksklischees, suggeriert Wohlbefinden und vermittelt eine in Wirklichkeit nicht vorhandene solidarische Gesellschaft. Somit erhält sie auch eine politisch relevante Funktion. Besonders am Arbeitsplatz hat Musik spielt Musik eine wichtige Rolle: Durch unmittelbare Beeinflussung wird versucht, die Arbeitsleistung zu steigern, auf der Ebene der mittelbaren Beeinflussung soll ein Bewusstsein erzeugt werden, das Widersprüche und Probleme der Arbeitswelt weitgehend ignoriert. 11 Die meisten Menschen fügen sich der musikalischen Dauerbeschallung, verdrängen die akustische Glocke vielleicht und begeben sich somit in die Abhängigkeit derer, die sie manipulieren wollen. Die Dauerberieselung verkleistert das Hirn und macht somit immer unkritischer und blinder. Während früher Musik durchaus kommunikationsfördernd war – Kaffeehaus‐ oder Tafelmusik animierte zu Gesprächen beim gemütlichen Beisammensein, Hausmusik versammelte die ganze Familie zu einem gemeinsamen Erlebnis – bewirkt sie heute eher das Gegenteil: Durch ihre Lautstärke, z.B. in Diskotheken, ist sie kommunikationsfeindlich und lässt die Menschen verstummen, bis sie irgendwann verlernen, Gespräche zu führen. Gleichzeitig bietet sie unsicheren Menschen die Möglichkeit, sich hinter der Schallmauer zu verstecken und nimmt ihnen die Angst vor dem Versagen. Die Musik nimmt und gibt somit zugleich: Sie macht objektiv gesehen einsamer, weil durch die vielen Massenmedien die zwischenmenschliche Kommunikation unterdrückt wird, verhindert zugleich jedoch subjektiv die Erkenntnis dieses Zustandes, weil sie das Gefühl der Einsamkeit zu unterdrücken versucht. d) Musik als Suchtmittel Musik kann zur Droge werden und somit süchtig machen. Sie ist in der Lage, die gleichen Veränderungen zu bewirken wie klassische Drogen. Durch die Massenmedien ist der größte Teil der Bürger dem Wirken der Musik ausgesetzt. Tatsache ist, dass in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen ohne Musik nicht mehr leben können, dass sie die Stille bedrückt, verunsichert und einsamer macht, dass die Abwesenheit von Beschallung zu Entzugserscheinungen führt, zu psychischer Gereiztheit, Aggressivität und körperlichem Unwohlsein. Der Körper verlangt förmlich nach Beschallung und Berieselung, nach Melodien und vor allem nach Rhythmen. Das subjektive Gefühl vieler, die meinen, sie könnten ohne Musik durchaus leben, ist eine Scheinfreiheit: Der unfreiwilligen Beschallung kann man sich sowieso nur bedingt entziehen, der freiwilligen will man sich nicht entziehen, da wie erwähnt der Umgang mit Stille verlernt wurde. Immer mehr Menschen können ohne Musik nicht arbeiten, sich scheinbar nicht mehr konzentrieren, ohne wohlige Klänge nicht einschlafen und am Morgen nicht „in Gang“ kommen. Gleichzeitig werden sie Opfer für jeden professionellen Manipulierer mit Musik. Die Droge Musik scheint einen ähnlichen Teufelskreis heraufzubeschwören wie alle anderen Drogen auch: Wer ihr einmal verfallen ist, muss sie immer stärker dosieren. Nur mit einem starken Willen und mit Verstand lässt sich dieser Teufelskreis durchbrechen: Der Konsum von Musik muss dosiert und der Umgang mit ihr genauso wie der Umgang mit Stille erlernt werden. 12 5) Schlusswort Wie wir alle wissen und wie auch diese Diplomarbeit zeigt, sind Musik und Lärm überall: Nicht nur in der Oper oder in Konzerten, wo wir aktiv daran beteiligt sind, sie uns zu Gemüte zu führen, begegnen wir ihnen, sondern sie begleiten uns auch beim täglichen Weg in der Straßenbahn, im Büro, in der Mittagspause im Restaurant und am Abend vor dem zu Bett gehen aus dem Fernseher. Kaum einen ist wirklich bewusst, was diese Dauerbeschallung oder „akustische Glocke“ tatsächlich bedeutet. Auch mir selbst, mehrfach aktiv musizierend und auch interessiert an der Ausbildung zur Musiktherapeutin nach meiner Matura, waren die möglichen Auswirkungen des übertriebenen Musik‐ und Lärmkonsums nicht wirklich bewusst. Schwerhörigkeit ist natürlich auch mir ein Begriff, aber an die Folgen darüber hinaus denkt wohl keiner, wenn er im Genuss eines großen Rockkonzertes oder eines Abends in der Diskothek kommt. Doch was soll man nun tun? Soll man sich dem Musik‐ und vor allem Lärmkonsum gänzlich entziehen? Meiner Meinung nach definitiv nicht. Natürlich hat alles eine positive und eine negative Seite, doch gerade beim Thema Musik überwiegt für mich eindeutig ersteres: Man denke bloß an die Freude, die man an der Musik haben kann, an die zahlreichen Kinder, wie sie strahlen, wenn sie ein Instrument erstmals erlernen und dann langsam Fortschritte machen, an die Begeisterung, die man in einer Oper oder in einem Musical verspürt, selbst wenn man bloß stummer Beobachter ist oder an die zahlreichen Menschen, denen durch „ein bisschen Musik“ geholfen werden kann, große Probleme zu überwinden. Gerade in der heutigen Zeit, in der psychische Probleme „boomen“, stellt Musik ein völlig neues Kommunikations‐ und Therapiemittel da, das viel bisher Ungelöstes klären und heilen kann. Ich bin jedenfalls froh darüber, dass ich schon früh durch meine Eltern einen Zugang zu Musik ermöglicht bekam und auch heute noch großen Spaß am Musizieren, in welcher Form auch immer, habe. Abschließen möchte ich mit einem Zitat Nietzsches, mit dem er wahrscheinlich nicht nur mir aus der Seele spricht: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum!“ 13 6) Literaturverzeichnis • Suppan, Wolfgang: Der musizierende Mensch – Eine Anthropologie der Musik • Liedtke, Rüdiger: Die Vertreibung der Stille • Dahlhaus, Carl; de la Motte‐Haber, Helga: Neues Handbuch der Musikwissenschaft, Band 10: Systematische Musikwissenschaft 14 
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